Kapitel 20a
Samstag, 10. August 2002, Mitternacht bis zum Frühstück
„Severus?"
Hermione lag klein zusammengerollt an der hinteren Seite ihres Bettes, die Stirn an die Wand gepresst. Es war fast eine halbe Stunde vergangen, seit er sie verlassen hatte, und obwohl sie es versuchte, konnte sie die Sehnsucht nicht loslassen, bei ihm zu sein. Sie fühlte sich wie ein Bündel schmählichen Bedürfnisses, dann warf sie den Zauber und sagte seinen Namen.
„Ja, Milady?"
Seine Antwort kam sofort, fast, als habe er auf sie gewartet. Wenn er in seinem Zimmer saß und sie genauso dringend wollte wie sie ihn, warum war er dann nicht hier? Es ergab für sie keinen Sinn.
„Ich kann nicht schlafen", sagte sie.
„Es scheint, wir haben ein Leiden miteinander gemein."
Seine Stimme war tief und markant, warm und einladend in einer Weise, die ihm anscheinend nicht möglich war, wenn er mit ihr im selben Zimmer stand. Der volle Bariton war nicht wie Öl auf aufgewühltem Wasser; er war wie Zunder auf dem tosenden Feuer ihres Begehrens.
Hermione schloss die Augen und klopfte mit der Stirn gegen die Wand. „Du hättest hereinkommen können", sagte sie so leise, dass sie nicht sicher war, ob sie wollte, dass er sie hören sollte oder nicht.
Aber er behielt die ärgerliche Angewohnheit bei, Dinge zu hören, die man vor sich hin murmelte, wie es jeder Lehrer einer weiterführenden Schule konnte, der etwas auf sich hielt.
„Hereinkommen ist der leichte Teil", antwortete er, und seine Worte klangen ebenfalls, als ob er nur halbherzig wünschte, dass sie sie hörte. „Wieder zu gehen – das ist etwas ganz anderes."
Unmerklich erregt und von seinen Worten angespornt, verstärkte sich ihr innerer Schmerz. Mit geschlossenen Augen badete sie im Timbre seiner Stimme und bewegte langsam ihren Kopf von einer Seite auf die andere, während sie gegen die Wand drückte, als könne sie sich durch deren Dichtigkeit in seine Arme schieben.
„Du … du wolltest bei mir bleiben?", fragte sie.
Er brauchte so lange, um zu antworten, dass sie die Hoffnung auf eine Antwort fast aufgegeben hatte. War er während ihres Gesprächs weggegangen? Schlafen gegangen? War ihm dieser dünne Faden ihrer Verbindung so viel weniger wichtig als ihr?
„Könnten wir … von etwas anderem sprechen?"
Er hörte sich zögerlich an – sogar schüchtern –, und sie spürte, dass er ihr antworten würde, wenn sie auf der Frage bestand. Tatsächlich bat er um Gnade, und als ihr dies klar wurde, war die Emotion, die jede einzelne ihrer Synapsen flutete, wie eine sinnverstärkende Droge. Sie hatte ihn fest in der Hand. Wie sollte sie weitermachen?
„Erzähl mir mehr über Apollyon", sagte sie.
Auf der anderen Seite war ein leichtes Klopfen, und Hermione fragte sich, ob er ebenfalls seinen Kopf gegen die Wand drückte.
„Apollyon ist diese Woche stolzer Papa geworden …"
~oo0oo~
Mit einem Hauch von Nostalgie zog Hermione ihr Reitkleid an, denn heute würde sie es zum letzten Mal tragen –, heute war das letzte Mal, dass sie an der Seite von Severus Snape reiten würde. Dieser Tag würde voller letzter Male sein, die im großen Ball gipfelten, dem Höhepunkt der Regency-Woche. Morgen würden alle ihre Regencykostüme wegpacken, ihre modernen Sachen anziehen und in ihren Alltag zurückkehren.
In der Nacht zuvor hatte sie sich mit Severus unterhalten, bis sein seidenweicher Tonfall sie ins Land der Träume gelullt hatte – mit Träumen, in denen er die Hauptrolle spielte. Sie hätte sich verlegen fühlen können, dass sie mitten in ihrer Unterhaltung eingeschlafen war, aber das traf nicht zu. Sie wusste, er wollte, dass sie schlief. Sie war sich mehr als sicher, dass sie in dieser Woche einen der wichtigsten Freunde ihres Lebens gewonnen hatte, und sie hatte keine Zweifel, dass er ihre Gefühle erwiderte.
Aber wollte er … wollte er sie so, wie sie ihn wollte? Keine Liebe, schalt sie ihre innere Stimme. Es ist viel zu früh für Liebe.
Nicht, dass die Stimme in ihrem Kopf ihr viel Aufmerksamkeit gewidmet hätte.
Sie nahm ihren Reithut in die Hand – denjenigen, den ihr Severus am Tag zuvor vom Kopf gerissen hatte –, steckte ihn fest und murmelte dabei einen kleinen Zauber, um die Feder zu glätten, die durch seine rüde Behandlung zerknautscht worden war.
„Gute Jagd", murmelte sie ihrem Spiegelbild zu und ignorierte die Antwort des Spiegels, „Gute Jagd für Sie, Miss!"
~oo0oo~
Harry erwachte mit einem weiteren Körper in seinem Bett, und einen Moment lang war er verwirrt und alarmiert. Er war es nicht gewohnt, seinen Schlafplatz mit einer anderen Person zu teilen. Aber eine Überprüfung bestätigte, dass es keinen Grund zur Sorge gab. Sein Bettgenosse war Draco Malfoy, sein unwahrscheinlich zärtlicher Liebhaber.
Liebhaber.
Harry schluckte. In der vergangenen Nacht hatte er sich von seinen Gefühlen überwältigen lassen, und nun würde sich die Neuigkeit vom homosexuellen Harry Potter überall in der Zaubererwelt verbreiten. Diese Möglichkeit hatte er jahrelang gefürchtet – hatte vorgegeben, jemand anders zu sein, um dies zu vermeiden –, und jetzt stellte er fest, dass es ihm egal war. Er war glücklich, und der Preis, den er dafür zahlte, war seiner Meinung nach nicht zu hoch.
„Wenn du einen Funken Anstand in den Knochen hättest, würdest du weiterschlafen", murmelte Draco, ohne die Augen zu öffnen.
Harry hob sich auf einen Ellenbogen, um in Dracos Gesicht hinunterzusehen. Die engelhafte Schönheit hatte ihn immer irritiert, und jetzt verstand er den Grund. „Du hattest letzte Nacht keine Einwände, was meine Knochen betrifft", murmelte er und senkte sein Gesicht an Dracos Hals, wo er den Duft des anderen Mannes tief einatmete.
Draco rollte sich herum, drückte ihn nieder und setzte sich rittlings auf seinen Bauch. „Ich hatte noch keine ausreichende Gelegenheit, alle deine Knochen in Augenschein zu nehmen", sagte er. „Ich lasse es dich wissen, wenn ich damit fertig bin."
Harry starrte zu dem straffen, fitten Körper hinauf. „Du bist verdammt schön", konnte er nur herausbringen.
Draco grinste, und eine verspielte Seite blitzte auf, die Harry nie zuvor gesehen hatte. „Ja, aber ich will dich so oder so", lachte er.
Wie in der Nacht zuvor entstand ein Gerangel, das fast nahtlos in Liebesspiel überging. Danach lag Harry verschwitzt und erschöpft auf seinem Kissen und rang um Atem. Draco strich mit einem Finger über seine Wange.
„Wir müssen Quidditch spielen", sagte er mit recht verträumtem Tonfall.
Harry schüttelte den Kopf. „Hermione sagte, das ginge nicht – sagte, es würde die Atmosphäre ruinieren."
Draco setzte sich abrupt auf. „Quatsch", sagte er. „Zauberer spielen seit dem vierzehnten Jahrhundert Quidditch. Du kannst darauf wetten, dass die Regencykerle gespielt haben – und dass sie außerdem auf die Spiele gewettet haben."
Der Blonde kletterte vom Bett und hob sein zerknautschtes Hofnarrenkostüm auf. „Wie soll ich in diesem Ding in mein Zimmer zurückkommen?"
Harry zwang sich selbst von seinem bequemen Kissen hoch, hob seinen Morgenmantel auf und warf ihn Draco zu. „Leih dir den", sagte er.
Draco betrachtete das Kleidungsstück abschätzig.
„Es ist keine Seide, okay?" sagte Harry gereizt. „Ich habe nicht so einen protzigen Geschmack wie du, Frettchen."
Draco warf sich den Morgenmantel über. „Das ist offensichtlich, Potter."
Harry machte eine rüde Geste mit der Hand, und Draco sprang ihn mit einem Satz zu einem vertikalen Ringkampf an. Dann küssten sie sich und standen schließlich Stirn an Stirn da.
„Wann werden wir jemals wieder die Chance haben, mit Krum und Fin Quidditch zu spielen?", murmelte Draco.
Harry wirbelte davon und schnappte seine Duschsachen. „Ich erzähle es Ron", versprach er. „Meinst du, wir können genügend Leute für zwei komplette Mannschaften zusammentrommeln?"
Draco grinste. „Du bist schlauer, als du aussiehst, Potter. Ich wusste, du würdest meiner Meinung sein."
~oo0oo~
Severus öffnete die Stalltür und ließ Hermione den Vortritt nach innen. Persephone wieherte ihnen leise zu, und Severus nahm sie am Halfter, während er beruhigend zu ihr sprach. Hermione zog einen sorgfältig halbierten Apfel aus ihrer Tasche und bot ihn der Zuchstute auf der flachen Handfläche an.
Severus lachte. „Du hast das Kernhaus herausgeschnitten, um ein Pferd zu füttern?", fragte er.
Hermione streichelte den kastanienbraunen Hals der Stute. „Glaub nicht, dass ich nicht bemerke, wenn du dich über mich lustig machst", sagte sie ernsthaft.
„Mea culpa", murmelte er, und sie sah mit ihren schmelzenden braunen Augen zu ihm auf.
Küss sie, drängte seine innere Stimme.
Severus unterdrückte den Gedanken und trat von Hermione weg, um vor dem Fohlen in die Hocke zu gehen, das hinter seiner Mutter hervorspähte. „Dies ist Apollyons Tochter", sagte er und sah in die Augen des Stutfohlens.
Hermione kniete sich neben ihn in das saubere Stroh und war vor Bewunderung hingerissen. „Sie ist perfekt", flüsterte sie.
Severus beobachtete das Gesicht der Hexe, während sie das Stutfohlen betrachtete, und ließ zu, dass er nur den Augenblick genoss, ohne zu versuchen, seiner Begleitung vier oder fünf Schritte voraus zu sein. Schließlich war sie im Grunde genommen kein Feind. Sie war ein Freund – der erste neue Freund, den er in seinem ganzen erwachsenen Leben gewonnen hatte –, und die Tatsache, dass sie eine begehrenswerte Frau war, war nicht ihr Fehler. Er durfte es ihr nicht ankreiden, dass sich an ihrer Seite aufzuhalten ihn wünschen ließ …
„Severus?"
Er schubste sich selbst auf seiner Tagträumerei. „Entschuldigung", sagte er. „Was hast du gesagt?"
„Wie heißt das Fohlen?"
Er richtete sich auf, da er glaubte, wenn er sich nicht auf gleicher Höhe mit Hermione befand – nicht Auge in Auge –, würde er sich nicht genötigt fühlen, die Arme um sie zu legen. Um die Sicherheitszone zu vergrößern, ging er um das Fohlen herum und brachte das Pferdchen direkt zwischen sie.
„Ich habe noch nicht beschlossen, wie ich sie nennen werde", sagte er, verschränkte die Arme über der Brust und dachte nach. „Sag, welche ist deine weibliche Lieblingsfigur bei Jane Austen?"
Hermione schien überrascht. „Ich … ich weiß nicht. Darüber müsste ich nachdenken."
Er nickte weise. „Lass dir Zeit. Meine Lieblingsfigur ist Colonel Brandon, und so kann ich sie nicht nennen – vielleicht werde ich den Namen nehmen, wenn Apollyon ein Hengstfohlen zeugt."
Hermione lachte. „Ich verstehe dein Dilemma", antwortete sie. „Aber ich kann deinem Pferd keinen Namen geben – sie muss ziemlich wertvoll sein."
Er betrachtete die Frau und das kleine schwarze Stutfohlen. „Ich frage nur nach deinen Ideen", versicherte er ihr. „Und ich werde dieses kleine Mädchen nicht verkaufen – nicht, ehe sie ausgewachsen ist, und ich sehen kann, ob sie mein Gewicht tragen kann. Ich sehe dafür gute Chancen, denn ihre Mutter und ihr Vater sind beide von guter Statur." Er streckte eine Hand aus, um sie auf den Hals des Fohlens zu legen, und sie sah ihn vertrauensvoll an; sie gewöhnte sich bereits an den Anblick und den Klang dieses bestimmten Menschen. „Sie wird langsam erzogen und als Jagdpferd ausgebildet werden."
Hermione lächelte ihn an und streckte einladend eine behandschuhte Hand aus, ihr zu helfen. Er half ihr auf und widerstand dem Drang, das Stroh abzuklopfen, das an ihrem Rock hing.
„Es ist schwierig, sich vorzustellen, dass etwas so Winziges eines Tages so groß sein wird wie diese hübsche Lady", sagte sie und tätschelte Persephone noch einmal. „Aber wir sollten am besten jetzt unseren Ritt machen", fügte sie hinzu und mied seine Augen, „wenn wir rechtzeitig zum Frühstück wieder im Schloss sein wollen."
„Wie du meinst, Milady", gab er zurück, und sie nahm seinen Arm, um in den Hof hinauszugehen, wo Apollyon und Firefly gesattelt sie erwarteten.
Die Stallelfen waren an die Ritte des Schulleiters mit der Dame bereits gewöhnt, denn sie machten keine Anstalten, Hilfestellung zu leisten. Severus verschränkte seine Hände ineinander, um Hermiones gestiefelten Fuß zu halten, und hob sie in den Sattel, sehr zufrieden damit zu sehen, wie sie sich auf dem Pferd zurechtsetzte. Wie würde sie in Reithosen zurechtkommen, wenn sie wie eine moderne Reiterin rittlings zu Pferd saß? Würde er die Gelegenheit bekommen, es herauszufinden?
Fast dachte er, er würde im Sattel ohne Hermione an seiner Seite nie wieder glücklich sein, und der Gedanke verursachte ihm Bauchkrämpfe wie ein bösartiger Wurm.
Nein, er würde nicht darüber nachdenken – nicht jetzt, wenn das Gras noch taufeucht war, der Himmel blau wie ein Traum aus Kindertagen und die Frau seiner … wildesten Fantasien seine Begleitung erwartete.
Verteufele sie nicht!, forderte sein innerer, liebeskranker Teenager wütend.
Er schob die verwirrenden Gedanken beiseite, schwang sich in den Sattel und genoss wie immer den tanzenden Araber unter sich. Er brauchte einen Moment, um sein Pferd zur Ruhe zu bringen, dann wandte er sich Hermione zu. Der Ausdruck, den er auf ihrem Gesicht erblickte, traf ihn wie ein körperlicher Schlag. Ihre emotionale Reaktion war genauso heftig wie diejenige, die sie in ihm auslöste.
Verdammt sei diese Frau – welches Recht hatte sie, so verflucht perfekt zu sein?
Er sprach nicht wieder, sondern ritt Seite an Seite mit seiner Gefährtin los in die Weite der Felder, und das Verständnis zwischen ihnen war zu tief für bloße Worte.
