Die Gedanken schwirrten in meinem Kopf umher wie ein Schwarm Leuchtkäfer, und jedes Mal, wenn einer von ihnen gegen die Innenwände meines Schädels prallte, verursachte es einen stechenden Schmerz hinter meiner Stirn. Mein Gesicht brannte noch immer, und die Haut spannte sich immer schmerzhafter mit jeder kleinen Bewegung. Innerlich verfluchte ich die Auswirkungen des Kraftfeldes, gegen das ich gerannt war, und den Blicken der Asura nach zu urteilen, die mich unentwegt anstarrten, sah es wohl mindestens so schlimm aus wie es sich anfühlte. Aber mein Aussehen war mir in diesem Moment egal; wutentbrannt stapfte ich die Rampen hinunter, immer weiter in die Ebenen von Rata Sum, die vom Tageslicht nicht mehr viel zu sehen bekamen.

Mein Ziel war eine kleine, unauffällige Stahltür, die sich nicht von den anderen umliegenden Türen unterschied – bis auf ein unscheinbares Symbol auf Augenhöhe. Ich klopfte nicht an; das hatte ich schon seit langer Zeit nicht mehr getan. Überhaupt war es schon viel zu lange her, dass ich durch diese Tür getreten war. Es fühlte sich nicht an wie eine Ewigkeit, aber wenn ich darüber nachdachte, was in der Zwischenzeit alles geschehen war…

Schwungvoll stieß ich die Tür auf, und sofort schlug mir die heiße, stickige Luft entgegen, die so vertraut nach Schrauben und Metallen roch. Normalerweise herrschte hier immer ein gewisser Lärmpegel, von Diskussionen und murmelnden Stimmen bis hin zu klackernden Prothesen und dem Piepen von Konsolen, doch die Stimmen schwiegen abrupt, sobald ich den Raum betrat.

Fünf entsetzte Augenpaare starrten mir entgegen, und in einigen wandelte sich das Entsetzen schnell in Überraschung, Freude und wieder Sorge. Nur Ronnée, von der es mich ohnehin überraschte, dass sie mir Beachtung schenkte, starrte mich mit ihrem typisch angewiderten Blick an.

„Was, bei der Ewigen Alchemie…?" Flüsterte sie nur, als sie mich von oben bis unten betrachtete, mit mir nur zu gut vertrauter Verachtung in den Augen.

Kopfschüttelnd schloss ich die Tür hinter mir und trat zu Kekk. Dieser war mittlerweile aufgestanden und schien sich von seinem ersten Schock bereits erholt zu haben, denn seine Mundwinkel verzogen sich zu einem Grinsen, auch wenn er es zu unterdrücken versuchte.

Um es zu kaschieren, zog er mich an sich und drückte mich in eine feste Umarmung. „Ich bin froh, Euch lebendig zu sehen. Aber Ronnée hat recht. Wann habt Ihr das letzte Mal in den Spiegel geschaut?"

Bevor ich eine Antwort geben konnte, war Varna ebenfalls aufgestanden und hielt mir etwas hin, an dem sie wohl gerade gearbeitet hatte. Es sah aus wie ein Rüstungsteil für den Rücken, viel zu groß für einen Asura. Überhaupt wunderte es mich, dass die Kru scheinbar nicht mehr nur an Prothesen arbeitete, aber meine Gedanken wurden unterbrochen, bevor ich weiter nachfragen konnte.

Als ich mein Spiegelbild in dem blank polierten Material sah, wusste ich selbst nicht, ob ich laut auflachen oder weinen sollte. Wie bereits befürchtet, hatte der Aufprall auf das Kraftfeld mein gesamtes Gesicht verbrannt, sodass die Haut rot glühte wie blühende Kirschen. Meine Haare hatte es auch nicht verschont; wirr und kraus standen sie in alle Richtungen ab und es war nichts mehr übrig von der einigermaßen anständigen Frisur, in die ich die roten Locken am Morgen noch gesteckt hatte. Die lumpige Kleidung vollendete das Bild, und ich schüttelte nur seufzend den Kopf.

Varna senkte das Metall und legte es zurück an ihren Arbeitsplatz, während ich mich auf den Tisch zog, auf dem ich bei meinen letzten Besuchen auch immer gesessen hatte. Meistens hatte ich mir den Platz mit Eddda teilen müssen, doch die Kriegerin war vermutlich wieder unterwegs, um neue Modelle auszutesten oder anderen eins auf die Rübe zu geben.

„Ihr habt in Löwenstein gekämpft, oder?" Es war Meppo, der schließlich die Stille brach, und mich neugierig betrachtete. Ich zuckte die Schultern.

„Gezwungenermaßen, und kämpfen kann man das nicht nennen. Kesh und ich haben nur versucht, lebendig aus dem Chaos zu entkommen, und nicht mal das ist wirklich gut gelungen." Ich schauderte bei dem Gedanken daran, wie Kesh uns das Leben gerettet hatte, indem sie in ihrer Schleierform von der einbrechenden Plattform gesprungen war, und wie sie später im Hospital beinahe ihr Leben verloren hatte. Sie fehlte mir jetzt schon, obwohl ich sie vor einem Tag noch gesehen hatte. Beinahe wünschte ich mir den Knoblauchgeruch herbei, zusammen mit den stinkenden Meeresfrüchten.

„Wisst ihr, wie weit die Portale sind, die für das Notlager angefordert wurden? Ich will die Eskorte begleiten."

„Der Aufbruch ist in drei Tagen geplant." Kam es von Ronnée, die sich in der Zwischenzeit wieder ihrer Konsole zugewandt hatte und es mal wieder nicht für nötig hielt, mich beim Sprechen anzusehen.

„Gut, dann ist ja noch genug Zeit." Ich sprach mehr zu mir als zu den anderen, aber drei Tage waren lang genug, um mir zumindest Gedanken zu machen über das, was ich vor hatte.

„Zeit wofür?" Kekk schmunzelte immer noch über meinen Anblick, schien sich aber langsam sattgesehen zu haben.

Mit meinen Fingern versuchte ich, meine Haare zumindest etwas zu bändigen, doch sie knisterten nur bei jeder Berührung und schienen danach noch weiter abzustehen.

„Ich möchte mit Zojja reden. Sie lässt mich nicht durch das Portal zu ihrem Labor, seitdem sie meinetwegen Dokumente von Snaff verloren hat, also muss ich einen anderen Weg suchen, zu ihr zu kommen."

Ronnée schnaubte verächtlich. „Selbst wenn Ihr einen Weg findet, wird sie nicht mit Euch reden. Nicht, solange Ihr nicht zurückgebracht habt, was Ihr ihr schuldig seid."

„Das geht nicht… Die Dokumente sind in den Archiven. Da komme ich niemals ran."

Ich sah, wie Ronnées Ohren sich aufrichteten, doch bevor sie etwas sagen konnte, hatte Varna das Wort erhoben.

„Bevor wir darüber reden, schlage ich vor, dass Ihr Euch erst mal wascht und umzieht. Ich kann Euch Kleidung von mir leihen, die einigermaßen passen dürfte. Aber erst mal ab in den Waschraum mit Euch, so könnt Ihr ja nicht weiter durch die Stadt laufen!"

In den letzten Tagen hatte ich mich so sehr an die behelfsmäßige Kleidung gewöhnt, dass es mich gar nicht mehr weiter störte, zumal in Götterfels viele mein Schicksal teilten, die ihr Hab und Gut in Löwenstein verloren hatten. Aber es wäre dumm, Varnas Angebot abzulehnen, und endlich aus diesen Klamotten für Menschenkinder schlüpfen zu können. Bevor ich zustimmen konnte, war Varna schon zu mir gekommen und schob mich wieder zur Tür hinaus, hin zu dem langen Flur, auf dem sich die Türen zu den Schlafräumen reihten. Ich war mir nicht sicher, zu welchem Kolleg dieser Bereich gehörte, aber es würde sich schon niemand an mir stören.

Mit einem letzten Schubs schob Varna mich in den Waschraum und war schon wieder verschwunden, als ich mich zu ihr umdrehen wollte. Ich sah sie noch eiligen Schrittes verschwinden, vermutlich, um die versprochenen Klamotten für mich zu besorgen, dann fiel die Tür vor meiner Nase zu.

Die alten Klamotten landeten im Abfall, und ich hatte nicht mal ein schlechtes Gewissen dabei, sie wegzuschmeißen. Ich entschied mich dazu, den Rucksack leerzuräumen und durch das Reinigungsprogramm zu jagen, damit auch dort der ganze Sand und Dreck raus gewaschen werden konnte.

Fast alle Verletzungen von Löwenstein waren bereits abgeheilt, und die wenigen blauen Flecke und Schrammen, die ich noch trug, waren den Arbeiten für Lennar zu verschulden. Aber die Shrimps und Keshs glückliches Gesicht waren den Aufwand immer wieder wert gewesen.


Als ich in den PeDACUR trat, waren die letzten Monate plötzlich wie wegradiert. Ich fühlte mich wieder wie damals, als ich in meinem kleinen Studentenzimmer gehaust und die Tage in Zojjas Labor verbracht hatte. Wie lange schon hatte ich diese Reinigungsgeräte nicht mehr benutzen können? Selbst die Badehäuser in Löwenstein waren nicht zu vergleichen mit den kleinen Kapseln, die doch so viel Komfort zu bieten hatten. Endlos lange wiederholte ich den Waschvorgang, ließ das warme Wasser mit seinem türkisen Leuchten auf mich herab rieseln und genoss mit geschlossenen Augen für eine kurze Zeit das Gefühl, dass die Welt noch in Ordnung war. Mit dem Wasser gelang es mir sogar, meine Haare einigermaßen zu bändigen, und schließlich trat ich aus der dampfenden Kapsel und wickelte mir eines der Handtücher um den Kopf, denn auch diesmal hatte der Trockenvorgang nicht ganz für die Haare gereicht.

Varna war nicht zu sehen, und auch sonst schien niemand mit mir in dem Raum zu sein, aber ich entdeckte einen Stapel ordentlich gefalteter Klamotten auf einer der Bänke neben mir. Zum Glück hatte Varna das Angebot gemacht und nicht Ronnée, denn ich hatte wenig Lust, mit lila Schleifen und Glitzer überall durch die Gegend zu laufen. Varna hingegen trug meist neutrale Kleidung, und das, was sie mir herausgesucht hatte, war nur minimal zu groß. Die schwarze Stoffhose konnte ich in die Lederstiefel stecken, und das blassrote Hemd krempelte ich an den Ärmeln etwas hoch, damit sie nicht störten. Sie hatte mir freundlicherweise sogar einen Gürtel gegeben, den ich mir um die Taille band, damit das Hemd nicht ganz so schlackerte. Die Haare rubbelte ich mit dem Handtuch noch einmal trocken, ließ sie aber für den Moment noch offen, um sie bei Gelegenheit durchzukämmen. Sie standen zwar nicht mehr ab, waren aber immer noch teilweise verknotet.

Ich vermied es, in einen der Spiegel zu schauen, denn ich wollte mein Gesicht nicht sehen. Auch so wusste ich, dass es beinahe die gleiche Farbe hatte wie mein Haar, und dass sogar die hellen Flecken kaum mehr zu erkennen waren vor lauter verbrannter Haut.

Mit einem wesentlich frischeren Gefühl kehrte ich schließlich zur Cybernetics-Kru zurück, doch zu meinem Erstaunen fing Ronnée mich noch vor der Tür ab. Mit verschränkten Armen wartete sie dort, und schien nicht besonders glücklich über diese Tatsache.

„Ihr habt Euch ziemlich Zeit gelassen. Kommt mit." Murrte sie nur, bevor sie sich in Bewegung setzte, ohne mich dabei noch einmal anzusehen. Ohne auch nur eine Ahnung von dem, was die Asura vor hatte, folgte ich ihr, durch ein paar Gänge und Türen, von deren Existenz ich bis dahin nicht einmal gewusst hatte. Als wir schließlich in einem Zimmer stehen blieben, war mir sofort klar, wo wir uns befanden. Der Raum war mit Spiegeln nur so zugestellt, die Möbel waren ausschließlich lila und weiß gestrichen und wo es nur ging, waren Schleifen angebracht. Lediglich ein Tisch aus Metall wollte so gar nicht in dieses Zimmer passen, aber genau dort führte Ronnée mich hin. Angewidert und fasziniert zugleich betrachtete ich noch die Dekoration, als Ronnée mir einen Stuhl hinschob und mich mit ihrem Blick dazu zwang, mich zu setzen.

Sie hielt mir einen zierlichen Gegenstand hin, nah genug, dass ich ihn betrachten konnte, aber sobald ich die Hand danach ausstreckte, zog sie ihn etwas zurück.

„Was glaubt Ihr, ist das?"

Während sie es langsam hin und her drehte, damit ich alle Seiten sehen konnte, stahl sich ein Grinsen auf meine Lippen.

„Sieht aus wie eine Krone. Was, wollt Ihr Euch jetzt etwa selbst zur Königin von Rata Sum erklären?"

Der Blick, den ich als Antwort bekam, war pures Gift, und mein Grinsen wurde breiter.

„Das hier ist eine Replik. Eine exakte Kopie von dem Original, und es hat Jahre gedauert, bis ich sie perfektioniert habe." Sie deutete auf dutzende von Blaupausen, Plänen und anderen Dokumenten, die über dem Tisch an der Wand hingen.

„Ihr wisst natürlich nicht, was es ist, deswegen werde ich es Euch sagen. Es handelt sich um eine Replik von Snaffs Stirnreif – genau der, mit dem er versuchte, Kralkatorrik zu besiegen." Bitterkeit mischte sich in ihre Stimme, und ich glaubte für einen kurzen Augenblick, den Schatten einer Träne in ihrem Augenwinkel zu sehen.

„Ihr… baut also das Spielzeug Eures Vaters nach?" Fragte ich diesmal weniger spöttelnd, aber ich fragte mich noch immer, was das ganze mit mir zu tun haben sollte.

Ronnée schüttelte den Kopf und seufze frustriert. „Nein, Ihr versteht nicht! Wisst Ihr, wie die Archive funktionieren?"

Wie kam sie jetzt von einem Krönchen auf die Archive? Ich schüttelte nur den Kopf. Das schien Ronnée schon erwartet zu haben, und die Frustration in ihrer Stimme wurde deutlich hörbar.

„Die wertvollsten Artefakte – unter anderem eben auch Snaffs Stirnreif – werden in einzelnen Schubladen aufbewahrt, die mit einem besonderen Mechanismus gesichert werden. Man kann diese Schubladen nur mit einem besonderen Schlüssel öffnen, den einzig und allein die höchsten Archivaufseher besitzen. Außerdem sind die Fächer mit Sensoren ausgelegt, die alle Daten des Artefakts, von der Größe bis hin zum Gewicht, genau aufzeichnen. Wird das Artefakt entfernt oder stimmen die Daten plötzlich nicht mehr überein, wird der Alarm ausgelöst. Soweit verständlich?"

Ich nickte. „Aber wie kann jemand dann ein Artefakt herausnehmen, ohne dass der Alarm losgeht?"

„Diese Artefakte sind nicht dazu gedacht, die Archive jemals wieder zu verlassen. Wird die Schublade geöffnet, hat der Archivwächter nur wenige Augenblicke Zeit, das Artefakt zu begutachten, bevor es wieder an seinem Platz sein muss."

So langsam bekam ich eine Ahnung von dem, was Ronnée im Sinn hatte, aber ich verstand meinen Platz in der Geschichte noch nicht.

„Woher wisst Ihr das alles?" Fragte ich schließlich, und jetzt war da fast so etwas wie Stolz in ihrem Blick.

„Ich habe einen Freund in den Archiven, der sein Wissen liebenswerterweise mit mir geteilt hat." Während sie das sagte, zweifelte ich etwas an der Freiwilligkeit dieses Freundes, aber ich behielt den Gedanken für mich. „Sie haben den Stirnreif meines Vaters, obwohl er mir gehören sollte. Und ich will ihn zurück. In die oberen Archive bin ich schon etliche Makle eingestiegen, und es ist einfach, Dinge von dort mitgehen zu lassen. Alles zu wissenschaftlichen Zwecken, natürlich. Aber die unteren Archive… Soweit ich weiß, ist noch nie etwas dort gestohlen worden. In der Theorie ist mein Plan vollständig ausgearbeitet, und ich habe mir eine Erfolgschance von 62% ausgerechnet. Nur kam ich noch nicht zur praktischen Umsetzung – denn ich habe nur einen einzigen Versuch."

Bei 62% bestand meiner Meinung nach noch ein äußerst hohes Risiko, zumal Ronnée ernsthafte Konsequenzen zu erwarten hatte, wenn sie scheiterte. Womöglich sogar nicht nur sie, sondern die gesamte Kru…

„Und an dieser Stelle kommt Ihr ins Spiel." Endlich kam sie zum Punkt, auch wenn mir der Unterton in ihrer Stimme nicht gefiel.

„Snaffs Dokumente sind ebenso wichtig wie sein Stirnreif, das bedeutet, sie werden in den unteren Archiven aufbewahrt. Natürlich, sonst wäre es für Zojja ein leichtes gewesen, sie zurückzubekommen." Ronnée hatte ihre Replik vorsichtig zur Seite gelegt und sich ein leeres Pergament geschnappt, um sich Notizen zu machen.

„Wenn ich es schaffe, die Dokumente zu stehlen, weiß ich, dass meine Theorie stimmt. Und es ist leichter, ein paar Blätter zu ersetzen als einen ganzen Stirnreif. Natürlich muss ich dabei die Schwere des Papiers und die Menge an Tinte berechnen, die verwendet wurde…" Sie schweifte in Murmeln ab, das ich nicht verstehen konnte, und einige Zeit saß ich reglos neben ihr uns sah mich weiter im Zimmer um. Obwohl der Raum einen kitschigen Eindruck machte, konnte ich kaum persönliche Dinge erkennen. Keine Bilder, keine Gegenstände, die irgendeine Erinnerung hätten bieten können. Nur Schleifen und ein paar Zertifikate an der Wand, auf denen Ronnées Name zu entziffern war.

Erst nach einiger Zeit wurde mir die Bedeutung von dem, was sie plante, bewusst.

„Moment. Ihr wollt Snaffs Dokumente stehlen? Für mich?"

„Natürlich nicht. Dass Ihr sie Zojja zurückgeben könnt, ist nur ein kleiner positiver Nebeneffekt für Euch. Ich will einfach nur meine Theorie testen, und je mehr ich von Snaffs Besitztümern aus den Archiven entwenden kann, umso besser."

Es war nur ein Gedanke, aber es ließ mein Herz dennoch schneller schlagen. Ronnée würde mir helfen, mich mit Zojja zu versöhnen, und sie hatte schon längst einen Plan! Das waren doch endlich mal gute Neuigkeiten.

„Wie kann ich dabei helfen?"

Ronnée hob den Kopf und sah mich an, als hätte sie meine Existenz vollkommen vergessen. „Helfen? Ah… Trefft mich morgen Abend bei Sonnenuntergang. Bei Rokks Bar, wisst Ihr, wo das ist?"

Die genaue Lage wusste ich zwar nicht mehr, aber ich würde irgendwie dorthin finden, also nickte ich.

„Wunderbar. Ich kümmere mich bis dahin um alles, und Ihr spielt den Lockvogel, falls etwas schiefgehen sollte. Und jetzt raus mit Euch, ich muss arbeiten."

Sie sah nicht mehr von ihrem Tisch auf, und ignorierte meine Nachfragen bezüglich der Lockvogel-Sache. Schließlich gab ich es auf, seufzte nur und suchte den Weg zurück durch die Gänge und Türen. Ein mal verlief ich mich und landete im Zimmer eines älteren Asura, der mich fassungslos anstarrte und eine Tasse nach mir warf, doch ich war schneller und sie zerschellte bloß an der bereits geschlossenen Tür. Als ich wieder vor der mir vertrauten Stahltür stand, hatte ich tausende mehr Fragen in meinem Kopf, zusammen mit der Ungewissheit über das, was Ronnée mit mir vor hatte, aber ich war auch glücklich darüber, einen Plan zu haben.

Meine Finger wollten sich gerade um die Klinke schließen, als die Tür von innen stürmisch geöffnet wurde und plötzlich stand Eddda mir gegenüber, so nah, dass unsere Nasen sich fast berührten. Ehe ich mich versah, schlang sie ihre Arme um mich und hob mich hoch, während sie so fest drückte, dass ich kaum noch Luft bekam.

„Langohr! Ihr seid wieder da!" Sie schwang mich euphorisch hin und her, und da ich kein Wort herausbrachte, klopfte ich ihr auf den Rücken als Bitte, mich wieder auf den Boden zu lassen. Was sie auch tat, nach viel zu langer Zeit.

„Ihr habt ganz schön lange gebraucht." Warf Varna ein, und ich schob es darauf, dass ich aufgehalten wurde. Während mein Blick zu Ronnées leerem Platz schweifte, ging ich nicht weiter darauf ein. Denn wenn sie mich schon so im Geheimen abgepasst hatte, wollte sie vermutlich nicht, dass die Kru etwas von ihren illegalen Machenschaften mitbekam. Überhaupt war ich mir nicht mehr sicher, ob Ronnée nicht vielleicht doch mehr war als eine nervige glitzernde Ratte.

Eddda hatte von allen die meisten Fragen über den Angriff auf Löwenstein, und so kam es, dass ich noch einige Zeit im Labor der Kru verbrachte und von dem Erlebten berichtete. Während die Kriegerin sich hauptsächlich für den Angriff selbst interessierte, stellte Meppo viele Fragen über die anschließende Situation in Götterfels. Rata Sum hatte von den Flüchtlingen erstaunlich wenig mitbekommen; die meisten waren tatsächlich in die krytanische Hauptstadt oder nach Hoelbrak geflüchtet. Varna brachte zwischendurch etwas zu essen, und ich erkannte sofort das Symbol von Bromm auf den Boxen. Fast schon war ich versucht, ihm noch einmal einen Besuch abzustatten. Aber so oberflächlich wie er war, würde er mich vermutlich mit meinem momentanen Aussehen nicht einmal durch die Tür lassen. Auch wenn ein gewisser Reiz da war, es noch einmal zu versuchen… Meine Finger strichen über das Symbol, was mir einen Schlag in die Seite einbrachte, gefolgt von Edddas wissendem Schmunzeln.

Ronnée blieb den Rest des Tages über verschwunden, doch niemand sprach das Thema an. Dafür hakte ich letztendlich nach, was es mit der großen Rüstung auf sich hatte, und Kekk zeigte mir Blaupausen, die definitiv für einen Charr gedacht waren.

„Das ist ein ungewöhnlicher Auftrag, in der Tat. Dieser Kunde hat durch ein Feuer einen Großteil seines Rückens verbrannt und möchte von uns eine neue „Haut" erhalten, die gleichzeitig auch seine Rüstung ersetzt. Ich war anfangs nicht sicher, ob wir dem gewachsen sind, aber er zahlt überraschend gut, also ist es einen Versuch wert."

Er demonstrierte mir die besondere Beschaffenheit des Materials, und dass die Rückenplatte aus zwei Hauptschichten bestand. Die untere war etwas weicher, um sich besser der Rückenform anzupassen, und darüber befand sich das eigentliche Schild. So sollte gewährleistet werden, dass der Träger sich keine massiven Verletzungen zuzog, wenn die obere Schicht durchbrochen wurde – schließlich befanden sich darunter weder Kleidung noch schützendes Fell oder Haut.

„Und das braucht er nur für den Rücken?"

Kekk nickte. „Vorerst, ja. Er hat allerdings schon angedeutet, dass er über eine vollständige Rüstung dieser Art nachdenkt, wenn er mit dem Rücken zufrieden sein sollte."

„Heißt das, dass er sich absichtlich… seine Haut entfernen würde?" Ich war selbst überrascht über das Entsetzen in meiner Stimme, aber der Gedanke jagte mir Schauer über den Rücken. „Ich meine… wenn er sie einfach nur als Rüstung fragen wollte, könnte er zu einem normalen Schmied gehen…"

„Das weiß ich selbst nicht. Und ehrlich gesagt, versuche ich darüber gar nicht erst groß nachzudenken. Charr sind starrköpfige Kreaturen, wer weiß, welche verrückten Ideen sie in ihrem Kopf haben!"

Mir war sofort klar, dass Arrhakesh so etwas zumindest in Erwägung ziehen würde, wenn sie davon hören würde. Sie gehörte definitiv zu der Sorte Charr, die für so etwas verrückt genug waren. Ich schüttelte den Gedanken ab, bevor er sich in meinem Kopf in Bilder verwandelte.

„Seinen Rücken abzumessen, war keine besonders schöne Angelegenheit." Murmelte Varna, „so eine schwerwiegende Verbrennung sieht nicht besonders umwerfend aus. Noch dazu die Schmerzen, die er haben musste. Schwer zu glauben, dass jemand sich so etwas freiwillig antun würde, aber es sind nun mal eben Charr."

„Erinnert ihr euch an den Charr, der sich vor lauter Wut selbst den Finger abgebissen hatte?" fragte Kekk in die Runde, und von allen kam zustimmendes Murmeln und ungläubiges Gelächter. Das Thema blieb noch eine Weile bei den schrägsten Kunden, die die Kru jemals aufgesucht hatten; zum Glück gab es aber nur wenige in dieser Richtung. Die meisten waren Kunden wie der Asura, der sich nach dem Verlust seines Arms eine komplette Kochstation hatte einbauen wollen, samt Rührgerät und Pfannenwender.

Von Kunden kamen wir schließlich zu Geschichten, auf welche Arten man Gliedmaßen verlieren konnte. Von Kekk wusste ich mittlerweile, dass er sein Bein durch den Angriff eines Panthers verloren hatte, daher auch die ganzen Narben überall auf seinem Körper. Da jeder in dieser Kru eine Prothese trug, war ich natürlich neugierig auf die Geschichten der anderen. Zwar wollte mir niemand erzählen, wo Ronnée eine Prothese trug und wie es dazu gekommen war, aber ich erfuhr, dass Meppo den Fuß durch eine Krankheit verloren hatte und Varna als Kind in einen Apparat gefasst hatte, der sie zwei Finger gekostet hatte. Mein Blick fiel auf Eddda, der ein Großteil des Armes fehlte, und sie lief dunkelrot an, als wäre ihr ihre Geschichte peinlich.

„Eddda hat sich mit einer Diebin geprügelt, und dabei ziemlich unglücklich einen Dolch abbekommen, nicht wahr?" Kekk grinste wieder, und beinahe wollte ich ihn ohrfeigen dafür, dass er Eddda so verlegen machte. Die sonst so lautstarke und ruppige Kriegerin hatte den Kopf zwischen die Schultern gezogen und murmelte unverständliche Worte, während sie die Arme vor der Brust verschränkte. Sie trug diesmal ihre eigene Prothese, da ihre Feldversuche mit Prototypen an diesem Tag bereits erledigt waren, und fuhr nun mit ihrer fleischlichen Hand an dem feinen Material entlang.

„Sie wollte mir nicht aus dem Weg gehen." Meinte sie schließlich kleinlaut, als wäre es ihr peinlich, dass sie aus diesem Grund ihren Arm verloren hatte.

Kekk seufzte. „Eddda ist wütend geworden, hat besagte Diebin angegriffen und das Ganze ist eskaliert. So kam Eddda nicht nur zu ihrer Prothese, sondern auch zu ihren Job bei uns – den in der Abtei hat sie nach dem Kampf nämlich verloren."

„Wenigstens hat das dumme Stück Holz ebenfalls Hausverbot bekommen!" Edddas Stimme wurde aufbrausend, aber schließlich musste sie selbst doch lachen und steckte uns alle damit an. „Könnt Ihr Euch das vorstellen? Diese unterbelichtete Pflanze verdient mit Stehlen ihr Geld, und kommt dabei nicht mal auf die Idee, dass knallbunte Haare dabei stören könnten!"

Für einen kurzen Moment wollte ich anmerken, dass man es bei Sylvari nicht wirklich als Haare bezeichnen konnte, was auf ihren Köpfen wuchs, aber Eddda fuhr bereits mit ihren Schimpfereien fort, und als sie sich über die Diebin genug ausgelassen hatte, fielen ihr noch einige weitere ein, mit denen sie schließlich von ihrem Fauxpas ablenken konnte.


Als es Abend wurde, löste sich die Runde auf. Ich hatte an Ronnées Platz eine Bürste entdeckt und mit dieser meine Haare etwas gebändigt und anschließend zu einem dicken Zopf geflochten. Natürlich würde Ronnée am nächsten Tag merken, dass ich sie benutzt hatte, aber solange sie mich als Lockvogel benötigte, hatte ich außer giftigen Blicken nichts zu befürchten – hoffte ich zumindest. Falls sie anschließend noch Rache an mir üben wollte, konnte ich mich auch dann noch damit befassen. Jetzt aber wollte ich erst einmal etwas zu Abend essen, und es war Eddda, die mich schließlich in Bromms Restaurant einlud.

„Nicht nur, weil es bei ihm das beste Essen in Maguuma gibt." Meinte sie zwinkernd, als wir gemeinsam die Rampen zur Oberfläche hinaufstiegen, und ich grinste nur. Ich hatte Bromm sehr lange nicht gesehen, und war mir überhaupt nicht sicher, wie es nun zwischen und stand. Eddda aber hatte scheinbar ein gutes Gefühl bei der Sache, und wenn sie mich schon zum Essen einlud, würde ich mich sicher nicht beschweren.

Erst, als mir die heiße Abendluft entgegenschlug, wurde mir klar, wie sehr ich Rata Sum eigentlich vermisst hatte. Irgendwie hatte ich mich so sehr an Löwenstein gewöhnt, dass ich die Schönheit und das Chaos dieser Stadt komplett verdrängt hatte, und in Götterfels hatte ich wichtigeres zu tun gehabt, um mich mit Heimweh zu beschäftigen.

Ich warf einen Seitenblick auf das Portal zu Zojjas Labor, und spürte wieder das Brennen in meinem Gesicht. Die Rötung hatte im Laufe des Tages nachgelassen, sichtbar war sie aber noch immer. Wenigstens fiel sie auf meiner dunklen Haut nicht zu sehr auf, womöglich würde man es für einen simplen Sonnenbrand halten. Der Wächter vor dem Portal war nicht Az, und ich erinnerte mich nicht daran, sein Gesicht zuvor bereits gesehen zu haben. Aber Zojja ließ ihr Labor Tag und Nacht bewachen, da war es nicht verwunderlich, wenn ihre Wächter hin und wieder wechselten. Zumal Az sicherlich auch noch ein Privatleben hatte.

Eddda redete den ganzen Weg über auf mich ein, und ich brummte hin und wieder zustimmend, ohne auch nur eines ihrer Worte mitzubekommen. Sie schien es nicht zu bemerken, denn sonst hätte ich längst einen ordentlichen Faustschlag zu spüren bekommen.

Bei Bromms Lokal war die Hölle los, wie jeden Abend, soweit ich mich erinnern konnte. Eine seiner Angestellten managte gerade die Theke und genoss offensichtlich die Aufmerksamkeit vieler männlicher Gäste, während ein junger Asura unbeholfen zwischen den Tischen hin und her lief, Geschirr abräumte und auf seinem Arm zu hohen Türmen stapelte. Hin und wieder konnte ich den braunen Lockenkopf von Bromm im hinteren Teil der Küche aufblitzen sehen, und während ein Teil von mir hoffte, dass er mich erkennen würde, versteckte ich mich gleichzeitig hinter Eddda, als wir uns in die Warteschlange einreihten.

„Feigling!" Schrie ihr Grinsen mir zu, und ich knuffte sie in die Seite. Eddda lachte und antwortete mit einem spielerischen Gegenschlag, was uns die Aufmerksamkeit der anderen Wartenden einbrachte, doch keiner von uns störte sich daran. Schließlich waren wir an der Reihe, und während ich noch die vielen Köstlichkeiten betrachtete und versuchte, mich zu entscheiden, hörte ich eine vertraute Stimme.

„Langohr?" Bromm hatte sich tatsächlich zu uns gedreht und schaute mich mit großen braunen Augen an. „Ihr habt wirklich die Eigenschaft, nach einer Ewigkeit plötzlich wieder in der Stadt aufzutauchen und so zu tun, als wärt Ihr nie fort gewesen." Er schüttelte den Kopf und lächelte. Eddda stieß mich in der Zwischenzeit in die Seite, aber nicht, um mich wegen meiner rot angelaufenen Ohren zu necken, sondern um mich zum Bestellen zu drängen, da von hinten bereits ungeduldige Stimmen laut wurden. Ich deutete auf irgendetwas und trat einen Schritt zur Seite, während Eddda bezahlte und uns bereits einen Platz suchte.

„Tja… So bin ich eben." Antwortete ich plump und versuchte so zu lächeln, ohne dabei allzu dämlich auszusehen. „Nach der Aktion in Löwenstein wollte ich einfach nochmal in die Heimat, wisst Ihr…"

„Ihr habt in Löwenstein gekämpft?" Erstaunen klang aus seiner Stimme, sodass ich den Drang ignorierte, bei dieser Frage die Augen zu verdrehen, und noch etwas anderes… Bewunderung?

„Naja…"Mit Kämpfen hatte die Flucht damals nicht wirklich viel zutun, wie ich der Kru bereits erklärt hatte, dennoch war da etwas in mir, das diese Gelegenheit ergreifen wollte. Wer wollte denn bezeugen, was wirklich geschehen war? Vor vielen Monaten hatte Bromm mich zurückgewiesen, weil ich an keinem der Kolllegs studierte, aber jetzt schien ich endlich wieder sein Interesse geweckt zu haben. Auch wenn ich nicht begreifen konnte, was mich immer wieder zu diesem Asura hinzog.

„Ja, ich war in Löwenstein, als Scarlet angegriffen hat. Wir waren zu wenige, um sie aufzuhalten, aber das wird sich ändern. Ich bin hier, um die Eskorte in die Gendarran-Felder zu begleiten, die die Asura-Portale dorthin bringt, um dann mit meiner Mutter die Zurückeroberung von Löwenstein zu planen."

Stolz hob ich den Kopf, während ich mich innerlich für meine Worte schämte. Nichts davon war wirklich gelogen, aber nur wenig entsprach der Wahrheit. Dennoch schien es zu wirken – Bromms Aufmerksamkeit blieb bestehen. Er zwängte sich an einem seiner Köche vorbei in eine Ecke, sodass auch er niemandem im Weg stand. Ich warf einen Seitenblick auf Eddda, die bereits fleißig eine Portion verspeiste, die eine Nornfamilie gesättigt hätte. Dabei wandte sie die Augen aber nur selten von mir ab, und das Grinsen hätte man vom Hain aus erkennen können.

„Eure Mutter?" Bromms Stimme ließ mich den Blick wieder dem braunhaarigen Asura in Kochuniform zuwenden, und ich wünschte mir, in diesem Moment meine Rüstung zu tragen und nicht die einfachen Klamotten von Varna.

„Kriegsmeisterin Narru, Ihr habt vielleicht schon von ihr gehört."

Bromm schnaubte. „Wer hat das nicht! Ich wusste gar nicht, dass Narru und Zojja verwand sind."

„Keine von beiden hängt das Thema an die große Glocke, so wie ich das beurteilen kann…" Ich lehnte mich gegen die Theke in der Hoffnung, eine elegante Pose abzugeben. Hinter mir hörte ich Eddda, die nicht einmal versuchte, ihr Lachen zu unterdrücken, aber Bromm schien es zum Glück nicht zu stören.

Stattdessen rief jemand in der Küche ihm etwas zu, und er sah mich entschuldigend an. „Ich muss wieder an die Arbeit, tut mir leid. Aber wie wäre es mit einem Drink, morgen Abend?"

„Das klingt wunderbar!" Die Worte hatten meinen Mund verlassen, bevor mein Kopf sich überhaupt einschalten konnte, und noch während ich meine eigene Stimme hörte, wollte ich mich ohrfeigen. Morgen Abend wollte Ronnée mit mir in die Archive einbrechen! Was war mir wichtiger, ein Date mit jemandem, der mich schon einmal hatte fallen lassen, oder meine Versöhnung mit Zojja?

Bromm schien mein Zögern zu bemerken. „Mein Laden hat bis in die Nacht geöffnet. Ihr könnt einfach vorbei schauen, sobald Ihr Zeit habt. Abends braucht man mich hier nicht mehr zwingend. Was meint Ihr?"

Wie lange konnte es schon dauern, in geheime Hochsicherheitsarchive einzubrechen, ein sehr wichtiges Dokument zu stehlen und damit zu entkommen, ohne entdeckt oder gleich in die Zellen geschmissen zu werden? Sollte unser Plan von Erfolg gekrönt sein, wäre danach sicher noch Zeit für ein Date. Und falls wir keinen Erfolg hatten, gab es sicherlich andere Probleme zu klären.

Ich stimmte erneut zu und gesellte mich zu Eddda, während Bromm zu seiner Arbeit zurückkehrte. Auf dem Weg hörte ich noch seine Anweisungen in der Küche und grinste. Eddda hatte einen Großteil ihres Essens bereits verputzt und begann bereits, mich auszufragen, und ich warf einen Blick auf das, was ich mir ausgesucht hatte. Wirklich erkennen konnte ich es nicht, aber Teile davon sahen aus wie Pilzrisotto mit Brotscheiben. Möglicherweise sollte ich beim nächsten Mal doch wieder genau hinschauen, wenn es um mein Abendessen ging. Mein Magen knurrte, aber als ich die Gabel durch das weiche, quietschige Material stach, spürte ich gar keinen so großen Hunger mehr.

Letztendlich tunkte ich nur das Brot in die Soße und schob Eddda anschließend den Rest hin, die sich darüber hermachte, als wäre es seit Wochen ihre erste Mahlzeit. Ich konnte nur den Kopf schütteln darüber, wie viel so eine kleine Kreatur essen konnte, ohne auch nur ein Gramm zuzulegen. Aber Eddda hüpfte auch den ganzen Tag durch die Gegend und vermöbelte Leute, die fünfmal so groß waren wie sie. Vermutlich war das das Geheimnis.


Der nächste Abend kam schnell. Ich hatte den Tag damit verbracht, mich in der Schmiede nützlich zu machen und ein paar Münzen damit zu verdienen, denn wie sich herausstellte, schien man in jeder Stadt Leute zu gebrauchen, die etwas von dem Handwerk verstanden. Und für Laufburschentätigkeiten war ich dank meiner Zeit in Götterfels durchaus zu gebrauchen, sodass ich mir bei Anbruch der Dämmerung ein ganz passables Outfit kaufen konnte. Im Grunde war es ein dunkelgrünes Kleid, mit geometrischen Mustern und Perlen versehen und an einigen Stellen durchaus freizügig, mit passenden Schuhen, und ich betete zur Ewigen Alchemie, dass es im Rucksack nicht zu sehr knitterte. Damit in die Archive einzubrechen war sicherlich keine gute Idee, aber ich würde auch danach nicht viel Zeit haben, mich schick zu machen. Daher hatte ich mir die Haare zusammengesteckt, was nicht nur elegant aussah, sondern auch äußerst praktisch war, wenn man Dieb spielen wollte, sodass ich später nur noch in das Kleid schlüpfen und andere Schuhe anziehen musste.

Mein Herz raste, doch ich konnte wirklich nicht sagen ob nun wegen der illegalen Machenschaften oder wegen dem, was mich hoffentlich im Anschluss erwartete. Dennoch hielt ich ein möglichst langsames und unauffälliges Tempo bei, während ich zum ausgemachten Treffpunkt hinabstieg. Wie auch immer Ronnée plante, in die Archive hinabzusteigen – es war sicherlich schlau, nicht schon vorher unnötig Aufmerksamkeit zu erregen.

Der Treffpunkt war eine Bar, die erst nach Mitternacht gut besucht sein würde, und selbst dann nur von Trunkenbolden und solchen, die sich einen Dreck um ihre Umgebung scherten. Die Bar war nah an einem Steg, der ohne Geländer den Blick freiließ auf die Abgründe der Katakomben, und sofort zweifelte ich daran, ob man für die Bar wirklich den passenden Ort gesucht hatte. Wegen ihrer markanten Merkmale war sie aber leicht zu finden, was für mich immerhin ein Vorteil war.

Natürlich wartete Ronnée schon auf mich, aber ich hätte sie beinahe nicht erkannt. Während ich noch nach Glitzer und lila Schleifen suchte, zog mich ein gräulicher Arm unsanft in den Schatten, und eine ledrige Hand presste sich auf meinen Mund, bevor ich überrascht aufschreien konnte. Die kleine Möchtegern-Prinzessin trug enge schwarze Klamotten, die sie beinahe wie eine Agentin aussehen ließen, und sie hatte sogar den dämlichen Haarschmuck durch ein einfaches Haarband ersetzt. Ronnée sah in diesem Aufzug überraschend erwachsen aus und gar nicht mal so schrecklich wie sonst, aber diesen Kommentar schluckte ich lieber herunter.

„Ihr seid spät." Flüsterte sie mit kalter Stimme und seufzte. Sie schien keine Antwort von mir zu erwarten, und ich hatte nicht vor, etwas darauf zu erwidern. Stattdessen musterte ich den ebenfalls dunklen Rucksack, den sie gerade vom Rücken nahm um etwas davon herauszunehmen, und versuchte, meine Stimme ebenfalls leise zu halten.

„Was genau ist der Plan?" Unauffällig linste ich den Abgrund hinunter und folgte diversen Wasserfällen, die aus den Wänden schossen und im Dunkel verschwanden. Wie sollten wir nur lebendig da hinunter kommen – und später wieder hinauf?

„Ich stoße Euch hinunter, Eure Leiche wird die Aufmerksamkeit der Archivwächter auf sich ziehen und ich kann in aller Ruhe die Dokumente stehlen."

„Hä?" Noch während ich dabei war, Ronnées Worte zu begreifen, war sie hinter mich getreten und umfasste meine Taille mit ihren schmalen Klauen. Etwas klackte, und ein eiskalter Schauer ergriff mich, als sie mir „guten Flug!" ganz dicht ans Ohr flüsterte und im nächsten Moment spürte ich, wie meine Füße den Halt verloren und ich in den Abgrund fiel.

Ronnée grinste mir noch mit ihren spitzen Zähnen hinterher, bis die Lichter von grauen Steinwänden abgelöst wurden und ich immer weiter fiel. Ich konnte nicht einmal schreien, Entsetzen hatte meinen ganzen Körper gelähmt und die Gedanken ratterten durch meinen Kopf.

Viel konnte ich nicht erkennen, aber ich wusste, dass der Boden näher kam und ich einen ungebremsten Fall sicher nicht überleben würde. War das wirklich Ronnées Plan gewesen? Oder rächte sie sich doch schon für die benutzte Bürste? Ich wusste ja, dass sie mich nicht ausstehen konnte, aber dass sie sich meinen Tod wünschte…

Ein harter Ruck schnürte mir die Luft ab und ließ alles um mich herum für einen Moment schwarz werden. Mühsam zwängte ich einen Atemzug in meine Lungen und versuchte, nicht von der stickigen Luft zu husten, die mich empfing. Tatsächlich, ich lebte noch! Statt auf dem unförmigen Stein zu zerschellen, schien ich bäuchlings zu schweben. Es dauerte lange, bis ich begriff, dass ich an einem Seil hing, welches um meine Taille gespannt war, und kurz darauf hörte ich ein surrendes Geräusch.

Neben mir ließ sich Ronnée an einem ebenso dünnen Seil herab, elegant wie eine Tänzerin, während ich noch immer vor ihr hing und zu begreifen versuchte, was passiert war.

Ronnée löste das Seil von ihrem Bauch, musterte mich und fing dann an zu lachen, wie ich sie noch nie hatte lachen sehen. Zwar dämpfte sie ihre Stimme, musste sich aber dennoch den Bauch halten und Tränen aus den Augen wischen, bevor sie sich etwas beruhigen konnte.

„Euer Blick! Ihr hättet Euren Blick sehen sollen!" Ich hing noch immer in unveränderter Position, unfähig, überhaupt etwas zu tun, und Ronnée trat zu mir und löste das Seil, das mich hielt. Wesentlich weniger elegant fiel ich auf den harten Stein, wenn auch nur aus kurzer Entfernung, und rieb mir mit schmerzenden Gliedern den Staub aus dem Gesicht.

„Ihr habt es wirklich geglaubt, oder? Oh, bei Oolas Geist, Ihr habt mir die Nummer abgekauft! Wenn es doch nur jemand gesehen hätte. Euer Gesicht – einfach brillant!"

Dass Ronnée zu flüstern versuchte, machte die Situation nicht besser, und endlich löste sich die Starre in meinem Körper. Die Todesangst verflog und machte Platz für eine adrenalingetränkte Mischung aus Wut und Schock, und ehe ich mich versah, hatte ich der Prinzessin eine schallende Ohrfeige verpasst, die man sicher in einer Woche noch auf ihrem blassen Gesicht sehen würde.

Sofort verschwand das Lachen aus ihrem Gesicht und der mir nur allzu bekannte Hass kehrte zurück, während sie sich die Wange rieb. Hoffentlich schmerzte es auch ordentlich. Ich hielt mich selbst davor zurück, eine Entschuldigung auszusprechen, und warf ihr nur einen ebenfalls bösen Blick zurück.

Ronnée schnaubte, als hätte es ihr die Sprache verschlagen, und setzte sich ohne ein Wort in Bewegung. Die Seile ließ sie hängen, vermutlich würden sie unseren Rückweg sichern. In der Dunkelheit um uns herum fielen sie ohnehin nicht sonderlich auf, auch wenn ich bezweifelte, dass sich jemand hierher verirrte.

Um uns herum waren einfach nur Steine, rohe, unbehauene Kuben, aufeinandergestapelt und teilweise zerstört, als würden sie entweder die Überreste einer Ruine bilden oder jemand hätte vergessen, sie für geplante Bauwerke zu benutzen. Ich wusste, dass die Asura Rata Sum selbst nicht gebaut, sondern einfach übernommen hatten, ohne die ursprünglichen Architekten zu kennen, und nur hier unten bekam man einen Geschmack davon, dass eben nicht alles aus Asurahänden entstanden war.

Überall zwischen den Steinen flossen Rinnsale, die sich aus den Wasserfällen von den Ebenen über uns zusammensetzten. Der Geruch war beißend, und ich war froh, nicht zu viele Details zu erkennen; stellenweise leuchteten die Flüssigkeiten aber in dem geheimnisvollen blau von arkaner Energie. Einzelne Golems versuchten, das endlose Chaos aufzuräumen, auch wenn ich bezweifelte, dass sie jemals erfolgreich sein würden.

Vorsichtig folgte ich Ronnée durch unterschiedlichste Gänge, während sie sich noch immer die Wange hielt. Ich fragte nicht, woher sie sich hier unten auskannte, zumal sie nicht antworten würde. Am liebsten wäre ich wieder umgedreht, zurück zur Oberfläche geklettert und in mein Kleid geschlüpft, um mich meinem Date zu widmen. Aber das hier war wichtig, und selbst die unerträglichen Späße dieser ebenso unausstehlichen Asura würden mich nicht davon abhalten, mich wieder mit Zojja zu versöhnen.

Dass wir uns den Archiven näherten merkte ich daran, dass der Boden ebener wurde und mir keine Abfälle mehr entgegen kamen. In der Ferne sah ich eine große Tür, die von Golems bewacht wurde und hinter der sanftes Licht leuchtete, aber Ronnée zog mich schnell wieder in den Schatten zurück. Natürlich würden wir nicht einfach so durch den Haupteingang spazieren, und es war auch sonst keine gute Idee, die Aufmerksamkeit der Wächter oder ihrer Golems zu erregen.

Schließlich blieben wir vor einer Steinwand stehen, die so uneben war, dass man mit nicht allzu viel Mühe hinauf klettern konnte. Ich war bereits völlig außer Atem von der ganzen Schleicherei, und ich kam nicht umhin, Ronnée für ihre Ausdauer zu bewundern. Sie zog sich an der Wand hoch, als wäre es ein Morgenspaziergang, und ich biss mir auf die Zunge, um den Schmerz in meinen Beinen zu unterdrücken. Ronnée war flink und würde nicht auf mich warten, und ich musste mich beeilen, um sie nicht aus den Augen zu verlieren.

Mehrfach riss ich mir die Haut an meinen Fingern auf bei dem Versuch, mich an scharfkantigen Steinkanten festzuhalten, und mehr als einmal fürchtete ich, abzurutschen. Letztendlich erreichte ich aber die Nische, in der Ronnée bereits zusammengekauert saß und mich mit vorwurfsvollen Augen zu fragen schien, warum es so lange gedauert hatte. Ich rieb mir die schmerzenden Hände an der Hose und holte tief Luft. Den Eingang, den Ronnée gefunden hatte, hätte wohl sonst niemand mit bloßem Auge erkannt, schon gar nicht vom Boden aus. Es war ein Riss in der Wand, der im Laufe der Zeit entstanden sein musste, und der so schmal war, dass sich ein größerer Asura nicht mehr hätte hindurchzwängen können.

Die Wand war so dick, dass ich die andere Seite nicht sehen konnte, und mir wurde bange bei dem Gedanken, mich durch einen langen engen Spalt zu zwängen. Aber es gab keine andere Wahl, und Ronnée ging voran, sodass ich mich wenigstens an ihrer Silhouette orientieren konnte.

Der Spalt war so eng, wie er ausgesehen hatte, und ich musste den Rucksack an die Seite nehmen, um nicht daran hängen zu bleiben. Dennoch riss der Stein mir an einigen Stellen die Haut auf, und ich hoffte, dass wenigstens meine Kleidung verschont bleiben würde. Ich wollte nicht schon wieder nach neuen Sachen fragen müssen, zumal Varna mir ihre Kleider nur geliehen hatte.

Das Atmen war schwer und immer dann, wenn ich drohte stecken zu bleiben, fing mein Herz an zu rasen, doch ich konnte keine Panikattacke gebrauchen. Immer wieder befahl ich meinem Körper, ruhig zu bleiben und Stück für Stück weiter zu gehen, und immer wieder streckte ich die Hand aus um sicherzugehen, dass Ronnée noch da war.

Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, bis der Stein endlich nachgab und ich mich auf eine Plattform fallen lassen konnte, und nur mit Mühe unterdrückte ich einen Freudenschrei. Stattdessen presste ich mich an die Wand, um so wie Ronnée mit der Dunkelheit zu verschmelzen, während ich die Umgebung musterte.

Die Archive waren hohe Räume, die bis zur Decke mit Schließfächern und Vitrinen gefüllt waren und sich labyrinthartig ausbreiteten. Ich hatte keine Ahnung, in welchem Teil der Archive ich mich befand, aber ich konnte nicht umhin, die unendlichen Fächer zu bestaunen, die von weichem Licht erhellt wurden.

Golems patrouillierten in den Gängen, und ich sah einen Archivwächter, der zusätzlich seine Wege ablief. Während ich mich noch fragte, wie wir Snaffs Briefe finden und dorthin gelangen sollten, ohne entdeckt zu werden, spürte ich einen unsanften Griff an meinem Arm.

Ronnée sah mich an, und ihre Augen blitzten in der Dunkelheit. Sie nickte in eine Richtung, und ich folgte ihrem Blick. Der Vorsprung, auf dem wir uns befanden, bildete eine Art natürliche Galerie, und kriechend folgten wir ihrem Lauf, ganz langsam nur, um kein Geräusch zu machen.

Es war leise in den Archiven, nur ein regelmäßiges Summen und das gelegentliche Kratzen von Ratten war zu hören, deswegen hielten wir still, wann immer der Wächter den Gang unter uns passierte. Ich konnte Ronnée nicht fragen, ob sie einen Plan hatte, wo wir hin mussten, aber wenn sie uns bis hierhin hatte führen können, würde sie es auch weiter schaffen. Nach ihrer spontanen Aktion an der Bar überraschte mich nichts mehr, auch nicht, als wir am Ende der Galerie angekommen waren und Ronnée innehielt, um den richtigen Moment abzuwarten und dann auf den Wächter zu springen. Ein gezielter Schlag, und der Asura rührte sich nicht mehr. Ronnée griff gezielt in die Taschen des Asura und zog etwas heraus, das der Schlüssel zu den Fächern sein musste, den sie am Vortag erwähnt hatte. Ich wagte nicht, nachzusehen ob er noch atmete, und kletterte ebenfalls am Stein herab, als meine Begleiterin mich ungeduldig zu sich winkte.

Ich versuchte nicht daran zu denken, was passieren würde, wenn man uns erwischte. Einbruch in die Archive und womöglich sogar noch Mord – damit konnte ich alle Pläne vergessen, die ich für die nächsten Jahre gehabt hatte. Gab es in Tyria so etwas wie eine Todesstrafe? Ich schluckte.

Planlos stand ich nun vor den Fächern, die reglose Wache im Rücken und mit zitternden Gliedern, und versuchte, mir die Route der Golems ins Gedächtnis zu rufen. Wann würden sie diesen Gang passieren, wie viel Zeit blieb uns?

Wie gerufen hörte ich das Surren und Klicken eines Golems, und aus dem Nichts zog Ronnée mich gegen eine kalte Steinwand und presste mir mal wieder ihre Hand gegen den Mund. Vor uns erhob sich eine Wand aus Stein, als würde man uns in einem lebendigen Grab einschließen, und wieder ergriff mich kalte Panik. Durch die Hand vor meinem Mund und den Stein überall um mich herum bekam ich noch weniger Luft, aber Ronnée hielt mich weiterhin fest, während ihr ganzer Körper angespannt war. Jetzt erst begriff ich, dass sie ihre Elementarmagie nutzte, um uns zu verstecken, auch wenn das meinen Herzschlag nicht beruhigen konnte.

Viel zu nah stapfte der Golem an uns vorbei und schien kurz stehen zu bleiben, als mustere er die ungewöhnliche Steinwand. Sah er den Wächter am Boden, oder war dieser auch hinter Stein versteckt? Selbst Ronnée hielt hinter mir den Atem an, doch nach einer viel zu langen Ewigkeit entfernten sich die Schritte und der Stein vor mir verschwand zeitgleich mit der Hand vor meinem Mund.

Erleichtert schnappte ich nach Luft und versuchte vergeblich, das Zittern meines Körpers zu stoppen. Tatsächlich, auf dem Asura zu meinen Füßen lag eine leichte Staubschicht, und ich sah noch letzte Andeutungen von Steinen im Boden verschwinden. Angestrengt versuchte ich, eine Bewegung in dem leblosen Körper auszumachen, doch es war zu dunkel. Zumindest hoffte ich, dass das der Grund war, warum ich kein Lebenszeichen erkennen konnte.

Ronnée aber inspizierte die Fächerwand neben uns und deutete triumphierend auf eines der Fächer. Für mich sahen sie alle gleich aus und ich konnte auch die blinkenden Symbole darauf nicht entziffern, aber das Denken war heute nicht meine Aufgabe, wie es schien. Überhaupt fühlte ich mich mehr als nutzlos neben Snaffs Tochter, die erstaunlich viel Erfahrung darin hatte, in geheime Räume einzubrechen und Wachen niederzuschlagen. Mit jedem Atemzug traute ich ihr mehr zu, dass sie mich wirklich nur mitgenommen hatte, um mich auszuliefern, sollte ihr Plan doch schief gehen, damit sie entkommen konnte.

Zu gern wollte ich nachfragen, wie es jetzt weiter ging, doch Ronnée hob ihren Finger an die Lippen. Wir hatten nicht allzu viel Zeit, bis der Golem diese Stelle wieder passierte, und Ronnée zog ein kleines Gerät, das ich bis dahin noch nie gesehen hatte und einen Stapel Papiere aus ihrem Rucksack. Sie aktivierte ein paar Tasten und hielt es wie eine Fernbedienung an die Fächer, bis mehrere dutzend von ihnen gelb aufleuchteten.

„Das Sicherheitsprogramm ist ausgeschaltet, aber womöglich wird ein Warnhinweis in die Zentrale gesendet. Uns bleibt nicht viel Zeit." Ihre Stimme war so leise, dass ich sie kaum verstand, aber ich nickte.

Sie nahm den geklauten Schlüssel, der eher wie eine Magnetkarte zu funktionieren schien, und öffnete eines der Fächer. Ich lugte hinein und sah nichts als ein paar Dokumente, deren unordentliche Schrift ich nicht einmal entziffern konnte, doch Ronnée tauschte die Originale so schnell mit ihrer Fälschung aus, dass es nicht für einen zweiten Blick reichte. Bis sie das Fach schloss, waren nicht mehr als ein paar Atemzüge vergangen, und ich hielt den Atem an, während ich darauf wartete, dass irgendetwas geschah. Die Schritte der Golems hinter uns wurden wieder lauter, also mussten wir uns beeilen. Noch schien kein Alarm losgegangen zu sein, und als die Lichter an den Fächern wieder zu grün wechselten, stieß ich erleichtert den Atem aus.

„Wir haben es geschafft!" Flüsterte ich, und hielt mir sofort den Mund zu, als ich Ronnées alarmierten Blick bemerkte. Einer der Golems begann zu piepen und die Schritte wurden schneller. Ronnée stieß einen stummen Fluch aus und nutzte ihre Luftmagie, um sich zurück zur steinernen Galerie zu befördern. Sie wartete nicht auf mich, natürlich nicht.

Mit rasendem Herzen versuchte ich, an den Fächern hinaufzuklettern, wobei mehr als eine Lampe rot aufleuchtete, doch irgendwie schaffte ich es nach oben. Ich sah mehrere Golems und einige Wächter durch das Gängelabyrinth zu unserer Position eilen, aber zu meinem Glück war der nächste von ihnen zu sehr damit beschäftigt, sich um den am Boden liegenden Wächter zu kümmern, sodass ich mich eng an der Steinwand kriechend zum Ausgang zurückschlich. Ein Lichtkegel fiel direkt vor mir an die Wand, und ich zog meinen Kopf gerade noch rechtzeitig zurück, um nicht beleuchtet zu werden.

Ronnée war längst nicht mehr zu sehen, und es wurden Stimmen laut, während alle Wächter die Flüchtigen suchten. Das war gleichzeitig ein Vorteil für mich, denn ich musste nicht mehr versuchen, lautlos zu sein, und mit einem Seufzer der Erleichterung presste ich mich in den Riss. Diesmal machte die Enge mir keine Angst, und auch die Kratzer störten mich nicht, denn ich wollte einfach nur weg.

In den Katakomben war es bereits heller als zuvor, denn auch hier konnte ich erste Sicherungsgolems ausmachen, die Flüchtende aufhalten sollten. Ich betete, dass ich auch ohne Ronnée den Weg zurück finden würde, und rannte los. Mehrmals stolperte ich über lose Steine, und einer der Golems nahm kurzzeitig meine Verfolgung auf, doch ich konnte ihn in einer engen Gasse abhängen.

Nur durch Zufall fand ich das Seil, als es meine Schulter streifte, und ich machte mir nicht die Mühe, den daran hängenden Gurt an meiner Taille zu befestigen. Denn die Zeit hatte ich nicht, wenn ich den Golems entkommen wollte, also hing ich mich einfach daran, um hinaufzuklettern. Ein Mechanismus schien mein Gewicht erfasst zu haben, und während ich zu klettern versuchte, wurde das gesamte Seil nach oben gezogen. Ich warf einen Blick nach unten und sah mehrere Suchscheinwerfer, doch keiner von ihnen erreichte mich, während ich an Höhe gewann. Die Angst und der Drang zu überleben und nicht in die Tiefe zu stürzen sorgten dafür, dass ich mich bis zur Oberfläche an das Seil klammerte, auch wenn ich Krämpfe in den Fingern bekam.

Den letzten Meter zog ich mich selbst nach oben, und lehnte mich atemlos an eine kühle Wand hinter mir. Auch hier oben war bereits ein Tumult ausgebrochen, und mehrere Friedenswächter suchten die Ebenen nach Verdächtigen ab. Hinter Rokks Bar suchten sie allerdings noch nicht, und ich nutzte die Dunkelheit meines Verstecks, um das grüne Kleid anzuziehen, das ich extra für Bromm besorgt hatte. Mit dem Oberteil, das ich in einen der Wasserströme tunkte, die neben mir in die Tiefe fielen, wusch ich den gröbsten Staub von meinem Körper, ohne darüber nachzudenken, woher genau das Wasser wohl kam.

Zumindest würde ich nicht sofort wie ein entflohener Einbrecher aussehen, wenn ich aus dem Schatten trat, auch wenn ich meinen Herzschlag erst noch beruhigen musste, wenn ich nicht sofort umfallen wollte.

Während ich wieder zu Atem kam, musterte ich die Spule, die mit einer Art Klemme am Steinboden befestigt worden war. Ich hatte Glück, dass Ronnée nur ihr Seil abgebaut und meine Fluchtmöglichkeit zurückgelassen hatte, sonst wäre ich niemals aus den Katakomben entkommen. Zu meinem Glück war es leicht, die Spule abzubauen, denn ich wollte sie nicht als Hinweis auf unsere Machenschaften zurücklassen.

Ich hatte wenig Interesse, Ronnée so schnell erneut aufzusuchen, doch mir blieb keine andere Wahl. Sicher wollte sie ihre Spule zurück, aber ich hatte auch noch ein Wörtchen mit ihr zu reden. Denn Ronnée war nicht nur einfach so abgehauen ohne mir ihre Hilfe anzubieten, sie hatte auch Snaffs Dokumente mit sich genommen.


Es war beinahe witzig, dass niemand sich daran störte, wenn ich einfach den Waschraum der Synergetik-Studenten aufsuchte. Um Ronnée würde ich mich morgen kümmern; jetzt wollte ich einfach nur den Schweiß abwaschen und frisch genug riechen für mein Date. So schön das Kleid auch aussah, war es jetzt doch unpraktisch, wie viel Haut es zeigte, denn kaum eine Stelle meines Körpers war von Kratzern verschont geblieben. Dazu kamen meine alten Verletzungen, besonders die große Narbe an meinem Bauch vom Kampf gegen Tequatl, von der jetzt vieles sichtbar war. Dennoch ließ es mich schmunzeln, denn wenigstens sah ich in diesem Moment aus wie die Kriegerin, die ich zu sein vorgab.

Keiner der Friedenswächter nahm Notiz von mir, als ich die Rampen hinaufstieg. Überall um mich herum munkelten Zivilisten, was wohl passiert sein musste, dass so spät noch derartige Kontrollen und Suchaktionen stattfanden. Scheinbar machte man den Grund für den Tumult nicht sofort öffentlich, auch wenn meine Paranoia mich glauben ließ, dass jeder mich anstarrte und jeden Moment an einen der Wächter verraten würde.

Bromm war gerade dabei, die Tische und Bänke zurechtzurücken für den nächsten Tag. Er schenkte mir ein breites Grinsen, als er mich sah, und musterte neugierig meinen Aufzug. Während ich mich noch fragte, ob er das Outfit interessanter fand oder die vielen Kratzer, rief er einem seiner Angestellten etwas zu und ließ sich zwei Gläser in die Hand drückten, von denen er eines mir reichte.

„Es freut mich, dass Ihr es noch geschafft habt. Beinahe dachte ich schon, Ihr kommt nicht mehr."

„Ich… ich wurde aufgehalten. Tut mir leid."

„Das sehe ich." Meinte er mit einem Nicken, und zum Glück fragte er nicht weiter. Stattdessen führte er mich zu zwei Stühlen etwas abseits von seinem Restaurant, die vor einem kleinen Baum platziert waren und einen wunderbaren Blick freigaben auf Rata Sum. Bromm hob sein Glas und gemeinsam stießen wir an, und dankbar nahm ich einen tiefen Schluck. Es schien eine Art Cocktail zu sein, bei dem ich den starken Alkohol durchaus schmecken konnte, und das war genau das, was ich jetzt brauchte.

Die Wärme füllte meinen Bauch und strahlte von da aus in meinen ganzen Körper, verjagte nach und nach die Kälte, die Angst und Aufregung darin hinterlassen hatten. Ich versuchte noch immer zu verstehen, was genau Ronnée und ich in den Archiven getan hatten. Die ganze Zeit über war mir der Plan nicht besonders schlimm vorgekommen – rein, nehmen was uns gehört und wieder raus. Wie hätte ich denn wissen sollen, dass wir dabei womöglich jemanden umgebracht hatten?

Es erschreckte mich, dass Ronnée zu so etwas fähig war. Ihr unerträglicher Charakter war kein Geheimnis, aber ich hatte in ihr immer nur eine kleine glitzernde Prinzessin gesehen, die vorgab mehr zu sein als sie in Wirklichkeit war. Darin hatte ich mich scheinbar vollkommen getäuscht… Wer war Ronnée wirklich? Und war es tatsächlich nur ihr Ziel, ein Artefakt ihres Vaters zurückzubekommen, oder steckte noch mehr dahinter?

Bromm seufzte. „Ganz schön was los heute Abend. Wärt Ihr etwas früher gekommen, hättet Ihr die Großsuchaktion der Friedenswächter noch mitbekommen. Sie erzählen einem nicht, was passiert ist, aber durchsuchen Taschen und Labore, als hinge das Wohl der gesamten Stadt davon ab."

Gut, dass ich eben nicht früher gekommen bin… „Und Ihr wisst nicht, weswegen?"

Er schüttelte den Kopf. „Ich habe etwas von versuchtem Mord mitbekommen, aber nur deswegen machen sie nicht so ein Drama. Da steckt mehr dahinter."

„Versuchter Mord…" Also war der Wächter in den Archiven nicht tot. Ich stieß leicht zitternd die Luft aus.

„Macht Euch keine Sorgen. Ich glaube nicht, dass der Täter noch hier ist. Niemand ist so dumm und hält sich noch mitten in der Hauptstadt auf, wenn man der Grund für so eine Aktion ist."

„Natürlich nicht. Wie dämlich wäre das?" Mein Lachen klang zu gekünstelt, doch es schien Bromm nicht aufzufallen. Ich nahm noch einen tiefen Schluck, um die Reste der Angst zu betäuben, die noch in meinen Knochen saß. Ob Ronnée noch in der Stadt war? Bestand für uns überhaupt Gefahr? Immerhin hatte niemand unser Gesicht gesehen, und ich hatte das gestohlene Gut auch nicht bei mir, also würde man mir nichts anhaben können – oder?

Bromm grinste plötzlich, als hätte er einen Witz erzählt, den ich nur nicht gehört hatte. Doch er sagte nichts weiter und stand irgendwann auf, um uns beiden Nachschub zu bringen, als ich mein Glas geleert hatte.

Wie immer war die Stadt auch nachts noch hell erleuchtet, und immer wieder drangen laute Stimmen zu uns herüber. Einige Händler würden noch bis zum Morgen ihre Waren anpreisen, und die Anzahl der streitlustigen Betrunkenen nahm stetig zu.

Das Getränk, was Bromm mir nun in die Hand drückte, war eine andere Mischung, wenn auch nicht weniger stark. Womöglich versuchte der Koch, mich abzufüllen, und diesmal war es mir sogar recht. Der Alkohol würde mich die Nacht wenigstens schlafen lassen und das Geschehene zumindest bis zum nächsten Morgen verdrängen, was ich sehr begrüßte. Er machte mich außerdem redselig, und schon bald unterhielten wir uns über alles mögliche, solange es sich nicht um Verbrechen drehte.

Bromm fragte mich aus über meine Familie und Vergangenheit, und die Lügen kamen über meine Lippen als würde ich das Alphabet aufsagen. Er wusste nicht viel über Norn oder die Zittergipfel, was es mir ermöglichte, die wildesten Geschichten zu erfinden, wie ich meine Kindheit verbracht hatte. Von Bären, die sich von Kindern kuscheln ließen wie Teddys und den Nachteilen die es hatte, als Asura unter Norn zu leben, vor allem durch die Größe bedingt. Es war nicht schwer, das Kind zu spielen, das sich wie in einer falschen Welt fühlte, und das beschlossen hatte eine große Kriegerin zu werden, um etwas Besonderes zu sein.

„Mit einer Kriegsmeisterin als Mutter und muskelbepackten Riesen um einen herum fühlt man sich einfach immer schwach. Ich hatte den Traum, etwas Großes zu vollbringen, einen Drachen zu besiegen oder ganze Nationen zu vereinen. Als Held in andere Kontinente einzumarschieren…" Ich lachte. „Zumindest das mit dem Drachen kann ich abhaken, auch wenn es kein Alt-Drache war."

Stolz sprach aus meiner Stimme, auch wenn ich von mir selbst angeekelt war. Meine Rolle im Kampf gegen Tequatl war nur sehr klein gewesen, und die meiste Zeit davon hatte ich in Ohnmacht verbracht – so wie das ganze folgende halbe Jahr. Aber die Worte kamen einfach, und sie schienen Bromm zu gefallen. Ich hörte auf, die Gläser zu zählen, die er brachte, und irgendwann schlichen sich schwere dunkle Wolken über den Himmel, bis es aussah, als bahnte sich ein Gewitter an.

„Vielleicht sollten wir irgendwo rein gehen, bevor es regnet." Meinte ich mit schwerer Stimme, und Bromm zog mich tatsächlich von meinem Stuhl hoch. Wenn auch nicht aus dem Grund, den ich vermutet hatte, denn er zog mich fort von den Sitzreihen seines Restaurants und auf einen freien Platz, der nicht zu sehr besucht war. Von irgendwo tönte Musik, und ehe ich mich versah, drehten wir uns über den Steinfliesen hin und her. Ich konnte kein Stück tanzen, und Bromm wie es schien auch nicht, aber das war egal. Der Alkohol machte mich empfänglich für solche Späße, und es interessierte mich nicht, dass wir uns womöglich zum Gespött machten. Einzelne Regentropfen fielen mittlerweile herab und bedeckten mein Gesicht, und ich lachte auf, als einer genau auf meiner Nase platzte.

„Wisst Ihr, was der Vorteil an der Profession der Wächter ist?" Fragte Bromm grinsend, und auch er lallte schon deutlich. Ich schüttelte den Kopf, da ich nicht begreifen konnte, wovon er sprach, doch Bromm zeigte es mir. Ein blauer Schimmer ging von ihm aus, ähnlich wie ich es früher schon bei Connor gesehen hatte, und plötzlich war da ein Schild aus waberndem blauen Material, das sich über unseren Köpfen erhob und den Regen abhielt. Es folgte uns bei jedem wilden Schritt, den wir machten, und ich hatte das Bedürfnis, laut loszulachen.

In diesem Moment zog Bromm mich noch mehr hinaus in den Regen, der mittlerweile wie aus Eimern schüttete, doch nicht ein einzelner Tropfen drang durch den Schild zu uns. Während um uns herum die Welt in grau getaucht wurde und unsere Füße in tiefen Pfützen schwammen und mit jedem Schritt Wasser aufwirbelten, drehten und wirbelten wir über die Steine, als gäbe es kein Morgen.

Der Regen war längst lauter als die Musik, doch in unseren Köpfen hörten wir sie noch, eine Melodie, die nur für uns bestimmt war. Der Takt richtete sich nach unserem Herzschlag, und wir tanzten in kleinen und großen Kreisen, zu dieser zauberhaften Melodie, deren Ursprung großteils dem Alkohol geschuldet sein musste. Und wenn auch keiner von uns wirklich wusste, was er tat, führten wir uns gegenseitig mit Tanzschritten, die vermutlich gar nicht existierten, und ich fühlte mich plötzlich vollkommen frei. Eine Drehung folgte der anderen, und während die Zeit für uns beide stehen blieb, kam Bromm mir mit jedem Schritt näher, bis sein Gesicht schließlich keinen Fingerbreit mehr von meinem entfernt war.

Und endlich – endlich! – trafen seine Lippen auf meine. In diesem Augenblick löste sich der Schild über unseren Köpfen auf und der Regen prasselte ungehemmt auf uns nieder, doch das machte diesen Moment in seiner Unvollkommenheit erst noch perfekt, wie kein anderer es hätte sein können.

Wir waren schließlich vollkommen durchnässt, als Bromm sich von mir löste, und der Anblick ließ mich nur noch mehr lachen. Mit zugekniffenen Augen blickte ich in den Himmel, drehte mich noch ein letztes Mal, während der Regen mein Gesicht benetzte.

„Schade, dass man die Sterne jetzt nicht sehen kann." Seufzte ich in die grauen Wolken, und Bromm nahm meine Hand in seine.

„Ich kann sie Euch zeigen, wenn Ihr wollt." Flüsterte er in mein Ohr und zog mich mit sich. Ich ließ mich von ihm führen, wie auch schon bei unserem Tanz, lauschte der Melodie in meinem Kopf, bis wir in seinen Räumlichkeiten angekommen waren.

Und während Blitze die Nacht zum Tag machten und der Regen Teile der Stadt zu fluten drohte, machte Bromm seine Worte wahr und zeigte mir die Welt von Tyria, wie ich sie noch nie zuvor gesehen hatte.


AN:


Sollte ich mich für das Ende dieses Kapitels entschuldigen? Ich weiß nicht... :D
Wem Szallejhs kleine Romanze etwas zu viel war, für den habe ich allerdings eine kleine Entschuldigung parat.
Die wenigsten von euch werden mich ingame kennen, und ich wollte Euch die Möglichkeit geben, ein paar der wichtigsten Charaktere tatsächlich mal zu sehen.
Daher habe ich für einige die besten Zeichnungen und Screenshots zusammengestellt, sodass ihr euch diese gerne ansehen könnt. Da direktes Verlinken über diese Seite sehr schwierig ist (wenn jemand eine leichtere Lösung weiß, immer her damit!) müsst ihr imgur (punkt ) com eingeben, und dann den unteren Code hinzufügen.
Falls euch jemand fehlt, gebt einfach Bescheid. Fast jeder der Charaktere existiert ingame, und von den meisten gibt es bereits wunderbare Zeichnungen (:
Sza ~

Szallejh: /a/mGaP3l2

Ronnée: /a/d5erBXu

Arrhakesh: /a/Vf0UmsF

Levinny: /a/4cu8NLJ

Aidan: /a/JKVzhAj

Henna: /a/VWHb5y0

Aeodd und Cherry: /a/W2QIhga