Kapitel 27
Sie rannte. Strauchelte. Stolperte. Äste krachten unter ihren Füßen. Viel zu laut! Er würde sie hören! Ihr Herz wummerte wie Trommelschläge, es war ohrenbetäubend.
Sie warf einen schnellen Blick über ihre Schulter und sah nur Dunkelheit. Aber Voldemort war irgendwo da, folgte ihnen. Unsichtbar. Lautlos. Sie musste weiter! Weiter! Ihre Lungen brannten, jeder Schritt war eine Qual. Adrenalin trieb sie vorwärts.
„Beeil dich, Hermine!", hörte sie Rons Stimme vor sich. Er streckte seine Hand nach ihr aus und sie versuchte, sie zu ergreifen, aber sie rutschte einfach daran ab.
„Lauf!", wollte sie ihm zurufen; er könnte viel schneller sein ohne sie. Aber bevor sie das Wort herausbrachte, traf sie ein Schlag in den Rücken. Hermine schrie und fiel der Länge nach auf den Waldboden. Sie schnappte nach Luft, versuchte wieder auf die Beine zu kommen. Weg! Sie musste hier weg! Sie konzentrierte sich auf die Heulende Hütte, versuchte zu disapparieren, aber sie waren zu dicht am Schloss, kein Apparieren mehr. Die Fenster leuchteten in der Dunkelheit wie Glühwürmchen. Unerreichbar.
Ron war stehen geblieben. „Hermine!", rief er und lief zu ihr zurück.
Bevor er sie erreichen konnte, spürte sie einen schraubstockartigen Griff an ihrem Arm. „Nein!" Sie wehrte sich, versuchte sich zu befreien und wurde trotzdem unbarmherzig in die Höhe gezogen. Das nächste, was sie sah, war das schlangengleiche Gesicht Voldemorts.
„Sieh an, sieh an", sagte er und ein hämisches Grinsen verzog seinen lippenlosen Mund, während er ihr den Zauberstab aus der Hand riss und ihn in die Dunkelheit warf. „Wo die Schäflein sind, ist der Hirte nicht weit."
Aus dem Augenwinkel sah Hermine, wie Ron seinen Zauberstab hob, aber bevor er den Fluch aussprechen konnte, der ihm auf der Zunge lag, deutete Voldemort mit seinem eigenen Zauberstab auf ihn und sagte: „Imperio!"
„Nein!", kreischte Hermine. Wehrte sich wieder gegen Voldemorts Griff, aber er war zu stark. Mühelos hielt er sie fest, dann stieß er sie Ron geradewegs in die Arme.
„Fessel sie an den Baum!", befahl er ihm und Ron gehorchte.
„Ron, bitte! Du musst dagegen ankämpfen!", flehte Hermine, aber er schien sie gar nicht zu hören.
Grob zog er sie hinter sich her. Sie stolperte und fiel, kam kaum wieder auf die Beine. Er schleuderte sie so heftig gegen den Stamm einer alten Fichte, dass es in ihrem Rücken knackte und die Luft aus ihren Lungen gepresst wurde. Sie holte rasselnd Luft, hustete. „Bitte, Ron! Du musst dich erinnern, du musst kämpfen!"
Aber wenn er das tat, dann ohne Erfolg. Seine blauen Augen waren glasig, leer. Er war nicht mehr da, er hatte keine Kontrolle mehr. Mit dem Zauberstab zwang er ihre Arme nach hinten und fesselte ihre Hände aneinander.
Wie konnte das nur passieren? Wie war sie hierher gekommen? In diesen Moment, in dem Ron an ihr vorbeisah und auf Voldemorts Befehle wartete. An einen Ort, an dem sie Ron ausgeliefert war. Ron!
Nein! Das war unmöglich! Das konnte nicht passieren! Hermine zerrte an ihren gefesselten Händen und schrie, bis keine Luft mehr in ihren Lungen war. Sie keuchte.
Ihr Blick flog zwischen Ron und Voldemort hin und her. Voldemort grinste, schien sich köstlich über sie zu amüsieren. Sie sah weg. Ließ sich weinend in die Fesseln sinken. Biss sich auf die Unterlippe. Das war es, oder? Es war vorbei. Harry war … irgendwo. Sie hatten sich vor einer Weile verloren. Und Ron … Sie sah ihn an, wie er bewegungslos vor ihr stand, und schluchzte leise. Auf einmal fühlte sie sich schwer, als wäre ihr Blei in die Glieder gesunken. Das war's.
Nein! Es konnte nicht vorbei sein! Unmöglich! Wieder schrie sie wie von Sinnen, warf sich in die Fesseln, die nicht einen Zentimeter nachgaben. Die Baumrinde rieb sich in ihre Haut. „Ron, bitte! Ron! Hör mir zu! Ich flehe dich an …"
Aber er sah sie nicht mal an. Sie schluchzte wieder. Ihr Körper erzitterte mit jedem einzelnen Herzschlag.
Wummwummwummwumm …
Es war so laut, dass alles andere verstummte. Als würde sie einen Film sehen, bei dem jemand den Ton ausgeschaltet hatte.
Sie musste hier weg …
Hermine hielt die Luft an, schloss die Augen. Wummwummwummwumm …Die Sekunden zogen vorbei. Sie war vollkommen in sich selbst versunken, die Welt um sie herum schien nicht mehr zu existieren. Selbst den Schmerz, den das Luftanhalten auslöste, nahm sie nur am Rande wahr. Da, wo sie war, war es still. Bis …
„Na, na! Wir wollen doch nicht das Beste verpassen. Evigilaris!"
Ein stechender Schmerz durchzog ihren Kopf. Hermine schrie entsetzt, riss die Augen auf. Sie rang nach Luft, keuchte, hustete. Vor ihren Augen drehte sich der Wald, in der Dunkelheit konnte sie kaum mehr oben und unten erkennen. Ihr wurde übel.
Nach ein paar Sekunden klärte sich ihr Blick. Ron stand vor ihr wie eine Puppe. Sein Blick war starr, seine Arme hingen an seinem Körper herab.
Dann wandte er sich ihr plötzlich zu. Hermine begegnete seinem Blick und schluckte. Für zwei, drei Sekunden lag etwas Gequältes in seinen Augen, aber es verschwand wieder. Er hob die Hand und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ron?", flüsterte sie; sie konnte nichts dagegen tun, da war Hoffnung, so warm wie seine Berührung an ihrer Wange. Ihre Lider flatterten.
Dann holte er aus und schlug sie mit der Rückseite seiner Hand mitten ins Gesicht.
Hermine schrie überrascht auf, die Wucht riss ihren Kopf herum. Schmerz explodierte in ihrem Gesicht, Tränen schossen ihr in die Augen. Sie schüttelte den Kopf. Hob den Blick. Sah gerade noch, wie Ron sich zu ihr vorbeugte, spürte seine kühlen Lippen auf ihrer Wange, genau da, wo der Schmerz am stärksten war. Sein Geruch stieg ihr in die Nase; immer noch löste er ein Gefühl von Sicherheit in ihr aus. Niemals würde Ron …
Dann schlug er sie wieder.
Hermine wimmerte.
Er küsste sie.
Schlug sie.
Ihr Gesicht brannte wie Feuer. Tränen strömten über ihre Wangen, sie schmeckte Blut auf ihren Lippen. Es lief ihr warm über das Kinn. Ihr Atem ging stockend, ihr Körper summte, ihre Hände waren taub.
Das konnte nicht passieren. Das war ein Traum. Nur ein Traum!
Der nächste Schlag riss ihren Kopf herum.
Hermine rang nach Luft, heftig, schnell, aber es brachte nichts. Keine Luft! Sie konnte nicht atmen! Ihr war schwindelig, ihre Sicht verschwamm. Gleich … Gleich musste sie ohnmächtig werden.
Dann ließ es nach. Sie heulte aus purer Verzweiflung.
Ron stand vor ihr und sah sie an. Wieder streckte er die Hand aus, legte sie an ihre Wange. Hermine drehte den Kopf weg, aber er hielt ihr Kinn fest. Brutal bohren seine Fingernägel sich in ihre Haut. Es fühlte sich an, als würde er ihr den Kiefer zerquetschen. Er stieß ihren Kopf zurück gegen den Baumstamm. Der Schlag hallte in ihrem Schädel wider.
„Halt still!", sagte er scharf. Dann beugte er sich vor und Hermine dachte, sie müsste sich übergeben, als er seinen Mund auf ihren legte. Sie presste die Lippen zusammen. Keine Luft!
Endlich wich er zurück. Sie keuchte. Sein Gesicht war rot von ihrem Blut. „Ich dachte, du magst mich", fragte er, aber seine Stimme klang so hämisch, wie sie sie noch nie gehört hatte. Hermine sah ihn an und weinte.
In den nächsten Minuten schrumpfte ihr Universum zusammen, bis es nur noch Rons Hände gab; seine weichen, warmen Hände und den Schmerz, den sie ihr bereiteten.
Als er sich das nächste Mal von ihr abwandte, spürte Hermine gegen ihren Willen wieder die Hoffnung. Sie hoffte, dass es ihm nun doch gelungen war, den Imperius zu durchbrechen. Sie blinzelte und sah hinauf in das Gesicht, das sie liebte. Nur dass es nicht dieses Gesicht war. Es war das Gesicht einer Marionette.
Einer Marionette, die plötzlich ein Messer in der Hand hielt, dessen Klinge im Mondlicht blitzte.
„Nein!", keuchte Hermine.
Nein, nein, nein!
„Ron, bitte! Hör mir zu! Ich flehe dich an! Erinnere dich, Ron! Ich bin es, Hermine! Bitte …"
Er zögerte nicht mal. Er steckte seinen Zauberstab weg, kam zu ihr, griff nach dem Kragen ihres T-Shirts und schlitzte den Stoff mit einem kreischenden Geräusch auf. „NEIN!" Wieder warf sie sich in die Fesseln, versuchte nach Ron zu treten, aber nachdem sie ihn einmal getroffen hatte, fesselte er auch ihre Beine an den Baum. Jetzt konnte sie sich gar nicht mehr rühren.
Wind strich über ihren nackten Bauch. Sie atmete so heftig, dass ihr schwindelig wurde. Haare klebten ihr im Gesicht, genauso wie Tränen, Schweiß und Blut. Sie schloss die Augen. Biss sich auf die Lippe.
Und dann spürte sie Kälte an ihrer Wange. Panik schwoll in ihr an wie ein Luftballon, raubte ihr den Atem und den Verstand, brandete durch sie hindurch wie eine eiskalte Welle. Sie riss die Augen auf. Ron strich mit dem Messer an ihrem Gesicht entlang, aber wohl nur mit dem Messerrücken, denn es tat nicht weh. Er zog die Hand zurück und griff das Messer anders. So als wolle er jemanden damit erstechen.
Sie.
So als wolle er sie damit erstechen. Er holte aus.
„Nein nein NEIN!"
Seine Hand schnellte nach vorn, sie riss den Kopf zur Seite und …
… das Messer landete in der Baumrinde neben ihrem Kopf. Hermine sah es mit weit aufgerissenen Augen an. Sekundenlang war sie wie erstarrt. An Rons Arm entlang glitt ihr Blick zu seinem Gesicht.
Er lachte. Hohl, manisch. Zog das Messer aus dem Baum und stolperte einen Schritt zurück unter der Kraft, die er dafür aufwenden musste.
„Sei kreativ!"
Hermines Blick flog zu Voldemort. In drei Metern Entfernung stand er da, kaum mehr als ein weißes Gesicht, das mitten in der Luft schwebte. Rote Augen. Er verschmolz mit der Dunkelheit.
Dann wieder Ron.
Er streckte seine freie Hand aus und Hermine spürte die kalten Finger, die über ihren nackten Bauch strichen. Ihre Muskeln zuckten wild darunter. Sie lehnte den Kopf zurück und schloss die Augen. Dann ein kurzer, heftiger Schmerz, der nur langsam schwächer wurde. Ein Brennen blieb zurück. Dann nochmal. Und nochmal.
„Das war gut", hörte sie Voldemorts Stimme, „Mach es nochmal so, Rotschopf!"
Und Ron tat es.
Tat es.
Tat es.
Sie biss die Zähne aufeinander. Wimmerte. Nein, sie würde nicht schreien.
Tat es.
Sie keuchte.
Tat es.
Noch ein Wimmern.
Ihr Bauch fühlte sich an, als würde er nur noch aus rohem Fleisch bestehen. Blut sammelte sich an ihrem Hosenbund. Es war klebrig, kalt wenn die Luft daran vorbei strich. Sie wünschte sich so sehr, sie würde endlich ohnmächtig werden. Dann starb sie eben hier. Wenn es nur bald passierte.
Ihr Kopf sackte nach vorn, bis sie sehen konnte, was Ron getan hatte. Rot. Da war nur rot. Sie schluchzte.
Aber dann … Das … Das waren nicht einfach nur wahllose Schnitte.
Das war ein Wort!
Hermine blinzelte und kniff die Augen zusammen. Unter all dem Blut war es schwer zu erkennen. Aber sie musste nur die ersten paar Buchstaben entziffern, dann wusste sie, was Ron in ihre Haut geritzt hatte.
Schlammblut.
Etwas in ihr zerbrach. Sie schloss die Augen.
Wieder der Schmerz. Hermine keuchte, blinzelte. Ein paar Haarsträhnen bewegten sich vor ihren Augen im Wind. Die erleuchteten Fenster des Schlosses hüpften dahinter im Takt ihres Herzschlages. Hogwarts. Als wäre es eine andere Welt, zu der sie keinen Zugang hatte. Nie wieder.
Tränen liefen heiß über ihre geschwollenen Wangen. Sie senkte den Blick.
Hermine hörte Rons Schritte auf dem Waldboden, sah seine Schuhe, sah die Tropfen ihres eigenen Blutes auf dem Laub glänzen, und da, nur zwei, drei Schritte entfernt vom Baumstamm, an den Ron sie gefesselt hatte, lag ihr Zauberstab. Als hätte jemand ihn dort hingelegt, um sie an ihre Machtlosigkeit zu erinnern.
Wieder der scharfe Schmerz, sie konnte nicht mal mehr sagen wo. Hermine spürte, wie ihr alles entglitt. Die Geräusche verstummten, ihr Blick wurde leer. Dieser Körper schien nicht mehr ihrer zu sein, der Schmerz verschwand. Sie spürte sich selbst nicht mehr.
Aber Ron ließ diesen Zustand nicht lange anhalten. Er hob seinen Zauberstab. „Crucio!"
Sie brannte! Hermine schrie, heulte, winselte wie ein Tier. Ihr Körper bäumte sich gegen die Fesseln auf, ihre Glieder verdrehten sich. Bei Merlin, ihr Blut war Säure! Messer schälten ihr die Haut vom Körper! Aufhören! Bitte, lass es aufhören! Stopp! Aufhören! Bitte! Stopp …
„STOPP!" Sie schrie so laut, dass es ihr die Stimmbänder zu zerreißen schien. Ihre Muskeln zuckten, zitterten, krampften. Ewig. Sekunden. Für immer.
Dann hörte es plötzlich auf. Hermine sackte in sich zusammen. Sie atmete heftig, aber da war nicht genug Sauerstoff. Ihr wurde schwindelig und schwarz vor Augen, aber immer noch konnte sie Rons Lachen hören. Immer noch konnte sie seine Füße vor sich sehen.
„Nochmal!"
„Crucio!"
Oh Merlin, nein! Nein! Bitte nicht! Nicht nochmal! Aufhören! Bitte, mach dass es aufhört!
Es brannte! Sie brannte! Sie wand sich, war blind vor Schmerz. Ein Ruck fuhr durch ihren Arm. Sie schrie, sie würgte, spuckte, heulte. Lass es aufhören!
Aber es hörte nicht auf.
Hermine schrie, selbst als ihr die Stimme versagte. Selbst als ihr die Luft ausging. Sie konnte nicht aufhören. Wenn sie nicht schrie, dann weinte sie. Sie wusste irgendwann nicht mehr, wie oft Ron sie mit dem Cruciatus-Fluch belegt hatte. Es gab keine Zeit mehr, es gab nur noch diesen Moment und er würde für immer dauern. Niemals wieder würde es aufhören wehzutun.
Und dann hörte es auf.
Der Schmerz verebbte, nur ihre aufgeriebenen Muskeln schrien noch immer. Zitterten. Ihr war heiß und kalt gleichzeitig.
Sie hob den Kopf, eine Anstrengung, die sie kaum bewältigen konnte. Ron kam einen Schritt auf sie zu. In der Hand hielt er wieder das Messer und deutete mit der Spitze der Klinge direkt auf ihr Gesicht. Sein Zauberstab war in der anderen Hand, er hatte gerade nicht vor, ihn zu benutzen. Er sah sie an, sah direkt in ihre Augen. „Tu es", hörte sie sich flüstern.
Wieder flackerte es in seinen Augen. Dann riss er die Hand mit dem Messer plötzlich nach unten und Hermine spürte, wie die Klinge tief in ihren Oberschenkel schnitt. Schmerz explodierte, nicht nur in ihrem Bein, auch in ihrem Arm! Jetzt, ohne den Cruciatus-Fluch, der sie in einen zuckenden Haufen aus heißem, blendenden Schmerz verwandelte, begriff sie endlich, was das für ein Ruck gewesen war. Ihr Arm war gebrochen.
Ron stand jetzt so dicht vor ihr, dass Hermine seinen Atem auf ihrem Gesicht spüren konnte. Sie roch seinen Schweiß und seinen Körpergeruch und was sonst der Inbegriff von Wohlbefinden und Geborgenheit gewesen war, verursachte ihr jetzt nur noch Übelkeit. Sie schmeckte Magensäure auf ihrer Zunge. Verzog das Gesicht.
Ron zog das Messer aus ihrem Bein und ließ es los, es fiel mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden. Blut quoll aus der Wunde und durchnässte ihre Jeans. Er legte die Hand an ihre Kehle. Die von ihrem Blut glänzende, rote Hand. Wieder krachte ihr Kopf hart gegen den Baumstamm und er drückte zu. Hermine hörte sich selbst gurgelnde Geräusche ausstoßen. Der Druck in ihren Augen wurde so heftig, dass sie glaubte, sie müssten ihr aus den Höhlen quellen.
Wummwuwummwummwuwumm …
Sie konnte nur Ron sehen. Während sie keine Luft mehr bekam und ihr Herzschlag langsamer wurde, konnte sie nur in dieses Gesicht sehen, von dem sie gedacht hatte, es wäre das schönste, das sie je gesehen hatte. Von dem sie gedacht hatte, dass sie es bis an ihr Lebensende als letztes sehen wollte, bevor sie abends die Augen schloss, und als erstes, sobald sie sie morgens öffnete.
Ihr Lebensende kam früher, als sie gedacht hatte.
„Expelliarmus!"
„Potter!", hörte Hermine aus weiter, weiter Ferne Voldemorts Stimme. „Hab ich es mir doch gedacht. Kaum spielt man ein bisschen mit den Schäfchen, schon taucht der Hirte auf."
Die Stimmen verschwammen, während Hermines Körper gegen besseres Wissen versuchte, Luft zu schnappen. Ihre Welt reduzierte sich auf diese leisen, japsenden Geräusche. Auf das Brennen des Sauerstoffmangels.
Und dann ließ Ron abrupt los. Stolperte zurück.
Hermine rang nach Luft. Ihr Herz raste, das Flimmern vor ihren Augen ließ mit jedem Atemzug mehr nach. Sie hustete, würgte.
„Befrei Hermine und dann lauft!", hörte sie Harrys Stimme. Sie sah in die Richtung, aus der sie gekommen war. Er und Voldemort standen sich gegenüber, Harrys Aufmerksamkeit war längst woanders.
Dann sah sie Ron an. Er stand bewegungslos vor ihr und starrte auf ihren Bauch, dann auf seine Hände. Sie waren blutig und zitterten. Wieder sah er ihre Wunden an und Hermine konnte den Moment sehen, in dem er begriff. Etwas in seinem Blick brach und er schluchzte, es war so markerschütternd, dass sie keuchte.
„Ron, bitte", flüsterte sie heiser. Tränen brannten in ihren Augen. Die magischen Fesseln zogen schmerzhaft an ihren Händen, an ihrem gebrochenen Arm. Sie versuchte, ihn zu entlasten, aber sie schaffte es nicht. „Bittebittebitte Ron!"
Das riss ihn endlich aus seiner Starre. Er löste die Fesseln und Hermine fiel auf den Boden. Sie schrie, als überall in ihrem Körper Schmerz explodierte. Ihr wurde schwarz vor Augen, so sehr tat es weh. Aber wieder wollte die erlösende Ohnmacht sie nicht vollends überwältigen.
„Es tut mir leid, es tut mir leid", hörte sie Ron flüstern, immer und immer wieder, nicht mehr als ein Hauch. Als er nach ihrem Arm greifen und ihr aufhelfen wollte, zuckte sie zurück.
Hermine sah ihn an, ihre Blicke trafen sich. „Ich kann nicht …", sagte sie, während er ein paar Schritte nach hinten stolperte.
Plötzlich wurden sie von Licht getroffen. Hermine hob ihren unverletzten Arm und schirmte ihre Augen dagegen ab, bevor sie sich nach der Quelle umsah. Harry und Voldemort wurden von einem Käfig aus gleißendem Licht umwoben. Was auch immer da geschah, sie würden ihm nicht helfen können. Hermine sah zurück zu Ron. Ihm zitterten die Beine so sehr, dass er beinahe zusammenbrach. Sein Blick lag auf ihr, sein Gesicht war zu einer Maske aus Schuld verzerrt. Hermine schluchzte. Ihn so zu sehen, tat mehr weh als alles, was er ihr eben angetan hatte.
Sie suchte auf dem Boden nach ihrem Zauberstab. Sie hatte ihn doch gesehen vorhin. Endlich ertasteten ihre Finger den bekannten Griff. Sie deutete damit auf Ron und murmelte: „Obliviate!"
Wieder wurde sein Blick leer. Aber nur kurz. Dann schüttelte er den Kopf, wurde vom Licht der Magie abgelenkt, in die Harry und Voldemort verwoben waren, und schien völlig vergessen zu haben, dass sie überhaupt da war.
Hermine sank erschöpft auf den Boden, spürte den Baumstamm in ihrem Rücken. Sie hörte sich schluchzen und presste sich eine Hand vor den Mund, damit Ron nicht wieder auf sie aufmerksam wurde.
Da endlich versank die Erinnerung und sie öffnete die Augen. Ihr Herz raste, in ihren Ohren rauschte es. Für einen Moment wusste sie nicht, wo sie war. Warum war da ein Kamin? Warum hatte sie ein Kissen in der Hand? Wo war Ron?
„Hermine."
Sie riss den Kopf herum. Severus. Sie schluckte. Bewegte sich und da war Schmerz. Sie keuchte, kniff die Augen zusammen. Bevor sie wusste, was sie tat, stand sie auf ihren Beinen. Das Kissen fiel mit einem dumpfen Geräusch auf den Boden. Sie stolperte darüber und wäre gestürzt, wenn Severus nicht seine Hand ausgestreckt und sie festgehalten hätte.
„Es ist vorbei", sagte er ruhig.
Sie blinzelte und war überrascht, dass er jetzt auch stand. Direkt neben ihr. „Nein", murmelte sie mit belegter Stimme.
Nichts war vorbei. Ihr ganzer Körper stand in Flammen!
Sie machte sich von Severus los und lief durch das Zimmer. Sie fühlte sich, als wäre sie an Deck eines schwankenden Schiffes. Immer wieder stieß sie gegen etwas und jede Berührung tat weh. Schließlich zwang sie sich, stehen zu bleiben. Sie lehnte sich gegen irgendein Möbelstück, sie konnte nicht erkennen, welches es war. Das Bild des Waldes drängte sich ihr hartnäckig auf. Sie verbarg das Gesicht in den Händen und beugte sich vorn über, bis sie sich mit den Ellbogen auf ihren Knien abstützen konnte.
„Hermine, schau mich an."
Sie zuckte zusammen. Severus' Stimme war direkt vor ihr. Aber ein Teil von ihr wusste, dass er es gut mit ihr meinte. Wie gegen einen Widerstand nahm sie die Hände runter und begegnete seinem Blick. Seine schwarzen Augen zu sehen, ließ etwas in ihr einstürzen. Sie hörte sich schluchzen und sie hörte ihre Stimme, ein Heulen. Sämtliche Luft wurde von der Wucht dieses Lauts aus ihren Lungen gepresst. Sekundenlang hing sie wie erstarrt in diesem Zustand, ehe sie nach Luft rang und so laut weinte, wie sie sich noch nie zuvor hatte weinen hören. Ihr ganzer Körper wurde geschüttelt von der Gewalt des Schmerzes. Das Zimmer verschwamm in Tränen und das nächste, was sie spürte, waren zwei warme, kräftige Hände, die nach ihren Handgelenken griffen und sie an sich zogen. Sie fand ihr Gesicht an Severus' Schulter wieder und seine Arme legten sich fest um sie.
Hermine wusste nicht, wie lange Severus sie im Arm hielt. Genauso wie der Schmerz in ihrer Erinnerung fühlte es sich endlos an. Ihr Körper bebte, zitterte, zuckte. Sie schaffte es einfach nicht, mit dem Weinen aufzuhören. Sein Hemd wurde ganz nass und das tat ihr so leid, dass sie sich aus der Umarmung zurückziehen wollte, aber über diesen Gedanken kam sie nicht hinaus. Sie spürte ihre Beine nicht, wäre einfach auf den Boden gefallen, wenn er sie losgelassen hätte.
Sein Geruch war es schließlich, der ihr neben der Wärme seines Körpers einen Anker im Hier und Heute gab. Der Wald und Rons Gesicht hörten auf, sich ihr aufzudrängen, je mehr sie sich Severus' Anwesenheit bewusst wurde. Ihr Weinen ließ langsam nach. Zurück blieb diese gewaltige Leere und die Gewissheit, dass es nie wieder gut werden konnte. Nie wieder.
Als sie schließlich verstummte, schob er sie so weit von sich, dass er sie ansehen konnte. Prüfend glitt sein Blick über ihr Gesicht. „Es geht wieder", hauchte Hermine hicksend, auch wenn die Tränen, die immer noch leise über ihre Wangen liefen, sie Lügen straften.
Er schüttelte den Kopf. „Setz dich, ich koch uns einen Tee." Führte sie zu ihrem Sessel zurück, hob das Kissen vom Boden auf und verwandelte es in eine Decke, die er über ihr ausbreitete, bevor er aus ihrem Blickfeld verschwand.
Hermine rollte sich zu einem Ball zusammen und starrte ins Feuer. Sie hickste noch gelegentlich, aber die Tränen versiegten langsam. Ihr Kopf tat weh und fühlte sich dumpf und leer an. Ihre Augen brannten. Sie sah die Flammen eigentlich gar nicht. Ihr Blick verschwamm. Ein kaum hörbares Dröhnen lag auf ihren Ohren. Sie wusste, dass sie irgendwie abwesend war. Sie hörte auch Severus in der Küche hantieren und bekam es mit, als er wieder ins Wohnzimmer kam. Aber sie brachte nicht die Kraft auf, sich zu bewegen. Sie schaffte es nicht einmal zu blinzeln.
Bis er sich vor sie stellte und ihr die Sicht auf das Feuer versperrte. Er ging in die Hocke. „Rede mit mir", sagte er. Seine dunkle Stimme hallte in ihrem Inneren wider.
Hermine blinzelte, schluckte. Ihre Zunge war trocken und klebte am Gaumen. Sie versuchte, ein Stück nach oben zu rutschen und sich gerade hinzusetzen, aber das war unglaublich anstrengend. Ihre Muskeln zitterten. „Ich … weiß nicht, was ich sagen soll", brachte sie schließlich träge hervor.
„Das ist ein Anfang", beschied Severus. Er erhob sich und setzte sich in seinen Sessel.
Hermine wandte ihm den Kopf zu. Es tat gut, seine Augen zu sehen. Es waren nicht Rons Augen. „Ich fühle mich … mehr da als hier."
„Das lässt nach, je mehr wir reden."
Sie spürte ein Lächeln an ihren Mundwinkeln zupfen. „Du sprichst aus Erfahrung."
Severus nickte. „Erzähl mir von der Erinnerung."
Hermine schloss die Augen und ließ die Luft aus ihren Lungen strömen. „Du hast sie doch gesehen."
„Vor dreizehn Jahren", sagte er. „Und nicht komplett. Ich hab Teile übersprungen, uns lief die Zeit davon. Aber du …" Er verstummte, bis sie die Augen öffnete und ihn ansah. „Du musst es aussprechen, Hermine. Erzähl es mir."
Also erzählte sie.
Eine Dreiviertelstunde später stand Hermine mit einer Tasse Tee in der Hand an der Hintertür in der Küche und starrte den Schuppen an, in dem Severus so viel Schlimmes erlebt hatte. Er war der Zeuge seines Leids.
„Du solltest ihn abreißen", sagte sie, als er neben ihr auftauchte.
Severus schwieg.
Ein warmer Frühlingswind zerzauste ihr die Haare, sie hörte Vögel in den Bäumen und Büschen zwitschern. Die Sonne war noch auf der anderen Seite des Hauses, sie stand im Schatten und fröstelte.
„Wie geht es dir jetzt?", fragte er schließlich.
Hermine seufzte. Er hatte es respektiert, als sie nach über einer halben Stunde des Rekapitulierens aufgestanden war. „Ich kann nicht mehr", hatte sie gesagt und war mit ihrer Tasse in der Hand nach draußen gegangen. Sie hatte frische Luft gebraucht und ein anderes Bild. Sie musste sich daran erinnern, dass die Welt hier draußen nicht dunkel und schmerzhaft war, sondern dass es Sonne gab.
Und jetzt war da dieser elende Schuppen.
Sie schloss kurz die Augen, um sich an seine Frage zu erinnern. Ach ja … „Das kommt auf den Ausgangspunkt an. Besser als vorhin, schlechter als vor ein paar Tagen." Sie sah zu ihm auf. „Schlecht genug, dass ich mich frage, wie ich nachher meine Schicht durchstehen soll."
„Du könntest dich krank melden", wandte er ein. Seine Arme waren vor der Brust verschränkt. Obwohl er im Schatten stand, leuchtete das weiße Hemd so sehr, dass Hermine kaum hinschauen konnte. Wie sonderbar, ein weißes Hemd an Severus. Nach all den Wochen, in denen sie ihn nun schon in Hemd und Hose gesehen hatte, sollte man meinen, sie hätte sich an diesen Anblick gewöhnt. Aber nein … „Hermine?"
„Hm?" Sie zog die Augenbrauen hoch und hob den Blick. Oh ja, Arbeit. „Fällt dir irgendeine unverfängliche, nicht Krankenhaus-bedürftige Krankheit ein, die mich länger als eine Stunde außer Gefecht setzt?"
Er kniff die Augen zusammen. „Nein", sagte er schließlich.
Hermine presste die Lippen aufeinander und nickte. „Die magische Welt kennt zu viele Tricks, um sich einfach so krank zu melden. Das bedeutet mehr Fragen, als ich gerade aushalten kann."
„Ich kann dir ein paar Tränke geben, um einigermaßen funktionieren zu können."
„Danke." Sie hob die Tasse an ihre Lippen und trank einen Schluck. Der Tee war längst kalt geworden.
„Du wirst dir die Erinnerung noch ein paar Mal ansehen müssen, bevor sie dich nicht mehr einfach so mit sich ziehen kann."
„Ich weiß." Sie musste sich ja schon jetzt wieder dagegen wehren. Nicht mehr so sehr wie gestern, aber doch spürbar. Sie hoffte sehr, dass zu den Tränken, die Severus erwähnt hatte, auch seine Eigenkreation gehörte, die schändlicherweise noch immer keinen Namen hatte. Etwas so Wundervolles sollte einen Namen haben.
„Willst du sie dir heute noch mal ansehen oder brauchst du eine Pause?"
„Pause", sagte Hermine, kaum dass er geendet hatte. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals, den sie mit einem weiteren Schluck Tee zu bezwingen versuchte.
„Und wann willst du weitermachen?"
Sie zuckte mit den Schultern. Am liebsten gar nicht, aber das war nicht der Weg, für den sie sich entschieden hatte. Als sie hörte, wie Severus Luft holte, sagte sie: „Ich weiß, Severus!" Sie begegnete seinem Blick. Ihre Augen schwammen in Tränen und das ließ ihn die Lippen aufeinander pressen und still nicken. Hermine zog die Nase hoch und sah wieder zum Schuppen. „Reiß das Ding bitte ab", sagte sie wieder.
„Ja, vielleicht irgendwann", entgegnete Severus.
