Kapitel 22b
Sonntag, 11. August 2002, in der Nacht bis
Montag, 12. August 2002, Nachmittag
Hermione ließ sich auf die Füße ziehen; unbegreiflicherweise fühlte sie sich ob ihrer Nacktheit nicht verlegen und folgte ihm ins Bad des Schulleiters. Darin gab es die übliche Ausstattung – ein Waschbecken, eine Toilette, eine mit Marmor ausgekleidete Dusche –, es gab jedoch auch eine kleinere Version des Beckens im Präfektenbad, das ein breites Lächeln auf ihr Gesicht brachte.
„Ich dachte mir, dass dir das gefällt", sagte er.
Sie kicherte. „Welch verschwenderische Annehmlichkeiten für den Schulleiter!"
In diesem Bassin in Spa-Größe gab es nur vier Hähne im Gegensatz zu den einhundert im Präfektenbad, das die Größe eines Swimming Pools hatte, aber jeder goldene Hahn war mit einem Edelstein unterschiedlicher Farbe auf dem Griff gekennzeichnet. Stufen führten in die Tiefe, in der ein Mann bis zum Hals im Wasser zu stehen vermochte. Severus bückte sich, und seine Bewegungen zogen ihre andächtige Aufmerksamkeit auf das Spiel von Sehnen und Muskeln unter seiner blassen Haut, und als er einen der Hähne drehte, schäumte dampfendes, duftendes Wasser in das Becken.
„Dachtest du, die Präfekten hätten größeren Komfort als der Schulleiter?", fragte er. „Wir lassen das Becken sich füllen, und währenddessen kannst du die Nadeln aus deinem Haar nehmen." Seine Hand legte sich in ihren Nacken. „Ich würde es dir gerne waschen."
Das Bad führte in einen Ankleideraum, einen männlichen Ort, der so vollständig nach ihm roch, dass sie im Eingang einen Moment innehielt, nur um zu atmen. Rundum an den Wänden hingen seine Roben, Hemden, Hosen und Umhänge an Stangen über auf Hochglanz polierten schwarzen Stiefeln. In diesem Raum gab es keinen Stuhl, aber vor einem altmodischen Stiefelknecht stand ein Hocker, und er nötigte sie, dort Platz zu nehmen, während seine langen Finger nach ihren Haarnadeln tasteten.
Hermione war sich seiner Präsenz an ihrem Rücken überaus bewusst. Von seiner Kleidung umgeben, von seinem Wesen umflutet, befand sie sich im Paradies der Liebe. Was würden die Hexen darum geben, die ihm so eifrig nachgestellt hatten, in diesem Augenblick an ihrer Stelle zu sein? Der Gedanke verursachte ihr einen so heftigen Schauer vor Behagen, dass sie eine Gänsehaut bekam.
Er entfernte die Haarnadeln, löste die Flechten und ergriff eine breite Haarbürste von einem Bord, um das verwirrte, unordentliche Durcheinander zu glätten. Es lag ihr auf der Zunge, ihm zu sagen, sich keine Mühe zu machen, aber seine Hände in ihrem Haar fühlten sich himmlisch an, daher gab sie sich der Wonne hin.
„Nächstes Wochenende musst du für eine weitere Reitstunde zu Besuch kommen", sagte er. „Eines an der Regency-Woche werde ich sehr vermissen – wenn auch nicht so sehr wie jeden wachen Moment an deiner Seite zu verbringen –, das sind die täglichen Ritte. Das Leben in unserer Zeit lässt Männern nicht so viel Freizeit wie in jener."
Etwas in seinen Worten gab den Ausschlag, und sie legte den Kopf zurück und sah seine völlige Entspannung, während er ihr Haar bürstete, seine Konzentration auf der Bürste, die er führte, als gäbe es nichts Wichtigeres als die Aufgabe, die er gerade ausführte.
„Ich weiß, wie Apollyon und Persephones Fohlen genannt werden sollte", sagte sie aufgeregt. „Nicht nach einer Figur in einem Buch, sondern nach dieser Woche – sie könnte Regency heißen!"
Er legte die Bürste wieder auf ihren Platz und führte sie zum Becken. „Das ist perfekt", sagte er zu ihr. „Regency soll sie heißen."
Im Bad trödelten sie, wuschen einander manchmal spielerisch, manchmal erotisch mit vielen Unterbrechungen durch Küsse und Zärtlichkeiten. Er fügte sich, dass sie Shampoo in sein schwarzes Haar massierte, und sie schwelgte in derselben Behandlung durch ihn. Dann hielten sie einander, bis das Badewasser erkaltete.
Als Hermione aus dem Becken stieg, nahm sie das Handtuch, das Severus ihr gab, dann bemerkte sie ein niedriges Bord mit mehreren Flaschen von Savoir Smith's Muskelkatertonikum. Sie nahm eine und wandte sich neugierig zu ihm um.
„Das ist ein wunderbares Zeug gegen Reit-Muskelkater, aber weshalb brauchst du so viele Flaschen?"
Er straffte das Handtuch hinter sich und rubbelte sich das Wasser vom Rücken. „Ich habe sie gebraut", informierte er sie selbstgefällig. „Sie an die Gäste zu verteilen, war mein Praxistest – das Produkt ist fertig, um für den Verkauf in Apotheken lizensiert zu werden."
Hermione grinste entzückt. „Du bist Savoir Smith?"
Als Antwort bleckte er die Zähne, nahm ihr das Handtuch aus der Hand und ließ es auf den Boden fallen. „Nur, wenn ich in deinem Bad bin und deinen schmerzenden Muskeln Erleichterung verschaffe. Ich bessere mein Einkommen auf, wo ich kann", sagte er und beugte sich nieder, um sie auf den Mund zu küssen.
Als sie wieder aus dem Bad kamen, erschienen Tee und ein mit einer Serviette abgedecktes Tablett voller Sandwiches beim Getränkewagen. Severus trug einen seidigen Morgenmantel und hatte ihr einen Pullover aus weicher, dunkler Baumwolle geliehen, den sie mit aufgeschlagenen Ärmeln trug.
„Ich bin ausgehungert", sagte sie.
„Ich auch", antwortete er und dirigierte sie, sich auf dem mit Chintz bezogenen Sofa zu setzen. Mit laszivem Vergnügen betrachtete er sie. „Du musst wieder zu Kräften kommen, denn die Nacht ist lang, und du bist mir auf Gedeih und Verderb ausgeliefert."
Hermione schniefte, das Kinn in der Luft. „Ich bin jung und widerstandfähig", informierte sie ihn und nahm eine Tasse Tee und ein mit Roastbeef belegtes Sandwich entgegen. „Essen Sie auf … Sir."
Seine lachenden schwarzen Augen straften seinen Kommentar Lügen, damit sie still war und ihren Tee trank. Auf dem Sofa saßen sie dicht beieinander, aßen und plauderten, bis Hermione neben seinem Ellenbogen auf dem Tisch einen Stapel Bücher erspähte.
„Jane Austen!", sagte sie. „Und du hast so getan, als hättest du sie nie gelesen!"
Er stellte seine Teetasse wieder auf das Tablett und ließ einen Arm um ihre Schultern gleiten. „Ich habe die Bücher zwecks Selbstverteidigung gelesen", antwortete er. „Manche Zauberer brauchen Verteidigung gegen die Dunklen Künste; andere brauchen Verteidigung gegen die Granger-Künste, die weitaus mächtiger sind."
Erfrischt von Bad und Essen, war es nur eine natürliche Folge einer solchen Erklärung, dass Hermione sich auf seinen Schoß setzte, ihre Finger in sein feuchtes Haar schob und ihn mit Küssen bestürmte, denen er sich in trägem Entzücken fügte. Es schien, dass er ihre rücksichtslosen Forderungen ebenso genoss wie seine eigenen lüsternen Überfälle, und er befreite sie von dem locker sitzenden Pullover, den sie trug, während seine wandernden Hände sich vollauf mit der Topografie ihres Körpers vertraut machten. Schließlich hatte sie sich auf seinem Schoß zusammengerollt und kuschelte sich an seine Schulter. Atemlos sah sie ihm ins Gesicht; sie liebte die Kraft der Arme, die sie hielten, liebte die wilde Possessivität seines Ausdrucks, liebte …
Sein Kiefer bildete eine störrische Linie, er ließ eine Hand über ihre Hüfte und ihr nacktes Bein hinuntergleiten. „Ich bin älter als du, aber im Umgang mit dem anderen Geschlecht nicht erfahren – vielleicht sogar weniger erfahren als du, wenn es um …"
Er stoppte und sah sie fast zornig an, dachte sie. Zärtlich strich sie mit den Fingerspitzen über seine Wange.
„Es ist in Ordnung", murmelte sie. „Du kannst mir alles sagen, was du möchtest."
Er legte den Arm fester um sie, mit dem er sie an sich hielt; sein Mund verzog sich zu dem selbstverächtlichen Flunsch, den sie so gut kennengelernt hatte.
„Ich habe versucht, mich deutlich verständlich zu machen, ehe ich dich in mein Bett gebracht habe", brachte er in harschem Ton heraus. „Ich glaube, dass ich deine … Gefühle bei der Sache verstehe." Seine Zähne knirschten, als seien sie allein schon gegen die Idee, Gefühle zu haben oder die von jemand anderem zu verstehen, und erst recht dagegen, laut darüber zu sprechen.
Sie kämpfte sich in eine aufrechtere Sitzposition und küsste ihn, weil sie seinen offensichtlichen Stress erleichtern wollte, Gefühle in Worte zu fassen. Severus Snape hatte immer äußerst klar mit Taten gesprochen. Sie war es vollauf zufrieden, ihn damit fortfahren zu lassen.
Seine Hände umrahmten ihr Gesicht, und er rückte von ihr ab, als er den Kuss beendete. „Hermione", sagte er, „Ich muss sicher sein, dass du weißt, dass ich … dich liebe."
„Oh!", japste sie. Ihr Unterkiefer fiel hinab, ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie spürte den Drang, ihr Gesicht an seinem Hals zu verbergen, aber er hielt sie fest, seine Augen bohrten sich in ihre, und seine Anspannung war greifbar.
Sie liebte ihn so sehr, dass sie nicht sofort in der Lage war, eine Antwort zu formulieren, und Glückstränen begannen, ihre Wangen hinabzurollen.
Seine Lippen pressten sich zu einer geraden Linie zusammen. „Vielleicht bist du dir dessen nicht bewusst, aber es ist üblich, auf solch eine Erklärung eine Antwort zu geben!", schnappte er.
Hermione zog seine Hände von ihren Wangen und hielt sie an ihre Lippen, küsste erst die eine und dann die andere.
„Oh, Severus, nur du kannst eine Liebeserklärung machen, als ob du mich zu einem Duell herausforderst!", sagte sie halb schluchzend und halb lachend. „Natürlich liebe ich dich – ich liebe dich wie verrückt –, und ich dachte, du würdest mich heute mit leeren Händen zurückschicken!"
Auf seinem Gesichtsausdruck erschien Erleichterung wie Sonnenlicht, das durch Sturmwolken brach, und sie erkannte klar, wie verzweifelt er ihr glauben wollte, und wie schwer er ihm fiel, dies zu tun.
„Oh, mein Liebling", sagte sie und glitt von seinem Schoß, um sich vor ihm auf den Teppich zu stellen. Sie zog sich den Pullover über den Kopf und stand unter dem mit Kerzen gefüllten Leuchter nackt vor ihm. „Für dies fehlen mir die Worte und dir auch. Komm ins Bett, damit ich dir genau zeigen kann, was ich fühle."
Sie nahm seine Hand, und er folgte ihr bereitwillig, wie sie wusste, dass er es tun würde. Sie kletterte auf das Bett und fühlte sich wie eine Göttin aus der Antike, das Haar wild um die Schultern wallend, der ihr erhabener Gefährte folgte, mächtig und ursprünglich in all seiner Pracht, während er sie auf die Laken niederdrückte.
Ihre Kommunikation war außergewöhnlich, wenn auch in die Länge gezogen, und so kristallklar, wie sie selten zwischen einem Zauberer und einer Hexe stattfand. Als sie ineinander verschlungen erschöpft dalagen, fielen sie auf einem Kissen in Schlaf, und jedes Ausatmen des einen sog der andere gierig ein; eine vollständige Synthese.
~oo0oo~
Severus stand am Fenster und sah zu, wie der großartigste Morgen seines Lebens anbrach. Die Tage, in denen er von Dunkelheit verfolgt wurde, waren unbestreitbar endgültig vorbei. Hermione Granger war wie ein Meteor aus einem fernen Universum in sein Leben geplatzt und brachte ihm Licht, das ihm unbekannt gewesen war, bis sie es auf ihn scheinen ließ. Jetzt brauchte er es – brauchte er sie –, wie eine blühende Pflanze die Sonne braucht und beständig ihr Gesicht der Lichtquelle zuwendet.
Er befand sich in einem Zustand der Ehrfurcht und gestand es sich frei ein, so leichtfertig wie Lucius, wenn er am nervigsten gewesen war. Mit Hermione entwickelten die Dinge sich perfekt – mehr konnte er sich nicht wünschen –, und daran, dass er bekam, was er wollte, war er überhaupt nicht gewöhnt. Vor langer Zeit hatte er die Hoffnung aufgegeben, dass sich der sehnlichste Wunsch seines Herzens jemals erfüllte. Sein Herz! Dieses Organ, von dem er so lange geglaubt hatte, dass es tot sei, nutzlos und missachtet, hatte das Lächeln seiner braunäugigen Hexe wieder donnernd ins Leben zurückgebracht.
Er war nicht so dumm zu denken, dass es keine Herausforderungen geben würde – allein die Entfernung würde lästig –, aber er war zuversichtlich, dass sie einen Weg durch alle Probleme finden würden. Hermione war seinen Fehlern gegenüber nicht blind – das hatte sie vollkommen klargemacht –, aber sie hatte ihn dennoch akzeptiert in dem Wissen, dass er diese besaß.
Der Rand der aufgehenden Sonne stieg über die Baumwipfel des Verbotenen Waldes, und in der Ferne wurde der Dunst über dem See langsam lichter. Er schaute auf das Kartenspiel, das er hielt, und verspürte einen albernen Schwall von Gewogenheit für sie. Nachdem er einem Leben lang Pech gehabt hatte, ererbt von Tobias Snape zusammen mit seiner hässlichen, gekrümmten Nase, hatte Severus endlich ein gutes Blatt bekommen. Die Karten hatten gesagt, dass er Hermione gewinnen könne, wenn er Manns genug war, das Risiko einzugehen.
Er hatte alles auf eine Karte gesetzt, und das Spiel hatte sich gelohnt … was die Herzen betraf.
„Severus?"
Seine Träumerei wurde von ihrer Stimme unterbrochen, die sich schläfrig und sehnsüchtig anhörte und sein Blut mit Macht in Wallung versetzte. Sie setzte sich im Bett auf, und das Laken fiel von ihren Schultern und enthüllte dabei ihre wunderschönen Brüste, die von der frühen Morgensonne unwiderstehlich golden illuminiert wurden.
Ah – das Leben rief nach ihm, und das Versprechen, das darin lag, war mehr, als er sich je vorgestellt hatte.
Er ließ den Satz antiker Spielkarten auf dem Fenstersims liegen, ging schnell zu ihr hinüber und sagte die Worte, von denen er wusste, dass sie sie so dringend hören wie er sie sagen wollte.
„Komme, Milady."
~oo0oo~
Hermione Granger saß an ihrem Schreibtisch in ihrem schrankgroßen Büro im Zaubereiministerium. Die Seniorassistentin des Ministers für Spezielle Projekte schätzte ihr eigenes Büro, wenn es auch kein großes war.
Ihr Schreibtisch war mit einer dünnen Staubschicht bedeckt – schließlich war sie länger als eine Woche fort gewesen – aber ihr Arbeitsplatz, der normalerweise tipptopp aufgeräumt war, befand sich an diesem Nachmittag in einiger Unordnung. Auf dem Ehrenplatz direkt vor ihr stand ein enormes Bukett roter Rosen mit einzelnen gelben Gänseblümchen dazwischen und zog all ihre träumerischen Blicke auf sich. „Für den Fall, dass du ein Knopfloch brauchst", hatte auf der Karte gestanden. Der Aufdruck stammte vom Floristen in Hogsmeade, und die Karte trug die spitze Schrift des einen und einzigen Severus Snape – er also war ins Dorf gegangen, um ihr Blumen zu schicken, die nach weniger als einer Stunde geliefert worden waren, nachdem sie von Hogwarts' Toren disappariert war. War er direkt nach ihrem Abschiedskuss losgegangen, um sie zu schicken?
Am runden Unterteil der Vase lehnten zwei Fotografien. Die erste hatte Dennis Creevey am Abend des großen Balls gemacht – war das erst zwei Tage her? – und auf ihr wirbelte sie in Severus' Armen über die Tanzfläche. Auf dem Bild sahen sie aus, als kämen sie direkt aus einem Jane Austen-Roman, der Herr und die Dame in ihrer Regencykleidung in der einigen gesellschaftlich akzeptablen Weise der Werbung
Das zweite Foto zeigte ein munteres schwarzes Fohlen, das über grünes Gras tollte; oben auf das Foto hatte Severus mit silbriger Tinte 'Regency' geschrieben.
„Wir werden sie von Anfang an für dich ausbilden", hatte er zu ihr gesagt, nachdem er sie bei Tagesanbruch geliebt hatte. „Wenn sie alt genug ist, um ihre Ausbildung zu beginnen, wirst du mit ihr so vertraut sein wie der Stallelf, der sie versorgt. Sie wird ein feines Jagdpferd für dich werden, und ihr beide werdet zusammen springen lernen."*
Hermione ließ ihre Gedanken zu der Fantasie wandern, neben Severus über die Felder zu reiten, ihre schwarzen Pferde gleichauf, wie sie über Zäune sprangen. Die Idee rief einen überraschenden Schmerz hervor, wenn sie daran dachte, wie viele Male sie dieses Sehnen in den letzten vierundzwanzig Stunden gestillt hatte.
Auf dem Schreibtisch lagen außerdem Zeitungen und eine Zeitschrift, die sie jetzt fallen gelassen hatte und nicht beachtete. Der Tagesprophet trug die Überschrift 'Rettet die Magie!' über einem Foto von Kingsley Shacklebolt und Schulleiter Snape, die einander die Hände schüttelten. Der Quibbler zeigte aufgeklappt die Schlagzeile 'Hinter den Mauern von Hogwarts' Regency-Woche!', neben der sich ein amüsantes Foto von Harry und Draco befand, die mit verbundenen Augen Badminton spielten. Und die Titelseite der Sonderausgabe des Probe!Magazines verkündete 'Herausgebende Chefredakteurin lanciert Ausbildungsreform in Hogwarts!' mit Rita Skeeters Gesicht über einem Bestandsfoto von Hogwarts.
Ein dunkellila Papierflugzeug flog in ihr Büro und schwebte mitten über ihrem Schreibtisch. Seit sie heute im Büro angekommen war, war es nicht das erste Memo, das sie erhalten hatte; alle anderen hatte sie mit einem Schlenker ihres Handgelenks in ihren überfüllten Posteingang geschickt. Aber dieses Flugzeug trug nicht den Lavendelfarbton untergeordneter Mitarbeiter des Ministeriums; es hatte das lebhafte Lila von Kingsley Shacklebolts Büro, und als solches verdiente es Hermiones sofortige Aufmerksamkeit.
Sie schnappte das Papier aus der Luft, glättete es auf ihrem Schreibtisch und zwang ihre Gedanken für das Anliegen des Ministeriums in einen etwas disziplinierteren Zustand.
Hermione,
exzellente Arbeit beim Projekt Regency-Woche. Ich habe deinen Bericht an die Schulräte von Hogwarts gelesen, und mein Büro hat von den Teilnehmern heute bereits eine Anzahl überschwänglicher Kommentare erhalten. Deiner Akte wird ein entsprechendes Lob zugefügt, um deine herausragende Leistung zu dokumentieren.
Ich weiß, dass du seit dem Ende der Regency-Woche kaum Zeit hattest, Luft zu holen, aber ich weiß auch, dass du eine Abneigung dagegen hast, nichts zu tun zu haben. Daher habe ich ein neues Projekt für dich.
Ein Schauer von Erwartung lief ihr über den Rücken, und sie spürte, wie sich ihr die Nackenhaare aufstellten. War es möglich …? Sie las weiter.
'Rettet die Magie' ist das Programm, das Schulleiter Snape für die muggelgeborenen Schüler eingerichtet hat, die vom Krieg vertrieben wurden. Es ist ein Projekt für eine begrenzte Zeit, weil es mit dem letzten dieser Schüler enden wird, der seine magische Ausbildung abschließt, aber es ist ein sehr wichtiges Projekt. Ich brauche meine rechte-Hand-Hexe für den Job, um dieses Unterfangen zu leiten, und als Kontakt zum Ministerium vor Ort. Du wirst mit Schulleiter Snape eng zusammenarbeiten, und dein Titel wird Direktor des Bundes vertriebener Schüler lauten. Du wirst mir wöchentlich Bericht erstatten und wirst wie üblich mit der vollen Autorität des Zaubereiministeriums agieren.
Dieses Projekt erfordert, dass du auf Hogwarts wohnst, im Schloss lebst und deine Mahlzeiten mit den Studenten einnimmst, die unter deiner Leitung stehen. In vielerlei Hinsicht wirst du als Hauslehrerin der vertriebenen Studenten und als stellvertretende Schulleiterin für ihre akademischen Belange fungieren. Der Dringlichkeit des Unternehmens wegen brauche ich dich sofort vor Ort – wenn möglich heute.
Schulleiter Snape hat diesem Arrangement zugestimmt, falls du die Aufgabe übernimmst. Nachdem ich Eure Zusammenarbeit für Hogwarts die Regency-Woche betreffend gesehen habe, bin ich zuversichtlich, dass du und er bei diesem Unterfangen ebenfalls erfolgreich zusammenarbeiten werdet.
Du hast mein volles Vertrauen, Hermione.
Am Fuß der Seite stand die Unterschrift des Ministers, darunter war sein Siegel auf das Papier gedrückt.
Hermione sah sich verdutzt in ihrem engen Büro um. Es gab eine Million Dinge zu erledigen! Worauf wartete sie? Sie gehörte nicht hierher. Ihr Job – ihr Platz – ihr Leben war bei Severus. Warum hatte er dies ihr gegenüber nicht erwähnt, ehe sie gegangen war? Dafür, dass er sich als Schurken bezeichnete, war Severus Snape von Skrupeln jeder Art gehemmt.
Sie ergriff ihre Feder und kritzelte eine schnelle Bestätigung unter das Siegel des Ministers. Ich bin unterwegs, um heute die Beratungen mit dem Schulleiter zu beginnen. Eulen für mich können nach Hogwarts geschickt werden.
Sie kehrte zurück … nach Hogwarts. Sie kehrte zurück … zu Severus. Und sie konnten zusammen sein … für Hogwarts.
„Für uns", sagte Hermione laut und packte ihre Fotos ein. Dann nahm sie die Vase mit den Blumen und spazierte ohne einen Blick zurück aus ihrem Büro.
Die meisten Leute würden es als riskant bezeichnen, ihr Los mit Severus Snape zu verknüpfen, aber sie wusste mit vollständiger Sicherheit, dass es kein Wagnis war.
Es war eine sichere Sache.
Ende
~oo0oo~
Anmerkungen der Übersetzerin
* Eine eherne und nach meiner Erfahrung sehr sinnvolle Regel lautet: „Junges Pferd – alter Reiter, junger Reiter – altes Pferd." Ein junges Pferd von einem Anfänger reiten zu lassen, ist keine gute Idee, weil der Reitanfänger nicht nur mit sich selbst viel zu beschäftigt ist, um dem Pferd etwas beibringen zu können; der Anfänger weiß auch selbst noch gar nicht, wie sich das, was er tun möchte, korrekt anfühlt und ist daher nicht in der Lage, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. Insofern ist ein altgedientes Lehrpferd (dann weiß wenigstens einer von beiden, was Sache ist) für den Reitanfänger immer die beste Wahl.
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Vielen Dank allen Leserinnen und Lesern, die diese Geschichte gelesen haben. Mein ganz besonderer Dank gilt jenen fleißigen Kommentatoren, die sich die Mühe gemacht haben, Kapitel für Kapitel Feedback zu geben.
Ich hoffe, Ihr hattet so viel Spaß beim Lesen wie ich beim Übersetzen.
Ich freue mich über die vielen Favoriteneinträge, Empfehlungen und Kommentare und gebe das positive Feedback mit großem Vergnügen an die Autorin weiter. Danke!
Last but not least ein besonderes Dankeschön an Sun and Stars, die zwar nicht mehr regelmäßig Betakorrektur liest, mich aber dennoch hier und da auf Fehler hingewiesen hat. Vielen lieben Dank und alles Gute für Dich!
Wann ich wieder eine neue Geschichte in Angriff nehmen werde, kann ich zur Zeit leider noch nicht genau sagen – aber wir werden uns sicher wieder lesen. Bleibt inzwischen gesund!
