Kapitel 20b
Sonntag, 11. August 2002,
Frühstück bis Mittagessen
Am Samstagmorgen erschienen Lucius und Leticia wieder nicht zum Frühstück, und Severus konnte über ihren Verbleib und ihre wahrscheinlichen Aktivitäten nur Vermutungen anstellen. Die These erfüllte ihn in einem gewissen Maß an Ärger. Leticia Mortelle hatte Lucius zu einem langen Eiertanz gezwungen, während Hermione Severus gegenüber nichts als Akzeptanz gezeigt hatte – sogar Ermutigung –, warum also sollte Lucius die Früchte seiner Bemühungen genießen, während Severus in solch einem Zustand von Unzufriedenheit schmorte?
Nach dem Frühstück strömten die meisten Gäste zu Minerva McGonagalls Tanzunterricht zur Vorbereitung des großen Balls am Abend, aber Severus wußte nichts mit sich anzufangen. Am Abend zuvor hatte Fortescue Parkinson nach dem Schauspiel einen schweren Anfall von Verdauungsstörungen erlitten – der Dummkopf hätte wissen müssen, dass er nicht alleine eine ganze Flasche Portwein trinken konnte –, und Hermione hatte darauf bestanden, ihn im Krankenflügel besuchen zu gehen, wo der ältere Zauberer unter Poppy Pomfreys geradliniger Fürsorge dahinsiechte. Severus schwänzte den Besuch; er mochte den Mann nicht, der ein heimlicher Unterstützer des Dunklen Lords gewesen war. Zu dumm, dass Pomfrey nicht einige echte Regencymittel bei Parkinson anwenden konnte, zum Beispiel Aderlass – oder vielleicht sogar Blutegel.
Stattdessen spazierte er in Lucius' Fechtklassenraum, um seinen Freund vorzufinden, der – zweifellos voller Bewunderung – mit seinem Spiegelbild im langen Spiegel an der gegenüberliegenden Wand focht. Lucius wandte sich um, als er Severus sah, hob einen Degen auf und hielt ihn ihm hin. Automatisch nahm Severus die Waffe in die Hand, während seine Finger prüften, was seine Augen bereits gesehen hatten: Die Spitze des Fechtdegens war mit einer Knospe* bedeckt.
„Guten Morgen!", sagte Lucius, und Severus musste zugeben, dass sein Freund bestens aussah.
„Wie hast du es geschafft, dich von Professor Mortelle loszureißen?", fragte er sardonisch. „Solltest du nicht für die Sprache der Fächer Modell stehen?"
Lucius grinste. „Jeder von uns muss seinen letzten Unterricht abhalten, aber wir werden uns beim Mittagessen wieder sehen." Er ging in Duellpose. „Es ist mindestens ein Jahr her, seit wir zuletzt gefochten haben, Severus. Magst du es ausprobieren?"
Severus schüttelte den Kopf und legte den Degen wieder auf den Tisch zu den übrigen Floretten. „Heute nicht", antwortete er.
Lucius wandte sich wieder seinem Spiegelbild zu und übte einen Stoß mit Ausfall. „Heute würde ich Hackfleisch aus dir machen, mein Freund ", sagte er. „Sie hat 'ja' gesagt, weißt du."
Severus hob eine Augenbraue. „Wann findet das glückliche Ereignis statt?"
„Wir werden an Weihnachten heiraten. Leticia möchte eine formelle Hochzeit – und weshalb sollte sie dies nicht haben? Es wird ihre erste – ihre einzige – Hochzeit sein."
Lucius wirbelte wieder herum, und die Leichtigkeit seines Herzens machte ihn leichtfüßig. Da Severus sich daran erinnerte, wie niedergeschlagen sein Freund gewesen war, als Narcissa ihn verlassen hatte, konnte er ihm sein Glück nicht missgönnen – aber er konnte ihn darum beneiden, oder?
„Allerdings muss ich dich um einen Gefallen bitten", sagte Lucius und legte sein Florett auf den Tisch.
„Nein, ich werde es Draco nicht an deiner Stelle erzählen", schnappte Severus.
„Draco weiß bereits Bescheid", antwortete Lucius und sah ein wenig verletzt aus. „Ich habe ihn heute Morgen getroffen, um ihn zu informieren, dass der junge Zabini ohne Aufhebens abgereist ist. Dabei habe ich es ihm mitgeteilt, und er hat sich für mich gefreut."
Diese Neuigkeit musste Severus beeindrucken. „Ich bewundere deinen Mut", sagte er trocken.
„Der Gefallen betrifft Miss Granger", fuhr Lucius fort, und Severus warf ihm einen düsteren Blick zu.
„Ich bin nicht in Stimmung, um mir deine impertinenten Bemerkungen über Hermione anzuhören", warnte er.
Jetzt war es an Lucius, die Brauen über seinen neugierigen grauen Augen hochzuziehen. „Du verstehst mich falsch, Severus. Draco und der junge Potter treffen sich nach dem Mittagessen mit den jungen Leuten zu einem Quidditchspiel – er bittet lediglich darum, dass du einen Weg findest, Miss Granger drinnen für ein paar Stunden beschäftigt zu halten."
Severus starrte ihn weiter dünnlippig an und wartete, welche weiteren Vorschläge Lucius hatte, um Hermione abzulenken, aber Lucius war klug genug, sich zurückzuhalten.
„Na gut", sagte Severus säuerlich. „Ich werde tun, was ich kann, um sie beschäftigt zu halten, aber ich verspreche nichts. Wenn sie einmal Lunte gerochen hat, wird es die Fähigkeiten von Merlin höchstselbst brauchen, um sie von dem abzubringen, was sie sich in den Kopf gesetzt hat."
Lucius breitete weit seine Arme aus. „Mehr kann ich von dir nicht verlangen, mein Alter." Nüchtern trat er ein Stück näher. „Du weißt, Severus, selbst für eine abgebrühte alte Seele wie mich ist es offensichtlich, dass das Mädchen in dich vernarrt ist. Du hast zugegeben, dass du sie bezaubernd findest. Welche Skrupel hindern dich daran, dich vollständig an ihr zu erfreuen?"
Severus holte tief Luft. „Meine abgebrühte alte Seele geht lästigerweise mit einem Gewissen einher, Lucius. Bei all ihrer Intelligenz und Reife ist sie ein Unschuldslamm. Sie hat keine Ahnung, wer ich bin oder was ich getan habe."
Mit zusammengekniffenen Augen sah Lucius ihn scharfsinnig an. Einen Moment lang überlegte er und sagte dann, „Ihre Seele, wenn man so will, mag unschuldig sein, aber du musst ihr ihre Lebenserfahrung zugutehalten. Niemand, der so lange wie sie vor dem Dunklen Lord untergetaucht gelebt hat – der Folter durch Bellatrix durchgestanden und überlebt hat –, kann gänzlich unerfahren mit den düstereren Aspekten der Welt sein."
Er trat einen Schritt näher und legte eine Hand auf Severus' Schulter, und Severus sah ihr Spiegelbild, zwei Regency-Herren im Gespräch.
„Du bist … lange Zeit alleine gewesen, Severus. Stoisch und aufopferungsvoll. Ich weiß, dass du seit dem Ende des Krieges mit dir selbst großzügiger umgegangen bist, aber meinst du nicht, dass es Zeit ist, den nächsten Schritt zu wagen? Zuzulassen, dass jemand dir nahe kommt, der dich liebt?" Sein Griff verstärkte sich, und seine Stimme gab seine tiefsten Gefühle preis. „Es ist das Risiko wert, mein bester Freund. Ein Gefängnis besteht aus mehr als nur vier Wänden – wir können unser eigenes entstehen lassen, indem wir Barrieren errichten zwischen uns und denen, die uns lieben."
Severus fühlte sich akut unbehaglich. Seit Jahren hatten er und Lucius offen miteinander gesprochen, daher war es nicht der die Gefühle betreffende Teil seiner Rede, der ihn beunruhigte. Nein, es war das Echo von Dumbledores Worten – der Gedanken, die ihn in den letzten paar Tagen gequält hatten –, die ihn dazu brachten, sich mit zu einem Hohnlächeln verzogenen Lippen zu entfernen.
„Ich wäre dir dankbar, wenn du dich um deine eigenen Angelegenheiten kümmerst", schnappte er.
Lucius sah bedauernd drein, aber er verbeugte sich und nahm es wie ein Gentleman hin. Dann hörten sie Geräusche von Gesprächen der Herren, die frisch aus McGonagalls Klauen kamen und zu ihrer letzten Fechtstunde eintrafen. Severus schlüpfte hinaus, während Lucius anderweitig beschäftigt war.
~oo0oo~
An diesem Morgen war Harry unter den Gästen umhergegangen und hatte die Nachricht vom heimlichen Quidditchmatch verbreitet. Prompt willigte George ein, in Harrys Team als Treiber zu spielen, und begann sofort mit der Annahme von Wetten.
„Vielleicht gewinne ich etwas von dem Gold zurück, das ich verloren habe, als Snape das Schachspiel gewonnen hat!", sagte er.
Der Einzige, den Harry nicht hatte finden können, war Neville. Wo zum Teufel steckte er? Harry traf jedoch in der Eingangshalle auf Gabrielle Delacour. Gabby ließ Neville nie zu weit außer Sicht. Sie trug einen warmen Schal um die Schultern geschlungen und war auf dem Weg zur Tür.
„Gabby!", rief Harry. „Warte!"
Sie drehte sich um, und ein Lächeln erhellte ihr hübsches Gesicht. Sie und Harry waren seit Jahren befreundet – seit er sie während des Trimagischen Turniers vom Grund des Sees gerettet hatte.
„Hi, Harry!", sagte sie und wartete auf ihn.
Er grinste sie an. „Hör zu, ich war auf der Suche Neville – weißt du, wo er ist?"
Gabby nickte feierlich. „Oh ja! Ich gehe jetzt hinunter, um mich mit ihm zu treffen. Er ist bei der Peitschenden Weide."
Harry blinzelte. „Was?", fragte er und dachte, er habe sie vielleicht missverstanden.
„Dorthin geht er, um Ruhe zu finden ", erklärte Gabby.
„Du kannst bei der Peitschenden Weide keine Ruhe finden", widersprach Harry. „Der verdammte Baum versucht jeden umzubringen, der in seine Nähe kommt." Ein Gedanke kam ihm. „Warte – benutzt er einen Stock, um auf diesen Knorren zu drücken, der ihn stillhalten lässt? Macht er so –"
Gabby schüttelte den Kopf. „Oh, nein! So ist es nicht, Harry. Die Weide schlägt niemals nach Neville. Schließlich versteht er ihre Schönheit, nicht wahr?"
Harry starrte das französische Mädchen an und ihm wurde klar, dass sie so sehr in Neville verliebt war, dass sie wahrscheinlich annahm, er könne Snape in einem Duell schlagen, die dreizehnte Anwendung für Drachenblut finden und außerdem eine Heilkur für Lycanthropie entdecken. Und das alles vor dem Abendessen.
„Ja", sagte er vage. „Ja, das stimmt wahrscheinlich. Hör zu, Gabby, könntest du ihm sagen, dass wir nach dem Mittagessen ein heimliches Quidditchmatch austragen? Wenn er zuschauen kommen möchte, soll er zum Feld herunterkommen. Und du bist auch eingeladen. Aber wir sagen es nicht Hermione. Okay?"
Gabby strahlte ihn an. „Ich werde es ihm sagen – wir kommen bestimmt!" Dann trat sie einen Schritt näher zu Harry, legte eine Hand auf seinen Arm und senkte ihre Stimme. „Du bist sein bester Freund, Harry", sagte sie.
Harry blinzelte. Er war Nevilles bester Freund? Warum wusste er das nicht?
Gabby fuhr fort, ohne zu wissen, dass sie etwas gesagt hatte, das Harry seltsam fand. „Nach der Regency-Woche werde ich ihn bitten, mit mir nach Hause zu kommen, um meine Eltern kennenzulernen."
Harry empfand daraufhin etwas Mitleid mit Neville. Die Eltern seiner Freundin kennenzulernen, war furchterregend, selbst für solch eine erhabene Person wie den Schlangenschlächter.
„Das ist großartig, Gabby", sagte er mit so viel Begeisterung, wie er nur aufbringen konnte. „Nun, jetzt muss ich Draco finden."
Er trat den Rückzug an, aber das Teil-Veelamädchen ließ ihn nicht gehen. „Du und Draco seid so hinreißend miteinander!", sprudelte sie hervor.
Harry entzog ihr seinen Arm und wandte sich zum Gehen. „Erm, danke", murmelte er, als er davoneilte.
~oo0oo~
Hermione entwischte Mr Parkinson, nachdem sie sich eine Stunde lang seine Klagen über seine Gesundheit angehört hatte. Laut ihrem Zeitplan sollte sie jetzt auf Malfoy Manor reiten, aber sie und Severus waren bereits früher geritten. Ihr letzter Ritt. Der Gedanke machte sie schrecklich traurig.
„Aber ich habe ihn immer noch für einen weiteren Tag", murmelte sie vor sich hin, während sie den Krankenflügel verließ. „Ich habe ihn für einen weiteren Tag, und ich werde das Beste daraus machen."
Wegen des Endes der Regency-Woche war ihr bereits nostalgisch zumute. Seit sie ein kleines Mädchen gewesen war, hatte sie immer Jane Austens Welt erleben wollen, und diese Woche war es, was diesem Traum jemals am nächsten kam. Sie war im Damensattel geritten, hatte die alten Tänze mit einem geheimnisvollen Partner getanzt, am Jagdfrühstück teilgenommen und den Bügeltrunk genommen, Bowls und Federball gespielt, schlechte Handarbeit gemacht und ihre heißgeliebten Regencykostüme getragen, ganz wie eine echte Dame des Regency es getan hätte. Darüber hinaus hatte dieses Projekt von ihr genug Gold eingebracht, um die finanziellen Defizite der Schule zu decken.
Und es war alles für Hogwarts gewesen, nicht wahr?
Sie biss sich auf die Lippe und wusste, dass dies nicht ganz stimmte. Es hatte ebenso aufgrund von Hermiones Wunsch stattgefunden, so zu tun, als befände sie in Regencyzeiten … und aufgrund ihrer aufblühenden Vorliebe für die Gesellschaft des unergründlichen Schulleiters.
Zu guter Letzt fand sie ihn in Professor Binns' Klassenzimmer. Der Geistprofessor dozierte über die Versuche des Muggelparlaments, die Schulden des Regenten zu bezahlen, und der Schulleiter hörte mit mürrischem Gesichtsausdruck zu. Als sie den Klassenraum betrat, sah Binns von seinen Notizen auf.
„Spät zum Unterricht, Miss Grangeworth?", fragte er mit einem missbilligenden Schnaufen.
Severus erhob sich und durchquerte den Raum zu ihr, und seine schwarzen Roben blähten sich. „Fahren Sie fort, Professor", sagte er. „Ich kümmere mich um die … Schülerin."
„Sehr gut, Schulleiter", sagte Binns und nahm seinen Vortrag genau an dem Punkt wieder auf, wo er ihn unterbrochen hatte.
Hermione konnte ein Kichern nicht unterdrücken, als Severus ihr in den Korridor folgte. „Ich bin ein wenig zu alt für eine Schülerin!", verwies sie.
Severus zuckte mit den Schultern. „Für alte Männer wie Binns und mich bist du ein bloßes Kind", informierte er sie.
Hermione ging nicht auf die Spöttelei ein, denn ihr brannte eine weitaus dringendere Frage auf der Zunge. „Warum trägst du Roben? Hast du deine Regencykleidung bereits abgelegt?" Sie versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen, aber es war schwierig.
Er schenkte ihr ein halbes Lächeln. „Sehen diese aus wie meine üblichen Roben?", fragte er sie. „Madam Malkin wäre beleidigt, dich das sagen zu hören."
Hermione betrachtete ihn genauer. Die Roben waren aus einem Stoff, der so weich schien, dass sie dem Drang nicht widerstehen konnte, ihn zu berühren. „Das sieht wie Wildleder aus", sagte sie, während sie seinen Ärmel streichelte.
Er grinste. „Ja, es fasst sich ziemlich weich an. Du kannst die Roben … ruhig streicheln."
Sihe kicherte wieder und inspizierte ihn näher. Genau genommen trug er ein einem Talar ähnliches Kleidungsstück über schwarzen Hosen und Stiefeln, und ein abnehmbares Cape hing von seinen Schultern, das für den Bauscheffekt sorgte. Die Ärmel waren mit üppigen, tief-schwarzen Tressen auf schwarzem Stoff eingefasst; sogar die Vielzahl von Knöpfen auf den Ärmeln war mit dem weichen Stoff bedeckt. Die Vorderseite des Talars zeigte einen tiefen, mit Tressen eingefassten V-Ausschnitt; zwei Knopfreihen verliefen über der Brust nach unten enger aufeinander zu.
„Diese wurden nach den Angaben von Drocksmore Mirthwent, Schulleiter von Hogwarts von 1796 bis 1824 geschneidert", sagte er. „Aufgrund der Sitzung des Schulbeirats heute Nachmittag wollte ich möglichst wie ein Schulleiter aussehen. Das Wort eines Menschen ist gewichtiger, wenn ein angemessenes … Auftreten es untermauert."
Mit einem Lächeln neigte Hermione den Kopf und erinnerte sich daran, wie er seinen Klassensaal mit genau dem Auftreten, von dem er sprach, beherrscht hatte. Dann nahm sie seinen Arm. „Nun, mein Nachmittagskleid wird deinen Roben nicht gerecht, aber wirst du dennoch beim Mittagessen bei mir sitzen?"
Er führte sie zu den Treppen. „Mein persönlicher Zeitplan sagt klar, dass ich deine Eskorte zum Mittagessen bin, Milady", informierte er sie.
Sie lachte wieder, denn sie liebte seine Schelmerei, und sie war entschlossen, jede Minute ihrer dahinschwindenden Zeit mit ihm zu genießen.
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Anmerkung der Übersetzerin:
* Ein Florett ist ein als Übungswaffe entschärfter, mit einer Schutzkappe (franz. „Fleuret", dt. „Knospe") versehener Degen, von der sich der Name ableitet. Quelle: Wikipedia.
