Kapitel 20c

Sonntag, 11. August 2002, Nachmittag

Nach dem Mittagessen ließ Severus seine Einladung vor seiner Beute baumeln in der Hoffnung, sie würde auf seine Pläne hereinfallen.

„In deinem Büro?" Hermione griff in ihr Ridikül und zog ein Bündel Notizen für ihre Präsentation für den Schulrat hervor. „Aber ich muss an meinem Report arbeiten!"

„Dessen bin ich mir bewusst", antwortete Severus geduldig und hoffte, sie würde nicht den Massenexodus von Gästen aus dem Schloss bemerken. „Ich dachte, du seist in meinem Büro vielleicht ungestörter bei der Vorbereitung."

Mit einem Hauch von Argwohn sah sie ihn an. „Wirst du dich ebenfalls in deinem Büro aufhalten?", fragte sie.

„Du wirst einige Zeit allein sein, und dann werde ich dort zu dir stoßen", antwortete er.

Sie lächelte glücklich. „In Ordnung dann."

Rechts von seinem Schreibtisch in der Nähe von Dumbledores Portrait hatte er ihr einen Tisch hingestellt, wie sie gebeten hatte. Die Fenster hatte er bereits verzaubert. Um elf Uhr waren keine Quidditchspieler in der Luft gewesen, und die Fenster waren eingefroren, um das zu zeigen, was zu der Zeit draußen gewesen war. Hoffentlich würde Hermione nicht lange genug anwesend sein, um sich darüber zu wundern, warum die Sonne sich nicht am Himmel bewegte.

„Das ist ein lustiger Hut, Sir", sagte sie zu Dumbledores Portrait. „Ich kann mich nicht erinnern, Sie ihn schon einmal tragen gesehen zu haben."

Dumbledore blinzelte ihr zu. „Er ist ein Geschenk von Severus", freute er sich. „Es ist ein großartiger Hut, nicht wahr?"

Hermione lachte und stimmte ernsthaft zu. Dann breitete sie ihre Unterlagen auf dem Tisch aus und nahm mit konzentriert gerunzelten Brauen die Feder in die Hand.

„Ich bin in Kürze zurück", versprach Severus, ehe er zur Tür hinausging.

~oo0oo~

Obwohl es Samstagnachmittag war, waren die Büros von Probe! Magazine geöffnet, wenn auch nur schwach besetzt. Er ging in Windeseile hinein und den Korridor hinunter zum Büro des Herausgebers.

Skeeter sah aus wie immer; ihr Haar hatte einen unwahrscheinlichen Platinton, ihre krallenartigen Fingernägel waren zinnoberrot lackiert, und ihre juwelenbesetzte Brille glitzerte im Licht, das durch ihr Bürofenster fiel. Severus schlüpfte in das Zimmer und stand vor ihr, schweigend wie ein Geist.

„Sie!"

Ihr erschrockener Schrei brachte den treuen Bozo dazu, aus einem anderen Raum herbeizurasen, aber als er sah, wer der Besucher war, schlich er sich davon.

Severus starrte einfach auf Skeeter hinab und erlaubte seinem Abscheu, sich auf seinem Gesicht zu zeigen. Seine Antipathie ihr gegenüber war die Ursache, dass sie niemals das Interview mit ihm bekommen hatte, das sie nach dem Krieg so dringend hatte haben wollen. Warum sollte er ihr nach der Schmiererei, die sie mit Dumbledores Biographie angestellt hatte, auch nur einen Augenblick seiner Zeit schenken? Die Hexe war extrem un-vertrauenswürdig.

Skeeter sprang auf die Füße, zog einen kurzen, dicken Zauberstab aus dem Ärmel und richtete diesen auf ihn. „Was wollen Sie? Verschwinden Sie!"

Ohne Eile setzte Severus sich und schlug ein Bein über das andere. Noch immer sprach er nicht.

Skeeter stand erstarrt hinter ihrem Schreibtisch, und ihre Käferaugen flitzten zur Tür, dann zu Severus und wieder zurück, als ob sie versuchte, zu einem Entschluss zu kommen, wie sie an ihm vorbeikam.

„An Ihrer Stelle würde ich es nicht versuchen", schnarrte er.

Geräuschvoll atmete sie aus. „Warum sagen Sie mir nicht, weshalb Sie hier sind?"

„Ich bin hier, um Ihnen zu danken", antwortete er.

Sie starrte ihn an.

„Hogwarts weiß Ihre großzügige Spende für den Stipendienfond für muggelgeborene Schüler zu schätzen, die durch den Krieg vertrieben wurden."

„Ich habe nie eine Spende zugunsten Ihrer verflixten Schule gemacht!"

Starr erwiderte er ihren käferäugigen Blick. Schließlich setzte sie sich. Nachdem sie Platz genommen hatte, sprach er weiter.

„Sie dürfen gerne in Ihrer … Zeitschrift als Knüller ausposaunen, dass Sie der erste Spender für den Fond sind." Er legte ein Pergament auf ihren Schreibtisch. „Der Plan steckt noch in den Kinderschuhen, und eine Menge Details müssen noch geklärt werden, aber Ihre Vision, in die Zukunft der Ausbildung von Zauberern zu investieren, ist ein Vertrauensbeweis für unsere jungen Leute." Er sprach die Worte, als läse er sie aus einer Presseerklärung.

Sie stieß das Pergament zu ihm zurück. „Ich habe nicht vor, ihnen auch nur einen einzigen Knut zu geben!"

Abrupt erhob er sich und ragte über ihr auf, und Skeeter duckte sich in ihren Stuhl zurück. „Aber Sie haben es bereits getan", antwortete er glatt, „mit dem Betrag, der notwendig war, um einen Spion dafür zu bezahlen, sich in die Regency-Woche einzuschleichen und deren Geheimnisse für Sie zu stehlen." Sanft schob er ihr das Pergament wieder zu. „Dies dürfen Sie veröffentlichen anstelle des Exposés, das Sie nicht bekommen werden."

„Das können Sie nicht machen!", rief sie.

Severus grinste höhnisch. „Sagen Sie – haben Sie sich je die Mühe gemacht, Ihre Animagusgestalt im Ministerium registrieren zu lassen?"

Skeeters errötetes Gesicht erblasste zu einem Kalkweiß.

„Das hatte ich auch nicht gedacht", sagte er süffisant und rauschte mit wirbelnden Regencyroben aus ihrem Büro.

~oo0oo~

Ruhig betrat er sein Büro wieder und sah, dass Hermione noch immer bei der Arbeit war. Sie lächelte ihm abwesend zu und senkte sofort wieder den Kopf zu ihren Arithmantikgleichungen.

Severus setzte sich an seinen Schreibtisch; von der Begegnung mit Rita Skeeter war sein Adrenalinspiegel noch immer hoch. Seine Berichte für die Schulräte hatte er bereits vorbereitet; daher hatte er nichts weiter zu tun. Ohne nachzudenken zog er die alten Spielkarten aus seiner Tasche und begann sie zu mischen.

Mit einem Stirnrunzeln sah Hermione auf. „Was machst du?", fragte sie, und ein Hauch von Irritation lag in ihrem Ton.

Severus fächerte das Kartenspiel auf. „Zieh eine Karte."

Sie lachte unsicher. „Ich hätte nie gedacht, dass du für Kartenkunststückchen zu haben bist", sagte sie. Aber sie tat wie gebeten und nahm eine Karte.

„Was ist es?", fragte er sie knapp.

„Es ist die Herzdame", sagte sie und hob ihr Gesicht. „Warum?"

Er schüttelte einmal den Kopf und ignorierte dabei Dumbledores Portrait, das leise lachte und Hermiones Aufmerksamkeit erregte.

„Wo liegt der Witz?", fragte sie und sah vom Portrait zu Severus und wieder zurück.

„Zieh noch eine Karte", befahl Severus. Würden die verdammten Dinger ihn weiterhin verblüffen?

Hermione seufzte, nahm eine weitere Karte und legte sie mit dem Gesicht nach oben neben die Herzdame. „Es ist der Pikbauer", sagte sie.

„Der Bube", korrigierte er sie grimmig und starrte die beiden Ärgernis erregenden Bildkarten an.

„in Ordnung, der Bube", sagte sie. „Hast du was dagegen, wenn ich jetzt arbeite?"

Er knirschte mit den Zähnen und mischte die Karten. Was hatte es zu bedeuten, wenn sogar sie nichts anderes als diese beiden verfluchten Karten ziehen konnte? Er starrte auf das Portrait, wo sein alter Mentor ihn mit nachsichtiger Zuneigung betrachtete. Severus widerstand dem Drang, dem alten Bock eine rüde Geste zu zeigen. Stattdessen hob er die Karten ab.

Herzdame.

Pikbube.

Er fluchte.

„Entschuldigung?", sagte Hermione und sah ihm überrascht ins Gesicht.

Severus stand auf und klatschte die Karten vor ihr auf den Tisch. „Sei so nett", sagte er. „Mische und hebe die Karten ab."

Hermione legte ihre Feder nieder. „Severus, du sagtest, ich hätte Ruhe zum Arbeiten, wenn ich in dein Büro käme", erinnerte sie ihn.

„Weißt du, dein verflixter Bericht ist bereits perfekt", sagte er. „Du musst nicht noch eine weitere Seite Pergament dranhängen, um sie zu beeindrucken – deine Ergebnisse sprechen für sich selbst!"

Aufgrund seines indirekten Kompliments röteten sich ihre Wangen, und ihre Lippen öffneten sich, als sie Atem holte. Er wollte diesen Mund verschlingen.

„Mische", forderte er und fügte im Nachgang hinzu, „bitte, Milady."

Ihr Blick huschte zum Portrait. „Du hast mich nie so vor jemand anderem genannt", sagte sie, und ihre Stimme war fast ein Flüstern. Er konnte nicht feststellen, ob sie erfreut oder beschämt war.

„Das habe ich immer noch nicht", versicherte er ihr. „Portraits sind keine Menschen."

Sie und Dumbledore warfen ihm fast identische, vorwurfsvolle Blicke zu. Frustriert biss er die Zähne zusammen, nahm die Karten und drückte sie ihr in die Hand.

„Mische", sagte er.

Mit einem lauten Seufzen, als würde sie enorm ausgenutzt, mischte Hermione das Kartenspiel dreimal und hob die Karten ab.

„Wieder die Herzdame!", sagte sie mit echter Überraschung.

„Hebe noch einmal ab", wies er an.

Das tat sie und deckte diesen Schurken auf, den Pikbuben.

„Siehst du, Severus?", rügte das Portrait.

Severus schnappte die Karten wieder und schob sie in seine Tasche. Von draußen kam ein lautes Gebrüll vom Quidditchfeld.

Hermione sah sich erschrocken um. „Was in aller Welt ist das?", fragte sie und erhob sich, um aus dem Fenster zu sehen.

„Ich habe nichts gehört", log Severus. „Komm, lass uns in den Konferenzraum gehen. Wir sollten dort sein, um die Schulräte zu begrüßen, wenn sie ankommen."

Hermione warf die Hände in die Luft. „Du benimmst dich sehr seltsam, Severus", informierte sie ihn.

Aber sie räumte ihre Sachen in ihr Ridikül ein, und Severus drängte sie weg, ehe das Portrait etwas sagen konnte, von dem er wirklich nicht wollte, dass sie es hörte.

~oo0oo~

Neville und Gabby kletterten in die Zuschauerränge hinauf, um Sitzplätze zu finden. In der vordersten Reihe saßen Romilda Vane, Penny Clearwater und Pansy Parkinson zusammen, während Luna Lovegood in der Reihe hinter ihnen saß. Neville führte Gabby hinüber, um sich zu Luna zu setzen.

„Wer spielt in den Mannschaften?", fragte er.

Pansy sah sehr selbstzufrieden aus. „Viktor und Fin spielen natürlich zusammen", sagte sie, als sei dies das Einzige, was zählte.

Romilda sah sich nach ihnen um. „Ron spielt als Torhüter in Harrys Team", sagte sie. „Und George spielt als Jäger."

Neville sah auf den Grund hinunter, wo sich die Spieler außerhalb des Labyrinths sammelten, das er auf dem Spielfeld angelegt hatte. „Wer spielt als Sucher gegen Krum?", fragte er. „Harry oder Draco?"

Pansy lachte fies. „Das knobeln sie immer noch aus."

Draco und Harry standen abseits der übrigen Spieler beieinander und stritten sich.

„Du spielst Sucher, und ich spiele Jäger", sagte Harry, und Neville erkannte diesen störrischen Ausdruck auf seinem Gesicht wieder. Harry konnte einem Maultier Starrköpfigkeit beibringen.

Draco schob sein Gesicht an Harrys. „Ich will, dass wir dieses Spiel gewinnen!", schnarrte er.

Eine Minute lang sah es aus, als wollten die beiden ihre Besen fallen lassen und sich zu prügeln beginnen, aber genau in diesem Moment machte Viktor Krum den Mund auf.

„Es spielt keine Rolle, wer von euch als Sucher spielt!", rief er fröhlich. „Ich werde den Snitch so oder so fangen!"

Draco biss die Zähne aufeinander. „Du wirst verdammt nochmal als Sucher spielen, Narbengesicht!"

„Fein!", schnappte Harry.

„Fein!", antwortete Draco, und die beiden boxten einander gleichzeitig gegen die Schultern.

Neville war überrascht, dass Harry überhaupt auf die Idee kam, Draco an seiner statt als Sucher spielen zu lassen. Am Abend zuvor hatte er ihren Kuss am Ende des Schauspiels gesehen, aber er beeindruckte ihn bei weitem nicht so sehr wie die Tatsache, dass Harry willens war, Draco seine Lieblingsposition im Spiel zu überlassen. Das musste wohl wahre Liebe sein.

Fin Quigley und Harry traten vor und schüttelten sich die Hände, und Madam Hooch, die sich als Schiedsrichter zu fungieren bereit erklärt hatte, pfiff.

Penny und Pansy hielten sich an den Händen, während ihre Verehrer abhoben, die beide ihre Ballycastle Bats Quidditch-Kleidung trugen. „Sind sie nicht wundervoll?", hauchte Penny.

Pansy nickte grimmig mit dem Kopf. „Verdammt brillant", stimmte sie zu.

Neville konzentrierte sich auf die Spieler, die die Luft mit umherschießenden Besen füllten, und wünschte, es wären ein paar junge Männer da, mit denen er statt all dieser Mädchen zusammensitzen konnte.

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Alle Schulräte, sogar diejenigen, die nicht den ihnen angebotenen Rabatt genutzt hatten, um an der Regency-Woche teilzunehmen, würden an diesem Abend beim großen Ball anwesend sein. Entsprechend war der Konferenzraum mit Damen in Ballkleidern und Herren in Kniehosen und Strümpfen gefüllt. Hermione erstattete als Erste Bericht und nahm ihren Platz vor den Schaubildern ein, die sie erstellt hatte, um zu zeigen, wie die von der Regency-Woche eingenommenen Gelder das Defizit im Budget der Schule mehr als ausgeglichen hatten.

„… und die zusätzlich eingenommenen Beträge werden dafür verwendet werden, um den Hogwarts Stipendienfond aufzubessern", endete sie. „Gibt es irgendwelche Fragen?"

Griselda Marchbanks ergriff das Wort. „Natürlich haben wir schon jedermanns Geld erhalten, Miss Granger, aber wie hoch glauben Sie ist die … Zufriedenheit der Kunden, gewissermaßen?"

„Das Feedback ist überwältigend positiv", sagte Hermione, „aber wir werden per Eulenpost anschließend einen Fragebogen verschicken, in einer Woche oder in zehn Tagen. Die Antworten werden zusammengestellt und Ihnen bei der nächsten Sitzung vorgestellt."

Marchbanks überraschte Hermione sehr, indem sie zu applaudieren begann, und bald fiel der gesamte Schulbeirat ein – ebenso wie der Schulleiter und seine Stellvertreterin. Dann trat Lucius Malfoy nach vorn, um Hermiones Hand zu schütteln und sie zur Tür zu geleiten.

„Wir werden Sie mit dem Rest unserer Geschäfte nicht langweilen, Miss Granger", sagte er ruhig.

Und ehe sie wusste, was geschah, fand sich Hermione auf der anderen Seite der geschlossenen Tür wieder.

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Severus erhob sich, als Lucius zum Tisch zurückkam, und aller Augen wandten sich ihm zu.

„Ich möchte mit Ihnen über ein neues Problem sprechen, das innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden ans Licht gekommen ist", sagte er ernst. „Ich bin darauf aufmerksam geworden, dass wir als Einrichtung des Lernens gänzlich darin versagt haben, für unsere muggelgeborenen Schüler befriedigenden Unterricht anzubieten."

Sofort erhob sich Gerede, Fragen prasselten auf den Schulleiter ein, und er schlug eine Ledermappe auf und zog einen Stapel Pergamente hervor. Er nahm eines und reichte den Stapel Minerva, die zu seiner Linken saß. „Nimm eines und gib weiter", sagte er. „Sie finden alle relevanten Daten hier – und sobald wir damit fertig sind, habe ich einen Lösungsvorschlag, den ich Ihnen ebenfalls vorstellen möchte."