Hat vielleicht mal wieder jemand ein paar Worte für mich übrig? Ich fühl mich schon wieder so einsam hier... :/


Kapitel 28

Als Hermine am Nachmittag die Station betrat, lief sie beinahe in Patrick hinein. „'Tschuldigung", murmelte sie und wollte an ihm vorbeigehen, als er sie aufhielt.

„Ist alles okay? Du siehst schrecklich aus."

„Dankeschön", sagte sie, vielleicht eine Spur zu sarkastisch. Als er überrascht die Augenbrauen hochzog, fügte sie hinzu: „Es geht mir gut, nur meine Allergie. Ich muss endlich diesen Heuschnupfen-Trank nehmen …"

Wirklich überzeugt schien er nicht, aber er fragte nicht weiter nach. Nickte nur und Hermine ging ins Dienstzimmer, um sich umzuziehen.

Dort angekommen sank sie zerschlagen auf einen Stuhl und versuchte ihre Tränen mit ein paar ruhigen Atemzügen unter Kontrolle zu bekommen. Severus hatte ihr zwar die versprochenen Tränke gegeben, tatsächlich auch etwas von seinem Trank, aber die letzte Nacht und der Vormittag steckten ihr in den Knochen. Selbst wenn die Erinnerung sie nicht bedrängte, musste sie klarkommen mit dem Nachhall der Folter, die sie vorhin wieder durchlebt hatte.

Sie hatte mit Severus ausgemacht, dass sie morgen nach der Arbeit zu ihm kommen würde. Es wäre ihr lieber gewesen, bis zu ihrem nächsten Dreitagesintervall zu warten, aber die wenige Zeit, die davon übrig geblieben war, brauchte sie, um sich auf die Begegnung mit Ron vorzubereiten. Von allen ungünstigen Zeitpunkten der letzten Monate hatte ihre Erinnerung sich den absolut ungünstigsten ausgesucht, um sie wieder heimzusuchen.

Hermine atmete tief durch und wischte sich über die immer noch geröteten und empfindlichen Augen. Dann zog sie sich um.

„Irgendwas Wichtiges?", fragte sie wenige Minuten später Trisha, als diese ihr die Akten der stationären Patienten entgegen schob. Es waren nur drei.

„Nein, nichts besonderes. Higgins, Maura sitzt nur die vorgeschriebene Wartezeit nach der Behandlung eines Alraunen-Schadens ab. Trebbins, Archibald hat versehentlich einen unbeschrifteten Trank genommen; wir wissen noch nicht genau, welcher es war, wahrscheinlich war er falsch zubereitet. Wir probieren uns gerade durch sämtliche Gegengifte, um sein chronisches Lachen zu beenden. Wenn du eine Aufmunterung brauchst, geh zu ihm." Trisha grinste, Hermine lächelte immerhin müde. „Und dann ist da nur noch Rawlins, William."

Hermine stutzte. „Er ist immer noch hier?"

„Ja." Trisha seufzte. „Er tut sich schwer mit dem Entzug. Hat immer noch vor, sich neues Euphorie-Elixier zu besorgen, sobald wir ihn entlassen. Das oder ein Gift, er schwankt da von Stunde zu Stunde. Vielleicht sollten wir ihn und Mr Trebbins mal zusammensetzen …"

Hermine überflog die Eintragungen in seiner Akte. „Wartet gerade jemand?"

„Nein, es ist ruhig."

„Gut, dann geh ich mal zu ihm." Sie klappte die Akte zu und wandte sich vom Tresen ab. Kurz darauf klopfte sie an die Tür des Zimmers 4, bekam jedoch keine Antwort. Sie ging hinein und fand sich in orangenem Halbdunkel wieder. Billie hatte die Gardinen an den Fenstern zugezogen. Das Licht, das vom Gang her in sein Zimmer fiel, entlockte ihm ein Murren.

Hermine schob die Tür hinter sich ins Schloss, dann ging sie zum Fenster, zog die Gardinen zu den Seiten und öffnete es weit. Billie zog sich die Decke über den Kopf. „Gehen Sie weg."

Sie zog sich scharrend einen Stuhl an sein Bett und setzte sich. „Ich gehe, wenn wir miteinander geredet haben."

Die Bettdecke zitterte. „Ich will nicht reden."

„Ich weiß." Sie wischte sich über die Stirn. „Reden ist … manchmal einfach das Letzte. Aber es ist leichter als die Worte zu tanzen, also sollten wir vielleicht für unseren Mund dankbar sein."

Billie antwortete nicht, aber als Hermine nach seiner Decke griff und sie herunterzog, wehrte er sich nicht dagegen. Seine Augen waren genauso gerötet wie ihre eigenen, die Haare standen in alle Richtungen ab und hätten schon längst gewaschen werden müssen. Er zog die Nase hoch.

„Es geht Ihnen richtig schlecht", stellte Hermine fest.

Er nickte.

„War das auch schon so, bevor Sie das Euphorie-Elixier genommen haben?"

„Ja", sagte er dumpf. „Deswegen hab ich es genommen."

„Verstehe. Haben Sie eine Idee, warum es Ihnen so schlecht geht?"

„Nein. Das ist es ja. Ich hab einen Job, den ich mag, meine Freundin ist der Hammer, es ist alles so, wie ich es mir gewünscht habe."

„Aber Sie spüren es nicht."

Er schüttelte den Kopf. Dann zog er die Hände unter der Decke hervor und knibbelte an seinen Nägeln. „Hört das jemals wieder auf?"

„Ich werde tun, was in meiner Macht steht, um dafür zu sorgen. Erst mal bekommen Sie ab morgen einen Trank, der Ihnen helfen wird. Und Sie können sich auch selbst helfen. Lassen Sie Licht und Luft in dieses Zimmer und beschäftigen Sie sich. Ziehen Sie sich an, gehen Sie nach oben ins Café. Das ist alles kein Wundermittel, es wird sich schlimm anfühlen, aber … es ist ein Anfang."

Wieder zog er die Nase hoch. „Ally kommt nachher. Vielleicht … geht sie mit mir."

„Das wird sie bestimmt." Hermine lächelte. „Geben Sie nicht auf, bevor ich es tue, okay?"

„Okay."

Hermine berührte seine Bettdecke, als sie aufstand und das Zimmer verließ. Sie fuhr sich durch die Haare, während sie zu Trisha an den Tresen zurückkehrte. „Geben Sie ihm morgen früh zwei Tropfen Aufmunterungstrank in seinen Tee", sagte sie und machte einen entsprechenden Vermerk in der Akte.

Trisha sah überrascht zu ihr auf. „Okay …", sagte sie gedehnt.

Hermine seufzte. „Ist Heiler Matthews noch da oder hatte er eben Schluss?", fragte sie, nachdem sie mit ihren Notizen fertig war.

„Nein, er ist da, behandelt gerade einen Patienten in der 2. Und in der 1 wartet noch jemand. Bubotubler-Verletzungen im Gesicht. Er hat schon einen Schmerztrank bekommen."

„Danke, ich kümmere mich um ihn." Hermine schenkte Trisha ein Lächeln, bevor sie ihr die Akte aus der Hand nahm und zum Behandlungszimmer 2 ging. Sie klopfte kurz und streckte den Kopf durch einen Spalt in der Tür. „Ich muss dich bei Gelegenheit mal sprechen", sagte sie, als Patrick den Blick zu ihr hob.

„Ist gut", entgegnete er gepresst, mit seinem ganzen Gewicht auf den Tentakel einer Teufelsschlinge gestützt, die sich fest um das Bein seines Patienten gewickelt hatte und sich gerade weiter nach oben vorarbeiten wollte.

„Brauchst du Hilfe?"

Patrick lachte kurz. „Nein, geht schon." Er nahm sein Knie zur Hilfe, nagelte den Tentakel auf der Liege fest und zog seinen Zauberstab aus der Tasche.

Hermine schenkte dem Mann, der mit weit aufgerissenen Augen Patricks Bemühen beobachtete, ein aufmunterndes Lächeln und zog sich wieder zurück. Dann ging sie eine Tür weiter und kümmerte sich um den nächsten Patienten.


Gegen zehn Uhr am Abend ließ die Wirkung von Severus' Trank langsam nach. Hermine merkte es, während sie den Behandlungsverlauf ihres letzten Patienten notierte. Ihre Gedanken schweiften ab, als sie über eine Formulierung nachdachte, und plötzlich blitzte Ron vor ihrem inneren Auge auf. Mit einem Messer in der Hand und ihrem Blut am Mund. Sie schüttelte den Kopf und fuhr sich über die Augen. „Ich brauch kurz eine Pause", murmelte sie Trisha zu und flüchtete ins Dienstzimmer.

Ihr Herz pochte heftig, sie zitterte und schwitzte gleichzeitig. Hermine stützte sich auf die Lehne eines Stuhls und zwang sich, ruhig durchzuatmen.

Zwei Stunden ging ihre Schicht noch. Severus hatte den Trank so dosiert, dass er die vollen acht Stunden hätte wirken sollen. Entweder er hatte sich verrechnet – was sie eigentlich direkt ausschließen konnte; oder die Erinnerung hatte noch so viel Energie, dass sie die Wirkung des Trankes schneller durchbrach, als Severus erwartet hatte. Theoretisch wäre es auch denkbar, dass sie schon jetzt die Toleranz entwickelte, die Severus erwähnt hatte, aber bei der zweiten Anwendung war das eher unwahrscheinlich.

Er hatte ihr noch eine zweite Dosis des Trankes mitgegeben, aber sie hatte ihm versprechen müssen, sie erst am Morgen für ihre nächste Schicht zu nehmen. Für die Nacht hatte er ihr den Traumlos-Schlaftrank gebraut (ihr waren wieder die Tränen in die Augen gestiegen, als er ihn ihr gegeben hatte). Nur was sie tun sollte, wenn einer der Tränke zu früh seine Wirkung verlor, das hatte er ihr nicht gesagt.

Hermine legte sich die kalten Hände ans erhitzte Gesicht und sah aus dem Fenster. Sie war doch selbst Heilerin, im Gegensatz zu Severus sogar eine fertig ausgebildete. Und Ärztin. Sie würde doch wohl einen Weg finden, um zwei Stunden mit dieser verdammten Erinnerung auszuhalten!

Gedanklich ging sie die Tränke durch, die eine beruhigende Wirkung hatten. Der Trunk des Friedens kam nicht in Frage, er sedierte zu sehr. Den Entspannungstrank konnte man in seiner Wirkung nicht dosieren, er wirkte entweder ganz oder gar nicht. Alle anderen, die hier im St.-Mungos vorrätig waren, gehörten schon in die Kategorie Schlaftränke und waren ungeeignet, wenn man bei klarem Verstand bleiben musste.

Als sie an diesem Punkt in ihren Gedanken angekommen war und gerade überlegte, ob sie jetzt weinen oder in Panik verfallen sollte, ging hinter ihr die Tür auf. „Endlich ist mal fünf Minuten Ruhe. Du wolltest mich sprechen?" Patrick.

Hermine wischte sich schnell über die Augen, ehe sie sich zu ihm umwandte. „Ja, es geht um Rawlins, William …"

„Hey, ist wirklich alles okay mit dir?", unterbrach Patrick sie und kam mit besorgtem Blick zu ihr. „Das ist doch keine Allergie."

Hermine schluckte, dann sagte sie: „Stimmt. 'Allergie' ist das Codewort für 'Bitte frag nicht weiter nach'."

Patrick war sichtlich unzufrieden mit ihrer Antwort, nickte aber. „Du passt doch auf dich auf, ja?"

„Ja." Sie hielt seinem Blick einen Moment lang stand. „Also, Rawlins, William."

„Was ist mit ihm?"

„Ich denke, er könnte ein Problem haben, das die Muggel besser behandeln können."

Mit diesem Satz hatte Hermine es geschafft, Patricks Aufmerksamkeit komplett von sich abzulenken. Seine Augenbrauen zuckten, er nickte wissbegierig. „Erzähl!"

„Er ist depressiv. Er hat das Euphorie-Elixier nicht genommen, weil er neugierig war oder einen Kick haben wollte, sondern weil er seine Symptome gelindert hat."

Patrick runzelte die Stirn. „Ich hab das Wort schon mal gehört", murmelte er und sah so aus, als würde er gerade seine kompletten Erinnerungen nach diesem Stichwort durchforsten.

„Depressionen sind eine Erkrankung des Geistes. Im Grunde machen sie etwas sehr ähnliches wie Dementoren, nur dass dabei kein Patronus hilft", erlöste Hermine ihn.

„Aber die Muggel wissen, was hilft."

„Na ja, sie haben kein perfektes Heilmittel, aber sie haben Möglichkeiten, Depressionen zu behandeln, ja. Die Anzahl der Muggel mit Depressionen steigt immer weiter an, sie sind also motiviert."

Patrick schüttelte leicht den Kopf. „Wenn so viele Muggel davon betroffen sind, warum kennen wir diese Krankheit nicht?"

„Ich denke schon, dass es auch einige Betroffene in der magischen Gemeinschaft gibt, wenn auch deutlich weniger als bei den Muggeln. Es wird hier nicht als Krankheit erkannt. Mr Rawlins ist sicherlich nicht der einzige, der sich mit stimmungsaufhellenden Tränken selbst behandelt. Deswegen gibt es so viele Rückfälle nach dem Entzug. Warum weniger Hexen und Zauberer betroffen sind, sollte man aber mal genauer erforschen."

„Und wie behandeln die Muggel diese Depressionen?" Hermine lächelte über die Art und Weise, wie er das Wort aussprach; als ob er eben gerade erst seine Ausbildung begonnen hatte und noch ungeübt in medizinischen Fachbegriffen war.

„Meistens mit Gesprächen, oft kombiniert mit Medikamenten. Aber diese Gespräche sollte schon jemand führen, der weiß, was er tut. Die Muggel nennen solche Menschen Therapeuten. Zu so jemandem können wir Mr Rawlins nicht schicken. Ich würde es also nur mit Medikamenten versuchen."

„Brauchst du dafür auch wieder diese Nadel im Arm?"

„Nein, das sind Tabletten. Wie kleine Bonbons, die aber im Ganzen geschluckt werden." Patrick kniff die Augen zusammen; die Vorstellung schien ihn abzustoßen. „Ich hab Kontakt zu einem Tränkemeister, ich werde ihn mal fragen, ob man den Wirkstoff nicht in einen Trank verpacken kann. Das ist auch weniger gefährlich, was die Aufmerksamkeit des Ministeriums betrifft."

„Gute Idee", stimmte Patrick ihr zu. „Und was machen wir bis dahin mit ihm?"

Sie seufzte. „Ich hab erst mal niedrig dosiert den Aufmunterungstrank angesetzt." Patrick verzog das Gesicht und Hermine verstand gut warum; der Aufmunterungstrank hatte ein genauso hohes Suchtpotential wie das Euphorie-Elixier. „Ich weiß, ich weiß", sagte Hermine deswegen, bevor er sie darauf hinweisen konnte, „Aber er braucht gerade ein bisschen Erleichterung, sonst holt er sich bei der nächsten Gelegenheit kein Euphorie-Elixier mehr sondern ein Gift. Es geht nur um ein paar Tage."

„Gut, dass wir ihn hier im Auge behalten können." Patrick versank einen Moment in seinen Gedanken, dann sah er sie wieder an und schien sich daran zu erinnern, dass es ihr nicht gut ging. „Geh nach Hause, Hermine. Es wird schon ruhiger und die letzten zwei Stunden schaff ich auch alleine."

„Nein, das geht schon", entgegnete sie mit einem Kopfschütteln.

„Hey!" Er fasste ihren Arm an und Hermine musste den Impuls niederkämpfen, sich aus der Berührung zu winden. „Ich meine es ernst, geh nach Hause!"

Die aufrichtige Besorgnis, mit der er sie ansah, trieb ihr wieder die Tränen in die Augen. Sie war wirklich nicht auf der Höhe. „Okay. Danke."


Severus hatte ihr zwar ein Versprechen abgenommen, was die Einnahme seines Trankes betraf, aber für den Traumlos-Schlaftrank hatte er nichts dergleichen verlangt. Zweifellos weil man bei dem Trank nicht viel falsch machen konnte. Und vielleicht auch, weil er im Laufe der letzten Wochen ein gewisses Vertrauen in ihre Fähigkeiten als Heilerin gewonnen hatte.

Hermine nutzte das nun jedenfalls aus, um den Trank höher als üblich zu dosieren und gleich nach ihrer Rückkehr aus dem St.-Mungos schlafen zu gehen. Allzu viel Zeit hatte sie ohnehin nicht, bis sie wieder bei der Arbeit sein musste; ihr stand einer der verhassten Wechsel von Spät- auf Frühschicht bevor. Aber mit Hilfe des Trankes war ihr Schlaf ruhig und tief und sie fühlte sich am nächsten Morgen tatsächlich kurzzeitig erholt und ausgeschlafen.

Genauso wie der Trank der lebenden Toten schien auch der Traumlos-Schlaftrank noch etwas nachzuwirken, was das Beruhigen der Erinnerung betraf. Sie steckte sich die Phiole mit Severus' Trank deswegen in die Umhangtasche und trat ihre Schicht vorerst ohne ihn an. Sie musste davon ausgehen, dass die Dosis auch heute zu niedrig sein würde, um die ganze Schicht anzuhalten, also war es vermutlich schlauer, die Einnahme soweit wie möglich hinauszuzögern.

Wieder war es kurz nach zehn, aber diesmal am Morgen, als die Erinnerung anfing, sie zu sehr zu beeinträchtigen. Eine Patientin, die einige Bisswunden beim Umtopfen ihrer fangzähnigen Geranien davongetragen hatte, riss sie mit einer Berührung aus einem Flashback, den das schon mehrere Stunden anhaltende und daher sehr heiser klingende Dauerkichern eines Kindes im Wartebereich ausgelöst hatte. Nachdem Hermine Severus' Trank genommen hatte, fand sie gar nicht mehr, dass es an Rons hohles Lachen erinnerte.

Auch an diesem Tag hielt die Wirkung des Trankes nur etwa sechs Stunden an, so dass ihr das Apparieren zu Severus mehr Konzentration abverlangte als sonst. Der Schichtwechsel hatte länger gedauert, weil mittendrin mehrere Notfälle reinkamen und Hermine mithelfen musste, bevor sie gehen konnte. Der selbst gebrannte Alkohol, der den Geschmack des persönlichen Lieblingsgetränks annehmen sollte, hatte eine halbe Feiergesellschaft vergiftet.

So war es dann schon kurz vor fünf, als sie an Severus' Haustür klopfte. Ihr tat der Kopf weh, was nicht nur an ihrer aufdringlichen Erinnerung lag, und obwohl sie in der letzten Nacht gut und für ihre Verhältnisse lange geschlafen hatte, war sie einfach erschöpft. Sie lehnte sich gegen den Türsturz, während sie auf Severus wartete, und stieß sich unmotiviert davon ab, als er ihr öffnete. „Du hast deinen Trank zu niedrig dosiert", sagte sie anstelle einer Begrüßung.

Er zog die Augenbrauen in die Stirn. „Hm."

Hermine, die inzwischen an ihm vorbeigegangen war und ihren Umhang an die Garderobe gehängt hatte, wandte sich zu ihm um. „Was bedeutet dein 'Hm'?"

„Es bedeutet, dass deine Erinnerung hartnäckiger ist, als ich erwartet habe."

„Schön, dass es nicht nur mir so geht." Sie ließ sich in den Sessel fallen und fuhr sich mit gespreizten Fingern durch ihre Haare. „Aber ich hatte Glück. Patrick hat mich gestern Abend zwei Stunden eher nach Hause geschickt und heute hat der Traumlos-Schlaftrank noch nachgewirkt, ich konnte deinen Trank also später nehmen."

„Wirkt er noch?"

Sie sah ihn von der Seite an. „Seh ich so aus, als würde er noch wirken?"

Er ersparte sich eine Antwort darauf. „Dann darf ich dich dieses Mal wohl fragen, was du heute tun möchtest. Über die Erinnerung reden oder sie anschauen?"

Hermine runzelte die Stirn. „Du siehst aus, als hättest du Spaß an den vertauschten Rollen."

„Ich habe keinen Spaß daran, dich so zu sehen. Aber ja, es ist interessant, mal auf der anderen Seite zu sitzen."

Sie wischte sich über die Stirn. Unter ihrer kalten Hand fühlte sie sich ungewohnt heiß an. „Es ist im Moment so anstrengend, mich gegen die Erinnerung zu wehren … Ich befürchte, ich muss sie mir nochmal anschauen, bevor ich darüber reden kann, ohne ständig abzurutschen."

„Ich warte hier auf dich", sagte Severus. Die Falte zwischen seinen Augenbrauen war tiefer als sonst.

„Danke." Und dann hörte Hermine auf, sich zu wehren.

Die Bilder fielen über sie her wie ein Schwarm Hornissen – und sie taten auch genauso sehr weh.

Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, bis sie am Ende der Erinnerung angekommen war. Jeder Schlag, jeder Schnitt, jeder Crucio schien sich endlos in die Länge zu ziehen. Und als sie endlich, endlich, endlich an dem Punkt angekommen war, an dem die Erinnerung sie beim letzten Mal entlassen hatte … fing sie einfach wieder von vorne an!

Hermine wollte schreien, so groß war ihre Verzweiflung. Und ihr Frust. Das war so unfair! Sie war doch hier, sie sah es sich doch an! Warum … Warum durfte sie keine Pause haben?

Aber sie konnte nicht schreien. Sie konnte nicht mal die Augen schließen, konnte sich dem Schmerz nicht entziehen. Der Geruch des Waldes und der Geruch von Ron waren so stark, dass sich ihr der Magen umdrehte. Sie schmeckte ihr Blut. Es lief ihr den Rachen hinunter, sie spuckte es aus. Die Schmerzen waren so allumfassend, dass die Bilder der Erinnerung vor ihrem geistigen Auge verschwammen. Ihr Körper stand in Flammen, für immer.

Und dann irgendwann, eine weitere Ewigkeit später, war es endlich vorbei.

Vorbei.

Sie hörte ein Knistern, das sie nach ein paar Sekunden als Feuer identifizierte und da wusste sie, dass sie die Augen wieder öffnen konnte.

Das Wohnzimmer schwankte vor ihren Augen. Hermine schlug die Hände vors Gesicht und beugte sich nach vorn. Ihr war entsetzlich übel. Noch immer brannte ihre Haut, als hätte man sie mit kochendem Wasser übergossen, bei jeder Bewegung wurde ihr schwarz vor Augen.

„Was brauchst du, Hermine?", fragte Severus in ihre mühsam beherrschten Atemzüge hinein.

Sie schluckte schwer. „Schmerztrank", murmelte sie, „Und was gegen Übelkeit." Sie verzog das Gesicht und presste sich die Hand vor den Mund, schloss die Augen, nachdem Severus gegangen war. Sie konzentrierte sich auf ihren Herzschlag. Zählte ihn und fand etwas Sicherheit darin. Ihre Bauchdecke brannte so heftig, dass sie nur schwer dem Bedürfnis widerstehen konnte, ihre Bluse hochzuziehen, so wie Severus es letztens mit seinem Hemd getan hatte. Einzig die Gewissheit, dass sie ihre Übelkeit nicht mehr würde kontrollieren können, wenn sie sich zu viel bewegte, hielt sie davon ab. Sie würde eh nichts finden, nicht mal Narben. Madam Pomfrey hatte all ihre körperlichen Wunden geheilt. Mit betroffener Miene, aber ohne Fragen zu stellen.

Schließlich war Severus zurück. Er berührte sie am Arm und Hermine zuckte vor Schmerz. „Entschuldige." Er hielt ihr ein Schnapsglas entgegen.

Sie nahm es mit zitternder Hand und leerte es in einem Zug. Es war der Trank gegen Übelkeit. Die Wirkung trat schnell ein und war so unglaublich erleichternd, dass sie unwillkürlich stöhnte. Als sie die Augen wieder öffnete, reichte er ihr ein zweites Glas. Sie hielt die Luft an, während die Schmerzen langsam verebbten. „Danke", sagte sie leise und sank in ihren Sessel zurück.

Sie hörte, wie Severus sich setzte. „Du warst lange weg."

„Ich musste es mir zweimal angucken. Zwei verdammte Male. Ich bin da nicht rausgekommen." Sie spürte Tränen hinter ihren geschlossenen Lidern brennen. Schluckte schwer und wandte sich Severus zu. „Ist dir das auch schon mal passiert?"

Er nickte.

„Das hast du mir nicht erzählt."

„Du warst nicht da."

„Hm", machte sie. Ihr Kopf fühlte sich dumpf an. Denken war mühsam. In die Gegend starren tat gut. Nicht denken, nicht blinzeln. Das ging.

„Rede mit mir, Hermine."

Sie holte tief Luft und riss sich widerwillig aus ihrem gedankenleeren Zustand. „Ich kann gerade nicht mal denken. Als hätte ich Pudding im Kopf …" Sie rieb sich mit den Handballen über die Augen.

„Eine Freundin von mir sagt immer, das wird besser, wenn man redet."

Sie sah ihn an. „Ich bin eine Freundin von dir?"

Severus verdrehte die Augen.

Hermine spürte sich lächeln. Sehr breit. Sie genoss den kleinen Moment, bevor die Erinnerung sie wieder einholte. Das Lächeln verblasste. „Die Sinneseindrücke waren stark dieses Mal."

Stark?", fragte Severus skeptisch.

„Überwältigend", gab Hermine zu. „Die Gerüche, die Schmerzen … der Geschmack von Blut …" Sie schüttelte leicht den Kopf. „Es tat so weh, als du mich eben angefasst hast."

„Ist es inzwischen besser?"

„Ja, deutlich. Der Trank hilft."

Er kniff die Augen zusammen. „Aber es ist nicht weg."

„Nein." Sie begegnete seinem Blick; er sah unzufrieden aus. „Das wird sich geben, Severus. So wie es jetzt ist, kann ich es aushalten."

Er rieb die Handflächen gegeneinander, sah ins Feuer.

Hermine seufzte. „Es ist nicht deine Schuld."

„Darum geht es nicht", entgegnete er ärgerlich. Seine Kiefer mahlten. „Ich bedauere es gerade, dass ich Voldemort nicht selbst umgebracht habe."

Hermine zog ihre Beine auf die Sitzfläche und schlang die Arme darum, legte ihr Kinn auf ihre Knie. „Ich … hab große Probleme, das alles Voldemort zuzuschreiben", sagte sie leise. Severus wandte ihr den Kopf zu. Das Feuer ließ Schatten auf seinem Gesicht tanzen. „Ich sehe immer nur Ron. Ich höre Ron. Ich rieche Ron. Ich spüre …" Ihre Stimme versank in Tränen. Sie atmete einige Mal tief durch und versuchte, den Kloß in ihrem Hals wieder unter Kontrolle zu bekommen, wischte sich mit dem Daumen die Tränen vom Gesicht. „Ich schaffe es nicht, Ron von dem zu trennen, was Voldemort ihn hat tun lassen."

„Ich hoffe, du erwartest jetzt nicht, dass ich Weasley umbringe", sagte Severus trocken.

Hermine lachte kurz. „Nein, bitte tu das nicht."

Er lächelte flüchtig. Dann sagte er ernst: „Voldemort hat dir mit das Grausamste angetan, dessen er fähig war."

„Er hat schlimmeres getan", entgegnete Hermine aus einem Impuls heraus.

„Nenn mir ein Beispiel."

„Er hat Harrys Eltern getötet und war der Grund, warum Nevilles Eltern in den Wahnsinn gefoltert wurden. Er hat so viele Menschen brutal gefoltert und umgebracht, viele von ihnen haben schlimmer gelitten als ich …"

„Sie alle müssen nicht mehr damit weiterleben. Jedenfalls nicht bewusst."

„Er hat bestimmt nicht nur mich am Leben gelassen", beharrte Hermine.

„Nein. Aber dich hat er von dem einen Menschen foltern lassen, der dir vielleicht dabei hätte helfen können, diese Erfahrung zu verarbeiten."

Severus' Worte trafen sie wie eine Abrissbirne. Sie keuchte.

Niemals.

Niemals zuvor hatte sie es sich erlaubt, sich vorzustellen, wie es ihr nach dieser Folter gegangen wäre, wenn nicht Ron es getan hätte. Niemals hatte sie es gewagt. Jetzt konnte sie es nicht mehr verhindern. Sie presste die Handballen auf die Augen, als könne sie so die Bilder stoppen, die durch ihren Kopf kreisten. Als könne sie so die Sehnsucht stoppen. Die Tränen gewannen.

Dann spürte sie eine Hand auf ihrem Rücken und erschrak. Severus stand neben ihr. Sie sah zu ihm auf. Wohl fühlte er sich nicht mit dem, was er tat. Gar nicht. Er wirkte angespannt und schaffte es nicht, ihr in die Augen zu schauen. Aber er blieb stehen und versuchte, für diesen Moment ihre Sprache zu sprechen. Er ließ seine warme Hand auf ihrem Rücken liegen, auch als Hermine sich gegen ihn lehnte.