Kapitel 24

Schlafende Schlangen

Sirius holte Luft, um etwas zu sagen, atmete dann geräuschvoll aus und schaute zur Flax. Der zuckte mit den Schultern.

„Anhand der Haut kann ich unmöglich sagen, ob es dieses Tier oder ein Animagus ist. Doch sollte es ein Animagus sein, steckt er in argen Schwierigkeiten." Tonks sah fragend von ihrem Kameraden zur Sirius.

„Ein Basilisk von der Größe häutet sich in etwa alle fünfzig Jahre", erklärte Flax langsam. „Dabei setzt jeder Verwandlung wieder alles auf null. Sollte der Basilisk tatsächlich ein Animagus sein, dann hat er wahrscheinlich längst den größten Teil seines Verstandes verloren."

„Wie kommst du darauf, dass es Salazar Slytherin sein kann?", fragte ich Tonks.

„Das würde mehr Sinn ergeben als ein einfaches Monster, das hier seit fast einem Jahrtausend hausen soll", antwortete sie. „Ein normaler Basilisk wäre längst verreckt oder einfach weggegangen. Wenn ich mich richtig an meinen Unterricht erinnere, sind diese Viecher fast immun gegen Magie. Sei du auch Salazar Slytherin selbst, es wird dir kaum möglich sein so ein Wesen für so lange Zeit an einen Ort zu binden."

„In dem Dunklen Wald gibt es genug Beute", wand ich ein, als wir weitergingen.

„Das wäre längst raus", widersprach Sirius. „Irgendjemand hätte das Ding gesehen. Und jeder Wildhüter hätte die Spuren im Wald längst entdeckt und die richtigen Stellen informiert."

„Es sei denn er lässt die Spuren verschwinden", meldete sich Tonks zu Wort. „Slytherin oder nicht, ein normaler Basilisk hätte sich niemals so lange hier verstecken können." Sie blieb stehen. In die Wand vor ihr waren zwei ineinandergeflochtene Schlagen eingemeißelt.

„Ist ja gruselig", meinte sie leise. „Die Augen sehen so lebendig aus."

„Die gesamte Archivabteilung wird ihre Seelen verkaufen, um das hier untersuchen zu können", meinte Falx, der mit den Fingern über die steinerne Oberfläche fuhren.

„Bereit?", fragte er. Sirius sah mich an und nickte. Wieder flüsterte und zischte der junge Zauberer. Die Kammer öffnete sich. Erst jetzt fühlte ich Angst. Die Erinnerung an meinen letzten Besuch hier war auf einmal sehr lebendig. Es war idiotisch sich damals allein hierher zu wagen. Als hätte es in der Schule nicht genug Lehrer außer Dumbledore gegeben! Steifbeinig folgte ich den anderen hinein. Schlangensäulen, grünes Dämmerlicht, die riesige Statue. Er kommt erst, wenn man ihn ruft, erinnerte ich mich und sah nach oben zu dem Mund der Statue. Geschlossen.

„Faszinierende Arbeit", flüsterte Tonks. „Das wurde nicht allein mit Magie geschaffen", stellte sie fest, als sie die Statue näher ansah. „Hier haben echte Handwerker gearbeitet. Vielleicht sogar Muggel!" Ich erlebte eine Erinnerung nach der anderen. Ginny, die bleich und leblos am Fuß der Statue lag. Ton Riddle mit meinem Zauberstab in den Händen. Leuchtende Buchstanden, die den Schriftzug IST LORD VOLDEMORT bildeten.

„Alles in Ordnung?", fragte Sirius, der sich neben mir kniete. Die beiden anderen erkundeten derweil den Raum.

„Es geht mir gut", versicherte ich. „Es ist nur alles wieder so lebendig", fügte ich flüsternd hinzu.

„Hier ist eine Tür", meinte Tonks, die die Wand neben der Statue abtastete. Ihre Finger fuhren die Fugen zwischen den massiven Steinen entlang. Tatsächlich. Wenn man genauer hinschaute, erkannte man, die Umrisse einer Tür. Ein geheimer Raum in einem geheimen Raum? Nun ja, sonderlich gut verborgen war die Tür nicht. Ich hätte sie bestimmt auch entdeckt, hätte ich damals Zeit gehabt mich hier in aller Ruhe umsehen zu dürfen.

Leicht nervös sah ich mich um. Keine Spur von dem Basilisken. Vielleicht musste er tatsächlich erst gerufen werden. Vielleicht wartete er aber nur, bis die naive Beute sich in Sicherheit wiegt. Ich bildete mir ein leises Zischen und das Geräusch der harten Schuppen sie über dem Steinboden gleiten zu hören. Die anderen drei hörten offensichtlich nichts, denn sie waren dabei die massive Steintür zu entriegeln. So wie es aussah, war die Tür nicht einmal verschlossen oder magisch verriegelt. Nach etwas zehn Minuten voller Schnauben und Fluchen war es uns gelungen die Tür soweit zur Seite zu schieben, dass der Spalt breit genug war, damit auch Sirius sich hineinzwängen konnte.

Wir warten mit angehaltenem Atem doch nichts geschieht. Niemand schleicht heraus, niemand zischt in der Dunkelheit. Tonks ließ eine Lichtkugel in den Raum schweben und wir erhaschten einen flüchtigen Blick einen Raum, der früher wahrscheinlich ein Labor gewesen sein könnte. Nachdem mehrere Such- und Prüfzauber den Raum erkundet haben und Sirius es für sicher befunden hat, drängten wir uns hinein.

Es hatte mehrerer Leuchtzauber gebraucht, um den ganzen Raum auszuleuchten. Es war in etwa so groß, wie ein halbes Quidditchfeld und etwa vier – fünf Metern hoch. Es war grob in zwei Teile unterteilt. Wohnbereich und Arbeitsbereich. Der erste enthielt ein großes Bett, einen Tisch mit einer Waschschüssel und einem Krug, sowie einen Tisch, eine Feuerstelle und einen Sessel. Auf dem Tisch stand eine leere Weinflasche, eine Schale, der sich irgendwann Brot befinden mochte. Es gab Spuren von Obst oder Gemüse. Der Arbeitsbereich nahm den restlichen Platz ein. Regale in denen in ordentlichen Reihen Bücher, Pergamentrollen und verschiedenste andere Dinge lagerten. Fein beschriftete Holz- und Metallkästchen. Glasflasche und große Töpfe aus Steingut. Schalen, Becher, Messbecher, Kolben, filigrane Glasröhren, verschiedengroße Kessel. Rührstangen, Löffel mit langem Stiel und ein halbes Dutzend Schöpfkellen. Ein großer Arbeitstisch auf dem eine alchimistische Apparatur aufgebaut war. Daneben ein kleiner Offen, die Überreste eines Fasses und ein weiterer Tisch, auf dem Papiere, Federn und Tintenfässer standen. Alles, aber wirklich alles, war mit einer dicken Schicht Staub bedeckt.

Sirius stand angespannt und zu allem bereit in der Mitte des Raumes. Er befahl uns mit einer Geste stillzustehen und wirkte einen Zauber nach dem anderen. Sie gingen wie Wellen von ihm aus, fluteten den Raum. Sie liefen über die Gegenstände und Möbel. Über die Bücher in den Regalen und die verrußte Feuerstelle. Zauber um Zauber tastete mein Vater den Raum ab bis die letzte Welle zu ihm zurückkehrte und er erleichtert aufatmete.

„Tonks, Staub entfernen, aber bitte vorsichtig. Flax, Harry – Erhaltungszauber. Fangt mit den Papieren an." Er selbst widmete sich den Regalen. Erhaltungszauber waren nicht schwer. Sie mussten nur schnell genug gewirkt werden. Drei hintereinander, Schicht um Schicht. Jedes Mal ein wenig stärker. Neville und ich haben es geübt. Um einen Trank länger frisch zu halten oder damit die heiße Schokolade auch im tiefsten Winter draußen heiß blieb. Hier war die Sache heikler. Jede unvorsichtige Berührung, jeder Luftzug einer Bewegung, jeder zu hastig gewirktem Zauber lösten die Papiere auf. Buchstäblich. Sie zerfielen zu Staub, wenn man sie anfasste oder sonst wie unvorsichtig war. Sirius erging es nicht anders. Glas und Metall hielten sich relativ gut. Doch die kleinen Holzkäschen zerbröselten in seinen Finger und rieselten zusammen mit ihrem Inhalt auf den Boden. Tonks half ihm, dabei die Sachen vorsichtig mit den nötigen Zaubern zu belegen.

Wir arbeiteten still. Nur ab und zu waren Flüche oder überraschte Rufe zu hören, wenn einer von uns etwas Interessantes fand. Seltene Zutaten. Artefakte, Schmuck, Edelsteine oder handschriftliche Aufzeichnungen über die ersten Jahrgänge der Hogwarts Schule für Hexerei und Zauberei. Mit schweißnassen Handflächen wirkte ich die Erhaltungszauber. Jedes Blatt einzeln. Vorsichtig. Langsam. Sorgfältig. Ich kam kaum dazu das zu lesen, was auf den Blättern stand. Zu Einem weil mir dazu keinen Zeit blieb. Zum Anderen, weil ich die Handschrift kaum entziffern und die veraltete Sprache nicht ohne Weiters lesen konnte. Einzelne Worte, Jahreszahlen, Namen war alles, was ich aus den Schriften entnehmen konnte.

Plötzlich hielt Flax, der zusammen mit mir arbeitete mitten in Bewegung inne, hob den Stab und ließ ein kaltes grünes Licht erscheinen. Augenblicklich waren Sirius und Tonks bei uns. Mein Vater schaute seinen Untergebenen fragend an und dieser deutete wortlos auf den Spalt, der zu diesem Raum führte. Leise zischend glitt ein riesiger Schlangenleib an der Tür vorbei.

„Merlin bewahre", flüsterte Tonks kaum hörbar und umklammerte ihren Zauberstab. Flax spannte sich an und machte einen Schritt auf die Tür zu.

„Flax!", rief Sirius warnend dich der Junge schüttelte den Kopf.

„Er will nicht angreifen", flüsterte er und machte noch einen Schritt auf den Spalt zu. „Noch nicht." Leises Zischen. Götter! Wie gern hätte ich jetzt die Fähigkeit mit diesem Wesen zu reden. Ich erkannte in dem Zischen einzelne Worte, doch ich wusste nicht mehr, was sie bedeuteten. Flax holte tief Luft und zischelte etwas. Die Bewegung draußen stoppte.

„Übersetzung, Falx", verlangte Sirius.

„Er ist neugierig, will wissen, wer wir sind", antwortete der Mann mir rauer Stimme und hüstelte ein weinig, bevor er weiter sprach. „Ich sagte ich, wir seien keine Feinde." Sein fragender Blick heftete sich an Sirius. Er beschwor ein Glas Wasser und reichte ihn Flax. Er trank ihn in einen Zug aus.

„Wir sind Forscher, die nach dem Erbe des großen Salazar Slytherin suchen", meinte Sirius und der andere Mann übersetzte diese Antwort in Parsel. Wieder glitt die riesige Schlange an der Türöffnung vorbei. Der massiver Kopf erschien und Verschwand wieder.

„Schließt die Augen", wies Sirius uns an.

„Er will wissen, wer von uns der Erbe sei", sagte Flax und füllte das Glas in seiner Hand wieder mit Wasser. Sirius schwieg.

„Wir alle sind von seinem Blut", sagte Tonks. „Überlegt doch mal wie viel Zeit vergangen ist! In jedem von uns ist etwas von seinem Blut." Da konnte sie Recht haben.

„Sag es ihm!" Zischen neben mir und dann ein Zischen hinter der Tür.

„Er… er will uns sehen", Flax' Stimme wurde zu einem heiseren Flüstern. „Er sagt, wir sollen die Augen geschlossen halten und uns nicht fürchten… es ist noch nicht die Zeit für die Jagd."

Tonks murmelte etwas, was entweder ein Gebet oder ebenso gut auch ein Fluch sein konnte. Sirus war da eindeutiger. Sein Fluchen veranlasste mich fast die Augen zu öffnen und ihn überrascht anzuschauen.

„Vergib mir, Harry", bat er. „Und sag bitte deiner Mutter nicht, dass ich so etwas in deiner Gegenwart gesagt habe." Nun, sagen werde ich es nicht. Aber ich hoffte, ich würde mich noch an die Worte erinnern. Sie waren einfach zu eindrucksvoll, um einfach vergessen zu werden.

Zischen. Dieses Mal fordernder.

„Er will uns sehen", erinnerte uns Flax. „Noch ist es Neugier, … er will nur wissen wer wir sind." Verdammt! Verdammt! Ich bin ein Idiot! Ich habe diese Leute hierhergebracht! Ich…. Schwere, vertraute Hand auf meiner Schulter.

„Komm, Harry. Wenn er mit uns beschäftgt ist, wird er nicht daran denken, dass die Kammer geöffente ist." Sirius' Stimme zittert nicht, aber ich fühle seine Aufregung. Den Herzschlag in seinen Fingerspitzen. Im Notfall haben wir beide Amulette, die uns vermutlich auch von hier wegbringen würden. Doch Tonks und Flax werden dann hierbleiben müssen. Die Kammer würde geöffnet bleiben. Wir drängen uns durch die Öffnung hinter uns höre ich Tonks und Flax. Wir stehen so nah beieinander, dass ich die beiden spüren kann.

Ich kann den Basilisken nicht sehen, aber ich fühle seine Gegenwart. Er gleitet leise zischend an uns vorbei.

„Er sagt, dass wir … weniger sind als der andere, der hier war, dass wir aber genug sind, um das Erbe mitzunehmen."

„Der andere?", fragte Sirius. Leises Zischen von Flax das Zischen des Basilisken.

„Der andere wollte nicht das Wissen, er wollte … Gehorsam. Ihm musste er gehorchen, uns nicht."

„Götter!", murmelte Tonks. „Das muss er nicht."

„Sag ihm, dass wir das Wissen nehmen und gehen werden. Wir sorgen dafür, dass er nie wieder gehorchen muss." Zischen.

„Er fragte wie…. Sir, er ist verärgert."

„Wir sind gegen den anderen Mann", sagte Sirius entschieden. „Wir müssen ihm auch gehorchen und wie wollen es ebenso wenig wie er."

„Sir?"

„Übersetze es, Flax!" Ein- und Ausatmen. Zischen. Einige Sekunden lang ist es still. Dann kommt die Antwort. Selbst wenn sich die nicht mehr verstehe, begreife ich, dass sie zufrieden klingt.

„Er sagt, dass der andere Mann der Erbe ist, und dass er aber unwürdig ist… verdorben. Wenn wir gegen ihn sind, ist es gut." Der Basilisk gleitet immer wieder hin und her an uns vorbei und Flax kommt mit der Übersetzung kaum hinterher.

„Wir dürfen gehen und wir dürfen die Sachen aus dem Raum mitnehmen aber nur einmal. Er will Ruhe und Stille. Er will, dass niemand mehr kommt. Er wird sich fern halten, im Wald jagen und er wird schlafen und sich erinnern. Wenn nochmal jemand kommt – wird er Beute." Noch eine letzte Bewegung an uns vorbei und das Zischen entfernt sich.

„In … in einer Stunde muss die Kammer verschlossen werden", sagt Flax und seine Stimme wird wieder rau. Er zittert. Das kann ich fühlen, weil er direkt hinter mir steht. Einige Minutenlang bewegen wir uns nicht.

„Er ist weg", höre ich die Stimme meines Vaters und öffne endlich die Augen. Tonks steht bleich und nach Atem ringend an der Wand. Flax kauert daneben. Sirius geht neben ihn auf die Knie.

„Florentin Axavian Hunter, du bist einer der mutigsten Männer, die ich kenne", sagte er mit fester Stimme und reichte dem Mann die Hand. Dieser schaute sie einige Augenblicke lang an und drückte sie schließlich mit einem unsicheren Lächeln auf den Lippen. Sirius schaute von mir zur Tonks und dann wieder zur Flax.

„Wir nehmen alle Papiere mit. Sie haben Vorrang. Alles andere nur wenn wir die Möglichkeit haben. Alles, was wir mitnehmen bleibt bei uns. Ich will nicht, dass irgendwelche Narren sich nochmal hierherwagen. Wir haben die Kammer gefunden, sie ist leer staubig und einstürzt gefährdet. Hier gibt es nichts zu sehen. Kein geheimes Zimmer, kein Basilisk. Nichts!" Er musterte uns.

„Von welchem Basilisken reden Sie, Sir?", fragte Falx, der bereits dabei war die restliche Papiere eilig mit Erhaltungszaubern zu belegen.

„Chef, wir müssen hier weg", beharrte Tonks die zusammen mit mir und Sirius die Papiere vorsichtig einpackte und sie dann in einer herbeigezauberten Umhängetasche verschwinden ließ. „Das sieht nicht sicher aus. Hier kann alles jeden Augenblick einstürzen."

„Ja, Dad", spielte ich das Spiel mit. „Lass uns wieder hochgehen, es gibt bestimmt bald Mittagessen." Sirius lächelte dankbar, vergrub seine Hand in meinem Haar und drückte mich an sich. Er steckte die letzten Blätter in die Tasche, seufzte schwer und befahl den Rückzug.