7. Dezember: Auf und Ab

Die nächste Zeit war ausgesprochen merkwürdig. Das Ministerium machte eine Drehung um 180 Grad. Fudge wurde durch Rufus Scrimgeour ersetzt, einem sehr viel fähigeren Mann, der zumindest nicht die Augen vor der Realität verschließen würde.

„Ich weiß nicht, Dromeda", seufzte Ted beim Abendessen, als er zwei Wochen nach dem Angriff im Ministerium die Nachricht mit nach Hause brachte. Eigentlich hätte Dora auch mit ihnen essen sollen, aber sie hatte kurzfristig abgesagt. Sirius' Tod schien ihr sehr viel näher zu gehen, als Andromeda erwartet hatte. Aber bei ihr war es ja auch so. Sie war überrascht, wie häufig sie den Impuls hatte, im Grimmauldplatz vorbeizuschauen und ihm Gesellschaft zu leisten. Sie hatte im letzten Jahr viel mehr Zeit mit ihm verbracht, als sie gedacht hatte. Aber er war der letzte aus ihrer Familie, mit dem sie noch Kontakt gehabt hatte, der einzige, der wirklich verstehen konnte, was in ihr vorging. Wie sehr es wehtat, sich gegen alles zu stellen, was man in seiner Kindheit beigebracht bekommen hatte. Ganz egal, wie richtig es auch war, es war trotzdem schmerzhaft. Und jetzt war er weg und sie hatte sich nicht einmal verabschieden können. Sein Körper war einfach hinter einen Schleier gefallen und verschwunden und sie konnten ihn nicht einmal beerdigen.

Am Tag nach seinem Tod war sie nach Godric's Hollow appariert und hatte die Gräber von Lily und James gesucht. Sie hatte ein Foto von Sirius zu James' Grabstein gelegt. Sie hatte es in einem alten Fotoalbum gefunden, das sie nie weggeworfen hatte. Es war auf irgendeiner Hochzeit gemacht worden, zu der alle reinblütigen Familien eingeladen worden waren. Sirius war elf gewesen. In dem Augenblick, als das Foto gemacht wurde, hatte er die Augen verdreht und jemandem die Zunge herausgestreckt. Sie hatte kein anderes Foto gefunden, das sein Wesen besser zeigte. Neben das Foto legte sie einen schwarzen Plüschhund, der seiner Animagusform wenigstens ein bisschen ähnlich sah.

„Mach's gut, Sirius", flüsterte sie mit zitternder Stimme. „Du warst mir immer der Liebste aus der Familie. Wenigstens bist du jetzt wieder bei James. Richtet nicht zu viel Schaden an, ja?" Sie würde ihm gerne versprechen, dass Bellatrix dafür büßen würde, aber sie wollte keine Versprechen machen, die sie nicht halten konnte. „Wir tun alle, was wir können, dass es nicht umsonst war, ja?" Eine Träne rollte ihr über die Wange und sie wischte sie unwirsch weg.

Jetzt verdrängte sie den Gedanken an ihren toten Cousin und konzentrierte sich auf ihren Mann, dessen Stirn in tiefe Falten gelegt war. „Was meinst du, Ted?"

„Scrimgeour. Ich meine, alle sind glücklich, dass wir Fudge endlich los sind und tatsächlich endlich die Schritte gegen Du-weißt-schon-wen einleiten können, die wir vor einem Jahr hätten tun sollen." Er verdrehte die Augen. „Aber Scrimgeour war unser oberster Boss und hätte sich gegen Fudge wehren können und hat trotzdem nach seiner Pfeife getanzt."

Andromeda setzte sich kerzengerade auf. „Du willst doch nicht etwa sagen, dass er unter dem Imperius-Fluch steht, oder?"

Ted schüttelte den Kopf. „Das nicht gerade. Wir sind alle darin trainiert, ihn abzuschütteln, auch wenn das natürlich nicht immer klappt. Nein, Scrimgeour ist wie immer. Ich meine nur, dass er nicht so ein harter Hund ist, wie er alle jetzt glauben machen möchte. Er hat die gleichen Anzeichen gesehen wie wir und uns trotzdem nur nach Sirius suchen lassen. Spätestens nach dem Massenausbruch in Askaban hätte er in Betracht ziehen müssen, dass Dumbledore und Potter die Wahrheit sagen."

„Aber er ist trotzdem besser als Fudge, oder nicht?"

„Das schon. Aber ich befürchte, dass wir schon viel zu lange zu wenig gemacht haben. Wer weiß, was Du-weißt-schon-wer mit den Dementoren anfangen wird. Und wir haben längst kein so gutes Sicherheitskonzept für Askaban, wie wir es brauchen würden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis da alles den Bach runtergeht. Und er will jetzt alle Hoffnungen auf Potter setzen!" Ted verdrehte die Augen.

„Wirklich?", fragte sie ungläubig. „Auf einen Sechzehnjährigen, den sie das ganze letzte Jahr dauernd als Lügner hingestellt und fast von der Schule geschmissen haben?"

Er zuckte mit den Schultern. „Du hast den Tagespropheten gelesen. Potter hat schon als Baby gezogen und Scrimgeour hofft wahrscheinlich, dass alle so viel Angst vor Du-weißt-schon-wem haben, dass sie in diese alten Muster zurückfallen. Ich finde es schwachsinnig, sowas von dem Jungen zu erwarten, nachdem man letztes Jahr Umbridge auf die Schüler losgelassen und seinen Ruf durch den Dreck gezogen hat, aber was weiß ich denn schon? Ich bin doch nur ein muggelstämmiger Auror, der aus Angst im letzten Krieg den Kopf in den Sand gesteckt hat!"

„Haben sie das gesagt?", fragte Andromeda entsetzt. Es fing an. Jetzt fing es wirklich an. Und Voldemort hatte das letzte Jahrzehnt Zeit, sich auszumalen, was er bei diesem Mal alles besser machen würde.

„Ein oder zwei Kollegen", winkte Ted ab. „Ich würde mir da nicht allzu viele Sorgen machen. Sie haben nur Witze gemacht."

„Solche Witze macht man nicht, wenn man sie eigentlich nicht ernst meint", erwiderte Andromeda harsch. Sie wusste, wovon sie sprach, sie hatte solche Witze in Slytherin andauernd gehört. Und meistens von Leuten, die am Ende alle Todesser geworden waren.

Ted legte seine Hand auf ihre. „Ich weiß. Natürlich weiß ich das. Aber im Moment hält es sich noch in Grenzen. Ich will noch eine Weile sehen, wie sich das alles entwickelt, bevor wir wieder untertauchen müssen. Und sie brauchen dich im Mungos." Das stimmte. Aber Andromedas Prioritäten hatten sich seit dem letzten Krieg nicht geändert. Sie würde nie so mutig sein wie Sirius oder die Weasleys. „Wenigstens um Dora müssen wir uns nicht allzu große Sorgen machen. Sie soll im nächsten Schuljahr vor allem für die Sicherheit in Hogwarts sorgen und Hogwarts ist der letzte Ort, wo Du-weißt-schon-wer persönlich aufkreuzen wird."

Sie nickte. Ted wusste ganz genau, dass sie nie damit aufhören würde, sich Sorgen um ihre Tochter zu machen. Aber Nymphadora war erwachsen, sie war eine fähige Aurorin und sie hatte gegen Bellatrix Stand halten können. Sie hasste es, dass ihrer Tochter mit Sirius' Tod das letzte bisschen Unschuld genommen worden war, aber sie war froh, dass sie den Krieg und seine Folgen jetzt auf eine Art und Weise ernst nahm, die davor nie möglich gewesen wäre. Auch wenn sie es hasste, ihre Tochter nicht mehr lächeln zu sehen. Selbst ihre bunten Haare waren einem tristen Braun gewichen. Aber so war es schon beim letzten Mal gewesen. Nach und nach nahm der Krieg einem jedes noch so kleine Bisschen Freude unbarmherzig weg.

„Ich wünschte, sie hätten Kingsley als neuen Leiter eingesetzt", seufzte Ted nicht zum ersten Mal, seit Scrimgeour befördert worden war. „Kingsley ist besonnen und mächtig und wir wüssten, dass er auf unserer Seite steht. Aber der Muggelminister ist auch wichtig. Wir könnten es uns nicht leisten, dass sie auch die Muggelwelt destabilisieren."

Da hatte er wohl Recht. Auch wenn sie im letzten Krieg viel Zeit in der Muggelwelt verbracht hatte, konnte sie nicht sagen, dass sie sich sonderlich gut mit der politischen Dimension auskannte. Für sie war es damals wichtiger gewesen zu wissen, wie man jemanden impfte oder Blut abnahm. Und sie fürchtete, dass es bald wieder dazu kommen würde. Nur würde sie dieses Mal ohne ihre Tochter sein, die fest entschlossen war, in diesem Krieg zu kämpfen.

„Versprich mir, dass du nicht zu lange wartest, Ted. In dem Moment, in dem keiner diese Witze mehr nur witzig findet, bist du weg!", sagte sie drängend. Das Ministerium würde ohne ihn auskommen. Sie nicht.

Er nickte. „Versprochen." Er nahm ihre Hand und küsste sie auf den Handrücken. „Nichts ist mir wichtiger als unsere Familie. Das weißt du." Andromeda schluckte und war wieder einmal froh, dass sie Ted gefunden hatte. Sie wusste nicht, was sie ohne ihn machen würde.

Letzten Endes blieb Ted länger im Ministerium, als ihr lieb war, aber zu Weihnachten wurde ihm die Sache dann doch zu brenzlig. Sie machten kaum Fortschritte bei ihrer Jagd nach Todessern und er verlor immer mehr das Vertrauen in seine Kollegen. Und wenn man ihnen bei einem Einsatz nicht trauen konnte, dann war alles vorbei. Nymphadora war weiterhin bei Hogwarts stationiert, und auch wenn sie nicht sonderlich begeistert war, dass sie nicht nützlicher sein konnte, so war zumindest Andromeda erleichtert, dass sie sich nicht in akute Gefahr begab.

Schlimm genug, dass eine Schülerin trotz aller neuen Vorsichtsmaßnahmen mit einer verfluchten Halskette in Berührung gekommen war und immer noch im Mungos sein musste. Andromeda hatte schon einige Male dunkle Magie gesehen, besonders in Verbindung mit ihrer Familie, aber das hieß nicht, dass es besonders einfach war, dagegen anzukommen. In der Ausbildung war das nicht gerade das erste, was man lernte, besonders, da das meiste illegal war und nicht gut erforscht. Ihre Kollegen hofften, bald einen Durchbruch zu schaffen und waren sehr enttäuscht, als Andromeda ihnen vor Weihnachten gesagt hatte, dass sie in den nächsten Monaten nicht mehr kommen würde, weil sie sich um ihre alte kranke Schwiegermutter kümmern musste. Ted sagte, seine Kollegen hätten dasselbe gesagt, aber insgeheim waren sie wahrscheinlich froh, nicht mehr mit ihm arbeiten zu müssen. Die Ablehnung von Muggelstämmigen im Ministerium nahm immer mehr zu und Andromeda wäre fast vom Stuhl gefallen, als Ted ihr mitgeteilt hatte, dass Umbridge wohl wieder ins Ministerium zurückgekehrt war. Wie in aller Welt konnte man etwas besser machen, wenn die gleichen unfähigen und rassistischen Leute in einflussreichen Positionen waren? Noch dazu, als sie von Dora gehört hatte, dass Umbridge wohl letztes Jahr zugegeben hatte, die Dementoren zu Harry in eine Muggelwohngegend geschickt zu haben. Wenn sie bereit war, einen Haufen unschuldiger nichtsahnender Menschen einer gefährlichen dunklen Kreatur auszusetzen, nur um ihre eigenen Ziele zu verfolgen, wozu war diese Person dann noch fähig?

Nein, Andromeda war dankbar, als Ted vor Weihnachten endlich aus dem Ministerium wegkam und sie in ihrem kleinen gemütlichen Häuschen in Sicherheit waren. Sie würde wieder bei dem Arzt von damals arbeiten können, der tatsächlich noch praktizierte, und Ted würde das nächste Polizeirevier unterstützen. Sie waren so sicher wie nur möglich und Andromeda hoffte inständig, dass Bellatrix andere Prioritäten hatte, als ihre kleine blutsverräterische Schwester aufzuspüren.

Sie hatte ein schlechtes Gewissen, dass sie zu Weihnachten nicht mehr im Mungos war, weil zu den Feiertagen immer viel los war, aber so konnte sie wenigstens endlich einmal diese Zeit mit ihrer Familie verbringen. Dazu waren sie in der letzten Zeit viel zu selten gekommen. Und jede Minute zählte.

„Dora, Schatz, kannst du nicht wenigstens so tun, als würde es dir schmecken?", fragte sie am Weihnachtsabend enttäuscht, als sie sah, wie ihre Tochter lustlos in ihrem Kartoffelbrei herumstocherte. Sie befürchtete ernsthaft, dass Nymohadora in eine Depression gefallen war. So traurig hatte sie sie noch nie gesehen.

Nymphadora seufzte und zwang sich ein Lächeln aufs Gesicht, dass Andromeda ihr keine Sekunde abkaufte. „Entschuldige, Mum. Ich hab doch gesagt, dass ich dieses Jahr keine gute Gesellschaft bin."

„Ich hoffe, du machst dir keine Vorwürfe, weil du dieses Mädchen nicht vor der Halskette beschützen konntest", sagte Ted energisch. „Du hast getan, was du konntest, und das Mädchen wird wieder vollständig gesund werden, hat deine Mutter gesagt." Andromeda hatte das zwar nicht gesagt, fand diese Notlüge aber auch nicht weiter schlimm. Letzten Endes war Katie Bell auf dem Wege der Besserung und ihre Heiler waren sich ziemlich sicher gewesen, dass sie keine Folgeschäden davontragen würde.

„Nein, Dad, es ist nur …" Nymphadora starrte an ihnen vorbei in das Feuer, das im Kamin brannte. „Es ist einfach nur alles scheiße. Ich hätte nicht gedacht, dass es so sein würde."

„Es wird auch wieder besser werden", sagte Ted mit erzwungener Zuversicht. „Das wurde es beim letzten Mal und das wird es dieses Mal auch wieder." Andromeda nickte bekräftigend, auch wenn sie nicht wirklich daran glaubte. Voldemort hatte damals Jahre gebraucht, um an dem Punkt anzukommen, an dem er jetzt nach kaum einem Jahr war. Und dieses Mal würde ihm kein kleines Baby einen Strich durch die Rechnung machen. Stattdessen hofften alle, dass Dumbledore und Harry irgendeinen Trumpf aus dem Ärmel zauberten, und waren selbst fein raus.

„Jaah, sicher, Dad", sagte Nymphadora gedankenverloren, während der Kartoffelbrei langsam von ihrem Löffel tropfte. Andromeda seufzte. Das waren ja tolle Weihnachten.

Und sie wurden noch schlechter, als Nymphadora sich nach dem Essen verabschiedete und wieder Richtung Hogwarts verschwand. Andromeda schaute deprimiert auf den kleinen Weihnachtsbaum, den sie in einer Ecke aufgebaut hatte, und dachte wehmütig an die Zeit, in der Nymphadora noch klein gewesen war. Egal, wie schrecklich alles war, Nymphadora hatte immer ein Lächeln im Gesicht gehabt.

„Schätzchen, nicht an den Kugeln ziehen, die gehen nur kaputt!", hatte sie entsetzt gerufen, als sie ihre zweijährige Tochter sah, die sich begeistert an ihrem großen Weihnachtsbaum festklammerte und fröhlich an der Dekoration zerrte.

„Aber Mummy!", rief Dora protestierend und hielt triumphierend die Kugel in die Höhe, die sie gerade erfolgreich vom untersten Ast gezerrt hatte. „Schau, da ist Glitzer!" Sekunden später nahmen ihre Haare die gleiche Farbe an, die die Kugel hatte. Wenn man genau hinschaute, glitzerten sie sogar ein kleinwenig.

Andromeda lachte und hob ihre Tochter vom Boden auf, um den Baum in Sicherheit zu bringen. „Ich weiß, dass die glitzern, deshalb hab ich sie doch gekauft." Sie kniete sich hin und ließ die Kugel schließlich mit zusammengebissenen Zähnen auf den Boden fallen. Dora quietschte begeistert und bückte sich nach den Scherben.

„Aua!", rief sie entsetzt und hielt ihrer Mutter schockiert ihren blutenden Zeigefinger unter die Nase. „Schau, Mummy!"

Andromeda nickte. Zärtlich nahm sie den Zeigefinger in die Hand und küsste ihn, bevor sie mit ihrem Zauberstab rasch die Wunde heilte. „Siehst du, deshalb darfst du nicht mit den Kugeln spielen. Dann gehen sie kaputt und du tust dir weh. Okay?"

Nymphadora schaute sie ernst an und nickte dann. Sie war sehr folgsam, aber nur, wenn sie wusste, was passierte, wenn sie es nicht war. Andromeda war heilfroh, dass sie so viele Heilsprüche kannte, sonst wäre schon sehr viel Schlimmeres passiert.

Sie zauberte die Kugel wieder zusammen und hängte sie zusammen mit Nymphadora zurück an den Baum. Sie schwang ihren Zauberstab und die Lichter begannen zu leuchten.

„Toll", sagte Nymphadora staunend und klammerte sich an Andromedas Pullover fest, während sie fasziniert auf den funkelnden Weihnachtsbaum starrte.

„Nicht wahr? Frohe Weihnachten, mein Engel", erwiderte Andromeda lächelnd und drückte ihrer Tochter einen Kuss auf die Wange. Egal, wie schrecklich die Welt da draußen auch wurde, hier waren sie eine Familie, hier konnten sie noch glücklich sein.

Doch nicht einmal das war ihnen geblieben. Ted schlang die Arme um sie und küsste sie auf die Wange. „Was sagst du, Dromeda, sollen wir uns Doctor Who anschauen?" Sie lächelte schwach und lehnte sich an ihn.

„Warum eigentlich nicht?"

In den nächsten Monaten hörten sie nur wenig von Nymphadora. Sie schickte regelmäßig Patroni, um sie wissen zu lassen, dass es ihr gut ging, aber das war auch alles. Jetzt, wo sie fast nur in der Muggelwelt unterwegs waren, hörten sie nicht mehr viel. Andromeda hatte einmal im Grimmauldplatz vorbeigeschaut, in der Hoffnung, vielleicht Remus oder einem anderen Ordensmitglied zu begegnen, aber das Haus war nur düster und verwaist. Sie wusste, dass es immer noch der primäre Treffpunkt des Ordens war, da Harry das Haus geerbt hatte, aber ohne Sirius gab es hier nichts mehr, für das es sich lohnte zurückzukehren. Letztes Jahr hatte Remus hier gewohnt, wenn er nicht für den Orden unterwegs war, aber Nymphadora hatte zu Weihnachten erzählt, dass er es wohl erfolgreich geschafft hatte, sich dauerhaft bei den Werwölfen einzuschleusen und nun versuchte, sie subtil auf ihre Seite zu bringen. Andromeda bezweifelte, dass Remus damit Erfolg haben würde. Besonders, weil Umbridge es Werwölfen in den letzten Jahren praktisch unmöglich gemacht hatte, ein akzeptierter Teil der Gesellschaft zu sein. Sie wünschte, dass Dumbledore das nicht von ihm verlangen würde. Er hatte immer so viel besser ausgesehen, wenn er den Wolfbann-Trank hatte schlucken können. Aber so war es wohl nun mal, jeder von ihnen leistete seinen Teil.

Und dann war plötzlich Dumbledore tot. Dumbledore, der immer so unverwundbar gewirkt hatte. Und Snape hatte ihn umgebracht. Alle Ordensmitglieder, mit denen sie gesprochen hatte, hatten hoch und heilig versprochen, dass man Snape vertrauen konnte, weil Dumbledore ihm vertraut hatte. Selbst Sirius hatte dem zögerlich zugestimmt, auch wenn er selbst ihn verabscheute. Und jetzt war Dumbledore tot und hatte genau gezeigt, wie sehr man Snape vertrauen konnte. Keine einzige Sekunde lang! Andromeda wäre gerne zu seiner Beerdigung gekommen. Wenigstens von ihm hätte sie sich anständig verabschieden können, wenn ihr das bei Sirius schon versagt geblieben war. Aber wenn Dumbledore tot war, dann war auch Hogwarts nicht mehr sicher, und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis Voldemort auch in die Schule vordringen würde, jetzt, wo Snape so offensichtlich gezeigt hatte, wer seine Loyalität hatte.

Im Ministerium hatte Voldemort mittlerweile bestimmt schon unzählige Spitzel, die immer weiter an die Spitze vordrangen. Scrimgeour war vielleicht ein guter Auror, aber er war auch nur ein Mensch. Mad-Eye hatte den toughesten Ruf von allen, und wie leicht hatte Voldemort ihn überwältigen und in seinen Plänen verwenden können? Moody! Dessen Lebensmotto „Immer wachsam!" war!

Es half nichts, sie würden die Schutzzauber um ihr Haus noch verstärken müssen und wenn es notwendig war, dann würden sie sich in ihrem Haus verschanzen und gar nicht mehr vor die Tür gehen. Sie hatten genug auf die hohe Kante gelegt. Sie waren vielleicht nicht reich, aber sie hatten nie auf großem Fuß gelebt und sie konnten es sich ohne weiteres leisten, eine Weile unterzutauchen. Vielleicht wäre es sogar besser, gleich das Land zu verlassen, aber solange Nymphadora hier war, würde sie es nie übers Herz bringen, sich ganz zurückzuziehen und ihre Tochter zurückzulassen.

Der einzige Lichtblick in dieser immer düsterer werdenden Zeit war, dass Nymphadoras gute Laune zurückgekehrt war. Ein paar Wochen nach Dumbledores Tod war sie mit knallpinken Haaren und Remus im Schlepptau bei ihnen zuhause aufgetaucht. Andromeda hatte sie kurz nach Dumbledores Tod gesehen, weil Nymphadora ihr versichern wollte, dass es ihr nach dem Todesserangriff gut ging und fast allen anderen Beteiligten auch, abgesehen von Dumbledore und Bill, der im Kampf von einem Werwolf angegriffen worden war. Aber es war kein Vollmond gewesen und abgesehen von ein paar hässlichen Narben würde er wohl wieder gesund werden und in ein paar Wochen trotz allem heiraten. Andromeda war damals so geschockt von Dumbledores Tod und Snapes Verrat gewesen, dass sie kaum etwas anderes hatte wahrnehmen können. Sie war nur erleichtert, besonders um Mollys Willen, dass es Bill wohl wieder gut gehen würde und Molly keines ihrer Kinder verloren hatte, nachdem sie schon um das Leben ihres Mannes hatte fürchten müssen.

Deshalb war Andromeda umso überraschter, als sie ihre Tochter plötzlich wieder fröhlich sah. Sie konnte sich kaum daran erinnern, wann sie Nymohadora das letzte Mal ehrlich hatte lächeln sehen. Glücklich umklammerte sie Teds Hand, der genauso erleichtert wie sie zu sein schien.

„Wir haben geheiratet!", platzte es plötzlich aus Nymphadora heraus, kaum dass sie sich hingesetzt und Ted ihnen allen eine Tasse Tee eingeschenkt hatte. Andromeda verschluckte sich schockiert und bekam einen heftigen Hustenanfall. Ted klopfte ihr besorgt auf den Rücken und Remus erhob sich halb aus seinem Stuhl, auch wenn er nicht so recht zu wissen schien, was er machen sollte.

Sie brauchte ein paar Minuten, bis ihr Husten sich wieder beruhigt hatte. Sie schaute von ihrer Tochter, die so strahlte wie schon lange nicht mehr, zu Remus, der krampfhaft versuchte, überhaupt keine Emotionen zu zeigen, zu Ted, der genauso überrascht war wie sie.

Nymohadora und Remus. Nicht unbedingt der Schwiegersohn, den sie sich vorgestellt hatte. Und sie hatte nicht einmal bemerkt, dass Nymphadora und er Interesse aneinander gehabt hatten. Aber die beiden hatten vor Sirius' Tod viel für den Orden zusammengearbeitet und sie hatte sie kaum zusammen gesehen. Dann war wohl auch vor allem Remus der Grund dafür, dass sie im letzten Jahr so deprimiert gewesen war.

Sie seufzte. Ein Werwolf als Schwiegersohn. Da war der muggelstämmige Ted ja noch ein wahrer Glücksgriff gewesen.

Einen Moment stellte sie sich vor, wie ihre Eltern wohl reagiert hätten, wenn sie gewusst hätten, dass jetzt nicht nur ein Schlammblut, sondern auch ein Werwolf zu ihrer Familie gehörte. Die beiden wären auf der Stelle gestorben.

Dann gefror ihr das Blut in den Adern. Wenn Bellatrix davon erfuhr … die Zielscheibe auf ihre Tochter war soeben um ein Vielfaches größer geworden.

„Mum?", fragte Nymphadora besorgt und unsicher. „Ich dachte, du freust dich für uns. Ich meine, du mochtest Remus doch immer und du bist kein Snob und hast mich nie so erzogen und du wärst die Letzte, von der ich gedacht hätte -"

Andromeda schüttelte den Kopf. „Darum geht es nicht. Natürlich mag ich Remus. Und wenn ihr glücklich seid, dann freu ich mich für euch." Schon bei ihrer Geburt hatte Andromeda sich fest vorgenommen, alle Entscheidungen ihrer Tochter zu akzeptieren und sie so zu erziehen, dass sie hoffentlich auch gute Entscheidungen treffen würde. Remus war vielleicht nicht die einfachste Wahl, aber das war Ted aus ihrer Sicht auch nicht gewesen, und er war die beste Wahl gewesen, die sie je getroffen hatte. Sie hatte zwar gehofft, dass Nymphadora alles nicht so überstürzen würde und dass sie bei der Hochzeit ihrer Tochter dabei sein konnte, aber der Zug war wohl abgefahren.

„Und was ist es dann?", fragte Nymphadora verwirrt und griff nach Remus' Hand. „Ich meine, wenn du dich für mich freust …"

„Bellatrix", seufzte sie. Immer und immer wieder Bellatrix. Sie hatte ihre große Schwester seit über zwanzig Jahren nicht gesehen und trotzdem hatte sie so viel Macht über ihr Leben. Sie hasste, dass es so war, jede Sekunde, aber sie hatte Recht. „Sie hat geschworen, sich zu rächen, weil ich Ted geheiratet habe. Und weil ich ein Kind von ihm bekommen habe. Und wenn dieses Kind jetzt auch noch einen Werwolf heiratet …" Sie erschauderte. „Du kannst darauf wetten, dass ihre Motivation, uns zu finden und zu töten noch um einiges größer wird. Besonders, nachdem sie sich schon erfolgreich um Sirius gekümmert hat." Ted ergriff stumm ihre Hand und drückte sie fest.

Remus räusperte sich unbehaglich. „Andromeda -", fing er zögerlich an, aber Nymphadora unterbrach ihn.

„Nein, Remus! Ich weiß, dass Bellatrix absolut nicht begeistert sein wird, aber das war sie noch nie. Ob wir jetzt verheiratet sind oder nicht, du hast selbst gesagt, dass sie nicht eher ruhen wird, bis sie uns alle erwischt hat. Was macht es da schon für einen Unterschied, ob ich mit dem Mann, den ich liebe, glücklich werde? Sie hat es doch schon immer auf uns alle abgesehen."

Andromeda schluckte und nickte schließlich. Das war natürlich richtig. Dennoch hatte sie gehofft, dass Nymphadora irgendwie unter Bellatrix' Radar bleiben konnte, so irrational das auch sein mochte. Und diese Hoffnung war jetzt zunichte gemacht.

Ted seufzte. Er räusperte sich kräftig, bevor er sprach. „Natürlich freuen wir uns für euch, wir hoffen nur, dass ihr euch das auch gut überlegt habt, so schnell wie das alles gegangen ist."

Nymphadora nickte entschlossen. „Sicher haben wir uns das alles überlegt. Wir sind schließlich keine kleinen Kinder mehr! Es ist wie bei Bill und Fleur, wir wussten, was wir wollten, und wegen Remus wollte ich kein großes Aufsehen darum machen, sonst hätten wir euch ganz bestimmt auch eingeladen. Wenn der Krieg erstmal vorbei ist, dann können wir alles nachholen, was wir verpasst haben. Das wichtigste ist, dass wir zusammen und verheiratet und glücklich sind. Komme was wolle!"

Andromeda zuckte hilflos mit den Schultern und umarmte schließlich einfach ihre Tochter und ihren neuen Schwiegersohn. Sie wollte ihnen ihr Glück nicht kaputtmachen, aber sie konnte auch den Gedanken nicht verdrängen, dass Nymphadora sich das alles viel zu leicht vorstellte. Es war schön und gut, wenn man sich liebte, es war das Wichtigste, aber es war nicht das Einzige was zählte. Und ein Werwolf war in dieser Gesellschaft so ziemlich die schwierigste Wahl, die man nur treffen konnte. Wenn sie ganz ehrlich war, war sie am überraschtesten, dass Remus zu der Hochzeit tatsächlich bereit gewesen war. Nymphadora konnte sie noch verstehen, ihre Tochter konnte manchmal sehr überstürzt handeln, was bei den Auroren auch noch unterstützt wurde. Es war wichtig, sich in einer Situation, in der man schnell reagieren musste, auf seinen Instinkt zu verlassen. Aber manchmal war es auch wichtig, gründlich nachzudenken, besonders bei so einem wichtigen Schritt. Und Remus war normalerweise jemand, der sich seine Schritte gut überlegte.

Aber dann erinnerte sie sich daran, dass Remus in Kauf genommen hatte, sich jeden Monat in der heulenden Hütte zu verwandeln, weil er so sehr zur Schule gehen wollte. Er hatte zugelassen, dass seine Freunde so ziemlich jedes Gesetz brachen, weil sie ihm bei Vollmond Gesellschaft leisten wollten und er sie sonst zwangsläufig in Gefahr bringen würde. Er war unbekümmert über die Ländereien gestreunt und hatte das Risiko akzeptiert, andere Leute anzugreifen, sollte er seinen Freunden einmal entwischen. Er war vielleicht der Besonnenste in seinem Freundeskreis gewesen, aber das hieß noch lange nicht, dass er immer vernünftig gewesen war, wenn die Menschen im Spiel gewesen waren, die ihm wichtig waren und die das Risiko, das zwangsläufig von ihm ausging, gerne in Kauf nahmen. Und Nymphadora konnte verdammt stur und hartnäckig sein, wenn ihr etwas wichtig war.

Andromeda konnte das mulmige Gefühl, das sich in ihrem Magen ausbreitete, nicht abschütteln, aber was konnte sie schon dagegen machen? Die Hochzeit war bereits vorbei und sie konnte nichts anderes tun, als ihr Kind mit offenen Armen zu empfangen. Sie hatte sich ihr ganzes Leben dagegen gewehrt, so zu werden wie ihre Eltern, und sie würde jetzt nicht damit anfangen.

TBC…