Kapitel 23
Nach einer schlaflosen Nacht wartete Hermine unruhig darauf, dass es spät genug war, um zu Severus zu gehen. Die Zeiger ihrer Uhr bewegten sich nur quälend langsam vorwärts, Sekunde um Sekunde, Minute um verdammter Minute, so unbarmherzig und gleichmütig, dass sie hätte schreien können.
Um viertel nach acht hielt sie es nicht mehr aus. Sie apparierte hinter seinen Mülltonnen und lief in der kühlen Mailuft fröstelnd zur Tür. Ihr Klopfen war so heftig, dass sie selbst erschrak. Sie wartete. Das Ticken der Uhr klang ihr immer noch in den Ohren.
Severus sah grimmig aus, als er die Tür öffnete, aber er war angezogen, also hatte sie ihn nicht geweckt. Seine Stirn glättete sich bei ihrem Anblick. „Waren wir verabredet?"
Hermine starrte ihn mit halb geöffnetem Mund an. „Nein", murmelte sie, „Nein, waren wir nicht …" Sie schluckte. „Geht es dir gut?"
Er zog die Augenbrauen hoch. „Sollte es nicht?"
Hermine stand einfach nur da und sah ihn an. Sie fühlte sich, als wäre sie geradewegs gegen eine Wand gelaufen, es gab keinen klaren Gedanken in ihrem Kopf, nur ein großes Fragezeichen.
„Geht es dir gut?", fragte Severus schließlich.
Sie fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Ich … Nein, nicht so richtig."
„Komm rein", sagte er schließlich und trat zur Seite.
Es war noch kühl im Wohnzimmer, die Fenster standen offen und die Gardinen bewegten sich leicht. Severus ging hin und schloss erst das eine, dann das andere Fenster. „Setz dich!", forderte er sie auf und deutete zu den Sesseln. Beiläufig entzündete er ein Feuer im Kamin. „Was ist los?"
Hermine lachte, es klang schrill und hysterisch in ihren Ohren. Sie hörte abrupt auf damit. „Weißt du nicht mehr, was gestern Abend passiert ist?"
Severus runzelte wieder die Stirn. „Es ist nichts passiert", sagte er langsam. „Wir haben die Tränke abgeschlossen und … dann bist du gegangen."
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, bin ich nicht."
Er starrte sie an.
„Du erinnerst dich wirklich nicht?"
Severus neigte den Kopf, seine Augen waren größer als sonst. „Was ist gestern Abend passiert?", fragte er scharf.
„Ich hab eine neue Erinnerung aus dem Käfig gelassen. Du sagtest, sie dürfte gar nicht da sein, dann hat sie dich mit sich gezogen. Danach …" Sie unterbrach sich und schluckte. „Du warst aufgebracht, bist durchs Zimmer gelaufen. Ich hab dich gebeten, mit mir zu reden, aber das wolltest du nicht. Und dann …"
„Was dann?", fragte er.
Hermine schüttelte langsam den Kopf. „Ich weiß nicht, was passiert ist. Aber ich konnte es sehen. In deinen Augen. Irgendwas … Es war, als würdest du dich verschließen. Ich hatte Angst um dich." Sie schauderte. „Danach warst du … nicht mehr du selbst. Hast mir gesagt, ich könne gehen. Du hast hier aufgeräumt und das Licht ausgemacht und bist nach oben gegangen, ohne überhaupt zu bemerken, dass ich immer noch da war."
Er war blass geworden, während sie erzählte. „Was für eine Erinnerung war es?"
Sie zögerte. „Professor Dumbledores Tod."
Severus schloss die Augen, tiefe Falten furchten seine Stirn. Er fasste sich mit Daumen und Zeigefinger an die Nasenwurzel. „Ich weiß, was passiert ist. Warum …" Er brach ab.
„Weißt du es oder kannst du dich daran erinnern?"
Er sah sie an, blinzelte. „Ich weiß es", stellte er dann fest. Die Ader an seinem Hals pulsierte schnell. „Aber wenn du die Erinnerung gestern aus dem Käfig geholt hast … Wo ist sie dann jetzt?"
„Ich weiß es nicht, Severus", sagte sie leise.
„Doch, du weißt es."
Hermine schüttelte heftig den Kopf. „Ich hab so was noch nie gesehen, ich weiß nicht, was da passiert ist!"
Severus sah sie an, sein Blick bohrte sich in ihren. Er atmete scharf aus. „Du weißt es, Hermine. Du warst in meinem Geist, du hast Dinge dort getan …" Ein Muskel auf seinem Nasenrücken zuckte. „Du hast gesehen, wie mein Geist funktioniert. Im Gegensatz zu mir verstehst du, was da passiert. Immer. Denk nach! Du weißt es."
Sie starrte ihn an, sprachlos. Dann fuhr sie sich mit den Händen über das Gesicht. Ihre Gedanken rasten und gleichzeitig war ihr Kopf leer. Mit geschlossenen Augen murmelte sie: „Okay. Noch mal von vorn. Du sagtest gestern, das sei viel später passiert. Lange nachdem Malfoy die Erinnerungen weggesperrt hatte. Sie hätte nicht dabei sein dürfen."
„Ja", sagte Severus mit dunkler Stimme.
„Aber die Erinnerung war hochenergetisch, sie ist nicht versehentlich zwischen die anderen geraten. Sie war schon lange weggesperrt. Wie kam sie also dorthin? Wie ist das …" Hermine sprach mehr zu sich selbst als zu ihm, rieb mit den Handballen über ihre juckenden Augen. Es musste eine Erklärung geben. Vielleicht hatte Malfoy nochmal … Aber das hätte er Severus erzählt.
Vielleicht hatte Voldemort … Aber warum hätte er das tun sollen?
Sie suchte nach einem losen Faden im Gewirr ihrer Gedanken, etwas woran sie ziehen konnte, etwas das sich nicht als Strohhalm entpuppte. Sie verstand, was in seinem Geist passierte … Schön wär's! Gerade jetzt verstand sie gar nichts.
Einmal mehr wünschte sie sich jemanden, der ihr half. Jemanden, den sie fragen und der es ihr erklären konnte. Sie wünschte, sie hätte Zeit gehabt zu lernen, bevor sie Severus begleitete. Gerade fühlte sie sich dieser Herausforderung nicht gewachsen, gerade verlangte er zu viel.
Zu viel!
An diesem Punkt riss sie die Augen auf. „Es war zu viel", hauchte sie.
„Was meinst du?"
„Die Erinnerung. Du hast am Anfang selbst gesagt, irgendwo tief in dir hast du immer gespürt, dass da was ist, aber du wolltest es nicht so genau wissen."
Er nickte ungeduldig.
„Aber dein Unterbewusstsein wusste es. Es hat Malfoys Manipulation für sich genutzt. Deswegen ist die Erinnerung im Käfig gewesen. Es war zu viel. Dein Unterbewusstsein hat sie zu den anderen gesperrt. Es ist nur logisch, es gab damals keine andere Möglichkeit. Kein Platz, um …" Sie brach ab, als sie Severus' Blick begegnete.
Er räusperte sich, schluckte. „Und wo ist sie jetzt?"
„Wieder im Käfig", entgegnete Hermine und presste die Lippen aufeinander. „Denke ich. Wenn dein Unterbewusstsein Malfoys Manipulation nutzen konnte, dann bestimmt auch meine."
„Also werde ich mich ihr irgendwann wieder stellen müssen", schlussfolgerte Severus.
„Ja."
Er schnaubte. „Und warum sollte es dann anders laufen als dieses Mal? Warum sollte mein … Unterbewusstsein … die Erinnerung nicht wieder wegsperren, weil es zu viel ist?" Er klang verächtlich, als er es sagte.
Hermine lächelte. „Weil du jetzt weißt, was auf dich zukommt, und dich darauf vorbereiten kannst."
„Psst!"
Hermine erstarrte und sah sich um. Sie war allein. Die Portraits auf dem Gang des St.-Mungo-Hospitals waren entweder leer oder die Bewohner schliefen. Ihre Hand glitt in die Tasche, griff nach ihrem Zauberstab.
„Psst! Hier drüben!"
Sie spähte um die nächste Ecke. Das schmale Gesicht von Rupert Channings tauchte so plötzlich vor ihr auf, dass sie einen Schritt zurück sprang und einen kleinen Schrei ausstieß, ehe sie sich eine Hand vor den Mund presste. „Habt ihr alle einen Todeswunsch?!", fragte sie entsetzt. Erst Miriam, jetzt Rupert … Irgendwann würde sie jemanden im Affekt schocken, wenn sie sich weiterhin so an sie heranschlichen.
Rupert sah sie mit großen Augen an. „Entschuldige", sagte er, während ihm das Blut in die Wangen schoss.
Hermine nickte, während ihr Puls sich nur langsam beruhigte. „Was gibt's denn?"
„Ich hab da einen Patienten … Hast du kurz Zeit?"
Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. „Wenn es nicht zu lange dauert …"
Rupert schüttelte den Kopf, drehte sich auf dem Absatz um und lief los. Hermine folgte ihm wie gegen besseres Wissen durch mehrere Gänge, bis sie vor einer großen roten Flügeltür mit der Aufschrift Station für ansteckende magische Krankheiten ankamen. Links und rechts davon standen Schalen mit einem silbern schimmernden Zaubertrank, in den sie ihre Hände tauchte; er schützte sowohl die Patienten vor Keimen, die sie mitbringen könnte, als auch sie vor jenen, die hier lauerten. Und als sie durch die Tür ging, fuhr ein Prickeln über ihren restlichen Körper. Sie schauderte. Das hatte sie nicht vermisst.
„Ich weiß einfach nicht, wie ich ihm helfen soll", erklärte Rupert endlich, während sie an ein paar geschlossenen Türen vorbeigingen. „Kam heute Nacht an, die Tränke helfen nicht. Dachte, vielleicht weißt du was." Er kam vor einer der Türen zum Stehen, berührte sie mit der Spitze seines Zauberstabes und öffnete sie.
Hermine folgte ihm hinein. „Was für Symptome hat er?", fragte sie.
„Schau selbst!" Er war an einem leeren Bett vorbeigegangen und hinter einen Vorhang geschlüpft.
Als Hermine ihm folgte und den Patienten sah, verzog sie das Gesicht. „Verdammt!", hauchte sie. Der Patient, der entweder schlief oder bewusstlos war, hatte dick angeschwollene, mit Furunkeln übersäte Augenlider. Auch die Haut um die Augen herum sah fürchterlich aus, aber das restliche Gesicht war – von schlechter Bartpflege einmal abgesehen – gesund. „Was hat er berichtet?", fragte sie, während sie sich über ihn beugte.
„Nichts. Er hat geschrien, bis wir ihn betäubt haben."
Sie runzelte die Stirn und zog eines seiner geschwollenen Augenlider hoch. Das Auge war tiefrot und vereitert. „Hat er Fieber?"
„Nein. Ist das eine Muggelkrankheit? Helfen deswegen die Tränke nicht?"
Hermine richtete sich wieder auf, schloss kurz die Augen und überlegte, dann schmunzelte sie ein bisschen. „Das ist keine Infektionskrankheit. Sieht für mich eher nach einer ungesunden Kreuzung von Furnunculus und Bindehautentzündungsfluch aus. Da waren mindestens zwei Leute sehr wütend auf ihn. Schick ihn in den vierten Stock, die können ihm bestimmt helfen."
Rupert blinzelte, als hätte sie ihn gerade aus einem Tagtraum geweckt. „Furnunculus …", murmelte er und lief wieder rot an.
Hermine nickte. „Ich muss jetzt los. Bis bald, Rupert!" Sie verließ das Patientenzimmer und lief eiligen Schrittes hinauf in den dritten Stock. Sie betrat das Dienstzimmer, als Patrick gerade dabei war, sich seinen Umhang überzuwerfen. „Bin ich zu spät?", fragte sie außer Atem.
„Nein, ich hab es nur eilig. Meine Frau ist verabredet und ich muss auf die Kinder aufpassen. Es war alles ruhig bisher, nur ein paar Kleinigkeiten, niemand ist zur Beobachtung geblieben. Anscheinend nutzen die Leute ihren Sonntag mal für was Ruhiges."
Hermine sah ihn verdrießlich an. „Jetzt, wo du das so gesagt hast, bestimmt nicht mehr."
Er lachte. „Du bist doch nicht etwa abergläubisch?"
„Nein! Das sind Erfahrungswerte." Sie warf ihre Tasche in den Schrank und zog ihren Umhang aus. „Ach übrigens", fiel ihr dann wieder ein. „Ich bin dabei."
Patrick sah sie verwirrt an. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ihm einfiel, was sie meinte. „Oh!", machte er lang gezogen. „Großartig!" Er grinste von einem Ohr bis zum anderen und griff nach dem Dienstplan. Mit gerunzelter Stirn studierte er ihn. „Übermorgen früh haben wir beide frei. Hast du Zeit, einen Kaffee trinken zu gehen?"
„Ich denke schon. Ich komm aus der Nachtschicht, oder?" Patrick nickte. „Um halb neun müsste ich schaffen."
„Dann um halb neun in Scoop's Café?"
„Ja, das ist gut."
„Super. Ich freu mich!" Tatsächlich sah er aus wie ein Kind in einem Spielwarenladen. Er verabschiedete sich, während Hermine schmunzelnd ihren limonengrünen Umhang anzog.
Die Tür war kaum hinter ihm ins Schloss gefallen, da stieß Trisha sie wieder auf und steckte den Kopf herein. „Hermine, wir brauchen dich!"
Sie seufzte. Es war kein Aberglaube, wenn es doch stimmte! „Ja, ich komme."
„Wie lange nehmen Sie den Trank schon?" Hermine sah ihren Patienten eindringlich an.
„Nicht lange", entgegnete er leichthin.
„Billie!", schaltete sich seine Freundin ein, „Hör auf zu lügen!"
Der junge Mann verdrehte die Augen. „Ally, bitte! Ich krieg das schon hin! Willst du nicht was trinken gehen?" Er warf ihr einen Blick zu, der möglicherweise charmant aussehen sollte, es aber nicht war.
Sie verdrehte die Augen und sagte an Hermine gewandt: „Mindestens drei Wochen. Da war er plötzlich anders."
„Glücklich!", rief er dazwischen, „Das Wort, das du suchst, ist glücklich!"
Hermine runzelte die Stirn. „Drei Wochen sind eine lange Zeit", murmelte sie.
„Die besten drei Wochen meines Lebens", wandte Billie ein und kicherte.
„Bis du dir die Beine gebrochen hast, weil du dachtest, es sei eine grandiose Idee, in vier Metern Höhe den Besenstiel loszulassen und zu jubeln!"
Wieder warf Billie seiner Freundin einen genervten Blick zu. „Es war eine grandiose Idee! Hat sich jedenfalls grandios angefühlt …" Er lächelte verschwommen.
„Auch noch als du auf den Boden aufgeschlagen bist?", fragte sie mit hoher Stimme. „Ich dachte, du wärst tot, Billie!"
Bevor die beiden sich noch weiter in ihren Streit hineinsteigern konnten, sagte Hermine: „Die besten drei Wochen Ihres Lebens enden nun jedenfalls mit mindestens drei Tagen bei uns."
Billie riss die Augen auf. „So lange?"
„Ja. Die Beine kriege ich in ein paar Minuten wieder hin, aber wir müssen Sie während des Entzuges beobachten. Je nachdem, wie es läuft, könnte es auch länger dauern."
Billies Freundin seufzte schwer hinter ihm, stützte die Stirn in die Hand. Als er Luft holte, um etwas dazu zu sagen, sah sie ihn scharf an. „Kein Wort mehr! Du hast doch selber Schuld."
Hermine legte derweil die Akte zur Seite und nahm ihren Zauberstab zur Hand. Sie sprach einen Diagnosezauber über seine Beine; sie waren beide mehrfach gebrochen, aber zur ihrem Erstaunen nicht verschoben. „Sie haben Glück gehabt", sagte sie zu ihrem Patienten.
„Wohoo!", rief er und riss die Arme hoch.
Ein paar Minuten später waren die Brüche geheilt und er setzte sich auf die Kante der Liege. „Wie neu", stellte er fest, während er mit seinen Beinen wackelte.
Hermine nahm seine Akte und sagte: „Ich geb vorne Bescheid, es kommt dann jemand und bringt Sie auf ein Zimmer."
„Vielen Dank", entgegnete Ally und stupste ihren Freund an.
„Oh ja. Danke!", sagte auch er daraufhin.
„Keine Ursache." Hermine lächelte den beiden kurz zu, dann verließ sie das Behandlungszimmer. Sie seufzte leise, als sie an die Anmeldung trat. „Wir müssen ihn aufnehmen", erklärte sie Pauline. „Er nimmt seit mindestens drei Wochen regelmäßig das Euphorie-Elixier, wir müssen den Entzug beobachten."
Pauline riss die Augen auf. „Wo hat er denn so viel Euphorie-Elixier her?"
„Seine Freundin sagt, er hat die Ersparnisse geplündert."
„Dummer Junge."
„Ja. Ist Glen schon da?"
„Ja, er ist hinten."
Hermine ging ins Dienstzimmer. „Guten Morgen", begrüßte sie ihren Kollegen, der sich gerade umzog.
„Guten Morgen! Was muss ich wissen?"
Hermine setzte sich und schlüpfte aus ihren Schuhen, bevor sie sich mit dem Rücken gegen ihren Schrank lehnte. „Ein junger Mann in der Zwei, achtzehn Jahre alt, Euphorie-Elixier-Abhängigkeit. Pauline nimmt ihn gerade auf. Ansonsten ist es ruhig gewesen heute Nacht, es konnten alle gleich wieder nach Hause."
„Gut. Ich kümmere mich um ihn." Er warf sich seinen Umhang über die Schultern. „Du siehst müde aus."
Hermine gähnte verstohlen. „Ja, ich schlaf zu wenig im Moment."
„Dann hau ab!"
„Bin schon weg", entgegnete Hermine und nachdem ihr Kollege gegangen war, lehnte sie erschöpft den Kopf gegen ihren Schrank. Bevor sie nach Hause konnte, war sie noch mit Patrick verabredet. Sie sah auf die Uhr. Ein paar Minuten konnte sie noch die Augen schließen, bevor sie sich auf den Weg machen musste.
Nur ein paar Minuten …
Und natürlich wurden es ein paar Minuten zu viel. Aber der Adrenalinstoß beim Blick auf ihre Uhr wirkte besser als jeder Kaffee. In Windeseile zog Hermine sich um, stopfte ihre Arbeitskleidung in den Schrank, knallte ihn zu und stürmte aus dem Dienstzimmer. „Bis morgen!", rief sie, ohne überhaupt zu schauen, ob jemand sie hörte. Sie polterte die Stufen im Treppenhaus hinab und lief beinahe jemandem in die Arme, als sie die Tür zum Hinterhof aufstieß. „Oh, Entschuldigung!"
„Nichts passiert", entgegnete der ältere Herr und hielt ihr die Tür auf.
„Danke!" Hermine lief hinüber zum Apparationspunkt, der nichts anderes war als ein drei mal drei Meter großes Stück Boden im Hinterhof, das so verzaubert war, dass niemand dort apparieren konnte, wenn gerade jemand disapparieren wollte und umgekehrt. Zu ihrem Glück hielten die Banne sie nicht auf und wenige Sekunden später fand Hermine sich auf einem ähnlichen Stück Fläche in der Winkelgasse wieder, nur dass es hier nicht nur eines, sondern gleich neun davon gab. Sie war kaum angekommen, da ploppte es links und rechts neben ihr kurz hintereinander. Zwei Zauberer erschienen und marschierten in Richtung der Geschäfte davon.
Hermine tat es ihnen gleich, steuerte aber Scoop's Café an. Durch das Ladenfenster konnte sie Patrick schon an einem der Tisch sitzen sehen. Über der Tür klingelte eine Glocke, als sie hineinging, aber er schien es nicht zu hören. Er starrte auf die Tischplatte vor sich und drehte gedankenverloren seine Teetasse.
„Hey!", sagte Hermine, als sie schon vor ihm stand.
„Oh!", machte Patrick und zuckte zusammen. „Entschuldige. Ich war in Gedanken."
Hermine setzte sich, wischte eine Haarsträhne aus ihrer verschwitzten Stirn. „Beruflich oder privat?"
„Beides", sagte er nachdenklich. „Der Fall, der gestern rein kam …"
Hermine überlegte kurz. „Meinst du den jungen Mann mit Amnesie?"
„Ja."
„Ich hab seine Akte nur überflogen. Es ging ihm gut heute, Trisha hat sich um ihn gekümmert."
Er nickte und verschränkte die Hände ineinander. „Er war so am Boden zerstört, als seine Freundin Schluss gemacht hat, dass er die Erinnerungen an die gesamte Beziehung loswerden wollte. Natürlich hat er den Trank falsch gebraut. Er wusste nichts mehr, als sein Bruder ihn zu uns gebracht hat. Nicht mal seinen Namen."
Hermines verzog das Gesicht. „Ja, ich hab's gelesen. Aber es scheint ihm besser zu gehen mit dem Gegengift." Jedenfalls ging es ihm besser als Gilderoy Lockhart. Trankunfälle ließen sich leichter beheben als missglückte Zauber.
„Wie gut es letztendlich wirkt, wird sich noch zeigen. Als ich ging, wusste er immerhin schon wieder, wie er heißt."
„Und was beschäftigt dich daran so?"
Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich hab an meine erste Liebe gedacht und wie furchtbar es war, als es in die Brüche ging."
„Es gab jemanden vor Mrs Matthews?", fragte Hermine schmunzelnd.
„Natürlich", entgegnete er verschmitzt. „Niemand hat mir je wieder so das Herz gebrochen … Aber ich würde sie trotzdem nicht vergessen wollen. Das gehört doch dazu, oder? Würdest du deine erste Liebe vergessen wollen?"
„Ähm", machte Hermine und rutschte auf ihrem Stuhl herum. „Nein …"
„Er hat sich nicht mal die Chance gegeben, es zu verarbeiten. Sicherlich hätte er es geschafft. Und ich denke, es wäre wichtig für ihn gewesen, das zu schaffen."
Hermine wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Es hatte Zeiten gegeben, in denen hätte sie Ron und alles, was er ihr bedeutete, gern vergessen, weil es so wehtat, ihn nicht haben zu können. Aber mit der Zeit war es leichter geworden. Mit der Zeit waren andere Männer in ihr Leben getreten – und hatten es wieder verlassen. Das einzige, was von Ron geblieben war, war der Maßstab. Sie alle hatten sich mit ihm messen müssen und keiner hatte das geschafft. „Vielleicht wäre es das", murmelte sie. Der Kellner kam zu ihnen und riss sie aus ihren Gedanken. Hermine bestellte sich einen Kaffee.
„Wie dem auch sei", sagte Patrick, nachdem der Kellner wieder gegangen war. „Wir sind nicht deswegen hier."
„Nein." Hermine nahm sich einen Moment, um ihre Gedanken zu sortieren. Genau, die Gesetzesänderung. „Wie hast du dir das Ganze vorgestellt?"
„Da ich mich bisher schändlich wenig mit Politik beschäftigt habe, hab ich mal ein bisschen recherchiert", begann er und strich ein Pergament glatt, das vor ihm auf dem Tisch lag. „Um eine Gesetzesänderung zu bewirken, müssen wir einen Antrag beim Ministerium für eine Anhörung stellen. Der wird dann entweder genehmigt oder abgewiesen. Die Anhörung, sofern sie denn genehmigt wird, findet vor dem höchsten Gremium des Ministeriums statt. Auch der Zaubereiminister wäre dann dabei. Und dieses Gremium stimmt dann über unseren Vorschlag ab."
Hermine runzelte die Stirn. „Wir müssen also zwei Hürden nehmen."
„Ja. Wobei ich denke, dass die erste die schwierigere ist. Niemand würde erfahren, dass wir überhaupt einen Antrag gestellt haben, geschweige denn, dass er abgewiesen wurde."
In diesem Moment kehrte der Kellner mit Hermines Kaffee zurück und unterbrach ihr Gespräch. Als sie wieder ungestört waren, sagte Hermine: „Wir müssen dafür sorgen, dass alle davon erfahren. Bevor wir den Antrag auf eine Anhörung stellen, muss schon die ganze Zauberergesellschaft wissen, was wir planen und am besten müssen sie uns unterstützen."
Patrick nickte. „Ja, wir müssen das Ministerium unter Druck setzen."
„Genau. Das heißt, wir müssen uns erst mal jemanden suchen, der uns hilft, die Aufmerksamkeit auf dieses Thema zu lenken."
„Da findet sich schon jemand vom Tagespropheten. Aber wir brauchen auch Betroffene, die bereit sind, ihre Geschichte zu erzählen. Niemand wird sich dafür interessieren, wenn das alles nur Theorie ist."
Hermine schlang die Hände um ihre Tasse. „Vielleicht können wir ein paar Patienten im St.-Mungos ansprechen, denen eine Behandlung mit Muggelmethoden besser geholfen hätte als die magische Variante. Ich halte es für unklug, Patienten zu nehmen, die bereits mit Muggelmethoden behandelt wurden, selbst wenn es ihnen das Leben gerettet hat. Das Ministerium wäre sicherlich nicht begeistert davon, wenn wir allen erzählen, dass wir uns schon über ihren Willen hinweggesetzt haben." Davon mal abgesehen würde auch eher ein Muggel Zaubereiminister werden, als dass Severus öffentlich seine Geschichte erzählen würde, fügte Hermine in Gedanken hinzu. Aber selbst Professor McGonagall sollte sich mit ihrer Geschichte wohl besser bedeckt halten.
„Ich möchte ungern Patienten ansprechen. Wenn die sich beschweren, haben wir ein Problem. Aber du hast recht, wir müssen andere Betroffene finden. Wärst du bereit, die Geschichte deiner Mutter zu erzählen?"
Sie holte tief Luft, während sie darüber nachdachte. „Ja, wäre ich", entschied sie dann. „Aber ich möchte vorher mit meinem Vater darüber reden."
„Natürlich."
„Wir brauchen noch mehr solcher Fälle. Gerade davon. Ich denke, das Ministerium würde sich wohl mit der Verwendung von Muggelmedizin einverstanden erklären, wenn dafür die Behandlung von Muggeln mit magischen Methoden vom Tisch wäre. Wenn wir beides wollen, müssen wir viele gute Gründe liefern und höher zielen, als wir treffen wollen."
„Was meinst du damit?"
Hermine presste die Lippen aufeinander, bevor sie sagte: „Ich denke, wir müssen verlangen, die magischen Methoden für alle Muggel zugänglich zu machen, damit wir uns auf die ohnehin eingeweihten Muggelangehörigen runterhandeln lassen können."
Patrick sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Lernt man solche Verhandlungstechniken auf der Muggeluniversität?"
Hermine lächelte. „Wir brauchen jemanden, der es sich traut, solche Artikel zu schreiben. Die könnten ihn den Job kosten. Ich werd meine Freundin mal fragen. Sie schreibt zwar für die Sportabteilung, aber sie kennt gefühlt jeden beim Tagespropheten."
„Klingt vielversprechend. Und ich werd meine Frau mal darauf ansetzen, ein paar Fälle von Muggelangehörigen zu finden, die unseren Antrag unterstützen. Manchmal hab ich das Gefühl, sie kennt jeden in der magischen Welt." Er riss die Augen auf und schüttelte den Kopf.
„So schlimm?", fragte Hermine amüsiert.
„Schlimmer! Einmal durch die Winkelgasse dauert mit ihr locker zwei Stunden, selbst wenn wir nur zur Apotheke wollen."
„Jetzt kommt es uns zu Gute."
Er seufzte. „Ja, ich weiß. Ich werde mich nie wieder darüber beschweren dürfen, wenn sie Erfolg hat."
Hermine sah ihn bedauernd an, konnte sich ihr Grinsen aber kaum verkneifen. „Dann belassen wir es erst mal dabei. Du beauftragst deine Frau, ich beauftrage Ginny und rede mit meinem Vater. Und wir sollten uns nochmal treffen, wenn ich weniger übernächtigt bin, damit wir den Antrag für das Ministerium formulieren können."
„Gut. Am Freitag sind die Kinder bei meinen Schwiegereltern. Dann komme ich zwar aus der Nachtschicht, aber das geht schon. Hast du Zeit?"
Hermine versuchte ein Gähnen zu unterdrücken. „Ja, da hab ich frei. Das passt."
Patrick grinste verstohlen. „Geh bloß schlafen, ich werd schon müde, wenn ich dich nur anschaue."
„'Tschuldigung." Hermine sah hinab auf die Tischplatte; sie hatte ihren Kaffee noch gar nicht angerührt. Inzwischen war er abgekühlt, so dass sie ihn in wenigen großen Schlucken austrinken konnte. Dann wühlte sie in ihrer Tasche nach ein paar Münzen.
„Lass, ich lad dich ein", sagte Patrick.
„Oh, Danke!"
„Ich habe zu danken, dass du mich bei diesem irren Plan unterstützt."
Hermine lächelte flüchtig. „Wir müssen es wenigstens versuchen, oder?"
„Seh ich genauso."
Sie stand auf und zog sich ihren Umhang an. „Bis dann!", verabschiedete sie sich von Patrick und beeilte sich, zu den Apparationspunkten zurückzukehren. Trotz des Kaffees schrie alles in ihr nach ihrem Bett.
Hermine erlaubte sich vier Stunden Schlaf, bevor sie sich wieder aus ihrem Bett quälte. Ihre nächste Schicht begann am Morgen um acht und sie wollte vorher geschlafen haben und nicht nach einer durchwachten Nacht zur Arbeit erscheinen. Es gab Dinge, an die würde sie sich nie gewöhnen, und das gehörte definitiv dazu. „Ich hasse Nachtschicht", nörgelte sie, während sie sich mit den Händen über das Gesicht rubbelte und schon beinahe wieder eingeschlafen wäre, nur weil sie kurz die Augen geschlossen hatte.
Bevor sie schwach werden konnte, stand sie auf, öffnete das Fenster weit und atmete ein paar Mal tief durch. Die Luft war frühlingswarm und das Zwitschern der Vögel ließ sie lächeln. Sie ging in die Küche und setzte Wasser auf, um sich einen Kaffee zu kochen. Währenddessen nahm sie einen Zettel und einen Stift und schrieb eine kurze Nachricht an ihren Vater. Sie fragte ihn, ob er sich morgen mit ihr am Grab ihrer Mutter treffen konnte. Sie war seit Wochen nicht mehr da gewesen und der Ort schien ihr passend für dieses Gespräch. Mit dem Zauberstab rief sie eine Eule von der Zentralpost herbei und während sie auf das Tier wartete, kümmerte sie sich weiter um ihren Kaffee und schaffte es sogar, ein paar Schlucke zu trinken, ehe es an ihrem Fenster tappte.
Hermine gab der Eule die Notiz für ihren Vater und suchte ein paar Sickel heraus, um sie in den Beutel am Bein der Eule zu stecken. „Flieg nach Hause und warte dort auf ihn, nicht zu seiner Arbeit. Und warte, bis er dir eine Antwort für mich mitgibt." Sie zeigte der Eule die Münzen in ihrer Handfläche, damit sie sah, dass beide Aufträge damit bezahlt waren. Dann ließ sie sie in den Beutel gleiten und die Eule hüpfte auf das Fenstersims zurück und flog los.
Mit dem Kaffee in der Hand ging sie zum Kamin und warf etwas Flohpulver hinein. „Ginny Potter", sagte sie in die grünen Flammen, da sie nicht wusste, ob Ginny gerade zu Hause oder beim Tagespropheten war, und wartete, bis der rote Haarschopf ihrer Freundin zu sehen war. Sie war zu Hause, Hermine konnte hinter ihr das Wohnzimmer erkennen. „Hi Ginny!", begrüßte sie sie und versuchte, ein Gähnen zu unterdrücken.
Ginny legte den Kopf schief. „Nachtschicht?", fragte sie.
Hermine nickte. „Ja, geht gleich wieder. Hast du Zeit?"
„Sicher. Willst du herkommen?"
„Gern. Ich geh nur kurz duschen und komm dann rüber."
„Ich koch uns schon mal einen Tee."
Hermine lächelte. „Super, bis gleich!"
Sie sah Ginnys Gesicht verschwinden und starrte noch ein paar Momente die langsam verlöschenden, nun gelben Flammen an, während sie ihren Kaffee austrank. Ein Lächeln drängte sich auf ihr Gesicht, ohne dass sie sagen konnte, woher es kam. Der Anblick des Feuers bereitete ihr einfach ein gutes Gefühl und als die Tasse in ihren Händen leer war, wandte sie sich ab und ging ins Bad. Zeit die letzten Lebensgeister zu wecken.
Nach ihrer Schicht im St.-Mungos am nächsten Tag apparierte Hermine direkt auf den Friedhof. Ihr Vater hatte dem Treffen zugestimmt und sie hatte die halbe Nacht überlegt, wie sie ihm erklären konnte, was sie tun wollte und warum. Sie wurde verfolgt von der Angst, dass er empört sein könnte von ihrem Plan, ohne dass sie genau sagen konnte, woher diese Angst kam. Selbst wenn er damit nicht einverstanden war, war das okay. Sie würden andere Menschen finden, die ihre oder die Geschichten ihrer Angehörigen erzählen wollten.
Und trotzdem …
Der Gedanke an das Gespräch mit Ginny am Vortag lenkte sie von ihrem unguten Gefühl ab. Sie hatte sehr aufgeregt reagiert auf das, was Hermine ihr von ihrem Treffen mit Patrick erzählt hatte, und war gedanklich schon ein paar Kollegen durchgegangen, die sie ansprechen wollte. („Nicht Frank, der verehrt den Boden, auf dem Staghart geht. Oliver vielleicht. Oder nein, Maggie! Maggie wird das lieben!") Ginny wirkte begeisterter von dem Plan, als Hermine sich fühlte. Sie hatte es ihrer Müdigkeit zugeschoben und der Tatsache, dass sie diejenige war, die sich zusammen mit Patrick dem Ausschuss des Ministeriums stellen musste. Inklusive des Zaubereiministers Sherman Staghart. Der Gedanke wiederum rief ihre Prüfungsangst zurück auf den Plan.
Während sie sich dem Grab ihrer Mutter näherte, verschwanden nach und nach all diese Gedanken aus Hermines Kopf. Es war ein sonniger, milder Tag und schon von weitem konnte sie die Krokusse sehen, die ihre lila Köpfe in die Luft streckten. Ihre Mutter hatte Krokusse geliebt und so war es eines der ersten Dinge gewesen, die ihr Vater getan hatte: Er hatte Krokuszwiebeln in die Erde gesteckt, auf dass sie in jedem Frühjahr neu erblühen würden.
Die Arme um ihren Körper geschlungen, blieb sie schließlich stehen. Ihre Blicke tasteten die Inschrift des Grabsteins ab, obwohl sie sie auswendig kannte. Ihr verschwamm die Sicht und sie blinzelte mehrmals.
Plötzlich legte jemand seine Hände an ihre Oberarme. „Hallo, mein Kind", sagte ihr Vater hinter ihr mit dunkler Stimme. „Wie geht es dir?"
Hermine legte ihre Hand auf seine und wandte sich zu ihm um. „Etwas gestresst und müde, aber sonst gut. Und dir?"
Er zuckte mit den Schultern. „Es geht weiter, auch wenn ich das gerade hier immer nur schwer glauben kann." Auch sein Blick glitt zum Grabstein und sein Gesicht schien sich zu verdunkeln. Hermine trat einen Schritt vor und schlang die Arme um seinen Hals. Er erwiderte die Umarmung fest. „Du riechst nach Kräutern", stellte er fest.
„Das kommt von der Arbeit."
Er ließ sie los und runzelte die Stirn. „Ich dachte, du arbeitest im Krankenhaus und nicht im Restaurant." Ein Lächeln spielte um seine Mundwinkel.
„Sehr witzig, Dad. Wollen wir uns setzen?" Sie deutete auf die Bank, die ein paar Meter weiter am Wegesrand stand.
„Also, warum wolltest du dich hier mit mir treffen?", fragte er, nachdem sie Platz genommen hatten.
Hermine holte tief Luft. Sie konnte sich an keinen der Sätze erinnern, die sie sich heute Nacht zurechtgelegt hatte. Also ließ sie sich fallen und erzählte, was ihr jetzt gerade einfiel.
