Die Folterknechte lachten und sie achteten nicht mehr auf die Worte des Wesens, das sie
peinigten, denn wie sollte es anders sein, sie alle, die in den Tiefen des Dunklen Turmes
gefangen worden waren, schrien und kreischten irgendwann, weil sie den Verstand verloren
hatten, den der Schmerz ihnen raubte. Das Geschöpf, das sie quälten, hatte nichts zu sagen,
dass wussten die Orks - und wenn doch, dann war es ihnen gleich. Sie wollten nicht mehr als
ihr Vergnügen an den Leiden ihres Gefangenen, so wie es bei all jenen der Fall war, die in die
Hände der Folterknechte gerieten.
Manch Eingekerkerter hielt lange stand und diese Wesen zu brechen, war eine wahre
Herausforderung. Manche aber hauchten ihr Dasein so schnell aus, dass es eine Enttäuschung
war - doch ganz gleich, wie ein Leben in den finsteren Folterkammern des Dunklen Turmes
verlosch, es hatte sein Ende unter unsagbaren Qualen gefunden.
Auch Gollum hatte die widerlichen Künste der Orks ertragen müssen, die niemals erschöpft zu
sein schienen. Vor Zeiten hatten sie mit Kleinigkeiten begonnen – ein Schnitt mit dem Messer
hier und da oder ein gezielten Schlag. Dann hatten sie sich andere Dinge ausgedacht. Immer
wieder hatte man ihn blutend und zerschlagen in sein Verlies zurückgeworfen, damit seine
Wunden heilten und er von Neuem gepeinigt werden konnte. So ging es lange Zeit.
Ein Ork mit einem glühenden Eisen schlich näher, ein erwartungsvolles Funkeln in den
boshaften Augen. Dieser kleine Wurm dort, den man mit festen Lederriemen auf ein
Streckbrett gebunden hatte, war seit langem der interessanteste "Gast", den die Orks in ihrem
Reich hatten. Er war zäh und mit einer geradezu wundersamen Fähigkeit gesegnet, die seine
Wunden sich schnell schließen und die seinen Lebenswillen immer wieder aufkeimen ließ.
Der Ork grinste höhnisch und zeigte dabei seine widerlichen Fänge. Seine Kameraden drängten
sich heran, sie wollten sich nichts entgehen lassen, denn das dürre Ding auf dem Streckbrett
war jedes Mal aufs Neue ein Schauspiel und eine willkommene Abwechslung für die Orks,
denen ein Leben nichts wert war - ihre jämmerlichen Existenzen eingeschlossen.
Gollums Stimme überschlug sich, als er ein langgezogenes "Nein!" herausschrie, das von den
schmierigen Wänden zurückgeworfen wurde. Das Eisen grub sich mit einem hässlichen Zischen
in die empfindliche Haut seines Bauches, wurde dann nach oben bis zu seiner Brust gezogen
und hinterließ einen Streifen verkohlten Fleisches, von dem ein unerträglicher Gestank
aufstieg.
Gollum würgte und zerrte an den ledernen Fesseln, die ihn hielten. Wahnsinn flackerte in
seinen Augen - aber plötzlich flammte eine ungeheure Wut in ihnen auf, und verdrängte alles;
den Schmerz, die Angst und die Seelenqual. Einzig der Hass blieb. Gollum hasste aus tiefstem
Herzen, denn es gab einen Schuldigen an seiner Pein, einen einzigen, einen, der ihn
gezwungen hatte, sein heimeliges Reich unter dem Berg zu verlassen und auf die Suche zu
gehen im beißenden Licht des Mondes und der Sonne, viele Meilen und viele Tage ...
Seine der Zerstörung nahe Seele flüchtete sich in den einzig hellen Winkel, der noch blieb: den
Hass auf Beutlin.
Die Orks johlten und einige stritten darum, was sie dem seltsamen Wesen als nächstes antun
wollten. Dann machten sie sich daran, seine dünnen Knochen mit bloßen Händen zu brechen,
fingen an bei seinen langen Fingern, erst die eine Hand, bis sie nur noch ein unförmiger
Klumpen war, wandten sich zufrieden der anderen zu …
Gollum schrie und zerrte an seinen Fesseln, aber sie hielten; selbst ein Troll wäre nicht in der
Lage gewesen, sie zu sprengen.
"Beutlin!" kreischte Gollum. "Der Dieb. Er hat unseren Schatzzz!"
Beutlin war Schuld ...
Die Orks sahen sich an, jedoch, keiner von ihnen gab etwas auf die Worte, die Gollum schier
hervorspie. Sie machten keinen Sinn für die schwerfälligen Diener des Dunklen Herrschers. Zu
viele Worte hatten sie schon gehört von den Leidenden und Sterbenden.
Aber ein Ohr wurde aufmerksam …
Ein Schatten regte sich vor einer dunklen Wand und wie eine Wolke, die durch das dicke
Gestein gedrungen war, war er erschienen. Nun nahm er die Gestalt an, die ihm zu eigen war.
Und so stand bald ein Mensch in der Düsternis der Kerkernische, angetan mit Gewändern in
der Farbe der Nacht.
"Saurons Mund" nannte man ihn, denn er sprach für seinen Herrn zu den niederen Kreaturen,
die in Barad-dûr und Mordor hausten, und die es nicht wert waren, die Stimme des Dunklen
Herrschers zu hören.
Ein Schwarzer Númenórer war er, uralt und im Dienste des Bösen gewachsen zu eigener
Bosheit und Grausamkeit, denn schon im Zweiten Zeitalter hatte er den Dunklen Herrscher
verehrt, und als Sauron unter König Ar-Pharazôn zu einem Gott gemacht wurde, da war er der
erste seiner demütigen Diener gewesen und gnädig aufgenommen worden.
So überlebte er den Untergang Númenors, wurde Zeuge von Saurons zweiter Ankunft in
Mordor und all den gewaltigen Ereignissen des vergangenen Zeitalters. Er hatte in der Letzten
Schlacht vor den Toren des Dunklen Turmes gekämpft, Rüstung und Schwert rot vom Blut
seiner Feinde. Kein Elb und kein Mensch war mit dem Leben davongekommen, wenn er die
Waffe gegen den großen Mann erhoben hatte, dessen Antlitz das eines hohen Fürsten, aber
dessen Seele abgrundtief verdorben war. So hatte er sich nicht gescheut, das Blut Númenors
zu vergießen und in die brechenden Augen seiner sterbenden Feinde zu schauen, die ihn mit
ihrem letzten Atemzug verflucht hatten.
Er hatte sie verlacht. Der Sieg war damals nahe gewesen, wie nie zuvor ...
Der Mann vertrieb die Gedanken an die Vergangenheit. Die Zukunft zählte, und sie würde
glorreich sein!
Er war schon lange einer der Ersten unter der Herrschaft des Lidlosen Auges und als
Befehlshaber von Barad-dûr hatte er große Macht inne, und er wusste, wann etwas wichtig war
für seinen Herrn.
Er trat vor und hob gebieterisch eine schmale und bleiche Hand, an der viele Ringe funkelten.
Sein Erscheinen aus den Schatten war immer wieder überraschend für die Knechte, die in den
finsteren Kellergewölben des Dunklen Turmes ihren grausigen Dienst verrichteten.
So wichen sie verängstigt zurück und drückten sich in eine Ecke der Folterkammer, in der alte
Knochen und Lumpen lagen - die Überreste vieler unglücklicher Lebewesen -, und dort
verharrten sie still, um ihren Herrn ohne Namen nicht zu verärgern, denn sie wussten, dass er
keine Geduld und auch keine Gnade kannte.
Der große Mann näherte sich der erbärmlichen Kreatur auf dem blutbesudelten Streckbrett, die
wimmerte und geiferte und mit irren Augen um sich blickte - und immer wieder kreischte sie
plötzlich einen Namen: "Beutlin", und im gleichen Atemzug presste sie etwas hervor, das wie
"Mein Schatz" klang. Diese Litanei wiederholte sie unablässig, und dazwischen fauchte sie
"Auenland" und "Dieb".
Der Mensch lauschte auf diese Worte, und obwohl er ihnen keinen Sinn geben konnte,
schienen sie ihm bedeutsam zu sein. Er hatte in unzähligen Jahren gelernt, auch auf das
vermeintlich Unwichtige zu achten und es zu hinterfragen, denn man konnte nie wissen, ob es
einmal wichtig wurde.
Im Fall der unbekannten Kreatur, die er da vor sich sah, kam noch mehr hinzu, das der
Aufmerksamkeit bedurfte. Eingehend musterte der Mann Gollum. Seine Augen nahmen alles
genau wahr.
Alt ist dieses Wesen, dachte er bei sich. Alt und boshaft ... Und wie seltsam ist es, dass es
noch lebt nach all der Zeit der Qualen.
Der Statthalter Saurons wusste von allen, die man an den Grenzen des Landes je aufgegriffen
hatte und mit Interesse behielt er sie im Auge, bis ihr Leben endete. Zumeist waren es
Menschen, die den Spähern an den Grenzen in die Hände fielen und die meisten unter ihnen
gehörten dem niederen Volk an, das in Ithilien hauste. Sie waren kaum der Beachtung wert,
doch manchmal kam durch ihre Münder Kunde nach Mordor, und so waren sie zu etwas mehr
nütze als zur Belustigung der Orks.
Dann und wann fand sich auch Mensch aus Gondor unter den Gefangenen, denn Minas Tirith
hatte seinerseits Späher in den Grenzgebieten in Ithilien, rund um Minas Morgul - und so
belauerten sich Gondor und Mordor.
Diese Menschen waren von einem anderen Schlage und sie starben in törichtem Heldenmut
mit Schmährufen gegen Sauron auf den Lippen.
Aber noch keiner war dabei gewesen, der diesem dürren und verhärmten Wesen glich, das nun
vor sich hinmurmelte - und immer wieder konnte man den Namen Beutlin vernehmen.
Als die Kreatur vor Monaten in die Verliese geschleppt worden war, da hatte man sie der
Beachtung kaum für Wert gefunden, obwohl ihrem Erscheinen in Mordor einige Aufregung
vorausgegangen war, die selbst Saurons Aufmerksamkeit erregt hatte. Aber da der Gebieter
sein Augenmerk auf andere Dinge richten musste, war das Wesen den Folterknechten
überlassen worden.
Vielleicht hatten sie nicht die richtigen Fragen gestellt?
Und tumb wie sie waren, nicht bemerkt, dass ihr Opfer ein Geheimnis umgab.
Der Statthalter Barad-dûrs streckte eine Hand aus und weißes Licht begann um seine Finger zu
flackern, wie die Flammen eines Feuers. Es breitete sich aus, kroch über Gollums
ausgemergelten Körper, suchend und tastend bis es seine Stirn erreicht hatte. Dort verharrte
das Licht und nahm an Strahlkraft zu, bis es so hell war, dass die Orks zu wimmern anfingen
und sich noch weiter verkrochen, um dem schmerzhaften Glanz zu entgehen.
Gollum war still geworden. Seine großen Augen starrten in das Licht, aber er sah es nicht. Sein
Geist war gefangen in einer Leere und Schwärze, wie sie trostloser nicht sein konnte. Sein
Körper gehorchte ihm nicht mehr und als sich unsichtbare Finger näherten und in seinen
Erinnerungen zu graben begannen, konnte er nur einen stummen und hilflosen Schrei
ausstoßen.
Der Statthalter des Dunklen Turmes war alt und es gab nur noch Weniges in seinem bösen
Leben, das ihn in Erstaunen versetzen konnte. Dieses Gefühl war ihm fremd geworden; dafür
ergriff es ihn nun um so heftiger.
Er hatte in die Seele der erbärmlichen Kreatur gesehen und dort etwas erblickt, was kaum sein
konnte - einen einfachen goldenen Ring, so unscheinbar, aber doch so trefflich gefertigt, dass
es keines Kundigen bedurfte, um den Wert des Kleinods zu erkennen. Dererlei Ringe fanden
sich viele, jedoch umgab diesen Ring eine besondere Aura und als der Statthalter Saurons ein
zweites Mal die Hand ausstreckte, um dem gefolterten Gefangenen seine Erinnerungen zu
entreißen, veränderte sich das Bild des Ringes vor seinen Augen - ganz sachte blitzten feine
Zeichen auf, eine elbische Schrift in ihrer vollkommenen Schönheit. Ihr Sinn aber war ein
hässlicher, er kündete von Verderben und Dunkelheit.
Selbstvergessen stand der alte Númenórer da, er hörte nicht das Wispern der Orks, die noch
immer in die Ecke gedrängt ausharrten und verwundert waren, er vernahm nicht das leise
Wimmern der gepeinigten Kreatur auf dem Streckbrett, die sich in dem unsichtbaren Griff
wand, der ihre Seele gefangen hielt - sein schwarzes Herz und sein Geist waren einzig und
allein ausgerichtet auf den goldenen Ring: den Einen Ring, der sich offenbart hatte!
Ein leichtes Beben erfasste die verhüllte Gestalt des Menschen, als ihm die Bedeutung dieser
Entdeckung ins Bewusstsein drang. Der Ring war wiedergefunden worden! Und das
jämmerliche Wesen, dem er dieses Geheimnis entrissen hatte, war der Schlüssel zu allem. Nun
erklärte sich, warum der wimmernde Tropf seine Foltern überlebte, wie er den Weg in das
Verfluchte Land gefunden hatte, vorbei an Gefahren und Schrecken, die das mutigste Herz
hätten sinken lassen. Unbehelligt war er geblieben, geschützt durch die Macht des Ringes, der
Sterblichen ein langes Leben schenkte, aber ihre Seelen verdarb. Lange Jahre musste dieses
Wesen im Besitz des Ringes gewesen sein, ihn gebraucht haben zu bösen Taten, denn auch
wenn sie den Ring nun nicht mehr ihr Eigen nannte, so war die finstere Kraft des goldenen
Reifs ein Teil von ihr geworden, leitend und stärkend.
Eine herrische Geste und ein scharfer Befehl ließen die Orks aus ihrer Ecke stieben. Eilfertig
und kriecherisch kamen sie herbei, um dem Wunsch des dunklen Herrn nachzukommen, der
sich ein wenig in die Schatten zurückzog. Der Statthalter Barad-dûrs verabscheute die
unmittelbare Nähe der stinkenden Orks. Doch es ließ sich nicht leugnen, dass sie nützliche
Diener waren.
In wenigen Augenblicken hatten sie ihr Opfer von seinen Fesseln befreit und rissen es grob von
dem Streckbrett.
