Ein unerwarteter Besuch
Der eisige Wind pfiff durch die Schluchten der Alterac-Berge. In seiner Behausung saß ein alter Ork an einem Feuer. Seine langen, weißen Haare waren in drei Zöpfen gebunden. Zwei geflochtene Strähnen fielen über seine Schultern, die restlichen Haare waren hochgebunden. Der alte Schamane war in Meditation versunken, als er jemanden eintreten hörte. Er drehte sich nicht um. Seine Augen, die unter einem schwarzen Schal verborgen waren, hätten den Besucher sowieso nicht sehen können. „Ehrenwerter Drek'thar." sagte der Ork. Der Schamane erkannte ihn an seiner Stimme. Er antwortete aber nicht. „Ehrenwerter Drek'thar." begann der Ork erneut. „Wir haben draußen in den Bergen einen Menschen gefunden. Er verlangt, mit Euch zu sprechen. Was sollen wir mit ihm tun?" Drek'thar seufzte. „Bringt ihn her." sagte er dann.
Drei kräftige, grünhäutige Männer führten ihn in ihrer Mitte durch das Dorf. Deckard Cain wusste, das es Orks waren. Er war bereits einigen ihrer Art begegnet. Sie führten ihn zu einer Hütte, die etwas größer war als die anderen. Die Hütte des Anführers. Der vordere Ork öffnete die Tür, und sprach mit dem Anführer. Dann kam er heraus und sagte: „Also, Mensch, der ehrenwerte Drek'thar gestattet dir, mit Ihm zu sprechen." Er führte Deckard in die Hütte. Dort saß ein alter, offensichtlich blinder Ork gegenüber der Tür. Deckard verbeugte sich und sagte mit deutlicher Stimme: „Ich grüße Euch, ehrenwerter Drek'thar, Anführer des Frostwolfklans." Dann setzte er sich auf den Boden. Zwei der Orks, die ihn hergebracht hatten, standen zu beiden Seiten der Tür. Er vermutete, dass der dritte vor der Tür wartete. Eine Zeit lang sagte keiner ein Wort. Dann begann der ältere Ork: „Meine Leute sagten mir, dass Ihr mit mir sprechen wollt. Was ist Euer Begehr? Kommt Ihr von der Allianz?" „Mein Name ist Deckard Cain. Ich gehöre nicht zur Allianz und habe auch keine Verbindung zu ihr. Und ich bin gekommen, um Euch zu warnen." „Uns zu warnen?" fragte Drek'thar. „Vor wem? Der Allianz? Der Geißel?" Er hörte, dass der Mensch Luft holte. „Nein. Die Gefahr, von der ich spreche, stammt nicht von Azeroth. Aber um es zu erklären, muss ich etwas ausholen."
„Ich bin der letzte der Horadrim von Sanktuario. Meine Heimat liegt nicht in dieser Welt. Ich weiß, es klingt unglaublich, aber so ist es." Vermutlich erwartete der Mensch, das Drek'thar diese Aussage anzweifelte, doch es war anders. „Meine alte Heimat liegt in der Scherbenwelt, weit entfernt von Azeroth. Durch ein Portal kamen wir hierher." „Ich verstehe. Dann kann ich Euch ja sagen, das es noch unzählige weitere Welten gibt, manche ganz unterschiedlich, und andere nur leicht verschieden, wie verschiedene Zeitlinien. Ich habe schon einige davon gesehen. Aber alle haben diese Welten etwas gemeinsam: Sie sind Teil des Nexus, oder werden es irgendwann sein. Der Nexus verbindet diese Welten. Er 'sammelt' Helden aus den verschiedenen Welten, die dann in Kämpfen aufeinandertreffen. Ein solcher Kampf hat auch bereits hier stattgefunden. Aber dieser Kampf war Teil eines größeren Krieges. Der Raben fürst, ein mächtiger Magier, versucht, den gesamten Nexus zu erobern oder zerstören. Er hat diesen Krieg begonnen. Hier im Alterac kämpften seine Diener mit den Verbündeten von Königszier, einer weiteren Welt. Durch seinen Sieg hier hat es der Rabenfürst geschafft, Königszier zu erobern, und seine Königin zu vernichten. Ich war dort, als es geschah. Der Rabenfürst muss aufgehalten werden!"
Die beiden schwiegen eine Weile. Dann fragte Drek'thar: „Wie kann ich den Rabenfürst erkennen, wenn er kommt?" „Ich fürchte, er war bereits hier. Ohne Euch zu nahe treten zu wollen, ich fürchte, dass er Euch getäuscht hat. Die Armeen von Königszier kämpften an der Seite der Allianz, während Ihr zusammen mit den Dienern des Rabenfürsten gekämpft habt. Nach unserem Gespräch bin ich mir sicher, dass Ihr nicht freiwillig mit ihm zusammenarbeiten würdet." „Woher soll ich wissen, dass Ihr die Wahrheit sagt, Deckard Cain?" fragte Drek'thar herausfordernd. „Ich kann Euch keinen Beweis liefern. Nur dies: Ich habe bei meinen Reisen schon mehrere Eures Volkes getroffen. Einer von ihnen ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Ein großer, grünhäutiger Ork in einer mächtigen schwarzen Rüstung, der einen mächtigen Hammer führte. Er sagte, er sei ein Schamane, aber viele andere nannten ihn Kriegshäuptling. Sein Name war Thrall. Ich habe mich lange mit ihm unterhalten, und er erzählte mir von seinem Lehrmeister und seinem Klan. Und er sagte mir etwas, das Euch beweisen würde, dass ich ihn gut kenne." „Und was war das?" fragte Drek'thar angespannt. „Er sagte mir, wenn ich auf seinen Meister Drek'thar treffe, soll ich ihn von Go'el grüßen, seinem Schüler." „Ich brauche etwas Zeit, um nachzudenken." sagte der Schamane. Er wandte sich an die Wachen. „Bringt ihn in eine Hütte. Habt ein Auge auf ihn. Aber zur Zeit ist er kein Gefangener." Die Wachen salutierten und führten Deckard hinaus.
Drek'thar dachte lange nach. Deckard hatte ihn vor einem Mann namens Rabenfürst gewarnt, der ihn, nach den Worten des Menschen, getäuscht und benutzt hatte. Der große Rabengeist, der den Orks gegen den plötzlichen Angriff der Allianz geholfen hatte, mit Rat und Verbündeten, war ihm länger nicht mehr erschienen. War es Zufall, dass beide, der große Geist und der Feind, vor dem Deckard warnte, das gleiche Tier im Namen trugen? Schon einmal war Drek'thar von einer Erscheinung, die er für einen wohlwollenden Geist gehalten hatte, betrogen worden. Damals, vor langer Zeit auf Draenor, hatte Kil'jaeden ihn in Form seiner verstorbenen Meisterin, Mutter Kashur, vor den Draenei gewarnt. Er hatte dem Geist vertraut, und hatte deshalb seinen Häuptling Durotan dazu gebracht, Nerzhul und später Gul'dan zu folgen. Nerzhul war selbst hintergangen worden, aber Gul'dan hatte sein Volk wissentlich der Legion geopfert. Bis heute verfolgten seine Taten Drek'thar. Velen, der Anführer der Draenei hatte versucht, mit ihm und Durotan zu sprechen und sie seinerseits zu warnen, aber sie hatten ihm nicht zugehört. Selbst als die Elemente den Schamanen ihre Unterstützung versagten, hatten sie nicht darauf gehört. Diesmal wollte Drek'thar nicht den gleichen Fehler machen. Aber er konnte Deckard nicht einfach blind vertrauen. Das hatte er mit Gul'dan getan. Dann kam ihm die Antwort: Die Elemente mussten wissen, ob dem Menschen oder dem Rabengeist zu trauen war. Also begann Drek'thar die Vorbereitungen, um die Elemente um Rat zu fragen.
Deckard Cain saß in der Hütte, in die die Orks ihn gebracht hatten. Er wusste, dass einer von ihnen vor der Tür stand. Aber das störte ihn nicht. Er blätterte ihn einem der vielen Folianten, die er mit sich herumtrug. Er hoffte, dass er Drek'thar überzeugen konnte, doch ihm war klar, dass er nicht davon ausgehen konnte. Plötzlich hörte er Stimmen vor der Tür. Sie wurde geöffnet, und Drek'thar, begleitet von einem jüngeren Ork, betrat den Raum. „Deckard Cain. Ich muss Euch danken." sagte der alte Schamane. Dann setzte er sich dem Menschen gegenüber. „Ich habe nachgedacht, und die Elemente befragt. Dabei bin ich zu dem Schluss gekommen, dass der große Rabengeist, der uns im Kampf beigestanden hat, in Wahrheit der Rabenfürst ist, der mich und mein Volk nur benutzt hat. Dafür werden wir uns rächen. Wir wurden bereits einmal von anderen benutzt, und es soll nie wieder vorkommen. Sagt mir, wie können wir helfen, den Rabenfürsten zu bekämpfen?" Deckard lächelte. Dann sagte er: „Bleibt ein Weilchen, und hört zu."
Also dann, die nächste Geschichte ist fertig. Und kaum ein halbes Jahr seit dem letzten Kapitel. ;) Im Gegensatz zur letzten Geschchte ist diese hier sehr kurz. Ich hoffe, dass ihr trotzdem Spaß beim Lesen hattet. Diese Idee hatte ich schon länger in meinem Kopf, deshalb hat es ncht lange gedauert, sie aufzuschreiben. Falls sich jemand fragt, diese Geschichte baut auf den HotS-Comics von Blizzard auf.
Also, danke an jeden, der das hier ließt, und bis zur nächsten Geschichte.
Edeias
