Unknown Tears
Bob sagte nichts mehr, seufzte nur einmal auf. Er biss sich auf die Lippen, ehe er langsam sprach. Den Blick stur auf den ersten Detektiv gerichtet.
"Weißt du, irgendwie macht mich das traurig, Just. Ich dachte, du vertraust uns. Vertraust mir. Warum konntest du es mir denn nicht erzählen? Bin ich ein so schlechter Freund?"
Justus schossen die Tränen in die Augen. Auf einmal hatte er einen Kloss in seinem Hals. Gefühle stürmten auf ihn ein. Wild, in einem einzelnen verworrenen Chaos. Er konnte sie nicht einmal genau benennen. Er wusste nur, das es zu viel war.
"Du bist kein schlechter Freund. Und natürlich vertraue ich dir, aber... es ging nicht, Bob. Wirklich nicht. Ich mag über diese Zeiten am liebsten gar nicht nachdenken, geschweige denn darüber reden."
Justus holte tief Luft, ehe er entschlossen fort fuhr. Seine Augen glänzten feucht. Obwohl er auf seine Hände starrte, konnte Bob das wohl von seinem Stuhl aus genau sehen. Justus litt.
"Ich habe noch immer keine Ahnung, was das jetzt mit unserer Freundschaft macht. Und davor habe ich Angst, Bob. Angst, das es nicht mehr so sein wird wie früher. Das ihr mich jetzt anders anseht. Das sich alles verändert."
Nun rollten die ersten Tränen über die Wangen von Justus. Es war zu viel. Das Chaos in seinem Inneren bahnte sich unaufhaltsam einen Weg nach draußen.
Bob hielt nun nichts mehr auf seinem Stuhl. Schnell stand er auf und ging mit zwei großen Schritten zum ersten Detektiv herüber. Schwer lies er sich neben Justus fallen, der sich sofort versteifte und den Kopf weg drehte. Seine Tränen instinktiv verstecken wollte.
Bob legte seinem Freund die Hand auf die Schulter. "Schau mich bitte an, Justus."
Der erste Detektiv biss sich auf die Lippe. Eigentlich wollte er gerade alles andere, als Bob ansehen. Im Gegenteil. Er wollte gerade nicht gesehen werden. Wollte mit sich und seinen Gefühlen alleine sein. Er war zu aufgewühlt, zu verletzlich gerade. Er fühlte sich so unendlich schwach, und in genau dem Moment wollte Bob ihn auch noch genau studieren? Kontte er ihn denn nicht einfach in Ruhe lassen? Zumindest so lange, bis er seine Fassung wieder gewonnen hatte?
"Bitte, Bob. Geh einfach, okay?"
Noch immer weinte der erste Detektiv stumm. Die Hand auf seiner Schulter rutschte zur Seite, auf seinen Rücken. Dort strich Bob langsam auf und ab. Eine Gänsehaut jagte über den Rücken von Justus.
"Nein. Das werde ich jetzt ganz sicher nicht. Ich kann dich doch nicht so hier alleine lassen. Was wäre ich denn dann für ein schlechter Freund?"
Justus lachte tonlos auf.
"Du bist kein schlechter Freund. Bitte, geh einfach. Ich kann nicht..."
Noch immer strich die warme Hand über seinen Rücken. Raubte Justus so langsam aber sicher seine Kraft. Er wollte nichts mehr, als sich unter der Bettdecke zusammen krümmen und verstecken. Warten, bis der Gefühlssturm in ihm endlich abklang. Aber Bob lies ihn nicht.
Justus schluchzte leise auf. Das schien für Bob ein Signal zu sein, noch etwas näher an den ersten Detektiv zu rutschen. Justus konnte die Körperwärme an seiner Seite spüren. Sie machte ihm Angst. Und doch mochte er auch die Nähe. Sie war gleichzeitig bedrohlich und auch beruhigend.
"Ach Justus."
Ein tiefes seufzen von Bob. Sicherlich hatte der dritte Detektiv nun endgültig genug von ihm.
Justus verabscheute sich in dem Moment ja selbst. Ekelhaft schwach war er. Nichts bekam er hin. Hatte sich und seine großen Geheimnisse aufgegeben. War schwach und zerbrechlich geworden. Nicht mehr der starke Justus, wie ihn seine Freunde kannten. Sondern klein und verletzlich. Wie konnte Bob ihn da noch mögen? Noch bei ihm sein wollen?
Aber die Präsenz an seiner Seite verschwand nicht wie erwartet. Stumm saß der dritte Detektiv an seiner Seite. Die warme Hand auf seinem Rücken malte langsam große Kreise. Eine seltsame Ruhe ging davon aus.
Justus schlug die Hände vor sein Gesicht. Er wollte das alles nicht mehr. Wollte nicht mehr schwach sein. Wollte endlich aufhören können, zu weinen. Aber es ging nicht. Immer neue Tränen kamen.
Wie lange sie so da saßen, konnte der erste Detektiv nicht abschätzen. Es konnten Sekunden oder aber auch Minuten gewesen sein. Nichts hatte Bob in der Zeit gesagt. War einfach eine stumme Präsenz an seiner Seite. Wie ein Fels in dem Gefühlschaos das gerade in Justus` Kopf herrschte.
Aber irgendwann versiegte der Tränenstrom des ersten Detektives dann doch. Müde wischte er sich über die Augen, ehe er sich langsam zu Bob umdrehte. Das Gesicht rot vom weinen - und auch aus Scham.
"Ich... danke."
Es kostete Justus eine Menge, das zu asgen. Noch mehr, seinem Freund dabei ins Gesicht zu sehen. Aber der sollte merken, dass es ihm ernst war. Das er es ehrlich meinte.
Bob nickte nur, ehe er ungeschickt aufstand. die Hand rutschte vom Rücken des ersten Detektives, der die davon ausgehende Wärme sofort irgendwie vermisste. Hastig trat der dritte Detektiv einen Schritt zurück und stieß dabei fast mit dem Stuhl zusammen, auf dem er so lange vorher gesessen hatte. Unwillkürlich musste sich Justus dabei ein auflachen verkneifen. Es war absolut unpassend, aber er was so angespannt, das es fast aus ihm herausgebrochen wäre.
"Ich glaube, ich geh dann auch mal. Dir geht es ja besser, oder Just?" fast flehend wurde er angesagt. So einfach fiehl es dem dritten Detektiv dann scheinbar nicht.
Justus nickte nur stumm. Zu aufgewühlt und auch fertig war er. Darum war er auch froh, das sein Freund scheinbar erleichtert direkt darauf auch verschwand. Auch wenn es ein wenig weh tat, wie einfach es dann am Ende gewesen war, das er verschwand. Auch wenn er genau das gewollt hatte.
Justus lies sich nach hinten auf sein Bett sinken, verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Müde starrte er an die Decke. Seine Gedanken rasten wie durch Schlamm hindurch. Schnell und doch nur verschwommen.
Wie war das Gespräch nun gelaufen? Gut, oder eher weniger gut? Immerhin, Bob war am Ende noch geblieben. Auch wenn seine Verabschiedung dann eher wie eine Flucht aussah. Ganz schlecht war es dann scheinbar wirklich nicht.
Hoffnung keimte in dem ersten Detektiv auf. Vielleicht war die Freundschaft wirklich nicht am Ende, sondern ging sogar noch gestärkt daraus hervor.
Mit diesen Gedanken schlief Justus schließlich vollständig bekleidet und nur halb auf dem Bett liegend ein.
-
Nach seiner Flucht setzte sich Bob zu Hause noch an seinen Computer. An schlaf war noch nicht zu denken. zu aufgeühlt war er. Also surfte er im netz.
Bob seufzte, als er auf den nächsten Link klickt. Es gab so viele tragische Geschichten dort draußen! Wie viele Kinder hatten schlechte Erfahrungen gemacht.
Da war eine, die gerade mal 9 Jahre alt war, als ein Betreuer im Ferienlager sie das erste Mal vergewaltigt und Fotos von ihr gemacht hatte. Oder der Junge, der mit 13 im Park von einem Fremden ins Gebüsch gezerrt worden war. Das Mädchen, deren Mutter es vergewaltigt und auf den Strich geschickt hatte. Oder das Mädchen, dessen Bruder es jahrelang vergewaltigt hatte. Sportlehrer, Väter, Mütter, Geschwister, Onkel, Nachbarn - ein großes Potpouri an Tätern.
Kinder, die den anderen vertraut und es bitter bereut hatten. Wie viele von denen nahmen nun Drogen, um sich zu betäuben? Wie viele flüchteten sich in Traumwelten, kamen mit der Realität nicht mehr klar? Und wie wenige nur hatten eine Anzeige bei der Polizei gemacht.
Ihm drehte sich der Magen um. Wie viele von diesen Menschen kannte er womöglich selbst? Wie viele seiner Bekannten schleppten so ein dunkles Geheimnis mit sich herum? Wie wenig kannte er seine Mitmenschen? Es war ja fast schon wie eine Epidemie. Eine stille, leise, die die Gesellschaft langsam vergiftete.
Eines hatte Bob bei seiner Recherche aber inzwischen begriffen - Die größte Angst der meisten Opfer war es, dass ihnen nicht geglaubt wurde. Wenigstens das hatte er dem ersten Detektiv nicht vorgeworfen. Wenigstens etwas, was er richtig gemacht hatte. Ansonsten hatte Bob das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben. Gut, eine Glanzleistung war es nicht gewesen, Justus zu zwingen es Peter zu sagen. Ganz sicher nicht. Aber ansonsten? Sein weglaufen war sicher auch nicht gerade gut gewesen, aber er war so überfordert gewesen. Überhaupt, wie verhielt man sich richtig, wenn man so etwas gesagt bekam? Gab es überhaupt ein 'richtig' und ein 'falsch'?
Oder nur ein 'weniger falsch'?
Es wurde eine lange Nacht für den dritten Detektiv.
