27. Ich bin einverstanden

Bohne fror ein bisschen, als sie am nächsten Morgen erwachte. Die Sonne warf ihre ersten Strahlen und tauchte den See in ein funkelndes Meer. Das Mädchen blinzelte müde und schlang die Decke enger um sich herum, als ihr die Erinnerungen von gestern wieder in den Sinn kamen.

Still beobachtete sie den friedlichen See, der nie existieren würde, wenn Rango nie das Wasser zurückgebracht hätte. Wieder wurden ihre Augen feucht. Sie würde ihn nie wieder in die Arme schließen können.

Plötzlich ertönten blubbernde Geräusche. Sie schrak zusammen, als Luftblasen die Wasseroberfläche durchbrachen, dicht gefolgt von einem Kopf, ein paar Sekunden von einem weiterem. Beide trugen eine Tauchermaske mit Schnorchel.

„Denkst du, die Gefahr ist vorbei?", fragte der Erste seinen Nachbarn kurz nachdem er den Schnorchel vom Mund entfernt hatte.

Der zweite Taucher öffnete seine Tauchermaske und schnupperte in die Luft. „Bin mir nicht sicher. Vielleicht sollten wir unseren Tauchgang solange fortsetzen."

„Entschuldigung?"

Beide wirbelten im Wasser herum, als sie die fremde Stimme hinter sich hörten.

„Oh, Sie sind's", sagte einer erleichtert, als er Bohne erkannte, die nicht weit entfernt von ihnen am Strand stand.

„Was macht ihr hier?", fragte die Echse weiter.

Die zwei improvisierten Schwimmer sahen einander an. Dann zuckte einer die Achseln.

„Äh, wir haben beschlossen solange uns im Wasser aufzuhalten bis die Gefahr vorüber ist."

„Gefahr?", fragte Bohne überrascht.

Der kleinere Taucher legte die Hand auf den Mund und flüsterte: „Wegen der Klapperschlange, die in die Stadt gekommen ist. Es ist kein gutes Zeichen, dass er hier ist. Aus diesem Grund warten wir bis er die Stadt wieder verlassen hat."

Bohne seufzte. „Ich befürchte, dass wird noch eine ganze Weile dauern."

Für einen Moment herrschte Stille. Die zwei Wassermänner nickten einander zu. „Ich denke, wir sollten eine Reise ans Meer machen. Ich hörte, da sollte es eine Menge interessanter Dinge zu entdecken geben."

„Wäre vielleicht keine so schlechte Idee", stimmte sein Freund ihm zu. „Mal sehen, ob wir einen Weg durch die Wasserwelt dahin finden können."

Er setzte die Maske wieder auf und winkte Bohne zu. „Entschuldigen Sie uns…"

Beide wollten wieder abtauchen, als plötzlich…

„Wartet!", rief Bohne. „Bleibt bitte hier!"


„AUTSCH!", brüllte Bill und seine Faust landete in Docs Gesicht. „Verdammt! Kannst du nicht aufpassen?!"

Doc war gerade damit beschäftigt Bills Wunden zu behandeln, die sich ein bisschen entzündet hatten.

Stöhnend rieb sich der Arzt die Nase. „Tschuldigung Bill."

Die Echse knurrte. „Warum hast du hier keine Krankenschwester im Haus? Du bist so grob wie ein Pferdearzt."

Beleidigt zog Doc die Nase hoch. „Um zu vermeiden, dass jemand wie du ihr auf den Hintern klopfst."

Bill grinste. „Was soll daran verkehrt sein? Ich dachte, es wäre ein Kompliment für eine Frau einen gutaussehenden Hintern zu haben."

Doc ignorierte das flegelhafte Verhalten und wandte seine Aufmerksamkeit wieder den geöffneten Wunden zu.

Rango saß gegenüber in seinem Bett und beobachtete sie mit emotionslosen Augen. Von Zeit zu Zeit warf er einen Blick zum Fenster, wo die heiße Sonne den trockenen Tag erhellte.

„Vielleicht könnte ich Fresca dazu überreden, diesen Job in Erwägung zu ziehen", fuhr Bill fort, aber mehr um sich von Docs Behandlung abzulenken.

„Natürlich", meinte Doc sarkastisch. „Und Kaktussaft als Medizin für die Patienten."

„Warum nicht? Vielleich würde das mehr Kunden in dein KrankenAHHHH!"

Mit verstecktem Grinsen zog Doc die Nähte zusammen, um die Wunde zu verschließen.


Jake kicherte spöttisch, nachdem Bills Schreie aus Docs Haus zu ihm durchgedrungen waren.

„Idiot", murmelte er und beobachtete wachsam die Straße. Keine Person war zu sehen. Nicht einmal ein Käfer. Nur Staub, Wind und Leere.

Seine Augen wanderten zur Turmuhr hoch. Es war 9.15 Uhr.

„Fast einen Tag", dachte Jake. „Einen Tag und immer noch kein Zeichen von Roscoes Gang. Was planst du gerade? Was?"

„Jake?"

Er fuhr herum und seine Gatling Gun stoppte genau vor Bohnes Nase.

„Was?!", fragte er laut.

„Ich-ich wollte nur…" Nach diesem ersten Schrecken, schüttelte Bohne hastig den Kopf. „Ich glaube, ich habe eine Idee wie wir das Gold unter der Stadt finden könnten."

Darauf entspannten sich Jakes Gesichtsmuskeln überrascht und senkte seine Waffe. „Wovon redest du?"

Bohne knetete ihre Hände. „Nun, um an das Gold heranzukommen, müssten wir doch durch die Tunnel gehen, oder?"

„Unglücklicherweise ja."

„Nun, wie ich schon sagte, ich denke, ich wüsste wie."

„Und würdest du mir auch verraten, wie? Wir sind immer noch keine Fische."

„Ich weiß, weshalb ich auch eine Idee habe."

Jake hob die Augenbrauen. „Was für eine Idee?"

Bohne zögerte. „Äh… nun… Ich habe eine Idee, aber… ich… ich will… ich wollte dich fragen…"

So langsam wurde Jake ungeduldig. „Komm bitte auf den Punkt! Du weißt, wie sehr ich Gemurmel hasse."

Bohne nahm einen tiefen Atemzug. „Na schön, ich werde dir meine Idee mitteilen, wenn du mir dafür etwas gibst."

Jake schnappte nach Luft. „Was sagst du da?", fragte er düster. „Du wagst es mir zu sagen, was ich zu tun habe? Willst du mich veralbern?"

„Das habe ich nicht gesagt", sagte Bohne schnell. „Ich möchte dir nur einen Tausch vorschlagen."

„Einen Tausch?" Jakes Stimme wandelte sich ins Bedrohliche. „Was für einen Tausch?"

„Meine Idee um an das Gold zu kommen gegen ihn."

Ungläubig hob Jake den Kopf. „Gegen ihn?!"

Bohne stieß einen Schrei aus, als Jake seinen langen Körper um sie herumwickelte und damit begann sie zu quetschen.

„Du kleines falsches Biest!", brüllte er. „Dachtest du wirklich, ich würde so leicht einlenken? Was glaubst du wohl wer du bist?"

„Jake", flehte sie. „Bevor du etwas tust, was dir später leidtut, so lass mich vorher ein Wort reden. Ich bin bereit mit dir zu verhandeln."

„Du willst mit mir verhandeln?"

„Ja, sag mir was du willst und ich entscheide mich, ob ich dir meine Idee sage oder nicht. Vielleicht finden wir eine Lösung."

Jake lockerte etwas seinen Griff. „Na gut. Ich werde dir zuerst nur zuhören. Was willst du?"

Bohne schluckte schwer. „Du hast nicht vor mich ihm zurückzugeben, oder?", fragte sie heiser.

Jake verengte die Augen und verstärkte seinen Griff um sie. „Nein. Du hast mir dein Wort gegeben, dafür dass ich ihn nichts tue, wenn ich ihn in die Stadt bringe. Ich habe mein Wort gehalten und du bist verpflichtet dasselbe zu tun."

„Na gut. Aber die Abmachung, dass er dir dafür die Stadt gibt, hattest du mit ihm gemacht, nicht wahr?"

„Ja, das habe ich."

„In diesem Fall gib ihm wenigstens die Stadt zurück, und du bekommst mich für dich allein."

Jake lachte. „Machst du Witze? Ich habe dich doch schon bereits."

„Ja, ja, das hast du. Aber bitte, lass ihn in Ruhe. Überlass ihn wieder die Stadt und lass sie in Frieden. Dafür kannst du mich mitnehmen wohin du willst."

Für einen Moment hielt Jake den Atem an. „Ist dir eigentlich klar, was du da sagst? Du verlangst allen Ernstes von mir, dass ich ihm die Stadt zurückgebe, dann dafür dich ohne Einwände bekomme?"

„Wenn du diesen Ort nicht ohne ein Ultimatum verlassen willst, dann ja."

Das brache Jake zum Schmunzeln und sah sie mit voller Bewunderung an. „Mmm, ganz schön mutig für eine kleine Echse wie dich. Aber was soll dir das bringen? Wenn ich zustimmen würde, dann würdest du deinen Ex-Lover nie mehr wiedersehen. Jetzt hingegen hast du immer noch Gelegenheit ab und zu einen Blick auf ihn zu werfen."

„Das ist es ja", sagte Bohne. „Ich kann es nicht mitansehen wie er sich für den Rest seines Lebens dafür quält."

Jake lächelte spöttisch. „Wie rührend."

Wieder musste Bohne schlucken. „Jake. Du hattest deine Abmachung mit Rango. Du hast ihn gerettet und er hat dir dafür die Stadt gegeben. Auch wir hatten bereits einen Deal, dass du weder ihn noch sonst jemanden was antust, solange ich nicht mehr mit ihm zusammen bin. Hier hab ich nun einen neuen Vorschlag. Meine Idee für seine Freiheit."

Nachdenklich sah Jake sie an, während Bohne fortfuhr: „Nur lass ihn bitte in Frieden, lass ihn wieder seine Stadt. Das ist meine Bitte."

Jake dachte eine Weile nach. Der Gedanke das Chamäleon einfach so davonkommen zu lassen, behagte ihn zwar nicht, aber zumindest würde er dafür seine Freundin nicht mehr zu Gesicht bekommen. Und wenn sie das Gold nicht rausbekamen, so wäre die Gefahr hoch, dass Roscoe die Stadt überfallen würde. Wenn sich das Gold dann irgendwo anders befindet, könnten sie in Sicherheit sein.

„Mmmm", murmelte Jake. „Könntest du dir wirklich vorstellen, so weit weg von hier zu leben ohne sein Angesicht je wiederzusehen?"

„Wenn du ihn die Stadt dafür zurückgibst, ja."

„So, wenn das alles vorbei ist…" Er lehnte sich weiter vor und ließ sein Kinn auf ihren Schultern ruhen. „Ich wüsste da einen netten Ort, wo wir zusammenleben könnten, für eine seeeeehr lange Zeit. Nur du und ich. Wie denkst du darüber?"

„Ich würde zustimmen", antwortete sie mit fester Stimme.

Ein teuflisches Lächeln glitt über Jakes Mundwinkel. „Wenn du einverstanden bist, dann bin ich auch einverstanden. Ist das jetzt ein Deal oder nicht? Überleg dir genau was du antwortest!"

Er sah ihr Ernst in die Augen.

Ein paar Sekunden verstrichen, bis Bohne ihre Lippen bewegte. „Ich bin einverstanden."

Jake hob die Augenbrauen. „Du hast deinen Deal gemacht."

Er lächelte und sah sie neugierig an. „Also, wie lautet deine kleine Idee?"