Kapitel 32
Ein Stand muss lehren, der andere nähern, der dritte – böse Buben wehren
Er hatte es gut geplant, dass musste man ihm lassen. Er hatte an alles gedacht, an jeder Kleinigkeit und Eventualität. Seine Leute waren buchstäblich überall. Angefangen von Schulen und Krankenhäusern und endend in der Forschung und bei Militär.
„Woher kommen all diese Leute?", wunderte ich mich, als ich Sirius über die Schulter sah. In seinen Händen hielt er die letzten offiziellen Listen der „Agenten im besonderen Dienst". Diese Liste wurde wöchentlich aktualisiert und von Voldemort persönlich an die „Verteidigungs- und Überwachungsstellen" versendet. Diese Listen beinhaltete all die Agenten der Zauberwelt, die – meist geheim – die Muggelwelt erforschten. Ihre Aufgabe war es zu beobachten und zu lernen. Sirius' Aufgabe war es dafür zu sorgen, dass diese Leute ungehindert ihrer Aufgabe nachgehen konnten. Schließlich musste er wissen, wie (und ob überhaupt) er reagieren sollte, wenn ihm Einsatz eigentlich unerlaubter Zauberei gemeldet wurde.
„Viele von ihnen haben für das Ministerium gearbeitet", meinte er und deutet auf ein paar Namen. Diese Menschen tauchten regelmäßig in den Nachrichten der Muggelwelt auf und waren berühmt und mehr oder weniger reich. „Anscheinend hielt der …Hohe Lord es nicht für nötig, diese Personen auszutauschen." Mein Vater schielte auf die Listen. Seiner Meinung nach hatten sie "Ohren". Wir konnten zwar keine entsprechenden Zauber nachweisen, aber auch nicht sichergehen, dass es keine Abhörzauber auf diesen Blättern lagen.
„Aber die meisten sind mit unbekannt. Und sehr jung. Einige kaum älter als du es jetzt bist." In der Tat, gab es eine Menge „Agenten" in den Schulen und Universitäten der Muggelwelt. Sirius, der mein überraschtes Gesicht sah, lächelte nachsichtig.
„Nicht alle Zauberer kommen nach Hogwarts", erinnerte er mich. „Es werden nicht einmal alle eingeladen. Und die, die eingeladen werden kommen dort oft gar nicht an. Sie werden zu Hause unterrichtet oder in anderen Schulen." Stimmt. Andere Schulen. Hogwarts war zwar eine der ältesten Schulen in der Zauberwelt aber bei weitem nicht die einzige. Früher einmal gab es viel mehr davon, heute gab nur noch elf. Nun ja, elf Schulen, die es mit Hogwarts aufnehmen konnten. Die kleinen werden bei dieser Zählung nicht beachtet.
„Und nicht alle, die in Hogwarts waren, finden eine Arbeit in der Zauberwelt". vermutete ich. Sirius nickte.
„Genau. Der Hohe Lord zeigte diesen Leuten die Perspektiven auf und sie haben sich dafür entschieden zum Wohle beider Welten eine wichtige Arbeit zu erledigen." Bei den Worten verzog Sirius das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen. Er warf noch einen Blick auf die Listen, notierte ein paar neue Namen und ergänzte einige Angaben, bevor er die Blätter verbrannte. Anschließend prüfte er die Umgebung auf verdächtige Zauber und als er sicher war unbeobachtet zu sein, seufzte er.
„Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Ich bin mir sicher, dass es viel mehr Agenten gibt. Ich soll nur auf die aufpassen, die allzu offensichtlich ihrer Arbeit nachgehen."
Die Tür seines Arbeitsraumes ging auf und Alice steckte den Kopf herein.
„Wusste ich doch, dass ich euch hier finde!", rief sie triumphierend. „Ist euch klar, dass wir nur noch auf euch beide warten?" Ich wurde rot. Eigentlich wollte ich Sirius daran erinnern, dass wir alle soweit waren nach King's Cross zu fahren. Das neue Jahr in Hogwarts wartete auf uns.
Alice und er wollten Neville und mich am Bahnhof absetzen, um danach mit Charly, zur Großmutter Walburga zu fahren. Sie saß fast die ganze Zeit am Bett ihres sterbenden Vaters. Pollux stand seit einiger zeit nicht mehr auf. Er verlor fast seine gesamte Zauberkraft und verwendete seine letzten Stunden und Tage damit die Familiengeheimnisse sicher weiterzugeben oder genauso sicher zu verbergen. Ich bracht es noch nicht über mich ihn zu besuchen. Doch ich wusste, dass es irgendwann sein musste.
Wie schon all die Jahre nahem wir ein ganz normales Taxi zum Bahnhof. Zum vierten Mal bereits.
Mein drittes Jahr in Hogwarts verlief dermaßen ereignislos und langweilig, dass es kaum eine Erwähnung wert ist. Es gab keinen angeblichen Mörder, der mir nach dem Leben trachtete. Keine Zeitumkehrer. Keine Dementoren. Keinen Werwolf, der die Verteidigung gegen die Dunklen Künste unterrichtete. Nicht einmal die Sommerferien waren aufregend. Die Quidditch Weltmeisterschaft ließ ich mir auch dieses Mal nicht entgehen auch wenn ich mir große Sorgen machte. Ich erinnerte mich noch daran, wie es in meinem letzten Leben endete. Doch dieses Mal war alles anders. Wir hatten gute Logenplätze bekommen und mussten nicht in einem nach Katzen riechenden Zelt schlafen. Es gab keine brennenden Zelte, kein Chaos, kein Todeszeichen am Himmel. Das einzige Aufregende war die Wette, die ich abgeschlossen habe. Ich setzte eine relativ kleine Summe. Nur so viel, dass ich dieses Jahr nicht zu sparen brauchte, um Weihnachtsgeschenke für Freunde und Familie zu kaufen.
Ansonsten war das Jahr ruhig. Ich lernte, arbeitete weiter an den Dokumenten aus der Kammer und vergrub mich gemeinsam mit Draco in dem Archiv. Abends und an den Wochenenden fand ich die Zeit für den Club. Die eigentliche Neuerung, die Hogwarts letztes Jahr erreichte, ging an den ersten drei Jahrgängen, sowie auch an den Schülern der Abschlussklasse vorbei und würde alle anderen erst dieses Jahr treffen.
Wobei neu war die Idee nicht. Es war eher die Rückkehr zu den Ursprüngen der Schule. Hinweise darauf fanden Draco und ich schon sehr oft. Hinweise darauf, warum es die viel Häuser gab und warum in jedem davon eine andere Tugend als wichtig galt.
An dem Gleis war der „neue Zeitgeist" bereits gut sichtbar. Die Schüler, die bereits letztes Jahr angefangen haben nach dem neuen Programm zu lernen, fielen auf. Zu einem hielten sie sich mehr als sonst an die Mitglieder der eigenen Häuser, doch zum anderen… zum anderen verschwand etwas von der Rivalität und der gegenseitigen Geringschätzung. Es war, als … als …. Verdammt! Es war als würde etwas an die richtige Stelle rücken. Als würden die Schüler nach und nach ihre eigentliche Bestimmung und damit ihr Glück finden. Dieser Gedanke behagte mir nicht. Mir behagte es nicht zuzugeben, dass Voldemort womöglich etwas Gutes zur Stande brachte.
„Alles klar, Harry?", fragte Sirius und legte mir eine Hand auf die Schulter. „Di siehst du besorg aus."
„Ich bin besorgt", gab ich zu. „Versprich mir bitte…" Ich suchte nach den richtigen Worten, Ich wollte nicht paranoid wirken, aber meine Sorgen ließe mir keine Ruhe.
„Ja?"
„Uns zu prüfen", bat ich leise. Er schaute mich prüfend an und nickte dann.
„Ich verspreche." Er verstand wovor ich mich fürchtete. Ich hatte Angst unter Einfluss irgendwelcher Zauber zu geraten. Meinen Verstand langsam und unmerklich zu verlieren und dann eines Tages feststellen, dass ich eine Tätowierung am Arm trage. „Ich werde ab und zu vorbeischauen, um nach dem Rechten zu sehen", meinte er beruhigend. Dann schaute er erst mir in die Augen, dann Neville.
„Vertraut euch selbst, Jungs", sagte er fest. „Ich bilde mir ein euch beigebracht zu haben, wie man eine eigene Meinung bildet. Also tut es. Schaut euch die Sache an. lasst euch darauf ein und sieht, was daraus wird. Im schlimmsten Fall…" Er lächelte uns verschwörerisch an. „… kenne ich jemanden, der uns ein paar Plätze Durmstrang organisieren kann." Daran zweifelte ich nicht.
Als wir die anderen aus unserer Gruppe fanden, war der Zug schon in Bewegung. Wir kämpften und durch die engen Gänge an den hin- und herlaufenden Schülern vorbei. Ruhr, der schon an Bahnhof aus seinem Käfig entlassen wurde, fauchte jedes Mal aufgebracht, wenn jemand seinen Pfoten oder seinem Schwanz naher kam. Erst als er in das Abtei, das Draco und die Mädchen besetzt hatten, schlüpfte, entspannte er sich und kletterte auf die Hutablage, um uns von dort oben mit deutlicher Überlegenheit anzuschauen.
„Verschlafen?", fragte Hermine. Ich grinste verlegen.
„So was Ähnliches", gab ich zu. Das wir wegen mir beinah zu spät gekommen waren, musste außer Neville ja niemand wissen.
„Bereit für das neue Jahr?", fragte Susan und errötete als Neville ihr bei der Begrüßung einen Kuss auf die Wange gab. Draco hob bei diesem Anblick fragen die Augenbrauen.
„Habe ich da was verpasst?" Susan errötete noch mehr und Neville seufzte, ohne etwas zu sagen. Hermine und Draco schauten nun fragend zu mir. Ich blickte zur Neville, der die Augen verdrehte.
„Susan hat ein paar Wochen im Sommer bei uns verbracht", erklärte er. „Der Rest geht euch gar nichts an." Draco hob abwehrend die Hände.
„Schon gut, schon gut. Es geht uns gar nicht an." Er grinste vielsagend, sagte aber nichts weiter dazu. Stattdessen hob er das Büchlein hoch, dass wir alle am Ende des letzten Schuljahres bekamen.
„Lasst mich mal sehen, ob ich alles richtig verstanden habe", meinte und schlug das Buch auf. Gleich auf dem Umschlag waren einige Notizen.
„Die Einteilung in die Häuser ändert sich nicht, aber das was wir lernen werden", meinte er und sah fragend in die Runde. Wir nickten. „Jeder von uns sollte also auf die zukünftigen Lebensaufgaben vorbereitet werden."
Er sah in seine Notizen.
„Jedem Haus wurde ursprünglich die Ausbildung ganz bestimmter Fähigkeiten anvertraut", meinte er und hob den Blick. „Vater meinte es wäre an Klans oder großen Familie orientiert." Ich nickte. Großmutter Walburga hatte es uns genau so erklärt. Auch Hermine schien sich damit beschäftigt zu haben.
„Es gibt da die Klan- oder Familienoberhäupter", warf Hermine ein. „Sie regeln das Leben innerhalb des Klans und treffen alle Entscheidungen, die die Zusammenarbeit mit den anderen Klans oder Familien betreffen."
„Friedensverträge, Kriegserklärungen, Kooperationen, gegenseitige Unterstützung, Aushandeln von Verträgen, kurzum – sie treffen alle wichtigen Entscheidungen im Sinne der Familie", meinte Neville nachdenklich. „Und darauf sollte eigentlich Slytherin vorbereiten. Es bildet Erben auch, die über kurz oder lang die Geschäfte der Familie übernehmen werden." Draco und ich sahen uns an. Er war der einzige Malfoy, der der Rolle eines Erben gerecht werden konnte, ich der letzte Potter. Die meisten anderen, die mit uns lernten waren in der gleichen oder doch sehr ähnlichen Lage. Sie waren meist die älteren Geschwister in der Familie oder hatten Geschwister in anderen Häusern.
„Gryffindor ist Schwert und Schild der Familie", las Hermine aus ihrem Buch vor. „Da ist alles klar, oder? Sie schützen die Familie mit Schild, Schwert und Magie." Stimmt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Gryffindor meist die ersten sein werden, die eine Waffe in die Hand nehmen, um andere zu schützen.
„Ravenclaw sind demnach dazu da, die Oberhäupter zu Beraten und auch um zu Forschen", brachte sich auch Susan in das Gespräch ein. „Und Hufflepuff…"
„…kümmern sich darum, dass alles andere funktioniert", beendete Neville ihren Satz. Er hatte Recht. Ganz gleich, wie wichtig die Arbeit der anderen auch sein mochte, sie würde keinen einzigen Tag funktionieren, wenn keiner an Versorgung, Organisation der Abläufe, Sauberkeit und genügend Personal sorgen würde. Letztendlich war es auch der Grund, warum Helga Hufflepuff sich dazu entschied alle aufzunehmen, die den Wunsch hatten, eine fundierte magische Ausbildung zu erhalten. Es gab einfach viel zu viel zu tun. Außerdem…. Außerdem kümmerte sich Helga Hufflepuff um das „neue Blut", aber das stand nicht in dem Büchlein. Das fanden wir in den Dokumenten aus der Kammer. Hufflepuff bereitete die jungen Zauberer aus den unteren Schichten der Gesellschaft darauf vor in der „hohen Gesellschaft" zu leben. Nicht selten wurden solche Schüler dann als „neues Blut" in die Familien eingeführt, um dafür zu sorgen, dass die Verbildungen innerhalb der Familien und Klans nicht zu eng wurden. In solchen Fällen war es von Vorteil, wenn man wusste, wie mach sich „beim Hoffe" benahm, um den Ehemann oder die Ehefrau nicht zu blamieren.
Hermine lehnte sich nachdenklich zurück.
„Aber warum kehren wir zu den Dingen zurück, die seit Jahrhunderten nicht mehr praktiziert wurden?"
„Weil die Welt sich verändert und das einzige was den völligen Chaos verhindert sind die Regeln", sagte eine leicht verträumte Stimme von der Tür des Abteils. Luna. Sie hatte sich über den Sommer verändert. Und auch wieder nicht. Sie hatte allem Anschein nach immer noch Probleme sich in dieser Welt zurechtzufinden, aber sie sah nicht mehr nach einem verängstigten Kind aus, das sich in einem dunklen Wald verlaufen hat.
„Hallo, Luna", grüßte ich sie. „Ich dachte schon, du wirst dieses Jahr nicht kommen."
„Ich konnte doch nicht den ganzen Spaß verpassen!", erwiderte sie und setzte sich zwischen mich und Neville. Unvermittelt blickte sie zur Hermine, die ihr gegenüber saß.
„Die alten Regeln haben viele Jahrhunderte für Ordnung gesorgt. Sie gaben Halt in einer unsicheren Welt. Eine Richtschnur. Eine Anleitung für fast alle Lebenslagen. Wenn du die Regeln kennst, bist du im Vorteil…." Ihr Blick glitt auf einmal ins Nichts und ich konnte die Willensanstrengung, mit der sie sich in die Gegenwart gebracht hat, beinah füllen.
„Wir haben noch keine Regeln für unsere neue Welt, also lernen wir wenigsten die Regeln, die bereits einmal funktioniert haben", sagte sie, schloss die Augen und lehnte sich erschöpft auf meine Schulter. Die anderen schauten sich verlegen an, wie immer, wenn Luna einen ihrer Kämpfe mit der Realität austrug. Mittlerweile konnte sie wochenlang vollkommen „unlunahaft" sein. An diesen Tagen konnte keiner sagen, dass ist das gleiche Mädchen war, das auch über Schrumpfhörniger Schnarchkackler oder Gemeine Zwiegler sprach. Und dann gab es Tage…. Nu ja, es gab Tage, die besser waren als die anderen. Das Haus Slytherin schien sie nach und nach zu akzeptieren. Immerhin gab es an ihrer Herkunft nichts auszusetzen und sie brachte dem Haus jede Menge Punkte ohne sie immer wieder – wie Draco und ich – zu verlieren.
„Also…", begann Hermine unsicher und blickte zu mir und Luna. Das Mädchen wandte sich Ruhr zu. Sie ließ ein Fetzen Wickelpapier in der Luft schweben und Ruhr tat ihr den Gefallen und versuchte es immer wieder zu fangen. Er mochte Luna. Sie war – neben Charly – die einzige, mit der er auf diese „katzenhafte" Weise spielte.
„Also?", fragte ich.
„Wie es aussieht werden wir uns nicht mehr so oft sehen, schätze ich", antwortete Hermine. „Wir werden wohl kaum gemeinsame Stunden haben, wenn wir schon alle ganz unterschiedliche Dinge lernen werden."
Draco schüttelte den Kopf.
„Letztes Jahr gab es bei den Viertklässlern auch Unterricht mit anderen Häusern", erinnerte er uns. „Muggelkunde, Verteidigung gegen die dunklen Künste, Runen und so weiter. Außerdem haben wir immer noch die Bibliothek und den Club."
Den Rest des Wegen unterhielten wir uns über das, was uns allen bevorstand. Über die neuen Fächer und die neuen Lehrer. Darüber, wann und wie wir die Neulinge in unserem Flug-Club aufnehmen wollten. Über die vergangenen Sommerferien und anderen Dingen, die mein Erwachsenes Ich wieder einmal ganz tief abtauchen ließ. In diesen Momenten war ich wirklich was ich schien – ein Junge, der sich auf das neue Jahr in Hogwarts freute.
Das war auch der Grund dafür, dass ich Peeves und seine vermaledeiten Wasserbomben verpasste. Er lachte vergnügt, während wir fluchten und versuchten uns notdürftig zu trocknen. In dem entstandenen Gedränge war es einfach unmöglich zu zaubern also verfolgte ich auch dieses Mal die Aufnahme der neuen Schüller nass und frierend. Ein ungutes Gefühl begann sich einzuschleichen, als ich Snapes missmutigen Gesichtsausdruck gesehen habe. Bevor ich jedoch diesen Gedanken weiterverfolgen konnte, begann die Direktorin Mcgonagall mit ihrer Ansprache. Sie stellte die neuen Lehrer vor, belehrte uns alle sich an die üblichen regen zu halten und als meine düstere Vorahnung bereits zu verziehen begann hörte ich die Worte:
„… unsere Schule zum Austragungsort des Trimagischen Turniers auserwählt!"
