Danke für die Berichtigung, ich habe es geändert! :)

Chapter 6 - Version 2


Es war sehr früh am Morgen des 2. Januar 2260. Zu dieser Zeit waren normalerweise nur zwei Spezies wach: Stationspersonal und Minbari.

Der Türsummer summte, er summte ein weiteres Mal. Delenn lächelte im Schlaf, die Klingel ging erneut und dieses Mal gleich darauf nochmals. Die Botschafterin riss die Augen auf, rutschte von ihrem Bett, nahm sich einen Mantel, zog ihn über und stolperte in den Wohnraum. „Öffnen!" befahl sie der Tür. Sie musste verschlafen haben. Die Träume der vergangenen Nacht geisterten in ihrem Kopf herum.

„Botschafterin. Delenn. Alles in Ordnung?" fragte Ivanova beunruhigt als sie in Delenns Quartier kam.

„Guten Morgen, Susan, ich .. muss verschlafen haben," erklärte sie und wischte sich etwas Schlaf aus einem Auge. „Tut mir leid, Sie warten gelassen zu haben."

„Keine Sorge," winkte der Commander ab. „Ihre Nachricht klang dringend. Ich habe noch 30 Minuten bis ich in der Kommandozentrale sein muss."

„Tee?" fragte die Botschafterin, ging in die Küchennische und trat auf Scherben, verletzte sich dabei aber zum Glück nicht. Ein Fluch auf Adronato entfuhr ihr. „Das hatte ich vergessen."

Ivanova runzelte die Stirn. Delenn schien mächtig durch den Wind. „Keine Umstände, Delenn. Ich setze mich dorthin und Sie erzählen mir dann einfach, was los ist." Sie lächelte sie aufmunternd an und setzte sich auf die Couch.

Delenn blieb stehen, spielte mit dem Gürtel ihrer Robe. „Hatte ich erwähnt, dass es .. privater Natur ist, Susan?"

Der Commander nickte. „Das hatten Sie." Ivanova hatte sich innerlich bereits auf neue Fragen vorbereitet. Das letzte Gespräch über solche Themen lag schon länger zurück und auch wenn sie sich immer ein wenig komisch dabei fühlte, wurde es durch die fast wissenschaftliche Neugier der Minbari nie unangenehm.

Delenn überlegte wie sie das Geschehene am besten in verständliche Worte kleidete. „Wie erkläre ich das am besten .. mein Körper hat mir gestern praktisch nicht mehr gehorcht, nicht in dem Maße wie sonst."

Susan hob eine Augenbraue.

„Ich war mit diesem Künstler, mit Tom, essen. Danach tranken wir hier noch etwas Tee und .. und irgendwie .. irgendwas in mir wollte alle minbarische Rituale vergessen und statt dessen den menschlichen Gelüsten nachgehen. Mein Körper zitterte und ich war keines klaren Gedanken fähig, hatte einen .. Blackout, nennt ihr Menschen das."

Die zweite Augenbraue folgte. „Mit Gelüsten, meinen Sie ..?" Ivanova deutete auf die Schiebetür.

Delenn nickte und begann hin und her zu gehen. „Das ist völlig untypisch für mich. Und ja, wir können ausschließlich, dass es etwas mit Liebe zu tun hat. Er erinnert mich zwar an jemanden, aber ansonsten .. Es ist eine rein physische Reaktion dieses neuen Körpers. Gibt es da eine Erklärung für?"

Der Commander räusperte sich. „Haben Sie .. den Gelüsten nachgegeben?"

Die Botschafterin schüttelte den Kopf. „Aber es fehlte nicht mehr viel. Er forcierte das Ganze, aber .. ich wollte, das heißt der Körper wollte. Alles in mir scheint sich nur damit zu befassen. Ich habe sogar davon geträumt!"

„Von Tom. Tom King?" Ivanovas Hilfe bestand zur Zeit nur aus ungläubigen Nachfragen.

„Unter anderem," kam es leiser von Delenn.

„Da war noch ein weiterer Mann?"

Sie hob zwei Finger. „In meinen Träumen," stellte die Botschafterin klar.

„Sicher, klar." Susan dachte angestrengt nach. Ein kurzer, schwacher Verdacht keimte in ihr auf. „Wie lange sind Ihre letzten Krämpfe her, Delenn?"

„Das müsste so .. vielleicht zwei Wochen her sein." Delenn setzte sich ihr gegenüber. „Demnach habe ich jetzt meinen .. Eisprung, wie Sie und Doktor Franklin es bezeichnen."

„Oha." Jetzt war es an Ivanova aufzustehen und herum zu gehen. „Entweder Sie hatten das Ganze in einem Jahr tatsächlich noch nicht in der Größenordnung oder Ihr Körper fängt jetzt erst damit an. Auf jeden Fall haben wir damals bei der Aufklärung wohl eine klitzekleine Kleinigkeit vergessen zu erwähnen, der gute Doktor und ich."

Delenn sah Susan fragend an.

Diese suchte nun ihrerseits nach den richtigen Worten. „Beim Eisprung ist der menschliche, weibliche Körper bereit ein Kind zu bekommen, wozu er den männlichen, menschlichen Körper benötigt. Es gibt dann Tage, an denen wir Frauen aufgrund dessen so .. irrational und .. ehm erregt werden, dass wir praktisch mit jedem dahergelaufenen Mann den Akt vollziehen würden." Sie sahen sich an.

Delenns geöffneter Mund schloss sich und sie sprang auf. „Bei Valen, eure Evolution muss euch wirklich gehasst haben!"

„Wem sagen Sie das," murmelte Ivanova und setzte sich wieder.

Die Botschafterin lehnte sich an die Kücheninsel. „Aber Sie laufen doch auch nicht alle vier Wochen wie .. wie ein läufiger Gok durch die Station!"

Susan grinste schwach. „Es ist nicht jedes Mal so .. schlimm. Manchmal reicht auch etwas Selbstbeherrschung und eigene Abhilfe, das Thema hatten wir schon," erinnerte sie Delenn schnell. „Wenn Ihr Körper es jetzt erst das erste Mal ausprägt, müssen Sie vielleicht auch nur dieses eine Mal in dieser Stärke überstehen, Delenn."

Seufzend wandte sich die Botschafterin den Scherben auf dem Boden zu und begann sie aufzusammeln. Ivanova stand auf, setzte sich auf einen Barhocker. „Delenn. Delenn, Sie werden diesen Tom doch nicht heute wiedersehen, oder?"

„Ich habe ihm versprochen, ihm heute meine Entscheidung persönlich zu überbringen," erwiderte die Botschafterin und räumte die Scherben in den Recycler, bevor sie den Commander ansah.

Es dauerte ein paar Sekunden. „Sie haben gestern nicht komplett abgelehnt sondern wollten es sich überlegen?" Delenn nickte. „Oh, verdammt! Das sollten Sie vielleicht nicht tun."

Ihre Hände ineinander verschränkt verzog die Botschafterin das Gesicht. „Und wenn, dann hätte ich es hinter mir und wüsste wie es mit diesem .. diesem menschlichen Körper funktioniert statt meines minbarischen. Wer weiß wie lange wir sowieso noch leben in diesen Zeiten?"

Susan schüttelte leicht ihren Kopf. „Wollen Sie das wirklich mit jemandem wie ihm testen? Gibt es da nicht jemand .. passenderen?"

„Das .. es ist kompliziert," murmelte Delenn und ging zu ihr hinüber, legte ihre Hände auf den Counter.

„Ich weiß." Ivanova lächelte sie tröstend an. „Aber mir wurde erzählt, dass es die Minbari gern kompliziert haben. Ich meine, die Beziehungsrituale sollen bis zu einem Jahr dauern. Wenn das nicht kompliziert ist!"

Mit einem Lächeln sah die Botschafterin auf ihre Hände hinunter. „Das stimmt. Sie haben recht. Ich .." Sie sah hoch. „Ich scheine es mir gerade in Sekunden immer anders zu überlegen. Warum bin ich nicht dazu in der Lage, es klar und feststehend zu entscheiden?"

„Die Hormone," brummte Susan. „Ich rate Ihnen ab, allein zu diesem Künstler zu gehen. Glauben Sie mir, Sie werden es bereuen! Ich muss los, Delenn." Der Commander stand auf.

„Danke, Susan, für Ihre Zeit und Ihre Worte."

Ivanova schmunzelte noch einmal, ging zum Schott und verließ Delenns Quartier.


„Die Nacht war ruhig. Es sind keine größeren Dinge passiert, die Sicherheit betreffend. Wahrscheinlich schlafen alle noch ihren Rausch aus," berichtete Garibaldi, während er auf einem der Stühle vor Sheridans Schreibtisch lümmelte.

Der Captain überflog die Papiere, die ihm sein Sicherheitschef zuvor vorgelegt hatte. „Eine Schlägerei ist wirklich kaum der Rede wert. Das passiert hier fast stündlich." Sie grinsten sich an.

Michael tippte sich mit dem Zeigefinger auf die Lippen. „Nun, der eine Beteiligte dürfte Sie aber interessieren, Captain."

„So?" Sheridan nahm den Bericht erneut zur Hand. Er verzog das Gesicht. „Er fällt also auch mit so etwas auf."

„Das ist das erste Mal. Hier." Garibaldi öffnete seine Aufzeichnungen. „Er war zwanzig Mal auf Babylon 5."

„Zwanzig Mal?!"

„Und das nur im letzten Jahr. Davor waren es fünfundzwanzig Besuche auf der Station. Und im ersten Jahr zehn." Michael lächelte dünn.

„Wie begründet er das?" fragte der Captain verwundert.

„Er meint, nur hier hätte er genügend Diplomaten an einem Platz, um sich Genehmigungen für Kolonien und Heimatwelten zu besorgen. Und, ehm, Mr. King liebt Außerirdische…"

„Das muss er wohl, er wohnt ja fast hier," brummte Sheridan und stand auf, zog sich die Uniformjacke nach unten gerade.

„ .. außerirdische Frauen," fuhr Garibaldi fort. Sie sahen sich kurz an. Der Captain steckte sich die Hände in die Hosentaschen und ging zum Fenster. „Im ersten Jahr war er noch jedes Mal hier im Bordell im Grauen Sektor. Danach muss er angefangen haben … sich über die gesamte bekannte Galaxis zu verteilen."

„Michael!" rügte ihn Sheridan und drehte sich zu ihm herum.

„Entschuldigung." Garibaldis anzügliches Grinsen verschwand.

„Aber es gab keine Beschwerden aus dem Grünen Sektor über ihn?" fragte der Captain nun.

„Ja, aber heute ist es noch zu früh. Keiner hat Botschafterin Delenn bisher gesehen," erwiderte der Chief und sah wieder auf seinen Block.

„Botschafterin Delenn geht es gut," sagte Ivanova, die gerade durch den Eingang das Büro betrat. „Geht es um den Künstler?"

„Ja, er hat sich gestern noch eine wilde Prügelei in einer Bar im Grauen Sektor geliefert," berichtete ihr Garibaldi und reichte ihr den Report.

Susan überflog die wenigen Worte. „Da musste wohl noch einer Druck abbauen," murmelte sie und blieb an dem zweiten Namen hängen. „Sind sie noch in der Brigg?"

„Nein."

Susan trat an das BabCom heran und gab ihren Code ein. Nach einiger Zeit wurden ihr die Aufzeichnungen aus zwei Zellen angezeigt. Auf dem einen Bild lag ein lädierter Tom King auf dem Bett und schien trotz der misslichen Lage gut gelaunt zu sein. Auf dem anderen Bild hockte ein Hänfling von einem Mann fast unbeschadet auf einem Stuhl.

Sheridan und Garibaldi betrachteten die Bilder ungläubig, als der Commander Platz machte. „DER soll ihn so zugerichtet haben?" fragte der Captain seinen Sicherheitschef. „Er ist doch nicht mal halb so groß!"

„Ich war nicht dabei," kam es entschuldigend vom Chief.

Susan lachte ihr tiefes Lachen hinter ihnen. „Eines der ältesten Tricks der Welt." Ihre Kollegen drehten sich fragend zu ihr um. Als sie ihre blanken Gesichter sah, warf Ivanova ihre Arme in die Luft und ging ein paar Schritte. „Tom lässt sich verprügeln, zahlt dem kleinen Mann dafür ein paar Crediteinheiten und sorgt dafür, dass es nicht ausartet indem er sich einen üblicherweise Schwächeren aussucht und dann .." Sie verstummte und biss sich auf die Unterlippe. „ .. lässt er sich vielleicht, möglicherweise .. bedauern, verarzten von .. jemanden, der Mitleid hat."

„Ahh, sehr klug," sagte Garibaldi beeindruckt. „Und dabei sah er gestern schon so aus, als hätte er Glück gehabt." Susan hob die Brauen. „Sagt man. Sieh mich nicht so an! Sicherheitsleute, Sicherheitskameras."

Stirnrunzelnd sah Sheridan wieder zum Bildschirm. „Ich mag ihn nicht." Michael und Susan warfen sich Blicke zu. „Aber eine Straftat ist es wohl nicht."

„Nein, aber .." Garibaldi sah erneut auf seine Notizen. Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf ihn und er genoss es. „Aber da gibt es noch mehr über ihn."

„Du hast ihn durchleuchtet?" fragte Ivanova entrüstet. „Michael!"

Der Chief sah kurz zum Captain und räusperte sich. „Es gehört zu meinen Aufgaben das diplomatische Personal und die Botschafter zu schützen. Jedenfalls .. Tom King alias James Duke .. alias Captain Thomas Baron war früher im Krieg bei der Aufklärung in den Erdstreitkräften."

„Er war ein Spion?" fragte Sheridan und schien fast glücklich über diese Offenbarung.

„Das ist allerdings eine wichtige Information," gab Susan nachdenklich zu.

„Sind jemandem, außer mir, die unglaublich dämlichen Nachnamen aufgefallen?" fragte Garibaldi nach den für ihn interessanten Dingen.

„Das erklärt vielleicht auch woher er das viele Geld nimmt, um durch das ganze Weltall zu reisen," dachte John laut.

„Und dabei andere aufs Kreuz zu legen," konnte sich der Chief nicht verkneifen. Seine Kollegen sahen ihn böse an. „Ihr denkt es, ich spreche es aus."

„Also, nehmen wir an, dass er immer noch als Spion tätig ist oder, dass er andere von früher erpresst, um sich seine Reisen zu finanzieren?" Ivanova wiegte den Kopf hin und her.

„Vielleicht .. ah hier," Garibaldi stoppte seine Suche in seinem Block. „Es gibt zwei kleine Auffälligkeiten bei den Besuchen der anderen Planeten. Er war immer mindestens drei Wochen dort, außer auf der Drazi Heimatwelt und Narn. Beide Male musste er bereits nach einer Woche wieder abfliegen .. und ist bisher auch nie wieder dort gewesen. Es sei denn, er ist mit einem weiteren Alias dort eingereist."

„Jemand .. sollte diese Spionsache Delenn erzählen. Sie trifft sich heute wieder mit ihm," sagte der Commander und kratzte sich am Ohr.

„Das sollte .. jemand .. tun," stimmte ihr Garibaldi zu. Sie sahen ihren CO an.

Sheridan seufzte, als er ihre Blicke erwiderte. „Wir haben heute sowieso ein Treffen nach der Ratsversammlung. In der Zwischenzeit, bring in Erfahrung, was auf Narn und bei den Drazi vorgefallen ist, Michael, und sieh zu, ob du Zugriff auf seine Konten erhältst! Sollte er vorhaben, einen unserer Botschafter zu kompromittieren und zu erpressen müssen wir das stoppen!"

Der Chief nickte, erhob sich und verließ das Büro seines kommandierenden Offiziers.

„John, brings ihr schonend bei! Sie ist heute ein bisschen durch den Wind."

„Ich dachte, es geht ihr gut?" fragte der Captain und setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch.

„Grundsätzlich ja, aber verwirrt ist sie trotzdem. Sei nett zu ihr!" Damit ging auch Ivanova hinaus.

„Ich bin immer nett," brummelte Sheridan in seinen nicht vorhandenen Bart.


Sie war spät dran. Wieso eigentlich? Nach Ivanovas Besuch war jede Menge Zeit sich für den Morgen fertig zu machen und auf die Ratsversammlung vorzubereiten. Ach ja, die Morgenmeditation zog sich dahin, wieder einmal. Delenn trank den Tee aus, runzelte die Stirn und griff nach dem kleinen, technischen Gerät auf der Kücheninsel, das sie den ganzen Morgen übersehen hatte.

Es summte. „Herein!"

Lennier trat ein und verbeugte sich. „Guten Morgen, Delenn, es ist fast neun Uhr."

Die Botschafterin nahm sich ihre Unterlagen und ging zu ihrem Assistenten. Auf dem Weg zur Ratskammer drückte sie Lennier das Abspielgerät und ein Tablet in die Hand. „Bring dies bitte zu Tom King, sobald du Zeit dafür hast! Er muss es gestern vergessen haben. Und .. ich weiß gar nicht, wo er sich eingemietet hat. Bring auch das bitte in Erfahrung, Lennier! Ich muss nach den Verhandlungen mit den Abbai noch kurz mit ihm reden. Das andere .. sind deine neuen Aufgaben für heute."

„Natürlich, Delenn." Ihr Attaché nickte und ging in die andere Richtung fort.

Die Botschafterin betrat als Letzte die Versammlung des Rates und setzte sich schnell auf den ihr angestammten Platz neben dem Captain. Alle Augen waren kurzzeitig auf sie gerichtet, dann eröffnete Sheridan jedoch das Treffen mit ein paar Hammerschläge.

Die erste Stunde verlief ohne Probleme. Delenn hatte kaum Mühe den Anträgen und Forderungen der einzelnen Völker zu folgen. Nur ab und zu schweiften ihre Gedanken ab. Wenn er gerade sprach, musste sie der Höflichkeit halber auch zu Sheridan sehen und das fiel ihr heute, nach einer Nacht voller wirrer Träume, zunehmend schwerer. Sie mochte seine Uniform, auch wenn ihm das Dunkelblau besser stand, als das Graue während der Ratsversammlungen. In dunkleren Farben sah er gut aus. In Ordnung, Delenn, das sind keine Gedanken, die du hier haben solltest, schalt sie sich selbst.

Es folgte ein längerer Vortrag der Gaim. Und die Botschafterin der Minbari war verloren. Sie starrte auf ihre Papiere, sie versuchte wirklich nicht abzuschweifen, aber heute war einfach nicht ihr Tag. Ihre Tagträume waren fast so aufregend wie die in der Nacht und die Nähe zu John machte es nicht besser. Orangen, ob er auch nach Orangen schmeckte? Tom schmeckte nach Flarn und der Pfefferminze, mit der das Wasser versetzt war. Sinoval hingegen hatte immer den herben Geschmack von Tkust im Mund, dessen Blätter er so gerne kaute oder seinen Tee damit trank. Delenn lächelte sacht vor sich her.

„Delenn?" Keine Reaktion. Etwas näher an ihrem Ohr: „Delenn?!"

Die Botschafterin sah verwirrt von ihren Fingern auf. Sämtliche Hände der Liga waren nach oben gestreckt. Eine Abstimmung! Verdammt! Sie sah neben sich. Auch John hatte seine Hand gehoben, Londo jedoch nicht. Worum ging es? Delenn sah auf den Plan, dann zu Sheridan, der sich etwas zu ihr gebeugt hatte. „Worum geht es?" fragte sie ihn flüsternd. Orangen und sein After Shave. Sie mochte den Geruch und schloss kurz die Augen.

~Hallo? Reiß dich jetzt mal zusammen!~ wetterte die Minbari.

„Um den Vorschlag der Gaim den Onteen Waffen verkaufen zu dürfen, damit sie sich im Krieg besser verteidigen können."

„Ich wollte etwas dazu sagen," raunte sie zurück.

„Das hast du verpasst. Tut mir leid."

Delenn sah zu Mollari, dann zu der Liga und schüttelte den Kopf.

John sah enttäuscht aus. „Gegenstimmen?" Londo und Delenn hoben ihre Hand.

„Damit ist der Vorschlag abgelehnt, da er keine Mehrheit erringen konnte," erklärte Sheridan und klopfte mit dem Hammer auf den Tisch.

Gegen halb zwölf war die Ratsversammlung endlich beendet und Sheridan schlug vor, ihre private Unterredung mit einem Mittagessen zu verbinden. Sie hatten angefangen ihre Unterhaltungen nicht mehr in seinem Büro oder im Versammlungsraum abzuhalten je konspirativer sie wurden. Manchmal hielten sie sie in ihrem Quartier ab oder wie heute bei ihm.

Delenn setzte sich auf sein Sofa und Sheridan stellte ihr ein Glas Wasser auf den Tisch. „Ich habe vorhin schon bestellt," erklärte er ihr grinsend.

„John, ich bin dankbar, dass du mir euer Essen näher bringen willst, aber ich habe inzwischen drei verschiedene Pizzasorten gekostet und keine davon .. war wirklich gut."

Er hob einen Zeigefinger. „Diese hier wirst du mögen, Delenn. Sie haben heute morgen erst frische Ananas im hydroponischen Garten geerntet."

Die Botschafterin trank einen Schluck Wasser. „Ihr macht auch Obst auf eure Pizza?"

„Gelegentlich, aber auf diese gehört es drauf. Pizza Hawaii." Der Türsummer ertönte und der Captain ging zum Schott, um die Pizza vom Lieferservice in Empfang zu nehmen.

Währenddessen hatte Delenn die Möglichkeit darüber nachzudenken, woher ihr der Begriff Hawaii bekannt vorkam. „Hawaii ist eine Stadt, richtig?"

„Eine Inselgruppe," erklärte er und stellte die Pizza auf den Küchentisch, um die riesige Pappschachtel zu öffnen. Die Botschafterin nahm ihr Glas und gesellte sich zu ihm. Sheridan war der Meinung, Pizza schmeckte nur, wenn man sie direkt aus der Schachtel aß. Das war auch einer seiner Eigenarten, an die sich Delenn in den letzten Monaten gewöhnt hatte. Sie setzten sich auf die Barhocker und sie beäugte die Dreiecke kritisch.

„Wenigstens eins davon, Delenn," forderte er sie lächelnd auf.

„Also gut." Sie nahm ein Stück und biss ab. Die Ananas schmeckte süß, der Schinken würzig und der Käse wie immer zu viel. „Extra Käse?" fragte sie Sheridan nach dem ersten Bissen.

„Immer," erwiderte er und kaute. „Und?"

Delenn nickte. „Sie ist .. gut."

„Das hast du am Anfang stets behauptet," erinnerte John sie.

„Zu viel Käse, aber den Rest mag ich wirklich."

Er verdrehte die Augen. „Es kann nie zu viel Käse .."

„.. auf einer Pizza sein. Ja, ich weiß. Mr. Garibaldi ist derselben Meinung." Sie lächelten sich an. Dann wurde sie wieder ernst. „In Ordnung, worum geht es?"

Sheridan stand auf und holte sein Tablet, schob es Delenn über den Küchencounter. „Ich würde gern vier Ranger dort stationieren, jeweils als zweier Team."

Delenn legte ihr Pizzastück in den Karton und nahm das Tablet, nachdem sie sich die Finger an einer Serviette gereinigt hatte. Sie scrollte durch das Bild. „Das ist ziemlich nah an der momentanen Kriegszone, John. Warum?"

„Eben weil es nah dran ist. Der Planet gehört den Drazi. Die Genehmigungen dürften kein Problem sein." Er musterte sie eindringlich.

„Aber haben wir nicht auf einem Nachbarplanet bereits einen kleinen Stützpunkt? Hier!" Sie deutete auf einen rötlichen Planeten und zeigte dem Captain das Bild.

Er nahm das Tablet und ihre Finger berührten sich kurz. Delenn zuckte zusammen. „Das stimmt. Aber Informationen bekommen wir weniger auf einem Stützpunkt, als mehr auf einem Planeten mit Raumhäfen und entsprechend viel Verkehr und verschiedenen Möglichkeiten Durchreisende zu befragen."

Sie nahm ihr Pizzastück wieder in die Hand. „Ich rede mit Ranger Eins darüber. Aber ich schätze, du bekommst deine Ranger Teams, John. Sie sind alle sehr bemüht endlich etwas tun zu können. So wie du."

Lächelnd nahm er auch seine Pizza wieder hoch. „Wir sind auch ein gutes Team," befand er. „Warum hast du gegen die Waffenlieferungen für die Onteen gestimmt, Delenn?"

„Der Graue Rat ist dagegen sie wieder zu stark zu bewaffnen. Wir hatten früher einige Probleme mit ihnen. Aber .. sie werden ihre Waffen doch sowieso bekommen. Ich verstehe solche Abstimmungen nicht. Hinten herum tun sie es trotzdem." Sie zuckte mit den Schultern und warf den Rand ihres Pizzastücks in den Karton, wie sie es von Sheridan gelernt hatte.

John blinzelte verwundert. „Dir muss es wirklich schmecken. So schnell hast du noch nie gegessen!"

„Ich," begann sie und betrachtete die Pizza ebenso erstaunt. „Ich scheine Probleme mit meinem neuen Körper zu haben. Nach einem Jahr."

„Hoffentlich keine schlimmen Probleme," erwiderte er.

„Ich bin noch dabei das herauszufinden. Aber offenbar war eure Evolution der Meinung, dass Frauen einmal in einem eurer Monate zu .. läufigen Gebärmaschinen mutieren," seufzte Delenn ohne Scham.

„Oh," kam es vom Captain. Und dann ein weiteres Mal langgezogener: „Ohhh." Er grinste wissend.

„Das ist nicht komisch, John," murmelte die Botschafterin und nahm sich ein weiteres Stück Pizza. „Bei uns Minbari gibt es so etwas nicht. Unsere Geburtenrate ist niedriger, ja, aber dafür haben wir .. haben wir .. Würde."

„Hier." Sheridan reichte ihr eine zweite Serviette. „Deiner Würde läuft gerade etwas Tomatensoße aus dem Mundwinkel."

~Tom hätte sie uns abgeleckt,~ seufzte der menschliche Teil.

~ER ist eben ein, wie heißt das, Gentleman und kein .. triebgesteuertes Tier!~ grummelte die Minbari.

~Du hast inzwischen viel darüber gelesen, hm?~

~Ich bin gern informiert, wenn etwas Unvorhergesehenes mit mir passiert!~

Delenn wischte sich den Mund ab. „Wir .. das heißt, ein paar Minbari Transportschiffe weigern sich das umkämpfte Gebiet anzufliegen, John. Ich befürchte, die Lieferungen können wir nicht mehr lange aufrecht erhalten."

Der Captain trommelte mit den Fingern neben dem Pizzakarton herum. „Dann müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen, Delenn. Wir können G'Kar und die Narn nicht einfach so im Stich lassen!"

„Ich weiß, ich weiß." Sie trank einen großen Schluck Wasser, rutschte vom Hocker und ging ein paar Schritte durch den Raum. „Es wird nur immer schwieriger. Wir sind noch nicht .. vorbereitet."

Sheridan drehte sich auf seinem Sitzplatz in ihre Richtung. „Wann wirst du mir endlich sagen, was das alles für Vorbereitungen sind?"

„Wenn die Zeit reif ist," erwiderte Delenn und merkte selbst wie platt ihre Antwort war, dazu brauchte sie nicht sein genervtes Gesicht anzusehen. Sie ging auf ihn zu. „Es dauert nicht mehr lange, John. Ich, wir wollen nur keine unnötigen Hoffnungen schüren und zu viele Mitwisser könnten das Projekt auch gefährden."

„Ich verstehe," sagte er mit Traurigkeit in der Stimme.

Delenn nahm seine Hand und sah ihm in die Augen. „Ich verspreche dir, es wird uns eine reelle Chance verschaffen gegen die Schatten." Sheridan nickte und sah auf ihrer beider Hände hinunter. Die Botschafterin ließ ihn plötzlich los, als hätte sie sich verbrannt und fluchte auf Adronato. „Ich sollte mich ein paar Tage nicht raus bewegen und vor allem keine Männer anfassen!" schimpfte sie, wandte sich von ihm ab und starrte wütend vor sich her.

John lachte amüsiert. „Da wir, ehm, gerade davon sprechen," begann er und verstummte wieder. Delenn sah ihn fragend an. „Du solltest wissen, dass dieser Künstler, mit dem du essen warst, früher einmal ein Spion der Erdstreitkräfte war, Delenn."

Sie nickte. „Das weiß ich. Er hat es mir erzählt."

Der Captain atmete tief durch. „Falls er immer noch in dieser Richtung tätig ist, könnte er .. versuchen dich zu kompromittieren, das bedeutet, dich bloßstellen oder, ehm, erpressen."

Delenn lächelte schmal. „Das wird er nicht."

Stirnrunzelnd gestikulierte John mit einer Hand. „Was macht dich so sicher?"

„Er war früher ein Spion, ich war früher im Grauen Rat, du warst ein Captain eines Raumschiffes. Heute ist er ein Liebhaber von Tieren und .. offenbar auch von Frauen, ich bin eine Botschafterin und du bist Diplomat auf einer Raumstation," erklärte sie für sich Offensichtliches.

Sheridan stand von seinem Barhocker auf. „Delenn, das eine schließt das andere nicht aus. Irgendetwas stimmt nicht mit ihm."

Sie lächelte ihn nun breit an. „Das mag sein. Aber es wird nichts davon sein, was du vermutest."

~Er ist so süß, wenn er uns für verrückt hält,~ seufzte die Rote schwärmerisch.

~Er ist dumm. Manchmal.~ brummte die Weiße kopfschüttelnd.

~Es ist ja auch nicht so, als würden wir Klartext reden.~

~Er denkt einfach nicht mit!~

~Ja, ab und zu muss man ihn direkt auf Dinge stoßen. Tom hingegen, erkennt Momente und nutzt sie aus. Ein bisschen mehr Tom könnte ihm nicht schaden,~ sagte der menschliche Teil.

„Das kannst du doch nicht mit Gewissheit wissen!" John stand vor ihr und sah ihr ernst in die grauen Augen.

„Er war bereits auf Minbar, John," gab ihm Delenn einen Hinweis. Aber Sheridans Gesicht sah immer noch fragend drein. Sie berührte seine Unterarme, die er vor der Brust verschränkt hatte. „Wir lassen niemanden einfach so auf Minbar. Er wurde vorher komplett geprüft. Und wir sind sehr gründlich. Wenn da irgendetwas aufgefallen wäre, hätten wir ihn niemals auf unsere Heimatwelt gelassen."

Jetzt verstand Sheridan und er nickte leicht. „Trotzdem könnte er -"

„Ich werde aufpassen. Vertraue mir, dass ich ihn richtig einschätze!" Sie nahm ihre Hände von seinen Armen und lächelte ihn weiterhin an.

Der Captain runzelte die Stirn und ließ nicht locker. „Ich mache mir Sorgen um dich, Delenn. Du solltest ihn vielleicht nicht wiedersehen!"

~Woooahhh! Übergriffig!~ explodierte die Rote.

~Er hat recht. Das war das dümmste Versprechen, das wir in letzter Zeit geben konnten. Du wirst uns schon wieder in ein Dilemma bringen!~ Die Minbari massierte sich die Schläfen.

~Er ist so nah, wir könnten ihn küssen. Also fast, wenn er uns nicht gerade VORSCHRIFTEN MACHEN WÜRDE!"~ wütete der menschliche Teil in Delenn.

~Beruhige dich!~

~ICH BIN RUHIG!~

Delenns Gesicht verfinsterte sich. „Ich kann allein auf mich aufpassen, Captain," sagte sie kühl und ging einen Schritt zur Seite. „Wenn es weiter nichts gibt, ich habe noch Handelsgespräche zu führen?"

Sheridan schüttelte den Kopf und startete einen letzten Versuch. „Delenn, ich -"

„Captain." Ihre Verbeugung war kurz und flüchtig und schneller, als dass er noch etwas sagen konnte, verließ sie sein Quartier.


Als der Captain etwas später in sein Büro kam, wartete sein Sicherheitschef dort bereits auf ihn.

„Die Botschafterin der Minbari ist der Meinung, dass sie allein auf sich aufpassen kann," informierte er Garibaldi sogleich mit vor Sarkasmus triefender Stimme.

„Haben Sie sich etwa in ihr Privatleben eingemischt, Captain?" fragte der Chief unschuldig und erntete einen bösen Blick.

Sheridan ließ sich schwerfällig auf seinen Schreibtischstuhl fallen. „Ich hätte Susan mit ihr reden lassen sollen!" seufzte er. „Geben Sie mir wenigstens gute Nachrichten, Michael!"

„Das kommt drauf an, was Sie als gute Nachricht empfinden," sagte Garibaldi langsam und musterte seinen Chef. „Er ist sauber."

„Sauber? Sie haben nichts finden können oder Sie haben etwas gefunden, dass ihn sauber erscheinen lässt?" fragte Sheridan, lehnte sich auf dem Tisch nach vorne und verschränkte die Finger ineinander.

Michael blinzelte verwirrt. „Beides?" Sie sahen sich kurz an und der Sicherheitschef öffnete sein kleines Büchlein. „Wie es aussieht, entstammt Captain Thomas Baron einer reichen Unternehmerfamilie und kann sich seinen Lebensstil mithilfe des Familiengeldes leisten. Und die beiden Vorfälle auf Narn und der Drazi Heimatwelt betrafen .." Er kratzte sich hinter dem Ohr. „Betrafen Missverständnisse mit der dortigen Frauenwelt. G'Kar hat mich fast ausgelacht. Er hat ihn ins Herz geschlossen, ihm aber trotzdem geraten, Narn für eine Weile nicht mehr zu betreten. Und jetzt ist es inzwischen zu spät wegen dem Krieg."

„Das ist alles?" Das Gesicht des Captains sah mehr als enttäuscht aus.

„Ich sagte ja, es kommt darauf an, was Sie als gute Nachricht empfinden, Captain," wiederholte sich Garibaldi. „Wir können ihm nichts vorwerfen. Er ist genau das, was er vorgibt zu sein .. bis auf seinem Namen."

„Also gut, danke!" Sheridan stand auf und stellte sich mit auf dem Rücken verschränkten Händen ans Fenster, sah hinaus.

Garibaldi schüttelte hinter ihm den Kopf und schlenderte aus dem Büro hinaus.


[Drei Standartstunden! Drei Standartstunden für nichts!] Delenn rannte fast den Gang im Grünen Sektor entlang und konnte sich kaum beruhigen.

[Wir wussten, dass es schwierig wird, Delenn.] Lennier versuchte krampfhaft mit ihr Schritt zu halten.

Sie blieb stehen. [Wir diskutieren doch bereits seit sechs Monaten mit ihnen, Lennier! Ich bin sogar manchmal über die gesteckten Bereiche des Grauen Rates hinweg gegangen. Und trotzdem kommen sie uns nicht entgegen!]

Die Botschafterin stürmte weiter, rammte an ihrem Quartier die Karte in den Slot und hämmerte ihren Code ein. Ihr Attaché folgte ihr seufzend. Lennier legte ihre Unterlagen auf den Wohnzimmertisch, während Delenn auf und ab ging und sich weiterhin versuchte zu beruhigen.

[Ich werde dem Rat vorschlagen, einen anderen Unterhändler zu schicken. Ich weiß nicht mehr weiter mit ihnen! Wenn wir das Erz so sehr benötigen, dann .. sollten wir uns jemand anderen suchen, der es besitzt. Oder wir schalten einen Dritten dazwischen, vielleicht wollen sie es nur uns Minbari nicht verkaufen oder mir.] Die letzte Idee gefiel Delenn so sehr, dass sie stehen blieb und lächelte.

[Das erscheint mir eine kluge Idee zu sein. Aber wen der anderen Völker wollen wir damit beauftragen?]

[Ich bin mir nicht sicher. Die Abbai sind keine .. einfache Spezies. Wir sollten vorher andere Botschafter nach ihren Erfahrungen mit ihnen befragen, bevor ich eine Entscheidung treffen kann.] Sie ging auf Lennier zu und hob ihre zusammengefalteten Hände zu ihren Lippen. [Möglicherweise macht sogar ein Privatkäufer Sinn.]

Ihr Assistent lächelte sie an. ‚Wir sollten'-Aussagen waren üblicherweise Aufforderungen an ihn. [Ich kümmere mich darum und hole die Informationen für Sie ein, Delenn.]

[Dankeschön, Lennier.]

Er ging zur Tür.

[Lennier!]

[Ja?]

[Du hast mir noch nicht verraten, wo Mr. King sich eingemietet hat.]

[Rot sechs, Zimmer 296.] erwiderte er zögerlich. Der junge Minbari dachte kurz nach, ob er noch etwas sagen sollte. [Mr. King hat die heutige Nacht im Gefängnis verbracht, weil er sich im Grauen Sektor geschlagen hat, Delenn.]

Sie nickte und runzelte ein wenig die Stirn.

[Ich .. habe die Bar aufgesucht,] erzählte er weiter. [Und mir wurde berichtet, dass er geprahlt hat mit Ihnen zusammen gewesen zu sein. Daraufhin hat Sie ein anderer Mann beleidigt, schwer beleidigt und .. sie schlugen sich.]

[Wieso?] fragte Delenn nun leise.

[Vermutlich .. weil er sie verteidigen wollte.] antwortete Lennier.

Sie schüttelte den Kopf. [Nein, das meinte ich nicht, Lennier. Wieso hast du ihm hinterher spioniert?]

Er lächelte verwirrt. [Es gehört zu meinen Aufgaben auf Sie acht zu geben, Delenn. Und als ich seine Verletzungen heute sah, habe ich mich gefragt, ob er auch für Sie eine Gefahr darstellen könnte.]

[In Ordnung.] Sie nickte. Diese Erklärung konnte sie akzeptieren, mehr noch, als Sheridans Gebaren.

Lennier verbeugte sich und ging.


~Mach es kurz.~
~Oh, ich bin mir sicher, dass es nicht kurz wird.~
~Ich kann nicht hinsehen.~ Die Minbari setzte sich auf den Fußboden, zog die Beine an und bettete ihren Kopf zwischen ihren Händen.

Delenn drückte den Türsummer und wartete. Sie trug ihren großen, grauen Umhang, unter dem man sie kaum erkannte. „Herein!" Das Schott ging auf und die Botschafterin trat in das Dämmerlicht eines Zimmers von einem Hotel der nicht geraden besten Sorte von Babylon 5. Schwaches Licht beleuchtete einen Sessel, ein Bett und ein BabCom Terminal. Sie konnte Toms Gestalt im Dunkeln auf dem Bett sitzen sehen und blieb stehen.

„Du tust alles, um den Schein des armen Künstlers aufrecht zu erhalten," sagte sie statt einer Begrüßung und schob sich die Kapuze aus dem Gesicht.

Er lachte, aber es klang gequält. „Schöne Frauen mögen das," meinte er. „Du .. hast also meine Akte gelesen."

„Sie befand sich heute morgen auf meinem Tablet bei meinen Unterlagen."

„Lennier."

„Lennier," stimmte sie ihm zu. „Nicht jeder unterzieht sich dieser Prüfung, viele geben vorher schon auf." Sie trat näher.

Tom beugte sich zum Kopfende des Bettes und betätigte ein weiteres kleines Licht. „Ich wollte euch kennenlernen. Und eure Tierwelt natürlich."

„Natürlich." Ihre Augen wanderten von seinen Augen über den nackten Oberkörper zu einem blutdurchtränkten Verband an seiner Seite. „Was ist passiert? Lennier erzählte etwas von einer Prügelei, aber das sieht nach etwas anderem aus."

„Ich wollte ihn gerade wechseln." Tom sah an sich herunter. „Das passiert, wenn man sich an den falschen Orten herum treibt und die falschen Sachen kaufen will."

Delenn entdeckte Verbandsmaterial auf dem wackeligen Nachtschränkchen und ging noch etwas näher. Ein weiterer Blick zu ihm und sie atmete tief durch. „Ich helfe dir dabei, aber das war es dann." Sie legte ihren schweren Umhang ab.

„Fünfzig Prozent, die es sich überlegen, geben mir am nächsten Tag einen Korb," schmunzelte er und zuckte mit den Schultern. „Ehm, das bedeutet, sie lehnen ab."

„Einen Korb geben bedeutet Ablehnung?" Sie schüttelte den Kopf und schnitt mit einer Schere ein paar Klebestreifen. Danach setzte sie sich neben ihm aufs Bett und nahm ihm vorsichtig den alten Verband ab. „Das sieht nach einer Stichwunde aus. Warst du im Medlab?"

„Ja, aber die Naht muss sich etwas gelockert haben. Aber das ist nicht schlimm. Dein Korb ist schlimmer." Er roch an ihrem Haar, während sie die Wunde reinigte und ihm einen neuen, festeren Verband verpasste.

„Hör auf damit!" Delenn hob den Kopf und wollte wieder aufstehen, aber er nahm ihre Hände in seine und hielt sie fest.

„Danke."

Sie lächelte breit. „Du kannst nicht gut mit Ablehnung umgehen, oder?"

„Ich gebe nicht so schnell auf, wenn noch eine winzige Chance besteht," erwiderte er und küsste ihren Hals.

Augenblicklich begann Delenn wieder zu zittern. „Nicht!" sagte sie und schob ihn bestimmt von sich.

Doch er ließ sich nicht komplett wegschieben. „Ich habe mich wegen dir geprügelt. Ich habe deine Ehre verteidigt, Botschafterin. Das ist doch einen Kuss wert!"

Sie betrachtete sein blaues Auge und berührte den Rand seiner verletzten Lippe mit den Fingerspitzen. „Davon abgesehen, dass du damit nicht mehr küssen solltest, hast du dem Mann vorher Credits gegeben. Wahrscheinlich damit er dich verprügelt."

In seinen blauen Augen flackerte es kurz. „Wie kommst du darauf?"

„Es wurde gesehen," sagte sie ausweichend.

„Was, wenn ich dir sage, ich habe ihm für etwas anderes Credits gegeben?" fragte er, hob seine Hand und berührte ihre Wange.

„Ich würde sagen, du lügst," erwiderte Delenn.

„Ich gab ihm dafür Credits. Einen Moment." Tom beugte sich mit einem schmerzvollen Stöhnen über ihren Schoß, um die Schublade des Nachtschränkchens aufzuziehen. Er holte ein Fläschchen daraus hervor. „Und deswegen hättest du wirklich böse sein können. Aber ich benutze es nicht. Weiß der Geier, was mich geritten hat, es überhaupt zu kaufen!"

Delenn sah ihn verwirrt an wie er da immer noch halb über sie gebeugt hing.

Der Künstler blickte fragend zurück. „Was verwirrt dich? Das Fläschchen? Die Redewendung? Oder vielleicht ich?"

„Alles davon. Hoch mit dir, Tom, du bist schwer!"

Er richtete sich wieder auf. „Das sind Pheromone, menschliche Pheromone. Und ich bin nicht stolz darauf. Statt minbarischer habe ich ein Messer in die Seite bekommen."

Sie seufzte und nahm ihm den Flakon ab, besah ihn sich von außen. „Wieso? Ich meine, offensichtlich kann ich dich doch schon ohne das hier gut riechen."

„Oh, eine richtig angewandte Redewendung, Botschafterin!" Tom schmunzelte und sie lächelte zurück. „Eine Dummheit," erklärte er und ließ sich rücklings auf das Bett fallen. „Du bist so weit außerhalb meiner Liga, da wollte ich betrügen und sicher gehen. Auf Teufel komm raus alle Register ziehen!"

Delenn stellt das Fläschchen auf den Schrank und drehte sich ihm zu, blieb aber sitzen. „Tom, eine richtig angewandte Redewendung macht mich leider nicht zur Spezialistin!"

Er verschränkte die Arme unter seinem Kopf. „Auf Teufel komm raus alle Register ziehen bedeutet, ich wollte alles tun, selbst ungute Dinge, damit du mich magst, zumindest so weit, um, du weißt schon." Tom nickte mit hochgezogenen Augenbrauen zum Bett.

„Es hat nicht viel gefehlt," gab sie zu. „Was bedeutet, außerhalb deiner Liga?"

„Das ist schwer zu erklären," lachte Tom. „Ehm, bei den Minbari gibt es ein Kastensystem, aber es ist durchlässig. Man kann die Kaste ändern, sich eine Partnerin von einer anderen Kaste wählen. Auf der Erde war es so, dass der Adel, die Prominenz .. außerhalb allen anderen Menschen waren. Wie .. Götter, an die man unmöglich heran kommt. Außerhalb meiner Liga hat eine ähnliche Bedeutung. Du bist besser als ich, Delenn."

„Das stimmt nicht," sagte sie und legte sich nun auf die Seite zu ihm, zog die Beine an. „Niemand ist besser oder schlechter. Jeder ist ein wertvolles Wesen."

Der Künstler drehte sich ihr zu und stützte seinen Kopf auf seinen Arm. „Sagte die privilegiert aufgewachsene ehemalige Satai von der religiösen Kaste."

„Dein Vermögen macht dich auch zu einem Privilegierten, Tom. Wieso hältst du mir mein Leben vor, wenn deines ähnlich ist?"

„Es ist anders. Und ich halte es dir nicht vor. Ich meine, ich habe Lennier etliche Male genervt, damit ich dich einmal treffen könnte. Sogar vor deiner Verwandlung. Es war nichts zu machen. Im Grünen Sektor lebt ihr Diplomaten ein Leben außerhalb aller anderer Lebewesen. Wie viele aus der Untersten Ebene kennst du? Wie viele hier arbeitenden Menschen außerhalb des Kommandostabes?"

Sie sah nachdenklich zu ihm auf. „Das wusste ich nicht. Ich bin oft in der Untersten Ebene, aber .. die Menschen dort sprechen ungern über sich selbst."

„Ich habe über mich gesprochen, zugegeben nicht alles, aber inzwischen weißt du alles und trotzdem weist du mich ab. Wieso?"

Delenn wandte ihren Blick von seinem Oberkörper ab und sah in seine blauen Augen. „Ich bin jetzt äußerlich einem Menschen ähnlicher als einer Minbari. Ich möchte meine minbarische Seite ehren, indem ich nicht auf Rituale verzichte oder sie umgehe." Sie berührte seine Brust und unterdrückte das aufkommende Zittern, malte seine Muskulatur nach. „Mein Körper reagiert auf dich, aber mein Herz und meine Seele nicht in dem Maße, dass es ausreicht."

„In Ordnung, Delenn, du, ehm, sendest schon wieder vollkommen unterschiedliche Signale," sagte Tom heiser. „Du kannst nicht diese .. nachvollziehbaren Gründe nennen und mich dann so anfassen. Das ist Folter!" Er lachte unsicher. „Du verwirrst mich. Ich kann damit unmöglich richtig umgehen." Der Künstler beugte sich vor und küsste sie sacht. Dann verharrte er kurz vor ihr mit fest zusammen gekniffenen Augen.

„Was tust du?" fragte die Botschafterin amüsiert und berührte sanft sein Gesicht.

„Ich dachte, du, ehm, schlägst mich jetzt," sagte er und öffnete seine Augen wieder.

Delenn seufzte und drehte sich von ihm weg auf den Rücken. „Ich .. weiß in der einen Minute, was ich will und nicht will und in der nächsten ändere ich meine Meinung. Wie soll ich dir etwas übel nehmen, dass ich selbst nicht als richtig oder falsch einschätzen kann?"

Auch Tom legte sich auf seinen Rücken neben ihr. „Ein Dilemma."

„Ein Dilemma."

„Wie war das mit Sinoval?" fragte er dann. „Seid ihr alle Rituale durchgegangen?"

„Nein." Die Botschafterin biss sich auf die Unterlippe und warf ihm einen Seitenblick zu. „Er .. war ein guter Überredungskünstler, charismatisch und unverschämt gut aussehend."

Tom begegnete ihrem Blick. „Dann haben wir da einen Präzedenzfall. Das ist-"

„Ich weiß, was ein Präzedenzfall ist, Tom."

Es dauerte einen Herzschlag lang, danach küssten sie sich erneut. Es war leidenschaftlicher und begehrender als zuvor. Als hätten sich Schleusentore geöffnet und sie zu schließen schien aussichtslos.

„Du wirst es keinem erzählen! Es bleibt ein Geheimnis! Du wirst nicht einmal lächeln!" forderte sie zwischen etlichen neuen Küssen.

„Alles, ich verspreche und mache alles was du willst, Botschafterin," murmelte er ergeben. „Darf ich hier lächeln?"

„Ja. Nur nicht vor der Tür. Und wir werden uns dann auch nie wieder sehen!"

Seine Hand öffnete ihre Robe. „In Ordnung."

~Bei Valen! Sinoval ist schon so lange tot und jetzt kommt er in ihm wieder und was passiert? Inkonsequenz! Als wären wir wieder im Tempel!~ wütete die Minbari.

Die Rote grinste breit. ~Sei froh, gleich erlebst du das volle Potenzial dieses Körpers!~

~Das will ich gar nicht!~ Die Minbari setzte sich wieder, umschlang ihre Beine mit den Armen und schaukelte vor und zurück.

~Ach was! Du bist doch genau so neugierig wie ich. Und was schadet ein Probelauf, den keiner mitbekommt?~

~Sicher, dass es keiner merkt? Susan wird es merken! Dr. Franklin wird es merken und Michael liebt es Geheimnisse zu lüften!~

~Du hast dein Leben lang Geheimnisse gehütet und Tom wird getötet, wenn er seinen Mund .. holla! Was macht er da mit seinem Mund?~ Die rot gekleidete Frau legte den Kopf schief.

Tom grinste breit, sehr breit. Von einem Ohr zum anderen. Er sollte vielleicht schlafen, aber er sah neben sich. Zusammengerollt an ihn gekuschelt lag Delenn und grinste ebenfalls.

„Nicht zu lächeln wird morgen das Schwerste sein," brummte er leise. „Oh Gott und ich wünschte ich könnte es jemandem erzählen!"

„Ich werde dich finden und töten, wenn du das tust, Tom!" Delenn öffnete kurz ein Auge und schloss es dann wieder.

„Du bist wach," stellte er fest und räusperte sich danach. „Ich weiß, Minbari sind eine mehr so einmal die Nacht im Monat oder so Spezies, aber wir Menschen können das praktisch die ganze Nacht lang. Theoretisch."

„Da es keine weiteren Nächte geben wird, bin ich geneigt, deiner Theorie praktisch nachzugeben," murmelte sie, öffnete wieder ihre Augen und küsste seinen Hals. „Wenn Minbari eure Körper hätten, müssten wir uns über die Geburtenrate keine Gedanken mehr machen."

„Soweit ich weiß, empfinden auch Minbari Lust. Ich verstehe eure Geburtenrate nicht," erwiderte er und wandte sich ihr wieder zu.

„Eure Rasse ist jünger. Ihr seid einfach noch näher an euren tierischen Vorfahren bei eurer Evolution," dozierte sie verschlafen.

„Ich zeig dir gleich, wer näher an den tierischen Vorfahren ist!" Tom warf sich spielerisch auf sie.

Delenn lachte auf und versuchte sich gegen den Angriff zu wehren. „Ich sagte nicht, dass das schlecht wäre!"

~Es geht schon wieder los.~ Die Minbari beobachtete das Geschehen verzweifelt.

~Ach komm, eine Nacht! Ich bin so entspannt wie schon lange nicht mehr oder .. nie. Ich war noch nie so entspannt. ~ Die Rote lag auf dem Rücken, alle Viere von sich gestreckt und lächelte selig.

~Wir meditieren jeden Tag!~ erinnerte sie die weiß Gekleidete.

~Ja.~ Die Frau grinste die Minbari herausfordernd an. ~Du willst DAS doch nicht wirklich mit Meditation vergleichen?~

~Nein. Das wäre .. sehr falsch.~

Delenn stand am BabCom und trank einen Schluck Wasser aus einem Glas, das sie weiter hinten in dem Hotelzimmer neben einer Karaffe auf einem Tisch gefunden hatte. Um ihre Schultern hatte sie die dünne und einzige Bettdecke gelegt. Sie rief die Uhrzeit ab und sah dann kurz hinter sich. Tom schlief auf dem Bauch liegend und atmete ruhig. Sie tippte sich durch die Informationen des Hotels. Es war wirklich nicht eines der besten, aber vermutlich hatten sich Toms Kollegen hier auch eingemietet und er wollte einfach in ihrer Nähe sein.

Irgendwann rührte sich hinter ihr etwas. Delenn sah sich wieder um. „Bei Gott, du kannst doch nicht einfach aus dem Bett verschwinden und die Bettdecke mitnehmen!" jammerte Tom. „Ich friere! Was tust du da überhaupt?"

„Ich habe die Uhrzeit abgerufen. Wann fliegst du morgen, das heißt heute?" fragte sie interessiert und gab die Abflugzeiten ein.

„Was weiß ich, irgendwas um 1100, glaube ich," grummelte er, stemmte sich hoch und ging zu ihr hinüber. Nach Wärme suchend umarmte er sie von hinten.

„Zu der Zeit fliegen nur wenige. Welcher ist euer Transport?"

Tom sah von ihrer Schulter auf und tippte auf den Schirm. „Der da!"

„Centauri Prime?" fragte Delenn überrascht. „Mitten durch die Kriegszone?"

„Wenn ich Paul richtig verstanden habe, bekommen wir Geleitschutz. Die wollen uns unbedingt sehen. Komm wieder zurück ins Bett, Delenn!" Er zog an der Bettdecke und sie folgte ihm zurück.

Kaum im Bett fing er erneut an sie zu küssen und zu berühren.

~Nochmal? Wie viele hätten wir dann?~ fragte die Rotgekleidete kichernd.

~Ich habe aufgehört zu zählen!~ brummte die Minbari verstimmt.

~Ich würde gerne seinen Rekord wissen,~ sinnierte die andere nachdenklich.

„Tom," begann Delenn und drückte ihn von sich fort. „Einen Moment mal! Stopp! Hör mir bitte zu! Thomas!"

Tom hob den Kopf und seufzte.

„Du hast bestimmt eine Menge Kontakte aus deiner Zeit als Spion und jetzt von deinen Reisen?" fragte sie und sah ihn neugierig an.

Der Künstler legte sich an ihre Seite, bettete seinen Kopf in seiner abgestützten Hand. „Ja, das könnte man so sagen."

„Wie viele genau?" Delenn hielt den Kopf fragend schief.

Tom berührte sein Aufzeichnungsgerät und in der dämmerigen Dunkelheit des Zimmers erschien eine Karte des bekannten Universums und darauf verstreut waren kleine Punkte zu sehen. „Die blauen gehören zu Kontakten auf Planeten, die roten sind auf Raumstationen und die gelben auf Schiffen," erklärte er lapidar und tippte zur Demonstration auf einen Punkt mit jeder Farbe. Immer erschien ein Bild und eine kurze Beschreibung.

Der Mund der Botschafterin klappte auf. Sie war gleichzeitig erschüttert und erstaunt.

Er runzelte die Stirn. „Hätte ich gewusst, dass dich das da beeindruckt, hätte ich es dir als erstes gezeigt," grinste er verschmitzt.

Delenn dachte angestrengt nach, was ihr gerade schwer fiel, da Tom seine Übersicht wieder geschlossen hatte und sich erneut ihr persönlich widmete. „Tom?"

Wieder ein Seufzen. „Delenn, viel Zeit bleibt nicht mehr. Können wir nicht später reden?"

„Da .. da gibt es diese Gruppe, sie nennen sich die Anla'Shok, sie könnten deine Kontakte gut gebrauchen." Sie wand sich unter seinen jetzt zielsicheren Berührungen.

„Ja, schon mal von denen gehört," brummte er an ihrem Ohr. „Die müssen doch eigene Kontakte haben. Gibts die nicht schon seit Jahrtausenden?"

„Du weißt von ihnen?"

Tom ließ von ihr ab und lehnte sich zurück. „Sie sind ein offenes Geheimnis bei euch. Die Kriegerkaste ist gerade nicht so begeistert über den neuen Entil'Zha, habe ich gehört. Wird das jetzt geschäftlich, Delenn? Dann schlage ich noch eine Stunde drauf!" Er grinste.

„Das ist ernst. Die Anla'Shok wurden gerade erst wieder aufgebaut. Sie kämpfen gegen einen uralten Feind, der bald wieder zu alter Stärke finden wird. Du würdest etwas Gutes tun, wenn du uns deine Informationen zur Verfügung stellen würdest." Sie sah ihn bittend an.

„Etwas Gutes ohne Gegenleistung?" fragte er nachdenklich. „Ich weiß nicht, ob meine Kontakte auch für .. euch .. arbeiten würden, Delenn."

„Sieh es mal so," sagte sie und legte ihre Hände auf seine Brust. „Du würdest helfen, Billionen von Lebewesen zu retten. Und wir fragen sie einfach, ob sie uns auch helfen. Alleine die Informationen über deine Kontakte sind schon sehr hilfreich."

Tom wiegte den Kopf hin und her.

„Wir könnten dir Crediteinheiten anbieten, aber davon hast du sicher selbst genug. Tom, bitte!"

„Mein Preis ist eine zweite Nacht mit dir, im Grünen Sektor dieses Mal, wenn ich wieder hier bin," sagte er ernsthaft.

Delenn verdrehte die Augen. „Es sollte eine einmalige Sache bleiben. Nenne mir einen anderen Preis!"

Der Künstler zuckte mit den Schultern und grinste, ging dann wieder dazu über ihren Hals zu küssen.

„Was, wenn der Krieg auch hier ausbricht? Vielleicht bin ich tot oder habe einen Partner, wenn du wieder kommst?" fragte sie und schob ihn von sich.

„In den Fällen habt ihr meine Aufzeichnungen umsonst bekommen. Aber wenn nichts davon vorliegt, will ich meinen Preis!"

Sie biss sich auf die Unterlippe.

„Ist es denn so schlecht mit mir?" fragte er gespielt beleidigt.

„Also gut, einverstanden," gab sie nach. „Ich sollte mich wirklich in Verhandlungstechniken verbessern. Ich unterliege zur Zeit immer!"

„Oh ja, das tust du!"

„Das weißt du gar nicht," brummte sie verstimmt.

„Du .. unterliegst mir." Tom lachte und küsste sie sanft. „Das reicht mir schon."

„Von wegen jüngere, unterlegene Spezies," flüsterte Delenn und schmunzelte. „Es grenzt an ein Wunder, dass ihr bei eurer Arroganz bis hierher überlebt habt."

„Wunder sind eine schöne Sache, Delenn. Die Wasserfälle von Tuzanor sind ein Wunder." Er legte ihr den Zeigefinger auf die Lippen, als sie den Mund öffnete. „Keine wissenschaftliche Erklärung bitte. Es ist ein Wunder. Ich bestehe darauf!"

Ihre Augen blitzten. „Ich wollte dir zustimmen, Thomas."

~Bei Valen!~

~Hat sie uns eben für ein paar Informationen .. verkauft?~ fragte die Rote ebenso perplex.

~Das hat sie. Ich meine, es ist wirklich hilfreich.~ sinnierte die Minbari.

Der menschliche Teil sah erstaunt hinüber. ~Ach, für die Sache kann sie ruhig, aber für uns, da jammerst du die ganze Zeit?~

Die Minbari zuckte entschuldigend mit den Schultern. ~Wir haben schon so viel für die Sache gemacht.~

Es piepste und Delenn schrak aus ihrem Schlaf hoch. Das Piepen wurde lauter. |Dies ist Ihr Weckruf.| ertönte es aus dem BabCom. Die Botschafterin wollte aus dem Bett steigen, aber Toms Hand auf ihrem Bauch zog sie zurück und hielt sie fest. Er lag hinter ihr und murrte etwas Unverständliches.

„Ich muss gehen," flüsterte sie und versuchte sich von seiner Hand zu befreien. „Bevor Lennier kommt."

„Noch nicht," murmelte Tom und küsste ihren Hals. „Noch fünf Minuten."

Das Piepen des BabComs erstarb. „In fünf Minuten ist es dieselbe Situation, Tom! Lass mich los!" Delenn bog seine Finger einzeln um.

„Au! Du kannst ganz schön gemein sein!" Er ließ sie los und drehte sich auf den Rücken.

Delenn stand auf und warf einen Blick zurück auf ihn. Dann zog sie sich an. Auch Tom setzte sich auf den Bettrand und zog sich eine Hose über. Den Schmerz in seiner Seite hatte er die ganze Nacht verdrängt, jetzt stöhnte er wieder.

Die Botschafterin stand im Zimmer, vollständig angezogen außer ihrem Umhang, aber tief in Gedanken. Er trat vorsichtig auf sie zu. „Alles in Ordnung?"

„Ich .. weiß es nicht genau," gab sie zu und sah mit einem gequälten Gesichtsausdruck zu ihm hoch. „Die Sache mit deinen Kontakten-"

„Hier." Er hielt ihr ein schwarzes Kästchen hin. „Der Datenkristall enthält alles, was du brauchst. Ich habe ihn beschrieben, als du geschlafen hast. Und den Preis habe ich dir zur Erinnerung auch hinein getan."

Erschrocken nahm sie es entgegen und machte es auf. „Du hast es verschriftet?" fragte sie entgeistert, holte den zusammengefalteten Zettel heraus und öffnete ihn. „Abendessen. Bei dir. Xo Tom," las sie vor. Delenn sah auf.

„Es war unfair von mir," gab er zu und lächelte. „In der Hitze des Gefechts habe ich dir keine andere Wahl gelassen, als ein unmoralisches Angebot anzunehmen. Es tut mir leid."

„Danke!" Sie umarmte ihn erleichtert. „Was bedeutet xo? Und .. in der Hitze des Gefechts?"

„Letzteres bedeutet .. in der Eile, in der Aufregung… habe ich einen Fehler gemacht. Und xo ist ein schriftlicher Kuss, Delenn." Tom hob ihr Kinn an und küsste sie sanft.

Sie runzelte die Stirn, es fühlte sich anders an. Und er schien diesen Kuss auch nicht beenden zu wollen. Die Botschafterin ließ ihre Hand über Toms Arm streifen, erreichte sein Aufzeichnungsgerät und drückte einige wichtige Punkte darauf.

Er war abgelenkt, tief in diesen Kuss versunken. Als er merkte, was Delenn tat, war es schon zu spät. „Was zum Teufel?!" Tom trat einen Schritt zurück, begegnete ihrem entschuldigenden Blick und wandte sich dann seiner Technik zu. Hektisch rief er Dateien auf, navigierte sich durch Bezeichnungen.

In der Zeit war sie wieder näher gekommen und betrachtete die Anzeigen. Ein Ordner mit ihrem Namen erschien und Tom wirkte beruhigter. Aber Delenn griff erneut an seinen Arm und erreichte, trotz Gegenwehr, wieder die wichtigen Punkte. „Löschen?" fragte das System noch einmal nach und sie bestätigte.

„NEIN!" rief er aus. Der Ordner verschwand. „WIESO?!"

„Ist das eine ernst gemeinte Frage?" Sie stand vor ihm, die Arme vor der Brust verschränkt.

Tom grinste schief. „Es hätte doch niemand gesehen außer mir," jammerte er und drückte an dem technischen Gerät herum.

„Dafür wird deine Erinnerung reichen müssen, Tom," meinte Delenn lapidar.

„Woher wusstest du, was du drücken musst? So ein Mist!" fluchte er halblaut.

„Lennier sollte es sich ansehen, bevor er es dir zurück bringt. Er hat die Untersuchung des Gerätes gelöscht und mir dann die Möglichkeiten verraten. Sei froh, dass ich es nicht komplett zerstöre!" Sie ging zu ihrem Umhang, der auf dem Sessel lag und nahm ihn hoch. „Ich sollte gehen, ich muss einen Umweg nehmen."

Als sie sich umdrehte, stand Tom wieder ganz nah vor ihr. „Ich hätte es wissen müssen," seufzte er und beugte sich zu ihr herunter. „Für die Erinnerungen muss ich dann aber ganz oft an dich denken, Delenn."

Sie hob ihre Hand und legte sie auf seine Wange. „Du kannst dir doch neue Erinnerungen mit ein paar centaurischen Frauen schaffen, Tom." Sie grinste breit. Und er küsste sie ein weiteres Mal auf diese so andere Art und Weise, die sie heute morgen verwirrte.

Delenn zog sich den Umhang über und verstaute das Kästchen mit dem Datenkristall darinnen.

„Ja, genau, neue Erinnerungen mit centaurischen Frauen," murmelte Tom währenddessen. „Du weißt schon, dass Centauri .. sechs ..?"

„Ich wusste nicht, dass es etwas gibt, das dich abschreckt. Ist dir die Konkurrenz bei sechs etwa schon zu groß?" zog sie ihn lachend auf.

Er griff sich ihre Hüfte und lachte mit. „Gott, du .. ich. Ich, ehm, würde mich freuen, dich wiederzusehen!"

„Dann habe eine sichere Reise, Tom King!" Bevor er sie ein weiteres Mal küssen konnte, legte Delenn ihm eine Hand auf die Brust und berührte mit der anderen ihr Herz.

Überrascht von dieser seltenen, intimen, minbarischen Geste, ließ er sie los und erwiderte den Gruß mit seinen Händen. Sie neigten beide den Kopf dabei.

Kurz darauf drehte sich Delenn um und verließ das Hotelzimmer am frühen Morgen des 3. Januar 2260. Sie nahm den Umweg über einen Teil des Grauen Sektors bis sie später im Grünen Sektor ihr Quartier erreichte.

Tom versuchte derweil hektisch Gordon zu erreichen, um vielleicht doch noch ein paar Aufzeichnungen zu retten.


Fortsetzung folgt.