Kapitel 24
„Warum bist du so gut gelaunt?", fragte Severus, kaum dass er ihr die Tür geöffnet hatte, und rümpfte die Nase.
Hermine zuckte mit den Schultern. „Es ist einfach ein guter Tag. Darf ich trotzdem reinkommen oder soll ich es morgen noch mal mit schlechterer Laune versuchen?"
Er verdrehte die Augen und trat zur Seite. Sein miesepetriger Gesichtsausdruck änderte sich jedoch nicht und als sie sich vor den Kamin zurückgezogen hatten, verschränkte er die Arme vor der Brust.
„Woher kommt deine schlechte Laune?", fragte Hermine deswegen.
„Schlechte Nächte", entgegnete Severus einsilbig. Er sah sie nicht an, sondern starrte in den Kamin.
„Albträume?" Er nickte. „Tut mir leid."
Severus schnaubte leise und nun wandte er ihr doch den Kopf zu. „Mehr nicht? Kein weiser Rat von deiner Seite? Keine Technik? Kein Trick, um besser damit umzugehen?"
Hermine tat einen tiefen Atemzug. „Es gibt Techniken. Aber sie wirken am besten bei immer wiederkehrenden Träumen und sie erfordern eine gewisse Vorstellungskraft. Oder die Fähigkeit, schon während des Träumens zu wissen, dass man träumt, und den Traum dann zu verändern. Das kann man zwar lernen, aber nicht von heute auf morgen."
Wieder rümpfte er die Nase. „Es sind selten die gleichen Träume."
„Ja, dachte ich mir. Dein Geist ist gerade überlastet. Er hat viel zu verarbeiten. Mir hat es nach dem Krieg geholfen, über die Träume zu reden. Sie wurden mit der Zeit weniger."
„Ich möchte nicht darüber reden", entgegnete Severus knapp.
Sie nickte langsam. „Vielleicht hilft es dir, sie aufzuschreiben."
Severus brummte, sein Blick verlor sich im Feuer.
Hermine gab ihm ein paar Minuten. Sie neigte den Kopf zur Seite und betrachtete ihn. Seine Wangenknochen, die scharf hervortraten. Die kurzen schwarzen Haare und der Bartschatten auf seinem Kinn. Ihr fiel das erste Mal seit ihrer Schulzeit wieder bewusst auf, wie unproportional groß seine Nase war, ihn im Profil zu sehen, betonte das noch. Das weiße Hemd saß locker; er hatte immer noch nicht wieder das Gewicht erreicht, das er vor seinem Krankenhausaufenthalt gehabt hatte. Und er war blass. Noch mehr als sonst. Die unruhigen Nächte hatten ihre Spuren hinterlassen. Er sah aus, als würde er sich nur durch pure Willenskraft zusammenhalten.
„Was möchtest du heute machen, Severus?"
Er blinzelte, als hätte er völlig vergessen, dass sie überhaupt da war. Seine Kiefermuskulatur trat hervor, als er die Zähne aufeinander biss. „Du sagtest, ich müsste mich vorbereiten."
„Ja."
„Ich nehme an, du willst wieder darüber reden?"
„Hast du eine andere Idee?"
Er stieß scharf die Luft durch die Nase. „Ich würde lieber darüber trinken."
Hermine schürzte die Lippen. „Solange du es nicht übertreibst, können wir beides tun."
Seine Augenbraue zuckte. Er sah sie an, zwei, drei Sekunden lang. Dann stand er auf, ging zu seinem Schreibtisch und kam mit einer Flasche Feuerwhisky wieder zurück. Aus dem unteren Teil der Vitrine holte er zwei Gläser und goss ihnen ein. Während Hermine nur einen kleinen Schluck trank, leerte Severus sein Glas in einem Zug und goss sich gleich wieder nach. Als er Anstalten machte, auch dieses Glas sofort auszutrinken, sagte Hermine: „Wenn du es nicht übertreibst!"
Sein Blick verdüsterte sich, aber er ließ das Glas sinken. „Schön", grollte er.
Hermine nippte noch einmal an ihrem Whisky; der Alkohol brannte auf ihrer Zunge und sie ahnte jetzt schon, dass er ihr in den Kopf steigen würde. Sie trank nur selten Alkohol und wenn, dann keinen Feuerwhisky. Sie stellte das Glas auf den Tisch und trank Wasser hinterher. „Also, woran erinnerst du dich?"
Severus schluckte. Das Licht des Feuers brach sich in der bernsteinfarbenen Flüssigkeit, als er das Glas in seinen Händen drehte. „Ich erinnere mich an die Todesser im Schloss. Und an die Flucht danach. An Potter, wie er mich einen Feigling nannte und versuchte, mich mit meinem eigenen Fluch zu belegen …" Groll glitt über sein Gesicht wie ein Schatten und hinterließ ein paar Falten, die Hermine lange nicht mehr so deutlich aufgefallen waren.
„Erinnerst du dich daran, wie es dir ging?"
Er schüttelte langsam, kaum merklich den Kopf. „Ich war wütend, aber ansonsten … Ich kann mich nicht erinnern, dass es mir irgendwie ging. Ich habe getan, was ich tun musste."
„Okay. Und in den Tagen danach?"
Wieder holte er tief Luft und lehnte den Kopf nach hinten, den Blick an die Decke gerichtet. „Ich weiß es nicht. Ich musste zufrieden aussehen. Stolz. Es gab kein anderes Thema, als dass ich Albus umgebracht hatte. Ständig klopfte mir jemand auf die Schulter und tönte herum … Ich hätte ihnen am liebsten den Hals umgedreht, damit sie endlich still sind."
Hermine sah ihn betroffen an.
„Sie haben mich alle so angewidert." Er kräuselte die Nase. „Ich sah sie an und wusste nicht mehr, warum ich jemals zu ihnen gehören wollte. Ich war eigentlich nur noch wütend …"
„Auf die anderen Todesser?"
„Ja", grollte er, trank noch einen Schluck Whisky. „Und auf Albus."
„Warum auf ihn?"
Severus warf ihr einen Blick zu, ein Muskel unter seinem linken Auge zuckte. „Du willst, dass ich alles ausspreche, ja?"
„Ja."
Er nickte ruckartig. „Ich war wütend auf ihn, weil er das von mir verlangt hat. Weil er beschlossen hatte, dass meine …" Er stockte, verzog den Mund und schüttelte den Kopf. „… dass es mir nicht so viel ausmachen würde, ihn zu töten."
„Was wolltest du eigentlich sagen?", hakte Hermine nach.
Sein Blick stand voller Verachtung, als er sie traf, und mit harter Stimme sagte er: „Albus wollte nicht, dass Draco ihn tötete, um seine Seele zu schützen."
„Verstehe", murmelte Hermine. All das Wissen über Horkruxe und in dem Zusammenhang auch über Seelenspaltung, das sie sich damals angeeignet hatte, flutete ihren Verstand. „Um deine Seele hat er sich nicht gesorgt."
Nun setzte Severus doch an und leerte sein Glas. „Nein", sagte er und stellte es lauter als nötig auf den Tisch.
„Obwohl er gewusst hat, dass ein Mord die Seele spaltet."
Er schnaubte. „Albus sagte, ich allein wüsste, ob es meiner Seele schaden würde, einem alten Mann zu helfen, Schmerz und Demütigung zu vermeiden."
Hermine sah ihn fassungslos an. Ihr fehlten die Worte.
Severus schwieg. Sekundenlang. „Es war notwendig", entschied er dann.
Sie rieb sich die Stirn. „Mit Aussagen wie dieser bereitest du dich nicht auf die Erinnerung vor, du läufst vor ihr weg."
„Was willst du denn von mir hören?", fragte er gereizt.
„Ich will hören, was du fühlst, nicht was du denkst. Es geht bei den Erinnerungen nicht um Fakten. Egal, wie oft du darüber die Nase rümpfst, solange du dich deinen Gefühlen nicht stellst, kannst du dich auch der Erinnerung nicht stellen."
„Gefühle", grollte er verächtlich.
Hermine sah ihn an, während er auf seiner Wut hockte wie eine Henne auf ihrem Ei. Sein ganzer Körper schien zu beben, Alkohol und Wut hatten sein Gesicht rot gefärbt, er atmete laut und die Ader an seinem Hals pochte. Es sah so unerträglich aus, dass sie ihn bitten wollte, doch damit aufzuhören. Aber sie biss sich auf die Zunge. Schwieg.
„Er hat es von mir verlangt", sagte Severus schließlich hohl und Hermine ließ endlich die angehaltene Luft entweichen. „Albus hat es verlangt. Ich musste es gegen meinen Willen tun. Und an jedem einzelnen Tag im Jahr danach musste ich so tun, als hätte ich es gewollt. Das ist alles."
Sie seufzte lautlos. Offensichtlich war bei ihm mit Gefühlen gerade nicht weiterzukommen. Aber sie wollte im Gespräch bleiben, also fragte sie: „Wo bist du gewesen in der Zeit danach?"
„Hier", sagte er, „in Malfoy Manor, auf Todessertreffen, unterwegs im Auftrag des Dunklen Lords … Ich sollte rausfinden, wie man die Banne aufheben kann, die Minerva und die anderen über das Schloss gelegt hatten."
„Wie praktisch", sagte Hermine. Und dann: „Du musst einsam gewesen sein."
„Ich hatte Kontakt zu Minerva. Manchmal …"
„Das ist nicht viel."
Severus schnaubte. „Ich hatte es nicht besser verdient. Hatte einen der letzten Verbündeten getötet, die mir noch geblieben waren …"
„Gegen deinen Willen", wandte Hermine ein.
Er kräuselte die Lippen. „Einsamkeit war ein niedriger Preis angesichts des Nutzens."
„Auch ein niedriger Preis muss bezahlt werden."
Severus schüttelte den Kopf und ballte die Hände zu Fäusten. „Nein", sagte er und als Hermine Luft holte, um etwas zu erwidern, fuhr er sie an: „Lassen wir das! Das funktioniert nicht."
Sie zog die Augenbrauen in die Stirn. „Was willst du stattdessen tun?"
„Hol einfach die verdammte Erinnerung aus dem Käfig. Ich werde dafür sorgen, dass mein Unterbewusstsein sie nicht anrührt."
„Ich denke nicht, dass du das beeinflussen kannst."
Er kniff die Augen zusammen, bis sie nur noch schmale Schlitze waren. „Wir werden sehen."
Hermine seufzte. Sie hatte kein gutes Gefühl bei Severus' Plan. Aber ein Blick in sein Gesicht verriet ihr, dass Widerworte keinen Sinn hatten. Er ließ sich viel von ihr sagen und er tat auch viel von dem, was sie ihm vorschlug, aber in diesem Fall würde er seinen Kopf durchsetzen, mit ihr oder ohne sie. Und so viel war sicher: Er würde einen Weg ohne sie finden, wenn er das wollte. „Okay", gab sie sich deswegen geschlagen.
Severus machte eine ungeduldige Geste mit der Hand, forderte sie auf, in seinen Geist einzudringen und die Erinnerung an Professor Dumbledores Tod zurückzuholen. Gegen besseres Wissen streckte Hermine ihren Geist aus und betrat seinen.
Es war voll in seinem Kopf. So viele Erinnerungsfäden … Einige davon waren wie Eichhörnchen auf Koffein; sie rasten an ihr vorbei, schienen aber kein Ziel zu haben. Und wenn, dann hatten sie vergessen welches. Andere waren extrem träge. Hermine vermutete, dass es die einen waren, die ihm den Schlaf raubten, und die anderen, die darunter litten.
Sie errichtete ihren Schild und bewegte sich vorsichtig durch seinen Geist hinüber zum Käfig. Bevor sie ihn öffnete, warf sie einen Blick hinein. Es waren tatsächlich nur noch drei Erinnerungsfäden übrig. Drei hochenergetische, ruhelose, mächtige Erinnerungsfäden. Und der Strang mit den Legilimentik-Erinnerungen hinter der Wand. Aber vielleicht würde es Severus helfen, dass ein Ende in Sicht war.
Hermine öffnete den Käfig und stolperte plötzlich nach vorn, weil eine der aktiven Erinnerungen sie getroffen hatte. Sie prallte an ihrem Schild ab und verschwand wieder, aber Hermine wäre beinahe in den Käfig gefallen. Ihr Schild flackerte, dann verschwand es ganz. „Nein!", hauchte sie. Die Erinnerung, die schon bei der Tür des Käfigs war und an ihr vorbei in Severus' Geist schweben sollte, wurde von einem anderen Erinnerungsfaden beiseite gedrängt. Er stürzte sich auf Hermine und weil sie es noch nicht wieder geschafft hatte, ihren Schild zu errichten, spürte sie sofort, wie die Erinnerung sie mit sich zerren wollte. Sie schaffte es gerade noch, den Käfig wieder zuzustoßen, dann wurde sie mitgezogen und sie konnte nichts dagegen tun.
Als Hermine blinzelte, war sie in einer winzigen Hütte. Sie brauchte ein paar Sekunden, ehe sie begriff, wo sie war. Das war der Schuppen. Das musste der Schuppen im Hinterhof sein. Instinktiv versuchte sie, sich gegen die Erinnerung zu wehren. Sie wollte hier raus, sie wollte nicht sehen, was hier passieren würde. Sie wollte es nicht spüren. Sie wollte …
Aber wie schon die beiden Male zuvor schaffte sie es nicht, sich aus Severus' Erinnerung zu befreien.
Das Geräusch von Schritten riss sie zurück in seinen Körper. Ein Mann von etwa fünfzig Jahren schritt vor ihm auf und ab. Er trug eine dreckige ausgebeulte Jeans, der Gürtel hing offen. Den Schuppen konnte er in vier Schritten durchqueren, so dass er oft die Richtung wechselte. Und Severus' Arme … Hermine schauderte. Er war gefesselt. Seine Hände waren nach hinten gezerrt, zusammengebunden, vielleicht an ein Regal …
Vielleicht an einen Baum …
Der Baum …
Ron, der vor ihr auf und ab ging.
Er lachte. Lachte, lachte, während ihr Blut über die Lippen lief.
Atmen!, befahl sie sich. Ein, aus, ein, aus. Es ist ganz leicht, du kannst das!
Ein scharfer Schmerz fing Hermines Aufmerksamkeit ein. Der Mann hatte ihn geschlagen. Severus' Kopf flog herum, Tränen schossen ihm in die Augen.
Dieser Schmerz … Sie wusste, was jetzt passieren würde. Wusste es mit einer überwältigenden Sicherheit, weil sie es erlebt hatte! Schläge, Schnitte, Cruciatus. Genau das würde passieren. Die Bilder dieser Nacht standen direkt neben ihr und feixten. Sie waren wieder da.
Hermine zitterte.
Severus zitterte.
Noch ein Schlag. Hermine zuckte. Severus keuchte, wimmerte mit einer ihr unbekannten hellen, kindlichen Stimme. Sein Herz raste, wummerte in ihrem Schädel. Ihm stockte der Atem. Seine Hände waren taub, ihr Gesicht kribbelte. Sie würde sterben, sie wusste es. Sie würde …
Hermine riss an den Fesseln. Schrie so laut sie konnte mit seiner Stimme. Musste hier weg. Sich wehren. Weg! Sie wehrte sich wie ein Tier, das in der Falle saß, und dann gab es ein Geräusch, bei dem Hermine sich der Magen umdrehte.
Ein Knacken.
Der Schmerz kam ein paar Sekunden später. So heftig, so überwältigend, dass ihr kurz schwarz vor Augen wurde.
Ihr Arm …
Nein … nicht ihr Arm.
Seine Schulter.
Er musste sich die Schulter ausgekugelt haben.
Der Mann lachte.
In diesem Moment sah Hermine eine Bewegung neben sich. Severus. Der erwachsene Severus. Er stand neben ihr und griff nach dem Arm seines jüngeren Selbst, in dem Hermine gerade steckte. „Wir gehen jetzt", sagte er und holte sie heraus, erst aus der Erinnerung, dann drängte er sie auch aus seinem Geist und Sekunden später fand Hermine sich in ihrem eigenen Körper wieder.
Sie rutschte aus dem Sessel, fing sich, kam auf die Füße und lief, bevor ihre Knie unter ihr nachgaben. Sie musste laufen, schnell, schnell! Solange sie es konnte. Nicht stehenbleiben! Er war hinter ihr!
Und vor ihr Feuer! Sie strauchelte. Alles schwankte, sie konnte nicht atmen! Bekam keine Luft! Sie würde sterben! Jetzt!
Sie musste weg. Weit weg, so schnell wie möglich. Lief los, aber ihre Beine waren wie Pudding.
Die Welt kippte.
Eine kräftige Hand griff nach ihrem Arm, hielt sie fest.
„Nein!", schrie sie über das Wummern ihres Herzschlages hinweg.
Riss sich los.
Sie musste hier weg! Er war da! Er würde …
Sie schnappte nach Luft. Alles schwankte. Eine Hand … Sie lag um ihren Hals und drückte zu. Keine Luft!
Ihr Körper summte, sie konnte ihre Hände nicht spüren. Ihr Bauch, ihre Arme, ihre Beine – sie schüttelte den Kopf. Schluchzte.
„Sieh mich an!", hörte sie Severus' Stimme wie aus weiter Ferne.
Das Feuer war jetzt direkt neben ihr, sie wich davor zurück.
Er griff wieder nach ihr.
Hermine wehrte sich dagegen und er ließ sie los. Sie fiel. Schmerz durchzuckte sie wie ein Peitschenhieb. Sie sah den Dielenfußboden ganz nah vor ihrem Gesicht. Ein Fussel flatterte in ihren schnellen, kurzen Atemzügen. Das tickte ein Wort in ihr an: Atmen! Sie zwang sich, durch die Nase einzuatmen so lange sie konnte, dann langsam wieder aus. Sie tat das zweimal, dreimal, viermal. Schloss die Augen.
Atmen.
Atmen.
Einauseinaus.
Ihr war so schlecht …
Nur sehr langsam verebbte die Panik. Das Wummern in ihren Ohren wurde kaum merklich leiser.
Als sie blinzelte, sah sie Severus vor sich auf dem Boden hocken. Verschwommen durch ihre Tränen. Tiefe Falten zerfurchten seine Stirn, seine Augen sahen größer aus als sonst.
„Geht gleich wieder", flüsterte Hermine heiser. Sie stemmte ihren Oberkörper in die Höhe, eine Anstrengung, die ihre zitternden Arme kaum bewältigen konnten. Wischte sich die Tränen weg.
„Das war nicht Albus' Tod", sagte Severus.
„Nein", entgegnete Hermine zwischen zwei Atemzügen.
Ein, aus.
„Es ist alles wieder da, oder?", fragte er düster.
Sie nickte. Wischte sich mit einer zitternden Hand die Haare aus dem Gesicht. Ein paar Atemzüge später traute sie sich einen längeren Satz zu und sagte: „Als hätte ich deinen Trank nie genommen." Atmen. „Anscheinend kann er doch …" Atmen. „… seine Wirkung verlieren."
Severus verzog das Gesicht, als würde er Schmerzen leiden. Vielleicht tat er das auch, die befreite Erinnerung musste ihm zusetzen. Dann hielt er ihr die Hand hin. Hermine ergriff sie und ließ sich von ihm in die Höhe ziehen. Ihre Beine gaben beinahe wieder unter ihr nach. Ihr Körper bebte. „Geh nach Hause", sagte er, als sie halbwegs sicher stand.
„Nein." Ihre Hand zitterte immer noch, als sie sich damit den kalten Schweiß vom Gesicht wischte. „Die Erinnerung ist …" Atmen. „… raus aus dem Käfig, du musst sie dir ansehen. Dein Unterbewusstsein wird nicht jedes Mal einschreiten."
„Ich schaff das schon", sagte er.
Sie tastete nach dem Kaminsims. „Nicht allein."
„Doch, Hermine! Auch allein." Er sah sie aufgebracht an. „Ich war mein Leben lang allein, ich kriege das hin!"
Ihre Augen brannten, als sie seinem Blick begegnete. „Ich will nicht, dass du das allein machst", sagte sie. „Und ich … will auch nicht allein zu Hause sein." Sie schluckte gegen den Kloß in ihrem Hals an, während sie versuchte, die Reste der Panik abzuschütteln.
„Geh zu einem deiner Freunde. Ich kann dir …" Er brach ab und starrte ins Leere.
„Was kannst du?", fragte Hermine irritiert. Langsam fühlte es sich wieder so an, als wäre da genug Luft. Das Brennen in ihren Lungen ließ nach.
Severus schüttelte den Kopf. „Nichts. Mir ist nur gerade … nicht so wichtig." Er runzelte die Stirn. „Ich kann dir den Trank der lebenden Toten mitgeben und brau dir nochmal den Trank, den ich dir damals gegeben habe. Morgen können wir weitermachen."
„Und was ist mit dir?"
„Ich komm zurecht", grollte er, dann kniff er die Augen zusammen und schwankte. Hermine griff nach seinem Arm, um ihn zu stabilisieren, aber er riss sich los.
„Du kommst nicht zurecht, Severus."
„Ich bin eine ganze Woche lang mit einer freien Erinnerung zurechtgekommen!", zischte er ungehalten.
„Ja, aber seitdem hast du alle Erinnerungen zugelassen. Bei der letzten musste sogar dein Unterbewusstsein einschreiten, weil du ihr nicht gewachsen warst." Es war lange her, dass er sie das letzte Mal mit so viel Verachtung angesehen hatte. Hermine reckte das Kinn vor. „Du schaffst das nicht allein. Lass mich dir helfen."
Severus wandte den Blick ab und rieb sich die Stirn. „Ich seh mir diese Erinnerung nicht an, solange du hier bist. Du kannst es gerade nicht aushalten, mich dabei zu begleiten."
Hermine ging zu ihrem Sessel und ließ sich hineinsinken, bevor ihre Beine doch noch unter ihr nachgaben. Sie holte tief Luft, ließ sie langsam wieder entweichen. Denken. Sie musste denken. Severus hatte recht, so, wie es ihr jetzt ging, konnte sie ihn nicht begleiten. Nicht mit ihrer eigenen entfesselten Erinnerung in ihrem Geist. Immer wieder hörte sie Geräusche aus der Nacht wie aus einem schlecht eingestellten Radio. Sie musste irgendetwas tun mit der Erinnerung. Sie musste sie wegsperren. Hermine sah ihn an. „Was ich in deinem Kopf getan habe, kann ich doch auch in meinem tun, oder?"
Severus drehte sich zu ihr um und schnaubte. „Selbst wenn: Bist du jemals zuvor in deinen eigenen Geist eingedrungen?"
„Kann auch nicht schwerer sein als in deinen", murmelte sie. Ein … Luft anhalten. Aus …
Er sah aus, als wüsste er nicht, ob er sie verspotten oder einfach nur auslachen sollte. „Das ist nicht vergleichbar, Hermine. Es ist, als wolltest du dir selbst in die Augen sehen – ohne Spiegel. Du musst einen Schritt zurücktreten von dir selbst und dich … betrachten, als wärst du jemand anderes."
Hermine schluckte. Sie fühlte sich taub und unglaublich erschöpft. Ihr war übel. „Es muss gehen, Severus. Ich werde dich nicht allein lassen. Nicht jetzt." Gedankenverloren rieb sie sich über den Arm. Sie hatte ihn sich damals gebrochen. Jetzt war der Schmerz wieder da.
Severus fing ihren Blick ein und genauso wie er sie vor zwanzig Minuten entschlossen angesehen hatte, tat sie es jetzt bei ihm. Sie würde nicht gehen. Und auch er schien nach ein paar Sekunden einzusehen, dass Widerworte keinen Sinn hatten. „Stures, impertinentes … ", begann er. Dann verzog er das Gesicht, kniff die Augen zusammen und presste sich die Handballen gegen die Stirn.
„Die Erinnerung will dich mitziehen, oder?", fragte Hermine. Zum ersten Mal konnte sie nachvollziehen, wie sich das anfühlte. Ihre eigene Erinnerung zupfte an ihr, sie musste sich sehr konzentrieren auf das Feuer, auf Severus, auf Farben, Formen, Gerüche, Texturen.
Er nickte verbissen. „Gleich", nuschelte er, mehr zu sich selbst als zu ihr. Atmete scharf aus. Dann sah er sie wieder an. „Das ist Wahnsinn."
Sie zuckte mit den Schultern. „So wie das alles hier." Hermine presste die Lippen aufeinander, dann sagte sie: „Ich will nichts anderes tun, als das, was du seit Wochen tust und aushältst, Severus. Es ist nur eine Erinnerung, ich krieg das hin!"
Er sagte nichts, rieb sich nur die Stirn. „Du solltest gehen."
„Das sagtest du bereits."
„Ich meine es ernst."
„Ich weiß."
„Aber du wirst wie üblich nicht auf mich hören, oder?"
„Nicht mehr als du auf mich."
„Das ist was völlig anderes."
„Ach ja?" Diesmal war sie es, die eine Augenbraue hochzog.
Er grollte leise, dann gab er sich einen Ruck. „Schön! Du wirst Hilfe brauchen."
„Was das betrifft, höre ich definitiv auf dich." Sie blinzelte unschuldig.
„Wie großzügig", ätzte er und setzte sich, griff nach seinem Wasserglas und trank ein paar Schlucke. Seine Hand zitterte, als er das Glas wieder abstellte. „Ich werde dir helfen, den Weg zu finden."
Hermine dachte über seine Worte nach. Es dauerte länger als sonst. „Du willst in meinem Geist eindringen?"
„Wenn du mich lässt …"
Sie schluckte, aber dann nickte sie. „Okay. Danke."
„Ist das Mindeste, was ich tun kann", sagte er und bevor sie darauf reagieren konnte, stand er auf und nahm seinen Zauberstab vom Kaminsims. Er schwankte ein bisschen dabei. „Aber so sanft wie du kann ich es nicht."
„Das macht nichts."
„Wenn ich mich aus deinem Geist zurückziehe, wird die Erinnerung mich mit sich ziehen. Du bist dann auf dich gestellt."
„Verstehe."
Diesmal sah Severus aus, als würde er etwas gegen besseres Wissen tun. Er hob den Zauberstab, sah ihr in die Augen und sagte: „Legilimens!"
Hermine ließ ihn herein. Es war das erste Mal, dass sie das bewusst erlebte. Er hatte recht, es war schmerzhaft. Etwas. Hauptsächlich fühlte es sich merkwürdig an. Als wäre es zu voll in ihrem Kopf. Sie musste unwillkürlich daran denken, wie sie seinen Erinnerungsstrang zurückgedrängt hatte, indem sie ihre Präsenz in seinem Kopf ausgedehnt hatte. Jetzt konnte sie sich vorstellen, wie schmerzhaft das für ihn gewesen sein musste.
„Konzentrier dich!", hörte sie seine Stimme – in ihrem Kopf.
„'Tschuldigung", murmelte sie, das allerdings mit ihrem Mund.
„Versuch mir zu folgen."
Hermine horchte in sich hinein. Sie wollte die Augen schließen, um sich zu konzentrieren, aber Severus brauchte den Blickkontakt zu ihr, um sich in ihrem Geist halten zu können. Sie ließ ihren Blick verschwimmen, bis sie durch sein Gesicht hindurchschauen konnte. Ihr Herz pochte immer noch so heftig, dass sie es in ihrem ganzen Körper spüren konnte. Es war wie ein Beben tief in ihr. Sie versuchte, Severus' Anwesenheit in ihrem Geist genau zu lokalisieren. Er war … irgendwo hinter ihren Augen. „Rede mit mir", bat sie ihn.
„Dein Geist sieht deutlich besser aus als beim letzten Mal, das ich hier war", stellte er fest.
Hermine lächelte. „Es geht mir auch deutlich besser als beim letzten Mal, das du in meinem Geist warst."
„Du sollst mir folgen und keine Unterhaltungen führen. Ich rede, du konzentrierst dich!" Wie Hermine feststellte, hatte er den Lehrerton auch drauf, wenn er in ihrem Geist steckte.
Sie verkniff sich eine Antwort. Und während sie sich konzentrierte und seiner Stimme zu folgen versuchte, verschwammen auch seine Worte. Sie verstand nicht mehr, was er sagte, sie hörte nur noch seine Stimme, die ihr zeigte, wohin sie gehen musste.
Es fühlte sich an, als würden sich ihre Augen nach innen drehen. Ihr wurde schwummerig und dann war es, als würde sie nach hinten kippen.
Im nächsten Moment bot sich ihr ein ähnliches Bild wie in Severus' Geist. Erinnerungsfäden zogen an ihr vorbei.
Und dann kippte sie wieder zurück und saß vor dem Kamin.
„Das war ein guter Anfang."
„Nicht gut genug." Ihr Herz wummerte. Ihr Brustkorb schnürte sich zu. Hermine tastete blind nach ihrem Glas und trank gierig ein paar Schlucke Wasser. Gegen ihren Willen drängten sich die Bilder aus dieser Nacht auf. Sie rieb sich über die Handgelenke, an denen sie die magischen Fessel zu spüren glaubte.
„Hör mir zu", hörte sie Severus' Stimme in ihrem Kopf, vermischt mit einem schwachen Echo von Rons Lachen. „Konzentrier dich auf meine Stimme und versuch es nochmal."
Hermine nickte. „Okay", murmelte sie, „Okay okay okay." Sie atmete tief durch.
Wieder begann Severus mit ihr zu reden. Wieder verstand sie schon bald kein Wort mehr. Sie hörte nur noch seinem Tonfall zu und ihrem Herzschlag. Allmählich beruhigte er sich und die Erinnerung rückte in die Ferne. Sie konnte sich entspannen. Und kippte erneut nach hinten.
Diesmal konnte sie einen längeren Blick in ihren Geist und auf die Erinnerungsfäden werfen. Sie waren sichtlich in Aufruhr, aber es waren nur wenige, die überdurchschnittlich viel Energie an sich gebunden hatten. An dem Ort, den sie als die Mitte ihres Geistes bezeichnen würde, war die Erinnerung an ihre Folter. Sie war kräftig und tiefrot. Die anderen Erinnerungsfäden hielten Abstand zu ihr. Hermine starrte sie an.
Und dann spürte sie, wie es ihr wieder zu entgleiten drohte, aber etwas hielt sie fest. „Ich hab dich." Severus. Sie wandte sich um in die Richtung, aus der sie seine Stimme gehört hatte. Er war ein pulsierender Ball ganz dicht neben ihr. „Danke", sagte sie.
„Keine Ursache. Nimm dir einen Moment, um anzukommen."
Wären sie nicht in ihrem Geist gewesen, hätte sie das, was sie daraufhin tat, als Anlehnen bezeichnet. Severus gab ihr Halt, sie hatte Zeit, sich umzuschauen und sie konnte sich in ihrem eigenen Geist verankern, wie sie es schon so oft in seinem getan hatte. Es war tatsächlich, als würde sie einen Schritt zurücktreten und ihren eigenen Geist betrachten wie den eines anderen Menschen. Aber es war immer noch ihr Geist, sie fühlte sich sehr wohl und vertraut hier.
„Gut. Ich denke, ich kann dann gehen", sagte Severus schließlich und entfernte sich von ihr.
„Severus?", rief sie ihm nach. Seine Präsenz in ihrem Geist hielt inne. „Es ist nicht deine Schuld."
Sie glaubte, ihn schnauben zu hören. Dann verschwand er.
Einen Moment lang folgte Hermine ihm in Gedanken; sie sollte jetzt nicht hier sein, sondern draußen, um ihn bei dieser Erinnerung zu begleiten. Aber als sie an die Erinnerung dachte, raste plötzlich ihre eigene, tiefrot gefärbte Erinnerung auf sie zu und Hermine konnte gerade noch ihren Schild errichten. Severus hatte recht, sie musste sich konzentrieren.
Aus ihrer geschützten Position heraus sah Hermine die Erinnerung an. Sie war größer als die anderen Erinnerungsfäden. Und sie machte ihr Angst. Große Angst. Sie versuchte, sich daran zu erinnern, wie sie Severus' Erinnerungen in den Käfig gelockt hatte. Damals hatte sie keine so große Angst empfunden. Es waren nicht ihre Erinnerungen gewesen.
Zum ersten Mal kamen ihr Zweifel, ob das hier überhaupt funktionieren konnte. War sie wirklich stark genug, um ihre eigene traumatische Erinnerung so wegzusperren, dass sie Severus weiterhin begleiten konnte?
Hermine versuchte, den Gedanken wegzuschieben (wobei ihr ein Gedankenfaden zu ihrer Linken auffiel, der gegen seinen Willen von ihr weggezogen wurde; sie beobachtete es fasziniert). Sie musste es versuchen. Sie wollte nicht damit aufhören müssen, Severus beizustehen. Allein bei dem Gedanken überkam sie ein Gefühl … Sie schob auch diesen Gedanken weit von sich (ein weiterer Faden, diesmal zu ihrer Rechten, wurde in die Weite ihres Geistes gezerrt).
Sie konzentrierte sich wieder auf die tiefrote Erinnerung vor sich. Sie war ihr unbemerkt näher gekommen und strich über ihren Schild, als würde sie nach einer Möglichkeit suchen, hineinzuschlüpfen. Es sah aus wie bei den Plasmakugeln, die sie in ihrer Kindheit so fasziniert hatten, nur dass jetzt sie im Inneren der Kugel saß.
Das Bild dieser Kugeln war so präsent in Hermines Kopf, dass sie hinter der Erinnerung ein Abbild davon in ihrem Geist erkennen konnte. Eigentlich hatte sie geplant, die Erinnerung auch in einen Käfig zu sperren, wie sie es bei Severus getan hatte. Aber sie schaffte es nicht, sich auf das Bild des Käfigs zu konzentrieren.
„Dann eben eine Kugel", murmelte sie.
Hermine stellte sich vor, wie sich an einer Stelle der Kugel ein Loch öffnete – das Abbild veränderte sich. Dann stellte sie sich vor, wie die Erinnerung durch dieses Loch ins Innere der Kugel gesogen wurde – und juchzte leise, als es tatsächlich geschah. Das Bild kam sogar mit Soundeffekten, es klang wie ein Staubsauger. Als die Erinnerung komplett in der Kugel steckte, verschloss Hermine das Loch wieder und wartete ein paar Sekunden lang ab. Nichts passierte.
Sie wagte es, ihren Schild fallen zu lassen und nährte sich der Kugel vorsichtig. Die Erinnerung füllte sie fast komplett aus, sie hatte kaum Platz, um sich darin zu bewegen. Hermine berührte die Kugel und sofort konzentrierte die Erinnerung sich an dieser Stelle; das Rot wurde so dunkel, dass es fast schwarz aussah. Hermine zuckte zurück.
„Hoffentlich hält das." Sie beobachtete die Kugel noch einen Moment, dann wandte sie sich davon ab. Es wurde Zeit, dass sie wieder in die Realität zurückkehrte. Sie ließ los und fand sich blinzelnd in ihrem Sessel wieder.
Das Knistern des Feuers drang an ihre Ohren, sie zitterte. Aber in ihrem Kopf war es wieder ruhiger, sie spürte keine Wunden und keine Fesseln mehr auf ihrem Körper und ihr Herzschlag beruhigte sich. Dann wurde ihr bewusst, dass sie sich nicht mehr erinnern konnte an das, was Ron ihr angetan hatte. Sie wusste, was passiert war. Sie erinnerte sich an die Behandlung ihrer Verletzungen bei Madam Pomfrey und an die Gespräche, die sie darüber mit Severus geführt hatte. Aber sie konnte sich nicht erinnern, wie es passiert war. So musste es ihm mit Professor Dumbledores Tod gehen. Es war ein beängstigendes Gefühl, das sie schaudern ließ.
Severus war noch in seine Erinnerung versunken. Er zuckte und stöhnte immer wieder und Hermine verzog das Gesicht. Auch wenn ihr die Erinnerung an ihre eigenen Erlebnisse fehlte, wusste sie noch, was sie in seiner Erinnerung gesehen hatte.
Während sie ihn beobachtete, kroch die Müdigkeit in ihren Körper. Die Panik und der Aufenthalt in ihrem eigenen Geist hatten sie ausgelaugt, sie wollte schlafen. Stundenlang, tagelang. Sie fühlte sich schlimmer als nach jeder Doppelschicht.
Bevor sie einschlafen konnte, stand Hermine auf und ging hinunter ins Labor. Sie wusste, wo er seinen Eigenbedarf an Tränken aufbewahrte. Er war fast so gut ausgestattet wie das St.-Mungos, nur nicht so breit gefächert. Aber ein Stärkungstrank war definitiv dabei.
Sie fand die Phiole schnell und lief zurück ins Wohnzimmer. Die letzten Reste der Panik verschwanden, als sie den Trank nahm. Sie war wach und konzentriert, das Zittern ließ nach.
Es dauerte noch etwa fünf Minuten, bevor Severus die Augen aufschlug. Er schnaufte, hatte die Hände zu Fäusten geballt und sah aus, als würde er gleich aufspringen. Er wandte ihr den Kopf zu. „Hat es funktioniert?", fragte er gepresst.
„Ich denke schon."
„Gut", murmelte er, holte tief Luft und schrie.
