Kapitel 26

Durch die sich aufdrängenden Bilder und die Panik hindurch tastete Hermine nach ihrem Zauberstab und sorgte für Licht. Atemlos huschten ihre Blicke durch das Schlafzimmer und sie konzentrierte sich darauf aufzuzählen, was sie sah: „Der Schrank. Drei Schubladen, zwei Türen. Runde Griffe, Eiche", murmelt sie, während ihr Herzschlag in ihren Ohren wummerte und sie immer noch Rons Lachen hörte, als käme es aus einem schlecht eingestellten Radio. „Die Kommode. Vier Schubladen." Sie stockte und kniff die Augen zusammen, als ihr das Bild von Ron mit dem Messer in der Hand so deutlich vor Augen stand, dass alles andere dahinter verblasste. Sie atmete mehrmals tief durch, dann blinzelte sie und war wieder in ihrem Schlafzimmer.

Sie stand auf und stolperte durch die dunkle Wohnung ins Bad, schaltete das Licht an und hielt ihre Hände unter das eiskalte Wasser, das aus dem Hahn ins Waschbecken schoss. Ihr war übel. Eine Gänsehaut zog sich über ihren Rücken, ihre Füße froren und als sie ihre Hände an den Hals legte, zuckte sie unter der Kälte zusammen, fühlte sich aber endlich wieder klarer im Kopf.

Erschöpft ließ sie sich auf den Badewannenrand sinken. Sie spürte die Erinnerung in ihrem Geist, sie wollte sie mit sich ziehen. Hermine wehrte sich aktiv dagegen. Es kostete sie Kraft, sie musste sich fokussieren. Als würde sie die ganze Zeit versuchen, einen Faden durch ein Nadelöhr zu fädeln – nur dass die Nadel kein Öhr hatte.

Nach ein paar Minuten hatte sich ihr Puls etwas beruhigt, dafür zitterte sie erbärmlich. Sie zog ihren Bademantel über und ging in die Küche. Das leise Ticken ihrer Uhr empfing sie, es war halb zwölf. Hermine seufzte.

Sie kochte sich einen Tee und ging hinüber ins Wohnzimmer. Mit einer Decke über den Füßen setzte sie sich aufs Sofa und schloss die Augen. Sie hatte es schon mal geschafft, in ihren eigenen Geist einzudringen, sie würde das wieder hinkriegen.

Aber es war schwerer, den Weg ohne Severus' Stimme zu finden. Sie versuchte sich daran zu erinnern, wo genau sie ihn gehört hatte, als er gestern in ihrem Geist gewesen war. Es war irgendwo hinter ihren Augen gewesen. Hermine konzentrierte sich darauf und auf das Gefühl des Kippens, das sie gestern empfunden hatte. Trotzdem dauerte es gut zehn Minuten, ehe es ihr gelang. Und dann kippte sie fast augenblicklich wieder zurück.

Sie schnaufte unzufrieden, wischte sich mit einer Hand über die Stirn und stellte fest, dass sie schwitzte. Erst da wurde ihr bewusst, wie heiß ihr war. Ihr Herz schlug viel zu schnell, es fühlte sich beklemmend an. Sie warf die Decke von sich und schlug ihren Bademantel auf. Die Kälte des nächtlichen Wohnzimmers floss über ihre erhitzten Haut.

Wieder schloss sie die Augen und konzentrierte sich auf den Punkt hinter ihren Augen. Je öfter es ihr gelang, in ihren eigenen Geist einzudringen, desto einfacher musste es doch auch werden. Und tatsächlich brauchte sie dieses Mal nicht so lange, bis sie den Weg fand. Sie schaffte es auch, sich länger gegen das Zurückkippen zu wehren. Es fühlte sich an, als würde sie gegen den Widerstand eines Gummibandes anlaufen. Sie brauchte das geistige Äquivalent zu einem stabilen Stand.

Beim dritten Mal, als sie in ihren Geist fand, fokussierte Hermine sich so schnell sie konnte auf das, was sie sah. Als erstes fiel ihr Blick auf die Erinnerung, gegen die sie die ganze Zeit kämpfte. Sie behielt sie im Auge und stemmte sich gegen den Widerstand, der sie zurückzuziehen versuchte. Die Sekunden schlichen vorüber und ganz langsam wurde es leichter.

Als sie sich sicher war, dass sie es dieses Mal schaffen würde, in ihrem Geist zu bleiben, wandte sie sich der Erinnerung zu. Entfesselt schwebte sie durch Hermines Geist, wie ein Wolf in einem viel zu kleinen Käfig. Sie beobachtete sie eine Weile, überlegte, wie sie sie einsperren konnte. Und das möglichst so gut, dass erst Hermines eigene Entscheidung sie wieder befreien würde.

Weil es mindestens genauso anstrengend war, sich in ihrem eigenen Geist festzuhalten, wie gegen die Erinnerung anzukämpfen, beschloss Hermine, auf das Bild zurückzugreifen, das sich schon bewährt hatte. Sie dachte an den Käfig, den sie in Severus' Geist erschaffen hatte, und sah, wie er in ihrem eigenen entstand. Ein perfektes Abbild.

So wie sie es bei Severus getan hatte, betrat Hermine den Käfig und machte die Erinnerung auf sich aufmerksam. Der hochenergetische Erinnerungsfaden hielt mitten in der Bewegung inne, dann wechselte er die Richtung und raste auf Hermine zu. Sie schloss die Tür, sobald er im Käfig war, und schlüpfte selbst durch die Gitterstäbe hindurch, entfernte sich ein Stück vom Käfig und sah sich dann um.

Nur um den Erinnerungsfaden direkt vor sich zu entdecken.

Hermine hörte sich leise aufschreien, dann kippte sie aus ihrem Geist und Rons hohles Lachen war wieder da. Das und der Schmerz, den er ihr damals zugefügt hatte. Sie stöhnte, presste sich die Handballen gegen die Schläfen und krümmte sich auf ihrer Couch nach vorn. Ihre Beine waren eingeschlafen, in ihren Ohren rauschte es, ein dicker Knoten lag in ihrem Magen. „193, 186, 179, 172", begann sie zwischen ihren zitternden Atemzügen zu murmeln, bis sie wieder die Kontrolle über die Erinnerung hatte.

Sie blinzelte und sank nach hinten. Der Käfig hatte versagt.

Warum hatte der Käfig versagt? Es war nur eine Erinnerung. Eine! Warum konnte der Käfig in Severus' Kopf so viele Erinnerungen bändigen und in ihrem nicht mal eine einzige?

Gedankenverloren kaute Hermine auf ihrem Daumennagel herum, während sie einen Fleck auf ihrem Couchtisch anstarrte, ohne ihn wirklich zu sehen. Erst als sie tatsächlich nicht mal mehr den Tisch sah, sondern Wald, rote und grüne Funken und das hell erleuchtete Schloss in der Ferne, riss sie sich blinzelnd aus ihren Gedanken.

Sie war so müde. Ein Blick zur Uhr verriet ihr, dass es inzwischen nach Mitternacht war.

„Auf ein Neues", murmelte sie sich selbst zu und schloss die Augen, um wieder in ihren Geist einzudringen. Es klappte noch immer nicht so problemlos, wie sie sich das wünschte, aber es ging. Und sie schaffte es auch, sich festzuhalten und nicht wieder rauszufallen.

Wieder beobachtete sie den Erinnerungsfaden. Er bewegte sich nur im Zentrum ihres Geistes. Sie musste ihn woanders hinbringen. Vielleicht konnte sie ihn dann hinter einer Mauer einsperren, so wie sie es bei Severus mit dem Erinnerungsstrang getan hatte.

Vorsichtig bewegte sie sich um die Erinnerung herum und suchte nach einem Teil ihres Geistes, in dem es möglichst ruhig war. Sie wollte so wenig andere Erinnerungs- und Gedankenfäden wie möglich mit einsperren. Als sie schließlich eine geeignete Stelle gefunden hatte, dachte sie an die feste Steinmauer und beobachtete, wie sie sich vor ihr erhob und vorerst mal Hermine vom Rest ihres Geistes trennte. Als nur noch ein schmaler Spalt offen war, machte sie erneut die Erinnerung auf sich aufmerksam und wartete angespannt, bis sie durch diesen schmalen Spalt zu ihr kam.

Aber die Erinnerung schlüpfte nicht durch den Spalt. Sie raste direkt durch die Mauer wie ein Güterzug. Gesteinsbrocken flogen auf Hermine zu und sie erschrak so heftig, dass sie aus ihrem eigenen Geist stolperte. Sie kam mit einem Schrei auf den Lippen zu sich.

Hermine sprang auf und lief durch das Wohnzimmer, während sie Flüche ausstieß, die sie bisher nur bei betrunkenen Männern in der Notaufnahme gehört hatte. Sie schüttelte ihre Arme aus und musste aufpassen, nicht gegen ihre Möbel zu laufen, weil Bilder der Erinnerung ihr immer wieder die Sicht nahmen.

„Ich krieg es nicht hin", murmelte sie schließlich und ein paar Tränen liefen ihr über das Gesicht. Sie wusste nicht, woran es lag, aber die Erinnerung war stärker als sie. Sie schaffte es nicht mehr, sie wegzusperren.

Schließlich sank sie schluchzend auf die Couch und vergrub das Gesicht in den Händen. Sie wusste wieder, warum sie sich damals dafür entschieden hatte, den Trank zu nehmen, den Severus ihr gegeben hatte. Dreizehn Jahre Ruhe hatten sie vergessen lassen, wie heftig es gewesen war. Wie ermüdend. Wie sinnlos.

Vielleicht konnte Severus ihr helfen. Vielleicht konnte er ihr sagen, was sie falsch machte. Warum sie diese Erinnerung nicht wegsperren konnte.

Sie sah erneut zur Uhr. Viertel vor eins. Irgendwie musste sie diese Nacht durchstehen. Severus hatte eine Woche geschafft, eine Nacht musste möglich sein. Sie konnte ihn doch nicht mitten in der Nacht aus dem Bett holen. Nur diese Nacht, dann konnte sie mit ihm zusammen überlegen, wie es weitergehen sollte. Wie es weitergehen konnte. Nur diese Nacht.


Es war halb drei, als Hermine kapitulierte.

Sie hatte angefangen zu lesen, um ihren Kopf zu beschäftigen. Je mehr sie sich ablenkte, desto leichter fiel es ihr, sich gegen die Erinnerung zu wehren. Aber inzwischen war sie schon mehrmals über ihrem Buch eingenickt und hatte sich in einer albtraumhaft verzerrten Version ihrer Erinnerung wiedergefunden, aus der sie wenige Minuten später in Panik wieder aufgeschreckt war. Jedes Mal fühlte sie sich beim Aufwachen, als würde sie sterben. Und jedes Mal dauerte es länger, bis sie sich aus der Angst befreien und im Hier und Jetzt orientieren konnte.

Es war ihr ein Rätsel, wie Severus es eine Woche lang geschafft hatte, sich gegen die eine Erinnerung zu wehren, die sie nicht mit in seinen Käfig hatte locken können. Gut, nachts hatte er Tränke genommen, um schlafen zu können. Aber tagsüber …

Hermine hatte keine Schlaftränke hier und die Apotheke in der Winkelgasse hatte nachts zu. Das St.-Mungos war selbst ausgestattet mit Tränken, aber sie konnte sich dort nicht holen, was sie brauchte, ohne dass sie irgendwem würde erklären müssen, was das Problem war. Bevor sie das tat, weckte sie noch lieber Severus.

Sie schnaubte leise, als ihr bewusst wurde, dass ihre Entscheidung vor zwei Monaten noch anders ausgefallen wäre.

Mit zitternden Beinen ging sie zum Kamin und warf eine Handvoll Flohpulver hinein. Die Flammen schossen in die Höhe und sie steckte ihren Kopf hinein, sagte: „Severus Snape."

Es dauerte einige Minuten, ehe er in ihrem Blickfeld auftauchte. Er trug zu ihrer Überraschung Hemd und Hose, war aber barfuß und das Hemd war falsch zugeknöpft. Anscheinend hatte er sich überstürzt angezogen. „Hermine!", sagte er überrascht. „Was ist los?"

Sie kämpfte gegen die Tränen, die ihr bei seinem Anblick in die Augen steigen wollten. „Es tut mir leid, dass ich dich um diese Zeit störe. Ich ähm … Hast du zufällig Traumlos-Schlaftrank da?"

Er hockte sich vor das Feuer, schüttelte den Kopf. „Nein. Die letzte Charge, die ich zubereitet habe, ist schon in der Apotheke."

Hermine nickte, blinzelte heftig. „Und den Trank der lebenden Toten?"

Severus runzelte die Stirn. „Was ist los, Hermine?"

Sie schüttelte den Kopf und wollte dieses Gespräch wirklich auf den nächsten Tag verschieben, aber der Ton seiner Stimme brachte den letzten Rest Selbstbeherrschung in ihr zum Einsturz. Sie schluchzte und schlug sich vor Schreck eine Hand vor den Mund.

„Willst du nicht erst mal herkommen?", fragte er ungewohnt sanft in ihr Weinen hinein.

Hermine nickte. Sie zog ihren Kopf aus dem Flohfeuer, kämpfte sich auf ihre Beine und trat in die immer noch grünen Flammen. Es fiel ihr schwer, ihre Stimme dazu zu zwingen, deutlich ihr Ziel auszusprechen, aber es gelang ihr. Als die Reise vorbei an den vielen dunklen Kaminen begann, schloss sie die Augen. Ihr wurde immer übel dabei. Der Stoß, der sie dann aus Severus' Kamin schubste, überraschte sie so sehr, dass sie hingefallen wäre, wenn er sie nicht aufgefangen hätte. Seine Hände an ihren Armen waren warm.

„Warum apparierst du nicht?", fragte er, als sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte.

„Das hätte ich nicht geschafft", entgegnete Hermine und sah zu ihm auf. Prompt quollen weitere Tränen aus ihren Augen.

Severus seufzte. „Setz dich!", sagte er, bevor er verschwand.

Sie tat, was er gesagt hatte, und als sie die Beine auf die Sitzfläche zog, fiel ihr auf, dass sie schon wieder im Schlafanzug zu ihm gekommen war. Und ihr Zauberstab lag in ihrer Wohnung auf dem Tisch. Für ihren erschöpften Kopf war das Grund genug, um noch ein bisschen mehr zu weinen, aber als sie seine Schritte hörte, wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht.

Severus reichte ihr eine Decke, die sie dankbar entgegennahm. Sie breitete sie über sich aus und zog sie bis unter ihr Kinn hoch. Und dann gab er ihr einen Teelöffel. „Festhalten", sagte er knapp. Es fiel ihr schwer, den Löffel still zu halten, was Severus stirnrunzelnd zur Kenntnis nahm. Aber schließlich gelang es ihr und er ließ fünf Tropfen eines klaren Trankes darauf fallen und gab ihr mit einem Nicken zu verstehen, dass sie ihn schlucken sollte.

Auch das tat Hermine. Er schmeckte grässlich, bitter und salzig und ein bisschen wie schales Bier. Aber sie spürte die Wirkung augenblicklich. Es wurde ruhig in ihrem Kopf. Sie konnte aufhören zu kämpfen. Die Erinnerung zog sich zurück. Hermine schloss seufzend die Augen und ließ den Kopf gegen die Sessellehne sinken. „Danke", sagte sie inbrünstig.

Sie sah Severus, der sich inzwischen auch gesetzt hatte, nicken. „Die Erinnerung ist also wieder frei", stellte er fest.

„Woher weißt du das?", fragte sie überrascht.

Er zog eine Augenbraue in die Stirn.

Hermine spürte, wie ihr Hitze in die Wangen stieg. Was für eine blöde Frage. Ausgeruht wäre ihr das nicht passiert. „Ähm … ja. Mein … Gefängnis hat nicht gehalten."

Er verzog den Mund.

„Ich habe versucht, sie wieder einzusperren, aber …"

„Es funktioniert nicht mehr", beendete er ihren Satz.

„Nein. Warum nicht?"

„Weil du an dir zweifelst."

Hermine runzelte die Stirn. „Was?", fragte sie und ihr Tonfall erinnerte sie vage an Crabbe und Goyle; ihre Eloquenz hatte sie irgendwann zwischen halb eins und halb zwei heute Morgen eingebüßt.

Auch Severus schien an ihrer Aufnahmefähigkeit zu zweifeln, denn er musterte sie mit schmalen Augen. „Es ist leichter, Dinge im Kopf eines anderen zu erschaffen. Man muss nur an ihre Wirkung glauben, solange man in dessen Geist ist. Danach sind sie autonom, sie bleiben so, wie sie erschaffen wurden. Ich könnte nichts an diesem Käfig verändern, selbst wenn ich es wollte. Im eigenen Geist hingegen …" Er schnalzte leise mit der Zunge. „Ich hatte gehofft, dass du nach deinen Erfahrungen in meinem Geist nicht mal auf die Idee kämst, dass es in deinem eigenen Geist anders sein könnte. Die Dinge, die du in deinem Geist erschaffst, stehen permanent im Kontakt mit dir und deinem Unterbewusstsein. Der leiseste Zweifel kann dazu führen, dass sie zusammenbrechen."

Hermine blinzelte. Seine Erklärung hatte sie tatsächlich so fasziniert, dass sie sich wieder wacher fühlte, auch wenn das Gähnen, das sie gerade zu unterdrücken versuchte, eine andere Sprache sprach. „Und deswegen funktionierte es gar nicht mehr, nachdem das erste Gefängnis zusammengebrochen war."

Severus nickte.

„Kannst du dann nicht meine Erinnerung wegsperren?"

„Nein." Er rümpfte leicht die Nase. „Wie ich dir im St.-Mungos schon sagte, mir fehlt die Vorstellungskraft dafür. Ich kann nur anschauen, was bereits da ist."

„Ach ja", murmelte sie. „Dafür kannst du geniale Tränke brauen. Was war das, was du mir gegeben hast?"

„Es hat keinen Namen", sagte er leise.

„Okay …"

Einen Moment lang kämpfte Severus mit sich, dann gab er sich einen Ruck und erklärte: „Es ist ein Trank, den ich in meiner Schulzeit entwickelt habe. Für mich. Um mich konzentrieren zu können, wenn es … mal besonders unruhig war in meinem Kopf. Ich hab nie jemandem davon erzählt und ich hab dem Trank nie einen Namen gegeben." Nach einer kleinen Pause fügte er hinzu: „Ich hatte ihn sogar lange vergessen."

„Wann hast du dich wieder daran erinnert?"

„Neulich, nachdem deine Erinnerung zurückkehrte."

„Das freut mich", sagte Hermine leise.

„Tatsächlich?"

„Klar. Ich bin froh, dass du einen Weg gefunden hast, dir auch tagsüber zu helfen. Na ja, und jetzt mir …"

Er wandte den Blick ab, nickte aber. „Man darf ihn nicht zu oft nehmen, sonst entwickelt man eine bleibende Resistenz dagegen."

„Wie lange halten die fünf Tropfen, die du mir gegeben hast?"

„Etwa eine Stunde."

Ihr Blick wanderte zur Uhr auf dem Kaminsims, aber sie wusste nicht, wie spät es gewesen war, als er ihr den Trank gegeben hatte.

„Wir haben noch Zeit", beantwortete er die Frage, die wohl in ihrem Gesicht gestanden hatte. „Jedenfalls genug um zu klären, wie es jetzt weitergehen soll."

Hermine biss sich auf die Unterlippe. „Welche Optionen hab ich denn schon noch?"

Severus schlug ein Bein über das andere. „Entweder setzt du dich jetzt mit deiner Erinnerung auseinander oder du nimmst wieder den Trank, den ich dir damals gegeben habe."

Sie rieb sich fest über die Stirn. „Wie soll ich diese Entscheidung bloß treffen?", sagte sie mehr zu sich selbst.

„Als wir gestern Nachmittag darüber sprachen, schien es mir, als hättest du das bereits getan."

Sie sah ihn unzufrieden an. „Ja, eigentlich hab ich das auch. Aber …"

Er zog die Augenbrauen in die Stirn.

„Ich will nicht von dir verlangen, mich jetzt dabei zu begleiten. Du musst dich erst mal um deine Erinnerungen kümmern." Sie seufzte. „Aber ich wüsste spontan auch niemanden, den ich sonst darum bitten könnte. Mal ganz davon abgesehen, dass ich mir keinen schlechteren Zeitpunkt vorstellen könnte, um mich damit zu beschäftigen …"

„Es wird niemals einen guten Zeitpunkt geben", entgegnete Severus mit dunkler Stimme. „Oder glaubst du, mir passt das gerade?"

Sie senkte den Blick.

„Und du musst es nicht von mir verlangen, ich biete es dir an."

„Nein", sagte sie kopfschüttelnd. „Das geht nicht. Das ist zu viel für dich."

„Hatten wir nicht gerade erst beschlossen, dass jeder für sich entscheidet, was zu viel ist?", entgegnete er spitz.

Hermine sah ihn an.

„Du selbst hast mich als erwachsenen, selbstständig denkenden Menschen bezeichnet."

Sie wollte ihm widersprechen. Noch schlechter als der Zeitpunkt war nur seine Idee, sich jetzt mit ihrem Trauma zu konfrontieren. Aber Severus hatte sich gerade diesen Moment ausgesucht, um seinen einschüchternden Lehrerblick wieder auszugraben. Sie wollte ihm widersprechen – aber sie traute sich nicht. Das einzige, was sie zu sagen wagte, war: „Ich bin nicht glücklich damit."

„Und mich macht es nicht glücklich, dich so zu sehen." Seine Stimme war dunkel und weich wie schwarzer Samt. Hermine stockte für einen Moment der Atem.

„Okay", presste sie schließlich hervor, „Dann stelle ich mich der Erinnerung." Ein Schaudern durchlief sie. Sie zog die Decke enger um ihren Körper.

„Ich gebe dir den Trank der lebenden Toten mit. Du musst erst mal schlafen. Aber nimm nur die halbe Dosis. Es ist spät und wie du weißt, wirkt er noch nach."

„Ich erinnere mich", sagte Hermine. Da sie morgen Abend noch zur Arbeit musste, stand ihr nur ein begrenztes Zeitfenster zur Verfügung.

„Möchtest du dir die Erinnerung hier ansehen oder soll ich zu dir kommen?"

Hermine ließ ihren Blick über den Kamin schweifen, dann stellte sie sich Severus in ihrer kleinen Wohnung vor. Das Bild vor ihrem inneren Auge war so komisch, dass sie es schon allein deswegen gern darauf hätte ankommen lassen; aber etwas in ihr wehrte sich gegen den Gedanken. „Hier ist prima", entgegnete sie.

„Gut. Dann komm her, wenn du dich ausgeschlafen hast. Ich bin den ganzen Tag hier."

„Darf ich auch etwas von deinem Trank haben?"

Severus kniff die Augen zusammen. „Wofür?"

„Ich konnte mich kaum noch gegen die Erinnerung wehren vorhin. Was, wenn ich es morgen nicht schaffe, bis ich hier bin?"

„Es fiel dir vorhin schwer, weil du wie oft in deinen eigenen Verstand gegangen bist?"

„Dreimal. Nein, viermal."

„Viermal", wiederholte er und klang dabei etwas beeindruckt. „Es ist anstrengend, in den eigenen Geist zu gehen und sich dort aufzuhalten. Insbesondere wenn man nebenbei eine Erinnerung kontrollieren muss. Die Erholung des Schlafes zusammen mit dem Nachwirken des Trankes werden es dir leichter machen. Die Zeit zwischen Aufstehen und Herkommen wirst du schaffen."

Hermine war nicht annähernd so überzeugt, wie Severus klang, aber sie nickte. Jetzt, da es um ihre Erinnerung ging, war es nur fair, ihn die Entscheidungen treffen zu lassen.


Es war das erste Mal, dass Hermine den Trank der lebenden Toten nahm. Sie hatte ihn schon einige Male verordnet, sie hatte die Wirkung bei ihren Patienten beobachtet, aber sie hatte sie nie am eigenen Leib erfahren.

Es war, als hätte man sie ausgeschaltet. Sie schluckte den Trank und von dem Moment an war alles weg. Da war keine Sekunde mehr gewesen, um noch irgendetwas zu denken, zu tun oder zu fühlen.

Das Aufwachen passierte langsamer. Hermine war nicht einen Moment lang verwirrt; sie wusste vom ersten trägen Gedanken an, was am Tag zuvor passiert war und dass sie diesen Trank genommen hatte. Und genauso wie bei Severus wirkte der Trank auch bei ihr nach und beruhigte die Erinnerung auch über das Aufwachen hinaus.

Aber natürlich hatte auch der Trank der lebenden Toten seine Schattenseiten. Sie hatte sich die ganze Zeit nicht einen einzigen Zentimeter bewegt. Ihr tat der Rücken weh und der Nacken. Und sie hatte auf einer Falte in ihrem Schlafanzug gelegen und jetzt eine schmerzhafte Druckstelle an der Hüfte.

Stöhnend setzte Hermine sich im Bett auf und wischte sich mit den Händen über das Gesicht. In ihrem Kopf herrschte gähnende Leere. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Es war kurz vor neun. Die halbe Dosis des Trankes hatte sie fünf Stunden schlafen lassen. Ausgeschlafen fühlte sie sich nicht, aber es musste reichen.

Sie schlug ihre Bettdecke zurück und schlurfte ins Bad. Wenn es etwas gab, das sie munter machte, dann war es eine Dusche.


Sie war gerade mit zwei Scheiben Toast und frischem Rührei ins Wohnzimmer gekommen, als der Kamin sich meldete. Das Flohfeuer entzündete sich so plötzlich, dass Hermine sich heftig erschrak und beinahe ihren Kaffee umgekippt hätte. Ginnys Gesicht erschien in den Flammen.

„Entschuldigung!", sagte sie, als sie Hermine auf der Couch sitzen sah, eine Hand auf ihre Brust gepresst.

„Schon gut", entgegnete diese und ging zum Kamin hinüber. Im Schneidersitz ließ sie sich auf den Boden sinken. „Guten Morgen."

„Oh, ja, guten Morgen! Ich wollte dich mal auf den aktuellen Stand bringen." Ginnys Augenbrauen hüpften vor Begeisterung.

„Okay …"

„Also, Maggie ist Feuer und Flamme für euren Plan und sagte mir, sie würde sogar ihren Freund verkaufen, wenn das nötig wäre, um mit euch zusammenarbeiten zu können."

Hermine runzelte die Stirn. „Ich denke nicht, dass das nötig sein wird."

Ginny verdrehte die Augen. „Sie meint damit, es macht ihr nichts aus, ihren Job zu riskieren."

„Oh, gut! Das ist gut."

„Ja. Ich wusste, sie würde es lieben."

Hermine lächelte. „Danke, dass du sie gefragt hast! Wenn Patrick und ich soweit sind, sag ich dir Bescheid, dann können wir ein Treffen vereinbaren."

„Prima."

„Eine Weile wird es aber wohl noch dauern", schob Hermine schnell hinterher. „Wir wollen so gut wie möglich vorbereitet sein, bevor das Ministerium von unseren Plänen erfährt."

„Ich werd es ihr ausrichten. Geduld ist nicht gerade ihre Stärke, aber da muss sie jetzt durch."

Hermine zuckte entschuldigend mit den Schultern.

„Außerdem bin ich mit deiner Partyplanung fertig. Wir feiern am nächsten Samstag bei meinen Eltern im Garten. Der ist riesig, das Wetter soll toll werden und so bleiben nur die Kosten für Essen und Trinken. Einladungen hab ich schon verschickt, warte …" Ginnys Kopf verschwand kurz aus dem Feuer, dann reichte sie Hermine zwei Pergamente durch den Kamin. „Das eine ist die Einladung, das andere eine Liste aller, die eine bekommen haben. Fehlt dir noch jemand?"

Hermine nahm die Pergamente entgegen. „Ähm …", sagte sie und überflog erst die Einladung, dann die Liste. Sie hatte die Party schon längst wieder vergessen. „Nein, mir fällt niemand mehr ein." Außer Severus, der allein deswegen schon auf dieser Feier sein sollte, weil er der Grund dafür gewesen war, dass sie eine medizinische Ausbildung begonnen hatte. Aber das würde nicht passieren, niemals. Und sie konnte es sogar verstehen, es gab mehr als einen guten Grund, der dagegen sprach. Als ihr Blick auf Rons Namen fiel, stockte ihr kurz der Atem. Natürlich würde er kommen, warum sollte er auch nicht? Sie schloss für einen Moment die Augen, als ihr schwindelig wurde. „Danke, Ginny", murmelte sie.

„Ist alles okay?", hörte sie Ginny wie aus weiter Ferne.

Hermine nickte. „Ja, alles bestens. Ich hoffe, der Termin passt mit meinen Schichten."

„Tut er, ich hab das abgeklärt. An dem Tag hast du frei und am Tag danach musst du erst zur Spätschicht, du kannst also ausschlafen." Die Begeisterung war auf Ginnys Gesicht zurückgekehrt.

„Oh, gut", sagte Hermine hohl. Das hieß, sie musste Severus für den Abend absagen.

Ginnys Seufzen riss sie aus ihren Überlegungen. „Ich weiß, du bist kein Fan von Partys …"

„Das kann man so nicht sagen", unterbrach Hermine sie.

„Du hast deinen Geburtstag vier Jahre in Folge nicht gefeiert und die Feier im Jahr davor war eine Überraschungsparty, damit nach den drei Party-freien Jahren davor endlich mal wieder eine Feier stattfindet. Davon abgesehen hattest du für gut die Hälfte aller anderen Partys in den letzten sechs Jahren eine Ausrede, warum du nicht kommen konntest. Ich finde also schon, dass man das so sagen kann."

Hermine spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. „Das war mir nicht bewusst", murmelte sie verlegen.

„Ich weiß", sagte Ginny nachsichtig. „Du hast einen anstrengenden Beruf, ich verstehe das. Aber manchmal … solltest du die Patienten im Krankenhaus lassen und einen Blick werfen auf die schönen Momente des Lebens. Alle, denen du wichtig bist, werden kommen. Das wird toll!"

Hermine quälte sich ein Lächeln ab, von dem sie hoffte, dass es Ginny überzeugen würde. „Ja, du hast recht. Danke für die Mühe, die du dir gegeben hast! Ich freu mich!"

Zum Glück hatte sie noch eine Woche Zeit um herauszufinden, wie sie Ron begegnen konnte, ohne Panik zu bekommen.


„Ich kann am nächsten Samstag nicht herkommen", erklärte Hermine eine halbe Stunde später, die Arme um ein Kissen geschlungen. Severus hatte eines seiner Bücher vorübergehend dafür geopfert, weil er offensichtlich außer seines Kopfkissens keine Kissen besaß. Hermine hatte ihn davon abhalten wollen, ausgerechnet ein Buch zu nehmen, aber er hatte sie mit einem Blick zum Schweigen gebracht.

„Ich wusste nicht mal, dass du vorhattest, nächsten Samstag zu kommen", entgegnete Severus.

„Das ist mein nächster freier Tag. Freitagabend hab ich Zeit und ich kann den Samstag so bis um fünf hier sein, falls du Hilfe bei den Tränken brauchst."

„Wir können auch einfach eine Woche pausieren", wandte er mit hochgezogenen Augenbrauen ein.

Hermine schluckte. „Klar", murmelte sie und senkte den Blick.

„Vorausgesetzt du kommst bis dahin mit deiner Erinnerung zurecht."

Hermine kaute auf ihrer Unterlippe. „Am Samstagabend findet eine Feier statt, zu der auch Ron kommen wird."

Severus holte tief Luft. „Du solltest sie ausfallen lassen."

Sie lachte trocken. „Die Feier findet meinetwegen statt. Davor kann ich mich nicht drücken."

Sein Augenlid zuckte. „Darum kümmern wir uns am Freitag", entschied er schließlich. „Bist du bereit, dir die Erinnerung anzuschauen?"

Ihr Herz machte einen Satz. Hermine rutschte unruhig auf ihrem Sessel herum. „Nein. Du?"

„So gut es geht."

Sie schluckte und zog das Kissen noch enger an ihren Körper. Die Erinnerung wurde langsam wieder spürbar in ihrem Geist. Vielleicht war es weniger heftig, wenn sie es jetzt tat. Sie suchte Severus' Blick und glaubte, auch in seinen Augen Anspannung erkennen zu können. Dann hörte sie auf, sich zu wehren und ließ sich in ihre Erinnerung sinken.