Kapitel 27

Besser später als nie

Zwar war immer noch viel zu kalt, aber die Hausmannschaften trainierten bereits wieder. Wir nutzen die Zeit zwischen den Trainingsstunden verschiedener Mannschaften, um selbst ein wenig Bewegung zu bekommen. Es war schwer gewesen uns diese Freiheit zu erkämpfen. Wir mussten unsere kleine Gruppe als Provokat-Club registrieren, um ungestört fliegen zu können. Es war überraschend, aber außer, Draco, Neville und mir, kannten nur wenige andere Schüler dieses Gerät – oder wollten es kennenlernen – und niemand von ihnen war bereit einem Club beizutreten, in dem gleich drei Slytherins waren. Also blieb unsere Gruppe sehr elitär. Draco und ich teilten uns den Vorsitz des Clubs. Hermine übernahm die Anmeldungen, Finanzen und alles Organisatorisches. Susan ging ihr, falls nötig, zur Hand. Luna und Neville begnügten sich mit einer einfachen Mitgliedschaft.

Das der Club überhaupt ins Leben gerufen wurde, verdankte ich meinen Recherchen. Endlich hat sich die ganze Arbeit ausbezahlt und ich konnte mein Wissen zu meinem Vorteil nutzen. Clubs gab es in Hogwarts fast seit der Gründung. Der einzige, der fast die ganze Zeit ununterbrochen existiert hatte war der Duellierclub. Die anderen kamen und gingen wieder. In den letzten Jahrzehnten allerdings gab es so gut wie keine Clubs mehr. Einer oder zwei Vereinigungen in jedem Jahrgang, die nicht lange hielten. Die Regeln für die Gründung eines Clubs waren seit Jahrhunderten unverändert und wurden von uns genauesten untersucht. Neben einer ganzen Reihe von Pflichten, gab es auch einige ganz angenehme Rechte, die die Mitgliedschaft in so einem Club mit sich brachte. Zu einem ein Clubraum – uns wurde ein winziges verstaubtes Zimmer nicht weit von der Eulerei zugewiesen. Zum anderen die Möglichkeit offizielle Räume der Schule für den Training oder zur Präsentation benutzt werden. Nach einer entsprechenden Anmeldung natürlich. Zu solchen Räumen gehörten unter anderem die Große Halle und das Quidditchstadion. Mit viel Geschrei und Gezeter wurde uns eine feste Trainingszeit zugewiesen und wir hatten für zwei Stunden in der Woche das Quidditchstadion ganz für uns allein. Es gab viele Neider, die am Spielfeldrand standen und uns zusahen, aber keiner von ihnen wollte unserem Club beitreten.

„Ich habe es! Ich habe es geschafft!" Luna landete strahlend neben mir. Gerade hatte sie ihre erste „Zwanzig" fehlerfrei geflogen und war – zurecht – stolz auf sich. Bei der Gründung des Clubs, mussten wir den Flugübungen bestimmte „Spielregeln", um dem Ganzen den Anschein eines einfachen Zeitvertreibs zu nehmen. Also teilten wir die Übungen zuerst in fünf Gruppen von jeweils zwanzig Manöver und legten die Zeit fest, die man fliegen musste, um mit der nächsten „Zwanzig" beginnen zu können. Hermine notierte fleißig die „offizielle" Versuche in dem Clubjournal. Die inoffiziellen Versuche galten als Training und konnten alle Übungen beinhalten, die das Gerät hergab.

„Kann ich nächste Woche mit den neuen Übungen anfangen?"

„Sicher", nickte ich. „Schau! Hermine ist gerade bei den Übungen dabei!" Hermine wurde immer besser. Sie hatte die Angst vor dem Besen verloren, auch wenn sie sich immer noch darüber beschwerte, dass der Besen für Sport völlig ungeeignet ist. Was nichts daran änderte, dass sie sich zu einer guten Fliegerin entwickelte.

„Sie ist gut", nickte Luna. „Sie mag mich aber immer noch nicht. Sie findet mich seltsam." Der Augenblick der Klarheit, den Luna nach dem Fliegen immer hatte, ging anscheinend vorbei.

„Du bist seltsam", lächelte ich. „Wir alle sind auf eine Weise seltsam." Das Mädchen schaute mich an. Der verträumte Ausdruck in ihren Augen war noch nicht zurückgekehrt. Ihr Blick war klar.

„Du bist seltsam?"

„Ich bin der Junge der überlebte", erinnerte ich sie. Luna lächelte flüchtig und nickte.

„Hermine?"

„Sie ist Muggelstämmig. Hat bis zu ihrem elften Geburtstag nicht gewusst, dass sie eine Hexe ist."

„Neville?"

„Er ist ein Longbottom, wohnt bei den Blacks und hat einen Potter zum Bruder. Außerdem verbringt es viel zu viel Zeit in den Gewächshäusern."

„Draco?" Das Spiel schien sie zu amüsieren.

„Nun, da ist der Fall ganz schlimm", verriet ich ihr verschwörerisch. „Er besitzt Muggelbücher. Schlimmer noch, er liest sie auch noch!" Luna kicherte.

„Susan?"

„Ist es nicht offensichtlich? Sie ist mit uns allen befreundet! Wenn das nicht seltsam ist, weiß ich auch nicht." Sie lachte.

„Ja, ja, das ist seltsam. Du scheinst eine Schwäche für seltsame Leute zu haben." Wenn sie nur wüsste!

„Ja, scheint so", gab ich zu und dann sahen wir eine Weile zu, wie Hermine und Draco ihre letzte Runde zur Ende flogen. Neville und Susan landeten ebenfalls gerade. Die beiden hatten nie auch den Versuch unternommen ernsthaft zu fliegen. Ihnen genügte es einfach die Runden über dem Stadion zu drehen. Deswegen übernahmen sie meist auch die Funktion der Beobachter und notierten sich die Ergebnisse der anderen.

Am Rand des Feldes wartete schon die Hausmannschaft der Gryffindors, also räumten wir so schnell wie möglich das Feld. Susan und Neville schafften die Schulbesen wieder zurück, Hermine nahm uns die Besenaufsätze ab und eilte in unseren Clubraum, um sie dort anzulegen. Luna verabschiedete sich von uns, um sich umzuziehen. Draco und ich gingen langsam – unsere Besen auf der Schulter – zurück zum Schloss. Vorbei an den Gryffindors, die anscheinend gerade ihre Strategie besprachen.

„Ihr blockiert das Spielfeld mit eurer albernen Fliegerei", hörten wir eine Stimme hinter uns. „Wegen euch haben wir weniger Zeit für' s Training!" Es waren die Weasley-Zwillinge. Sie bauten sich nun vor uns auf, umringt von der restlichen Mannschaft.

„Dann sollt ihr keine Zeit verlieren", ermahnte sie Draco. „Das Feld ist frei!"

„Lass das Mal unsere Sorge sein, Schnösel!", meinte jemand aus der zweiten Reihe. Jemand zischte ihn an. Die Gruppe stand uns immer noch im Weg und langsam wurde ich unruhig. Ich kannte das Spiel „provoziere Slytherin". Habe es in meinem letzten Leben selbst gespielt. Seltsam, von der anderen Seite sah das Spiel nicht mehr so lustig aus.

„Draco hat recht, Geht spielen. Verschwendet nicht eure wertvolle Zeit!"

„Ihr denkt wohl, ihr könnt alles kaufen, was?", frage einer der Zwillinge bitter. „Besen, Spielzeug, Zeit im Stadion. Freunde." Wohin bitteschön sollte das führen? "Aber wo sind eure Freunde denn?", wollte der andere Zwilling wissen. „Keiner da! Keiner. Nicht mal die Verrückte aus eurem eigenen Haus!"

„Halt die Klappe", riet ich ihm und versuchte die älteren Jung vor mir zur Seite zu schubsen, doch sie ließen nicht zu, dass wir an ihnen vorbei gehen konnten. Draco begann die Geduld zu verlieren und auch ich fühlte, wie meine Nerven versagten. Offenbar wollten die Gryffindor einen Streit.

„Was denn? Ist die Wahrheit so unbequem?"

„Hört zu!", meinte ich entschlossen und hielt mit einer Hand Draco zurück, der gerade dabei war völlig die Beherrschung zu verlieren. „Geht einfach spielen, ja? Fang die Bällchen, drescht einander den Quaffel auf den Kopf und lasst uns in Ruhe."

„Die Wahrheit ist", fuhr der Zwilling fort, als hätte er mich gar nicht gehört. „Dass Bones einfach Angst hat zuzugeben, dass sie lieber woanders sein würde, als mit euch. Longbottom ist ganz bestimmt unter einem Imperius, Loony ist einfach nur verrückt und das Schlamm…." Draco und ich zauberten gleichzeitig. Der Rothaarige flog regelrecht mehrere Meter durch die Luft und landete hart auf dem Boden. Im nächsten Augenblick wurden wir von den Angriffen förmlich überschüttelt! Hastig gezogene Schilde nahmen den großen Teil der Flüche auf sich, doch es waren einfach zu viele. Zudem waren sie nicht ernst genug, um in die diversen Schutzamulette eingebaute Zauber auszulösen. Die waren tatsächlicher Todesgefahren beibehalten. Ein Schockzauber – oder zwei – waren zwar schmerzhaft aber nicht lebensgefährlich.

Plötzlich flogen die Gryffindor auseinander und ich sank neben Draco auf den Boden. Ich hatte ein paar Schockzauber abbekommen. Draco vermutlich einen Kitzelfluch. Er kicherte hysterisch und rang immer wieder nach Luft.

„Was. Geht. Hier. Vor?!" Snape. Begleitet von blassen und ziemlich verschreckten Hermine.

„Sir", begann der Zwilling, der durch die Luft geflogen war. „Potter und Malfoy haben mich angegriffen!"

„Mister Potter?"

„Das stimmt, Sir", gab ich unumwunden zu. „Nachdem Mr. Weasley meine Freunde beleidigt hat."

„Sir, ich sorge mich nur um meine Mitschüler", widersprach der andere ernst und so ehrlich, dass ich nicht daran zweifelte, dass es aus seiner Sicht genau so war. Er sorgte sich um die armen Seelen, die womöglich in Gefahr waren, wenn sie sich in meiner Nähe befanden.

„Ihre Sorge ehrt Sie, Mister Weasley. Aber inwiefern hat Mister Potter damit etwas zu tun?" Der Junge zögerte.

„Ich fürchte, er und Malfoy zwingen die anderen so zu tun, als seien sie ihre Freunde. Vielleicht sogar mit Unverzeihlichen Flüchen." Götter. Er meinte das ernst! Er meinte tatsächlich was er sagte. Snape sah mich an und ich merkte wie ein Lächeln über seine Lippen huschte. Mein verdattertes Gesicht musste wahrlich komisch gewesen sein. Genau so komisch, wie Dracos erstauntes Gesicht.

„Mister Potter", meinte Snape langsam. „Sie scheinen ungewöhnliche Talente zu besitzen. Diese Herren hier meinen, dass Sie in Ihrem zarten Alter bereits unverzeihliche Flüche beherrschen!"

„Seine Familie besteht doch nur aus schwarzen Magiern und Todessern. Sie haben es ihm bestimmt beigebracht", murmelte jemand halblaut hinter uns. Idiot! Snapes Gesichtsausdruck veränderte sich nicht im Geringsten. Doch in seinen Augen sah ich etwas Gewalttätiges aufflammen.

„Die Herren Potter und Malfoy kommen sofort mit mir", entschied er eisig. „Minus zwanzig Punkte für Gryffindor, dafür dass sie nicht gelernt haben ihre Sorge in angemessener Form zum Ausdruck zu bringen." Er blickte über die verstreuten Schüler. „Und nun nutzen sie ihre restliche Zeit für den Training, meine Herren!" Mit einem unmissverständlichen Blick bedeutete Snape uns, dass wir ihm folgen sollten. Wir schnappten uns unsere Besen und eilten ihm hinterher.

„Gehen Sie sofort in den Krankenflügel", bestimmte er. „Lassen Sie sich untersuchen! Und melden Sie sich dann bei mir!" Es klang nicht nach einem Vorschlag und ich hielt es für besser keine Diskussion darüber anzufangen. Draco war offensichtlich der gleichen Meinung.

Vor der Krankenstation wartete eine Überraschung auf uns. Ron und Ginny Weasley. Draco spannte sich sofort an und zog seinen Stab und auch ich machte mich für einen Angriff bereit. Für heute hatte ich genug von unbegründeten Anschuldigungen.

„Warte, warte", meinte Ron hastig. „Ich… wir wollten nur sagen, dass die Zwillinge … die übertreiben, sie…", stammelte der Rothaarige verlegen und verstummte errötend unter unseren Blicken.

„Die beiden sorgen sich nur um uns", flüsterte Ginny kaum hörbar, dann hob sie den Blick und sah uns direkt an. „Wir wollten in euren Club und die Zwillinge sind dagegen." Anscheinen überrascht von dem eignen Mut, wurde sie rot und blickte wieder zur Boden. „Die denken, dass ihr einen schlechten Einfluss auf uns haben werdet."

„Ihr spinnt doch alle", grollte Draco, da mir schlicht und einfach die Worte fehlten. „Was wollt ihr jetzt von uns?"

„Uns… ähm… entschuldigen", antwortete Ron. „Wir haben gesehen was passiert ist. Das wollten wir nicht." Ich nickte lediglich. Draco dagegen schnaubte abfällig.

„Vielleicht haben die beiden ja recht", meinte er bissig. „Vielleicht sind wir ja allesamt schwarze Magier, die bei jedem Vollmond unschuldige töten!" Das lies die beiden zurückweichen, doch sie liefen nicht davon. Ginny schüttelte den Kopf, ohne etwas zu sagen.

„Und wenn schon." Ron zuckte mit den Schultern. „Das geht die Zwillinge nichts an! Ich habe es satt, dass sie mir vorschreiben, was ich tun und lassen soll!"

„Also willst du dich mit den bösen Slytherins einlassen, um es ihnen klar zu machen?", wollte Malfoy wissen.

„Wir wollten nur fliegen", seufzte Ron. „Nicht Quidditch spielen, sondern fliegen. So wie ihr. Einfach nur zum Spaß." Er warf einen letzten Blick auf uns, schubste Ginny an und zog sie mit sich fort. Ich sah Draco fragend an, der rollte genervt mit den Augen und nickte dann wiederwillig.

„Nächste Woche", rief ich den beiden hinterher. „Ein Probetraining! Hört ihr? Erst einmal nur ein Probetraining!" Sie drehten sich um, Ron versuchte zu lächeln und Ginny nickte dankbar, dann drehten sich die beiden um und gingen davon.

„Ich will nur eins klar stellen", meint Draco mit vollem Ernst zu mir. „Eine einzige doofe Bemerkung und die beiden fliegt aus dem Club!"