28. Was machen Sie da?

Langsam bewegte Rango den Kopf, als er allmählich aus seinem Schlaf erwachte.

Dabei fiel sein Blick nach vorne, wo er eine Bewegung in Bills Bett wahrnahm.

Mit schweren Augen sah Rango zu ihn rüber.

„Sag mir bitte, dass alles nur ein Traum war."

Bill, ebenfalls mit müden Augen, sah ihn nur wehleidig an. Er war immer noch etwas benebelt von den Schmerzmitteln, die Doc ihm nach der Behandlung verabreicht hatte.

„Ich wünschte, ich könnte dasselbe behaupten."

„Ist etwas passiert?", fragte Rango.

Doch Bill schüttelte den Kopf. „Nichts. Die Stadt ist so schweigsam wie ein Grab."

„Rango?"

Überrascht drehte das Chamäleon den Kopf Richtung Fenster, wo ein kleiner Kopf mit zwei großen, gelben Augen reinschauten.

„Rango?"

Seine Augen weiteten sich. „Kleine Schwester, was machst du denn hier?"

„Dummes Kind", murmelte Bill. „Solltest du nicht zuhause bleiben?"

„Rango, ich glaube, da draußen passiert etwas", sagte Priscilla ohne auf Bills Frage zu reagieren.

„Was?", fragte Rango.

„Jake, Bohne und zwei Taucher stehen auf der Straße, direkt vor dem Loch im Boden", antwortete Priscilla aufgeregt.

Jetzt saß Rango kerzengrade im Bett. „Was… was machen die da?"

„Vermutlich um das Gold zu finden."

Mit einem Ruck schwang Rango die Füße über die Bettkante.

„Was treibst du da?", fragte Bill mit großen Augen.

„Ich muss das sehen", antwortete Rango und erschauderte, als seine nackten Zehen den kalten Fußboden berührten.

„Das kommt ja nicht in Frage!", protestierte Bill. „Du könntest über sonst was fallen und dir den Hals brechen, und ich steck dann bis zum Hals im Dreck, wenn du tot bist."

„Versuch mich nur zu stoppen", giftete Rango ihn an, während er sich an den Bettpfosten festhielt und seine ersten Schritte probierte.

Bill biss die Zähne zusammen, dann schrie er laut: „DOKTOR!"

Nur Sekunden später sprang die Tür auf und Doc kam ins Zimmer reingestürmt. „Grund Gütiger, was ist passiert?"

Bill deutete auf Rango, der neben seinem Bett stand.

„Du liebe Güte", rief Doc. „Was machen Sie da? Sie müssen im Bett bleiben."

Noch bevor Doc das Chamäleon erreichen konnte, wich Rango ein paar Schritte zurück. „Kommen Sie ja nicht näher! Ich muss nach draußen."

„Warum, Mister Rango?", fragte der Arzt überrascht.

„Ich muss das sehen", erwiderte Rango.

„Was müssen Sie sehen? Ich verstehe nicht ganz."

„Wie sie das Gold rausholen."

„Wie haben Sie das…"

„Also stimmt es doch", unterbrach Rango ihn und versuchte sich an dem Arzt vorbeizuschieben. Doch Doc packte ihn am Arm.

„Mister Rango! Es ist das Beste für Sie, wenn Sie im Bett bleiben."

Doch Rango riss sich los. „Lassen Sie mich gehen, Doc. Ich fühle mich schon viel besser. Da darf ich doch wohl mal einen Spaziergang machen. Bitte, lassen Sie mich raus."

Bill verschränkte die Arme und knurrte: „Wir brauchen hier echt mal eine Krankenschwester."

Nervös wuselte sich der Arzt durchs Haar. Nach einer Weile gab er nach. „Na schön, Mister Rango."

Vielleicht war es ja das Beste ihm etwas Bewegungsfreiheit zu gewähren bevor er noch durchdrehte.

„Na gut. Aber Sie bleiben in meiner Nähe."

Damit war Rango einverstanden und zusammen gingen sie durch die Tür.

Jetzt bewegte auch Bill seine Beine aus dem Bett. „Wartet! Ich möchte mitkommen!"

„Nein, Bill", sagte Doc entschieden. „Du bleibst im Bett. Deine Stiche sind immer noch zu frisch um einer großartigen Bewegung standzuhalten."

Damit schloss sich die Tür und ein klickendes Geräusch ließ Bill erstarrten. „Verdammt! Das glaub ich nicht. Er hat die Tür abgeschlossen! Das ist eine gesetzeswidrige Festnahme, Dr. Frankenstein!"


Niemand außer Jake, Bohne und die zwei Taucher befanden sich auf der Straße. Mühsam bemühten sich die Tauchgänger die Holzbretter zu heben, die das Loch bedeckten.

Jake hob den Kopf, als er Rango mit Doc im Schlepptau auf sich zukommen sah.

Rango hielt an. „Erlaubst du mir dabei zuzusehen?"

Jake stieß ein spöttisches Schnauben aus. „Wie du willst, kleiner Mann."

Damit nickte Rango ihm dankbar zu. Er gab Bohne nur einen flüchtigen Blick, wobei Jake sie nicht aus den Augen ließ. Schließlich wanderten alle Augen auf das Erdloch, nachdem die Taucher auch das letzte Stück Holz entfernt hatten.

„Alle klar", meinte der erste. „Werfen wir mal einen Blick rein."

Sie knieten sich auf den Boden und stecken ihre Köpfe ins Wasser.

Jake warf Rango einen bösartigen Seitenblick zu. „Dieselbe Falle, die du mir damals gestellt hast."

Rango seufzte ohne ihn dabei anzusehen.

„Na gut", sagte der erste Taucher. „Is sehr dunkel da unten, aber das ist kein Problem. Also, was genau sollen wir jetzt tun?"

„Nun", begann Bohne. „Vielleicht könntet ihr zuerst den Untergrund erkunden, sodass wir eine Karte vom Tunnelsystem zeichnen können. Dann könnten wir vergleichen, ob irgendetwas mit diesen Symbolen übereinstimmt."

Sie holte das Papier mit den merkwürdigen Symbolen und runzelte die Stirn. „Soweit wir das überhaupt können."

Sie warf Rango einen sehr vorsichtigen Blick zu, wegen Jake.

„Was denkst du darüber?"

Zuerst schwieg Rango, doch dann schüttelte er den Kopf. „Nun, ich denke… das wäre eine gute Idee. Könnte ich das Papier nochmal sehen?"

„Natürlich kannst du", stimmte Bohne hastig zu und händigte das Papier an ihn aus. Rango nahm es eilig entgegen. Doch als sie das Papier zusammenhielten, stoppen sie mitten in ihren Bewegungen.

Jake verengte seine Augen nur noch enger zusammen, als er ihr Zögern bemerkte.

Bohne lockerte ihren Griff um das Papier und Rango hielt es allein in der Hand. Für drei Sekunden hielten sie den Augenkontakt, bis Rangos trauriger Blick wieder auf das Papier wanderte.

„Und wonach genau sollen wir suchen?", fragte der zweite Taucher.

„Schwimmt einfach durch die Tunnel und haltet Ausschau nach etwas, dass euch merkwürdig vorkommt", sagte Bohne.

„Nach was denn?", fragte der erste Taucher.

„Jetzt tut es einfach!", unterbrach Jake ihre Fragerei.

Die beiden Taucher nickten hastig und holten ein paar Sachen aus ihren Taschen.

„Wie gut, dass wir unsere Unterwasserlampen dabeihaben. Es ist unten sehr dunkel."

„Woher habt ihr die denn her?", fragte Rango.

„Von einem Freund aus Hollywood", erklärte der zweite Taucher.

Damit stiegen sie in das Loch und verschwanden im dunklen Wasser. Für einen Moment sahen sie noch die Lichter der Lampen, dann waren auch sie aus dem Blickfeld verschwunden.

„Ich hoffe, dass sie nicht zu lange brauchen", meinte Rango um etwas zu sagen.

„Allerdings", meinte Bohne monoton.

Jake, der sich zwischen sie platziert hatte, gab jedem von ihnen einen Seitenblick.

„Ich hoffe, es ist bald vorbei", dachte er und grinste. „Und für dich."

Bohne hatte ihn darum gebeten, Rango noch nichts von ihrem Deal zu verraten. Aber sie wusste, dass die Zeit kommen würde, früher oder später.

„Entschuldigen Sie, aber was machen Sie da?"

Alle drehten sich um.

„Was…?" Rango wurde blass. „Mister Owlden?!"

Bohne verlor für einen Moment den Halt, fing sich aber noch im letzten Moment bevor sie nach hinten fallen konnte. „Was… wie… ich dachte…"

Rango kam ihr mit der Frage zuvor. „Wir dachten, Sie wären tot."

Die alte Eule schwang ihre Flügel. „Das haben wohl alle gedacht. Aber ich konnte mich mit Hilfe eines Pfeffersprays von meinen Feinden befreien und auf einem Roadrunner entkommen, wo ich…"

Er hielt inne, als ihn alle ungläubig anstarrten.

„Das glaubt mir jetzt keiner, oder? Hab ich mir gedacht. Egal."

„Was haben Sie vorhin gesagt?", fragte Bohne.

„Egal."

„Nein, der erste Satz", korrigierte Rango.

„Was Sie da machen? Ja, ich fragte, was Sie machen."

„Wir suchen nach dem Gold", gab Bohne zur Antwort.

„Warum denn hier?", fragte die alte Eule und deutete auf das Wasser gefüllte Loch im Boden.

„Weil wir vermuten, dass sich das Gold unter der Stadt befindet", fuhr Rango fort.

„Wer hat euch das denn gesagt?"

„Böser Bill", sagten Rango und Bohne gleichzeitig.

Mister Owlden kratzte sich am Kopf. „Woher will er das wissen?"

„Von Bürgermeister John", fügte Jake hinzu, nur um auch etwas sagen zu können.

„Bürgermeister John?", wiederholte Mister Owlden. „Wie…"

Damit schlug er sich die Hände über den Kopf. „Ist das zu fassen?"

Er hielt sich den Bauch und lachte. „Ha, ha, ha, oh, meine Güte. Bürgermeister John oder sonst jemand hatte wirklich einen merkwürdigen Sinn für Humor."

Jake verengte die Augen. Er mochte es nicht, wenn jemand so lachte. „Wovon redest du da?"

Mister Owlden räusperte sich entschuldigend. „Meine Güte, Bürgermeister John wusste es am besten und dieser Witz ist ihm besonders gelungen. Leute, Ladies and Gentlemen. Das Gold lag niemals unter der Stadt."

Rango blieb der Mund offen, während die anderen kein Wort herausbrachten, bis Jake die Stille unterbrach.

„Was hast du gesagt?"

Mister Owlden hob die Hände. „Meine Lieben, das Gold liegt nicht unter der Stadt, sondern…"

Plötzlich knallten mehrere Schüsse.

Instinktiv warfen sich alle auf den Boden.

„YEAHHH!", schrie jemand und feuerte weitere Kugeln in die Luft.

Nicht weit entfernt saßen zwei Kojoten auf ihren Roadrunnern. Jeder von ihnen trug einen weiteren Kojoten im Sattel.

Jake klatsche sich mit der Waffe gegen die Stirn. „Verdammt! Diese zwei Bastarde habe ich im Gefängnis fast vergessen."

Alle hatten sich so sehr auf die Tunnelexpedition konzentriert, dass niemand, nicht einmal Jake, bemerkt hatte, wie zwei andere Kojoten in die Stadt eingedrungen und ihre zwei Kumpanen auf dem Knast befreit hatten.

„Runter!"

Rango wollte Bohne in Sicherheit bringen, doch Jake war schneller und sprang mit Bohne in seinen Schlingen hinter ein Haus. Das Chamäleon wurde zu Boden geworfen und sah ihnen ungläubig hinterher.

Irgendjemand schrie. Die Kojoten rasten im schnellen Tempo über die Straße, direkt auf Mister Owlden zu. Doch noch ehe sie die alte Eule erreichen konnten, trat sie ein Kugelhagel. Einer schrie auf. Die Reiter machten kehrt und galoppierten davon.

Rango lag immer noch auf den Boden. Als die Schüsse leiser wurden, krabbelte hinter einem nächsten Haus in Deckung. Erleichtert seufzte er auf und versteckte sich hinter ein paar Kisten. Er hörte die Kojoten wild diskutieren und feuerten nochmal eine Ladung Kugeln ab.

Jake reagierte mit einer feurigen Antwort und schoss wie ein Verrückter nach ihnen.

Rango war kurz davor sich das Spektakel anzusehen, als er auf einmal eine Bewegung aus dem Augenwinkel vernahm. Er drehte sich um und sah gerade noch wie Bill hinter der nächsten Biegung verschwand. Vor Wut verengte das Chamäleon die Augen und rannte ihm nach.

In diesem Moment mussten die Kojoten einsehen, dass sie gegen die schießwütige Klapperschlange keine Chance hatten. Unter lautem Protest und Schüssen hauten sie in die Wüste ab.

Voller Stolz blies Jake über den Lauf seiner Waffe. „Sie sind weg."

Er sah sich um. Einige Stadtleute hatten die Läden ihrer Fenster geöffnet, um zu sehen was den Lärm verursacht hatte. Auch Mister Owlden richtete sich auf. Er war über und über mit Staub und Dreck bedeckt, aber es ging ihm gut. Bohne hob den Kopf und blickte sich hastig um.

„Wo ist Rango?"


Bill ritt auf seinen Roadrunner so schnell er konnte. Doch kaum hatte er die ersten Hügel überquert, plagten ihn heftiges Seitenstechen.

„Verdammt!", fluchte er und musste eine Zwangspause einlegen.

Erschöpft und völlig außer Atem hielt er den Roadrunner an und stieg ab. Mit schmerzerfülltem Gesicht hielt er sich den Bauch. Es war ein Fehler gewesen mit solchen Wunden einfach loszureiten.

„Du brauchst nur eine Pause, nur eine kleine Pause", keuchte er.

Er warf einen Blick nach hinten. Die Stadt war nicht mehr zu sehen.

Erleichtert wischte er sich über die Stirn. „Endlich wieder frei."

Plötzlich traf ihn ein Stein am Kopf. Er wirbelte herum und erstarrte förmlich, als eine bekannte Figur vor ihm stand.

Nein! Nicht der schon wieder!

„Wie bist du… Was willst du schon wieder? Du bist schlimmer als eine Klette."

Das Chamäleon verengte die Augen, die vor Hass nur so brannten.

Unsicher sah Bill ihn an. „Ist was?"

Rango holte tief Luft bevor er brüllte: „DU HAST GELOGEN!"