Tanz der Todesser
Großes Anwesen umgeben von einem gepflegten Park und mächtigen Schutzzaubern. Überall ist Magie. in jedem Stein, in jedem Grashalm, in jedem Atemzug. Das hier wurde nicht von Muggeln und nicht für Muggel gebaut. Wer auch immer das hier errichtet hatte, war ein Magier. Ein wahrer Künstler. Ein Meister. Das Funkeln in der Luft wurde wieder dichter und die schillernde Wolke, die mich hierher in den Park geführt hatte, bewegte sich weiter. Die Führung war noch nicht vorbei. Familiensitz der Potters. Die Wiege meiner Familie. Wie viele Generationen lebten wohl hier? Ich war mir sicher, dass ich mir diese Frage nur ernsthaft genug zu stellen brauchte, um auch eine Antwort zu erhalten. Ich hatte das Gefühl, dass in den Grenzen dieses Anwesens nichts Unmögliches für mich gab. Zum Beispiel wusste ich, wo Sirius, Alice, Neville und Charly gerade waren. Bei dem Gedanken daran musste ich lächeln. Chalry hatte einen Hauselfen gefunden, der sie noch nicht gut genug kannte, um rechtzeitig zu verschwinden. Für meine kleine Schwester waren die Elfen wohl sehr faszinierend. Was sich darin zeigte, dass sie die armen Kerle nicht aus ihren kleinen Händen ließ. Sie wurden geknuddelt, gedrückt, geküsst und von oben bis unten gesabbert. Wendel war noch unerfahren, was Charly anging und hatte sich nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Also wurde er im Augenblick von und ganz von der jungen Miss Black in Anspruch genommen. Sirius und Alice saßen in der Küche und tranken Kaffee. Neville erforschte den öffentlichen Teil der Familienbibliothek.
Ich blieb stehen und atmete ein und aus. Ich war zu Hause. Ich war in Sicherheit und meiner Familie ging es gut. Gestern Abend steckte mir noch sehr tief in den Knochen, so dass ich die Ruhe und die Sicherheit wahrlich schätzte. Die schimmernde Wolke machte mir klar, dass es weiter gehen musste. Noch hatte man mir nicht alles gezeigt. Es ging nach unten in Richtung der Keller und ich hatte do so ein Verdacht, wohin man mich führte. Fast augenblicklich fang ich mich gedanklich in einem anderen Keller wieder und die Erinnerungen brachen wie eine Flut über mich heran.
Leise Musik, fein gekleidete Gäste. Höffliche Gespräche. Heuchelei in ihrer höchsten Form. Die meisten Geäste hielten sich nur mit Mühe davon ab, einander hier und jetzt in Grund und Boden zu hexen. Die wenigen Ahnungslosen jedoch schienen sich gut zu amüsieren. Der Ball. Als Zeichen der Dankbarkeit dafür, eine zweite Chance erhalten zu haben.
„Der Tod hatte mir eine zweite Chance gegeben", hörte ich immer wieder die Worte des Hohen Lords. „Durch ihn habe ich erkannt, dass ich auf dem falschen Weg war. Er hat mir bewiesen, dass auch ein Ende ein Anfang sein kann."
Da war nichts hinter den Worten. Ich fühlte dieses Nichts, auch wenn die Verbindung zwischen Voldemort und mir eigentlich verschwunden war. Eigentlich. Etwas war geblieben. Nicht so intensiv wie früher. Kein breiter Weg zwischen uns, eher ein winziges Loch in der Mauer, die uns glücklicherweise trennte.
„Junger Lord Potter!", rief ein Mann und schüttelte mir die Hand. „Ich bin erfreut Sie hier zusehen! Es ist großartig, dass ausgerechnet Sie die Sache des Hohen Lord unterstützen!" Ein Zeichen an seiner Robe ließ innerlich aufseufzen. Ein Reporter! „Wollen Sie etwas für unsere teuren Leser sagen?"
„Vielleicht später", antwortete Sirius für mich und zog mich zur Seite. „Entschuldigen Sie uns." Der Reporter schrieb bereit etwas in sein Notizbuch. Er wird auf jeden Fall etwas zu sagen haben.
„Geht es dir gut?", fragte mein Vater leise. Ich nickte. Nein, es ging mir nicht gut, aber ich werde wie vereinbart lange genug bleiben, um ohne viel Aufsehen zu erregen gehen zu dürfen.
„Wie gut, dass wir auf Großmutter gehört und den persönlichen Schutz erhöht haben", meinte Sirius und tauschte einen leicht angerosteten Ring an seinem Finger gegen einen neuen. Ich blickte auf meine eigene Hand. Der Ring glänzte noch, aber es war ihm anzusehen, dass er bereits ein Paar Zauber abgefangen hatte. Oh, niemand war dumm genug, um mit dem Zauberstab herumzufuchteln und Flüche durch die Gegend zu werfen, aber es gab genug andere Möglichkeiten jemandem zu schaden.
Eine leichte Berührung, ein gemurmeltes Wort, ein winziges Reiskorn, der im Vorbeigehen in die Tasche gesteckt wurde. Keine großen Sachen. Keine Todesflüche. Meistens nicht. Sirius musste etwas wahrhaft Gefährliches abbekommen haben, um den Schutz des Familienartefakts aufzubrauchen. Gut, dass wir auf Großmutter gehört haben und uns doppelt und… vierfach abgesichert haben.
„Hast du Draco und die anderen Kinder gesehen?", fragte ich. „Ich war kurz…. Ich musste für keine Zauberer und als ich zurückkam waren alle verschwunden." Sirius lächelte. Er amüsierte sich, wenn ich meinem kindlichen Ich nachgab und mich wie ein zwölfjähriger benahm.
„Im Garten, glaube ich", er nickte in Richtung der offenen Türfenster. Plötzlich verfinsterte sich sein Gesicht. Ich folgte seinem Blick und sah Wurmschwanz. Persönliches Gefolge der Hohen Lords. Er hatte sich wohl am meisten verändert. Nichts an ihm erinnerte an eine schäbige Kanalrate, die er im Grunde war. Gepflegt. Gekleidet nach der neusten Mode und genau so bleich wie sein Meister. Unterwürfig, sobald der Blick des Lords auf ihn fiel. Arrogant und überheblich, sobald er sich den anderen widmete. Er konnte stolz auf sich sein. Er war einer der Wenigen, die ihren Meister auch in schweren Zeiten nicht verlassen haben. Er blieb treu, auch als die Zeiten schwer waren und alle Welt in Voldemort nur einen gefallenen Tyranen sah und nicht die neue Hoffnung der Zauberwelt.
„Weißt du, es ist nicht verwunderlich, dass alle geglaubt haben ich habe diese Rate umgebracht", flüsterte Sirius. „Ich würde es liebend gern hier und jetzt tun." Ich sah, wie viel Anstrengung es ihm kostete nicht nach seinem Zauberstab zu greifen.
„Hilf mir bitte Draco zu suchen", bat ich ihn, damit er sich von dem Anblick des ehemals besten Freundes losreißen konnte. „Sag ihm, dass wir uns in der Küche treffen." Sirius hob fragend die Augenbrauen. Ich grinste.
„Weißt du die Hauselfen sind sehr viel netter, wenn man sie nicht wie leere Luft behandelt", vertraute ich ihm an. Er grinste zurück.
„Vielleicht leiste ich euch beiden Gesellschaft", entschied er sich und wir trennten uns. Ich hatte mir fest vorgenommen, den Rest des Abends in der Küche zu verbringen. Dort war es warm, gemütlich und vor allem totesserfrei. Die Elfen waren erst ziemlich verschreckt, als ich in der Küche auftauchte aber nach ein paar Minuten gewöhnten sie sich an mich und ich erhielt all die kleinen Leckereien direkt aus dem Offen. Warm, knusprig und garantiert frei von irgendwelchen Fluchen, Tränken oder anderen unangenehmen Überraschungen. Nach einer Weile meinem selbst gewähltem Exil plagte mich schlechtes Gewissen. Draco und Sirius waren dort oben in dem Haifischbecken, denn man versehentlich als Ballsaal bezeichnete. Also schlich ich mich nach oben, um nach den beiden zu suchen. Und es war mir fast gelungen wieder unbemerkt nach unten zu verschwinden.
„Mister Potter! Was für eine angenehme Überraschung", hörte ich die kalte, flüsternd-zischende Stimme neben mir. „Sie wollen doch nicht schon wieder verschwinden? Ich habe so sehr gehofft, ein paar Augenblicke ungestört mit ihnen reden zu dürfen." Voldemort. Er stand vor mir die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Ein nachsichtiges Lächeln auf den Lippen. Er sah fast wieder gesund aus. Ein wenig blas vielleicht. Aber nur ein wenig. Vermutlich hatte er sich vollständig wieder zusammengesetzt. Vielleicht fehlte ihm noch ein Teil. Das Metallion haben wir immer noch nicht gefunden. Vielleicht versteckte das Haus es immer noch. Vielleicht aber konnte Voldemort es irgendwie zu sich rufen. Wir wussten einfach zu wenig über die Horkruxe, um wirklich sicher sein zu können.
„Begleiten Sie mich, Mister Potter!" Es war keine Einladung. Ein Befehl. Ich schüttelte automatisch den Kopf. Der Mann lächelte. „Nur nicht so schüchtern. Ich werde Ihnen nichts tun. Schließlich sind Sie in gewisser Weise die Zukunft der Zauberwelt. Sie und ihre Freunde werde die Welt leben, die ich für euch erschaffe." Direkt vor mir öffnete sich eine Tür. Voldemort machte eine einladende Geste. Ich war starr vor Angst. Es war einfacher diesem Monster im Wald zu begegnen. Damals hatte ich keine Angst zu sterben. Ich ging in den Wald, begleitet von meiner Familie und meinen Freunden, um all die zu schützen, die sonst keine Chance hätten. Hier und jetzt war ich allein unter Raubfischen, die nur darauf warteten, dass ich ein Zeichen der Schwäche zeigte, um mich zu fressen. Sollte ich heute sterben, wird es keine Heldentat sein.
„Sir, ich bin mir nicht sicher, ob es meinem Vater Recht wäre", murmelte ich. Die Angst und die Verlegenheit brauchte ich gar nicht zu spielen. Ich war verunsichert und verängstigt. Ich war ein zwölfjähriger Junge. Mein erwachsenes Ich trat zurück und überließ dem Kind das Feld.
„Ihr Vater, mein junger Freund ich seit Jahren tot. Ich bin mir sicher, ihm ist es gleichgültig, was Sie tun!" Mit sanfter Gewalt wurde ich von zwei Totessern durch die Tür geschoben. Voldemort trat glich hinterher, also hatte ich gar keine andere Wahl als einen Schritt weiter zu gehen.
„Gehen Sie hach unten, Mister Potter", bat mich die Stimme hinter mir. „Seien Sie vorsichtig dabei, die Stufen hier können sehr tückisch sein!" Ich sammelte mich und begann den Abstieg. Es war fast dunkel. Die Fackeln an den Wänden waren so platziert, dass man die meiste Zeit in fast vollkommener Dunkelheit war.
„Reizend, nicht wahr?!", fragte der Lord höfflich. „Fühlen Sie die Magie in diesen Steinen, Mister Potter? Fühlen sie all das Blut, das die Zauber hier getränkt hatte?"
Nein, ich fühlte nichts außer der Kälte. Mir jedem Schritt schien es immer kühler zu werden. Ich schaute auf dem Ring an meinem Finger. Fast schwarz. Dieser Ring war nicht mehr zu retten.
„Es ist kalt", antwortete ich und steckte die Hände zitternd in die Taschen meiner Hose. Dorthin, wo ein weiter Ring war. Der Tausch war schnell und unauffällig. Die Hände blieben jedoch in den Taschen. Es war wärmer so.
„Kalt? Finden Sie?" Ich finde es erfrischend." Was für eine Situation! Man konnte fast denken, zwei gute Freunde unterhalten sich über die Eigenarten der Empfindungen.
„Sie werden gleich eine Tür sehen, Mister Potter. Bleiben Sie bitte davor stehen!" Tatsächlich, eine Tür. Grob zusammengezimmert. Ohne einen Türgriff. Ich tat wie geheißen und einige Augenblicke Später war mein Begleiter neben mir angekommen.
„Ich werde Ihnen nicht schaden, Mister Potter", versprach der Hohe Lord. „Es ist nicht in meinem Interesse Sie verschwinden zu lassen. Ganz im Gegenteil, es wäre mir entschieden lieben, wenn sie sich freiwillig und offen an meine Seite stellen würden. Glauben Sie, es wäre für uns alle ein großer Fortschritt, wenn ich nicht gegen den „heimlichen" Wiederstand der Alter Familien kämpfen müsste." Er seufzte kummervoll und hob den Stab auf die Höhe meiner Augen.
„Ich schwöre bei meinem Leben und meiner Magie, dass ihnen heute keinen Schaden zufügen werde", sprach er und vor meinen Augen erschien ein Funkenschauer. Wunderbar, dann musste ich es nur schaffen bis Mitternacht dieser feinen Gesellschaft zu entkommen. Die Tür vor uns öffnete sich und ich sah einen kleinen Raum. Ein Tisch, zwei Stühle. Kerzen in der Luft. Fast gemütlich.
„Ich will ungestört mit ihnen reden, Mister Potter", meinte der Hohe Lord und schritt an mir vorbei in den Raum hinein. „Nur reden. Ohne Zeugen und viel zu neugierigen Diener. In diesem Raum sind wir ungestört." Ich blieb immer noch auf der Treppe. Vor Angst konnte ich mich kaum noch bewegen. Dumbledore hatte recht. Der „alte" Harry hatte weitaus weniger zu verlieren. Er konnte diesem Monster entgegentreten. Er war tapfer genug sich allein auf den Weg in den Verbotenen Wald zumachen. Ich schaffte es nicht einmal einen Schritt über die Schwelle zu machen.
Ich sah den wachsenden Zorn in den dunklen Augen, der nette Onkel war dabei sich zu verabschieden und den wahren Voldemort zu offenbaren. Ich sammelte die letzten Tropfen meines Mutes und trat hinein. Die Tür schloss sich lautlos hinter mir. Ohne ein Wort zu sagen, deutete Voldemort auf einen der Stühle und ich setzte mich. Er nahm mir gegenüber Platz und schaute mich forschend an.
„Was ist es? Was sollst du haben, was ich nicht verstehe?", fragte er langsam. Da war er! Der Dunkle Lord, wie ich ihn kannte. Nur war er dieses Mal weitaus gefährlicher. Kein Verrückter, der von seinem Wahn getrieben wurde, sondern ein Mann, der skrupellos und methodisch sein Ziel verfolgte.
„Sir?"
„Lass, dass, Junge! Spiel nicht mit mir! Ich weiß genau, dass du nicht so einfältig bist, wie du es gerne zeigst. Walburga Black hat dir mit Sicherheit jede Einfältigkeit ausgetrieben. Was ist es also? Was macht dich denn so besonders?!" Sein Blick durchbohrte mich.
„Ich weiß es nicht, Sir." Er nickte.
„Du weißt es nicht. Und wenn du es wüstest, würdest du es mir nicht sagen. Ich bin schließlich der Bösewicht dieser Geschichte, nicht wahr?"
„Du hast meine Eltern umgebracht", brach er aus mir heraus. Voldemort schaute mich anerkennend an.
„Na bitte! Genau das wollte ich haben!" Er stand auf und machte ein paar Schritte.
„Ja, ich habe sie umgebracht", gab er zu. „Weil sie mir im Weg waren. Dich wollte ich haben. Dich und nicht deine bedauernswerten Eltern! Dein Vater war vom Alten Blut! Sein Tod ist ein wahrhaftig harter Verlust für die magische Welt. Zugegeben, deine Mutter war was das Blut angeht nicht so besonders, aber sie hatte Talent. Potential etwas Großartiges zu leisten. Sie hätte Mutter einer großen Familie werden können! Einer Familie voller Zauberer!"
„Sie hat ihr Kind geschützt!"
„Ja, bedauerlicherweise, war sie nicht davon abzubringen."
„Du wolltest ein Kind töten! Ein Kind!" Voldemort verzog das Gesicht.
„Ja, ein Kind. Ich wollte Gnade zeigen!"
„Gnade?! Du weißt doch gar nicht was es bedeutet!"
„Gnade war es ein Kind zu töten und nicht zu warten, bis das Kind erwachsen wird und die Eltern sich stärker daran binden. Ein Kind hat noch so wenig Verbindungen! Es ist eine Gnade, es zu beseitigen, bevor die Verbindungen stärker und zahlreicher werden! Ich wollte die Trauer des Verlustes nicht unnötig mehren!"
Er meinte er ernst! Aus seiner Sicht war es Gnade, dass er mich im Kinderbett töten wollte. Er wollte, dass es nicht so viele Leute gab, dich um mich trauerten! Ich starrte ihn ungläubig an. Er schien sich in seinen Erinnerungen verloren zu haben.
„Ein Kind war ein wirklich kleiner Preis für eine freie Zauberwelt!", murmelte er und blickte wieder zu mir.
„Du wolltest mich töten, um eine freie Zauberwelt zu schaffen?", fragte ich skeptisch. Voldemort blieb stehen und schaute mich forschend an.
„Ich wollte nichts riskieren" gab er schließlich zu und begann wieder vor mir auf und ab zu stolzieren. „Die wahren Prophezeiungen sollten nicht missachtet werden." Er neigte den Kopf und sah mich nachdenklich an.
„Vielleicht aber hatte ich mich für das Falsche Kind entschieden", überlegte er Laut. „Aber irgendwo musste ich ja anfangen!"
„Anfangen?" Er lächelte bösartig.
„Anfangen. Mister Longbottom wäre der nächste gewesen und dann all die anderen Mädchen und Knaben. Erstaunlich viele Kinder kamen damals in Frage." Mir wurde übel.
„Aber, aber! Wer wird es so heftig reagieren?! Du bist ja schließlich hier, junger Potter. Genau so wie ich. Also ist es noch nicht vorbei!" Neville! Neville war in Gefahr! Er und viele anderen Kinder!
„Die Sache bleibt zwischen uns", beruhigte mich die zischende Stimme. „Schließlich habe ich meinen Teil der Prophezeiung erfüllt und dich gekennzeichnet." Ich griff nach meiner Narbe. „Also bleibt meine Frage gleich, was hast du, was ich fürchten soll?" Eine Weile starrte er mich an, als erwarte er wirklich eine Antwort. Dann trat er zurück.
„Wie dem auch sei, ich wollte ein paar Sachen klar stellen. Ich werde dich in Ruhe lassen, Junge. Dich und deine Familie. So lange du dich nicht offen gegen mich stellst. So lange du meine Pläne nicht ernsthaft gefährdest. Leiste mir im Verborgenen ruhig Widerstand, das gibt dem Ganzen eine gewisse Würze! Die Zeiten ändern sich. Ich brauche den alten Adel, brauche die Heiligen Achtundzwanzig, die zumindest so tun, als folgen Sie mir. So lange ich das tun kann, was ich für richtig halte, erlaube ich euch eure kleine Untergrundrebellion."
„Was hindert mich daran eine richtige Rebellion anzuzetteln?", fragte ich herausfordernd.
„Das hier!" Er machte eine ausholende Geste mit dem Zauberstab und vor mit auf dem Tisch erschien elf kleine Fläschchen. Erinnerungen!
„Es war natürlich ein Leichtes an sie zu kommen", meinte er. „Zugegeben, sie war eine viel zu leichte Beute, aber mich wird nichts daran hindern Jagd auf andere zu machen." Ich schaute mit wachsender Panik auf die Fläschchen. Sie? Wen meinte er? Wer musste für den Beweis seiner Absichten herhalten?
„Du hast viele Freunde, junger Mann", meinte Voldemort leise. „Viele Schwächen, wenn du mich fragst. Viele Möglichkeiten verraten, verkauft oder verletzt zu werden. Ich habe von ganz weit weg angefangen. Mit einer Person, die dir vermutlich nicht sonderlich viel bedeutet. Ich gebe dir eine Chance zu begreifen, dass du dich mir nicht in den Weg stellen sollst. Es wäre wesentlich besser für dich, deine Familie und all deine Freunde. Schau es dir an und stell dir an ihrer Stelle deine neue Stiefmutter vor, oder deine Schwerster oder die kleine Miss Perfekt…. Wahrlich viele Möglichkeiten!"
Er ging davon. Die Tür blieb offen und auf dem Tisch vor mir erschien ein Denkarium. Ich saß eine Weile zitternd da. Ich musste es tun. Musste sehen, wen er sich gegriffen hatte. Ohne lange zu überlegen nahm ich mir ein Fläschchen und ließ die Erinnerung in die Steinschale gleiten. Dann holte ich Luft, wie vor einem Sprung ins kalte Wasser und tauchte in die Erinnerung ein.
Ich fand mich in dem gleichen Raum wieder. Zwei Männer. Voldemort und Wurmschwanz. Eine Frau auf dem Stuhl. Gefesselt. Der Kopf hängt kraftlos nach vorne. Die Haare verbergen das Gesicht. Wurmschwanz zaubert einen Schwall Wasser und die Frau kommt zu sich. Sie kämpft gegen die Fessel und hebt den Kopf. Erasrtra!
„Warum machen Sie das?", fragt sie kraftlos. „Warum?" Wurmschwanz lacht.
„Das fragst du jeden Mal!", kichert er. „Jedes Mal! Soll ich es ihr noch Mal erklären, Herr?"
„Ja, Wurmschwanz, erkläre er es ihr noch einmal!" Der Zauberstab in den Händen des Verräters leuchtet auf und die Frau beginnt zu schreien. Die Erinnerung lässt mich nicht los. Hält mich fest auch wenn ich alles tue um mich aus ihr zu befreien, doch es ist erst vorbei als ein weiterer Mann ins Zimmer kommt. Er tritt an Erastra heran und untersucht sie flüchtig.
„Haltet euch beim nächsten Mal ein wenig zurück", rät er und beginnt Heilzauber zu wirken. „Es wird immer schwieriger die Erinnerungen zu bearbeiten. Noch ein paar Mal und die Schäden werden dauerhaft." Ich sehe zu wie die Wunden heilen, wie der Atem der Frau ruhiger und regelmäßiger wird. Schließlich zieht der Heiler silberne Fäden der Erinnerung aus Erastras Kopf.
Die Fläschchen liegen in meinem Schließfach in Gringotts. Elf Stück. Ich habe sie alle erlebt. Ich wollte … keine Ahnung was ich wollte! Vielleicht wollte ich sie dort in ihrem Schmerz nicht allein lassen. Vielleicht wollte ich sichergehen, dass es keine andere Frau aus meinem Umfeld getroffen hatte.
Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in dem Altarraum. Langsam schüttelte ich die letzten Erinnerungen ab und sah mich um. Polierte Steinwände. Muster, die hier und da direkt in den Stein geritzt wurden. Einige wieder fast im Stein verschwunden, andere noch scheinbar frisch. Runen, sagt mir eine vertraute Stimme in meinem Kopf. Schutzrunen. Erhaltungsrunen. Wächterrunen. Wegweiser, Bannzauber, Segenssprüche. Die Wände, der Boden und sogar die Teile der hohen Decke sind damit geschmückt. Fast schon in der Ecke ragt ein Steinblock heraus. Die Runen auf ihm sind winzig klein. Fast könnte man sie für unbedeutende Kratzer halten. Für ein geometrisches Muster. Aber ich weiß es ist viel mehr. Es sind Namen. Namen all derer, die irgendwann einmal hierher gekommen waren. Großeltern, Tanten, Onkel, weit, weit entfernte Cousinen und Cousins. Jeder, der nah genug mit mir verwand war, um von einer Blutsverwandtschaft zu sprechen. Jahrhunderte von Geschichte! Tausende von Namen. Viele davon klein und unscheinbar – Kinder, die nicht alt genug wurden, um nach ihrer Geburt ein zweites Mal vor dieses Altar zu treten. Viele fast nur angedeutet – Kinder, die ohne magische Gabe geboren wurden und ebenfalls keine Chance hatten ein zweites Mal hier her zu kommen. Namen, die auch unter all den anderen Zeichen leicht zu lesen sind – Zauberer und Hexen, die die Familiengeschichte geprägt haben. Die Jahr für Jahr hier gestanden haben und die Familienmagie gemehrt und gestärkt hatten. Zerstörte Zeichen – Namen all derer, die von der Familie verstoßen wurden. Leere – Platz für die Namen all derer, die noch nicht geboren wurden.
Mein Name ist nicht auf dem Stein. Meine Eltern hatten es nie geschafft mich hierher zu bringen und mich „der Magie vorzustellen". Doch mein Großvater wusste, dass ich komme. Er hatte meinem Namen auf diesem Stein bei seinem letzten Besuch hier gesehen. Nein, er war kein Seher. Er war lediglich der Patriarch der Familie und die Magie liebte ihn. Sie gab ihm in der Zeit der Hoffnungslosigkeit ein wenig Licht. Ein Versprechen, dass die Familie nicht ausstirbt. Dass ich irgendwann kommen und dafür sorgen werde, dass mein Name auf diesem Stein erscheint. Eine kleine scharfe Kante an dem Altar sorgt dafür, dass ich mein Messer nicht ziehen muss. Das Blut aus meiner verletzten Handflächen versickert in dem Stein und neue Runen erscheinen dort, wo noch vor einem Augenblick leerer Platz war.
