Vielen Dank für eure Kommentare - vor allem auch an Kay, dir konnte ich leider nicht per Mail antworten, aber ich hab mich sehr über deine Worte gefreut. :)

Ich wünsch euch viel Spaß mit dem neuen Kapitel!


Kapitel 22

Hermine wachte am nächsten Morgen von einem Licht auf. Erst war es ein Teil ihres Traumes, in dem sie sich auf einer hell erleuchteten Bühne wiederfand und einen Riverdance tanzen sollte – im Schlafanzug. Aber je mehr ihr der Schlaf entglitt, desto bewusster wurde ihr, dass das Licht tatsächlich da war.

Sie schlug die Augen auf und sah sich einem strahlend weißen durchscheinenden Pferd gegenüber. „Erinnerung Nummer 1", sagte es mit Ginnys Stimme und löste sich auf.

Hermine runzelte die Stirn. Sie stöhnte und warf einen Blick auf die Uhr. Es war kurz vor acht. Was für eine Erinnerung? Müde rieb sie sich die juckenden Augen. Egal. Sie fühlte sich absolut unfähig, jetzt aufzustehen – geschweige denn ihre Augen offen zu halten. Sie drehte sich auf die Seite und versuchte, nochmal einzuschlafen.

Aber sie fand keine Ruhe mehr. Eine Viertelstunde später stand sie doch auf und ließ Sonnenlicht ins Schlafzimmer. „Was für eine Erinnerung?", murmelte sie dabei.

Es dauerte noch einige Minuten, bis ihr Verstand wach genug war und es ihr wieder einfiel. Die Feier. Ihr Diplom. Sie hatte es Ginny erlaubt, sie daran zu erinnern. Hermine stöhnte und fuhr sich durch die Haare. „Aber doch nicht um diese Uhrzeit", nörgelte sie und gähnte herzhaft.

Sie war am Abend zuvor erst nach Mitternacht nach Hause gekommen. Irgendwann gegen zwei Uhr morgens war sie eingeschlafen. Die Dinge, die Severus ihr erzählt hatte, und Patricks Plan, an dem sie sich nun doch entschieden hatte teilzunehmen, waren ihr durch den Kopf gegeistert. Und sie taten es auch jetzt wieder, denn Minuten später fiel Hermine auf, dass sie bewegungslos vor dem Fenster gestanden und einen Punkt auf ihrem Fußboden angestarrt hatte, ohne ihn wirklich zu sehen.

Sie blinzelte mehrmals, wischte sich mit den Händen über das Gesicht und schlurfte ins Bad. Erst mal duschen.


„Ich hab deinen Patronus bekommen", informierte sie ihre Freundin eine Stunde später.

„Gut!", entgegnete Ginny. Ihre Augen blitzten verschmitzt.

„Musstest du ihn wirklich so früh schicken?" Hermine rutschte etwas dichter an den Kamin heran und hielt ihre Haare mit einer Hand zusammen, damit sie von den grünen Flohflammen nicht so aufgebauscht wurden.

„Ich musste nicht, aber je mehr ich dich damit ärgere, desto eher hältst du dein Versprechen."

„Touché", murmelte Hermine. „Wie geht es dir?"

Ginny zuckte mit den Schultern. „Gut soweit. Ich war gestern Abend in Bulgarien zu dem Quidditchspiel der Gorodok Gargoyles gegen die Karasjok Kites. Es dauerte genau 22 Minuten und fünf Sekunden, aber ich musste mich echt zurückhalten bei meinem Artikel. Es war ein atemberaubendes Spiel."

„Aha", machte Hermine. Sie hatte sich halbwegs für Quidditch interessieren können, solange ihre Freunde in Hogwarts und Ginny danach auch für die Holyhead Harpies gespielt hatten. Sie hatte sich auch von Harry und Ron anstecken lassen können mit ihrer Euphorie. Aber seitdem keiner ihrer Freunde mehr selbst spielte, hatte sich ihr Interesse zunehmend verloren. „Das klingt nach einem großartigen Abend", fügte sie dennoch hinzu.

„War es! Pete ist ausgerastet, als ich ihm erzählt habe, was ich alles streichen musste, um diese blöde Wortgrenze nicht zu überschreiten. Aber Bronswick ist gnadenlos, den muss man gar nicht fragen. Selbst wenn die Spieler ohne Besen durch die Luft geflogen wären, würde er nicht von seiner Wortzahl abweichen." Sie warf die Hände in die Luft und schüttelte den Kopf.

„Banause!", sagten sie gleichzeitig und fingen beide an zu lachen.

„Und wie geht es dir?", fragte Ginny dann.

„Auch gut. Ein bisschen gestresst, es ist gerade viel los."

„Dein Projekt?" Ginnys Miene verdüsterte sich etwas.

„Auch, aber nicht nur." Hermine biss sich auf die Unterlippe. Aber dann beschloss sie, dass sie Ginny nicht auch noch darüber im Unklaren lassen wollte. „Ich hab vor einer Weile einem der Langzeitpatienten auf der Janus Thickey-Station mit Muggelmedizin geholfen. Das Ministerium hat Wind davon bekommen und es verboten, aber ein paar Kollegen haben beschlossen, dass sie sich nicht daran halten wollen. Mein Stationsleiter findet sogar, dass das Geheimhaltungsabkommen überholt ist und irgendwie … stecke ich möglicherweise tiefer in dieser Sache, als ich es ursprünglich geplant hatte." Sie massierte sich mit den Fingern ihrer freien Hand die Stirn, während Ginny einen ungläubigen Laut ausstieß.

„Nicht dein Ernst!"

„Doch, das ist bedauerlicherweise mein voller Ernst", entgegnete Hermine und stützte den Kopf in die Hand. „Ich weiß auch nicht, wie das passieren konnte."

Ginny starrte sie mit offenem Mund an. „Und was wollt ihr jetzt machen?"

Hermine zog die Schultern hoch. „Die meisten besagter Kollegen wollen einfach heimlich Muggelmethoden anwenden. Heiler Matthews hält nichts davon. Genauso wie ich, das fliegt ohnehin irgendwann auf. Er ist derjenige, der sogar am Geheimhaltungsabkommen schrauben will. Er meint, Gesetze lassen sich ändern. Und ich denke, ich will ihm dabei helfen, das zu versuchen."

Ginny schüttelte fassungslos den Kopf. „Wenn ich das Dad erzähle …"

„Nein!", rief Hermine schnell. „Tu das bitte noch nicht. Ich weiß nicht, wie wir es anstellen können, aber ich möchte, dass das Ministerium so spät wie möglich davon erfährt."

Ginny wog den Kopf. „Ja, Dad könnte es wohl nicht lange für sich behalten. Ich sag nichts."

„Danke!"

„Aber du hältst mich auf dem Laufenden, ja?"

„Natürlich." Hermine lachte nervös. „Irgendwem muss ich ja davon erzählen."

„Meine Ohren gehören dir."

Wie aufs Stichwort hörte Hermine im Hintergrund James: „Muuuum!"

Ginny seufzte. „Also meistens." Dann wandte sie sich zu ihrem Sohn um und fragte: „Hat es noch zwei Minuten Zeit?" Was es wohl hatte, denn sie wandte sich wieder Hermine zu.

„Meistens reicht völlig. Aber ich befürchte, das mit der Feier wird sich noch ein bisschen verzögern … Ich weiß einfach nicht, wann ich das noch organisieren soll." Sie fuhr sich mit der Hand in den Nacken und vermied es, Ginny in die Augen zu sehen.

Aber die ließ sich nicht täuschen. Als Hermine ihrem Blick doch wieder begegnete, sah sie sie mit schmalen Augen an. „Ich erkenne eine faule Ausrede, wenn sie mir gegenüber sitzt", sagte sie.

„Nein, ehrlich, Ginny! Die Arbeit, mein Projekt, jetzt noch die Unterwanderung des Ministeriums … Da bleibt nicht viel Zeit übrig." Hermine bemühte sich, eine ernste Miene zu wahren, aber sie konnte ihr Grinsen kaum verbergen.

„Weißt du was? Ich mach das."

„Was?"

„Die Feier organisieren."

„Nein!" Nun sah Hermine sie mit großen Augen an.

„Doch. Warum nicht? Ich hab genug Zeit dafür und es bringt mir Spaß. Davon abgesehen kann ich so sicher gehen, dass du uns nicht mit einem Dinner irgendwo in Muggellondon abspeist."

„Nein", wimmerte Hermine, denn genau das war ihr Plan gewesen. Und sie mochte ihren Plan. Jedenfalls mehr als alles, worauf Ginny so kam.

Ginny sah sie mit aufeinander gepressten Lippen an.

Hermine seufzte. „Also gut. Aber übertreib es nicht!"

„Niemals."

„Nicht mehr als zwanzig Leute!"

„Vierzig."

„Dreiundzwanzig."

Ginny verzog das Gesicht. „Fünfunddreißig."

Hermine verengte die Augen. „Achtundzwanzig und keiner mehr."

Ginny schürzte die Lippen. „Okay, gut, achtundzwanzig." Und dann fügte sie sehr leise hinzu: „Plus Kinder."

„Ginny!", rief Hermine laut.

„Ist ja gut! Achtundzwanzig mit Kindern. Du verdirbst einem aber auch jeden Spaß."

Hermine schnaubte. „Das liegt daran, dass ich den Spaß auch bezahlen muss."

Daraufhin wusste Ginny nichts mehr zu sagen. Außer: „Ich werd mich zusammenreißen."

„Danke. Auch dafür, dass du dich darum kümmerst."

„Kein Problem. Das wird lustig." Ginny grinste von einem rot angelaufenen Ohr bis zum anderen.

Da hörte Hermine wieder aus dem Hintergrund James' Stimme: „Muuum! Das waren jetzt schon drei Minuten!"

Ginny stöhnte. „Von wem hat er bloß diese Spitzfindigkeiten?"

„Von dir", entgegnete Hermine prompt. „Das macht aber nichts, ich muss jetzt nämlich auch los. Bis bald, Ginny!"

„Bis dann!", rief sie zurück.

Als Hermine ihren Kopf aus dem Kamin zog und zur Uhr sah, fiel ihr auf, dass sie tatsächlich noch später dran war, als sie gedacht hatte. „Mist!", rief sie, rappelte sich auf die Füße und suchte ihre Sachen zusammen. Mit einem Arm nur halb im Umhang disapparierte sie.


„Glaub nicht, ich hätte das Verhalten meiner Klassenkameraden damals nicht verdient", sagte Severus später an diesem Tag sehr unvermittelt.

Sie waren schon seit zwei Stunden im Labor und hatten schweigend nebeneinander gearbeitet. Hermine war nach einer Weile mit ihren Gedanken abgeschweift; die schwüle Hitze im Labor, das gleichmäßige Blubbern der Tränke, die eintönige Arbeit, die sie tat – es fiel ihr schwer, mit ihrer Aufmerksamkeit hier im Labor zu bleiben. Und da sie selbst nicht am Kessel stand, sondern nur Zutaten vorbereitete, hatte sie es sich erlaubt, ihre Gedanken schweifen zu lassen.

Severus' Stimme riss sie nun wieder ins Hier und Jetzt zurück. Sie brauchte ein paar Sekunden, ehe sie wusste, wovon er sprach und noch ein paar mehr, bis ihr Verstand seine Worte wiederholt hatte. Sie hielt mitten in der Bewegung inne und sah zu ihm auf.

Er hingegen starrte in seinen Kessel, die Stirn gerunzelt. „Wenn ich erzähle, was sie getan haben, dann klingt es, als sei ich nur das Opfer gewesen. Das war ich nicht. Ich habe nie gezögert, die Flüche zu benutzen, die ich mir bei meiner Mutter abgeguckt hatte. Auf jedes Mal, das meine Klassenkameraden es schafften, mich zu erwischen, kommt mindestens eines, bei dem ich es zu verhindern wusste oder es ihnen heimzahlte." Er warf ihr einen Blick zu, die Augen leicht zusammengekniffen.

Hermine blinzelte. „Wie hast du das getan?"

„Am liebsten so, dass sie in ihre eigene Falle getappt sind. Manchmal auch … drastischer." Er rührte den Trank um, an dem er gerade arbeitete, zweimal im und fünfmal gegen den Uhrzeigersinn.

„Zum Beispiel?", fragte Hermine.

Ohne seine Arbeit zu unterbrechen, erzählte er: „Die Doxys, die sie mir in den Umhang gesetzt hatten, fanden sie am Abend nur in ihrem Bett wieder. Aber als sie die Stachelschwein-Pastillen in meinen Kessel werfen wollten, bevor ich ihn vom Feuer genommen hatte, sind sie in ihren Augen gelandet."

Hermine verzog das Gesicht. „Die Lehrer hätten beides unterbinden müssen", sagte sie schließlich.

Severus schnaubte. „Es ist nicht so, als ob Slughorn es nicht versucht hätte …"

Sie wandte den Blick ab und zerrieb weiter die Florfliegen. „Ich bin froh, dass Malfoy es schließlich geschafft hat."

„Weitestgehend", wandte Severus mit leiser Stimme ein und Hermine beschloss, das so stehen zu lassen.

„Welche Erinnerungen sind noch wieder aufgetaucht?", fragte sie kurz darauf so beiläufig wie möglich. Sie begegnete Severus' Blick, als sie prüfend zu ihm herüber sah. Er schien zu überlegen, ob er sich auf dieses Gespräch einlassen wollte.

Letztendlich kam er vielleicht zu dem gleichen Schluss wie Hermine: Dass es hilfreich sein könnte, ein bisschen abgelenkt zu sein. Er runzelte die Stirn und sagte: „Die drei Tage, die mein Vater mich in den Schuppen gesperrt hatte, als meine Mutter ihre Tante besuchen fuhr."

„Drei Tage?", fragte Hermine heftiger dazwischen, als sie es beabsichtigt hatte.

„Ja. Das war im Oktober oder November, jedenfalls wurde es schon sehr kalt nachts."

„Hat deine Mutter davon erfahren?"

Hermines Frage wurde unterbrochen von einem kleinen Knall in Severus' Kessel; blaue Rauchwölkchen stiegen in die Luft und verflüchtigten sich unter der Decke. „Nein. Er hat mich vor ihrer Rückkehr wieder rausgelassen."

„Warum hat sie dich nicht mitgenommen?"

Er hielt mitten in der Bewegung inne und überlegte. „Ich weiß es nicht mehr."

„Warum hatte er dich überhaupt dort eingesperrt?"

Severus verdrehte die Augen. „Aus den üblichen Gründen. Ich wollte nicht essen und da ihm dieses Mal kein Zauberstab zur Verfügung stand und seine Schläge mich nicht mehr sonderlich beeindruckten …" Er sagte es so leichthin, dass Hermine ihn mit offenem Mund anstarrte. Als er es sah, huschte so etwas wie ein bitteres Lächeln über seine Lippen. „Man gewöhnt sich an vieles, Hermine."

Sie schüttelte leicht den Kopf und zerrieb die nächste Ladung Florfliegen etwas aggressiver, als sie es sonst getan hätte. „Was noch?", fragte sie dann.

Severus schwenkte den Kessel vom Feuer und goss den nun fertigen Trank vorsichtig in die bereitstehenden Phiolen. Die aquamarinfarbene Flüssigkeit schimmerte im Licht wie die Innenseite einer Muschel. Insgesamt befüllte er dreißig kleine Flaschen, ehe der Kessel leer war. Mit dem Zauberstab beschriftete er alle davon gleichzeitig mit der Art des Trankes, dem Herstellungsdatum und der Haltbarkeit.

„Die Gesichter der immer gleichen Männer." Er sagte es, während er gedankenverloren die dampfenden Phiolen ansah und einen Korken in den Fingern drehte. Dann riss er sich blinzelnd aus seinen Gedanken und verschloss ein Gefäß nach dem anderen. Als letztes versiegelte er sie mit seinem Zauberstab.

„Du sagst das alles, als würde es dir nichts ausmachen. Als würde es … nicht um dich gehen."

Er nickte nachdenklich. „Ja, so fühlt es sich an."

Hermine kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe.

„Das ändert sich auch wieder. Gerade tut es gut, mich mal für fünf Minuten wieder wie früher zu fühlen." Er sah hinüber zur Uhr. „Es ist Zeit für eine Pause."

Diesmal hatte er den Tisch in der Küche gedeckt und während Hermine ein Glas Wasser trank, hob Severus den Stasis-Zauber vom Essen auf und stellte es in die Mitte des Tisches. Heute hatte er Bratreis vorbereitet.

Nachdem er gestern von Porridge gesprochen hatte, war Hermine überrascht, dass er sich selbst auch Reis auffüllte. Seine Portion war deutlich kleiner als ihre, aber sie ließ jede ihrer Beobachtungen unkommentiert. „Guten Appetit!", wünschte sie ihm, ignorierte seinen verdrossenen Blick und begann zu essen.

Eine Weile lang lag nur das Klappern des Bestecks auf den Tellern in der Luft, aber irgendwann konnte Hermine es nicht mehr mit ansehen, wie Severus den Reis von einer Seite zur anderen schob. „Welche Tränke stehen für heute noch auf der To do-Liste?", fragte sie.

Er hob den Blick vom Teller. „Zwei Schmerztränke, der Traumlos-Schlaftrank und der Heuschnupfensud."

„Oh, stimmt. Es geht wieder los mit den Pollen. Ich muss den Trank auch noch nehmen", entgegnete Hermine nachdenklich und sah aus dem Augenwinkel, wie Severus sich einen Bissen des Essens in den Mund schob, während er sich auf sie konzentrierte. „Das ist eine der Phasen im St.-Mungos, bei der ich mir wünschte, ich dürfte eine Flotte-Schreibe-Feder die Verordnungen ausfüllen lassen."

„Welches sind die anderen?", fragte er.

„Grippesaison", sagte sie, kaum dass er seine Frage zu Ende gestellt hatte. „Die ist noch schlimmer. Und die Zeit rund um den Schul- und Kindergartenbeginn. Wobei die zumindest unterhaltsam ist. Die Kinder können ihre Magie besonders schlecht kontrollieren, wenn sie krank sind, und deswegen bricht dann im St.-Mungos regelmäßig Chaos aus. Funken überall, explodierende Mülleimer, Instrumente, die plötzlich auf die fünffache Größe anschwellen oder so klein werden, dass man sie nicht mal mehr mit einer Pinzette greifen könnte." Hermine untermalte ihre Worte mit lebhaften Gesten und lachte bei der Erinnerung an all diese Erfahrungen, die sie in ihrer Zeit auf der Station für Infektionskrankheiten gemacht hatte. Deswegen und weil sie sah, wie sehr es Severus half, dass sie ihn ablenkte. „Die Fantasie von Kindern kennt keine Grenzen, wenn es um das Vermeiden von Untersuchungen geht."

So verbrachten sie das Mittagessen, indem Hermine Geschichten aus ihrem Klinikalltag erzählte, sowohl aus dem magischen, als auch aus dem Muggel-Alltag. Und als Severus fertig gegessen hatte, ließ sie ihn erzählen und aß selbst. Er hatte aus seinem Schulalltag früher genauso viele Geschichten zu erzählen, selbst ohne die, die sie selbst miterlebt hatte.

„Danke", sagte er schließlich, als sie die Mahlzeit beendet hatten.

Sie lächelte ihn warm an. „Gern geschehen. Schaffst du es, die vier Tränke allein zu brauen, oder soll ich mir auch einen vornehmen?"

Er überlegte einen Moment, überschlug vielleicht die Zeiten, die jeder einzelne der Tränke für sich brauchte und ob zwei davon einfach genug waren, um sie gleichzeitig zu brauen. Was auch immer seine Überlegungen waren, das Ergebnis schien ihm nicht zu gefallen. „Du könntest den Traumlos-Schlaftrank zubereiten."

„Okay. Dann lass uns weitermachen."

Sie verbrachten noch weitere vier Stunden im Labor, ehe alle Tränke fertig zubereitet, abgefüllt und etikettiert waren. Hermines Haare hatten sich in dem feucht-warmen Klima wild gelockt, einzelne Strähnen klebten ihr auf der Stirn, ihr war fürchterlich heiß. Selbst Severus hatte ein bisschen Farbe im Gesicht, als sie das Labor verließen.

Er holte ihnen diesmal gleich eine ganze Kanne Wasser und zwei Gläser aus der Küche und Hermine trank dankbar. Nach dem zweiten Glas fühlte sie sich besser. Dafür begann sie jetzt im Wohnzimmer zu frösteln. Es brannte noch kein Feuer im Kamin und im Laufe des Tages war der Raum ausgekühlt. Sie zog ihren Zauberstab und gleich darauf lag wieder das bekannte Knacken und Knistern in der Luft.

„Was möchtest du jetzt machen?", fragte sie ihn schließlich.

„Welche Optionen habe ich denn?" Er hielt noch immer sein Glas in der Hand, es war erst halb leer.

„Wir könnten weiter über die Erinnerungen sprechen, die von allein aufgetaucht sind. Ich könnte die nächste Erinnerung aus dem Käfig holen. Oder wir machen für heute Schluss."

Severus senkte den Blick in sein Glas. „Ich möchte nicht mehr über die Erinnerungen sprechen. Jedenfalls nicht jetzt. Es ist eh immer das gleiche in unterschiedlichen Ausführungen."

„Du kennst meine Meinung dazu", wandte Hermine ein.

Severus schnaubte leise. „Ja, die kenne ich." Er sah sie an. „Nicht jetzt."

„Okay. Als du dir nach dem letzten Labortag noch eine Erinnerung angesehen hast, war das … nicht so optimal." Wieder schnaubte er. „Willst du es trotzdem riskieren?"

„Ja." Er stellte das Glas auf den Tisch.

Sie nickte. „Darf ich?"

Ein Lächeln huschte über seine Lippen. „Du darfst."

Und so schlüpfte Hermine wieder in seinen Geist. Es schwebten noch genauso viele Erinnerungsfäden umher wie gestern, aber es wirkte ein bisschen ruhiger auf sie. Weniger bedrohlich. Sie fand den Käfig schnell wieder und öffnete die Tür, um eine Erinnerung herauszulassen. Mittlerweile war es deutlich leerer geworden im Käfig, viele Erinnerungen waren nicht mehr übrig. Gerade als sie schauen wollte, wie viele es genau waren, fühlte sie sich aus Severus' Geist herausgedrängt. Sie fand sich überraschend in ihrem eigenen Geist wieder und blinzelte. „Was ist passiert?"

„Die sollte da gar nicht drin sein", murmelte Severus kaum verständlich und presste sich die Handballen gegen die Schläfen, als hätte er fürchterliche Kopfschmerzen.

„Was meinst du?", fragte Hermine alarmiert, aber sie bekam keine Antwort mehr.

Severus wurde in die Erinnerung gezogen und seine Arme fielen zurück in seinen Schoß.

Wie schon diverse Male vorher beobachtete Hermine ihn auch dieses Mal angespannt. Aber diese Erinnerung sah er sich absolut reglos an, nur sein Atem ging ungewohnt schnell. Minutenlang wagte sie es kaum, einen Muskel zu bewegen. Dann sprang Severus aus seinem Sessel auf, noch bevor er die Augen richtig geöffnet hatte. Er lief durch das Wohnzimmer, schüttelte immer wieder den Kopf, das Gesicht verzerrt.

„Was ist los, Severus?", fragte Hermine laut.

„Nichts", sagte er abwesend.

„Du hast gesagt 'Die sollte da gar nicht drin sein'. Was meintest du damit?"

„Nichts", wiederholte er in demselben Tonfall wie eben.

Sie stand auf und ging um den Sessel herum, stellte sich ihm mitten in den Weg. Es dauerte einige Sekunden, bis sie es schaffte, seinen Blick einzufangen. „Lüg mich bitte nicht an!"

Er starrte sie an, atmete heftig. Waren seine Wangen noch gerötet gewesen, als sie aus dem Labor gekommen waren, waren sie nun blass. Sehr blass. Er schwankte leicht als würde ihm nun, da sie ihm im Weg stand, der Schwung fehlen, um sein Gleichgewicht zu halten. „Die Erinnerung fand später statt", sagte er schließlich.

„Was meinst du damit?"

Er fuhr sich über die Stirn. „Später. Lange … Lange nachdem Lucius meine Erinnerungen weggesperrt hatte. Sie hätte nicht dabei sein dürfen … nicht dabei …"

Hermine schluckte. Hatte sie mehr Erinnerungen wieder eingesperrt, als ursprünglich in Malfoys Käfig gewesen waren? Anscheinend, denn wie hätte eine spätere Erinnerung sonst dazwischen landen sollen? Aber die Erinnerungen aus Malfoys Käfig waren … anders. Sie hatten sich verändert in der Zeit, in der sie weggesperrt gewesen waren. Sie hatten Energie angereichert. Das wäre nicht passiert, wenn Severus die ganze Zeit Zugriff darauf gehabt oder sein Geist sie selbst verdrängt hätte. Sie hatte gerade erst verdrängte Erinnerungen gesehen, sie waren harmloser gewesen als die eingesperrten (wenn man das in diesem Zusammenhang so nennen konnte). Die Erinnerung, die sie eben rausgelassen hatte, war nicht harmlos gewesen. Sie war weggesperrt gewesen. Lange.

„Welche Erinnerung war es, Severus?", fragte Hermine leise.

Sie glaubte ein leises Geräusch zu hören, wie ein Wimmern. Aber es verschwand so schnell wieder, dass sie sich nicht sicher war, ob es von Severus gekommen war oder von den Holzscheiten im Kamin. „Albus' Tod", sagte er leise. Er stand da und seine Arme zuckten, so als wüsste er nicht, was er damit anfangen sollte.

„Oh Severus", murmelte Hermine und berührte seinen Arm.

Aber er wich zurück, drehte sich regelrecht aus ihrer Berührung und lief in die andere Richtung durch das Wohnzimmer. „Es geht gleich", nuschelte er und fasste sich immer wieder mit der Hand an den Kopf.

„Severus …", sprach sie ihn an, blieb aber stehen.

Und wieder: „Es geht gleich." Sie konnte ihn kaum verstehen.

„Severus!"

„Gleich!", schrie er.

Hermine zuckte zusammen.

Er stand mit dem Rücken zu ihr, die Handballen an den Schläfen. „Sie sollte nicht dabei sein."

Sie schwieg.

Severus wirbelte zu ihr herum. „Warum ist sie da, Hermine?" Wieder war er laut geworden.

„Ich weiß es nicht!", antwortete sie. „Sie ist es einfach." Nun ging sie doch zu ihm und fasste nach seinen Händen, zog sie ihm vom Kopf. Er hatte rote Flecken, wo seine Handballen gewesen waren. „Rede mit mir, Severus."

„Nein." Er schüttelte heftig den Kopf.

„Bitte!" Sie hielt seine Hände immer noch fest. Sie waren kalt und zitterten ein bisschen.

„Nein nein nein", murmelte er, dann: „Nein!" Er entriss ihr seine Hände, starrte sie mit großen Augen an. „Nein."

Sie konnte es sehen. Sie konnte sehen, wie ein Vorhang fiel in seinen Augen. Er holte tief Luft, hielt sie kurz an und atmete langsam wieder aus. „Es geht wieder."

Hermine wusste nicht, was sie sagen sollte. Was sie tun sollte. Sie sah in seine tiefschwarzen Augen und es war, als stünde nicht mehr Severus vor ihr. „Was hast du getan?", fragte sie fassungslos.

Sein Augenlid zuckte. „Nichts. Es geht wieder."

Hermine schüttelte langsam den Kopf. „Nein, das …"

„Doch", beharrte er. „Du kannst jetzt nach Hause gehen." Er wandte sich von ihr ab, zückte seinen Zauberstab und löschte das Feuer im Kamin, das sie erst vor zwanzig Minuten entzündet hatte. Dann nahm er ihre Gläser und den Wasserkrug und trug sie in die Küche.

Hermine beobachtete ihn. Er war wie eine Wand. Sie kam hier nicht weiter. Nicht jetzt. Und sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sie fühlte sich nicht länger willkommen und konnte sich doch nicht überwinden zu gehen. Es fühlte sich an wie der Moment, in dem sie die Wiederbelebungsversuche eines Patienten abbrechen musste. Als würde sie ihn aufgeben.

In diesem Moment kam Severus zurück ins Wohnzimmer. Sein Blick glitt über sie hinweg, als wäre sie gar nicht da. Oder als wäre er gar nicht da.

Hermine sah ihm dabei zu, wie er Dinge von einem Ort an einen anderen räumte. Er wirkte dabei sehr zielgerichtet, als würde er einem tausende Male durchgeführten Ablauf folgen. Er geriet nicht ins Stocken, wirkte nicht einmal verwirrt. Schließlich löschte er das Licht im Wohnzimmer und stieg die Treppe zum oberen Stockwerk hinauf, ohne sie nochmal zur Kenntnis zu nehmen.

Sekundenlang stand Hermine fassungslos im stockdunklen Wohnzimmer. „Was hast du getan, Severus?"