24. Niemand weiß es
„Darf ich Ihnen was zu trinken anbieten?", fragte Doc nachdem sie das Krankenzimmer verlassen hatten.
Jake strich sich mit der Zunge über die Lippen und bemerkte erst jetzt wie trocken sein Mund war.
„Wasser."
Doc nickte. „Und was ist mit dir, Bohne?"
Bohne stand gerade vor einem Fenster und starrte nach draußen.
Zögernd räusperte sich der Arzt. „Äh… Bohne?"
Sie schrak zusammen, als der Arzt ihr auf die Schulter tippte. „Ja?"
„Ich hab dich gefragt, ob du was zu trinken möchtest."
„Oh… nein danke, ich hab keinen Durst im Moment…"
Sie drehte den Kopf weg und schaute wieder nach draußen.
Doc zuckte die Achseln. „Ganz wie du willst. Wenn du etwas anderes brauchst…"
„Doc, kann ich irgendetwas tun?"
Doc sah sie überrascht an. „Warum fragst du?"
„Gibt es irgendetwas was ich tun kann?"
„Für wen?"
„Grundgütiger, ich brauche etwas, damit ich etwas tun kann für…"
Sie hielt inne. „Damit ich dir Arbeit abnehmen kann. Deine Arbeit für sie."
Doc kratzte sich am Kopf und seufzte mitleidig. Sie wollte wirklich etwas für Rango tun, doch da Jake sich immer noch in der Nähe befand, konnte sie es nicht offen aussprechen.
Der alte Hase brauchte mehrere Sekunden zum Nachdenken. Im Moment konnten sie für Rango nichts tun. Nur warten. Doch Bohne würde nicht eher Ruhe geben bis er ihr eine Aufgabe zuteilen würde.
„Nun, du könntest die Kleider von den beiden waschen. Bill trägt zwar immer noch seine Hosen, aber sein Oberhemd und Rangos Klamotten müssten dringend gesäubert werden. Würde das…"
„Das ist okay", unterbrach Bohne ihn. „Das wäre wirklich okay für mich."
Sie warf Jake einen Seitenblick zu, der sie die ganze Zeit beobachtete.
„Äh… wäre das auch okay für dich?", fragte sie unsicher.
Jake schnaubte. „Mach was du willst."
Damit nahm Doc die Anziehsachen vom Tisch und übergab sie Bohne.
„Du kannst sie ja im Badezimmer waschen. Brauchst du Hilfe dabei?"
„Nein, nein. Ich mach das schon alleine. Danke."
Sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln. Wenn sie schon nicht in Rangos Nähe sein konnte, dann war es immer noch besser etwas auf indirektem Weg etwas für ihn zu tun.
Im Bad füllte sie eine Schüssel mit heißem Wasser und Seife. Anschließend nahm sie zuerst Bills Oberteil, das ziemlich zerrissen war. Es würde eine Weile in Anspruch nehmen es wieder vollständig zu flicken.
Sie hielt kurz ihre Nase dran und wich zurück. „Er sollte wirklich mal öfter ein Bad nehmen."
Sie beschloss Bills Sachen später zu waschen und zuerst mit Rangos anzufangen, da diese weitaus weniger dreckig waren. Nachdem sie das Oberteil beiseitegelegt hatte, nahm sie sich zuerst Rangos Hemd vor. Schweigend betrachtete sie es. Hastig sah sie sich nach allen Seiten um, dann presste sie es feste an sich und strich über den Stoff. Es schmerzte sie Rango in so einem Zustand zu sehen. Das schlimmste war, dass sie nichts für ihn tun konnte. Nicht mal in seiner Nähe durfte sie sein, um ihm ein Gefühl der Sicherheit zu geben.
Sie schüttelte den Kopf. Rango würde von ihr erwarten, stark zu bleiben. Und sie wollte stark sein. Sie nahm einen tiefen Atemzug und griff in Rangos Hosentaschen, um alles vor dem Waschgang rauszuholen.
Alle waren leer, bis auf eine…
Sie hielt in ihren Bewegungen inne. Da steckte etwas drin. Sie zog es heraus und ein Stück Papier kam zum Vorschein.
Nachdem sie es entfaltet hatte, las sie leise: „M-1-N-3."
Das war nicht Rangos Handschrift. Schnell überflog sie die anderen Symbole. „2 – L – # - R - …"
Die Bedeutung dieser Symbole waren ihr ein Rätsel. Doch dann fiel ihr etwas ein.
„Er gab mir das Papier… etwas Wertvolles… du kannst das Gold haben…"
Genießerisch ließ Jake das kalte Wasser seine Kehle runterinnen. Nach so einem langen Marsch in der heißen Wüstensonne war das eine regelrechte Wohltat.
In diesem Moment klopfte Bohne an den Türrahmen.
„Jake?"
Sofort drehte Jake seinen Kopf in ihre Richtung. „Ja?"
„Sieh mal hier. Das hab ich in Rangos Tasche gefunden."
Sie überreichte ihm das Papier, sodass Jake einen Blick darauf werfen konnte.
Nachdem er die ersten Zeichen gelesen hatte, blickte er auf.
„Was ist das?"
„Ich bin mir nicht ganz sicher, aber könnte es nicht das sein, worüber Rango gesprochen hatte?"
Jake dachte einen Moment nach. „Mmmm… möglich. Er erwähnte was von einem Papier aus einem Zug."
Es kehrte eine Stille ein.
„Jake?", fragte Bohne nach einer Weile. „Sollten wir der Sache nicht besser nachgehen?"
„Warum sollten wir?"
Bohne schluckte. „Bill sagte etwas davon, dass Roscoe beabsichtige die Stadt deswegen zu überfallen."
Jake runzelte die Stirn. Er wusste was Bill gesagt hatte. „Etwas Wertvolles. Aber was? Er sprach etwas von Gold."
Er sah Bohne an. „Weißt du etwas darüber?"
Doch das Mädchen schüttelte den Kopf. „Nein, davon hab ich nie was gehört."
Ihr Blick wanderte rüber zu Doc, der schweigend an seinem Schreibtisch saß.
„Doc, du lebst doch schon so lange in dieser Stadt. Weißt du etwas über einen wertvollen Gegenstand, der hier versteckt sein soll?"
Doc rieb sich über den Kopf. „Äh… ich… weiß nicht. Das einzig Wertvolle war bis jetzt immer das Wasser gewesen."
„Aber da muss es doch noch etwas anderes geben. Bill sprach etwas von Gold."
„Gold?" Tiefgrübelnd dachte er nach. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein, nie davon gehört… oh… warte…"
Überrascht hoben beide Reptilien die Köpfe. „Was?"
„Ich bin mir nicht ganz sicher. Aber… es war schon ziemlich lange her… vielleicht… wie viele Jahre waren es? 20 oder 30? Ich meine, da war mal was mit Gold gewesen."
„Was war es? Was war es?"
„Ich hab nicht viel davon gehört, aber es gibt andere Leute, die könnten euch mehr darüber erzählen."
„Wer?"
Löffel wurde kreidebleich, als Jake urplötzlich vor seiner Haustür draußen stand.
„Gott der Allmächtige", rief die alte Maus und sank auf den Holzboden seines Hauses auf die Knie. „Warum um alles in der Welt steht der Teufel vor meiner Tür? Womit habe ich das verdient, dass du mir das antust? Ich schwöre, ich werde nie wieder Fluchen, wenn ich mir auf die Finger haue."
Ein lautes Klopfen ließ ihn erstarren.
„Mach sofort die Tür auf!", donnerte eine ihm bekannte Stimme.
Mit zittrigen Fingern bekreuzigte sich die Wüstenmaus, bevor er die Tür öffnete.
„Warum hat das so lange gedauert?", knurrte Jake verärgert.
Löffel nahm einen tiefen Atemzug. „Du hast mich gefunden. Jetzt kannst du meine Seele nehmen. Doch tu mir den Gefallen und bereite mir einen schmerzlosen Tod."
Damit schloss Löffel die Augen und breitete die Arme aus.
Jake kniff die Augen zusammen. „Hör auf mit dem Quatsch. Du verschwendest meine Zeit. Ich habe ein paar Fragen an dich und du wirst sie mir beantworten."
Überrascht schlug die Maus die Augen auf. „So, du bist nicht gekommen, um mich zu töten?"
„Noch nicht", antwortete die Klapperschlange düster.
„Nur keine Sorge, Löffel", schaltete sich Bohne ein. „Es ist okay. Wir benötigen lediglich nur ein paar wichtige Auskünfte."
„Von mir?" Löffel war mehr als überrascht.
„Ja, immerhin bist du einer der Ältesten in der Stadt. Kannst du dich über eine Sache erinnern, die mit Gold zu tun hatte hier in der Stadt?"
Nachdenklich kratzte sich Löffel am Kopf. „Gold? Hier in der Stadt? Nie davon gehört…"
Doch dann sprang er auf. „OHH… ja, ja, ja… Ich erinnere mich! Jetzt fällt es mir wieder ein! Da war mal etwas gewesen."
„Was war es denn?", fragte Bohne neugierig.
„Es war im Jahr 1978", fuhr Löffel aufgeregt fort. „Da bin ich mir sicher, absolut sicher. Sommer, 1978. Es war ein verdammt heißer Tag gewesen. Irgendwo in den Bergen hatten Banditen eine Postkutsche ausgeraubt. Sie flohen mit der Beute. Sehr viel Gold soll es gewesen sein. Auf ihrer Flucht kamen sie auch durch unsere Stadt."
„Und dann haben sie es hier versteckt?", fragte Bohne weiter und blickte Jake hoffnungsvoll an.
Doch dieser hob nur zuckend den Oberkörper. Er hatte nicht die geringste Ahnung.
Zu ihrer Enttäuschung zuckte auch Löffel mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Niemand weiß es. Ich weiß nur, dass sie mit lautem Krawall auf ihren Roadrunnern und ihrer Beute durch die Straßen galoppiert waren. Zuerst ahnte keiner was sie auf ihren Hühnern mittransportierten. Sie liefen in den Saloon und bestellten was zu trinken. Bürgermeister John gelang es einen von ihnen in ein Gespräch zu verwickeln. Wir habe nie herausgefunden worüber sie sich unterhielten. Nun, die Räuber blieben einen Tag und eine Nacht. Doch am nächsten Tag, niemand wusste wie es passierte, kam es zu einer Schießerei. Kaum waren wir draußen auf die Straße gestürzt, fanden wir dort nur ihre durchschossenen Leichen. Nur der Anführer konnte entkommen. Allerdings fanden wir auch diesen am selben Tag erschossen draußen außerhalb der Stadt. Ein paar Tage nach diesem Vorfall, wir wussten immer noch nicht wieso und weshalb, trank Bill eines Abends zu viel. Er sprach nicht laut in seinem Rausch, aber wir meinten, er habe irgendetwas davon gemurmelt, dass sie Gold versteckt hätten."
An dieser Stelle musste die alte Maus erst nach Luft schnappen, was Jakes Ungeduld wieder hochtrieb. „Und? Hat er gesagt wo?"
„Nein, tut mir leid. Er fiel kurz danach vom Stuhl vor lauter Alkohol bevor er weiterreden konnte. Nun, das ist alles was wir wissen. Bis heute weiß niemand wo die Banditen das Gold versteckt haben."
„Und Roscoe ist irgendwie dahintergekommen", murmelte Jake zu sich selbst.
Löffel hob die Augenbrauen. „Roscoe? Ein fieser Typ. Warum? Soll das etwa heißen, er kommt hierher?"
„Geht dich nichts an", schnitt Jake ihm das Wort ab. Damit wandte sich die Klapperschlange ab und schlitterte davon. Doch in derselben Sekunde drehte er sich wieder um. „War das alles, oder müssen wir noch etwas wissen?"
Löffel schüttelte den Kopf. „Nein, das ist alles was ich zu sagen habe."
„Das will ich auch hoffen", knurrte er und kroch davon.
Nervös blickte Löffel zu Bohne hoch. „War das alles? Kann ich jetzt gehen? Ich brauche dringend einen Drink."
„Ich denke, das geht in Ordnung", sagte Bohne und lief Jake hinterher.
„Jake!", rief sie ihm nach. „Was hast du vor?"
„Vielleicht weiß diese Wüstenechse mehr. Er hat doch gesagt, er wäre der Einzige, der wüsste, wo es sein könnte."
„Aber vielleicht hat er nur Unsinn geredet."
„Und wenn nicht?"
Stocksteif vor Schreck stand Doc im Türrahmen seines Hauses, als er Jake draußen stehen sah.
„Oh… so schnell wieder zurück. Hattet ihr den Erfolg?"
Jake schenkte ihm keine Beachtung und kroch ins Haus.
„Ich habe ein paar Fragen an diesen hässlichen Kerl."
„Wen meinen Sie?", fragte Doc unsicher.
„Na wer wohl? Diesen Bastard", zischte Jake genervt. „Ist er immer noch da drin?"
„Er schläft noch. Doch Sie sollten ihn jetzt besser nicht aufwecken."
„Wieso?"
„Sir, er ist völlig am Ende. Ich denke, bis morgen früh wird er nicht wieder aufwachen."
„Das ist mir zu lang."
Er wandte sich ab und kroch direkt auf das Patientenzimmer zu.
„Sir! Sie wollen ihn doch wohl nicht schon wieder peinigen? Besonders nicht mit Fragen in seinem Zustand."
„Ist er tot?", fragte Jake mit reichlich Sarkasmus.
„Nein, nicht dass ich wüsste…"
„In diesem Fall werde ich ihn aus dem Bett schmeißen können."
„Aber Mister Jake, er ist total erschöpft… Er braucht wirklich Ruhe."
„Er wird gleich noch mehr erschöpft sein, wenn ich hier meine Geduld verliere!"
Beim Anblick von Jakes feurigen Augen wich Doc erschrocken zurück und nickte hastig. „Natürlich, Mister Jake."
Nervös tupfte er sich mit einem Taschentuch über die Stirn. Sein Blick fiel auf Bohne, die etwas weiter entfernt noch im Eingangsbereich stand. Dann holte der Arzt tief Luft und öffnete die Tür zum Schlafraum. Der Hase trat zuerst ein, dicht gefolgt von Jake.
„Großer Gott!"
Doc sprang nach vorne.
Bohne stand wie erstarrt im Korridor. Als sie Docs lauten Ruf hörte, blieb ihr fast das Herz stehen.
