26. Bohne! Bohne!

„Dein Freund erschien mir etwas geschockt, nicht wahr?", meinte Jake und kicherte düster, während sie das Haus des Arztes verließen.

Bohne versuchte ihn zu ignorieren. Sie hatte das Papier wieder hervorgeholt und versuchte sich darauf zu konzentrieren.

„Du könntest mir wenigstens zustimmen", sagte Jake ungehalten.

„Ja, das war er", gab sie tonlos zurück und legte das Papier weg.

„Aber du willst nicht daran denken, stimmt's?", hackte Jake nach.

Bohne schaute auf. „Nein, ich dachte nur… Hast du noch nicht darüber nachgedacht, dass Roscoe die Stadt eingreifen könnte? Es wundert mich, dass er sich noch nicht hat blicken lassen, wenn er wirklich so wild auf das Gold ist."

Jake zuckte gleichgültig mit dem Oberkörper. „Vielleicht plant er gerade etwas anderes. Wer weiß. Ich kenne ihn nicht besonders."

Plötzlich hielt er an und züngelte heftig mit der Zunge.

Unsicher sah Bohne zu ihm hoch. „Ist etwas?"

Doch die Klapperschlange zischte nur. „Entschuldige mich kurz."

Mit diesen Worten verschwand er um die Ecke.


Bill sah sich nach allen Seiten um, während er aus Docs Haus durchs Fenster schaute. Draußen hielt sich niemand auf. Er schob das rechte Bein über den Fenstersims, wobei er die Lippen aufeinanderpresste. Es war nicht einfach mit frisch vernähten Wunden aus einem Fenster zu steigen. Er verlor das Gleichgewicht und landete mit den Rücken auf den staubigen Boden.

„Autsch!", fluchte er.

Erschrocken hielt er den Atem an und lauschte. Doch niemand tauchte auf. Langsam stand er auf.

Auf einmal schrak er zusammen, als ihm jemand eine große Waffe auf den Rücken hielt. Sofort riss er die Hände nach oben.

„Wirklich eine sehr nette Vorstellung", sprach eine bekannte Stimme hinter ihm. „Wenn du gesund bleiben willst, rate ich dir, so schnell wie möglich wieder ins Haus zu verschwinde, bevor das Ganze noch in einer Tragödie endet", fuhr die Klapperschlange fort.

Bill stieß einen tiefen Seufzer aus und nickte. Jake gab der Echse einen Stoß und Bill ging um das Haus herum zur Tür. Dann klopfte er an.

Doc war ziemlich überrascht als er Bill draußen und nicht in seinem Zimmer stehen sah.

„Äh… wie bist du…"

„Frag nicht", meinte Bill niedergeschlagen und ging durch den Korridor.

Doc zuckte zusammen, als das grimmig dreinschauende Gesicht von Jake ins Haus reinschaute.

„Verabreichen Sie ihm ein sehr starkes Beruhigungsmittel. Andererseits sehe ich mich gezwungen ihn ans Bett zu ketten."

Doc nickte. „Ja, Mister Jake."


„Keine Spritze!", protestierte Bill, nachdem er sich zurück ins Bett begeben hatte. „Gib mir wenigstens etwas, das man Essen kann."

Der Arzt gab sich mit einem tiefen Seufzer geschlagen. Bill war wirklich ein schwieriger Patient.

„Na schön, na schön. Ich geb dir eine Tablette, die du schlucken kannst."

„Danke", sagte Bill sarkastisch.

Während Doc die Medikamente holte, blieb Bill im Bett und starrte zu Rango rüber, der immer noch bewusstlos war.

Verächtlich verschränkte Bill die Arme.

„Verdammt!", dachte er. „Alles nur wegen eines dämlichen Versprechens. Ihr seid ja alle total bescheuert!"


Kurze Zeit später kam Doc mit einer Pille und einem Glas Wasser zurück. Bill schluckte alles in einem Zug runter. Er hasste Medizin, außer der altbekannten Medizin „Alkohol".

Angeekelt reckte er die Zunge raus. „Wäh! Was ist das denn für ein widerliches Zeug?"

Doc nahm ihm das Glas aus der Hand. „Nur keine Sorge. Du wirst sehr schnell jetzt einschlafen."

„Ich bin nicht wie diese anderen schwachen Halbleichen, die du immer hier beherbergst", schnauzte Bill ihn an und gähnte laut.

Doc lächelte spöttisch. „Das sehe ich."

Der Wüstenhase kümmerte sich nicht weiter um das Gila-Monster und wandte seine Aufmerksamkeit wieder Rango zu. Er hob den schlaffen Arm des Chamäleons hoch und fühlte den Puls. Er war langsam, aber gleichzeitig verspürte er ein leichtes Zittern in den Muskeln, was den Arzt ein mitleidiges Seufzen entlockte.

„Das war ein harter Tag für ihn gewesen", dachte er. „Ich frage mich wirklich, ob er wieder so werden wird wie in seinen besten Tagen als Held."

Er drehte sich um, als Bill sich im Bett auf die Seite legte und anfing leise zu schnarchen.

Doc verließ das Chamäleon und schob die Decke der großen Echse etwas höher.

„Sehr stark", murmelte er und verließ das Zimmer.


Den Rest des Tages passierte nicht mehr viel. Bohne hielt sich in der Nähe von Docs Haus auf, da Jake ihr nicht erlaubte neben Rangos Bett zu stehen, was mehr als schmerzhaft für sie war. Von Zeit zu Zeit warf Doc einen Blick ins Patientenzimmer, und kontrollierte den Status der beiden. Doch diese schliefen tief und fest. Außer der Rango, der immer wieder murmelnde Laute von sich gab.

Am Abend, Doc machte gerade seine letzte Runde bevor er ins Bett ging, war ebenfalls keine Veränderung eingetreten und ließ sie für den Rest der Nacht in Ruhe.


Es war 1 Uhr in der Früh, als Bill langsam wieder aufwachte. Zuerst wusste er nicht wo er sich befand. Zumindest war es nicht sein Bett in dem er sich befand. Die Luft roch ganz anders, vermischt mit Äther und nach was sonst. Allmählich kehrten die Erinnerungen zurück und mit ihnen das scheußliche Gefühl in seinem Magen.

Er rollte sich auf den Rücken, wobei er deutlich die frischen Wunden spürte. Sanft strich er sich den Bauch über die Nähte.

Die Echse erstarrte, als er leise murmelnde Geräusche vernahm.

„Bohne, Bohne."

Bill hob den Kopf und schaute zu Rango rüber. Genervt verdrehte der Bandit die Augen.

„Ich bin in der Hölle", murmelte er und drückte die Enden des Kissens auf seine Ohren.

Für einen Bruchteil hatte er Ruhe. Doch dann…

„Bohne! Bohne! Nein, Bohne, komm zurück!", kam es lauter.

Bill biss die Zähne zusammen. „Halt dein verdammtes Maul!", rief er, in der Hoffnung Rango würde ihn irgendwie hören. Doch das Chamäleon schien in seinen tiefen Alpträumen gefangen zu sein.

Er fuhr hoch, als Rango sich auf die Seite warf.

„Sei still!", fluchte Bill. „Ich will schlafen!"

Doch Rango hörte nicht auf und begann jetzt wie wild mit den Füßen unter der Decke zu treten.

Das war zu viel für Bill. Er stand auf, musste aber einen Moment sich krümmen, wegen der Schmerzen, die ihn seine Wunden verursachten. Mit Mühe verließ er das Bett und marschierte rüber zu Rangos.

Ohne Rücksicht packet er Rango an den Schultern und schüttelte ihn heftig.

„Verdammt wach auf! Oder du lernst meine Fäuste kennen!"

In diesem Moment verlor Rango den Halt und fiel auf den Boden.

Mit verheulten Augen sah er auf, was Bill nur mit Verachtung beantwortete.

„Hör auf zu Flennen, das ist ja peinlich!"

Auf einmal öffnete sich die Tür und Docs müde Augen suchten das Zimmer ab.

„Stimmt etwas nicht?", fragte er besorgt.

Bill schnaubte. „Er ist aus dem Bett gefallen."

Doc gähnte und schlurfte durch den Raum.

„Geh zurück ins Bett", sagte er zu Bill.

„Ja, ja", knurrte die große Echse.

Doc beugte sich zu Rango runter. „Alles okay, Mister Rango?", fragte er.

„Ich denke schon", antwortete er.

Doc half ihm wieder auf die Füße und schob ihn ins Bett.

„Haben Sie Schmerzen?"

„Nicht wirklich?"

Der Arzt nickte. „Schon gut. Ich gebe Ihnen etwas zu Beruhigung. Danach werden Sie besser schlafen."

Nach einer Weile kam er mit einer Tablette und Wasser zurück. Bill ignorierte ihn und drückte sich tiefer ins Kissen.

„Bitte sehr."

Damit händigte Doc die zwei Sachen an Rango aus.

„Danke."

Rango nahm beides entgegen und schluckte es.

Nachdem er fertig war, setzte er das Glas auf seinen Schoss ab und starrte darauf.

„Noch etwas?", fragte Doc.

Rango schüttelte den Kopf. „Nein danke."

Er gab dem Hasen das Glas zurück.

Rango schien noch etwas sagen zu wollen, aber dann schloss er doch wieder den Mund.

Nachdenklich rieb Doc sich das Kinn. „Versuchen Sie zu schlafen. Wenn Sie noch etwas brauchen, rufen Sie mich."

„Ich hoffe nicht", murmelte Bill.

Damit verließ Doc die beiden und Rango ließ sich wieder aufs Kissen sinken.

Jeder hörte den Atem des anderen.

Bill schnaubte, bevor er noch einen Satz sprach.

„Ich hasse dich."

Rango stöhnte leise und legte sich auf die Seite.

Tränen liefen seinen Wangen runter, als er daran dachte, dass er sie verloren hatte.


Bohne erging es nicht viel anders. Sie war außerstande Schlaf zu finden. Schweigend saß sie auf einem Stuhl am Strand und wünschte sich, sie wäre irgendwo anders.

Wieso habe ich ihn an diesem Abend nur zu mir eingeladen? Dachte sie. Warum diese Nacht? Wieso ist er nicht bei mir geblieben? Er hätte auf dem Sofa schlafen können. Er hätte eine gute Nacht haben können. Wieso war das passiert? Warum?

Sie spürte einen Kloss im Hals und begann zu weinen.

Da war niemand mit dem sie reden konnte. Niemand der ihr etwas Hoffnung spenden konnte. Jake sie alle zu Ausgangssperre verdonnert. Sie umarmte sich selbst und versuchte etwas Frieden zu finden.


Unterdessen beobachtete Jake sie aus einiger Entfernung.

Kleiner Mann, du musst für meine Niederlage bezahlen. Mit ihr. Aber ich mag keine Tränen in deinen Augen sehen, meine Liebe. Grund gütiger, warum hattest du vor vielen Wochen das Papier nicht unterschrieben? Warum musste dieser Sheriff zurückkommen? Was wäre, wenn sie das Papier unterzeichnet hätte? Was wäre passiert? Hätte der Bürgermeister sie getötet?

Sie war eine kleine Frau, aber sehr hart im Nehmen. Sie war stärker als diese grüne Echse. Ein Haustier würde niemals so stark sein. Bürgermeister John hatte vorgehabt ihn zu töten. Wer hätte ihn da gerettet? Da wäre niemand da gewesen. Aber der Geschmack der Niederlage in der Stadt war genauso eine harte Demütigung gewesen, die sein ganzes Leben begleiten würde. Schon als er ein kleines Kind gewesen war, hatte man ihn nur betrogen. Niemand mochte eine Schlange, schon gar keine Giftschlange. Nein, Schlangen waren nicht in der Welt willkommen, sie mussten sich den Respekt mit allen Mitteln erkämpfen. Jeder hatte Angst vor ihm. Wenn Schlangen schon keine Liebe bekommen durften, dann eben den Respekt und Rango hatte ihm diesen Respekt genommen, wenn jeder in der Umgebung darüber spottete, eine kleine Echse habe ihn besiegt, den größten Revolverhelden im ganzen Westen.

Der Sensenmann senkte den Blick. Ich benötige deinen Schmerz für meine Demütigung.