Verzweiflung

Christina schaffte es mittlerweile ganz gut, von ihrem Schlafplatz zwischen Paul und David, an dem sie nun seit einem Monat mit den anderen Vampiren den Tag verschlief, hinunter zu schweben, ohne auf ihren Hintern zu fallen.

Wie jeden Abend bezog sie ihre Position auf einer Couch, die etwas abseits von den anderen Sitzgelegenheiten, die die männlichen Vampire nutzten, aufgestellt war. Wie jeden Abend verbrachte sie ihre Zeit damit, die anderen Vampire genau zu beobachten, während sie ein Buch oder ihr Strickzeug in der Hand hielt und so tat, als wäre sie beschäftigt. Sie wollte die nächtlichen Gewohnheiten der Vampire genau kennen, denn Christina hatte einen Plan.

Es war allerdings dringend notwendig, dass der Rest des Rudels ihr nicht auf die Schliche kam. Sie machte also immer, was ihre Sires oder ihr Vater ihr sagten, ohne eine Miene zu verziehen. In den ersten Nächten hatte sie sich noch gewehrt und sich ihrem Vater und Paul gegenüber bockig verhalten, aber sie sah sehr schnell ein, dass ihr das nichts brachte. Sie musste sich in die Gruppe einfügen und den männlichen Vampiren unterordnen, denn die waren älter und stärker wie sie.

Anfangs waren die anderen Vampire etwas skeptisch, aber bereits nach zwei Wochen hatte Christina es geschafft, das vollständige Vertrauen der Vampire zu gewinnen, selbst Marko war sich sicher, dass sie gewillt war ihren Platz in der Familie einzunehmen. Christina hatte nicht gewusst, dass sie eine derart gute Schauspielerin sein konnte.

Es passte ihr nicht wirklich, dass sie nun gezwungen war, alle an der Nase herum zu führen, aber welche Wahl hatte sie den schon? Niemand war auf die Idee gekommen, die junge Frau zu fragen, was sie wollte. Ihr Vater und seine Familie hatten Christina ein Leben, oder besser gesagt, eine Existenz aufgezwungen, die sie nicht wollte.

Christina wusste ganz genau, sie konnte ihren Plan nur umsetzen, wenn die Vampire davon überzeugt waren, dass sie sich mit ihrem Schicksal abgefunden hatte, also machte sie gute Miene zu bösem Spiel.

Christina fand ihren Vater und seine Gang ganz schön einfältig und hatte damit gerechnet, dass sie viel länger brauchen würde deren Vertrauen zu gewinnen, aber diese Typen waren derart von sich überzeugt, dass es schon fast weh tat. Sie amüsierte sich innerlich über deren Überheblichkeit, wenn die wüssten...

Die männlichen Vampire in Christinas neuer Familie hielten sich für unwiderstehlich, und Christina hatte tatsächlich beobachtet, dass nicht viele Frauen dazu in der Lage waren, dem Charme der Vampire nicht zu erliegen. Sie konnte diese Frauen verstehen, die Vampire sahen gut aus und konnten überaus charmant und sehr großzügig sein, wenn sie wollten. Hatten sie bei einer jungen Dame weniger Erfolg, so manipulierten die Vampire sie, und das funktionierte fast immer.

Das Lustige war, dass die Vampire dann doch eher Skrupel hatten, die Damen zu töten, sie hatten eine Nacht lang, oder auch einige Nächte ihren Spaß. Wenn die Damen anfingen, die Vampire zu langweilen ließen sie die Frauen einfach vergessen, dass sie die sie jemals getroffen hatten.

Christina war schon ziemlich erstaunt darüber, sie hatte gedacht, dass die Vampire wesentlich kaltblütiger wären. Paul hatte ihr erklärt, dass dieses Benehmen mit der Nacht in dem Haus von Michaels Großvater zusammen hing. Keiner wollte etwas derartiges noch einmal erleben. Und dazu kam natürlich, dass die Vampire aufgrund der Technologie, wie Smartphones ohnehin vorsichtiger sein mussten.

Man konnte nie wissen, wer sich gerade in der Nähe aufhielt und auf den Auslöser drückte, um ein tolles Foto zu machen. Mit der Technik von heute konnte man auch einen Vampir fotografieren, der gerade dabei war, ein Opfer auszusaugen, und dann wäre die Jagd auf die Vampire eröffnet. Die meisten Menschen waren sich sicher, dass Vampire nur in Geschichten und Filmen exestierten, und das sollte auch so bleiben.

David hatte offensichtlich keine große Lust auf derartige Spielchen. Er ging los, suchte sich ein passendes Opfer, stillte seinen Hunger und ging dann seinen eigenen Plänen nach. David war nicht wirklich wählerisch, die einzigen Menschen, an denen er sich niemals vergreifen würde, waren Kinder. In der Regel fand er aber immer an entlegenen Orten eine Mahlzeit, die sicherlich niemand vermissen würde.

David liebte es in der Werkstatt zu basteln. Er hatte eine BMW, die von der Deutschen Wehrmacht im zweiten Weltkrieg genutzt wurde, gekauft, die er restaurieren wollte. Marko, Dwayne und Laddie waren oft mit von der Partie.

Paul hielt sich ebenfalls zurück, was die Frauenwelt betraf. Er kümmerte sich jede Nacht um Christina, zeigte ihr die verschiedensten Ecken der Stadt, und überschüttete die junge Frau mit seiner Zuneigung. Der große, blonde Vampir war stolz darauf, dass David ihm sein kleines Mädchen anvertraut hatte. Er mochte die junge Frau sehr und war sich sicher, dass sie seine Seelenverwandte war. Sie war nur für ihn bestimmt.

Christina hatte Paul in ihren Träumen gesehen, schon bevor sie ihn das erste Mal getroffen hatte, das musste doch eine Bedeutung haben! Er wusste sehr wohl, wie schwer Christina sich mit ihrer Unsterblichkeit tat und wollte alles tun, damit sie eine glückliche Vampirdame werden könnte.

Christina jedoch hatte ihre eigene Meinung über die Vampire. Und sie hatte eine eigene Meinung über das Leben; wenn man das so bezeichnen konnte; dass sie führten, und das Christina nun zu führen gezwungen war.

Christina dachte nicht gerne an die Nacht zurück, in der Paul und David sie mit in die Höhle nahmen. Sie war etwas schockiert, zu sehen, dass der Ort, den sie vor einiger Zeit entdeckt hatte, den Vampiren gehörte. Ihr Vater beschwichtigte sie. Es war gar kein großes Ding, dass sie damals dort eingedrungen war, sie gehörte ja schließlich zur Familie.

Dann brachten Dwayne, Marko und Laddie Michael und Sam in den Raum, der wohl damals der Eingangsbereich des alten Hotels gewesen war. Christina bemerkte es erst garnicht, denn sie stand wieder vor dem Bett und betrachtete die Jacke mit den farbenfrohen Patches. "Wem gehört die?", fragte sie.

Christina erhielt jedoch keine Antwort, denn Sam, der sie entdeckt hatte, erwachte aus seinem schockähnlichen Zustand und vesuchte sich lauthals aus Dwaynes Griff zu befreien. Der dunkelhaarige Vampir lachte ihn nur aus und drückte ihn auf eines der Sofas. Michael sagte garnichts und ließ kampflos alles über sich ergehen. Er schien keine Kraft mehr zu haben, um sich gegen die Vampire zur Wehr zu setzen. Er sah Christina traurig an und setzte sich neben seinen Bruder.

"Michael, ich hoffe, ihr hattet eine angenehme Zeit in unserem Hotel, als unsere Gäste," sagte David grinsend. "Wie ich sehe habt ihr euch von euren Verletzungen etwas erholt. Es tut mir leid, dass meine Jungs und ich etwas grob zu euch waren." Die Vampire lachten Sam und Michael aus, selbst Laddie. Christina fand, dass er sich sehr verändert hatte. Was war nur aus dem warmherzigen Mann geworden, der einst Christinas bester Freund war.

Die junge Frau hatte Laddie geliebt, wie einen großen Bruder, und nun schien er unnahbar und distanziert. Seine Augen wirkten kalt, und Christina fragte sich, ob sie selber auch diese Kälte ausstrahlte. Vielleicht war das ja etwas, das automatisch geschah, wenn man sich in einen Vampir verwandelte. Christina wollte das nicht, sie wollte einfach nur sie selbst bleiben. Es war egal, was Michael ihr in der Vergangenheit angetan hatte, sie hatte Mitleid. Außerdem dachte sie an ihre jüngeren Geschwister, was sollte aus den Beiden werden, jetzt, wo Michael in den Fängen der Vampire war?

"Was machen die Beiden hier?", fragte sie schließlich, und blickte von einem Vampir zum anderen. Die hörten endlich auf zu lachen und blickten die junge Frau schweigend mit ernster Miene an.

Schließlich lächelte David und nahm Christinas Hände in seine. "Es wird dir vielleicht nicht gefallen, aber was aus den Beiden wird, liegt an dir," erklärte er. "Wenn du die richtige Entscheidung für deine Zukunft triffst, bin ich im Gegenzug bereit, Michael und Sam gehen zu lassen, auch wenn die es absolut nicht verdienen. Du solltest allerdings nicht zu lange darüber nachdenken, denn meine Geduld ist begrenzt, und ich könnte es mir anders überlegen!"

Paul fing wieder an zu lachen. "Komm schon Christina," rief er. "Ich weiß, dass du bei mir bleiben willst, du kannst mir nichts vormachen, ich habe dich längst durchschaut! Und ich will auch, dass du bei mir bist, ehrlich!"

Christina sah verlegen zu dem großen, blonden Vampir hinüber. Sie gab es nun wirklich nicht gerne zu, aber Paul hatte völlig Recht. Sie war zwar immer noch sauer auf ihn und Laddie, weil die beiden sie mit dem Wein, in den ihr Blut gemischt war, reingelegt hatten, aber trotzdem, sie mochte Paul sehr viel lieber als es gesund für sie war. Sie war tatsächlich in ihn verliebt bis über beide Ohren, und sie schämte sich dafür, aber ändern konnte sie daran nichts.

Christina drehte sich zu David. "Wie meinst du das?", fragte sie ihren Vater. David grinste. "Na wie soll ich das schon meinen?" Er blickte schweigend auf den Boden, dann starrte er der jungen Frau direkt in die Augen. "Es ist ganz einfach," offenbarte er. "Du wirst ein vollwertiges Mitglied unserer Familie, und die Beiden leben. Wenn nicht..."

"Du erpresst mich," stellte Christina wütend fest. David grinste. "So würde ich das nun nicht nennen," rechtfertigte er sich. "Ich möchte dir nur helfen, die richtige Entscheidung zu treffen, du bist schließlich meine Tochter."

Michael sah David hasserfüllt an, dann richtete er sich an seine Stieftochter. "Christina, tu das nicht. Du kannst ihm nicht vertrauen, er lügt dich an. Sam und ich werden nicht lebend hier raus kommen, egal was du tust!"

Christina sah wütend zu Michael herüber, und plötzlich stieg all der Hass auf ihn, der sich in den vergangenen Jahren angestaut hatte wieder hoch. "Was weißt du denn schon," flüsterte sie und während sie sich vor ihm aufbaute. "Du und du," sagte sie und zeigte auf Sam und Michael, "und auch alle anderen Menschen, ja sogar meine Mutter, mein ganzes Leben habt ihr mich belogen. Wer bist du denn schon, und woher nimmst ausgerechnet du dir das Recht, meinen Vater als Lügner darzustellen? Immerhin interessiert er sich für mich! Er will mich wirklich haben. Hier bin ich erwünscht, und nicht nur geduldet!"

"Christina," begann Michael, aber er kam nicht dazu, seine Rechtfertigung zu beenden, denn mit Christina ging auf einmal alles durch. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten und schlug Michael mitten ins Gesicht. Sie hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass sie nun als Halbvampir viel mehr Schlagkraft hatte, als zuvor. Sie hatte Michaels Nase getroffen und hörte ein Knacken. Sie hatte ihrem Stiefvater die Nase gebrochen und während nun Blut aus seiner Nase lief, schrie er vor Schmerz auf.

Paul sah Christina mit hochgezogenen Augenbrauen an. Das hatte er ihr nicht zugetraut. Dann ging alles so schnell, dass er keine Chance hatte, seinen Zögling aufzuhalten. Christina sah das Blut, dass aus Michaels Nase lief und beobachtete eine Sekunde, wie es auf sein Hemd tropfte. Sie bemerkte den Geruch, den das Blut in ihre Nase trieb. Ihr Gesicht veränderte sich und sie verspürte plötzlich ein Hungergefühl, dass sie so nicht kannte.

Sam schrie sie an und versuchte sie aufzuhalten, aber es war zu spät, sie befand sich in einem Blutrausch, sie war hungrig und sie hasste Michael, also folgte sie ihrem Instinkt und stürzte sich auf ihn. Ihre Fänge zeigten sich zum ersten Mal in ihre vollen Größe und bohrten sich in Michaels Hals. David versuchte Christina lachend von Michael wegzuziehen, er wusste genau, dass es nicht gut war, jemanden aus der menschlichen Familie zu einer Mahlzeit zu machen, aber selbst er war in diesem Moment seiner Tochter unterlegen.

Christina stieß ihren Vater weg und er flog quer durch den Raum und krachte gegen eine Wand. Dwayne, Marko und Laddie unternahmen nichts. Die drei Vampire waren sich sicher, dass es nicht sonderlich schlau war, sich zwischen einen hungrigen Halbvampir und dessen Beute zu stellen. Gegen diesen ersten Blutrausch war selbst ein gestandener, mächtiger, alter Vampir völlig machtlos.

Paul stand völlig überfordert da und griff sich mit beiden Händen in seine Haare. Er wusste nicht, was er tun sollte, um Christina zu stoppen. Er wusste aber sehr wohl, dass die junge Frau nun lange an ihren Schulgefühlen zu knabbern haben würde. Es war eine Sache, einen fremden Menschen zu töten, aber jemanden aus der eigenen Familie auszusaugen, das war etwas völlig anderes.

Sam stand völlig entsetzt vom Sofa auf. Er konnte nicht glauben, was er da sah. Er hatte Christina immer gemocht, sie war warmherzig und gutmütig, viel zu gutmütig für diese Welt. Sie hatte ihren jüngeren Geschwistern die Mutter ersetzt, und jetzt das. Dieses blutrünstige Monster, dass dabei war Michael zu töten, hatte garnichts gemeinsam mit der süßen, unschuldigen und etwas naiven Christina. Sam stürzte sich auf die junge Frau, genau in dem Moment, als der letzte Lebensfunke aus seinem Bruder wich. Das war ein großer Fehler.

Paul zog Sam zwar von Christina weg, aber sie knurrte ihren Sire nur an und forderte ihr Opfer zurück. Paul seufzte schließlich und ließ Sam wieder los. "Das wird dir spätestens in der nächsten Nacht sehr leid tun, Kleines," flüsterte der Vampir und schubste Sam in Christinas Arme, die immer noch hungrig über ihn herfiel. Als die junge Frau, die nun ein neu geborener Vampir war, mit Sam fertig war, ließ sie seinen blutleeren Körper einfach auf den Boden fallen. Christinas Gesicht war mit Blut beschmiert und sie sah aus, als wäre sie soeben einem Horrorfilm entstiegen.

Sie sah sich orientierungslos um, und schien nicht mehr zu wissen, wo sie war. Die fünf Vampire blicketen sie erstaunt, aber fasziniert an. Sie hatte ihnen eine gute Show geliefert, und bewiesen, dass wesentlich mehr in ihr steckte, als in ihrer Mutter.

Etwas derartiges hatte David sich immer von Star gewünscht, aber nie bekommen. Er hätte Christinas Mutter auf Händen getragen und alles für sie getan, wenn sie nur diesen einen letzten Schritt gemacht hätte. Star hatte ihn damals verlassen, und sie hatte ihn verraten.

Seit diesem Tag vor all den Jahren, war das letzte bisschen Liebe in David gestorben, zumindest hatte er das immer gedacht, doch dann fand er zufällig Christina, und ihm wurde klar, da war noch etwas in ihm.

Er zeigte dieses Gefühl nicht, aber auch sie würde er auf Händen tragen, sie war genau wie ihre Mutter sein Schwachpunkt. Natürlich wollte David nicht, dass die anderen Vampire das wussten, aber die waren nicht auf den Kopf gefallen und hatten ihren Anführer sofort durchschaut. Jeder einzelne von ihnen war sich sicher, dass er genauso handeln würde, wenn er an Davids Stelle wäre.

David beobachtete, dass seine Tochter völlig erledigt war. Nachdem sie sich orientierungslos umgesehen hatte, legte sie sich auf das Bett, das einst der Schlafplatz ihrer Mutter war, nahm Markos alte Jacke in ihre Arme wie ein Kuscheltier und schlief schließlich ein.

Paul ging zu ihr und setzte sich auf die Bettkante. Er betrachtete Christina einen Moment, dann zog er lächelnd seine Jacke aus und deckte sie damit zu. Er stand nach einigen Minuten wieder auf und blieb vor David stehen. "Tja, Bossman, so hatten wir das nicht geplant," sagte er und legte seine Hand auf Davids Schulter. "Aber was solls, nun ist sie endlich eine von uns, und diese beiden Idioten werden uns auch nie wieder belästigen!"

David nickte lächelnd und setzte sich neben Dwayne auf eines der Sofas. Dwayne blickte David nachdenklich an. "Sie wird es nun sehr schwer haben," merkte er an. "Vielleicht hätten wir die Arschlöcher besser sofort töten sollen, als wir sie trafen. Wir hättem deinem kleinen Mädchen Einiges ersparen können."

Marko gesellte sich zu den Beiden. "Meine Güte, macht doch nicht so einen Aufstand wegen ihr," nörgelte er. "Sie wird es irgendwann überwinden, sie hat die Ewigkeit dafür. Die Welt ist in meinen Augen ohne diese Affen eh besser dran, aber irgendwer muss die jetzt entsorgen!"

Paul und Laddie sahen sich an und standen auf. Jeder packte sich einen der leblosen Körper, und sie verließen mit den Leichen die Höhle. Einige Minuten später waren sie wieder zurück. "Erledigt," sagte Paul und setzte sich auf die Armlehne von Markos Sessel. "Was machen wir jetzt, die Nacht ist noch jung, und sie wird vor dem nächsten Sonnenuntergang nicht erwachen."

Die Vampire beschlossen in ein Pub im Nachbarort zu fahren. Bevor der nächste Morgen graute holten sie Christina aus der Höhle und fuhren zur Werkstatt, um dort den nächsten Tag zu verbringen.

David und Paul schafften es schließlich, die junge Frau zwischen sich an der Eisentange zu plazieren, obwohl sie schlief. Paul hielt sie an sich gedrückt. Er wollte sie nie wieder loslassen.

Als es wieder Abend wurde erwachte Christina in Pauls Armen. Der Vampir hielt sie mit einem eisernen Griff, weil ar fürchtete dass sie sonst abstürzen würde. Christina hatte keine Ahnung, wie sie dort hin gekommen war und sah sich estaunt um. Marko, Dwayne und Laddie schliefen noch. David war niegendwo zu sehen. Paul blickte lächelnd in ihre Augen, als er bemerkte wie verwirrt die junge Frau war. "Wir haben dir etwas geholfen," erklärte er. "Dann hat dein Instinkt den Rest erledigt. Für uns ist das die bequemste Art zu schlafen. Morgen früh erkläre ich dir wie das geht. Danach schaffst du das alleine."

Dann ließ er Christina los und schwebte zu Boden. "Komm," sagte er. "Jetzt bist du an der Reihe. Du brauchst keine Angst haben, ich lasse dich nicht fallen." Christina blickte nach unten, dann nach oben, und dann entdeckte sie die Veränderung an ihren Füssen. Die waren nicht mehr ihre Füsse, die Dinger sahen wie die Krallen einer Fledermaus aus. Sie schrie entsetzt auf und fiel, aber dann schwebte sie über dem Boden. Schließlich verließen all ihre Kräfte sie und sie fiel wieder, aber Paul hielt sein Versprechen und fing sie auf. Er stellte sie grinsend auf den Boden.

"Meine Füsse," sagte Christina nur und sah Paul fragend an. Der lachte. "Das ist ein sehr kleiner Preis für alle guten Dinge, die dein neues Leben dir zu bieten hat," beschwichtigte er sie. "Du wirst schon bald einsehen, dass ich Recht habe, glaub mir!"

Als Christina den Aufenthaltsraum betrat, saß David bereits vertieft in ein Buch auf seinem Lieblingssessel. Neben ihm auf dem kleinen Tisch stand eine Tasse Kaffee und eine Dose Bier. Er legte das Buch beiseite, als er Paul und Christina bemerkte. "Da ist noch frischer Kaffee, wenn du welchen möchtest, Kleines," sagte er. Dann lächelte er. "Ich bin wirklich stolz auf dich. Du hast die richtige Entscheidung getroffen, auch wenn du das in der nächsten Zeit vielleicht bezweifelst. Dieses Leben als Vampir, die Unsterblichkeit hat dir eine Menge zu bieten."

Christina sah beschämt zu Boden, dann nahm sie sich einen Kaffee und setzte sich nachdenklich an den Tisch. Sie blickte kurz zur Tür, als auch Laddie, Dwayne und Marko den Raum betraten. Besonders Marko betrachtete die junge Frau sehr mißtrauisch, so, als würde er auf etwas warten. Christina erinnerte sich wieder an die vergangene Nacht, und war schockiert über ihr eigenes, kaltblütiges Verhalten. Sie hatte ihren Onkel und ihren Stiefvater getötet. Sie hatte dafür gesorgt, dass ihre jüngeren Geschwister zu Vollweisen wurden. Diesmal hatte keiner der Vampire sie zu dieser Untat angetrieben, ganz im Gegenteil, die hatten versucht, sie aufzuhalten, aber völlig erfolglos.

Es machte Christina wütend, dass sie sich dazu hatte hinreißen lasse, Michael und Sam zu töten. Ihr wurde bewusst, dass sie zwar diese Tat alleine begangen hatte, aber indirekt waren Paul und Laddie ebenso schuldig. Denn die Beiden hatten der jungen Frau Vampirblut zu trinken gegeben und sie damit in einen Halbvampir verwandelt. Christina starrte Paul und Laddie empört an. "Ihr habt ein Monster aus mir gemacht," flüsterte sie. "Ich habe das nicht gewollt! Ich bin es so leid, von jedem benutzt und enttäuscht zu werden!" Sie wollte aus dem Zimmer laufen, um alleine zu sein, aber Marko hielt sie zurück.

"Weißt du was, Christina, wir haben dein Gejammer satt," motzte Marko. "Seit du hier bist, machst du nichts als Ärger! Du hast die Beiden getötet, wir haben versucht, dich aufzuhalten, hast du das schon vergessen? Dass Sam und Michael tot sind ist deine Schuld, nicht unsere!"

Christina sah zu Marko hoch und schlug seine Hand von ihrem Arm. "Ihr habt mich reingelegt! Ihr habt mir euer Blut zu trinken gegeben, ohne dass ich es wusste! Und du, du hast mir vorgespielt, dass du interessiert an mir bist, erinnerst du dich noch? So lange ist das noch nicht her!"

Marko fing an zu lachen. "Ja sicher, und du hast es mir abgekauft, richtig? Ich steh absolut nicht darauf, wenn mir eine Frau die ganze Nacht etwas vorheult. Versteh endlich, dass Paul und Laddie dir das wertvollste Geschenk gegeben haben, dass es gibt. Du bist unsterblich, du bist frei von allen menschlichen Zwängen. Es macht einfach Spaß, ein Vampir zu sein, meistens!"

Christina starrte Marko ungläubig an. "Spaß? Du spinnst doch total! Was soll spaßig daran sein, wenn man um zu überleben Menschen töten muss? Das ist nicht das, was ich unter Spaß verstehe," erwiderte die junge Frau. "Ich wollte einfach nur neu anfangen in dieser Stadt, und jetzt bin ich euch ausgeliefert. Lasst mich doch einfach in Ruhe, ich verzichte auf eure Gesellschaft!"

Christina zog sich in den Raum zurück, in dem sie während ihrer Zeit als Halbvampir geschlafen hatte und ließ zunächst niemanden mehr an sich heran. Marko schaute ihr genervt nach und zuckte etwas zusammen, als sie die Türe hinter sich zuschlug. "Wenn sie mir weiter auf die Nerven geht, musst du dir was einfallen lassen, Paul," forderte er. "Sonst werde ich sie eigenhändig vernichten. Sie bringt es fertig und zerstört unsere Familie, das werde ich nicht hinnehmen!" Mit diesen Worten verließ Marko die Werkstatt und fuhr mit seinem Motorrad davon.

David blickte Marko mit hochgezogenen Augenbrauen hinterher. Er seufzte. "Marko hat Recht, so kann das nicht weitergehen, wir müssen was machen, damit sie sich einfügt," forderte er.

Paul musterte David mit ernster Miene. "Ihr erwartet viel zu viel von der Kleinen," bemerkte er schließlich. "Seht ihr nicht, dass sie mit der Situation völlig überfordert ist? Sie braucht einfach nur etwas Zeit. Ihr ganzes Leben hat sich in den vergangenen Wochen dramatisch verändert, aber das wird sie bewältigen, wenn wir ihr helfen. Es wird nicht nötig sein, sie zu zwingen. Ich werde das schon in den Griff kriegen!"

Dwayne und Laddie nickten. David zuckte mit den Schultern. "Seit wann besitzt du so viel Weisheit, Paul? Es ist mir völlig egal, wie du das machst, aber ich werde nicht hinnehmen, dass meine Tochter Unfrieden in unsere Familie bringt. Also sorge dafür, dass sie sich unterordnet, sie ist schließlich die jüngste hier!"

Paul nickte und setzte sich mit nachdenklicher Miene auf Christinas Sofa. Er überlegte einige Minuten, dann grinste er etwas einfältig. Natürlich, was musste er tun, damit Christina sich öffnete und ihm zuhörte? Paul fing an zu kichern, was ihm Dwaynes Aufmerksamkeit einbrachte. Der erriet Pauls Gedanken und schüttelte den Kopf. "Na dann viel Glück," bemerkte er nur trocken.

Paul war sich sicher, seine Idee würde funktionieren, und er hätte auch noch seinen Spaß dabei. Christina würde immer als erste schlafen gehen und es sah so aus, als hätte sie momentan nicht vor, dort zu schlafen, wo der Rest der Familie den Tag verbrachte. Die Türe zu Christinas Raum konnte sie nicht abschließen, weil Laddie vor einiger Zeit den Schlüssel verloren hatte. Paul könnte sich also völlig ungehindert zu ihr gesellen. Christina würde das erst bemerken, wenn die nächste Nacht anbrach und sie erwachte. Dann musste Paul allerdings sehr überzeugend sein, sonst könnte sein Plan nach hinten losgehen, und das wollte er auf garkeinen Fall riskieren.

Aber was machte er sich Sorgen? Er war der Sire der jungen Frau, also würde es ihr kaum gelingen, ihm zu widerstehen. Ihm war schon klar, dass er dabei war, seine Macht zu mißbrauchen, aber der große, blonde Vampir sah keine andere Möglichkeit. Und mal ganz davon abgesehen, die Kleine würde auch auf ihre Kosten kommen. Wenn es ganz gut lief, wäre er ja vielleicht dazu in der Lage, sie damit an sich zu binden, als seine Gefährtin, für alle Ewigkeit. Zur Zeit war genau das Pauls größter Wunsch. Es würde schon klappen, es musste einfach, den Paul hatte absolut keine Lust auf einen permanent gereizten Marko!

Einige Tage später war es dann soweit. Christinas Hunger kam ihm zur Hilfe. Die junge Frau hatte es tatsächlich geschafft, ihr Zimmer einige Nächte lang nicht zu verlassen. Selbst David war etwas besorgt. Ungewöhnlich war dieses Verhalten für einen neugeborenen Vampir jedoch nicht. Es kam häufig vor, dass die sich zunächst gegen ihre unsterbliche Familie auflehnten, aber in der Regel war das spätestens vorbei, wenn der Blutdurst unerträglich wurde, und das schien nun bei Christina der Fall zu sein.

Er dachte kurz darüber nach, die junge Frau das erste Mal zum Jagen mitzunehmen, aber dann hatte er eine bessere, viel einfachere Idee. Christina stand im Türrahmen, und blickte in den Raum. Sie sah nicht so gut aus. Ihre Haut war ziemlich grau und ihre Wangen waren eingefallen. David wollte etwas zu seiner Tochter sagen, aber Paul kam ihm zuvor. "Du siehst sehr hungrig aus," bemerkte er. Christina seufzte und nickte dann. Ihr Gesichtsausdruck verriet, dass sie das nicht gerne zugab.

"Okay," fuhr Paul fort, schnappte sich Christinas Hand und zog sie hinter sich aus dem Zimmer. "Wir machen einen kurzen Ausflug," sagte er und führte sie zu seinem Motorrad. Ihr Zimmer wäre die bessere Wahl gewesen, aber der Rest der Sippschaft machte keine Anstalten, in nächster Zeit das Versteck zu verlassen. Er wollte mit Christina alleine sein und sie mit seinem Plan nicht vor den anderen bloßstellen, denn das würde die angespannte Stimmung nur verschlimmern.

Etwa fünf Minuten später saß Paul mit seinem Zögling auf einer kleinen Lichtung mitten im Wald, nicht unweit der Stelle, an der Christina das erste Mal auf Dwayne getroffen war. Er horchte einen Moment und wusste dann genau, dass weit und breit niemand außer ihm und Christina war. Er zog kurz entschlossen seine Jacke und sein Shirt aus und zog Christina auf seinen Schoß.

Sie sah ihn zwar unsicher an, wehrte sich aber nicht. Paul schlitzte mit seinem Fingernagel seine Brust auf und bot Christina an, von ihm zu trinken. "Komm schon, sei nicht so schüchtern," sagte er schließlich lächelnd und schmierte mit seinem Zeigefinger etwas von seinem Blut auf ihre Lippen. "Du musst dich beeilen, die Wund fängt schon an sich wieder zu schließen!" Der Vampir brauchte diese Aufforderung nicht zu wiederholen. Sie stürzte sich mit verwandeltem Gesicht auf ihn und trank.

Paul beobachtete sie grinsend und freute sich schon auf das, was nun folgen würde. Er brauchte sie garnicht zu verführen, wie er es geplant hatte, denn das würde nun unweigerlich umgedreht laufen. Pauls Plan ging auf und er war erleichtert. Christina fiel über ihn her, als ihr Durst gestillt war. Sie hatte nun Appetit auf etwas anderes, dass Paul zu bieten hatte.

Danach ging es besser mit Christina und den anderen Vampiren. Sie ging zunächst immer mit Paul alleine auf die Jagd, aber irgendwann wollte David mit dem gesamten Rudel jagen. Die sechs Vampire fuhren zwei Orte weiter, denn dort fand ein Gothicfestival statt, so wie in jedem Jahr. Die Vampire wussten genau, dass einige der Festivalbesucher es vorzogen, an abgelegenen Orten ihre Zelte aufzubauen, statt an dem dafür vorgesehenen Platz.

Nach diesen jungen Leuten suchten die Vampire und wurden schnell fündig. Die männlichen Vampire führten die jungen Leute einige Zeit etwas an der Nase herum und jagten ihnen Angst ein, dann schlugen sie zu. Christina schaute erst einmal nur zu. Die Menschen taten ihr leid. Das waren sehr junge Erwachsene, nicht älter als Mitte zwanzig. Sie waren nicht schlechter oder besser wie alle anderen Menschen, sie hatten ein derart grausiges Ende nicht verdient. Sie hasste sich zwar selber dafür, aber ihr Blutdurst siegte über ihr schlechtes Gewissen. Als Paul ihr einen jungen Mann mit aufgeschlitzter Kehle reichte, konnte Christina sich nicht zurückhalten.

In der nächsten Nacht bat sie Paul und David darum, einmal alleine auf die Jagd zu gehen. Sie wollte sich ausprobieren, zumindest war das der Grund, den sie den Beiden nannte. Tatsächlich hatte sie etwas ganz anderes vor. Sie war überglücklich, als die beiden Vampire ihrer Bitte nachkamen. Sie konnte ja nicht wissen, dass David Paul hinter ihr herschickte, um sie zu beobachten. Er wollte genau wissen, was sein Kind wirklich vorhatte.

Tja, und als Christina kurz vor dem nächsten Tagesanbruch in die Werkstatt zurückkehrte, konfrontierte David sie mit Pauls Beobachtungen. "Ich hoffe, du hast nun begriffen, dass du dich nicht von Tierblut ernähren kannst," stellte er sie zur Rede.

Christina senkte verlegen den Kopf, denn ihr Vater hatte völlig Recht. Das Blut von Tieren schmeckte scheußlich und stillte ihren Durst nicht vollständig, außerdem fühlte sie sich ertappt. "Was soll ich nur mit dir machen?", fragte David.

Dann aber geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte. Paul stand schon neben seiner Gefährtin um David aufzuhalten, falls das notwendig sein sollte. Marko positionierte sich auf ihrer anderen Seite und Christina blickte ihn erstaunt an.

Marko lächelte und legte seinen Arm um die Schultern der jungen Frau. "Komm schon, David," sagte er. "Sie hat sich in der letzten Zeit wacker geschlagen, du musst nicht so hart zu ihr sein!"

David zog die Augenbrauen hoch und schüttelte ungläubig den Kopf. Wohin war der Marko verschwunden, der immer gegen Christina gestänkert hatte? "Hat sie dich nun auch schon um den Finger gewickelt, so wie ihren Sire?", fragte der Anführer.

Marko lachte. "Paul kann nicht dafür, sie ist nun mal seine Gefährtin. Denk mal darüber nach, wie geduldig du mit ihrer Mutter warst, und bei der war das alles vergebliche Liebesmüh," erklärte Marko. "Also es ist mir etwas peinlich, ach nee, eigentlich ist es mir nicht peinlich. Ich habe zu Beginn meiner Laufbahn als Vampir ebenfalls versucht, mich mit Tierblut über Wasser zu halten, nicht nur einmal. War keine besonders gute Erfahrung, hat aber etwas geholfen, wenn die Nahrung knapper wurde."

David senkte den Kopf, blickte seiner Tochter aber trotzdem in die Augen. "Also gut, vergessen wir diesen Ausrutscher," sagte er schließlich. "Setz dich hin, wir haben etwas zu besprechen!"

Er sah Christina einen Moment schweigend an. "Du weißt, dass die Tür aus unserem Versteck durch einen Code gesichert ist, den wir mit einer App auf unseren Smartphones betätigen können, um die Türe zu öffnen, oder?"

Christina nickte. "Ja, ich habe das schon oft gesehen, bei Paul. Er hat mir alles erklärt," antwortete sie.

"Okay," sagte David. "Du bist die einzige, die nicht alleine hier raus kann. Wir haben beschlossen, dass du nun auch ein Smartphone mit der App und dem Code bekommen sollst. Marko hat Recht, du hast dich wirklich gut in unsere Familie integriert, und das möchten wir belohnen." Lächelnd zog David ein funkelnagelneues Smartphone aus der Tasche und legte es vor sich auf den Tisch. Er blickte Christina ernst an. "Das ist ein Vertrauensbeweis von unserer Seite," erklärte er. "Ich hoffe wirklich, dass wir damit keinen Fehler machen!"

Christina blickte von ihrem Vater zu dem Smartphone und wieder zurück. Ihr wurde klar, dass das kleine Gerät ihr Weg in die Freiheit war. Das war der Moment, indem sie ihren Plan zu schmieden begann. Es dauerte noch einige Zeit länger, bis sie ihn in die Tat umsetzen konnte, und sie musste vorsichtig vorgehen und durfte nichts überstürzen. Sie wusste auch, dass sie nur eine Chance hatte, ihren Plan auszuführen, sie musste aufpassen, dass die anderen Vampire ihre Gedanken nicht mitbekamen. Wenn ihr Plan schiefgehen würde, würde ihr ihr Vater ihr nie wieder so viel Freiheit zugestehen, und Paul würde sie jede Nacht überwachen.

Paul war Christinas Schwäche und einige Male war sie kurz davor ihren Plan einfach zu vergessen. Sie liebte ihn, ja sie liebte ihn von ganzem Herzen. Sie wusste auch genau, wie sehr ihre Tat ihn verletzen würde, aber sie hatte keine andere Wahl. Sie hatte nie um dieses Leben gebeten, sie wollte es nicht haben. Sie wollte nicht töten und sie wollte auch nicht unsterblich sein.

Marko und Dwayne hatte ihr vor Wochen versichert, dass ihre Schulgefühle weniger werden würden und dass sie eines Tages ganz verschwinden würden, aber in ihrem Fall geschah das nicht. Das Gegenteil war der Fall, von Opfer zu Opfer wurden ihre Schuldgefühle schlimmer und sie hatte den Eindruck, der Blutdurst war alles, was sie noch antrieb. Paul schaffte es zwar immer, sie für einige Zeit aus ihren düsteren Gadanken zu holen, aber das hielt nie lange an.

Es kam sehr häufig vor, dass sie mit Paul in ihrem Zimmer schlief, statt mit dem Rest der Familie aon der Eisenstange herunterhängend den Tag zu verschlafen. Heute war der Zeitpunkt reif. Es würde keinem komisch vorkommen, wenn sie sich mit Paul zurückziehen würde. Sie brauchte dann nur warten, bis er einschlief, und sie musste es irgendwie schaffen, selber wach zu bleiben. Sie wollte das unbedingt, und tatsächlich war ihre Aufregung an dem entsprechenden Morgen so groß, dass sie länger wachblieb, wie Paul.

Vorsichtig stand sie aus dem Bett auf und öffnete eine der Schubladen. Sie hatte einen Brief dorthineingelegt, der für Paul bestimmt war. Sie war dabei, ihn zu betrügen, und er sollte wenigstens wissen, warum sie das tat.

Paul erwachte wenige Minuten später durch einen brennenden Schmerz an seinem gesamten Körper. Es war ein ähnlicher Schmerz, wie er ihn gefühlt hatte, als Sams Hund ihn in die Wanne in dem Haus von Michaels Großvater gestoßen hatte. Schreiend und total schockiert sprang er aus dem Bett.

Der Platz neben ihm war leer und er hörte Laddie schreien. Was war hier los, wo war Christina? Er bemerkte den Brief und nahm ihn in die Hand. Der Schmerz verging langsam und auch Laddie schien sich zu beruhigen. Mit dem ungeöffneten Brief in der Hand rannte er in den Raum wo die Vampire für gewöhnlich schliefen. "Wo ist Christina?", schrie er. Christina ist weg, wo ist sie?"

Laddie saß völlig verstört auf dem Boden und murmelte etwas vor sich hin. Marko saß neben ihm und versuchte ihn zu beruhigen. Die innere Uhr der Vampire bestätigte ihnen, dass es noch heller Tag war. Sie hatten keine Ahnung, warum sie alle zur gleichen Zeit erwacht waren.

Dwayne entdeckte den Brief, den Paul in seiner Hand zerknüllt hatte. "Was ist das?", fragte er. Paul starrte völlig verwirrt auf den Brief und zuckte mit den Schultern. Er schüttelte den Kopf und drückte den Brief Dwayne in die Hand. Der riss ihn auf und strich den Brief glatt um ihn zu lesen. "Oh shit," sagte er immer wieder völlig fassungslos.

David hatte sich mittlerweile wieder unter Kontrolle. "Was ist hier los?", fragte er. Dwayne reichte den Brief an David weiter und griff sich hilflos mit beiden Händen in die Haare.

David setzte sich auf den Boden und starrte die Wand an. Dann fing er an zu lesen:

"Paul,

wenn du diese Zeilen liest, gibt es mich nicht mehr. Vielleicht verstehst du meine Handlung nicht,

aber ich habe es nicht geschafft, mit diesem neuen Leben zurecht zu kommen. Ihr habt mir alle gesagt,

dass meine Schuldgefühle verschwinden würden, aber das war nicht der Fall. Es wurde immer schlimmer

für mich, und letztenendes konnte ich es nicht mehr ertragen. Es tut mir sehr leid, dass ich euch wochenlang

etwas vorgespielt habe.

Die Gefühle für dich waren jedoch echt. Ich liebe dich von ganzem Herzen und wenn gleich die Sonne meinen

Körper zu Asche verbrennt, dann werde ich dein lächelndes Gesicht vor mir sehen.

Du warst mir in den letzten Wochen ein guter Gefährte und ich habe jede Minute mit dir genossen.

Daddy, es tut mir leid, dass ich dich enttäusche. Ich habe dich sehr lieb gewonnen und hätte mir

gewünscht, dass ich dich eher getroffen hätte. Vielleicht wäre dann vieles anders gelaufen.

Ihr seid alle eine tolle Familie. Ich bin froh, dass ich euch kennengelernt habe.

Es tut mir leid, dass ihr meinetwegen so viel Ärger hattet, das habe ich nicht gewollt.

Ich hoffe, dass ich nun an einen Ort komme, an dem ich endlich meinen Frieden finde.

Aber egal wo das auch sein mag, ich werde mit einem Lächeln zu euch hinunter blicken und

auf euch achtgeben. Ich habe euch alle sehr lieb. Passt gut auf euch auf!

Christina"

Endlich verstand Paul, was David da vorgelesen hatte. Er überlegte nicht, sondern rannte zur Türe, um ins Freie zu gelangen. "Scheiße," schrie Marko nur, und sprang auf um Paul zu folgen.

"Scheiße, Paul, bleib hier," schrie Dwayne. "Du kannst nicht nach draußen, es ist Tag!" Paul hörte jedoch nicht zu. Vielleicht war es ja noch nicht zu spät. Vielleicht konnte er Christina noch retten. Was für ein Mann war er, wenn er das nicht wenigstens versuchte.

David hatte schließlich genug. Die Trauer um seine Tochter zerriss ihm das Herz, aber er hatte hier die Verantwortung. Er würde stark sein für seine Jungs, so wie es schon immer war. Er blickte kurz zu Paul hinüber. Er war vor Paul an der Türe und schlug Paul nieder. Dwayne, Marko und Laddie kümmerten sich um den großen, blonden Vampir.

David verzog sich in Christinas Zimmer. Er wollte alleine sein, er musste nachdenken.

Als die Sonne am nächsten Abend unterging, war Paul als erster wach. Er zögerte keine Sekunde, er packte eine kleine Tasche, nahm sich eine kleine Dose aus der Küche mit und verließ die Werkstatt.

Es war nicht schwer, Christinas Asche zu finden, denn die lag verborgen unter ihrer Kleidung. Er stopfte Christinas Shirt, in dem noch ihr Geruch hing, in seine Tasche und sammelte so gut es ging ihre Asche auf. Die ließ er in die Dose rieseln. Er verschloß die Dose sorgfältig und steckte sie in seine Jackentasche.

Dann faltete er Christinas restliche Kleidung ordentlich zusammen und legte den Stapel auf den Tisch, der vor der Werkstatt stand. Paul warf noch einen letzten Blick auf das Tor, dann setzte er sich auf sein Motorrad und fuhr in den Abend hinein. Er hatte seine Gefährtin verloren. Er brauchte etwas Zeit für sich, seine Brüder würden ihn verstehen. Sie wussten, dass Paul eines Tages zurückkommen würde, denn hier war sein zu Hause.

Ende

Eine kleine Anmerkung:

Lieber Gast, ich möchte mich erneut bei Dir für Deinen Zuspruch bedanken. Dein Kommentar hat mich dazu gebracht, die Geschichte endlich zu Ende zu schreiben. Ich hoffe, dass Ende gefällt Dir. Eins noch, wenn ich schon einmal einen Kommentar zu einer Deiner Geschichten hinterlassen habe, magst Du mir dann nicht vielleicht doch sagen, wer Du bist, ich bin echt neugierig.