Kapitel 25

Es war ein animalischer Schrei. Ein Schrei, der ihn aus seinem Sessel hob. Er schrie so lange, dass Hermine glaubte, er würde nie wieder damit aufhören. Sie konnte nur schwer dem Impuls widerstehen, sich die Hände auf die Ohren zu pressen. Sie hielt das nicht aus! Ihr Herz raste, in ihren Ohren rauschte es.

Aber irgendwann ging ihm die Luft aus und er keuchte und krümmte sich zusammen. Sie atmete auf. Seine Hände schwebten ziellos durch die Luft, zitternd, als ob er nicht wüsste, welches schmerzende Körperteil er sich zuerst halten sollte. Schließlich zog er sich das Hemd aus der Hose und sah heftig atmend auf seinen Bauch hinab.

Hermine lief ein eiskalter Schauer den Rücken hinunter. Was hatte dieser Kerl mit ihm getan, nachdem Severus sie aus der Erinnerung geholt hatte? Sie hielt die Luft an, als ihre Gedanken durcheinanderliefen. Sie erinnerte sich an die Wunden, die Ron ihr zugefügt hatte.

Schlammblut.

Nicht wie er es getan hatte, aber dass er es getan hatte. Sie starrte Severus' Bauch an. Die Haut war sehr blass, hob und senkte sich in einer irren Geschwindigkeit, die Rippen zeichneten sich scharf darunter ab.

Dann zog er den Stoff wieder runter und Hermine blinzelte. Severus gab sich keine Mühe, das Hemd zurück in die Hose zu stecken. Er atmete heftig und sein Kopf rollte über die Rückenlehne des Sessels. Sie griff nach seiner Hand. Sie war eiskalt, sogar noch kälter als ihre eigene. Ein dünner Schweißfilm stand auf seiner Stirn, er war richtig grau im Gesicht, und als sie ihre Fingerspitzen auf seine Pulsadern legte, spürte sie seinen Herzschlag darunter flattern. Hermine schüttelte den Kopf und fokussierte sich auf Severus. „Dein Körper reagiert auf die Erinnerung. Du musst … schwer verletzt worden sein." Sie schluckte und suchte seinen Blick. „Du hast viel Blut verloren damals, oder?"

Er nickte ruckartig.

Mit weichen Beinen stand Hermine auf und ging zu ihm. Sie musste sich jetzt auf ihn konzentrieren. Professionell sein, Heilerin sein. Sie hatte jetzt keine Zeit für die Überlegungen, mit denen ihr Geist sie bombardierte. Sie musste ihm helfen. „Kannst du aufstehen?", fragte sie und hielt ihm ihre Hände entgegen.

Severus schluckte schwer. Sein Atem ging stoßweise, viel zu schnell, viel zu oberflächlich. Er hatte Schwierigkeiten, seinen Blick auf sie zu fokussieren, aber er nickte. Zweimal langte er daneben, als er ihre Hände ergreifen wollte.

Hermine half ihm und zog ihn auf die Füße. „Lass uns ein paar Schritte gehen."

Er stolperte einen Schritt nach vorn und sah dabei so konzentriert aus, als würde er gerade das explosive Erumpent-Sekret in einen Trank tropfen lassen.

„Es fällt dir schwer, das ist okay. Dein Körper ist so überzeugt davon, dass deine Erinnerung jetzt gerade passiert ist, dass er das Blut aus den Armen und Beinen zieht, um dich am Leben zu erhalten. Wir erinnern ihn jetzt daran, dass du nicht verletzt bist, okay?"

„Okay", sagte er heiser. Das warme Licht des Feuers zuckte auf seinem Gesicht und brach sich im Schweiß.

Hermine ging langsam rückwärts, so dass Severus ihr folgen konnte, ohne ihre Hände loszulassen. Die ersten paar Schritte stolperten sie mehr, als dass sie liefen. Dann wurde sein Gang allmählich flüssiger, genauso wie ihre Gedanken. Das hier war bekanntes Terrain; sie war Ärztin, Heilerin, sie wusste, wie sein Körper funktionierte und warum er tat, was er tat. Sie wusste, wie sie ihn dazu bringen konnte, damit aufzuhören.

Nachdem sie zwei Runden durch das Wohnzimmer gelaufen waren (die erste hatte Hermine rückwärts zurückgelegt, bei der zweiten Runde hatte Severus sich widerwillig bei ihr untergehakt), setzten sie sich wieder vor den Kamin. „Lassen die Schmerzen allmählich nach?", fragte Hermine.

„Ja, es geht wieder." Trotzdem hob er unwillkürlich die Hand und massierte sich die Schulter, die er sich damals ausgekugelt hatte.

„Was ist weiter passiert, nachdem du mich aus der Erinnerung geholt hast?"

Er schüttelte den Kopf. „Nein. Was ist passiert, nachdem ich bei dir gegangen bin?"

„Nein", entgegnete Hermine, „du bist wichtiger."

„Das sehe ich anders."

„Dein Körper nicht."

Er sah sie irritiert an. Ihr Blick glitt zu seiner Hand, die immer noch seine Schulter massierte. Er zuckte zurück, als hätte er sich plötzlich an sich selbst verbrannt. Ein verächtlicher Zug stand um seinen Mund, als er sagte: „Ich werde über diese Erinnerung nicht mit dir reden, Hermine"

„Severus, ich schaff das!", sagte sie überzeugter, als sie sich fühlte. „Was ist passiert?"

Er schloss die Augen und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. Schüttelte wieder den Kopf. „Das ist zu viel für dich. Ich komm damit klar. Es war … nur körperlich."

Hermine presste ihre Zähne aufeinander. „Tu das nicht. Schließ mich nicht aus. Was ist passiert? Warum bist du in einen Schock gefallen? Es muss heftig gewesen sein, wenn das passiert." Sie schluckte hart und sah ihn an. „Bist du … Hast du …" Wieder atmete sie schneller, als es gut für sie war. „Wie schwer warst du verletzt, Severus?"

Er schloss kurz die Augen. „Ziemlich", sagte er schließlich leise, seine Stimme klang heiser. „Mehr werde ich dazu nicht sagen." Er kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf, als wolle er ein Bild vor seinem geistigen Auge vertreiben.

Hermine fuhr sich mit gespreizten Fingern in die Haare. Sie konnte sich gerade so eben davon abhalten, ihm zu sagen, dass die Bilder, mit denen ihr Geist sie quälte, schlimmer waren als die Wahrheit. Dass sie schon immer besser zurechtgekommen war mit der Wahrheit. Aber sie wollte … konnte ihn nicht dazu zwingen. Sie wollte für ihn da sein, also musste sie seine Entscheidung respektieren. Sie räusperte sich. „Wusste dein Vater, was er mit dir tun würde?"

„Ich denke nicht", murmelte Severus, dann schnaubte er. „Es ist nicht so, als ob er Referenzen von den Kerlen verlangt hätte."

Sie schluckte. „Wie hast du das überlebt?"

„Meine Mutter kam früher nach Hause. Sie hat mich wohl gehört. Da war … Lärm vor der Tür. Sie schrie etwas, ich hab es nicht verstanden." Severus massierte sich die Nasenwurzel mit der einen Hand, mit der anderen rieb er sich den Bauch. Hermine starrte ihn an, eine gefühlte Ewigkeit lang, ohne zu blinzeln. Erst als er weitersprach, schaffte sie es, den Blick abzuwenden. „Der Mann … Quentin … " Severus schüttelte den Kopf, als würde er sich selbst darüber wundern, dass er seinen Namen noch wusste. „Er hat es auch gehört. Er …" Dann presste er die Lippen aufeinander und schluckte die restlichen Worte, die ihm auf der Zunge gelegen hatten.

Es wummerte in ihren Ohren und es fiel ihr schwer, ihm zuzuhören. Sie spürte, dass etwas in ihr anders war. Sie hatte zwar keinen Zugriff auf die Erinnerung, aber … Es war anders als vorher. Der Trank, den Severus ihr damals gegeben hatte, hatte es ihr ermöglicht, ihre Erlebnisse ohne Emotionen zu betrachten. Jetzt spürte sie die Angst in sich wie eine Spinne, die Schritt für Schritt aus den Tiefen ihres Geistes empor stieg, ohne dass sie eine Erinnerung dazu hatte. Sie schüttelte den Kopf.

„Sie kam in den Schuppen gerast wie eine Furie", fuhr Severus derweil fort. Er hatte die Augen noch immer geschlossen, erst jetzt blinzelte er und suchte ihren Blick.

Hermine bemühte sich, ihr bestes Pokerface aufzusetzen. „Ich bin froh, dass sie früher nach Hause gekommen ist."

Severus nickte gedankenverloren. „Das war das letzte Mal."

Sie runzelte die Stirn.

„Das letzte Mal, dass mein Vater mich verkauft hat. Ich weiß nicht, was meine Mutter mit ihm getan hat, aber es hat gewirkt."

„Gut", entgegnete Hermine gedehnt. „Dann hat sie es vorher nicht gewusst."

„Nein, vermutlich nicht." Wieder brach er ab, rümpfte die Nase.

„Sprich es aus, Severus."

„Es wäre ihr Job gewesen, Hermine. Es wäre ihr Job gewesen, es zu wissen. So wie es mein Job war, immer zu wissen, was meine Schüler anstellen. Es wäre ihr verdammter Job gewesen!"

Hermine senkte den Blick. „Ja, wäre es."

Severus verlor sich ein paar Minuten lang heftig atmend in seinen Gedanken. Hermine beobachtete ihn. Die Falte auf seiner Stirn, die schwarzen Augenbrauen, sein starrer Blick. Sie wurde ruhiger, während er seinen Gedanken nachhing. Schließlich holte er tief Luft und blinzelte. „Die Zeit danach war die beste, die ich mit meiner Mutter gehabt habe."

„Magst du mir davon erzählen?", fragte Hermine.

Severus fuhr sich über den Mund. „Sie hat nur noch nachts gearbeitet und bevor sie abends ging, hat sie mein Zimmer mit Bannen belegt, damit mein Vater nicht hereinkommen konnte. Geschlafen hat sie am Vormittag. Da war ich draußen unterwegs. Im Wald oder ich hab mich mit Lily getroffen. Und nachmittags hat sie Zeit mit mir verbracht. Sie hat mir viel beigebracht. Zauber und Tränke. Ich konnte zwar nichts davon ausprobieren, aber ich hab ihr zugesehen." Er überlegte kurz. „Es gab auch keine Ernährungszauber mehr. Zum ersten Mal war ich ihr anscheinend wichtiger als der Machtkampf mit meinem Vater."

„Es kann vieles verändern, jemanden beinahe zu verlieren."

Er atmete zischend aus. „Ja. Sie hatte wohl das Bedürfnis, Wiedergutmachung zu leisten."

Hermine sah ihn betroffen an.

„Es war jedenfalls eine gute Zeit. Und die letzte."

Sie schluckte. „Es war kurz vor deiner Einschulung in Hogwarts", schlussfolgerte sie.

Severus nickte. „Also", grollte er dann mit dunkler Stimme, „genug davon. Du bist dran."

„Oh … okay", sagte sie, überrascht von dem plötzlichen Themenwechsel. Hermine senkte den Blick auf ihre Hände. „Wie gesagt, ich hab die Erinnerung eingeschlossen. Aber es ist … anders."

„Inwiefern?"

Sie fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. „Vorher hatte ich die Bilder ohne Emotionen, jetzt hab ich … ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll. Als würde da etwas lauern, das ich … nicht greifen kann. Etwas Bedrohliches, aber … ich weiß es nicht."

Er nickte langsam. „Kenn ich."

„Das dachte ich mir." Sie lächelte schief. „Ich muss mich noch daran gewöhnen."

„Ich werde dir wieder den Trank brauen, den ich dir damals gegeben habe."

„Nein. Ich meine … Danke, aber … nein", stotterte sie. „Ich will erst mal darüber nachdenken, was ich jetzt tun will."

Severus presste die Lippen aufeinander, dann sagte er: „Ich kann das wiedergutmachen, Hermine."

Sie sah ihn an. „Ich weiß. Aber es ist nicht deine Schuld, Severus. Du wusstest ja nicht mal mehr, dass es diese Erinnerung gibt."

Er sagte nichts. Nur sein Blick lag auf ihr und alles, was er nicht aussprechen konnte, stand in seinen Augen. In diesem schwarzen Kosmos, in dem er eine ganze Welt vor ihr zu verbergen versuchte.

„Ganz im Ernst: Es ist nicht deine Schuld. Diese Erinnerung hat die von Professor Dumbledores Tod regelrecht … zur Seite gedrängelt, als ich sie aus dem Käfig lassen wollte. Ich denke, sie hat irgendwie gespürt, dass sie bei mir eine ähnliche Wirkung haben kann wie bei dir. Und das kann sie nur gespürt haben, wenn sich vorher etwas bei mir geändert hat, sonst hätte sie mich schon angefallen, als du noch im St.-Mungos gewesen bist."

„Wenn sich seitdem etwas geändert hat, dann meinetwegen."

Hermine stöhnte. „Bringt es dir irgendwie Spaß, Schuld an dich zu reißen?", fragte sie.

„Nein. Aber ich halte auch nichts davon, sie zu leugnen."

„Und was hast du davon? Bringt es dich weiter? Bringt es mich weiter?"

Ich will dich weiterbringen!"

„Nein, Severus. Du willst mich zurückbringen! Du willst, dass alles wieder so wird wie vorher. Dass ich einfach wieder deinen Trank nehme!"

„Was ist falsch daran?"

„Dass es dir egal ist, was ich will!"

„Also willst du dich mit dieser Erinnerung auseinandersetzen?"

„Ich weiß es nicht!", sagte sie laut. „Ja, vielleicht! Vielleicht auch nicht. Ich weiß es nicht, Severus. Ich muss darüber nachdenken. Das geht mir alles zu schnell." Sie fuhr sich mit den Händen durch die Haare. „Ich hab nicht damit gerechnet, dass das passieren könnte. Ich hab nie über die Möglichkeit nachgedacht, wieder in diese Lage zu kommen. Das ist … viel. Ich muss … nachdenken."

Er atmete langsam aus und wischte sich mit der Hand über den Mund. „Gut. Denk darüber nach." Und nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: „Es ist mir nicht egal, was du willst."

„Aber?"

„Ich will nicht, dass es dir so geht wie mir. Du hast besseres zu tun. Du hast besseres verdient."

Hermine sank ein Stück in den Sessel zurück. „Niemand hat so was verdient. Trotzdem möchte ich gern selbst entscheiden, was ich jetzt mache."

„Natürlich", sagte er dumpf, nickte.

Sie sah ihn lange an. „Wird sich … etwas zwischen uns ändern, Severus?" Er runzelte die Stirn. „Wenn ich mich dafür entscheide, deinen Trank nicht zu nehmen. Wird sich dann etwas ändern?"

Er schluckte. „Nein."


Die Tür wurde schwungvoll aufgerissen, aber noch ehe die Frau, die einen etwa dreijährigen Jungen auf der Hüfte trug, etwas sagen konnte, krähte irgendwo hinter ihr im Haus ein Kind: „Mu-hum! Ich finde meine Socken nicht!"

Sie verdrehte die Augen, sah Hermine entschuldigend an und während sie das Kind auf seine eigenen Beine stellte, rief sie über ihre Schulter: „Oben rechts in der Kommode, Grace! Rechts ist da, wo du dein Armband trägst!"

Sie lauschte kurz in die Stille, dann: „Hab sie!"

„Na bitte", murmelte sie und schüttelte angedeutet den Kopf, dann hielt sie Hermine die Hand hin. „Hallo, du bist Hermine, oder?"

„Ja, die bin ich." Sie schüttelte die Hand.

„Ich bin Marissa. Entschuldige das Chaos, es ist jeden Morgen dasselbe. Patrick ist oben in seinem Arbeitszimmer, zweite Tür links." Sie wollte zur Seite treten, aber der kleine Junge hatte sich an ihrem Bein festgeklammert und verbarg sein Gesicht vor Hermine. Nur mit einem Auge schielte er zu ihr hinauf. Marissa griff ihre langen blonden Locken mit einer Hand zusammen und strich ihrem Sohn mit der anderen durch die feinen Haare. „Toby ist gerade erst aufgestanden, er braucht noch ein paar Minuten", erklärte sie mit einem Lächeln.

Hermine schluckte, als sie den Namen hörte. „Versteh ich", entgegnete sie etwas verzögert, „Ich bin auch kein Morgenmensch."

„Wer ist das schon? Aber es fragt ja keiner." Sie zuckte mit den Schultern. „Geh ruhig hoch, Patrick muss eh mal diese Akten weglegen." Sie deutete auf die Treppe, die an einer Wand voller Kinderbilder entlang ins obere Stockwerk führte.

Hermine ging an den beiden vorbei, konnte sich aber nicht davon abhalten, einen Blick zurück auf den kleinen Jungen mit dem flachsblonden Haar zu werfen. Dann schüttelte sie den Kopf und stieg die Stufen hoch.

Patrick saß an seinem Schreibtisch. Er hatte eine aufgeschlagene Patientenakte vor sich liegen und eine Feder in der Hand. Gerade verzog er das Gesicht, als ob er sich an etwas zu erinnern versuchte. „Störe ich?", fragte Hermine.

Er sah zu ihr auf, lächelte. „Nein, gar nicht. Ich versuche nur gerade, mich daran zu erinnern, ob ich Mr Bailey zwanzig oder dreißig Tropfen des Antidots gegeben habe."

Sie setzte sich auf einen Stuhl, der neben seinem Schreibtisch stand. „Vielleicht solltest du doch mal darüber nachdenken, dir gleich Notizen zu machen."

Er rümpfte die Nase. „Das lenkt mich nur ab. Ich frag einfach Mike, der weiß das bestimmt noch."

Hermine warf einen Blick auf die Akte, an der er gerade geschrieben hatte. „Mr Bailey ist der mit der Amnesie, oder?" Sie war an seiner Behandlung nicht beteiligt gewesen und hatte seinen Fall nicht im Blick.

„Ja."

„Wie geht es ihm inzwischen?"

„Besser. Es kommen langsam Erinnerungen zurück. Auch an seine Ex. Er ist nicht begeistert …" Patrick schnalzte leise mit der Zunge.

„Hm", machte Hermine.

Plötzlich klappte er die Akte zu und legte sie auf einen Stapel zu seiner Linken. „Genug davon. Was hat dein Vater gesagt?"

Sie schloss kurz die Augen, zerrte ihre Gedanken zurück zum Thema. „Er ist einverstanden", sagte sie.

„Gut! Marissa kennt zwei Leute, die sie ansprechen kann. Das ist dann schon mal ein Anfang."

„Ginny hat auch schon eine Kollegin im Auge, die vielleicht mit uns zusammenarbeiten würde."

Ein Lächeln breitete sich auf Patricks Gesicht aus. „Es wird!", stellte er fest.

„Ja." Es fiel ihr schwer, seine Begeisterung zu teilen. „Aber wir brauchen schon noch ein paar Wochen, bis wir soweit sind, dass wir an die Öffentlichkeit gehen können."

Er riss die Augen auf. „Auf jeden Fall! Wir sollten so gut vorbereitet sein wie möglich, sonst ist unser Antrag ganz schnell vom Tisch."

Hermine nickte und zog eine Mappe aus ihrer Tasche. „Ich hab mal ein paar Stichpunkte aufgeschrieben, die ich für wichtig halte. Vielleicht fällt dir noch mehr ein."

Er nahm ihr die Liste aus der Hand und vertiefte sich darin. Eine Bewegung zu ihrer Linken lenkte Hermines Aufmerksamkeit auf sich. Marissa betrat das Arbeitszimmer und trat hinter ihren Mann. Jetzt trug sie einen Umhang und legte ihm die Hände auf die Schultern. „Ich bring die Kinder zu meinen Eltern, ihr könnt euch also ausbreiten."

Patrick wandte sich zu ihr um und legte seine Hand auf ihre. „Prima. Sehen wir uns heute Abend?"

„Ja." Sie beugte sich zu ihm herunter und küsste ihn. „Vergiss nicht, noch ein bisschen zu schlafen."

„Versprochen!" Er sah ihr lächelnd hinterher, dann wandte er sich Hermine zu. „Lass uns in die Küche gehen, da haben wir mehr Platz."


Hermine stand mit dem Rücken zur Haustür, als Severus ihr öffnete. Sie hatte ein seltsam röhrendes Geräusch hinter sich gehört, nachdem sie geklopft hatte. Suchend hatte ihr Blick die Straße abgetastet und war schließlich an einem silbernen Auto hängen geblieben, das erst beim dritten Versuch startete. Und weil Severus heute länger brauchte, um ihr zu öffnen, hatte sie es beobachtet, bis es um die nächste Ecke verschwunden war, und sich in ihren Gedanken verloren. Tatsächlich wurde sie erst auf ihn aufmerksam, als er sie ansprach. Sie wandte sich zu ihm um. „Entschuldige", sagte sie, während sie den Kopf schüttelte, und ging an ihm vorbei ins Haus. „Bist du beschäftigt?"

„Nein. Ich war nur gerade im Labor."

Sie hatte ihm gestern angeboten, auch heute nach dem Treffen mit Patrick im Labor zu helfen, aber er hatte es abgelehnt. Er hatte sich sogar zwei Stunden früher als sonst mit ihr verabredet; anscheinend lag er gut in der Zeit. „Wie geht es dir heute?", fragte sie.

Severus setzte sich gerade und stockte einen Moment mitten in der Bewegung, ehe er sich weiter sinken ließ. „Gut soweit."

„Keine Albträume? Keine Flashbacks?"

„Nein. Jedenfalls nicht von der gestrigen Erinnerung."

„Das überrascht mich", gab Hermine zu.

Severus hob die Schultern hoch. „Wie ich sagte, es war körperlich. Damit komm ich zurecht. Selbst mit den … Wie nanntest du es?"

„Körpererinnerungen?", schlug Hermine vor.

„Ja. Selbst damit komme ich zurecht."

„Okay." Ihre Stimme klang dumpf. „Möchtest du dir die Erinnerung trotzdem noch mal anschauen?"

Severus rümpfte ein bisschen die Nase. „Ja. Später. Ich würde gern erst mal wissen, wie es dir geht."

Hermine zog die Ärmel ihres Shirts über die Hände. Sie fröstelte trotz des Kaminfeuers. „Es geht. Es ist ungewohnt, dieses … bedrohliche Gefühl zu haben. Als würde ich jeden Moment einen Angriff erwarten, aber ich weiß nicht woher."

Er zog die Augenbrauen hoch, sagte aber nichts. Musste er auch nicht, sie verstand ihn ohne Worte. Er hatte ihr eine Lösung für das Problem angeboten, sie musste nur annehmen.

„Ich weiß, was du denkst. Aber …" Sie seufzte unzufrieden und rieb sich über die Stirn.

„Aber?", hakte er mit dunkler Stimme nach.

„Mein Kollege hat letztens was gesagt, über das ich viel nachdenke. Er hat einen Patienten, der sich nach einer Trennung die Erinnerungen an seine Exfreundin mit einem Trank nehmen wollte."

Severus stöhnte. „Dumme Idee."

Hermine verdrehte die Augen, nickte. „Ja, sehr dumm. Jedenfalls meinte Patrick, er hätte sich nicht mal die Möglichkeit gegeben, mit diesen Gefühlen klarzukommen. Vielleicht hätte er es geschafft. Und … vielleicht wäre es wichtig für ihn gewesen, das zu schaffen." Sie lehnte die Schläfe gegen die Rückenlehne des Sessels, ihre Schienbeine pressten sich gegen die Armlehne, die Hände hatte sie im Schoß vergraben. „Daran muss ich denken. Ich habe mir auch nie die Chance gegeben, mit dieser Erfahrung klarzukommen."

„Weil es zu viel war", sagte Severus. „Es gab keine Chance, dass du damit klargekommen wärst."

„Stimmt, damals nicht", erwiderte sie. „Aber heute schon."

„Was ist heute anders?", fragte er provokant.

„Ich bin älter. Ich habe mehr Lebenserfahrung. Und ich bin …" Sie zögerte, biss sich auf die Unterlippe. „… nicht allein."

Severus schwieg. Nicht nur verbal, auch körperlich. Es war ihm keinerlei Reaktion auf ihre Worte anzusehen.

Hermine schluckte. „Sofern du es dir zutraust! Aber erst später. Wenn es dir besser geht. Und wenn es dir zu viel ist, frag ich jemand anderen. Aber das hat noch Zeit, die Erinnerung ist weggepackt und an dieses Gefühl werde ich mich gewöhnen. Das ist nicht so schlimm. Erst mal geht es um deine Erinnerungen, damit hast du auch genug zu tun und ich …" Sie verzog das Gesicht. „Es tut mir leid, ich hätte das nicht sagen sollen."

Er schüttelte leicht den Kopf. „Es gibt keinen Grund für eine Entschuldigung. Ich hätte nur nicht gedacht, dass du diese Art Hilfe von mir möchtest."

„Nur wenn du es dir zutraust!"

„Das tue ich. Aber hältst du das wirklich für eine gute Idee?"

„Ich möchte es zumindest versuchen. Der Trank kann auch mein Plan B sein." Severus schnaubte leise. „Ich weiß, du fändest es besser, wenn ich ihn sofort nehme und so weitermache wie bisher. Es lief ja gut und bei den Plänen, die ich inzwischen habe, wäre es wohl besser, wenn es weiter gut läuft. Es spricht alles dagegen, diese Erinnerung frei zu lassen."

„Und doch willst du es tun", sagte er dunkel.

„Ja." Sie zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ist es, weil ich eine Gryffindor bin. Aber ich … will mich davor nicht mehr verschließen. Es ist ein Teil von mir – mit allen Emotionen, die damit zusammenhängen. Ich will das …" Sie suchte nach dem richtigen Wort. „… einweben in meine Persönlichkeit und nicht mehr getrennt davon aufbewahren. Verstehst du, was ich meine?" Er nickte langsam. „Und dann will ich damit abschließen. Richtig. "

Severus zog eine Augenbraue in die Stirn. „Heißt das, du wirst auch Weasley davon erzählen?"

„Nein!" Sie schüttelte heftig den Kopf. „Vermutlich war es falsch von mir, damals diese Entscheidung für ihn zu treffen und seine Erinnerung zu löschen. Aber sie jetzt zu revidieren, wäre genauso falsch."

„Dann ist ja zumindest ein bisschen gesunder Menschenverstand übrig geblieben."

Hermine lächelte. „Ja, etwas."

Er runzelte die Stirn. „Aber das war es nicht, was ich eben meinte … Ich frage mich, ob ich der Richtige bin, um das zu tun. Meine Stärken liegen definitiv woanders."

„Dito", sagte sie einfach.

Severus presste die Lippen aufeinander, aber er konnte ihr nicht widersprechen. Er war nicht mehr oder weniger dafür geeignet, sie bei der Bearbeitung ihres Erlebnisses zu begleiten, als umgekehrt. Trotzdem schien es irgendwie zu funktionieren. Schließlich nickte er. „Ich werde es versuchen."

Sie spürte, wie eine Anspannung von ihr abfiel, der sie sich vorher gar nicht bewusst gewesen war. „Danke."

Er schnaubte. „Bedank dich, wenn ich es nicht schlimmer gemacht hab!"

„Dann bedank ich mich einfach nochmal." Sie lächelte, als er die Augen verdrehte und etwas murmelte, das sie nicht verstehen konnte, das aber bestimmt mit Gryffindor, Frauen oder ihrer Sturheit zu tun hatte. „Dann können wir ja zu dir zurückkehren."


Später an diesem Abend lag Hermine bewegungslos in ihrem Bett und starrte die dunkle Decke an. Sie wartete auf die Schwere, die sie immer kurz vor dem Einschlafen überkam. Sie wartete auf das leichte Gefühl im Kopf, auf das Gewicht in ihren Augenlidern, gegen das sie sich nicht mehr wehren konnte. Aber nichts davon stellte sich ein. Sie war lange nicht mehr gleichzeitig so müde und so wach gewesen.

Die letzten Stunden mit Severus kreisten durch ihren Kopf. Es war heftig gewesen. Er behauptete zwar, er käme gut zurecht mit dieser Erinnerung – sein Körper sah das jedoch anders. Er hatte sich die Erinnerung noch dreimal angesehen und war danach jedes Mal in diesen schockartigen Zustand verfallen, aus dem sie ihm hatte heraushelfen müssen. Möglicherweise kam er besser damit zurecht als mit den anderen Erinnerungen, aber er war nie wieder so kurz davor gewesen zu sterben.

Hermine befahl sich, diese Gedanken endlich loszulassen. Sie wusste, dass es riskant für sie war, sich zu sehr mit dieser Erfahrung zu beschäftigen. Das Durchleben seiner Erinnerung hatte ihre zurückgeholt; sie musste aufpassen, wie weit sie sich auf dieses Eis hinauswagte.

Aber ihr Kopf wollte ihr nicht gehorchen. Jedes Mal, wenn sie sich entspannte um zu schlafen, kamen die Bilder zurück, die sie durch seine Augen gesehen hatte. Und sie sah sie sich beinahe zwanghaft an. Sie konnte nicht anders. Sie sah den stämmigen, verschwitzten, übel riechenden Mann, dessen Augen im schummrigen Licht einer wackelnden Lampe immer wieder blitzten. Sah seinen Gesichtsausdruck, nachdem er Severus geschlagen hatte, den gierigen Blick, hörte sein hämisches Lachen. „Das war gut", sagte seine Stimme in ihrem Kopf. Sie spürte den Schmerz des letzten Schlages, der nur langsam abflaute. „Mach es nochmal so, Rotschopf!"

Hermine erschrak heftig und fuhr im Bett hoch. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Für ein paar Sekunden wurde ihr schwarz vor Augen, bis ihr Kreislauf sich an ihre sitzende Position gewöhnt hatte. Sie horchte in die sie umgebende Stille – und in die Stille ihres Geistes. Ein Herzschlag lang, zwei, drei.

Und dann hörte sie ein Splittern.

Nicht in ihrem Schlafzimmer, nein, nicht mal in ihrer Wohnung – in ihrem Geist.

Sie musste nicht die Panik spüren, um zu wissen, was passiert war. Sie musste nicht Voldemorts Lachen hören oder Rons leeren Blick vor sich sehen, um sich sicher zu sein. Sie war zu weit gegangen. Das Eis unter ihr hatte nachgegeben.