Drei Tage später über dem Planeten Dibrook – Albarrio-System im Äußeren Rand
Die Tsam P'ah trat aus dem Hyperraum aus. Nina Galfridian hatte es für das Beste gehalten, dem Kurs zu folgen, den Kommandant Sha'kel vorher festgelegt hatte, um die Yuuzhan Vong nicht unnötig früh zu alarmieren. Angesichts des Bildes, das die ehemalige Gestalterin jetzt vor sich sah, bezweifelte die Königin von Artorias, dass die Kaperung des Sklavenschiffes noch länger unbehelligt bleiben würde.
Der Planet Dibrook war in ein schwach leuchtendes Dunkelrot getaucht – eine furztrockene Kugel, auf der man weder Flüsse, von Meeren ganz zu schweigen, noch nennenswerte Erhebungen feststellen konnte. Die Welt wirkte absolut steril. Über Dibrook schwebte eine schwarz glänzende Raumstation – ein Ungetüm, dessen Form Nina an eine Mischung aus Blaster und Amboss erinnerte. Die Lichter auf der Station kündeten von Leben – genauso wie die kleineren lebendigen Schiffe, die die Orbitalstation umkreisten und ihre goldenen Plasmabälle darauf spuckten. Aus einer der beiden nach hinten stumpf zulaufenden Heck-Enden der Station schlugen Flammen.
Kaye zog die Nase kraus. „Oje, vom Regen in die Traufe."
Für einen Moment wirkte Nina in sich gekehrt, dann drehte sie sich zu ihrer Tochter um und nahm die Kontrollhaube des lebenden Schiffes ab. „Nein, nicht wir sind es, die in der Traufe landen werden." Sie wandte sich Arbeloa und einigen anderen zu. „Ich werde euch jetzt zeigen, wie ihr mir helfen könnt, die Geschütze an Bord dieses Schiffes einzusetzen. Helfen wir dieser Station, dann werden auch wir bald Hilfe erhalten."
„Woher weißt du, wie die Waffen funktionieren?", wollte Kaye wissen.
„Die Kontrollhaube", sagte Nina. „Durch sie habe ich Zugang."
Niemand stellte das infrage, aber Arbeloa zuckte skeptisch die Achseln. „Und Ihr meint, die auf der Station glauben uns?"
„Sie haben keine andere Wahl", entgegnete die Königin. „Sie werden gerade angegriffen, wurden beschädigt und müssen also jede Unterstützung nehmen, die sie kriegen können."
Sie nahm einen kleineren Matalok-Kreuzer ins Visier und gab dem Dovin Basal zu verstehen, dass die Yaret-Kors zu ihrer vollen Höchstleistung auflaufen sollten. Arbeloa und andere Befreite liefen zu den Knotenpunkten, um sie erstens von Personen freizuhalten und zweitens zu überwachen, dass der Gesteinsstrom, der unter ihnen pulsierte, ungehindert die Mündung der Kanonen erreichen konnte.
Nina Galfridian gab dem zögernden Schiff zu verstehen, dass der Matalok keine Deckung erhalten, sondern pulverisiert werden sollte. Die Tsam P'ah sträubte sich – nein, nicht die Tsam P'ah.
„Raus aus meinem Kopf!", fluchte Nina und haute mit der flachen Hand auf die Kontrollhaube und somit an ihren eigenen Kopf, dann gab sie erneut Befehle. Das feindliche Schiff hatte sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, zu wenden, um weniger Angriffsfläche zu bieten, so überraschend kam das vermeintlich freundliche Feuer.
„Bos sos si?", schallte die Frage des aufgescheuchten Kommandanten des Mataloks über Ninas Kontrollhaube in ihr Ohr.
Und Nina Galfridian antwortete. „Do-Yuuzhan Vong pratte!"
Nina befahl einen erneuten Abschuss und der Plasmaball traf. Der Matalok bäumte sich auf, dann drehte er sich mit dem Bauch nach oben wie ein verwesender Fisch.
„Netter Schuss, Mom. Was hast du denen gesagt?", schwappte Kayes verblüffte Frage wie von der Ferne zu ihr heran.
„Das erklär ich dir später, Kaye. Ein Abschnitt dieser Raumstation sieht stark beschädigt aus."
„Dann gehen wir ihnen doch etwas zur Hand, nachdem wir diese lästigen Viecher erledigt haben", schlug Kaye vor.
Die Kommunikationsversuche des Feindes mit der Tsam P'ah erstarben und das große, bauchige Schiff wurde nun selbst zur Zielscheibe. Allerdings arbeiteten die Dovin Basale hervorragend und fingen die meisten Geschosse in den schnell produzierten Schwarzen Löchern auf, während andere Plasmabälle die Barriere simulierter Gravitationsschlünde durchbrachen, jedoch lediglich unbedeutende Schrunden in der Korallenaußenhaut des Schiffes hinterließen.
Von hinten hörten sie Arbeloa triumphierend röhren. Nina lächelte. Der massige Humanoide, von dem sie noch nicht einmal die Spezies kannte, hatte den zweiten Matalok-Kreuzer getroffen. Die Tsam P'ah pulverisierte noch einige Korallenskipper und Yorik-Vecs, dann flohen die Überlegenden und Nina runzelte die Stirn. Korallenskipper und Yorik-Vecs waren nicht dunkelraumfähig, also musste es noch irgendeinen größeren Träger geben, der sie in Sicherheit brachte … und damit den Verrat weitermelden konnte.
Nina wendete die Tsam P'ah, um ihnen nachzusetzen, aber das Sklavenschiff konnte nicht mit der Geschwindigkeit der wendigeren Yorik-ets und –Vecs mithalten. Sie hatten gerademal die Hälfte des Planeten umrundet, als sie es sahen – einen Miid Ro'ik, der sich vornehm im Hintergrund gehalten hatte. Gegen ein Kampfschiff dieser Klasse war die Tsam P'ah aufgeschmissen. Die Kontrollhaube vermittelte Nina das Gefühl, schwerelos im All zu treiben, während ihr Schiff komplett ausgeblendet war, ihr also nicht die Sicht nehmen konnte. Schnell schlossen die kleineren Schiffe zu dem Miid Ro'ik auf und es sah nicht aus, als würde der Kreuzer wenden wollen. Aber sie konnte auch zwei andere Schiffe sehen, die hinunter zum Planeten flogen, hin zu der Quelle, die die Verzögerung beim Angriff auf den Feind bewirkt hatte.
Nina sah eine Hügelkette, die die ebenmäßige, rötliche Tristesse Dibrooks aufbrach. Gekrönt wurde das Massiv von einem erhabenen Kegel – und darunter konnte Nina die Ursache ihres Unbehagens deutlich spüren.
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„Sie hatten mir gesagt, es würde einfach werden, diese technische Abscheulichkeit zu überwältigen", sagte Kommandant Tsaak Vootuh gifttriefend zu einem ratlosen Nom Anor, der mit schlaffen Schultern neben dem gut einen Kopf größeren Kommandanten stand.
„Ich habe bislang auch keine Erklärung dafür, Kommandant", begann der Exekutor. „Dieses Sklavenschiff sollte eigentlich Verstärkung sein angesichts der dezimierten Flotte, die uns Kommandant Azca hinterlassen hatte."
„Dann hat der Yammosk versagt?"
Nom Anor schaute zur roten Kugel des Planeten Dibrook. „Das wäre zumindest eine Möglichkeit, die andere wäre, dass irgendetwas mit der Kommunikation der Tsam P'ah nicht stimmt."
Ein Subalterner kam und erstattete Meldung. „Die Tsam P'ah hat vor der technischen Orbitalstation unsere eigenen Leute beschossen. Und eine Frau auf der Tsam P'ah hat den Yuuzhan Vong Verderben an den Hals gewünscht – in unserer Sprache."
Nom Anors gelbe Haut wurde einen Ton heller. Ihm fiel genau eine Passagierin des Sklavenschiffs ein, die seiner Sprache mächtig war und so etwas wagen würde, aber das konnte er Vootuh unmöglich erzählen.
Die beiden Männer schauten auf das große, braune Ei, das behäbig und halb verdeckt hinter dem Planeten hing und zumindest genügend Respekt vor der geballten Kampfkraft eines Miid Ro'ik zu haben schien, als sich vorschnell auf eine Konfrontation mit einem Angriffskreuzer dieser Klasse einzulassen.
„Jaja, Exekutor, fehlende Kommunikation - Beschuss der eigenen Leute! Wann geruhen Sie mir zu sagen, was dort hinten eigentlich los ist?"
Nom Anor wurde flau im Magen. Eigentlich hatte er dieses Zusammentreffen zwischen der Tarak-shi und der Tsam P'ah auch deshalb organisiert, um Tsaak Vootuh einen sichtbaren Erfolg seiner Unterwanderungsarbeit zu präsentieren. Er hätte diesen Kommandanten Sha'kel und Nina Galfridian an Bord kommen lassen und sie hätten gemütlich bei einer Tasse Schlepptangbrühe miteinander geplauscht, während sie sich an der Zerstörung jener technischen Scheußlichkeit laben würden, die zu seinem Verdruss noch immer über Dibrook hing. Konnte es sein, dass ihre Tochter sich an Nina dafür gerächt hatte, dass ihre Mutter sie einfach so dem Kommandanten überlassen hatte? Hatte einer der Yuuzhan Vong an Bord Kaye Galfridian ein paar Flüche beigebracht? Die andere und weitaus unangenehmere Möglichkeit war jene, dass es nicht Kaye Galfridian mit ein paar Helfern allein gewesen war, die jenes feindliche Gebaren befohlen hatte. Denn niemand außer Nina Galfridian verfügte über ausreichend Kenntnisse, um ein Yuuzhan Vong-Schiff zu steuern und feuern zu lassen. Und wenn dem so war, konnte er vor dem Kommandanten unmöglich zugeben, dass er, Nom Anor, es gewesen war, der diese Agentin damals vor siebzehn Jahren rekrutiert hatte.
„Sie drehen ab", sagte er eilig zu dem Kommandanten, was dieser eh sah. „Ich werde unseren Agenten vor Ort anweisen, die Augen offenzuhalten. Außerdem sind zwei Wächter vor Ort platziert, die uns Bilder liefern werden."
„Tun Sie das!", bellte Vootuh. „Nachdem bereits auf Helska IV ein Yammosk versagt hat, wäre es äußerst peinlich, jetzt erneut wegen einem Geschöpfversagen dumm dazustehen."
Nom Anor überlegte, ob er sich selbst in Verkleidung an Bord der Station oder der Tsam P'ah schleichen sollte, um die Verräter zu stellen, aber das würde ohne ein konventionelles Raumschiff auffallen. Also werde ich einfach nur aufklären.
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Die Tsam P'ah näherte sich dem brennenden Heck der Raumstation. Wasserfontänen schossen aus dem bauchigen Rumpf des Sklavenschiffs und löschten nach und nach die Flammen. Als sich der Rauch etwas verzog, dockte das bauchige Schiff an und Nina und Kaye konnten die Bewohner der Station sehen: Menschen, Twi'leks, Rodianer – alles Wesen, die mit gepackten Taschen dastanden oder saßen, einige davon verletzt und nur schlampig versorgt, wovon die nässenden und schwärenden Wunden an ihren Körpern kündeten. Diese Leute schienen nicht zu Hause zu sein – Flüchtlinge im Transit.
„Rein mit euch", rief Kaye. „Wir haben noch genug Platz für euch und wir haben auch Leute, die Ahnung von Medizin haben."
Ein grimmig aussehender schwarzhaariger Mann in blauer Uniform trat auf die junge Prinzessin zu. „Wer bist du und was hast du für ein Schiff?"
„Wir sind Überlebende von Artorias und anderen Planeten. Wir haben unser Schiff denen geraubt, die uns die Heimat genommen haben."
Der Blaugekleidete lächelte. „Gut gemacht!"
Kaye holte tief Luft. „Lob kann bis nach der Evakuierung warten. Wenn Ihr uns helfen könnt, diese Leute auf unser Schiff zu bekommen, können wir …"
Der Soldat drehte sich urplötzlich zu seinen Untergebenen um. „Übernehmt die Brücke ihres Schiffes. Die Neue Republik wird es untersuchen wollen."
„Nein!", protestierte Kaye.
Arbeloas Pranke schloss sich um den im Verhältnis zu ihr fragil wirkenden Hals des Uniformierten. „Du bekommst unser Schiff nicht!"
Der Soldat keuchte. „Die Neue Republik wird … ack!"
Das Klicken von entsicherten Blastern war zu hören. Die Untergebenen des im Würgegriff Arbeloas Befindlichen postierten sich im Kreis um ihren Vorgesetzten und warteten auf freies Schussfeld.
„Jeder, der nichts mehr von den Problemen der Welten der weiten Galaxis wissen wollte, war bei uns auf Artorias willkommen", brach es aus Kaye angesichts dieser Überrumpelung heraus. „Unser Planet wurde vielleicht überrollt. Aber unsere Überzeugungen leben fort. Dieses Schiff ist nun das Symbol dieser Überzeugungen. Wir werden es nutzen, um den Opfern dieser Invasion zu helfen. Es wird denjenigen als Unterkunft und Transportmittel dienen, die nach Sicherheit trachten, denjenigen, deren Welten fielen. Es ist jetzt mehr als nur ein Schiff: Es ist das Herz von Artorias! Anstatt uns daran zu hindern, diesen Leuten zu helfen, sollten Sie Ihren Leuten besser befehlen, die Waffen beiseite zu legen und die Verletzten zu versorgen."
Die dunklen Augen des Gepeinigten signalisierten Einverständnis und er deutete ein Nicken an. Arbeloa lockerte seinen Griff.
„Lasst die Waffen sinken", erfüllte der Blaugekleidete seinen Teil der Abmachung und Arbeloa ließ los.
Ein weißblonder Mann mit blauen Augen betrat den Ort des Geschehens und schritt auf Kaye und Arbeloa zu. „Ich muss mich für meinen übervorsichtigen Sicherheitschef entschuldigen. Ich bin Admiral Bylsma und ich leite diese Station. Dieser Planet ist unbewohnt und so ist Oblivion unser einziges Zuhause."
„Wie lange wohnen Sie hier schon?", fragte Kaye.
„Ich stamme ursprünglich von Alderaan", begann Bylsma zu erzählen. „Nach der Zerstörung dieser Welt zog ich mich mit einigen Leuten auf diese Station zurück, um Zuflucht vor dem Imperium zu finden. Wir haben hier eine gut gehende Reparaturwerkstatt für Raumschiffe der unterschiedlichsten Typen. Das war nicht nur unsere Einnahmequelle, sondern auch unsere zivile Tarnung, denn wir haben damals die Rebellion unterstützt, so gut wir eben konnten. Aber seit diese Barbaren mit ihren organischen Schiffen in den Albarrio-Sektor eingefallen sind, ist es mit der Zeit der ruhigen Abgeschiedenheit vorbei. Die Station platzt aus allen Nähten, weil immer mehr Vertriebene von allen möglichen Welten hier stranden. Vielen Dank, dass Sie die Brände am Heck gelöscht haben und sich um die Flüchtlinge kümmern."
Kaye nickte. „Deshalb sind wir hier."
„Kann ich vielleicht auch irgendetwas für Sie tun?", bot der Admiral an.
Die junge Frau überlegte. „Wir bräuchten ein Interkom – einen Holoprojektor … irgendwas in der Art. Die Kommunikation unseres Schiffes ist nicht so, wie ich das von Artorias gewohnt bin und wir müssen uns mit anderen Welten in Verbindung setzen."
Der Admiral gab dem Soldaten, der sich noch vor kurzem so brennend für das ehemalige Sklavenschiff interessiert hatte, einen Wink. „Captain Ogden, besorgen Sie der Lady einen tragbaren Holoprojektor, einige Komlinks und bringen sie alles an Bord des Schiffes." Er überlegte kurz. „Und einen Energiegenerator noch dazu, um alles für eine Weile am Laufen zu halten."
Kaye und der Soldat betraten die Tsam P'ah und brachten den Holoprojektor samt Energiegenerator ins Cockpit, wo Nina immer noch in der Steuerungskuhle saß. Der Captain zeigte den beiden Frauen, wie man das Gerät bediente, dann ging er wieder. Die Komlinks wurden verteilt und dann erzählte Kaye von ihren Erlebnissen auf der Station, an der sie nun angedockt hingen.
„Hmm, dieser Admiral Bylsma denkt also, Dibrook sei unbewohnt, aber da täuscht er sich", meinte Nina nach einer Denkpause. „Du hast doch auch gesehen, dass einige der Jäger zur Planetenoberfläche geflogen sind."
„Ich dachte, sie wollten irgendwie ausweichen", erwiderte Kaye.
„Wo sie dort draußen einen großen Träger haben? Niemals! Ich sage dir: Etwas dort unten versucht, mit unserem Schiff Kontakt aufzunehmen. Es hat mich die ganze Zeit während der Schlacht behindert."
„Wir sollten das Admiral Bylsma mitteilen", sagte Kaye. „Mit vereinten Kräften kommen wir diesem Geheimnis bestimmt auf die Schliche."
Nina lächelte. „Bestimmt. Und außerdem möchte ich dir dazu gratulieren, während deiner Ansprache zu diesem Sicherheitschef endlich einen passenden Namen für unser Schiff gefunden zu haben."
Kaye überlegte einen Augenblick und Nina legte ihre Hand aufs Herz. Da endlich fiel der Groschen. „Das Herz von Artorias?"
Die Königin nickte. „Die besten Sachen passieren einem als Beigabe zu etwas anderem."
Zwei Stunden später waren die Vorbereitungen für die Bodenmission abgeschlossen. „Captain Ogden wird die Bodenmission auf Dibrook leiten und absichern", kündigte Admiral Bylsma an.
„Dann wird meine Tochter die Interessen der Artorianer im Team und der Gefangenen auf Dibrook im Blick behalten", brachte sich die Königin in die Planung ein.
Bylsma nickte. Doch Kaye war nicht wohl dabei, die zugegebenermaßen gut ausgerüstete Truppe ausgerechnet von dem Mann befehligen zu lassen, der versucht hatte, ihr Schiff zu beschlagnahmen. Trotzdem schob sie diese Zweifel beiseite. Bylsma hatte ihnen mitgeteilt, dass die Yuuzhan Vong Leute von der Station nach unten auf den Planeten verschleppt hatten. Es handelte sich also auch um eine Rettungsmission, etwas, was Kaye noch mehr am Herzen lag, als jenes Wesen aufzuspüren, das die Steuerung der Herz, wie sie ihr umgetauftes Schiff jetzt salopperweise nannte, derart hartnäckig zu beeinflussen suchte.
Je mehr sie sich der Planetenoberfläche näherten, desto deutlicher wurde, dass hier, auf der der Raumstation abgewandten Seite, Gebäude errichtet worden waren. Diese Bauten schmiegten sich derart fließend an die natürliche Hügelkette, dass sich die Terrassen und Zinnen dem Betrachter erst ziemlich spät offenbarten. Kleinere kegelförmige Wachtürme ließen darauf schließen, dass hier wichtige Sachen verborgen waren. Auch das Schlauchgewirr, von dem Kaye annahm, dass es ein unterirdisches Tunnelsystem barg, wies eindeutig auf künstliche Eingriffe hin, wie organisch es auch anmuten mochte.
Sie landeten die Schiffe außer Sichtweite der Gebäude und Tunnel und stapften in zwei Kolonnen auf ihr Ziel zu.
„Vergesst nicht, dass das hier eine Rettungsmission ist", ermahnte Kaye die Soldaten. „Schießt nicht auf Gebäude, in denen die Leute leben könnten, die wir evakuieren und retten wollen."
„So ein Quatsch", ereiferte sich Captain Ogden. „Wir tun, was wir immer tun. Hört nicht auf sie!"
„Arb."
Kaye musste nichts weiter sagen. Der massige Humanoide schnappte sich Ogden und der Captain hing wie ein nasser Sack an den Schultern in Arbeloas eisernem Griff.
„Captain Ogden, hiermit übergebe ich die Leitung der Mission an Captain Reymo."
„Das kannst du nicht tun!", begehrte Ogden auf. „Du bist nur eine Flüchtlingsgöre, der wir freundlicherweise Unterschlupf gewährt haben."
„Nachdem wir eure Station gerettet haben. Ich bin eine Prinzessin so wie Leia Organa-Solo. Sie hat auch viele Leute gerettet. Und jetzt werden wir noch mehr Leute retten. Beschweren Sie sich doch hinterher bei Admiral Bylsma", sagte Kaye gleichmütig. „Ich übernehme dafür die volle Verantwortung, wenn's sein muss." Sie schaute in die Runde. „Hat irgendjemand etwas dagegen?"
Niemand widersprach. Captain Reymo trat vor. „Gut, ich übernehme die Leitung der Mission."
Arbeloa ließ Ogden wieder hinunter und der Trupp marschierte weiter – unter der Führung von Captain Reymo.
Sie näherten sich von der Seite, wo ihnen die Hügelkette Deckung geben konnte, stiegen den Hang derselben hinauf und erreichten den Kamm. Sie schwitzten unter den Schutzanzügen, die nötig waren, um dem säurehaltigen Regen auf Dibrook trotzen zu können, der hier oben auf dem Kamm noch stärker auf sie herab zu prasseln schien.
Jetzt sahen sie das Tunnelgewirr in seiner wahren Dimension. Es erstreckte sich bis zum Horizont und nur ein paar hundert Meter von ihnen entfernt gab einer der Tunnel seine Öffnung frei, aus welcher ein Trupp Yuuzhan Vong strömte.
„Wir warten besser", sagte Captain Reymo. „Das sieht nach einer kleinen Patrouille aus, die ihre Runden zieht. Wenn wir Glück haben, bemerken sie gar nicht, dass wir hier waren, bis sie wieder zurückkommen."
„Klingt vernünftig", sagte Kaye.
Sie ließ den Zoom ihres Makrofernglases über die Ansammlung von Türmen und Gebäuden der gewaltigen Anlage schweifen. Außer dem gleichmäßig dahinmarschierenden Trupp Yuuzhan Vong-Krieger, der sich langsam von ihnen entfernte, wirkte alles ruhig, geradeso, als wolle die Anlage nicht gestört werden und sei sich selbst genug. Doch da war ein Kribbeln in ihrem Rückgrat. Es war nicht direkt so, dass Kaye sich und ihre Leute beobachtet fühlte, aber sie wollte diese Möglichkeit auch nicht ausschließen.
Kommandant Tsalok stand zusammen mit der Meistergestalterin Nagme auf einer Brustwehr der terrassierten Hügelwand, hinter welcher sich der Yammosk verbarg. Aus ihrer Deckung heraus schauten sie auf den anrückenden Feind.
„Fünfzig Mann. Warum so viele? Niemand sollte denken, dass hier etwas von Bedeutung ist", wunderte sich der Kommandant.
„Unsere letzte Ernte war nicht ganz ertraglos", erwiderte Nagme. „Wir konnten ungefähr dreißig Leute aus der Raumstation mitnehmen. Möglicherweise vermisst man sie."
„Erzähle mir etwas, was ich noch nicht weiß."
„Meine Gestalter haben sie erfolgreich umgeformt. Jetzt haben wir eine Armee, die bedingungslos für uns kämpft und der Yammosk kann sie gar bis zu einem gewissen Grad kontrollieren."
„Bis zu einem gewissen Grad?", hakte Tsalok argwöhnisch nach.
„Nun, haben sie erst einmal angegriffen, ebbt ihr Blutrausch erst wieder ab, wenn alle Feinde tot sind."
„Und was dann?" Besorgnis schwang in Tsaloks Stimme mit. „Was ist, wenn der Feind tot ist?"
„Dann wenden sie sich gegeneinander und reißen einander in Stücke. Das kann schon zwei Tage lang anhalten."
„Du und deine Gestalter haben also eine Horde humanoider Grutchins erschaffen? Die man höchstens einmal alle zwei Tage verwenden kann, besser drei Tage, da sie ja auch mal schlafen und essen müssen? Gibt es vielleicht noch andere nette Sachen, die du mir bislang verschwiegen hast?"
Sie wiegte wissend den Kopf. „Ich habe nur darauf gewartet, dass du fragst, Tsalok. Ich habe unserem Jedi einen Rückgratrochen implantiert. Wenn du ihn mit einem Villip verbindest, wirst du durch gezieltes Fragen alle Informationen aus ihm rausholen können, die wir brauchen."
Ein Lächeln deutete sich auf Tsaloks lippenlosem Mund an und seine rechte Hand streichelte ihre Taille. „Endlich. Zeig mir, wie das geht und ich werde mich um den Jedi kümmern. In der Zwischenzeit machst du den Yammosk transportfähig und leitest die Evakuierung der Basis ein mit Ausnahme der Kampfsklaven."
„Du willst fliehen? Du bist ein Krieger!"
„Diese Kampfidioten werden dem Feind eh ins Auge stechen, also können wir sie ihm auch gleich überlassen. Wenn der Feind denkt, dass diese Modifizierungen alles sind, was du hier getrieben hast, so ist das nur in unserem Sinne. Deine Forschungen an dem Jedi jedoch dürfen nicht unterbrochen werden. Deine Arbeit an ihm ist viel zu wichtig für die Invasion. Sein Tod wäre töricht und …", er holte Luft, „dein Verlust wäre tragisch."
Sie nahm kurz seine Hand. „Dann lass mich ihn dir zeigen."
Yuledan badete in einer runden Wanne, die aussah wie eine riesige aufgeplatzte Samenkapsel. Die braunen Dornen, die den Rand säumten, luden dazu ein, sich dort festzuhalten und schwerelos in der grünen Brühe treiben zu lassen, aber er war eh gefesselt und selbst ohne diese Fesseln machte die giftig aussehende und riechende Flüssigkeit, dass er sich nicht kraftvoll bewegen konnte. Alles um ihn herum war hellgrüne, nasse Watte, doch schlimmer als seine Machtlosigkeit war das Schwinden jeglicher Hoffnung. Durfte er sich als Jedi dieser Trägheit hingeben?
Die Lamellen in der Wand seines Raumes klafften auf und der Krieger mit dem Pferdeschwanz trat ein, von dem er inzwischen wusste, dass er Tsalok hieß. Diesen Kerl hatte er bereits auf Rychel gesehen. Etwas war anders bei diesem Besuch, denn durch die organische Tür drangen Geräusche. Es war lauter als sonst. Vertrautes Zischen in einem Rhythmus, den er schon lange nicht mehr wahrgenommen hatte. Yuledan konnte sich lebhaft die geraden, scharlachroten Bolzen Laserenergie vorstellen, die jetzt draußen vor seinem Kerker durch die Regenluft von Dibrook flogen … und hoffentlich bald näherkommen würden.
„Ich sehe den Hoffnungsschimmer in deinen Augen, Jeedai", begann Tsalok. „Aber heute wirst du nicht gerettet. Bis sie dieses Bauwerk betreten, werden wir weg sein, und du mit uns. Die Gestalter haben Pläne für dich. Du wirst dem Imperium der Yuuzhan Vong Beistand leisten."
Der Kommandant öffnete seine Faust und Yuledan konnte einen kleinen ledrigen Ball mit langen Fäden sehen, die aussahen wie die Wurzeln einer tropischen Waldpflanze, die sich den Bodendampf des Dschungels als Nahrung zunutze macht. Tsalok streichelte das Geschöpf und es platzte auf. Ein blonder Haarschopf erschien, blaue Augen dazu und ein ernster Mund über einem gespaltenen Kinn.
„Luke Skywalker", begann Tsalok und Yuledan nickte.
Tsalok streichelte noch einmal über den Villip und jetzt sah Yuledan den grauen Pau'aner, mit dem er damals auf Mission gegangen war. Er hatte ihn später nicht mehr in der Macht gespürt, aber keine Kraft mehr gehabt, sich weiter darum zu kümmern.
„Meister Lar Le'Ung", sagte Tsalok und seine Stimme dröhnte über Yuledans Wanne hinweg. „Ich habe ihn getötet."
Yuledan zuckte zusammen. Was war mit dem anderen passiert, Finn?
Tsalok streichelte erneut über die Kugel und die Haare des Mannes, die jetzt zum Vorschein kamen, waren erheblich heller als die von Luke Skywalker.
„Was?" Hatte der Yuuzhan Vong seine Gedanken gelesen? Nein, es war dieses Vieh an seinem Rücken! Das Tier klammerte sich an sein Rückenmark und sog ihm das Mark aus den Knochenscheiben, um sich davon zu ernähren, wie er befürchtete. Wie machten die das nur?
Tsalok brach in Gelächter aus. „Du wirst mir seinen Namen sagen! Jetzt sofort!"
Yuledan stutzte. Was wollte Tsalok von Finn? Wenn Finn bereits tot war, was interessierte dann noch der Name? Es musste also etwas anderes sein, etwas, das ihm wieder Hoffnung gab.
„Er … er ist noch kein Jedi … nur in Ausbildung", ächzte Yuledan und kämpfte gegen den Schmerz an.
Tsalok streckte seine andere Hand aus und griff in Yuledans dichten, schwarzen Haarschopf, zog ihn daran etwas aus einem Bad heraus, so dass dem Jedi zusätzlich zu dem Rückgratrochen sein eigenes Gewicht Schmerzen bereitete. „Ausbildung oder nicht", schnarrte Tsalok ungehalten, „Luke Skywalker selbst kümmert sich um ihn. Er hat ein Lichtschwert. Er ist ein Jedi! Der Name!"
Die Schmerzen im Rückgrat wurden unerträglich. Seine Haarwurzeln schienen zu explodieren. Yuledan hätte nie gedacht, dass es so schmerzhaft sein würde, an den Haaren hochgezogen zu werden. Oder war auch das nur das Werk dieses Viehs hinten an seinem Rücken? Und wenn schon. Finn war nicht hier. Finn war nicht allein – ganz bestimmt war er nicht allein. Finn würde kämpfen … und überleben – ja das würde er. Was zählte da noch ein Name?
„Er heißt Finn … Finn Galfridian."
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Zur selben Zeit tief unter dem Meeresboden des Planeten Artorias
Es war ruhig gewesen in den drei Tagen, die im geheimen Hauptquartier des artorianischen Widerstandes vergangen waren, seit Dulac, der Berater, zu seinem König zurückgekehrt war. Es hatte sich herausgestellt, dass man den langjährigen Freund von König Caled die ganze Zeit über in der sogenannten Umarmung des Schmerzes gefangengehalten hatte. Die Yuuzhan Vong hatten ihm wohl zu essen und zu trinken gegeben, aber es hatte noch nicht einmal ein ordentliches Verhör gegeben. Manchmal hatten die Schmerzen nachgelassen, dann waren sie schlagartig wieder stärker geworden. Und die Lichtkugeln, die an dem roten Tentakelwesen hingen, hatten alles aufmerksam beobachtet wie kalte, gleißende Augen. So war es Dulac zumindest vorgekommen. Die Schmerzen waren derart unerträglich gewesen, hatten sein gesamtes Wesen beherrscht, so dass es Dulac noch nicht einmal möglich war, die Zeit anzugeben, die er überhaupt dort drin in dem sternförmigen Bio-Komplex gefangen gehalten worden war.
Seit Dulac wieder zurück war, hatte er wenig gesprochen, hatte sich viel in dem ihm zugewiesenen Raum aufgehalten. So auch heute, als König Caled ihn dort besuchte.
„Mein Freund, wie geht es dir heute?"
„Hat man etwas über Zoria herausgefunden?", fragte Dulac, ohne die Frage zu beantworten.
Caled Galfridian legte seinem Freund mitfühlend die Hand auf die Schulter. „Es tut mir so leid für deine Frau, Dulac. Ich selbst weiß nicht, wo Nina und Kaye jetzt sind."
Dulac rang sich ein gequältes Lächeln ab. „Immerhin ist Finn in Sicherheit. Hoffe ich zumindest."
„Ich auch", erwiderte der König. „Aber es wird Zeit, deine Trauer etwas beiseitezuschieben. Ich hatte dir ja nach deiner Rückkehr gesagt, dass ich dich gerne bei unserem nächsten Angriff dabeihaben möchte."
Dulacs linkes Augenlid zuckte nervös. „Ich nehme an, es ist so weit."
„Entspann dich, mein Freund. Wenn du erst einmal mitten im Kampfeinsatz bist, wirst du gleich wieder ruhiger und konzentrierter werden, so wie ich dich kenne."
Dulac verzog einen Mundwinkel zu einem Halblächeln. „Wenn Ihr das sagt."
„Bisher haben wir mit den Angriffen Glück gehabt. Aber ich frage mich, wie lange unser Glück noch anhalten wird. Mit dir an unserer Seite …"
„Jaja, die Angriffe sind zu effektiv geworden", fiel Dulac ihm ins Wort.
Caled horchte auf. Dulac war ihm noch nie ins Wort gefallen. Und dieser warnende Tonfall dazu …
„Sie sind ein Ärgernis", fuhr Dulac fort. „Ich darf sie nicht länger zulassen."
Der König verschränkte die Arme vor der Brust. Wovor wollte sein Freund ihn warnen? „Dulac, ich weiß, du warst zweieinhalb Monate dort oben. Haben sie dort irgendetwas mit dir angestellt? Bist du …?"
„Caled, ich hatte immer vor, Euch am Leben zu lassen", sagte Dulac in schwerer Ernsthaftigkeit. „Ich rettete Euch, als unsere Armeen eintrafen, weil Ihr meinen Respekt erworben hattet. Aber nun ist mir klar, dass es töricht wäre, Euch nur einen weiteren Atemzug tun zu lassen."
Caleds Hand wanderte langsam an seine Hüfte. „Mir scheint, du kannst nicht mehr klar denken, Dulac. Als wir dich fanden, wurdest du gefoltert."
Dulac wandte sich vom König ab. „Die Umarmung des Schmerzes ist für die Yuuzhan Vong keine Folter", dozierte er. „Ich hatte zu viel Zeit auf eurem Planeten verbracht. War zu lange weg von meiner Spezies. Ich habe mich sogar mit eurer verhassten Technologie befassen müssen."
Seine Stimme wurde zu einem triumphierenden Dröhnen. „Ich beherrschte sie besser als Sparky, dieser unbeholfene Dilettant, der noch nicht einmal den Holoprojektor reparieren konnte, so dass euch vielleicht noch jemand hätte warnen können, bevor wir kamen. Ich brauchte die Umarmung der Qual, um wieder zu wissen, was es heißt, ein Yuuzhan Vong zu sein. Ich musste geläutert werden", seine Stimme wurde weicher, erfüllt von träumerischer Melancholie, „Schmerzen erleiden."
Als sich Dulac wieder zu seinem König umdrehte, sah er nur kurz in die Mündung des auf ihn gerichteten Blasters, dann schaute er seinem Souverän direkt in die blauen Augen. „Und nun werde ich Euch leiden lassen."
Caled musterte seinen ehemaligen Freund. Alle Nervosität war von Dulac abgefallen. Er war jedoch nicht im Begriff, ebenfalls seine Waffe zu ziehen, die er am Holstergürtel trug wie der König. Stattdessen erhob er langsam in einer bedauernd wirkenden Geste seine Hand. Diese Bewegung war alles andere als aggressiv – sie wirkte regelrecht mitleiderregend. Dulac fasste sich betroffen ans Gesicht, als würde er sich schämen. Die rosafarbene Haut schälte sich von seinem Gesicht, seinem Körper. Graue Haut kam zum Vorschein, ein ausgeprägter Knochenwulstkranz um den Schädel herum und die Augen … Dulacs wahre Augen waren gelb, strahlend gelb!
Mit einer Geschwindigkeit, die Caled Dulac nicht zugetraut hätte, duckte sich der Yuuzhan Vong, um von unten auf ihn zuzuspringen. Ein zischendes Geräusch ertönte und Caled wurde der Blaster aus der Hand geschlagen, bevor er ihn auf das verkleinerte Ziel senken konnte. Die Schnittwunde, die die braune, runde Scheibe an Caleds Hand hinterließ, schmerzte - genau wie seine Handgelenke ob des Drucks, den Dulacs mitleidlos zupackende Fäuste auf sie ausübten. Doch noch mehr schmerzte der Verrat, der jahrzehntelange Betrug.
„Lebe wohl … mein König."
Der König von Artorias sah seinen Angreifer an – das graue Gesicht so nah wie es das menschliche niemals gewesen war, seit sie sich kannten. In diesen gelben Augen sah er nichts als kalte, tödliche Entschlossenheit … und doch … War da etwa auch ein Tropfen Wehmut in Dulacs Stimme gewesen?
Etwas anderes beanspruchte seine Aufmerksamkeit. Zunächst war es nur ein kaum wahrnehmbares Sirren, das genauso gut von seinem aufgewühlten Inneren kommen mochte … Doch der Ton wurde lauter, begann in seinen Ohren zu vibrieren … ein vertrautes Summen … und dann flog es heran – grauer Stahl von vielleicht fünfzig Zentimetern Durchmesser mit zwei roten, wachsamen Fotorezeptoren, denen Infrarotsensoren nichts entging … und noch vielen anderen versteckten Raffinessen.
Dulac schwang herum, ohne freilich sein Opfer loszulassen. „Der Droide?"
Caled lächelte. Finn war zurückgekommen. Irgendwie musste sein Sohn gespürt haben, dass etwas im Anzug war.
„Prowl, erschieß ihn!"
Das war Finns Stimme. Prowl war schon lange der Droidenbegleiter Finns gewesen – eine Drohne, die spähen, Hindernisse überwinden, töten konnte. Waren die Jedisinne seines Sohnes bereits derart entwickelt, dass Finn …? Dulac hielt mit seinen Fäusten immer noch seine Handgelenke in Schach; er konnte also nicht an seine Waffe gelangen und Prowl …
Ein roter Laserbolzen löste sich vom schwebenden Prowl und erwischte Dulac genau in der Mitte, wo die Beine zusammenliefen. Dulac gab ein Ächzen von sich und Caled fragte sich, ob er wahrhaftig auch diesen Schmerz genoss. Sein Gegner taumelte, fiel … ließ los … und Caled bückte sich nach seiner auf dem Boden liegenden Waffe.
Gleich wird auch Finn da sein. Es sind vielleicht noch hundert …
Caled erhob sich und zielte mit dem Blaster auf den ebenfalls wieder auf die Beine kommenden Gegner. „Es ist vorbei, Dulac!"
Ein befreites Grinsen entfesselter Wut legte sich über Dulacs harte Züge. „Ja, ist es. Aber es hat Spaß gemacht."
Dulacs rechtes Augenlid zuckte erneut und erst jetzt sah Caled, dass die gelben Augen ungleich waren. Während das linke Auge durchgehend gelb war, zierte das rechte ein schwarzer Fleck, der vielleicht eine Iris sein konnte. Von dieser Iris gingen sich verjüngende Streifen in alle Richtungen. Die Iris und die Streifen glänzten nicht, sondern wirkten irgendwie … ledrig?
Ein Strahl gelben Glibbers schoss aus dem schwarzen Fleck in Dulacs rechtem Auge. Der Strahl war schnurgerade und traf Caleds Gesicht. Der gelbe Schleim brannte auf seiner Haut und Caled fühlte, wie sich seine Augen zu trüben begannen, und er ärgerte sich darüber, sich in derartigen Einzelheiten von Dulacs Augen verloren zu haben.
Es blieb nur dieser Augenblick … und er drückte ab.
Der Schuss hallte durch den Gang und Caled hörte Dulac fauchen – nicht wegen dem Schuss, der war viel zu weit entfernt eingeschlagen. Der Mangel an Sicht schien jedes Geräusch um ihn herum hundertfach zu verstärken – er hatte nicht getroffen … aber was zählte das noch? Die Umgebung um ihn herum verschwamm immer mehr, während seine Qualen zunahmen. Instinktiv schloss der König die Augen und bereute es sogleich. Es kam ihm vor, als würde er den beißenden Schmerz gar hinter seinen Lidern einzuschließen und damit vervielfachen.
„König Caled, das übernehmen wir", hörte er eine junge Frauenstimme rufen und dann endlich ... „Dad!"
Finn Galfridian beugte sich über seinen verletzten Vater. „Ich hab dich, Dad."
„Rühr diese Substanz nicht an, Finn!", warnte der König seinen Sohn.
König Caled kippte nach hinten und die starken Arme seines Sohnes fingen ihn auf. Er versuchte, die Augen wieder zu öffnen, aber es gelang ihm nicht. Sein Schädel schmerzte und wie von weiter Ferne hörte er, wie Lichtschwertklingen brummten und zischten, als sie trafen.
Dulac knurrte hart auf und da war wieder die junge, weibliche Stimme: „Es ist vorbei, Majestät."
Jemand stülpte eine Maske über seinen Mund und seine Nase und der verletzte König fiel in einen tiefen Schlummer.
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Der Hügel, von welchem die seltsamen Signale kamen, die die Herz von Artorias störten, war nahezu kreisförmig. Um ihn herum war ein Graben angelegt, durch den jener säurehaltige Regen Dibrooks floss – eine graugrüne Plörre, die zu durchqueren man Anzüge tragen musste, aber die hatten Kaye, Captain Reymo und die übrigen Mitglieder ihres Teams angezogen.
Der Hügel öffnete sich und spie kleine braune Käfer aus. Die Insekten flogen durch die Luft und explodierten, sobald sie die Ankommenden erreicht hatten. Löcher qualmten in einigen Schutzanzügen auf und der Trupp zog sich etwas zurück, die einen, um ihre Löcher mit Flicken zu beschichten, die anderen formierten sich neu, um keinen einzigen der Schüsse mehr durchzulassen. Kurz darauf erschienen die Leute, die jene Käfer geworfen hatten. Sie bewegten sich schnell auf den Erkundungstrupp zu. Kaye entsicherte ihren Blaster … und entdeckte blaue Haut an einem der Angreifer.
„Feuer einstellen! Das sind keine Yuuzhan Vong!"
Die blaue Figur kam näher und Kaye konnte die mit braunen Lederbändern umwickelten Lekkus sehen. „Eine Twi'lek", keuchte sie.
Aber was für eine. Ihre Augen schauten glänzend und fiebrig. Aus ihrem Rücken ragten bleiche Dornen. Sie schien nicht sie selbst zu sein.
„Irgendetwas, irgendwer hat sie verändert. Sie scheint Schmerzen zu haben", meinte Kaye.
„Ach ja?", sagte ein Lieutenant. „Das könnte ein Blasterschuss durch den Kopf schnell ändern."
„Danke, Lieutenant", erwiderte Kaye trocken. „Sie haben sich gerade freiwillig gemeldet."
„Wozu?"
„Sie und ein Kamerad werden diese arme Kreatur ins Schiff zurückbegleiten und sie in einer der Zellen unterbringen. Sie darf nicht zu Schaden kommen. Ob Sie dabei zu Schaden kommen, ist mir nicht so wichtig."
Er schüttelte ungläubig den weißbehelmten Kopf.
„Alle feindlichen Krieger, die wir gefangen nehmen, werden mit Respekt behandelt."
Der Lieutenant ging mit seinen Leuten zurück zum Schiff, während Kaye, Arbeloa und der Rest der über fünfzig Mann den Säuregraben durchwateten. Die Angreifer wurden weniger und weniger. Sie kämpften wild und verbissen und Kaye schauderte. Diese Leute waren unaufhaltsame Kampfmaschinen. Sie alle lediglich zu verletzen und dabei in Kauf zu nehmen, dass sich der Trupp immer mehr verkleinerte, um die verletzten Feinde ins Schiff zurückzubringen, würde nicht nur die Mission gefährden. Womöglich spielte der Feind mit ihrer Großzügigkeit und sie alle würden hier draufgehen.
Ein brauner Ithorianer fiel getroffen auf den Boden, zwei der vier Kehlen aufgeschlitzt. Einem grauhäutigen Humanoiden mit langen, schwarzen Haaren pustete Kaye ein Loch in die Stirn und sie fühlte den Schmerz beinahe – aber sie mussten weiter, auch über die Leiche eines Kameraden hinweg. Das Loch im Hügel klaffte immer noch offen und sie gingen hinein. Der Gang hatte einen nahezu runden Querschnitt. Braune Ranken hingen an den Wänden. Manche davon spendeten trübes, gelbliches Licht, das groteske Schatten der Truppmitglieder an die gegenüberliegende Wand warf. Es gab keine Abzweigung, nichts war abgestellt – kurzum, alles sah unauffällig aus. Und vor allem waren hier keine Yuuzhan Vong.
Der Gang mündete in eine Halle und dort stand ein einsamer Krieger - hochgerüstet, mit einem Schlangenstab in der Hand. Seinen tätowierten Schädel zierten zwei kleine Hörner, die er triumphierend in die Höhe reckte. Er schien auf sie gewartet zu haben.
„Zurück!", befahl Kaye.
„Es ist ein Typ mit einem Stock", widersprach Captain Reymo. „Wir sind fünfzig. Und wir haben Blaster."
Der Arm des Kriegers bewegte sich, noch während der Captain das sprach. Noch bevor er seinen Blaster abfeuern konnte, erwischte ihn die kleine, braune Scheibe in der Brust, die der Krieger geworfen hatte. Mit aufgerissenen Augen starrte Reymo auf seinen Blaster. Die Zeit hatte lediglich zum Entsichern gereicht.
„Captain!"
Das war Kayes Stimme. in Loch öffnete sich in der gegenüberliegenden Wand und weitere Krieger strömten in den Saal. Kaye eilte zu dem Verletzten, doch einer der Krieger sprang aus dem Stand – mindestens fünf Meter weit – und schob sich zwischen Kaye und Captain Reymo. Der Krieger, der den Prallkäfer geworfen hatte, ergriff den Captain am Hals und schleifte ihn fort.
„Zurück!", schrie Kaye.
Und dieses Mal folgten ihr alle.
Sie verließen den Saal und liefen durch den Gang nach draußen. Das Eingangsrund stand immer noch offen und sie durchquerten es, erneut über die Leichen von Freund und Feind steigend.
„Es hat keinen Zweck", sagte Kaye. „Die Anlage ist doch bewacht. Und wir wissen nicht, wie viele von denen noch dort drin hocken."
Sie hatten sich vielleicht etwa fünfzig Meter vom Bergeingang entfernt, als ein Prallkäfer hinter ihnen her zischte. Kaye drehte sich um und sah einen Yuuzhan Vong vor dem Eingang stehen, den sie vorher im Saal nicht gesehen hatte. Er war größer als die Krieger von vorhin und trug einen langen, schwarzen Pferdeschwanz am Hinterkopf. Seine muskulöse Gestalt entlockte Arbeloa ein Murmeln in seiner Muttersprache und das markante Muster seiner Tätowierungen konnte Kaye sogar auf diese Entfernung deutlich sehen. Noch deutlicher sah sie den Körper von Captain Reymo im Griff der Pranke des Kriegers zappeln.
Kaye wandte sich Arbeloa zu. „Was tut er? Will er verhandeln?"
Tsalok Shai grinste hinter seiner Atemmaske. Der Mensch in seiner Gewalt trug weder Maske noch seinen Helm und war der giftigen Atmosphäre Dibrooks völlig ausgeliefert. Reymo keuchte angestrengt.
„Du bist also einer ihrer Anführer ja?", höhnte der Yuuzhan Vong. „Du kannst uns nicht bekämpfen. Schwächliche, zerbrechliche Wesen, wir werden euch zerreißen!"
Er versetzte den Körper des Captains in Schwingung, so dass seine andere Hand beide Fußknöchel zu fassen bekam. Die andere Hand ließ den Hals los und der fleischige Arm dazu schlang sich um Reymos Taille. Tsalok drehte den Arm mit den Knöcheln, kippte den anderen Arm in die Gegenrichtung … und zog einmal kräftig.
Der Todesschrei des derart Gestreckten hallte über den Planeten Dibrook, zerriss den Regenvorhang aus Säure und Kaye und die anderen starrten fassungslos auf den entzweigerissenen Reymo.
„So einem sind wir noch nicht begegnet", murmelte Arbeloa.
„Hauen wir ab, bevor wir noch mehr von seiner Sorte begegnen", presste Kaye hervor und wandte sich angewidert ab.
„Es tut mir leid, Prinzessin", sagte Captain Ogden mit belegter Stimme. „Mit Ihrer Erlaubnis würde ich gerne wieder die Führung übernehmen."
Kaye schaute ihren vormaligen Widersacher an. Es lag auf der Hand, dass sich Ogden dafür schämte, dass durch sein Verhalten von vor vier Stunden jetzt Reymo hatte büßen müssen. „Erlaubnis erteilt."
Tsalok ließ die beiden Leichenteile zu Boden fallen und ging in aller Seelenruhe wieder zurück in den Gang. Seine Wache folgte ihm, bis er den Saal an dessen Ende erreicht hatte, dann gab der Kommandant ihnen ein Zeichen und sie drehten ab, um in anderen sich urplötzlich auftuenden Öffnungen in der Saalwand zu verschwinden. Tsalok jedoch ging in den gegenüberliegenden Ausgang und stand Nagme gegenüber.
„Sie werden sich schon bald neu formieren und angreifen", informierte der Kommandant die Gestalterin. „Sie sind hier, um ihresgleichen zu retten. Mal sehen, wie lange sie es aushalten, gegen ihresgleichen zu kämpfen."
Sie ging auf ihn zu, und ihre gelben Maa'its glitzerten. „Ich habe dich vermisst, Tsalok."
Tsalok schaute an sich herunter. Da war noch rotes Blut seines letzten Opfers an seinen Oberarmen. Aber Nagme kam näher und legte unbekümmert ihre linke, ungestaltete Hand auf seine Brust.
„Nicht, Nagme. Du bist eine Gestalterin. Das ist verboten."
Sie senkte gespielt-beschämt den Blick. „Vieles, was ich hier tue, ist verboten. Die Pläne, die ich für die Jeedai habe, sind verboten, mein Ziel, auf das ich letzten Endes hinarbeite, ist verboten." Sie sah wieder zu ihm auf. „Ich tu's trotzdem."
„Nur weil der Kriegsmeister nichts dazu sagt, muss das nicht bedeuten, dass er davon nichts ahnt oder gar weiß", wandte Tsalok ein. „Trotzdem würde ich mich gerne vorher reinigen."
Sie neigte kokett den besternten Kopf. „Wie der Herr Kommandant wünscht."
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Caled Galfridian war aufgewacht. Er fühlte sich besser, aber dieses Gefühl ebbte sofort wieder ab, als er versuchte, seine Augen zu öffnen. Es ging, aber er konnte nur Umrisse erkennen. Er wollte sich aufsetzen, um Finn zu begrüßen, der auf der Bettkante saß, aber das war unmöglich. Er war einfach zu schwach.
„Dad, ich habe meine Jedi-Grundausbildung auf Yavin IV abgeschlossen."
Finn hielt etwas in die Höhe, was der Griff eines Lichtschwerts sein könnte. „Schau mal, mein Lichtschwert. Es hat eine gelbe Klinge."
Ach, wenn er sich doch nur aus ganzem Herzen mit seinem Sohn freuen könnte. Aber das Gift … „Die Ärzte können meine Schmerzen wohl lindern, aber nicht besiegen."
Finn packte das Lichtschwert an seinen Gürtel und nahm seines Vaters Hand. „Aber Jaina und Jacen Solo sind hier. Sie beherrschen Jedi-Heiltechniken."
Caleds Stimme klang müde. „Vielleicht können sie es etwas hinauszögern."
„Aber Dad!"
„Finn, du wusstest, dass es einmal soweit kommen würde. Deshalb habe ich dich zu Luke Skywalker nach Yavin IV geschickt."
Der junge blonde Mann schluckte. Die trüben Augen seines Vaters schauten, als würden sie mehr auf dem Herzen haben als nur die Ankündigung eines nahen Todes.
„Finn, die Geschichte, die ich dir jetzt erzählen werde, ist auch für deine Schwester bestimmt. Ich möchte sie zumindest einmal in meinem Leben erzählen, bevor ich es nicht mehr kann. Es geht um deine Mutter."
„Natürlich, Dad."
„Es geschah vor siebzehn Jahren. Die imperiale Gefahr war noch vorhanden, doch Artorias wurde zu der Zuflucht, wie ich erhofft hatte – zu einem Ort, wo man den Rest der Galaxis vergessen konnte – zu einem sicheren Hafen. Aber es siedelten hier viele Wesen und einige von ihnen brachten eben die Probleme mit sich im Gepäck, denen sie doch eigentlich entkommen wollten."
König Caled Galfridian erzählte von dem Duros namens Dowron, wie er in dessen Hauptquartier Nina kennengelernt hatte. Wie schnell aus der Rettung der jungen Frau eine Liebe, eine Ehe, eine Familie wurde.
„Von deiner Mutter hast du deine Furchtlosigkeit. Von ihr hat Kaye ihr Feuer. Nina und ich wussten schon immer, was aus Kaye werden würde. Sie brütete über meinen Kriegsstrategien, wollte jede Taktik lernen, um den Frieden zu bewahren. Aber deinen Weg konnten wir bislang nicht so klar erkennen. Und jetzt bist du ein Jedi. Nina wird so stolz auf dich sein. Ich bin stolz auf dich."
„Danke, Dad."
„Und deshalb sage ich dir: Geh von hier weg. Ich bin so dumm gewesen und so stur. Unsere Angriffe dort oben führen zu nichts gutem. Irgendwann verlässt uns das Glück und wir werden doch vernichtet."
Finn drückte die Hand seines Vaters. „So etwas passiert uns allen. Ich nahm an einer Schlacht auf Rychel teil und ein Jedimeister wurde dort getötet, weil er den Yuuzhan Vong, der ihn hinterrücks angriff, nicht in der Macht fühlen konnte."
„Wie ist das möglich?", fragte sein Vater.
„Die Macht fließt durch alle Lebewesen. Sie verbindet uns und führt uns zusammen, aber die Yuuzhan Vong existieren irgendwie außerhalb dieser Macht. Noch nicht einmal Meister Skywalker kann sie mit der Macht berühren. Aber ich …"
„Finn!"
„Ich wollte es niemandem sagen. Ich will nicht als Missgeburt dastehen. Aber ich habe dem Yuuzhan Vong, der Meister Lar Le'Ung tötete, gegenübergestanden und dabei hat sich etwas in mir bewegt. Ich konnte spüren … wie es sich bewegt."
„Du kannst die Yuuzhan Vong in der Macht spüren?"
Finn nickte.
„Aber … Finn, das ist ein Geschenk! So, wie du gekommen bist, bevor ich sterben werde. Hat dir das auch die Macht gesagt?"
Der Sohn senkte den Kopf. „Wir, also Leia, ihr Mann und die Solozwillinge und Anakin waren auf einer Mission auf Nar Shaddaa. Da hat uns so ein Typ unbedingt ein Holocron verkaufen wollen. Und dieses Holocron hat sich geöffnet, aber nur für mich. Ein ziemlich verwilderter Jedi hat mir als Avatar des Holocrons mitgeteilt, dass dein Berater Dulac ein Yuuzhan Vong-Agent ist. Ich wollte dich warnen – und jetzt bin ich zu spät."
„Du bist früh genug gekommen, dass ich dich noch sehen konnte - den Mann, zu dem du herangereift bist. Deine Mutter hat mich auch vor einem Angriff gewarnt. Mit ihr zusammen habe ich dieses Verteidigungszentrum hier unten unter dem Meeresgrund geplant und auf den neuesten Stand der Technik gebracht. Aber würdest du hierbleiben, würdest du dich abnutzen. Es würde weitere Angriffe geben. Irgendwann würdest du nicht mehr die Kraft finden zu widerstehen. Jetzt ist Nina fort, aber wisse, dass deine Mutter viele Geheimnisse mit sich herumträgt, die sie selbst mir nicht alle offenbart hat, weil sie nicht riskieren will …", er suchte nach einer angemessenen Formulierung, „Argwohn zu erregen."
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich verstehe."
„Du musst nur verstehen, dass es keine Schande ist, etwas zu können, das andere nicht können. Und jetzt hol bitte Prowl herein, denn ich möchte eine Aufzeichnung machen."
Finn stieß einen Pfiff aus und Prowl schwebte ins Zimmer.
„Starte die Aufzeichnung", bat Caled und dann dachte er nur noch an eine. „Nina, es tut mir so leid …"
Die Herz von Artorias hing über Dibrook und wartete. Nina Galfridian konnte sehen, wie die fünfzig Mann, die den Hügel erkunden sollten, halb um jenen herumliefen, um einen neuen, direkteren Zugang zur Störquelle zu finden. So wie sie Kaye über Komlink verstanden hatte, waren nicht wirklich viele Yuuzhan Vong-Krieger auf dem Planeten. Kayes Leute waren gezwungen gewesen, einige Sklaven zu töten, die der Feind in Kampfmaschinen transformiert hatte. Dann hatte sich der Feind wieder in seine Katakomben zurückgezogen – und der Yammosk ärgerte sie immer noch, ohne dass sie ihren Leuten zu viel darüber verraten konnte, ohne sich verdächtig zu machen.
[Verteidige mich und schieß sie weg – am besten im Kurvenanflug auf zehn Uhr bis auf ein Phon]
Halt die Klappe! Etwas neben der Pilotenkanzel schmatzte. Nina nahm die Kontrollhaube ab und starrte auf einen braunen Ball, einen der Villips, die sie in Sha'kels Kommandozentrale gefunden hatte. Sie hatte die organischen Kommunikatoren mit zu sich ins Cockpit genommen, wo sie zumeist allein war. Schon ein paar Mal hatte sich der eine oder andere Villip umgestülpt und zu ihr in ihrer Muttersprache gesprochen. Sie hatte es ignoriert. Jetzt jedoch hatte die Herz offen Partei ergriffen – für den Feind. Warum es also noch weiter hinauszögern?
Sie nahm den Villip in die Hand und blickte … in Tsaloks grimmiges Gesicht.
„Wer sind Sie?", fragte Tsalok auf Basic.
Offenbar war das so ein Villip, der nicht auf ein bestimmtes Gesicht geeicht war, sondern er übertrug einfach jedes Gesicht, das sich vor ihm befand. Sie konnte sich jetzt also nicht hinter Sha'kels Gesicht verstecken.
„Ich bin Nina Galfridian."
„Galfridian?"
„Die Königin von Artorias. Bald wird unsere Armee die Mauer der armen Seelen durchbrechen, die Sie zum Kampf gegen uns gezwungen haben, Tsalok."
„Woher kennen Sie meinen Namen und wieso gehen Sie an den Villip? Wo ist Kommandant Sha'kel?"
Nina lächelte. „Heldenhaft gefallen im Kampf um sein Schiff, ganz im Gegensatz zu Ihnen."
Tsalok ließ ein ärgerliches Grollen fahren. „Sie wissen also auch um diese Sache."
„Natürlich", log sie.
Sie wollte mehr über diese Sache erfahren. Ein wunder Punkt war immer gut. „Und schon bald werden Sie und Ihresgleichen bezahlen. Bald werden wir Ihre Anlage einnehmen."
Tsaloks Abbild auf dem Villip verzog einen Mundwinkel. „Dann werden wir nicht mehr hier sein."
„Sie zwingen andere, für Sie zu kämpfen und fliehen dann? Ich dachte, ihr wärt Krieger, keine Feiglinge!"
Tsalok zog bedrohlich die Brauen zusammen, schwieg jedoch. Dann verdeckte ein neues Bild sein Gesicht. „Kennen Sie den Mann?"
Nina erstarrte. Das Gesicht auf dem Villip war das von Finn, ihrem Sohn. „Was? … Finn? Wie …?"
Finns Bild machte wieder Tsaloks harten Zügen Platz. „Wir ziehen jetzt ab. Kommen Sie Ihre Leute holen."
Nina fühlte, wie ihre Augen anfingen, zu brennen. Sie wollte losheulen, aber das ging nicht. Gedanken, Befürchtungen überschlugen sich in ihrem Kopf. „Haben Sie ihn? Antworten Sie mir!"
Tsalok lachte. „Sie sollten sich beeilen."
Der Villip begann bereits, das Gesicht ihres ehemaligen Geliebten in sich einzusaugen. Und auch die Wellen des Yammosk wurden plötzlich schwächer. Wenn der Kriegskoordinator aufhörte zu senden, weil man ihn wegbrachte, würden sie Finn vielleicht auch nicht mehr finden können. Dann war alles verloren. „Rühren Sie meinen Sohn nicht an!", schrie sie.
Der Villip kehrte in seine Urform zurück und Nina gestattete sich zu weinen. Jetzt war es Tsalok, der einen Schwachpunkt bei ihr entlarvt hatte. Sie wischte die Tränen fort, als ihr Komlink summte. Es war Kaye und sie sah nicht gut aus. Nina schämte sich. Sie hatte um Finn gefürchtet und dabei vergessen, dass sie dort unten noch eine Tochter hatte. Sie schaute nach unten auf den Planeten, zoomte das Gebiet um den Hügel heran. Aus der kreisrunden Erhebung quollen Wesen – keine Yuuzhan Vong, wie Nina erkannte. Und – diese Kleidung …
„Sie haben eine zweite Welle Sklaven entfesselt", berichtete Kaye tonlos. „Die Sklaven, die sie jetzt gegen uns einsetzen – es sind Leute von Artorias, die sie modifiziert haben. Es sind zu viele. Den Leuten von Station Oblivion mag das egal sein, mir aber nicht."
„Das ist genau das, was unsere Feinde von uns erwarten, Kaye. Du rettest viel mehr Leute von uns, wenn du jetzt nicht einknickst, verstehst du?"
„Aber Mom, ich …"
„Du bist erst siebzehn und dieser Krieg ist unbarmherzig. Kannst du die Blaster auf Betäubung einstellen?"
Kaye hieb sich mit der behandschuhten Hand gegen den Helm. „Deshalb liebe ich dich, Mom. Es ist so naheliegend und doch kam ich nicht drauf. Ich melde mich gleich wieder."
„Kaye, warte!" Nina Galfridian öffnete den Mund erneut, um ihrer Tochter mitzuteilen, dass ihr Bruder ebenfalls dort unten war, dann fiel ihr etwas ein. „Ich ruf dich gleich wieder an."
Nina beendete die Komlinkverbindung und ging zum Holoprojektor, wählte Finns Komm-Daten. Es dauerte nur einen Moment, bis ihr Sohn an den Holoprojektor ging. „Mom?"
Finns Stimme klang seltsam belegt. „Finn, wo bist du?"
„Auf Artorias bei Dad."
„Dem Himmel sei Dank, du bist in Sicherheit!"
Sie beendete rasch die Verbindung. Woher immer Tsalok Finns Bild hatte, sein Täuschungsmanöver hatte nicht funktioniert.
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„Wie kann eine einzige schwache Menschenfrau die Tsam P'ah kontrollieren?", fragte Nagme ungläubig.
Tsalok zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Offenbar gibt es mehr als nur einen interessanten Galfridian."
„Das ist also der Junge, den du suchst."
„Darum brauchst du dich nicht zu kümmern", schnaubte Tsalok. „Ist der Yammosk bereit für den Abtransport?"
„So gut wie."
Ein Krieger betrat den Raum und Tsalok erteilte ihm mit einem Wink die Erlaubnis zu sprechen. „Vergebt mir, Kommandant Tsalok. Kriegsmeister Tsavong Lah hat Verbindung aufgenommen. Er hat gehört, dass Ihr Euren Posten auf Rychel verlassen habt und möchte den Grund erfahren. Er hat außerdem gehört, dass die Tsam P'ah hier ist und möchte wissen, was Ihr zu unternehmen gedenkt, um unser Sklavenschiff wieder in Besitz zu nehmen."
„Ich habe Ihren Bericht zur Kenntnis genommen, Verston", sagte Tsalok kalt. „Und jetzt gehen Sie."
„Willst du dich lieber vorbeugend mit dem Kriegsmeister in Verbindung setzen, um dich zu erklären?", fragte Nagme, als sie allein waren.
Tsaloks bekrallte Hand wies nach unten. „Da die Tarak-shi offenbar nicht mit dem Abschaum der Ungläubigen fertig wird, werden eben wir dieses Sklavenschiff wieder einfangen. Das wird Tsavong Lah als Antwort reichen." Seine Stimme bekam einen lauernden Unterton. „Weitaus mehr Sorgen macht mir, dass jemand hier ein exzellentes Gehör haben muss, aus großer Entfernung derart unsere Gespräche zu belauschen. Einer deiner Gestalter vielleicht?"
Sie trat einen Schritt von ihm zurück. „Unmöglich!"
„Du wirst mir die Namen aller Gestalter geben, denen du nicht bedingungslos vertraust. Angefangen bei dem, der die Botschaft des Kriegsmeisters überbrachte."
„Tsalok!"
„Wenn Tsavong Lah herausfindet, was du hier getan hast, dann ist unser beider Leben verwirkt", zischte Tsalok.
Sie stemmte die Arme in die Hüften. „Nur, wenn unser Jeedai-Projekt scheitert."
„Wenn es dem Feind in die Hände fällt und Tsavong Lah es auch noch durch den Feind erfährt, dann ist das genauso gut Scheitern! Verstehst du das denn nicht?"
„Wenn sein Agent tot ist, dann wird er doch erst recht misstrauisch werden."
„Gestorben wird überall", knurrte Tsalok unwirsch. „Du wirst zum Yammosk gehen und bei ihm sein, bis ich dir das Zeichen zum Aufbruch gebe."
Nagme verließ den Kommandoraum und nachdem er die gewünschte Liste bekommen hatte, begab sich Tsalok in den Raum des Damuteks, wo er die Gestalter bei der Mittagspause wusste.
„Genug gegessen!", unterbrach er das Essen. „Ihr werdet jetzt nach draußen gehen und euch dem Feind stellen. Und zwar Al'noc, Verkar, Tsamik, Kroookh …"
„Aber wir sind Gestalter, keine Krieger", wandte einer der Aufgerufenen ein. „Was würde der Kriegsmeister dazu sagen? Ihr könnt uns nicht bitten."
Tsalok wandte sich dem Krieger zu, den er mitgebracht hatte. „Verston."
Der Krieger sprang vor und sein Amphistab erwischte den aufbegehrenden Gestalter am Hals, biss hinein. Verston drehte den Stab und das scharfe Ende bohrte sich in die Brust des Opfers. Nur zur Sicherheit, bei Gestaltern konnte man nie wissen. Der Gestalter fiel zu Boden und schwarzes Blut sickerte auf den Boden des Pausenraums.
Verston drehte sich zum Rest der schockierten Gestalter um. „Kommandant Tsalok hat einen Befehl erteilt!"
Und dieses Mal widersprach keiner.
„Zakar", wandte sich Tsalok an jenen Krieger mit den zwei Hörnern auf dem Kopf. „Führe unsere Gestaltergarde zum Haupteingang."
„Soll ich mich ihnen anschließen?"
Tsalok musterte seinen Untergebenen. Die Frage verhieß keinerlei Zögern, eher Sorge darum, den Einsatz gegenüber den Ungläubigen zu einem möglichst erfolgreichen Abschluss zu bringen. Er lächelte. Nein, ich habe noch andere Aufgaben für dich. „Nein, es ist nicht mein Wille, dass du heute stirbst."
Zufrieden registrierte er, wie die auserwählten Gestalter bei diesen Worten unwillkürlich den Kopf in die Schultern einzogen. Sie waren keine Krieger. Wer konnte es ihnen also verdenken?
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Kaye und ihr Trupp hatten den Kordon der Kampfsklaven durchbrochen. Die meisten lagen betäubt auf dem Boden, aber nicht bei allen Spezies funktionierte die standardisiert abgegebene Betäubungsdosis eines Blasters gleichermaßen. Kaye hatte auf Nummer sicher gehen gemusst, um ihre Leute zu schützen – auf Kosten der Leute, die einmal die Untertanen ihres Vaters gewesen waren. Später würde sie die Überlebenden mitnehmen, ihnen helfen, diese scheußlichen Modifikationen, die sie zu seelenlosen Kampfmaschinen gemacht hatten, wieder loszuwerden. Was aber, wenn das nicht ging? Ihr wurde bewusst, wie viele Ungewissheiten dieser Krieg mit sich brachte. Für den Yuuzhan Vong hingegen, die den Sklaven folgten, waren die Blaster auf tödlich eingestellt. Kaye beobachtete, dass sie sich erheblich langsamer bewegten als die Krieger, denen sie vorhin in der Anlage begegnet waren. Und sie waren wesentlich beleibter, trugen seltsame Kopfputze im Gegensatz zu den Kriegern, die entweder Haare oder Glatze trugen. Keiner von ihnen überlebte und Kaye überlegte, ob ihr Kommandant sie vielleicht in einer Art Bestrafung gegen sie entsandt hatte.
Auf einmal war der Kampf zu Ende. Die Sklaven blieben stehen und rührten sich nicht mehr. Kaye überlegte. Irgendwo hatte sie so etwas schon einmal gesehen. Sie tippte eine grüne Twi'lek an und die Frau fiel einfach erschöpft auf die Erde, ohne sich auch nur weiter um sie zu kümmern. Da fiel es Kaye wieder ein. Es war in diesem Film über die Schlacht von Naboo lange vor den Klonkriegen. Damals waren es Droiden gewesen, deren Kontrollschiff im Orbit zu Klump geschossen worden war. Jetzt hingegen …
Kaye ließ ihren Blick zum Himmel schweifen. Weit hinten sah sie die Herz von Artorias. Sie schaute in die andere Richtung. Über dem Gipfel des Berges stieg lautlos ein Schiff auf, das so ähnlich aussah wie die Herz, nur viel kleiner. Das lebendige Schiff stieg rasch in den Himmel von Dibrook auf und Kaye zuckte mit den Schultern.
Sie rückten weiter vor, erreichten das Innere des Gebäudes, von dem nur Kayes Mutter wusste, dass es sich um ein Damutek der Gestalterkaste handelte. Sie liefen durch verwaiste Gänge, an deren Seiten apathische Sklaven vieler Spezies lagen und mit blöden Augen an die geriefte Decke glotzten. Als seien auch sie ferngesteuert gewesen.
Kayes Komlink summte. „Verlasst die Anlage, Kaye!", hörte sie ihre Mutter. „Was wir suchen, ist bereits fort."
Das junge Mädchen stutzte. „Was?"
„Sofort!"
Kaye sah drei Soldaten um die kreisrunde Wanne mit den Dornen stehen, in welcher noch vor zehn Minuten Yuledan gelegen hatte.
„Rückzug!", ordnete Kaye an. „Hier gibt es nichts mehr zu entdecken."
Sie liefen wieder nach draußen und als sie den Ausgang des Damuteks erreicht hatten, verdunkelte der Schatten der Herz von Artorias den eh dunklen Himmel von Dibrook über ihnen. Die junge Prinzessin zählte die eine Hälfte ihrer Leute, dann nickte sie Arbeloa zu, der in der Zeit die andere Hälfte gezählt hatte, um Zeit zu sparen.
„Wir sind raus", teilte Kaye ihrer Mutter mit.
Die Herz schob sich über den Gipfel des Bergs, der eigentlich ein Damutek …
Ein gewaltiger grüner Strahl schoss aus der Herz auf die Anlage zu und Kaye und ihre Leute rannten instinktiv weiter fort. Felsbrocken flogen durch die Luft und Säfte spritzten, die ohnehin unatembare Luft noch ungenießbarer machend. Die Brustwehr, auf der noch vor anderthalb Stunden Tsalok und Nagme gestanden hatten, brach von der oberhalb liegenden Terrassenlage ab und stürzte lawinengleich in die Tiefe.
Nina Galfridian saß in ihrem organischen Cockpit und feuerte. Sie hörte die Botschaft, die Finn ihr hatte zukommen lassen und sie sog jedes Wort davon in sich ein, egal wie sehr es sie schmerzte. Oder aber gerade deshalb?
„Nina, ich weiß, wie sehr du verletzt wurdest, welchen Schmerz du erlitten hast", begannen Caled Galfridians letzte Worte an seine Frau. „Ich weiß, welche Leidenschaft du trotz deines Geheimnisses in dir trägst … oder vielleicht gerade deswegen."
Sie schoss eine weitere Salve auf das Damutek unter ihr ab. Dort hatte Tsalok gearbeitet, zusammen mit Nagme, der Verräterin.
„Ja, ich weiß, dass du viele Geheimnisse hast. Ich habe sie nie zu erfahren versucht, aber ich habe es immer gewusst. Du bist mehr als du zu sein vorgibst. Ich weiß, dass du unsere Kinder liebst. Ich habe ihnen nie von meinen Vermutungen erzählt. Du wirst es ihnen sagen, wenn du soweit bist. Sorge für sie. Enthalte ihnen die Wahrheit nicht vor."
Eine weitere Salve Orbitalbombardement erschütterte das Damutek unter der Herz. Der Gipfel war kein Gipfel mehr, sondern nur noch der Krater eines rauchenden Vulkans, von dem niemals wieder eine Gefahr ausgehen würde. Und Nina Galfridian badete darin. Wie gerne hätte sie schon damals auf dem Weltschiff der Domäne Dal … Aber das war jetzt nicht wichtig. Irgendwann musste sie es Finn und Kaye sagen, aber der Zeitpunkt ... Wann würde es je einen geben, der passte?
"Ich weiß, was du bist, und ich liebe dich trotzdem. Danke, Nina", sprach der sterbende König die bereits konservierten Worte weiter. „An dem Tag, an dem ich dich befreite, hast du mich gerettet."
Nina hatte eine Weile gebraucht, bis sie wieder an etwas anders denken konnte als an ihren Mann. Sorge für sie. Das sagte nur jemand, der dem Tode nahe war und Caleds Stimme hatte anders geklungen als sonst, nicht unbedingt schwach, aber müde – und dagegen ankämpfend. Trotzdem lag eine Klarheit in den Worten ihres Mannes, wie sie nur von jemandem kommen konnte, der nichts mehr zu verlieren hatte. Sie senkte die Herz soweit ab, dass die Überlebenden der Erkundungs- und Rettungsmission wieder an Bord kommen konnten.
Lebewohl, mein König!
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Die ehemaligen Sklaven der Yuuzhan Vong waren in ihre neuen Quartiere an Bord der Herz gebracht worden. Es hatte sich herausgestellt, dass ihre Implantate lediglich den Befehlen eines Yammosks gehorchten. Da es jetzt keinen solchen mehr in der Nähe gab, hatte die Entfernung der Implantate noch Zeit. Jetzt saß eine Gruppe der frisch Befreiten in dem Speiseraum und aß etwas von dem Essen, welches Bylsma mit an Bord gebracht hatte, gemischt mit dem Muur-Brei, den es auf dem ehemaligen Sklavenschiff ohnehin in rauen Mengen gab. Einer der Sklaven, ein Mensch, stand vom Esstisch auf und fragte nach einer Toilette. Man zeigte ihm den Weg und er verschwand in der organischen Zelle mit dem kleinen Loch in der Mitte. Kaum hatte sich die Membrantür hinter ihm geschlossen, holte er einen Villip aus der Achselhöhle, von deren Verdickung der Arzt an Bord geglaubt hatte, es handele sich dabei lediglich um ein weiteres Korallenimplantat zwecks Steuerung durch die Yuuzhan Vong.
Der Villip stülpte sich um und ein vernarbtes Yuuzhan Vong-Gesicht erschien über der Kerbe.
„Exekutor, die Tsam P'ah ist von Dibrook gestartet. Das Schiff wird jetzt im übrigen Herz von Artorias genannt."
Nom Anors Stimme klang ungeduldig. „Wer befehligt das Sklavenschiff jetzt?"
„Die Königin von Artorias hat die Steuerung übernommen."
„Nina Galfridian?"
Der Agent nickte. „Und Admiral Bylsma begleitet sie mit der gesamten Station Oblivion."
Der Exekutor überlegte. Es würde vielleicht Sinn machen, persönlich mit seiner ehemaligen Agentin zu sprechen, vielleicht aber auch nicht. In seiner erbärmlichen Unkenntnis hatte Sha'kel es sicherlich nicht versäumt, Nina und Kaye ihre Komlinks abzunehmen und diese technischen Ekelhaftigkeiten zu zerstören. Sicher hatte man Nina in der Zwischenzeit ein neues Kommunikationsmedium gegeben. „Sie werden mir die Komlinkdaten der Königin besorgen", sagte er schließlich.
„So wird es geschehen, Exekutor. Da ist noch eine Sache, falls Sie davon noch nicht wissen."
Nom Anor erwiderte nichts und so sprach der Agent weiter. „Es wurde Trauer auf dem Schiff angeordnet, weil König Caled Galfridian infolge eines Giftanschlages eines Yuuzhan Vong-Agenten ums Leben kam."
Meines Agenten. Gute Arbeit, Agent Lac'du.
„Wissen Sie, wie er es getan hat?"
„Er hat ihn mit etwas aus seinem Auge angespritzt und wurde kurz darauf von den Jedi Jacen und Jaina Solo getötet."
Nom Anors linkes Augenlid zuckte. Einer der Gründe, warum er Lac'du so geschätzt hatte, war die Tatsache, dass der untergebene Agent ebenfalls ein Plaeryn Bol-Implantat in der Augenhöhle trug – so wie er selbst. Das konnte der Ungläubige am anderen Ende der Villipverbindung nicht wissen – musste er auch nicht. Ihm war durchaus bewusst, dass er diese Waffe nicht allzu häufig einsetzen konnte, ohne sich als Yuuzhan Vong zu verraten – zumindest nicht mehr seit Dulacs Tod. Der andere Yuuzhan Vong war beinahe so lange wie er selbst in dieser Galaxis gewesen, war gar mit einer Menschenfrau verheiratet gewesen. Jetzt, wo die Invasion endlich begonnen hatte, würde er, Nom Anor, sich bestimmt nicht mehr zu so etwas verleiten lassen. Das mit Heritha auf Bothawui war genug gewesen – wirklich genug. Ja, er würde Lac'dus Berichte von Artorias vermissen.
Rrush'hok ichnar vinim'hok, Lac'du! Aller Ruhm für dich, tapferer Krieger Lac'du. „Ich danke Ihnen, halten Sie mich auf dem Laufenden."
„Das werde ich, Exekutor."
Nom Anor strich über den Villip und jener stülpte sich wieder in den runden Urzustand um. Nur wenig später berief ihn Kommandant Tsaak Vootuh auf die Kommandobrücke der Tarak-shi.
„Nom Anor, das Sklavenschiff ist fort", sagte Vootuh barsch.
„Wir werden es nicht weiterverfolgen?", fragte Nom Anor ungläubig.
Der Kommandant starrte nach unten auf die zerstörte Basis. „Shedao Shai hat angewiesen, dass die Tarak-shi Dibrook verlassen und weiter nach Dathomir fliegen wird. Dort treiben sich einige machtsensitive Personen herum, die man statt Jedi ebenso gut für Versuche und Experimente nutzen kann. Außerdem ist der Planet zu unbedeutend, um die Aufmerksamkeit der Neuen Republik zu erhalten."
Doch noch ein Jeedai oder ähnliches für Nagme! „Aber gehört denn Dathomir nicht schon seit einiger Zeit zum Hapes-Konsortium?", wandte Nom Anor ein.
„Shedao Shai sieht das als gute Gelegenheit an, sich weitere Verbündete zu verschaffen, die man gegen die Neue Republik einsetzen kann. Sollten sich die Hapaner zu einer Übereinkunft bereiterklären, werden ihre übrigen Welten verschont bleiben."
Nom Anor zeigte ein nadelspitzes Lächeln. „Für's erste, nehme ich an."
Tsaak Vootuh hob abfällig die Oberlippe. „Was erwarten Sie denn nach dem Debakel mit Ihren Mandalorianern?"
„Ich erwarte nichts, sondern ich plane lieber."
„Dann planen Sie dieses Mal besser, Nom Anor. Ansonsten wird einer von uns beiden dieses Schiff verlassen und das werde nicht ich sein."
Nom Anors Lächeln wurde etwas weicher. „Ich bin mir sicher, Dathomir wird Ihnen gefallen, Kommandant Vootuh."
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Ninas Galfridians Komlink summte und sie sah Admiral Bylsmas blaues Holobild darüber in Wartestellung. Die Oblivion flog neben der Herz von Artorias her und solange das so blieb, fühlte sich Nina sehr sicher.
„Mein herzliches Beileid zum Tod Ihres Mannes", begann Bylsma mit leicht gesenktem Kopf.
„Ich danke Ihnen, Admiral."
„Sie haben ja einen kleinen Teil Ihrer Leute wieder eingesammelt, aber ich habe mich noch ein bisschen umgehört", sagte der hellblonde Mann. „Es gab mehrere Flüchtlingstransporte in der Region und einer davon hat die Evakuierten von Artorias auf die Welt Shramar gebracht."
Ninas Hand umklammerte das Komlink etwas fester. „Shramar? Aber das liegt im Restimperium!"
„Diese Invasion betrifft jetzt uns alle", meinte Bylsma. „Der Sektorenkommandant von Shramar ist ein vernünftiger Mann. Und wenn er sich bereiterklärt hat, die Flüchtlinge Ihres Planeten aufzunehmen, dann ist das ein gutes Zeichen."
Nina lächelte vorsichtig. „Ich hoffe, Sie haben Recht."
Note der Autorin: Der Hauptteil des Kapitels enthält vor allem die Ereignisse des Comics „Invasion II: Die Rettung" von 2011, des zweiten Teils der Star Wars-Invasion-Comicreihe von Panini, der zeitlich zwischen Band 1 „Die Abtrünningen" und 2 „Die Schwarze Flut" der Buchreihe „Das Erbe der Jediritter" angesiedelt ist.
