Kapitel 21b

Sonntag, 11. August 2002
Nachmittag bis Abendessen

Nach einem vierstündigen Mittagsschlaf frisierte Hermione ihr Haar in Locken und Ringel, ließ aber das Haarband und die glitzernden Haarnadeln weg. Mit leisem Rascheln zog sie das Seidenkleid über ihr Hemd; ein stiller Hauself hatte es gereinigt und zurückgebracht, während sie geschlafen hatte. Sie zog Slippers und Handschuhe an und war fertig zum Gehen.

Sie fuhr die steinerne Wendeltreppe hinauf, bis sie vor der polierten Eichenholztür stand, aber ehe sie den Messingklopfer in die Hand nehmen konnte, wurde die Tür geöffnet, und Severus war da.

Es war ihr nicht klar, weshalb sie bei seinem Anblick eine Welle von Euphorie überflutete, denn es fühlte sich an, als sei in ihrer Brust eine Schachtel voll frisch gefangener Cornischer Pixies losgelassen worden. Ihre Lippen öffneten sich, während sie sich mit einem tiefen Atemzug nahm zu beruhigen versuchte, und im selben Moment wandte sich sein Blick auf ihren Mund, und in seinen unglaublich dunklen Augen lag ein bedächtiger, sinnlicher Ausdruck.

Er trug die Regency-Schulleiterroben, ganz wildlederartige Weichheit mit einer Fülle von Knöpfen. Sie zog ihren Blick von seinem Torso und versuchte, wilde Ideen, seinen Rock zu streicheln oder all diese Knöpfe zu öffnen, aus ihren Gedanken zu verbannen, aber wenn sie in sein geheimnisvolles Gesicht sah, fürchtete sie, er wisse genau, was sie gedacht hatte.

Die Schatten unter seinen Augen waren verschwunden; er hatte also geschlafen, dachte sie. Offensichtlich hatte er geduscht und sich außerdem erneut rasiert, denn sein Haar war feucht, und sie fing einen Hauch seines Aftershaves auf, als sie an ihm vorbei das Büro betrat.

„Danke, dass du gekommen bist, Milady", murmelte er und hob ihre behandschuhte Hand an seine Lippen.

„Danke für die Einladung", antwortete sie.

Es waren noch zwei Stunden bis zum Sonnenuntergang im August, daher lag Sonnenlicht im Raum, aber in einer Nische an einer Seite des großen, runden Zimmers war ein kleiner Esstisch mit Kerzen gedeckt – vielleicht der Atmosphäre wegen. Sie sah sich nach den Portraits der früheren Schulleiter um, sie schienen jedoch alle zu schlafen. Hatte er ihnen allen mit Traumlos-Schlaftrunk versetzte Süßigkeiten verabreicht?

„Hast du Lust auf einen Apéritif?", fragte Severus. „Zum Essen gibt es Wein."

„Da ich kein Mittagessen gegessen habe, bin ich jetzt ziemlich hungrig", bekannte sie.

Er hielt die Hand fest, die er geküsst hatte, und führte sie zum Tisch. „Sobald wir bereit zu essen sind, sag einfach 'Abendessen', und dein Teller wird sich füllen", sagte er mit einem Zucken um die Lippen zu ihr. „Ich hielt es für das Beste … heute Abend auf die Hauselfen zu verzichten."

Keine Hauselfen? Da alle Portraits schliefen, waren sie dann ganz allein.

„Aber ehe wir essen, lass uns einen Toast ausbringen."

Severus nahm eine Flasche aus einem Weinkühler und goss perlenden Champagner in die bereitstehenden Kristall-Sektflöten. Er erhob sein Glas, und sie hob ihres im Gegenzug.

„Für Hogwarts?", fragte sie und wunderte sich, weshalb ihre Stimme sich so klein und zittrig anhörte.

„Nein, Milady", antwortete er ernsthaft, und in seinem Ton lag etwas, das einen erwartungsvollen Schauer ihr Rückgrat hinunterjagte. „Nicht für Hogwarts – nicht heute Abend." Mit seinem Sektkelch touchierte er ihren, und das Kristall tönte in einer hohen, lieblichen Note. „Auf uns."

Hermione war sprachlos ob der Wichtigkeit und der Bedeutung der beiden Worte, die er gesprochen hatte. Ihr Blick hob sich von den Kelchen zu seinem Gesicht, und sofort war sie von der Intensität seines Blicks gefangen. Nach einem Moment fand sie ihre Stimme wieder.

„Auf uns", erwiderte sie, und sie tranken, ohne die Augen voneinander abzuwenden.

So plötzlich, wie er die atemlose Ernsthaftigkeit hatte entstehen lassen, so hob er sie wieder auf, indem er ihr Platz zu nehmen bedeutete und sich selbst ihr gegenüber setzte.

„Sprich zu dem Teller", forderte er sie auf.

Hermione streifte ihre Handschuhe ab und legte sie beiseite. „Abendessen", sagte sie, und ihr Teller füllte sich mit gebratenem Huhn, Kartoffeln und knusprigen Stangenbohnen. Nach einer Woche ausgefallenen – und manchmal sehr seltsamen – Regencyessens war es wunderbar, einen Teller voll einfachen, gewöhnlichen Essens zu sehen. „Oh – dies ist wundervoll!"

„Ja, ich dachte, du würdest heute Abend vielleicht eine etwas einfachere Mahlzeit genießen", sagte er und nahm seine Gabel auf. „Ich wollte jedenfalls eine."

Während des Essens sprachen sie über viele Dinge, und Hermione freute sich über die angenehme Art, in der sie sich miteinander unterhielten. Sie nahm viele Beispiele für Severus' trockenen Humor wahr, der jedoch frei von Hohn und Spott war.

„Ja, Professor McGonagall hat berichtet, dass alle Eulen zu den fehlenen muggelgeborenen Schülern losgeschickt wurden", sagte er, als sie nach dem Projekt fragte. „Ich hoffe, mit der Eulenpost am Morgen einige Antworten zu bekommen."

Während er sprach, betrachtete sie ihn und fühlte sich frei, dies zu genießen, weil niemand sie voneinander ablenkte. Sie dachte, der Champagner beflügele ihre Antworten, und löse ihre Zunge vermutlich ein wenig, wodurch das Gespräch einfacher für sie wurde.

„Nein, ich habe mir keinen Namen für das kleine Fohlen überlegt", räumte sie ein, als er sie danach fragte. „Weißt du, ich hätte nie gedacht, dass ich das Reiten so sehr genießen würde, wie ich es tue! Die Pferde sind intelligente Geschöpfe, und es scheint, als ob sie die Ritte genießen – als sei es eine gemeinsame Unternehmung."

Er nickte. „Für eine Anfängerin bist du schnell damit zurechtgekommen. Manches wird dir viel leichter fallen, wenn du rittlings in Hosen reitest, wie es beim Reiten im einundzwanzigsten Jahrhundert üblich ist – sogar bei den Damen."

Sie runzelte die Stirn daraufhin, und es fiel ihr wieder ein. Ihr stand kein Reitpferd zur Verfügung. Oh, man konnte ein Pferd mieten, um eine Stunde im Park zu reiten, aber Mietpferde hatten wahrscheinlich nicht dieselbe Qualität und das Temperament wie ein Pferd aus einem Privatstall. „Ich denke nicht, dass ich viel zum Reiten kommen werde", murmelte sie und widmete ihre Aufmerksamkeit der kniffligen Aufgabe, ihr sehr zartes Hühnchen in kleine Bissen zu schneiden.

„Du brauchst dich damit nicht abzufinden", antwortete er.

~oo0oo~

Severus lehnte sich nach vorn, um Champagner in ihr Glas nachzuschenken. Im entspannten Schein des Weins und des Essens und – durfte er es hoffen? – der Gesellschaft war sie entzückend. Ihre honigbraunen Augen leuchteten, wenn sie auf ihm lagen, eine Reaktion, die er schon früher bemerkt, aber für die er Ausflüchte gefunden hatte. Nicht er war es, der diesen warmen Blick auslöste, hatte er damals argumentiert; es war jemand anders oder irgendein Gesprächsthema. Frauen schauten Severus Snape nicht auf diese Weise an – nicht nach seiner Lebenserfahrung. Aber jetzt war er allein mit ihr, ohne andere Menschen, die ihre Aufmerksamkeit von ihm ablenkten, und dennoch leuchteten ihre Augen.

Sie hatte ihr Haar wieder im peniblen Regencystil frisiert – wie mochte er sie davon überzeugen, dass es ihm gefiel, wenn es wild und ungezähmt ihren Rücken hinabfiel? Würden seine Vorlieben sie kümmern? Das Kleid gab ihm jedoch einen feinen Blick auf ihre eindrucksvollen Vorzüge – diesen Lieblingsteil des Frauenkörpers, der einen Mann unendlich faszinierte –, und er erinnerte sich gut an das Gefühl ihrer Brüste, die sich gegen seine Brust drückten, an ihre Hände, die ihn festhielten, und an ihren Mund, des sich ihm warm, feucht und einladend öffnete.

Er bewegte sich auf seinem Stuhl. Er war vorschnell. Im Rausch der Regencyatmosphäre war sie begierig gewesen, ihn in ihr Bett zu locken – während alle anderen um sie herum diesen Impulsen nachgaben –, aber er wollte sie nicht für eine Urlaubsaffäre. Er wollte sie, wollte sie oft sehen, wollte sie in seinem Leben … musste sicher sein, dass sie dies ebenfalls wollte, ehe er dies auf's Tapet brachte.

Sie nahm ihre Serviette und tupfte damit gegen ihre Lippen; ihr Teller war noch halbvoll, aber sie war beim Essen langsamer geworden.

„Möchtest du gerne mehr?" fragte er, ganz der aufmerksame Gastgeber.

„Danke, nein", sagte sie. „Auch wenn es ganz köstlich ist, bin ich sehr satt."

Er erhob sich und bot ihr eine Hand. „Dann gewährst du mir vielleicht einen Tanz."

Sie lachte leise, ungläubig. „Und wo ist das Orchester versteckt?", fragte sie verspielt und sah sich erwartungsvoll um.

Er antwortete ihr mit einer hochgezogenen Augenbraue. „Es ist der Zaubererrundfunk, und nach meiner Uhr sind wir mitten in der Hexenstunde."

Er hatte bereits zuvor den Sender gewählt und war erleichtert, als er das Radio anstellte, und es immer noch richtig eingestellt war. Ein Sänger sang ein Lied aus der Generation seiner Eltern, aber das war ihm egal – solange es Musik gab, konnte er mit ihr tanzen.

Als er sie an sich zog, hob sie ihr Gesicht zu seinem, die Augen weit offen und fragend – aber deutlich vertrauensvoll. Er zog sie näher zu sich, bis ihre Wange an seiner Brust ruhte.

Wie konnte sie ihm vertrauen? Hatte sie vergessen, wer er war – was er getan hatte?

Mit ihr bewegte er sich, und es war, als wäre der vergangene Abend wieder da, und sie durchtanzten die Nacht – nur waren sie dieses Mal ganz allein, und sein Bett befand sich nur eine Tür weit entfernt.

„Wir tanzen gut miteinander", murmelte er in ihre Ohrmuschel, und er sah ihre Augen sich sehr langsam schließen, als reagierten sie auf seinen Atem am ihrer Wange.

Sie streichelte seinen weichen Rock. „Wir reiten auch gut miteinander."

Dann errötete sie, als erinnere sie sich an die physische Reaktion, die sie erfahren hatte, als sie mit ihm geritten war, und sein Arm legte sich fester um ihre Taille. „Es scheint, wir sind ein gutes … Team."

Paar! Ein gutes Paar!, insistierte seine innere Stimme, aber er war zu sehr von ihr gefangen in der natürlichen Magie, die sie um ihn spann, wenn sie zusammen waren. Umgarnt von der bezaubernden Hermione Granger, war sein Verstand hilflos, den liebeskranken Halbwüchsigen zurückzudrängen, der in seinem Unterbewusstsein lauerte.

Ein altmodisches Liebeslied ging ins nächste über und ins nächste, während draußen vor den Fenstern die Sonne unterging und die Schatten im Schulleiterbüro tiefer wurden, bis es vollständig dunkel war. Es war die Zeit, in der Liebende einander süße Nichtigkeiten zuraunen mochten, aber zwischen ihnen war nichts entschieden. Alles war möglich – die Luft war erfüllt davon –, und das Schweigen, das sie miteinander teilten, war eine zu perfekte Blase, um sie platzen zu lassen. Sie hielten einander und tanzten und atmeten wie ein Mensch, bis die letzten Akkorde der Musik verklangen, und Severus drehte sie zu einem Halt vor dem kerzenerleuchteten Bogen, der seine Schlafzimmertür umrahmte.

Als sie realisierte, dass sie stehen geblieben waren, trat sie von ihm weg, als sei sie noch mitten in der Drehbewegung beim Tanz und brauche noch einen Moment, um wieder stillstehen zu können. Im flackernden Kerzenlicht fand er sie sehr schön, und die Emotion, die durch ihn rauschte, war eine, die er nie zuvor erlebt hatte.

„Milady", begann er, und die Rauheit seiner Stimme klang in seinen eigenen Ohren seltsam. Trotzdem verschwand der verschleierte Blick in ihren Augen, als sie ihm ins Gesicht sah. Dann fuhr er fort, und seine Stimme war tief und nur für ihre Ohren allein bestimmt.

„Heute ist mir klar geworden, dass meine Verzweiflung nicht vom Ende der Regency-Woche herrührt. Ich war unruhig, weil ich mich an den Part gewöhnt habe, den ich diese Woche übernommen habe, als dein täglicher Partner und Begleiter, und ich bin nicht willens, diese Rolle aufzugeben."

Mit völliger Stille ihres ganzen Seins reagierte sie – als ob sie nicht zu atmen wagte aus Angst, ein Wort von dem zu verpassen, was er zu ihr sagte. Dann öffneten sich ihre Lippen und sie bewegte sich auf ihn zu, als wolle sie ihn umarmen, aber er kam ihr zuvor, indem er ihre Hände in seine nahm und fortfuhr.

„Ich möchte nicht, dass dieser Abend das Ende ist, Milady, sondern der Anfang. Ich weiß, ich habe dazu keinen Grund, aber darf ich hoffen, dass du genauso empfindest?"

Ihre Augen strahlten noch mehr und standen voller Tränen, während sie nickte. Als sie sprach, war ihre Stimme leise und heiser. „Ja", hauchte sie. „Ja, du darfst – und ja, das tue ich."

Er küsste ihre Hand. „Darf ich dann vorschlagen, dass wir unsere Diskussion anderswohin verlegen? Die Portraits können jederzeit aufwachen, und ich möchte deine Gesellschaft heute Abend mit niemand anderem teilen."

Sie schockte ihn, indem sie sich benahm, wie eine Regencylady es niemals getan hätte, und sich revanchierte. Sie nahm seine Hand und drückte mit offenem Mund einen Kuss auf sein Handgelenk. „Das ist ein ausgezeichneter Vorschlag", murmelte sie, während ihre Lippen sich auf seinem Fleisch bewegten.

Jetzt hatten sie einen Knackpunkt erreicht. Severus war immer ein mutiger Zauberer und ein geübter Kämpfer gewesen, aber als Liebhaber fühlte er sich sowohl feige als auch unerfahren. Mit Macht stürzte er sich selbst ins Unbekannte, öffnete die Tür und legte ihr eine Hand ins Kreuz, um sie nach innen zu drängen.

Als sie über die Schwelle trat, war das Gefühl von Triumph, das ihn durchlief, in der Tat berauschend.