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Schweigen hatte sich über uns ausgebreitet, als wir dem finsteren Blick des Ritualisten gefolgt waren und nun ebenfalls auf das leuchtende Zeichen in der Mitte des Tempels blickten. Schließlich straffte sich Montaro und durchbrach die Stille. „Meister, was ist das?" Der Ritualist seufzte fast unmerklich. „Das ist der Vorbote des Täuschers, das Symbol des Bösen. Das Gildensymbol von Shiro Tagachi." Fragend blickten die beiden Ascalonier sich an, doch Alanus ergriff zuerst das Wort. „Der Mann, bei dessen Tod der Wald zu Stein und das Meer zu Jade wurde?" Togo rang sich ein müdes Nicken ab. „Ebendieser. Das verheißt nichts Gutes für Cantha."

Der Ritualist starrte weiter schweigend in das Miasma, also wandten wir uns schulterzuckend ab. Auch der Kirin war an den Rand der violetten Schwaden getreten und blickte ebenso finster in den suppigen Dunst. Vhang hingegen hatte sich dem Tal zugewandt und schien den Ausblick über die Schluchten zu genießen. Ignoranter Schnösel. Ratlos sahen wir fünf uns an. „Was passiert jetzt?" Wisperte Cora, doch keiner von uns hatte darauf eine Antwort. Verstohlen blickte Alanus zu den beiden Gestalten am Eingang des Tempels und musterte sie einige Augenblicke, ehe er sich wieder uns zuwandte. „Es scheint nicht so, als wäre die Gefahr der Pest nun vorbei.", antwortete er ebenso leise. „Ich glaube, das hier ist viel größer als wir dachten." Allerdings.

„Was hat dieses Symbol zu bedeuten?" Fragte Monti flüsternd. Der Mesmer sah ihn ernst an. „Ich weiß es nicht genau. Was ich aber weiß ist, dass Shiro Tagachi vor über zweihundert Jahren den damaligen Kaiser ermordet hat. Wer immer dieses Zeichen hinterlassen hat könnte eine ernsthafte Gefahr für ganz Cantha darstellen." Ich nickte nachdenklich, ohne jedoch etwas zu erwidern. Was hätte ich auch sagen sollen? Ganz genau, die Pest wird den Rest Canthas nämlich ebenfalls heimsuchen und Kaiser Kisu soll auch sterben.

Togo hatte sich mittlerweile von dem Miasma gelöst und kam nun langsam aber bestimmt auf uns zu. „Der Kaiser muss unbedingt davon erfahren. Ich werde mich zu meinem Bruder in Kaineng auf machen und ihm berichten, was wir entdeckt haben." Er machte eine kurze Pause um nachzudenken. „Außerdem werde ich ein Sendschreiben an einen meiner ehemaligen Schüler, Mhenlo von Ascalon, schicken. Zweifellos wird er sich auf den Weg machen und sollte schon bald in Cantha eintreffen." Seine Stimme war ruhig und gefasst, doch ihm war anzusehen, dass seine Gedanken rasten. „Es wird bald dunkel. Lasst uns zurück Richtung Hafen gehen, dort besprechen wir dann alles Weitere." Der Ritualist blickte kurz in die Runde um uns alle zu mustern, ehe er sich umdrehte und den Weg nach Seitung einschlug.

Einen Großteil des Weges hatte jeder von uns still vor sich hin gebrütet ohne sonderlich auf die anderen zu achten, doch immer wieder bemerkte ich, wie Alanus mich verstohlen musterte. Schließlich blieb ich stehen und sprach ihn an. „Was ist los, hab ich was zwischen den Zähnen oder wieso guckst du so?", fragte ich genervt. Der Mesmer war nun auch stehen geblieben und sah mich einige Augenblicke lang still an, eher er antwortete. „Es ist schon seltsam." Mehr sagte er nicht, sondern ging langsam weiter, um dem Rest unserer Gruppe zu folgen. Ich setzte mich ebenfalls in Bewegung und hatte nach wenigen Schritten zu ihm aufgeschlossen. „Was ist seltsam?", fragte ich. Er schnaubte gereizt. „Als du im Linnok-Hof gehört hast, dass die beiden Ritualisten die Quelle der Pest ausfindig machen wollen, warst du plötzlich ganz nervös und konntest Yijo kaum ins Gesicht sehen. Kurz darauf ist er dieser Seuche zum Opfer gefallen." Sein Ton wurde anklagend. „Man könnte fast meinen, dass du gewusst hast, was passieren würde." So war es ja auch. Betreten sah ich zu Boden und schwieg mich aus. „Hast du dazu nichts zu sagen?" Er blickte mich forsch von der Seite an, doch ich blieb still. Ich hätte eine ganze Menge zu sagen, aber du würdest mir sowieso nicht glauben. Keiner von euch würde das.

„Leo, ist alles in Ordnung? Wie geht es dir?" Cora hatte sich ebenfalls auf unsere Höhe zurück fallen lassen und legte mir mitfühlend ihren Arm um die Schultern. „Es tut mir wirklich Leid, was mit Yijo passiert ist." Neben mir stieß der Mesmer hörbar Luft aus, sagte aber nichts. „Der Verlust hat dich bestimmt tief getroffen, ich –" „Ja, und sicherlich auch absolut unerwartet.", stichelte Alanus und fiel der Mönchin damit ins Wort. Diese sah ihn nun vorwurfsvoll an. „Was fällt dir eigentlich ein? Leo hat gerade jemanden verloren, der ihr sehr wichtig war!" Sie wollte sich weiter echauffieren, doch ich winkte ab. „Cora, ist schon gut. Ich komm klar, wirklich." Mitfühlend sah die Mönchin mich an. „Wenn du irgendetwas brauchst, ich bin für dich da." Das war offenbar zu viel für Alanus, denn dieser verdrehte genervt die Augen, ehe er mit einem wütenden Blick seinen Schritt wieder beschleunigte und zu den anderen aufschloss.

Nachdem wir in der frühen Abenddämmerung in Seitung angekommen waren, hatte Togo uns ein bisschen Zeit gegeben um uns etwas frisch zu machen, während er die Lehrer und Schüler, die noch im Hafen geblieben waren, zusammen trommelte. Beim Abendessen wollte er dann das weitere Vorgehen erläutern. Um Zeit zu sparen waren Zoe, Cora und ich gemeinsam in den kleinen Waschraum – wenn man bei einer mit Leinen abgetrennten Ecke denn von einem Waschraum sprechen konnte – gegangen, anstatt uns nacheinander zu reinigen. Wir hatten uns an einem nahen Brunnen jeder einen Eimer voll Wasser geholt und trugen diese nun zu der Waschstelle, deren Boden mit Stroh ausgekleidet war, damit das Wasser nicht durch die gesamte Halle floss. Auf den Halmen lagen einige glatt geschliffene, dicke Holzbretter, auf denen man laufen konnte ohne sich die Füße übermäßig dreckig zu machen. Ein großer Bottich stand in der Mitte und daneben ein kleiner Schemel, der einen abgewetzten aber durchaus stabilen Eindruck machte.

Seufzend stellte Cora ihren Eimer ab und sah sich um. „Ein weiterer Hocker wäre nicht schlecht. Ich gucke mal, ob ich einen besorgen kann." Kaum hatte sie diese Worte ausgesprochen war sie auch schon verschwunden. Ich stellte meinen Eimer ebenfalls ab und sah mich ratlos um, während Zoe das Tuch, das an einer behelfsmäßig aufgespannten Leine hing, zuzog, sodass uns keiner beobachten konnte. Ohne zu zögern entledigte sie sich zunächst ihrer Armschützer und öffnete dann die Schnallen an ihrem Oberteil, um dieses ebenfalls auszuziehen. Verlegen blickte ich auf den Boden, während ich ebenfalls begann, mich aus meinem Metallärmel zu schälen. Während die Waldläuferin bereits ihre Stiefel geöffnet hatte und diese nun behände von ihren Füßen zog blickte ich ratlos auf meine Kettenstiefel, die sich nicht einfach mit zwei Handgriffen öffnen ließen. „Setz dich ruhig. Ich kann meine Rüstung auch problemlos im Stehen an- und ablegen.", sagte Zoe und deutete mit dem Kinn auf den Schemel. Und wenn ich die Kriegerin wäre, für die mich alle halten, könnte ich das auch.

Zögerlich griff ich nach dem Hocker und setzte mich, um in Ruhe meine Schuhe auszuziehen. Zoe hatte inzwischen auch ihre Hose abgestreift und stand nun mit nichts als ihrer Unterwäsche am Leib vor mir. Als sie begann, ihr Hemdchen auszuziehen senkte ich den Kopf noch etwas tiefer und befasste mich intensiv damit, die Verschlüsse meiner Stiefel zu öffnen. „Ist es dir unangenehm, dass wir uns den Waschraum teilen?" fragte sie, während sie ihr Oberteil langsam Richtung Boden gleiten ließ, wo der Rest ihrer Anziehsachen bereits als kleines Häufchen lag. Ich zog den ersten Stiefel von meinem Bein und sah zu ihr. Auch wenn ich mich darauf konzentrierte, in ihr Gesicht zu gucken, fielen mir die tiefen Narben auf, die sich wie Kratzspuren über ihr Dekolleté zogen. Sie stammt aus Ascalon, vermutlich hat ein Charr ihr das angetan. Ich schob meine Gedanken beiseite um ihr zu antworten. „Ich bin sowas einfach nicht gewohnt, das ist alles." Mittlerweile hatte ich auch meinen zweiten Stiefel geöffnet und zog ihn erleichtert aus. Für einen Moment blickte Zoe mich schweigend an, ehe sie sich vor ihren Haufen kniete, um ein Stück Seife daraus hervor zu holen. Nachdenklich sah ich ihr zu. „Danke übrigens, dass du Yijos Zauber unterbrochen hast. Ein weiterer Blitz hätte mich wahrscheinlich gar gekocht." Ich schauderte bei dem Gedanken daran und betrachtete meine Arme, auf denen immer noch an einigen Stellen leichte Rötungen und vereinzelte Brandblasen zu erkennen waren, die Coras Heilzauber nicht beseitigt hatten. Die Waldläuferin drehte sich um und grinste mich freudlos an. „Ich habe das getan, weil wir Verbündete sind und zusammen halten müssen, um in Anbetracht dieser Gefahr zu überleben. Nicht, weil ich dich mag oder dir auch nur ein Wort glaube." Nichts eint Menschen schneller als ein gemeinsames Feindbild. Ich schluckte hart und wandte mich wieder meiner Rüstung zu.

„Nicht erschrecken, ich bins nur!", rief Cora fröhlich, als sie sich an dem Vorhang vorbei schob. Die Mönchin war wieder zurück und hatte tatsächlich noch einen zweiten Hocker auftreiben können, den sie Zoe, die nichts als ein einfaches Höschen trug, direkt vor die Nase stellte. Diese setzte sich wortlos hin und begann damit, ihr Leinenhemd in den Eimer vor ihr zu tauchen und einzuseifen, um es anschließend wie einen Waschlappen zu benutzen. Genau wie die Bogenschützin war Cora zügig aus ihren Klamotten geschlüpft und sah mich nun fragend an. „Ist es in Ordnung, wenn ich zuerst rein gehe?" Sie deutete auf den großen Bottich, der offenbar dazu diente, das Wasser aufzufangen, mit dem man sich Schmutz und Seifenreste von der Haut spülte. „Ja klar, mach ruhig. Ich muss mich ja sowieso erst mal von meinen Dreckkrusten befreien.", grinste ich, während ich an mir herunter sah. Die vielen Kämpfe waren nicht spurlos vorüber gegangen und überall an meiner Haut klebte getrockneter Schlamm und geronnenes Blut und meine Haare starrten sicherlich vor Dreck. Für einen Augenblick folgte mein Blick den Mustern, die der Schweiß in den Staub auf meiner Haut gezeichnet hatte, ehe ich mich seufzend aufrichtete und mich aus meiner Hose schälte. Aus meiner Gürteltasche, die ich mittlerweile ebenfalls abgelegt hatte, fischte ich meine Kernseife und einen Stofffetzen, um damit zu beginnen meine Haut vom Dreck zu befreien. Cora hatte sich bereits komplett eingeseift und wusch sich nun die Reste großzügig mit Wasser ab. Natürlich war sie von uns am Schnellsten fertig, da sie weder wie ich den Schmutz des direkten Kampfes abbekam, noch wie Zoe eine lederne Rüstung trug, unter der es in der prallen Sonne sicher unerträglich heiß war und die dementsprechend geschwitzt haben musste.

Unsicher, wo ich mit dem Einseifen beginnen sollte, tunkte ich meinen behelfsmäßigen Waschlappen in das kühle Wasser und begann, die Seife darin zu verreiben, ehe ich zuerst mein Gesicht und dann den Rest meines Körpers von oben nach unten in kreisenden Bewegungen einrieb. Cora war inzwischen fertig und schlüpfte noch völlig nass in ihre Rüstung, da keine von uns an Handtücher gedacht hatte. „Ich bringe euch was zum Abtrocknen." Flötete sie, ehe sie eilig verschwand. Zoe war inzwischen aufgestanden und stieg wortlos in den Zuber, um ihre Haut ebenfalls abzuspülen. Unterdessen versuchte ich vergeblich, die letzten Stellen an meinem Rücken zu erreichen, gab es jedoch schließlich auf. Ich löste meine Haare, die ich zumindest mit etwas klarem Wasser ausspülen wollte, um den gröbsten Dreck abzuwaschen und stellte mich ebenfalls in den Bottich, nachdem die Waldläuferin ihn verlassen hatte. Unterdessen hörte ich Monti nach uns rufen, der uns anstelle von Cora die Handtücher brachte.

Während ich noch immer unschlüssig in dem hölzernen Zuber stand, weil ich mich nicht mit dem kalten Wasser aus dem Eimer übergießen wollte, hatte Zoe sich bereits abgetrocknet. In ihr Tuch gewickelt saß sie nun wieder auf dem Hocker und bürstete gerade den gröbsten Dreck von ihrer Lederrüstung, ehe sie diese wieder anlegte. Mit einem resignierten Seufzen hob ich den Eimer hoch und sah die Waldläuferin an. „Mein Name ist Leo und das ist die Ice Bucket Challenge!", rief ich und kippte mir das Wasser zügig über Kopf und Körper.