Kapitel 28

Lose Enden

Das Schuljahr ging zur Ende mit den neuen Schulregeln am Horizont. Noch wurde uns nicht genau erklärt, was genau sich ändern wird, aber uns allen war klar, dass die Änderungen kommen werden. Sicher war nur eins, die Einteilung in die vier Häuser wird beibehalten. Die Änderungen würden die Fächer betreffen, und zwar so grundlegend, dass die Anmeldung für die Kurse im dritten Jahr abgesagt wurde.

„Genauere Informationen werden später jedem Schüler persönlich zugesandt", versprach die Direktorin. Was auch immer uns erwartete, sie wusste es bereits und es war nicht ganz klar, ob sie diese Neuerungen mochte. Sie wirkte fast die ganze Zeit leicht gereizt und missgelaunt und es war unmöglich zu sagen, woran das liegen mochte. Also konnten wir nur warten.

„Pläne für die Ferien?", fragte mich Susan. Ich seufzte. Ja, jede Menge Pläne! Das Anwesen der Potters in Empfang nehmen, das Erbe meiner Eltern antreten, klären, was es mit den anderen Erbangelegenheiten auf sich hat, meinem Hauselfen eine sinnvolle Aufgabe finden, Hochzeit von Tante Bella und Snape überleben. Mich gründlich darüber zu informieren, was in der Welt vor sich geht. Großmutter Walburga besuchen. Mich auf das neue Schuljahr vorbereiten. Zeit mit meiner kleinen Schwester verbringen. Versuchen bei all dem den Überblick zu behalten und die Nerven nicht zu verlieren. Und das waren nur die angenehmen Angelegenheiten.

Immer noch um eine unverfängliche Antwort verlegen, zuckte ich unbestimmt mit den Schultern.

„Zeit mit der Familie verbringen", antwortete Neville für uns beide. „Vielleicht besuchen wir Großmutter Walburga."

Während die anderen sich über die Pläne für den Sommer austauschten, sah ich zur Ron und Ginny, die sich bereits hier von einigen ihrer Freunde verabschiedeten. Nein, ein Wunder ist nicht passiert. Wir wurden keine Freunde. Vielleicht werden wir es auch nie sein. Zu sehr habe ich mich und mein Leben verändert. Aber wir konnten miteinander reden, ohne einander zu beleidigen. Die beiden traten dem Club bei und schafften es sogar die zweite „Zwanzig" anzufangen.

„Potter!" An den Schubser von Draco begann ich mich bereits zu gewöhnen.

„Ja, wir werden kommen", versicherte ich. „Wir haben deinen Geburtstag nicht vergessen." Große Geburtstagsparty wird es dieses Jahr nicht geben, hieß es, nur ein paar Freunde, die ganz inoffiziell zu einem Abendessen vorbeikommen. Die meisten Familien werden dieses Jahr die großen Feste absagen. Der Dunkle Lord selbst gab dieses Jahr einen Ball. Wer würde da schon wagen dieser Festigkeit eine Konkurrenz zu bieten?

Und da waren wir bereits bei den unangenehmen Angelegenheiten. Bei dem Gedanken an dieses Fest begann in mir immer wieder die Wut zu kochen. Dieser verfluchte Bastard! Die Einladung kam mit einer offiziellen Ministeriumseule. Wie immer noch beim Frühstück. Neben mir erhielten auch Draco, Neville und einige andere Schüler die gleiche Einladung. Teureres, schweres Briefpapier. Feine Schrift. Ein Umschlag mit edler in Gold geprägter Adresse. Neugierig öffnete ich die aufwendig gestaltete Karte.

Sehr geehrter Harry James, Lord Potter!

Ich freue mich Ihnen eine persönliche Einladung zu dem festlichen Ball am 31. Oktober dieses Jahres aussprechen zu können!

An diesem Abend möchte ich mit meinen teuersten Anhängern den Tag feiern, der den Anfang meines neuen Lebens gelegt hat. Erst dieser Tag ermöglichte es mir meine Kraft zum Wohl der gesamten Zauberwelt einzusetzen.

Hochachtungsvoll

Lord Voldemort.

„Potter? Geht es Ihnen gut, Mister Potter?" Nein! Mir ging es nicht gut. Dieses Schwein veranstaltete ein Fest, um die Ermordung meiner Eltern zu feiern! Und er lud mich dazu auch noch ein! Sanft, aber bestimmt zogen mich starke Hände mit sich aus der großen Halle.

„Er ist aufgeregt", hörte ich Dracos Stimme hinter meinem Rücken „Schaut! Er hat ebenfalls eine Einladung bekommen!" Aufgeregtes Rufen verschlang Dracos Erklärungen. Die Wut drohte mir die letzten Reste des Verstandes zu rauben, als Snape mich in den nächstbesten Raum schubste und mir die verdammte Einladung aus den Händen riss.

„Harry!" Er verpasste mir einen leichten Schlag mit offener Hand direkt ins Gesicht und ich stellte überrascht fest, dass ich im nächsten Augenblick meinen Zauberstab auf ihn richtete.

„Es ist eine Provokation", erklärte der Mann beruhigend. „Lass nicht zu, dass er auf diese Weise gewinnt!"

„Er feiert den Tod meiner Eltern!"

„Ich weiß! Und wir beide werden bei dieser Festigkeit erscheinen!"

„Erst wenn die Sonne in der Hölle scheint!"

„Dann wird es an dem Tag so sein!" Er belegte mich noch rechtzeitig mit einem Schweigezauber, so dass ich meine Wut völlig lautlos herausschreien kann.

„Was wird wohl passieren, wenn wir nicht erscheinen?", fragte Snape. „Schau dir die Formulierung an! „eine persönliche Einladung"! „mit meinen teuersten Anhängern"! Harry! Der Tagesprophet hat bereits die Gästeliste veröffentlicht! Es ist ein Ultimatum. Entweder wir kommen oder wir waren die längste Zeit am Leben!"

Er hatte Recht. So eine Einladung auszuschlagen hieße den Lord mehr als einmal zu brüskieren. Nur mein eigener Tod wird mich und meine Familie davor bewahren diese Beleidigung mit eigenem Blut bezahlen. Vielleicht. Er wusste, was er tat! Wenn ich zum Ball erschien, würde es bedeuten, dass ich ihm den Mord an meinen Eltern und den Versuch mich selbst umzubringen, vergab. Wenn ich es nicht tat, dann bedeutete es, dass ich dieses großzügige – in aller Öffentlichkeit vorgetragene – Versöhnungsangebot ausschlug, den Lord beleidigte, indem ich eine „Persönliche" Einladung ausschlug und mich – genauso wie Sirius – nicht als „treuer Anhänger" offenbarte. Was danach mit mir und meiner Familie passierte, wäre ein langsamer, qualvoller Tod.

Seitdem verging kein einziger Tag, an dem nicht über diesen Verfluchten Ball gesprochen wurde! Und bis es endlich vorbei war, würde es auch so bleiben!

Am Bahnhof wurden wir von Sirius und Erastra abgeholt. Die Frau wirkte kränklich. Sie war blas, hatte dunkle Ringe unter den Augen und schien unausgeschlafen.

„Erastra wird bis zu dem Ball bei uns leben", erklärte Sirius und schaute die Frau nachdenklich an. Sie lächelte müde zurück.

„Ist alles in Ordnung?" Die Frage rutschte mir fast ohne mein Zutun heraus.

„Noch einer!", grollte sie auf einmal. „Mir geht es gut! Alles klar! Kümmere dich um deine Angelegenheiten, Bursche!" Noch eher Sirius oder ich auf diesen Ausbruch reagieren konnten, seufzte sie und ging neben mir in die Hocke, um mir ins Gesicht sehen zu können.

„Tut mir leid, Jungs", meinte sie und schaute auch zur Neville, der sie irritiert anschaute. „Ich kann in letzter Zeit kaum schlafen. Albträume. Selbst die Tränke, die euer Onkel Severus mir gibt, wirken nicht lange genug, um richtig auszuschlafen." Ich nickte.

„Schon in Ordnung", versicherte auch Neville und die Frau erhob sich wieder. „Vielleicht sollen wir Großmutter fragen."

„Gute Idee", lobte Sirius. „Ich schicke ihr eine Eule, sobald wir ankommen."

„Warum eigentlich Eulen?", fragte Erastra und ich musste lächeln. Die lebenslustige, neugierige Frau war also nicht ganz verschwunden.

„Warum nicht?", konterte Sirius.

„Weil es keinen Sinn ergibt! Eulen sind … Eulen. Sie sind nicht dazu gedacht Post auszutragen!"

„Aber die Tauben schon?"

„Touché!"

Wenn wir mit ihr redeten, wenn sie Fragen stelle und dann mit Sirius oder Remus stundenlang diskutierte, war sie wieder die Frau, die ich bei ihrem ersten Besuch kennengelernt hatte. Sie lachte, scherzte und erkundete die Welt in sie herum. Sobald sie sich unbeobachtet fühlte, wurde sie nachdenklich, düster und blass. Etwas quellte sie. Zerfraß sie von innen heraus. Doch alle Fragen diesbezüglich verliefen im Nichts. Sie konnte nicht sagen, was sie beunruhigte und ihr den Schlaf raubte. Sie erinnerte sich nicht an ihre Albträume. Als Sirius vorschlug mit einem Zaubernachzuhelfen, tauschte fast so etwas wie Panik in ihrem Blick auf und verbot uns allen irgendwelche Zauber auf sie zu wirken. Selbst Snapes Tränke nahm sie erst an, nachdem er ihr erklärt hatte, dass sie im Grunde keinen Tropfen Magie enthielten und genau so von Muggel gebraut werden konnten. Sie besorgte sich von ihm eine Zutatenliste, kaufte alles in der Muggelwelt ein, ließ die Kräuter von Snape begutachten und braute dann unten in der Küche die besagten Tränke selbst.

In den Sommerferien hate ich Einiges zu tun und ich beschloss zuerst die Angelegenheiten mit den offenen Erbschaften zu regeln. Was auch immer meine Eltern mir hinterlassen hatten, würde noch warten und das Haus der Potters war in den fähigen … hm.. in den fähigen Händen meines Hauselfs, der immer noch daran arbeitete das Anwesen zu renovieren. Also blieben die sieben Dokumente, die Rippock damals mitgebracht hat. Dokumente, in denen ich als „letzter Erbe" anerkannt wurde.

Gringotts empfing uns mit Ruhe und Kühle der uralten Mauer der ehrwürdigen Bank. Rippock traf uns gleich am Eingang und führte uns in den gleichen Raum, in dem wir beim letzten Mal saßen. Sirius hielt sich zurück.

„Du allein sollst entscheiden, was von den Sachen, die dir hinterlassen wurden, annimmst und was nicht", meinte er als wir auf dem Weg zur Bank waren. „Ich bin natürlich da, wenn du Fragen hast oder Hilfe brauchst, aber die letzte Entscheidung, triffst nur du allein." Jetzt saß er da und betrachtete neugierig, wie der Kobold die Dokumente auf dem Tisch ausbreitete.

„So etwas ist nicht selten", meinte er. „Zauberer haben sich schon immer mit großem Erfolg gegenseitig ausgerottet. Oder sich von den Muggeln ausrotten lassen. Kriege. Seuchen. Flüche. In einem Augenblick starben ganze Familien aus." Er schien nicht sonderlich betrübt von dieser Tatsache zu sein. Vielmehr hörte ich so etwas wie Überlegenheit in seinen Worten. Er blickte uns an, als würde er abschätzen, wann wir uns den verstorbenen vorfahren anschlossen. Ohne eine Antwort zu finden widmete er sich wieder den Unterlagen.

„Oft genug hinterließen die letzten rechtmäßigen Erben keine Testamente. In diesen Fällen wartete das Vermögen genau drei Jahrhunderte auf die nächsten rechtmäßigen Erben, bevor es verkauft und an die Bank überstellt wurde."

„Wie kommt es, dass ich der Erbe all dieser …Familien bin?", fragte ich.

„Ein uraltes Gesetz. Der letzte der Blutlinie erbt alles. Natürlich falls es keine anderweitigen Testamente gibt. In diesen Fällen, gibt es sie nicht." Er fuhr mit der Hand über die fein säuberlich ausgebreiteten Dokumente auf seinem Tisch. „Als Sie nach dem Erbe ihrer Familie fragen, wurde automatisch geprüft, ob es „ruhende" Fälle gibt, bei denen Sie als Erbe in Frage kommen."

„Ich weiß, dass die Zaubererfamilien eng miteinander verbunden sind, aber gleich sieben sehen mich als letzten Erben vor?"

Der Kobold zuckte mit den Schultern.

„In den meisten dieser Fälle ist der Grad der Verwandtschaft eher symbolisch", meinte er. „Außerdem gibt es nicht selten mehr als nur einen Anwärter."

„Und wie wird entschieden, wer nun das Ganze erbt?"

„Meistens bekommt derjenige, der sich als erster meldet auch das Erbe zugesprochen."

„Meistens?"

„Manchmal, muss der Erbe einige Voraussetzungen aufweisen. Wie das Geschlecht oder Familienstand oder Beherrschung von bestimmter Magie. Doch meistens genügt es einfach am Leben zu sein, um das Erbe anzutreten. Also, Mister Potter, wenn es keine weiteren Fragen gibt, fangen wir an!"

in der ersten halben Stunde verschafften wir uns einen „kurzen Überblick". Nach einer Stunde war ich mir nicht mehr sicher, wo mir der Kopf stand und nach einer weiteren Stunde wünschte ich die Sache nie angefangen zu haben. Ich verlangte nach einer Pause. Sirius scheuchte den Kobold aus dem Raum und erklärte, er habe da noch eine Frage zu seinem persönlichen Verließ. Ich atmete durch und betrachtete die Dokumente vor mir. Sieben Familien. Ausgelöscht durch Krieg, Intrigen, Verrat und eigene Dummheit. Sieben lose Fäden, die in mir ein Ende fanden. Die Verwandtschaft mit all diesen Leuten war rein symbolisch. Aber dennoch waren wir alle irgendwie miteinander verbunden. Ein kleines Häuschen in Hogsmeade. Eine längst stillgelegte magische Brauerei. Ein wahres Vermögen in Gold, Edelsteinen und magischen Artefakten. Ein Stück Land, dass mittlerweile vermutlich irgendwo im Zenrtum von London liegt. Eine Drachenzuchtfarm irgendwo im Süden von England. Eine Schatulle mit wertvollem Schmuck … und ein Haus in Little Hangleton. Eine kleine baufällige Waldhütte, die in „guten alten Zeiten" wohl als Jagdhütte gedient hatte.

Little Hangleton. Der Name kam mir so bekannt vor, dass ich alles andere ausgeblendet habe, während dich nachgedacht hatte. Etwas war mit diesem Namen verbunden. Etwas…. Es traf mich wie ein Schlag. Natürlich kannte ich diesen Ort! Möge er verflucht sein! Aber warum ausgerechnet ich? Warum wurde ich zum Erben dieser bestimmten Familie? Der Kobold zuckte bei dieser Frage nur mit den Schultern.

„Andere Erben erfühlen nicht die nötigen Voraussetzungen", meinte er nur und schaute in seinen Unterlagen nach. „Entweder sind die tot, haben nicht die richtige Abstammung oder haben ihr Recht zu erben auf eine andere Weise verloren."

„Ich will es nicht!"

„Harry, willst du dir es nicht erst ein Mal anschauen?", wollte Sirius wissen. Ihm sagte der Name nichts. Zumindest nicht im Augenblick. Ich war mir sicher, dass er ziemlich schnell herausfinden wird, was das für ein Ort ist. Der Kobold wusste es. Da war ich mir sicher, denn es schaute mich lange an, bevor er langsam und sehr bedeutungsvoll sprach.

„Orte wie dieser haben eine besondere Macht", meint er. „Selbst die kleinste Hütte kann zum Ort der Kraft werden. Zu einer Quelle der Magie für eine ganze Familie." Sirius versteht nichts, aber er merkt, dass ich es verstehe und dass dieses Verständnis mich gerade überfordert, deswegen schleift er den Kobolden fast buchstäblich aus dem Raum und lässt mich für eine Weile allein.

Ich weiß nicht um welches Haus in Little Hangleton es sich genau handelt. Die Karte, verortet es an dem Rand eines Waldes. Mehr als ein kleiner Punkt ist es nicht. Es gibt keine Zeichnung, kein Bild, nichts. Nur vergilbte Blätter, die beweisen, dass das Haus jetzt mir gehört. Eine Besitzurkunde, die ich den Muggeln vorzeigen kann und eine Auflistung der Gegenstände, die der Verwalter in Haus vorgefunden hat und die nun Ebenfalls mir gehörten. Ich wie, dass ist das Haus ist in dem Merope Gaunt gelebt hatte. Nachdem ihr Vater und ihr Bruder im Askaban landeten, wurde sie wohl zu alleinigen Erbin, weil die anderen Kandidaten „entweder tot sind oder nicht die richtige Abstammung haben". Durch das Blut der Peverells sind Merope und ich irgendwie verbunden. Auch wenn man Jahrhunderte zurück gehen muss, um diese Verbindung zu finden. Den Kobolden hatte es genügt. Und jetzt gehört mir die Hüte, in der die Mutter von Tom Vorlost Riddle geboren und gelebt hatte.