„Admiral Janeway, mein Ehemann und ich entsenden unsere Gratulation zu Ihrer Ernennung."

Das frisch ernannte Mitglied der Admiralität der Sternenflotte Vizeadmiral Kathryn Janeway studierte das Gesicht auf ihrem Bildschirm, während sie die Nachricht zum wiederholten Mal abspielte. Tuvoks Ehefrau T'Pel sprach mit der üblichen vulkanischen Gelassenheit, doch ihre Züge wirkten irgendwie eingefallener im Vergleich zum ersten Mal als Kathryn kurz nach der Rückkehr der Voyager mit der Vulkanierin gesprochen hatte.

„Wir bedauern, dass wir nicht an der Zeremonie teilnehmen konnten. Leider erlaubt der Zustand meines Ehemannes weiterhin nicht, das Krankenhaus für längere Zeit zu verlassen."

„Es tut mir so leid, alter Freund", flüsterte Kathryn als das Ende der Nachricht erreicht war und T'Pels Gesicht durch das Logo der Sternenflotte ersetzt wurde. Sie war so froh gewesen, dass ihre Rückkehr in den Alpha-Quadranten wenigstens für Tuvok rechtzeitig gewesen war. Doch die erhoffte schnelle Heilung war ausgeblieben. Im Gegenteil, der erste Behandlungsversuch hatte Tuvoks Zustand verschlimmert. Während er zeitweilen ganz der Alte war, gab es andere Momente, an denen er sich wieder auf der Voyager glaubte oder am Beginn seiner Ehe und in den ganz schlimmen Phasen schien er überhaupt keinen klaren Gedanken mehr fassen zu können. Seine Ärzte auf Vulkan hielten eine Genesung zwar immer noch für wahrscheinlich, aber im Moment konnten sie nicht vorhersagen, wann das sein würde. Viel zu lange war es her, seit ein Krankheitsbild wie das seine so lange unbehandelt geblieben war. Es war, als ob sich irgendetwas in Tuvok gegen eine Heilung sperren würde. Sicher war, es würde ein langwieriger und mühsamer Prozess werden.

Es war alles so ungerecht. Unglaublich ungerecht für Tuvok, der etwas Besseres verdient hatte, als nach seiner Rückkehr nach Hause so hart um die Herrschaft über seinen Verstand kämpfen zu müssen. Ungerecht für Tuvoks Familie, die ihn nach sieben langen Jahren zurückbekommen hatte, nur um ihn direkt wieder an die Krankheit zu verlieren.

Kathryn biss sich auf die Lippe. Sie vermisste ihren alten Freund. Sie vermisste seinen Rat genauso wie seine ruhige Präsenz.

Wie von selbst waren ihre Hände zu dem Bild der Führungsmannschaft der Voyager gewandert, das sie demonstrativ auf ihrem Schreibtisch platziert hatte. Tom, B'Elanna, Harry und Seven hatte sie gestern bei der Feier zu ihrer Ernennung zum Admiral gesehen, aber Tuvok und Neelix hatte sie fast genauso vermisst wie Chakotay.

Seit zwei Wochen befand Chakotay sich nun schon unter Hausarrest. Zwei Wochen, in denen Kathryn zusammen mit Owen Paris versucht hatte, dieser Angelegenheit auf den Grund zu gehen. Sie hatten sich Nächte um die Ohren geschlagen, um sich eine Strategie zu überlegen und einen Ersatz für Rory Williams zu finden, der dringend empfohlen hatte, die Sache einem erfahrenen Prozessanwalt zu übertragen. Immerhin wussten sie mittlerweile ziemlich genau was geschehen war. Admiral McMaster war wie viele seiner Kollegen ehrlich besorgt, dass ein Erstarken der radikalen Kräfte in Caradassia das fragile Gleichgewicht des Quadranten wieder destabilisieren könnte. Deshalb war es ihm und einem Kreis ausgewählter Kollegen als kleineres Übel erschienen, als Zugeständnis an die cardassianischen Befindlichkeiten das Verfahren gegen Chakotay in die Wege zu leiten – und offensichtlich hatten sie es geschafft, den zuständigen Staatsanwalt zur Anklageerhebung zu überreden. Wie es allerdings gelungen war, alles bis zu Chakotays Verhaftung geheim zu halten, blieb weiterhin ein Rätsel. McMaster war offenbar mit äußerster Diskretion vorgegangen. Owen Paris machte sich große Vorwürfe, dass er der Entwicklung auf Caradassia nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt und die sich daraus ergebenden Konsequenzen nicht vorausgesehen hatte. Aber andererseits, hatten sie nicht alle geglaubt, mit den zivilen Ermittlungen würden alle Fragen bezüglich der Strafverfolgung der Mauqis geklärt werden?

In jeder Minute, die Kathryn nicht mit dem Verfahren gegen Chakotay beschäftigt war, hatte sie sich auf ihre Ernennung zum Admiral vorbereitet. Alles, um sich beschäftigt zu halten. Nie hätte sie vermutet, dass sie diesem Tag mit so wenig Enthusiasmus entgegensehen würde. Aber sie konnte sich nicht erlauben, darüber nachzudenken, wie sehr sie Chakotay vermisste. Das war eine Tür, die sie lieber fest verschlossen hielt.

„Guten Morgen, Admiral!"

Gähnend kam Kathryns Schwester Phoebe aus dem Gästezimmer ins Wohnzimmer geschlendert, die Hände fest um eine dampfende Tasse Kaffee geschlossen.

„Du bist gestern ganz schön schnell von der Feier verschwunden, Kath", bemerkte sie, als sie sich auf dem Sofa niederlies.

„Mir war nicht nach feiern zumute."

„Das hat man gemerkt. Admiral Paris meinte, in der ganzen Geschichte der Flotte hätte es wohl noch nie einen Admiral gegeben, der bei seiner Ernennung so dermaßen düster dreingeblickt hätte wie du."

Kathryn nickte. „Ich bin immer noch nicht sicher, ob es richtig war, die Ernennung anzunehmen. Die Sternenflotte hat sich verändert in den letzten sieben Jahren und ich weiß nicht, ob mir das gefällt. Es ist, als ob uns dieser Krieg gegen das Dominion einen Teil unserer Unschuld gekostet hätte. Der Alpha-Quadrant ist ein düsterer Ort geworden."

„Und dann gibt es natürlich noch den Hausarrest eines gewissen Ex-Commanders", kam Phoebe auf den Punkt.

„Ganz genau!" Kathryn war aufgestanden und begann rastlos durch ihr Wohnzimmer zu streifen. „Wie können sie nur. Sie werfen einen der besten Offiziere, den die Sternenflotte je hatte, den Cardassianern zum Fraß vor."

„Na ja", wandte Phoebe beruhigend ein. „Sie haben ja nicht vor ihn auszuliefern oder so was. Es wird ein Gerichtsverfahren geben und ich bin mir sicher, dass die Gerechtigkeit siegen wird."

„Ha!" Kathryn spuckte das Wort regelrecht aus. „Wenn das der Fall wäre, wäre diese Anklage gar nicht zugelassen worden. Die Anklage ist ein rein politischer Schachzug. Damit kann ich nicht umgehen, Phoebe." Kathryn fuhr sich mit beiden Händen über das Gesicht. „Die ersten Ermittlungen waren in Ordnung. Das Thema Maquis musste zu einem rechtlichen Abschluss gebracht werden. Und wenn es dort zu einer Verurteilung gekommen wäre, hätte ich irgendwie damit leben können, weil es ein gerechtfertigtes Verfahren gewesen wäre. Aber das hier – diese politische Farce – das zerstört mein Vertrauen in die Föderation und die Flotte. Ich frage mich, wie naiv ich war, dass ich das nicht habe kommen sehen."

„Dein Vertrauen in die Föderation und die Flotte war ein Grundpfeiler deines Selbstverständnisses", bemerkte Phoebe.

„Ja, sieben Jahre lang habe ich alles dafür gegeben, die Prinzipien der Sternenflotte im Delta-Quadranten hochzuhalten nur um jetzt zu sehen, wie sie hier auf der Erde einfach so über Bord geworfen werden, weil es gerade praktischer ist… Die Stimmung in der Flotte ist zwar tatsächlich auf unserer Seite, aber die Admiralität versteckt sich hinter der Aussage, dass die Justiz nun mal unabhängig sei und tut nichts!"

„Ein Maquis würde vermutlich sagen, dass sie das immer schon so gemacht haben. Damals warst du nur nicht persönlich betroffen." Kathryn schluckte, vermutlich hatte Phoebe sogar recht. „Dieser Commander Chakotay liegt dir wirklich sehr am Herzen, oder?", fuhr ihre Schwester unterdessen fort.

„Mehr als du dir vorstellen kannst."

„Oh, oh, Harry hatte recht."

„Wie bitte?" Kathryn hatte bemerkt, dass sich ihre Schwester und der frisch beförderte Lieutenant Harry Kim auf der Feier gestern sehr gut verstanden hatten. Offensichtlich so gut, dass sie sich über das Privatleben seiner ehemaligen Kommandantin unterhalten hatten. Kein Château Picard für junge Offiziere mehr. Der Gedanke erheiterte sie kurz.

„Wusstest du, dass es seit dem ersten Jahr eurer Reise Wettpools gab, wann du und dein Commander endlich zusammenkommen würdet?", fragte Phoebe mit einem belustigten Funkeln in den Augen.

„Ich hatte es befürchtet", stöhnte Kathryn.

„Naja", meinte Phoebe. „Laut Harry hatten sie eher humoristischen Charakter. Aber ich kenne dich, Kath. Ich weiß, wie du bist, wenn du liebst. Von daher ist der Fall für mich eindeutig." Sie stand auf und nahm ihre große Schwester fest in die Arme. „Und ich verspreche dir, wir werden einen Weg finden, Chakotay da rauszuholen. Ich will ein Happy End!"


„Admiral Janeway ist hier für Sie, Mr. Johnson."

„Mollie!" Für einen kurzen Moment vergaß Kathryn alle Sorgen, als sie beim Betreten von Marks Büro von ihrer alten Hündin begrüßt wurde. Sie ging in die Knie und ließ Mollie ihre Hände beschnuppern. Die Hündin schien erst einen Moment zu überlegen, dann wäre sie Kathryn fast in die Arme gesprungen und tat ihr bestes, um ihrem ehemaligen Frauchen das Gesicht zu lecken. Kathryn konnte nicht anders als ihr Gesicht in dem weichen Hundefell zu vergraben. „Du hast mich tatsächlich nicht vergessen", murmelte sie gerührt.

Mark Johnson war mittlerweile hinter seinem Schreibtisch aufgestanden und kam lächelnd auf sie zu.

„Ich habe sie extra deinetwegen mit ins Büro gebracht", lachte er. „Wie schön dich wiederzusehen, Kathryn. Wie geht es dir?"

„Mark." Kathryn richtete sich langsam auf, konnte ihre Hand aber nicht davon abhalten, weiterhin Mollies Kopf zu kraulen. Sie hatte sich darauf vorbereitet, dass es seltsam sein würde, ihren ehemaligen Verlobten wieder zu sehen und genau so war es auch, aber Mollies Anwesenheit hat schon einmal das erste Eis gebrochen.

Sie studierte Marks Gesichtszüge. Er war gealtert, seit sie sich damals vor fast acht Jahren am Raumdock verabschiedet hatten und in seinem Gesicht zeichneten sich Linien ab, die von Trauer und Gram zeugten. „Es hat mir sehr leidgetan, das von deiner Frau zu hören."

Ein Schatten verdunkelte Marks eben noch lächelndes Gesicht. „Danke dir. Es ist jetzt schon bald ein Jahr her und es vergeht kaum an ein Tag, an dem ich nicht an sie denke. Wenigstens hat Zoe überlebt. Das ist sie." Mark reichte Kathryn das Bild eines strahlenden einjährigen Mädchens. „Sie sieht aus wie ihre Mutter."

„Sie ist bezaubernd", sagte Kathryn und meinte es so. Sie war erschüttert gewesen, als Phoebe ihr erzählt hatte, dass Marks Frau vor knapp einem Jahr bei der Geburt der kleinen Zoe gestorben war. Natürlich hatte es sie getroffen, Marks Abschiedsbrief zu erhalten, aber schon lange war ihr klar geworden, wie froh sie war, dass Mark sein Leben weitergelebt hatte. Auch das hatte es ihr ermöglicht, ebenfalls loszulassen und sich ihrer Zukunft zuzuwenden. Eine Zukunft, die sie nun wieder in Marks Gegenwart gebracht hatte.

„Aber deshalb bist du bestimmt nicht gekommen." Mark schien ihren Gedanken gefolgt zu sein. „Was bringt dich zu mir, Kathryn?"

„Phoebe."

„Phoebe?"

„Phoebe hat mir empfohlen, mich an dich zu wenden. Mark, ich brauche deine Hilfe als Medienspezialist."

„Ich höre, setz dich doch."

Kathryn nahm Platz und erklärte Mark Johnson die ganze verfahrene Situation. Mark lauschte konzentriert. Während des ganzen Gesprächs lag Mollies Kopf auf ihrem Schoß und sobald Kathryn auch nur einen Moment aufhörte sie zu kraulen, erinnerte ein dezenter Stups sie daran, dass Kathryn sieben Jahre Streicheleinheiten nachzuholen hatte.

„Lass mich zusammenfassen", meint er als Kathryn zum Schluss ihrer Geschichte gekommen war. „Du brauchst einen neuen Anwalt für deinen ehemaligen Ersten Offizier, am besten einen erfahrenen Prozessanwalt und du möchtest eine öffentliche Meinung zu seinen Gunsten aufbauen."

Kathryn wand sich. „Ja", sagte sie schließlich. „Ein solches Vorgehen widerstrebt dem Sternenflottenoffizier in mir, aber Phoebe hat mich überzeugt, dass verzweifelte Situationen verzweifelte Maßnahmen erfordern."

„Ich mochte Phoebe schon immer", lächelte Mark. „Es ist gut, dass du zu mir gekommen bist und ich helfe dir gerne." Mark machte eine Pause. „Kathryn, es tut mir leid, dass ich dir diesen Brief geschrieben habe", sagte er dann unvermittelt. „Aber ich…"

„Mark", Kathryn beugte sich vor und nahm die Hand ihres ehemaligen Verlobten, „das muss dir nicht leidtun und du musst dich nicht rechtfertigen. Du hattest jeden Grund anzunehmen, dass ich nie wieder zurückkommen würde. Du musstest dein Leben weiterleben und mit diesem Brief warst du nicht nur ehrlich zu mir, du hast mich auch freigegeben…"

Mark studierte sie aufmerksam. „… für Commander Chakotay?", stellte er fest.

Kathryn nickte nur.

„Dann werde ich umso härter arbeiten."