Polizeipräsident Glander war nicht wirklich begeistert darüber vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden, als Anna und Mark ihn eine Woche später darüber informierte das er einen neuen Dienstellenleitung für die Autobahnpolizei finden musste. Er fügte sich aber der Anweisung aus dem Innenministerium.

Da die Personalknappheit immer noch ein großes Problem war, das noch nicht behoben worden war, einigte man sich darauf das die Autobahnpolizei für die ersten Wochen, eventuell sogar Monat mehr oder weniger führungslos bleiben würde und Semir nur weiter kommissarisch die Leitung behalten würde. Zu mindestens so lange, bis man eine neue Leitung gefunden hatte.

Die Chefin hielt die Lösung für machbar und recht unproblematisch, gab aber scherzhaft zu bedenken das sie nicht garantieren könne, dass es noch lange eine Autobahn rund um Köln geben würde, sollten Gerkhan und Kranich zu lange unbeaufsichtigt gelassen werden.

Glander hatte den Einwand nicht besonders lustig gefunden während Mark vor Lachen fast vom Stuhl gefallen wäre.

Als die beiden Polizisten das Büro des Polizeipräsidenten verließen warf Mark Anna ein wissendes Grinsen von der Seite zu. „Ich bin mir sicher, dass du zu mindestens Kranich schon unter Kontrolle behältst..."

„So, glaubst du das?" sie versuchte ernst zu bleiben, konnte ein verräterisches Zucken ihrer Mundwinkel jedoch nicht verhindern.


Die Chefin hatte sich dazu entschieden die Kollegen erst recht spät darüber zu informieren das sie die PAST verlassen würde, da sie zusätzliche Unruhe in der aktuellen Situation vermeiden wollte. Semir war der Einzige, der auch darüber schon bescheid wusste.

Am Freitag den 28. September trat sie schließlich vor die versammelte Mannschaft der Autobahnpolizei die gespannt im Hauptbüro warteten. Keiner von ihnen konnte sich so richtig erklären warum sie zusammengerufen worden waren und sahen ihr Chefin jetzt erwartungsvoll an. Tom und Semir hielten sich auffällig dezent im Hintergrund, was Andrea verdächtig schauend zur Kenntnis nahm.

„Danke das sie Alle hier so spontan zusammengekommen sind." Begann Anna schließlich. „Ich weiß das die letzten Wochen eine große Herausforderung für jeden von uns waren und deswegen tut es mir auch umso mehr leid, sie vor eine weiter Herausforderung zu stellen." Allgemeines, unruhiges Gemurmel ging durch die Reihen. „Es tut mir leid ihnen mitteilen zu müssen, das heute mein letzter Arbeitstag als ihre Vorgesetzte ist. Ab Montag werden sie leider ohne mich zurechtkommen müssen."

„WAS? Aber Chefin! Das können sie doch nicht machen!" rief Herzberger als erstes und sofort stimmten einige Kollegen mit ein.

„Glauben sie mir Herzberger, die Entscheidung ist mir überhaupt nicht leichtgefallen, aber sie ist die richtige. Und leider unvermeidbar."

„Gibt es denn gar nichts wie wir sie umstimmen können?" fragte jetzt Bonrath, der kein deute weniger geschockt war als Hotte. „Ich fürchte da gibt es leider nichts..."

Dieter wandte sich hilfesuchend an Tom und Semir die sich weiter im Hintergrund versteckten. „Mensch Jungs! Jetzt sagt ihr doch auch mal was dazu!"

„Genau Tom, jetzt sag DU doch auch mal was dazu..." sagte Semir und warf seinem Partner von unten ein feixendes Grinsen zu.

„Blödmann..." zischte der ihm zu und stieß ihm leicht einen Ellenbogen in die Rippen, ehe er einen Schritt nach vorne trat und die Arme vor der Brust verschränkte.

Schulterzuckend sagte Tom schließlich: „Ich kann da nicht viel zu sagen, außer dass ich da wohl Mitschuld dran habe..."

„Wie? Was hast du jetzt wieder angestellt...?" fragte Dieter sofort und Hotte warf hinterher: „Aber Chefin, Semir muss jetzt doch wieder mit Tom auf Streife gehen!"

Tom lächelte nur und ging mit entschlossenen Schritten auf Anna zu. Die schüttelte kurz unauffällig den Kopf, was er jedoch komplett ignorierte und sie sich schließlich, ebenfalls lächelnd, ihrem Schicksal fügte als Tom zum maßlosen Erstaunen der Kollegen ihr Gesicht in seine Hände nahm und voll auf die Lippen küsste.

„Oh... Ach so ist das..." mummelte Bonrath völlig überrascht, während Herzberger einfach nur mit offenem Mund und völlig ungläubig das Paar vor sich anstarrte.


Andrea hatte sich derweil vor Semir aufgebaut. „Wusstest du davon?"

„Ich...? Ja also...Schon irgendwie..." er zuckte unschuldig mit den Schultern. „Und dann hast du mir nichts erzählt?! Du kannst doch sonst nichts für dich behalten!"

„Naja, ich hätt's dir eigentlich schon gesagt... Aber nach dem die Engelhardt wusste das Tom es mir erzählt hat, hat sie mir mit Verlängerung des Innendienstes gedroht, sollte ich auch nur ein Sterbenswörtchen darüber verlieren..." versuchte Semir sich rauszureden. Allerdings durchschaute Andrea die kleine Notlüge sofort. „Das hat sie sicherlich nicht, Semir..."

„Aber sie hätte es theoretisch tun können..."

„Semir Gerkhan, manchmal bist du echt unmöglich!" Andrea schüttelte den Kopf, grinste aber schon wieder. „Ich kann da nichts für! Das ist alles auf Toms Mist gewachsen!" sagte der Deutschtürke trotzig. „Oh keine Sorge, den knöpfe ich mir als nächstes vor! Nimmt der uns einfach die Chefin weg! Der spinnt wohl!" Semir grinste darauf nur. „Tom und sein kleiner Kampf-Zwerg..."

„Kampf-Zwerg...?" Die Sekretärin sah ihn jetzt vollkommen entgeistert an. „Ach..." Semir winkte ab. „Das erkläre ich dir später... Hast du nachher schon was vor?" fragte er frech.

„Bis jetzt noch nicht..." sie zwinkerte ihm zu.


Gegen 20:00 Uhr saßen Andrea, Semir Tom und Anna allerdings immer noch in der Sitzecke im Büro der Dienststellenleitung. Neben ihnen war nur noch eine Minimalbesetzung der Nachtschicht in der PAST am Arbeiten und es herrschte eine angenehme Ruhe.

Semir hatte eine Flasche Whiskey aus einer Schublade in seinem Schreibtisch gezaubert, die Tom und er dort für besondere Anlässe platziert hatten.

Andrea schüttelte zum gefühlt 100. Mal an diesem Tag den Kopf, als sie zu ihrer noch Chefin schaute, die völlig entspannt an Tom gelehnt auf der anderen Couch saß.

„Sie haben das wirklich gut gemacht Semir. Vielleicht sollten sie sich doch noch mal überlegen ob sie sich nicht auf die Stelle bewerben wollen..." lobte Anna gerade.

Gerkhan schüttelte daraufhin entschieden den Kopf. „Es ist nicht so als ob der Innendienst nicht auch Spaß gemacht hat, aber ich habe die Autobahn doch ganz schön vermisst." Semir grinste spitzbübisch. „Außerdem: Wer soll Tom denn sonst helfen die Autobahn Rund um Köln in Schutt und Asche zu legen? Alleine schafft der das doch niemals!"

Die Chefin kniff die Augen zusammen warf dann aber einen Blick auf die Uhr und sagte: „Solange ihr damit nicht in den nächsten 4 Stunden und zwei Tagen anfangt soll mir das egal sein..."

„Ihr Beiden Chaoten könnt nur hoffen, dass wir nicht wieder so jemanden wie Stöcker vor die Nase gesetzt bekommen!" gab Andrea zu bedenken was Tom und Semir ein genervtes Stöhnen entlockte. Sie sah ihre bald Ex-Chefin direkt an. „Es ist wirklich schade das sie zum BKA wechseln müssen."

Anna lächelte sie aufrichtig an. „Ich weiß es sehr zu schätzen das ich hier anscheinen in Zukunft tatsächlich vermisst werde. Und ich kann nur noch mal beteuern das mir die Entscheidung wirklich nicht leichtgefallen ist. Aber ich wäre auch gegangen wen das hier," sie sah kurz zu Tom „nicht passiert wäre. Vielleicht noch nicht jetzt im Oktober, aber ganz sicher zum Ende des Jahres." Semir und Andrea sahen sie überrascht an und Semir sagte scherzhaft: „Waren wir wirklich so schlimm?"

„Es ist ein Wunder, das ich noch nicht komplett ergraut bin und am Stock gehe..." antwortete Anna geradeheraus, was den übrigen ein Lachen entlockte.

„Auch kommen sie, so viel haben sie sich in den letzten 17 Jahren, seit der Einstellung in den Polizeidienst, gar nicht verändert. So schlimm können wir also gar nicht gewesen sein." Konterte Semir und erkannte sofort, dass er einen Fehler gemacht hatte.

„Woher wissen sie wie ich beim Eintritt in den Polizeidienst ausgesehen habe?" fragte die Chefin gespielt argwöhnisch. Jetzt war es Andrea die feixte und sagte: „Haben die beiden Helden hier etwa vergessen zu erwähnen das sie einen Blick in ihre Personalakte geworfen haben?"

Gerkhan und Kranich liefen ertappt beide rot an, währen Anna nur die Augen verdrehte und fragte: „Stand was interessantes drin?"

„Naja... also nicht so richtig, ne..." nuschelte Semir. „Aber das Bild zum Ausbildungsabschluss ist wirklich süß..." sagte Tom hinterher.

„Wie man es nimmt..." Die Chefin schien dies etwas anders zu sehen.

„Warum wären sie gegangen? Wenn ich das fragen darf..." fragte die Sekretärin jetzt wieder etwas ernster.

„Es ist seit Januar viel passiert. Ich hätte es nicht gedacht, aber mir ist es schwerer gefallen hier in die PAST zurückzukommen als ich es jemals für möglich gehalten hätte. Ich war heilfroh als sich die Möglichkeit mit dem Außendienst aufgetan hat. Ich glaube das ich hier drin über kurz oder lang vor die Hunde gegangen wäre." Sagte Anna ehrlich heraus.

Semir und Andrea nickten beide und verstanden auf Anhieb was sie meinte. Sie schwiegen einen Moment, bis Tom sein Glas hob und sagte:

„Auf Neuanfänge und darauf das manche Dinge einfach passieren und wir keinen Einfluss darauf haben!"

„Hört, Hört!" sagte Semir und hob sein Glas ebenfalls. Die vier Gläser stießen mit einem leisem ‚Kling' zusammen und die Chefin sah Andrea und Semir über den Rand ihres Glases an.

„Da ich nicht mehr ihre Vorgesetzt bin, ist es denke ich nur angebracht, wenn wir in Zukunft auf das ‚Sie' verzichten, oder?" Semir grinste breit und hob sein Glas erneut:

„Anna, es war mir eine Ehre dich als Chefin gehabt zu haben! Auf das was da noch kommen mag!"