VII. Der Letzte Drachenmeister

Als Merlin aus den Augenwinkeln sieht, wie Leon auf seinem Pferd neben ihm gerade wieder den Mund aufmacht, um etwas zu sagen, nur um ihn einen Moment darauf wieder zu schließen, rollt er mit den Augen.

Sie sind bereits seit den Morgenstunden unterwegs in Richtung der Grenze zu Cenreds Königreich Essetir und sie haben bereits eine gute Wegstrecke zurückgelegt. Merlin sitzt auf seiner braunen Stute Llamrei und Leon reitet eine große Rappstute, an deren Sattel ein grauer Wallach befestigt ist, der hinter ihnen her trottet, während sie einem schmalen Weg durch den Wald folgen. Über ihren Köpfen lässt der Wind die Blätter an den Bäumen rascheln und immer wieder blitzt die Sonne durch das Blätterdach und die schnell am Himmel vorüberziehenden Wolken.

Seit sie ihr Tempo verlangsamt haben, um den Pferden eine Pause zu gönnen, hat Leon mindestens ein halbes Dutzend Mal angesetzt, um etwas zu sagen, nur um es sich dann doch noch einmal anders zu überlegen. Am Anfang hat Merlin über dieses Verhalten noch leise schmunzeln müssen, aber mit der Zeit ist es lächerlich geworden. Leon hat sein Kettenhemd und den roten Umhang der Ritter von Camelot gegen eine Tunika und eine abgenutzte, beschlagene Lederrüstung getauscht und mit seinem rötlichen Bart, den wilden Locken und seinem Schwert am Gürtel sieht er aus wie jemand, mit dem man sich besser nicht anlegen sollte. Dieser Schein trügt jedoch, da er es offensichtlich nicht einmal schafft seinen Mut zusammen zu nehmen um ein Gespräch mit Merlin zu beginnen.

„Wenn Ihr etwas sagen wollt, Sir Leon, dann sagt es einfach", meint Merlin schließlich. „Ich verspreche Euch, dass ich Euch nicht in einen Frosch verwandeln werde, wenn mir nicht gefällt, was Ihr zu sagen habt."

Leon mustert Merlin von der Seite her verstohlen, bevor er seinen Blick nach unten auf die schwarze Mähne seines Pferdes richtet und rot im Gesicht wird. Dann öffnet er erneut seinen Mund und dieses Mal kommen Worte heraus.

„Na ja, es gibt dieses Gerücht im Schloss und ich habe mich gefragt, ob es stimmt, was man sich erzählt."

„Was für ein Gerücht?", fragt Merlin neugierig.

Leon antwortet ihm, ohne aufzusehen. „Dass du… nun ja… dass der König sein Bett mit dir teilt… und das häufiger."

Merlin sieht Leon ungläubig an. Bis jetzt hat er geglaubt, dass Leons Zögern daher kam, dass er nach der Demonstration am gestrigen Abend in Arthurs Räumen Angst vor Merlin und seiner Magie hat. Jetzt wird Merlin jedoch klar, dass Leon deshalb gezögert hat, weil ihm die Frage unangenehm gewesen ist - auch wenn er sich vermutlich trotzdem Sorgen gemacht hat, dass Merlin ihn mit Magie in irgendeine widerliche Kreatur verwandeln könnte.

Leon hebt seinen Blick und als er Merlins verdutzten Gesichtsausdruck sieht, zieht er die falschen Schlüsse. „Ich habe auch nicht wirklich gedacht, dass es stimmt", versichert er Merlin mit einem Kopfschütteln und lacht dann gezwungen.

„Ähm, doch es stimmt", antwortet Merlin jedoch. „Ich dachte nur, dass die Ritter bereits davon wüssten, oder Ihr zumindest. Morgana weiß es jedenfalls und obwohl wir bis jetzt vorsichtig waren, haben wir nicht unbedingt versucht, es um jeden Preis geheim zu halten. Ich habe nicht mehr in meinem Bett in Gaius' Räumen geschlafen seit… ich weiß es gar nicht mehr, um ehrlich zu sein."

Merlin denkt kurz darüber nach und ihm wird klar, dass er in dieser Zeit tatsächlich noch nie in dem Bett in Gaius' Räumen geschlafen hat, abgesehen von dem Tag, an dem er und Arthur dort aufgewacht sind.

Leon starrt Merlin währenddessen verständnislos an und schüttelt den Kopf. „Aber er ist der König", sagt Leon, als ob damit alles gesagt wäre.

Merlin mustert Leon einen Moment lang und seine Miene verdüstert sich. Sie haben Leon von der Prophezeiung erzählt und obwohl er nun weiß, dass Merlin viel mehr ist, als nur ein einfacher Diener, hätte Merlin wissen müssen, dass Leon seine Beziehung zu Arthur missbilligen würde.

„Ich weiß, dass er der König ist und zuvor war er der Prinz", antwortet Merlin spöttisch. „Und falls Ihr es nicht bemerkt habt, er ist außerdem ein Mann."

Zu seiner Überraschung schüttelt Leon jedoch unwirsch den Kopf. „So habe ich das nicht gemeint. Eines Tages werden die Menschen herausfinden, dass du dieser mächtige Zauberer bist, den das Schicksal dazu auserkoren hat, Arthur dabei zu helfen Albion zu vereinen und sie werden sich fragen, warum du das Bett mit dem König teilst, seit du nach Camelot gekommen bist. Einige von ihnen werden sagen, dass du ihn verzaubert hast."

Merlin schnaubt und schüttelt den Kopf. „Es wird immer jemanden geben, der sagen wird, dass ich Arthur verzaubert habe, egal ob ich das Bett mit ihm teile oder nicht. Arthur und ich sind durch das Schicksal verbunden. Wir sind zwei Seiten derselben Münze und ich liebe ihn von ganzem Herzen. Ich werde immer an seiner Seite stehen und das werden wir auch nicht verheimlichen."

Leon sieht Merlin überrascht an. „Aber der König muss eine Frau zu seiner Königin nehmen und Kinder bekommen, um die Thronfolge zu sichern."

„Das wissen wir, aber das ändert nichts an meinem Platz in Arthurs Leben", antwortet Merlin und sieht Leon eindringlich an. „So ist es vorherbestimmt und so muss es sein und bevor wir diese Wahrheit akzeptiert hatten, waren wir dazu verdammt zu scheitern."

Merlin erwartet nicht, dass Leon das versteht. Er kann nicht wissen, wie viel es sie gekostet hat, bis sie zu dieser Erkenntnis gekommen sind. Für einen Moment lang sieht es so aus, als ob Leon noch etwas sagen will, doch dann überlegt er es sich anders und er und Merlin setzen ihren Weg durch den Wald schweigend fort.

Die Höhle, in der sich Merlins Vater versteckt, befindet sich in der Nähe der Stadt Engerd und liegt eine halbe Tagesreise hinter der Grenze zu Cenreds Königreich. Nachdem Merlin und Leon ihr Lager vergangene Nacht noch auf Camelots Seite der Grenze aufgeschlagen haben, überqueren sie gegen Nachmittag des nächsten Tages die Grenze zu Essetir. Merlin führt sie durch einen dichten Wald in Richtung Süden und folgt dabei einem kleinen Fluss und wenn Leon sich wundert, woher Merlin den Weg kennt, fragt er ihn nicht danach. Ihre Unterhaltungen haben sich ohnehin seit ihrem Gespräch am gestrigen Tag auf ein Minimum beschränkt.

Schließlich lenkt Merlin Llamrei aus den Bäumen hinaus und auf eine kleine Lichtung mitten im Wald. Der Fluss macht an dieser Stelle eine Biegung und der Waldboden geht in einen steinigen Überlauf des Flussbettes über. Die Hufe ihrer Pferde knirschen auf den glatt gewaschenen Steinen, bis Merlin seine Stute schließlich anhält und auf den Eingang der Höhle zeigt. Es ist eine längliche, horizontale schwarze Öffnung mitten im Felsen und während der schmale Fluss auf der rechten Seite in die hinein Höhle fließt, führt auf der linken Seite ein Weg auf großen, glatten Steinblöcken an der Höhlenwand entlang ins Innere.

„Das ist es. Das ist der Eingang zur Höhle", sagt Merlin. Er betrachtet die dunkle Öffnung noch einen Moment lang, bevor er von Llamreis Rücken steigt.

Leon steigt ebenfalls von seiner Stute und Merlin hält ihm einen Moment darauf Llamreis Zügel entgegen.

„Ich will, dass Ihr hier wartet, bis ich zurückkomme", sagt Merlin entschieden. „Egal, was passiert, Ihr werdet mir nicht folgen. In Ordnung?"

Leon macht keine Anstalten die Zügel entgegenzunehmen, stattdessen schnaubt er und schüttelt den Kopf. „Nein, ganz bestimmt nicht. Der König wollte, dass ich dich begleite, um dich zu beschützen. Ich werde dich nicht alleine dort hinein gehen lassen."

„Er wollte, dass Ihr mich begleitet, weil er sich vollkommen grundlos Sorgen um mich macht. Ich versichere Euch, wenn Cenreds Soldaten oder irgendwelche Banditen das Pech gehabt hätten mir zu begegnen, wäre ich sehr gut alleine mit ihnen fertig geworden", entgegnet Merlin selbstsicher. „Also, Ihr werdet hier bei den Pferden warten, bis ich wieder zurückkomme. Balinor ist ein Zauberer und ein sehr mächtiger noch dazu. Es gibt nichts, was Ihr tun könntet, um mich vor ihm zu beschützen. Nicht, dass ich überhaupt Schutz brauchen würde."

Merlin sieht Leon noch einmal eindringlich an, bevor er sich umdreht und auf die Höhle zugeht. Nach einem Schritt bleibt er jedoch bereits wieder stehen. Balinor steht auf den runden Steinen im Flussbett vor der Höhle und beobachtet sie mit einem grimmigen Ausdruck auf dem Gesicht. Er hat zwei tote Kaninchen in der einen Hand und ein Schwert in der anderen. Anscheinend ist er gerade auf der Jagd gewesen und obwohl seine Körperhaltung feindselig wirkt, sieht er nicht so aus, als ob er sie jeden Moment angreifen würde.

Merlin bleibt regungslos stehen und starrt seinen Vater an. Er sieht genauso aus, wie er ihn in Erinnerung hat. Der dunkle Bart und die langen schwarzen Haare, die von grauen Strähnen durchzogen sind und der lange, aus verschiedenen Stücken zusammengenähte Ledermantel über seinem schwarzen Hemd - alles ist genauso, wie in Merlins Erinnerung.

Das Geräusch eines Schwertes, das aus einer Scheide gezogen wird, bringt Merlin wieder in die Gegenwart zurück. Aus den Augenwinkeln sieht er, wie Leon sein Schwert zieht und er streckt eine Hand aus, um ihn zurückzuhalten.

„Nicht!", zischt Merlin leise und wirft Leon einen warnenden Blick zu.

„Und selbst mit dem Wissen, dass ich ein mächtiger Zauberer bin, bist du hierhergekommen, um nach mir zu suchen, Junge", sagt Balinor spöttisch. „Ich frage mich, wie du darauf gekommen bist, dass das eine gute Idee sein könnte."

Merlin sieht Leon noch einmal nachdrücklich an, bevor er sich wieder zu seinem Vater umdreht. Bevor er jedoch etwas sagen kann, spricht Balinor bereits weiter.

„Du kannst diesem König, dem du dienst, sagen, dass meine magischen Fähigkeiten nicht gegen Bezahlung käuflich sind. Und jetzt verschwindet dahin zurück, wo ihr hergekommen seid und lasst mich in Ruhe."

„Wir sind nicht hier, um für magische Dienste zu bezahlen", antwortet Merlin. „Wir sind hier um Hilfe zu erbitten von Balinor, dem Letzten der Drachenmeister."

Balinors Augen verengen sich und er mustert Merlin wachsam. „Für wen sprichst du, Junge?", fragt er schließlich.

Leon, der sein Schwert zurück in die Scheide gesteckt hat, tritt nach vorne, bevor Merlin etwas erwidern kann. „Wir sind hier auf Geheiß von König Arthur Pendragon von Camelot."

Merlin stöhnt innerlich auf, während Balinor ein bellendes Lachen von sich gibt. „Dann habt ihr den ganzen weiten Weg umsonst gemacht. Ich werde niemals einem Pendragon helfen. Ganz gleich ob es Uther ist, oder sein Sohn, der um meine Hilfe bittet. Und jetzt verschwindet oder ich werde nachhelfen." Balinor sieht sie ein letztes Mal grimmig an, bevor er sich umdreht und auf den Eingang der Höhle zugeht.

Leon schnaubt verächtlich. „Das ist ja hervorragend gelaufen", sagt er höhnisch, aber Merlin schenkt ihm keine Beachtung, sondern streckt eine Hand vor sich aus.

Das Wasser, das als kleiner Bach zwischen den Steinen des Flussbetts hindurchfließt, schwillt mit einem Mal an und innerhalb eines Augenblicks errichtet sich genau vor Balinor eine mannshohe Wand aus Wasser, die ihm den Weg versperrt. Balinor bleibt ruckartig stehen und dreht sich dann wieder um. Er hat die Augenbrauen zusammengezogen und starrt Merlin mit einem Ausdruck ungläubigem Erstaunens auf dem Gesicht an. Merlin erwidert seinen Blick und er verspürt ein klein wenig Genugtuung.

„Wir können nicht ohne dich gehen", sagt er. „Wir brauchen wirklich deine Hilfe. Ich brauche deine Hilfe." Merlin lässt seine Hand wieder sinken und die Wand aus Wasser fällt in sich zusammen. Das Wasser zieht sich so schnell zurück, wie Merlin es gerufen hat, bis nur der kleine Bach zwischen den Steinen zurückbleibt.

Balinor fixiert ihn mit schmalen Augen. „Wer bist du, Junge?"

„Mein Name ist Merlin, aber die Druiden nennen mich Emrys", antwortet Merlin und er sieht wie sich Balinors Augen weiten, als er diesen Namen hört. Merlin gibt ihm einen Moment Zeit, bevor er weiterspricht. „Ich wurde vor 18 Jahren in Ealdor geboren und der Name meiner Mutter lautet Hunith."

Balinors Blick ist wie versteinert, als er Merlin unentwegt anstarrt und schließlich schüttelt er den Kopf. „Hunith hatte keinen Sohn, als ich in Ealdor war."

„Nein, hatte sie nicht. Ich wurde geboren, nachdem du Ealdor verlassen hast, Vater."

Balinor schüttelt ungläubig den Kopf. „Du bist… mein Sohn?", fragt er nach einem Moment schließlich.

Ein Lächeln tritt auf Merlins Lippen und er nickt. „Ja, das bin ich."

„Und du bist Emrys", stellt Balinor fest, aber als Merlin erneut nickt, verdüstert sich seine Miene.

„Dann bei den Göttern, wie kannst du für Arthur Pendragon sprechen? Der Sohn des Mannes, der so viele von uns getötet hat!"

Merlin ist sich nicht ganz sicher, ob er mit seinen Worten die Drachen, die Zauberer oder die Drachenmeister meint, aber das ist jetzt nicht wichtig.

„Arthur ist nicht wie sein Vater", sagt Merlin entschieden. „Er weiß, wer ich bin, und er kennt die Prophezeiung. Er wird alles in seiner Macht Stehende tun, um Magie zurück nach Camelot zu bringen und Frieden zu schaffen, für jeden in Albion. Aber um zu tun, brauchen wir deine Hilfe."

Balinor schüttelt verständnislos den Kopf. „Warum? Er hat dich. Wozu könnte er mich noch brauchen? Die Drachen sind alle tot. Uther hat jeden Einzelnen von ihnen ermordet."

„Kilgharrah ist noch am Leben. Uther hat dich getäuscht und Kilgharrah unter dem Schloss eingesperrt", antwortet Merlin. „Arthur will die Verfehlungen seines Vaters wieder gut machen und Kilgharrah von seinen Ketten befreien. Aber ohne einen Drachenmeister, der es verhindert, würde Kilgharrah Camelot bis auf die Grundmauern niederbrennen und Hunderte unschuldiger Menschen aus blindem Hass heraus töten. Nicht einmal ich kann Camelot vor dem Zorn eines Drachen beschützen. Abgesehen davon ihn zu töten und das will ich nicht. Bitte Vater, komm mit uns zurück nach Camelot und hilf mir und Arthur die Prophezeiung zu erfüllen und Magie zurück in das Land zu bringen."

Balinor hat die Augenbrauen zusammengezogen und für eine lange Zeit starrt er Merlin einfach nur an. Merlin kann nicht sagen, was seinem Vater gerade durch den Kopf geht, aber er hofft, dass seine Worte ausreichen werden, um Balinor davon überzeugen, mit ihnen zu kommen. Für Camelot und für Albion, aber auch für Merlin selbst.

„Kommt rein", sagt Balinor schließlich unvermittelt. „Lasst die Pferde hier in der Nähe des Eingangs zwischen den Bäumen, wo man sie vom Pfad aus nicht sieht. Wir sollten warten, bis es dunkel wird, bevor wir nach Camelot reiten. Cenred hat in letzter Zeit seine Patrouillen verstärkt und wir wollen ihnen nicht in die Arme laufen. Dein Freund würde auch ohne sein Schwert und seine Rüstung als Ritter erkannt werden. Ihr habt Glück, dass ihr auf dem Weg hierher keinen Patrouillen begegnet seid."

Damit dreht Balinor sich um und geht zum Eingang der Höhle, ohne sich zu vergewissern, ob Merlin und Leon ihm folgen.

Merlin spürt wie ein breites Lächeln auf sein Gesicht tritt und er sieht seinem Vater noch einen Moment lang nach, bevor er sich zu Leon umdreht.

Leon sieht jedoch alles andere als begeistert aus. „Ich vertraue ihm nicht", sagt er leise, aber Merlin zuckt mit den Schultern.

„Das müsst Ihr auch nicht. Aber ich vertraue ihm. Er ist schließlich mein Vater."

Merlin will Llamrei zum Eingang der Höhle führen, aber Leon legt ihm eine Hand auf den Arm und hält ihn auf.

„Merlin, es tut mir leid, dass ich es so sagen muss, aber nur, weil er dein Vater ist, heißt das nicht, dass wir ihm vertrauen können."

„Das weiß ich, Leon", antwortet Merlin einsichtig. „Aber Ihr müsst mir vertrauen. Ich weiß, was ich tue. Und außerdem ist es nicht so, als ob ich uns beide nicht beschützen könnte, wenn es dazu kommen sollte. Er mag ein Zauberer sein, aber ich bin Emrys."

Leon scheint immer noch nicht wirklich überzeugt, doch er lässt Merlin los und folgt ihm zum Eingang der Höhle. Sie binden die Pferde mit einem Seil an zwei Erlen und die Tiere beginnen sofort damit die Blätter an den untersten Zweigen abzufressen.

„Könnt Ihr Euch um die Pferde kümmern?", fragt Merlin und als Leon nickt, folgt er seinem Vater in die Höhle, während Leon sich daran macht, die Sattelgurte zu lockern und die Hufe der Pferde zu überprüfen.

Die horizontale Spalte, die den Eingang bildet, ist zu Anfang mehrere Meter hoch, wird aber im Inneren der Höhle schnell schmäler. Merlin schiebt sich um mehrere großen Steinbrocken herum, während die Decke gerade noch so hoch ist, dass er aufrecht gehen kann. Der Fluss ist bereits weiter vorne im Stein verschwunden. Das bläuliche Tageslicht, das hinter Merlin von draußen in die Höhle fällt, schwindet, je weiter er ins Innere vordringt, bis es schließlich von einem gelblichen Schein von weiter hinten abgelöst wird. Das Ende der Höhle besteht aus einer großen, hohen Kammer und Balinor hat einige Kerzen auf vereinzelten Felsvorsprüngen entzündet, um für Licht zu sorgen. Merlin lässt seinen Blick durch den Raum wandern und entdeckt neben einer Ecke mit Decken und Fellen einen Tisch mit einem Kerzenleuchter und auf einem Steinpodest an einer der Wände liegen mehrere Federn, Pergamente und verschiedene Fläschchen mit Flüssigkeiten und Kräutern. In der Mitte der Kammer befindet sich ein Steinkreis als Feuerstelle und davor sitzt Balinor. Er hat ein Messer in der Hand und ist bereits dabei einem der Hasen das Fell abzuziehen.

Merlin bleibt etwas unschlüssig stehen und er hat keine Ahnung, was er sagen soll. Den ganzen Weg von Camelot hierher hat er sich überlegt, was er sagen würde, wenn er seinem Vater gegenübersteht, aber weiter hat er nicht gedacht. Vermutlich wäre es einfacher, wenn Merlin damals die Gelegenheit gehabt hätte, ihn besser kennenzulernen.

„Kann ich dir dabei helfen?", fragt Merlin schließlich und nickt in Richtung des zweiten Hasen auf dem Boden, als Balinor aufsieht.

Balinor mustert ihn einen Moment lang, dann nickt er knapp. Merlin setzt sich daraufhin ihm gegenüber auf den Boden, bevor er sein Messer aus der Halterung an seinem Gürtel zieht und nach dem zweiten Hasen greift. Balinor sieht Merlin kurz dabei zu, wie er mit ebenfalls geübten Bewegung anfängt, dem Hasen das Fell abzieht und widmet sich dann wieder seinem eigenen Hasen.

Merlin wirft seinem Vater immer wieder Blicke von der Seite her zu, während sie sich um die Hasen kümmern, aber Balinor schweigt, ohne von seiner Arbeit aufzusehen.

„Du hast gesagt, dass Cenred seine Patrouillen an der Grenze verstärkt hat", sagt Merlin schließlich, da es das Erste ist, was ihm in den Sinn kommt, um ein Gespräch mit seinem Vater anzufangen. „Seit wann geht das schon so?"

Balinor zuckt mit den Schultern. „Nicht lange. Eine Woche vielleicht."

Mehr sagt er nicht, und Merlin sieht ihm dabei zu, wie er sich daran macht den Hasen zu zerlegen.

„Meiner Mutter geht es übrigens gut", sagt Merlin als Nächstes. „Sie lebt immer noch in Ealdor. Sie hat mich vor ein paar Monaten nach Camelot und zu Gaius geschickt, damit ich mehr über Magie lernen kann."

Balinor brummt kurz, ohne jedoch aufzusehen. „Hat sie jemals geheiratet?", fragt er schließlich.

„Nein", antwortet Merlin. „Ich habe sie ein paar Mal nach dir gefragt, aber sie wollte mir nichts über dich erzählen."

„Ich musste fortgehen", entgegnet Balinor schroff. „Uther hat nach mir gesucht."

„Ich weiß. Ich mache dir keine Vorwürfe deswegen und sie auch nicht", versichert ihm Merlin hastig. „Du hast getan, was du tun musstest. Aber die Dinge werden sich bald ändern. Arthur ist jetzt der König von Camelot und Magie wird schon bald wieder frei sein. Du könntest bis dahin zurück zu meiner Mutter nach Ealdor gehen."

Balinor sieht auf und wirft Merlin einen zurückhaltenden Blick zu. „Du glaubst, dass sie mich wiedersehen will? Nach all den Jahren?"

Merlin nickt entschlossen. Immer, wenn Merlin seine Mutter nach seinem Vater gefragt hat, ist ein trauriger Ausdruck in ihre Augen getreten und sie hat das Thema gewechselt, weil es ihr zu großen Kummer bereitet hat, über Balinor zu reden.

„Natürlich will sie dich wiedersehen", antwortet Merlin. „Sie hat nie aufgehört, dich zu lieben. Ich denke, das ist auch der Grund dafür, warum sie nie geheiratet hat."

Balinor widmet sich wieder seiner Arbeit, ohne etwas zu erwidern. Wieder herrscht Stille, bis Leon kurz darauf aus dem Gang die hohe Kammer betritt. Er und Merlin tauschen einen kurzen Blick, bevor er sich neben Merlin auf ein Fell auf den Boden setzt.

„Ich danke Euch, dass Ihr Euch dazu entschlossen habt, uns zu helfen", sagt Leon schließlich an Balinor gewandt.

Balinor sieht auf und betrachtet ihn abschätzig. „Ich tue es nicht für Camelot, oder für Euren König. Ich tue es für die Magie und weil es meine Pflicht als der letzte Drachenmeister ist, dem letzten Drachen seine Freiheit zurückzugeben. Und weil Emrys mich darum gebeten hat", fügt er mit einem Blick auf Merlin hinzu.

Merlin bemerkt, dass sein Vater Emrys gesagt hat und nicht mein Sohn, aber Merlin kann es ihm nicht wirklich übel nehmen. Balinor kennt ihn nicht, aber wie alle Zauberer, die die Prophezeiung kennen, vertraut er auf Emrys.

„Du wirst deine Meinung ändern, wenn du Arthur kennenlernst", meint Merlin zuversichtlich.

Balinor schüttelt jedoch mit einem Schnauben den Kopf. „Du hast dich von diesem König ja ganz schön einwickeln lassen, was? Was bist du überhaupt für ihn?"

Ohne auf eine Antwort zu warten, steht Balinor auf und geht zu einem kleinen Tisch, der an der gegenüberliegenden Höhlenwand steht.

„Das sollte interessant werden", sagt Leon leise und Merlin wirft ihm einen vernichtenden Blick zu.

Balinor bringt einen Moment darauf einen kleinen Kessel zu ihnen hinüber, zusammen mit einigen Wurzeln, Karotten und getrockneten Kräutern und setzt sich dann wieder hin. Er beginnt damit die Karotten klein zu schneiden, während er Merlin auffordernd ansieht.

„Im Moment bin ich nur sein persönlicher Diener", antwortet Merlin schließlich. „Aber das wird nicht immer so sein. Arthur kennt die Prophezeiung und er weiß über meine Magie Bescheid. Er ist die andere Hälfte meiner Seele und ich liebe ihn von ganzem Herzen, genauso wie er mich liebt. Ich vertraue ihm mit einem Leben, genauso wie er mir mit seinem vertraut."

Balinor mustert Merlin eindringlich und ein grimmiger Ausdruck tritt auf sein Gesicht. „Diese Art von Hingabe ist gefährlich."

„Nur, wenn sie dem Falschen zu Teil wird."

„Und dessen kannst du dir nie sicher sein."

„Doch das kann ich", entgegnet Merlin trotzig.

Balinor sieht Merlin noch einen Moment lang an, dann wandert sein Blick zu Leon. „Und warum seid Ihr hier?"

„Weil mein König mich hierher geschickt hat."

Balinor schüttelt mit einem Schnauben den Kopf. „Ihr wollt nicht wirklich, dass ich mit euch zurück nach Camelot komme", stellt er fest.

Leon sieht ihn ungerührt an. „Ich stelle die Befehle meines Königs nicht infrage."

Balinor legt daraufhin das Messer bei Seite und zieht seine dichten Augenbrauen nach oben. „Nun, er muss ja ein ganz außerordentlicher König sein, wenn er ein derartiges Maß an Loyalität in den Menschen hervorrufen kann", sagt er spöttisch.

Leon funkelt Balinor böse an. „Nur, weil Ihr nie einen König getroffen habt, der diese Art von Loyalität verdient und für den Ihr aus freien Stücken Euer Leben geben würdet, heißt das nicht, dass es einen solchen König nicht gibt."

Balinor lässt seinen Blick noch einen Moment lang auf Leon ruhen, aber Merlin kann den Ausdruck auf seinem Gesicht nicht deuten. Schließlich steht Balinor auf.

„Wir brauchen Wasser für den Eintopf", sagt er schroff, bevor er sich umdreht und mit dem Kessel in der Hand ohne ein weiteres Wort zum Eingang der Höhle zurückgeht.

Merlin wirft Leon einen anklagenden Blick zu, bevor er ebenfalls aufsteht und sich daranmacht, das aufgestapelte Feuerholz an der Wand hinter ihnen in dem Steinkreis aufzuschichten, damit er ein Feuer für ihr Essen entzünden kann.

Nachdem es draußen dunkel geworden ist und Balinor seine Sachen gepackt hat, machen sie sich auf den Weg zurück nach Camelot. Merlin nutzt einen Zauber, um die Hufspuren ihrer Pferde zu verbergen, und der weiche Waldboden sorgt dafür, dass sie auch ohne einen zusätzlichen Zauber beinahe geräuschlos durch die Bäume hindurch reiten können. Immer wieder scheint fahles Mondlicht durch die Wolken, die zunehmend am Himmel aufziehen, aber noch genügt das Licht um ihren Weg zu erhellen.

Sie reiten in zügigem Tempo, das keine Zeit für Unterhaltungen lässt, wofür Merlin jedoch insgeheim dankbar ist. Zwar gehen ihm tausend Dinge durch den Kopf, über die er mit seinem Vater reden möchte, aber Balinor ist bereits während des Essens nicht gerade gesprächig gewesen. Merlin möchte glauben, dass es daran liegt, dass Balinor so lange alleine gewesen ist, aber im Grunde weiß er, was tatsächlich der Grund dafür ist. Balinor muss sich erst an den Gedanken gewöhnen, dass er einen Sohn hat und dass dieser Sohn noch dazu Emrys ist. Und Leon ist ein Ritter Camelots und steht loyal zu den Pendragons, die Balinor abgrundtief hasst. Damit scheint es Balinor im Augenblick wohl besser, sich mit keinem von ihnen zu unterhalten und seine Gedanken lieber für sich zu behalten.

Während sie durch Cenreds Gebiet reiten, begegnen sie keiner der Patrouillen und auch sonst treffen sie niemanden und als der Tag anbricht, überqueren sie die Grenze zu Camelot. Dichte Wolken sind während der Morgenstunden aufgezogen und hängen mittlerweile am Himmel und als es ein paar Stunden vor Mittag anfängt zu regnen, macht Leon den Vorschlag in einem kleinen Dorf Rast zu machen, bevor sie am Abend den restlichen Weg nach Camelot zurücklegen.

„Und jemand von uns könnte ein Bad gebrauchen", sagt Leon mit einem Blick auf Balinor, bevor er seine Rappstute antreibt und den Hügel hinunter zu der kleinen Ansammlung von Häusern trabt.

„Er meint es nicht so", sagt Merlin an seinen Vater gewandt, während sie Leon in einem gemächlicheren Tempo folgen. „Es beunruhigt ihn nur, dass du ein Zauberer bist."

„Er scheint keine Probleme mit dir zu haben", entgegnet Balinor schroff.

Merlin zuckt mit den Schultern. „Das kommt daher, weil er mich schon seit einiger Zeit kennt und Arthur ihm zu verstehen geben hat, dass er mir ohne Vorbehalte vertrauen kann. Was dich angeht, liegt es vermutlich daran, dass Leon einfach nicht Wohl bei dem Gedanken ist, einen Zauberer ins Schloss zu bringen, der keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen die Pendragons macht. Als Ritter von Camelot hat er einen Eid geschworen Arthur und seinen Vater zu beschützen und dass du ihnen womöglich Schaden zufügen könntest, bereitet ihm Unbehagen."

Balinor dreht den Kopf herum und starrt Merlin fassungslos an. „Uther ist noch am Leben?"

Merlin verzieht das Gesicht, als ihm sein Fehler bewusst wird. „Ja, das ist er", gibt er widerwillig zu und grinst dann unsicher. „Habe ich das nicht erwähnt?"

„Nein, das hast du nicht", sagt Balinor grimmig. „Wie kann Arthur König sein, wenn Uther nicht tot ist?"

„Uther hat abgedankt", antwortet Merlin und Balinor schnaubt abfällig.

„Der Uther Pendragon, den ich kenne, würde niemals seine Krone aufgegeben. Auch nicht für seinen Sohn."

„Nun er ist nicht mehr der Uther Pendragon, den du kanntest", antwortet Merlin.

Balinors Augen verengen sich. „Warum nicht? Was ist passiert?"

Merlin zögert einen Augenblick lang, aber er weiß, dass er seinem Vater die Wahrheit sagen muss, wenn er sein Vertrauen gewinnen will. Er glaubt, dass Balinor in der Lage wäre, Arthur zu vertrauen, wenn er sich sicher sein könnte, dass Arthur nicht so ist wie sein Vater. Und die Tatsache, dass Arthur in seinem Bestreben es besser zu machen mit Merlins Hilfe dafür gesorgt hat, dass Uther nicht länger König von Camelot ist, stellt ein sehr überzeugendes Argument dar.

Mit einem kurzen Blick vergewissert Merlin sich, dass Leon weit genug weg ist, um sie nicht mehr hören zu können, bevor er leise zu sprechen beginnt. „Arthur hat es nicht mehr länger ausgehalten. Er konnte nicht länger danebenstehen und zusehen wie sein Vater aus Hass auf Magie unschuldige Menschen umbringt. Wir haben beschlossen, dass Uther nicht länger an der Macht sein darf und haben einen Unfall vorgetäuscht, bei dem er sich scheinbar eine Kopfwunde zugezogen hat. Ich habe Uther mit einem Zauber seinen freien Willen genommen und dafür gesorgt, dass es ihm schwerfällt, sich an Dinge zu erinnern und komplexen Gedankengängen zu folgen. Der Rat war bereit, ihn durch Beschluss abzusetzen, als ihnen klar wurde, dass Uther nie wieder derselbe sein wird, aber Arthur konnte seinen Vater dazu überreden, von sich aus abzudanken. Das war vor zwei Wochen."

„Warum habt ihr Uther nicht einfach umgebracht?", fragt Balinor daraufhin mit kalter Stimme.

Merlin wirft seinem Vater einen harten Blick zu. „Weil er trotz allem Arthurs Vater ist. Und kein Sohn sollte es jemals auf sein Gewissen laden müssen, seinen eigenen Vater zu töten."

Damit treibt Merlin sein Pferd an und reitet ein paar Meter voraus. Er weiß, dass sein Vater allen Grund dazu hat, die Pendragons zu hassen, aber er möchte glauben, dass er trotz allem ein guter Mensch ist.

Balinor treibt sein Pferd ebenfalls an und schließt wieder zu Merlin auf. „Der Zauber, den du dazu benutzt hast, um Uther seinen freien Willen zu nehmen, hat Gaius ihn dir beigebracht?"

Merlin schüttelt den Kopf. „Nein, hat er nicht. Gaius würde niemals gegen Uther vorgehen", antwortet er und es gelingt ihm nicht ganz den bitteren Ton in seiner Stimme zu verbergen.

„Wer hat dir den Zauber dann beigebracht?"

„Niemand hat ihn mir beigebracht", antwortet Merlin ein wenig heftiger, als beabsichtigt und im nächsten Moment wird ihm bewusst, dass er damit zu viel preisgegeben hat. Er schließt für einen Moment die Augen, um sich wieder zu beruhigen, und er wünscht sich, seinem Vater alles erzählen zu können, aber dafür ist es noch zu früh.

„Ich habe einfach ein sehr intuitives Verständnis meiner Magie", meint Merlin vage, aber Balinor schnaubt und schneidet Merlins Stute den Weg ab, sodass Llamrei vor Balinors grauem Wallach stehen bleiben muss.

„Hör mir zu, Junge", sagt Balinor und sieht Merlin dabei eindringlich an. „Ich bin auch ein Zauberer und genau wie du wurde ich mit meiner Magie geboren und konnte sie benutzen, bevor ich in der Lage war zu sprechen. Als ich zehn wurde, hat man begonnen mich darin zu unterrichten meine Magie zu benutzen, aber selbst als ich so alt war, wie du jetzt, konnte ich nicht das tun, wovon du redest, ganz zu schweigen von den Dingen, die ich dich bereits habe tun sehen. Es braucht einiges an Wissen um die Elemente zu kontrollieren oder den Geist eines Menschen zu beeinflussen."

„Ich bin Emrys, ich bin Magie", antwortet Merlin unbeirrt, aber Balinor schüttelt den Kopf.

„Blödsinn", sagt er entschieden. „Das ändert nichts daran, dass es Zeit braucht, zu lernen, wie man seine Magie kontrolliert und kanalisiert. Besonders, wenn man über die Macht verfügt, die du hast."

Merlin presst die Lippen aufeinander. Er hat nicht bedacht, wie tief Balinors Verständnis der Magie reicht. Schließlich schüttelt er den Kopf. „Ich kann dir nicht mehr sagen, als ich dir schon gesagt habe. Tut mir leid. Du musst mir einfach vertrauen."

„Du magst mein Sohn sein, aber ich kenne dich nicht", antwortet Balinor schroff.

Merlin versucht, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr diese Worte schmerzen, während er Balinor mit einem unverwandten Blick ansieht. „Nun ich kenne dich auch nicht, aber ich vertraue meinem Bauchgefühl und das sagt mir, dass du ein guter Mensch bist, und dass ich dir vertrauen kann." Merlin mustert seinen Vater noch einen Moment lang, bevor er den Blick schließlich abwendet. „Und jetzt lass uns Leon folgen. Ich bin müde und ich kann es kaum erwarten ein paar Stunden zu schlafen."

Damit treibt Merlin Llamrei vorwärts und trabt an Balinor vorbei auf die Herberge zu, wo Leon bereits auf sie wartet.

Als Leon, Merlin und Balinor am späten Nachmittag ihren Weg nach Camelot fortsetzen, hat der Regen wieder nachgelassen und es tröpfelt nur noch vereinzelt. Stattdessen ist ein kalter Wind aufgezogen, der ihnen ins Gesicht bläst und die dunklen Wolken in schneller Folge am Himmel entlang treibt.

Als schließlich in der Ferne die Türme des Schlosses mit ihren hell erleuchteten Fenstern in Sicht kommen, ist es bereits seit einiger Zeit dunkel und je näher sie dem Schloss gekommen sind, desto deutlicher hat Merlin Balinors Unbehagen gespürt. Merlin weiß, dass sein Vater sich nur widerwillig dazu bereit erklärt hat, mitten ins Herz von Camelot zu reiten. Nach dem Gesetz kann er dort für seine magischen Fähigkeiten immer noch hingerichtet werden und das letzte Mal ist Balinor aus Camelot geflohen, um genau diesem Schicksal zu entgehen. Merlin versucht allerdings nicht, seinem Vater zu versichern, dass Arthur nicht die Absicht hat, Camelots Gesetze in Bezug auf Magie weiterhin durchzusetzen, denn Balinor hat keinen Grund Merlins Worten zu glauben und erst Arthur selbst würde Balinor davon überzeugen können, dass eine Zeit des Wandels bevorsteht.

Balinor hat die Kapuze seines Mantels tief ins Gesicht gezogen und er hält den Blick gesenkt, während er neben Merlin durch die Straßen der Stadt hinauf zum Schloss reitet. Die Wachen am Tor lassen sie passieren, als Leon sich zu erkennen gibt und kurze darauf steigen Merlin, Leon und Balinor im Schlosshof von ihren Pferden. Als Merlin gerade Llamreis Sattelgurt lockert, kommt Sir Galahad die Stufen aus dem Schloss hinunter auf sie zu. Er hat anscheinend an diesem Abend die Übersicht über die Wachen und wurde benachrichtigt, als sich Reiter dem Schloss genähert haben.

„Sir Leon, es ist schön, Euch wohl behalten wieder zurückkommen zu sehen."

Leon nickt Galahad zu, während er seine Handschuhe auszieht. „Ich danke Euch, Sir Galahad. Wo ist der König?"

„Er isst mit Prinzessin Morgana, seinem Vater und Lady Trudith zu Abend", sagt Galahad. „Soll ich jemanden schicken, der ihn von Eurer Rückkehr unterrichtet?"

Leon wirft einen kurzen Blick zu Merlin hinüber, aber Merlin schüttelt kaum merklich den Kopf.

„Nein, das werde ich selbst tun", antwortet Leon auf Galahads Frage. „Sorgt dafür, dass die Pferde in den Stall gebracht werden."

Galahad nickt den Wachen zu und zwei der Männer nehmen die Pferde und führen sie weg.

„Ich könnte unseren Gast in die Quartiere im Ostturm bringen, wo er auf den König warten kann", sagt Merlin und er formuliert es als Vorschlag, aber Leon erkennt es als das, was es ist.

„Das ist eine gute Idee", sagt er und nickt. „Ich werde derweil dem König von unserer Rückkehr berichten."

Merlin, Leon und Balinor machen sich auf den Weg die Stufen hinauf ins Schloss und nachdem Leon den Weg zur Ratshalle eingeschlagen hat, führt Merlin seinen Vater in einen verlassenen Seitengang, der sie - hoffentlich ohne jemandem zu begegnen - nach oben zu den Gästequartieren im Ostturm führen wird.

„Prinzessin Morgana?", fragt Balinor schließlich, als sie alleine sind. „Gorlois' Tochter?"

„Es hat sich herausgestellt, dass sie tatsächlich Uthers Tochter ist. Arthur hat sie anerkannt und sie zur Kronprinzessin von Camelot gemacht", antwortet Merlin und wirft seinem Vater einen kurzen prüfenden Blick zu. Unter der Kapuze sieht er für einen Moment Balinors überraschten Gesichtsausdruck, dann schüttelt Balinor jedoch den Kopf und folgt Merlin ohne ein weiteres Wort durch die Gänge des Schlosses.

Arthur trinkt einen Schluck aus seinem Weinbecher und stellt ihn zurück auf die Tischplatte, bevor er wieder nach seiner Gabel greift. Er, sein Vater, Morgana und Lady Trudith sitzen beim Abendessen in der Ratshalle, was wie Arthur beabsichtigt, von nun an ein wiederkehrendes Ereignis werden soll. Das Gespräch am Tisch ist zugegebenermaßen noch etwas gezwungen, aber er hofft, dass sich das mit der Zeit ändern wird. Morgana ist sich noch nicht ganz sicher, wie sie ihren Vater behandeln soll und Uther schafft es in einen Moment bemerkenswert klar zu sein, nur um sich im nächsten Moment von den banalsten Dingen ablenken zu lassen. Arthur wiederum wartet ungeduldig darauf, dass Merlin und Leon zurückkommen. Er hofft, dass es ihnen gelungen ist, Balinor davon zu überzeugen nach Camelot zu kommen, denn er weiß nicht, was sie sonst tun sollen. Merlin kann jedoch sehr überzeugend sein, wenn er will und die Tatsache, dass Balinor sein Vater ist, sollte ihm dabei zu Gute kommen.

Lady Trudith tut ihr Bestes um zwanglose Konversation am Tisch zu betreiben, aber Arthur folgt der Unterhaltung nur mit einem Ohr. Sie redet mit Morgana über ein neues Kleid, das sie auf Arthurs Drängen hin bei der Hofschneiderin in Auftrag gegeben hat. Lady Trudiths Familie gehört nicht zu den wohlhabendsten Adelsfamilien in Camelot und ihre neue Stellung bei Hof erfordert es nun, dass sie prächtigere Kleider trägt, als bisher. Arthur hat aufgehört, wirklich zuzuhören, als es um verschiedene Farben für das Unterkleid und die Schnürung an den Ärmeln ging.

„Sire, ich habe mich gefragt, ob es möglich wäre, an einem schönen Tag mit Uther einen Ausritt um das Schloss zu unternehmen."

Arthur dreht überrascht den Kopf zu Lady Trudith, als sie das Wort an ihn richte. Die Unterhaltung über ihr neues Kleid ist scheinbar beendet und er überlegt, was er ihr antworten soll. Dass er von diesem Vorhaben jedoch nicht begeistert ist, zeichnet sich offenbar bereits deutlich auf seinem Gesicht ab.

„Ich weiß, dass Euch nicht wohl bei dem Gedanken ist, Euren Vater wieder auf dem Rücken eines Pferdes zu sehen", meint Lady Trudith verständnisvoll. „Aber ich bin mir sicher, es gibt Pferde in den Stallungen, die ausgeglichen und ruhig sind, und die er ohne jede Gefahr reiten kann."

„Das stimmt natürlich, Lady Trudith", antwortet Arthur nach einem Moment. „Ich verspreche Euch, dass ich darüber nachdenken werde."

Lady Trudith neigt mit einem Lächeln den Kopf und Arthur kann sehen, dass sie mit seiner Antwort zufrieden ist. „Vielen Dank, Sire."

Arthur hat ihr zwar noch nicht seine Erlaubnis dazu gegeben, einen Ausritt mit Uther zu unternehmen, aber sie wissen beide, dass er es über kurz oder lang tun wird. Arthur kann seinen Vater nicht ewig im Schloss einsperren und das hat er auch nicht vor. Es gibt allerdings immer noch genug Menschen, die Uther Pendragon nach dem Leben trachten und jede Gelegenheit nutzen würden, ihn zu töten, auch wenn er nicht mehr der König ist. Der Zustand, in den Merlins Zauber Uther versetzt hat, macht es Angreifern nur noch leichter an ihn heranzukommen und bis Arthur eine Möglichkeit gefunden hat, seinen Vater auch außerhalb der Mauern des Schlosses zu beschützen, wird er den Vorwand ausnutzen, dass alle glauben, er würde zögern, Uther schon so kurz nach seinem folgenschweren Unfall wieder auf ein Pferd zu setzen.

Arthur wird aus seinen Gedanken gerissen, als die Tür zur Ratshalle aufgeht, und nachdem er aufgesehen hat, entdeckt er Leon, der die Halle durchquert. Ihre Blicke treffen sich und Leon nickt kaum merklich, woraufhin Arthur die Luft entweichen lässt, die er unbewusst angehalten hat. Es ist alles nach Plan gelaufen. Merlin ist wohlbehalten wieder zurück und er hat Balinor davon überzeugen können mit ihm und Leon nach Camelot zu kommen.

„Sir Leon, willkommen zurück", sagt Arthur laut. „Ich hoffe, Eure Reise ist ereignislos verlaufen."

Leon bleibt vor dem Tisch stehen und verbeugt sich kurz. „Das ist sie, Sire. Merlin bringt Euren Gast gerade in die Gästequartiere im Ostturm."

Arthur schiebt seinen Stuhl zurück und steht auf, bevor er um den Tisch herum zu Leon geht und ihm auf die Schulter klopft.

„Vielen Dank, Leon. Holt Euch etwas zu essen und ruht Euch aus. Ihr habt es verdient."

„Danke, Sire", antwortet Leon, bevor er Uther, Morgana und Lady Trudith noch einmal zunickt und dann die Halle wieder verlässt.

Arthur wirft einen kurzen Blick auf seinen Vater und Lady Trudith, doch Lady Trudith weiß, dass es ihr nicht zusteht, ihrem König Fragen zu stellen und Uther hat augenscheinlich kein Interesse daran, zu erfahren, warum Leon in die Lederrüstung eines gemeinen Söldners gekleidet ist und wen er auf Arthurs Befehl hin ins Schloss gebracht hat. Morgana mustert Arthur jedoch mit zusammengezogenen Augenbrauen, während er sich entschuldigt und allen eine gute Nacht wünscht.

Nachdem Arthur die Ratshalle verlassen hat und die Wachen die Tür hinter ihm wieder schließen, überlegt er bereits, welche Antworten er Morgana am nächsten Morgen auf ihre Fragen geben könnte, doch als er einen Moment darauf eilige Schritt auf dem Steinboden hinter sich hört, wird ihm klar, dass sich seine Schwester anscheinend nicht so lange gedulden will. Arthur atmet ein Mal tief durch und schließt kurz die Augen, während er stehen bleibt. Dann dreht er sich um und wartet, bis Morgana ihn eingeholt hat. Ein nachdenklicher Ausdruck liegt auf ihrem Gesicht, als sie vor ihm stehen bleibt und sie zögert noch einen Augenblick lang, bevor sie ihre Frage stellt.

„Ich hatte den Eindruck, dass du nicht vor deinem Vater-", sie stockt kurz und korrigiert sich, „unserem Vater und Lady Trudith darüber reden wolltest, aber wo sind Leon und Merlin gewesen und wer ist dieser Gast, den sie mitgebracht haben?"

Arthur seufzt und schüttelt den Kopf. „Das kann ich dir nicht sagen, Morgana, tut mir leid. Das soll nicht heißen, dass ich dir nicht vertraue, denn das tue ich und ich verspreche dir, dass ich dir alles erzählen werde, wenn es so weit ist, aber jetzt kann ich das noch nicht tun."

Morgana mustert Arthur für einen Moment, und er hofft, dass sie sich mit dieser Erklärung für den Moment zufriedengeben wird. Zu seiner Erleichterung nickt sie einen Augenblick darauf.

„In Ordnung", antwortet sie. „Solange du mir versprichst, dass es nichts Gefährliches ist."

Arthur verzieht daraufhin das Gesicht. „Das kann ich leider nicht, aber ich verspreche dir, dass ich alles unter Kontrolle habe. Und Merlin wird die ganze Zeit über bei mir sein."

„Das ist nicht wirklich beruhigend", antwortet Morgana skeptisch und legt den Kopf schief.

Arthur schmunzelt und legt eine Hand auf Morganas Arm. „Du musst dir keine Sorgen machen, versprochen. Vertrau mir, bitte."

Morgana nickt knapp und lässt es dabei bewenden, wofür Arthur ihr sehr dankbar ist. Mit einem aufmunternden Lächeln wendet er sich ab und geht weiter den Korridor entlang, während Morgana zurück in die Ratshalle geht. Er weiß, dass er ihr irgendwann alles erzählen muss, und das wird er auch eines Tages tun, aber jetzt noch nicht.

Kurze Zeit später steigt Arthur die Stufen zum Ostturm hinauf und er versucht sich ins Gedächtnis zu rufen, was er noch über Balinor weiß. Er hat den Mann in der anderen Zeit nur kurz gekannt und Balinor ist verschlossen, grimmig und misstrauisch gewesen. Wenn man allerdings bedenkt, dass er beinahe zwanzig Jahre lang allein in einer Höhle gelebt hat, nachdem Uther in betrogen und anschließend durch das halbe Königreich gejagt hat, dann ist das nur verständlich. Arthur hofft jedoch, dass er Balinor davon überzeugen kann, dass er tatsächlich die Absicht hat, Magie nach Camelot zurückzubringen, und dass Balinor sich dazu entschließen wird, ihnen zu helfen. Außerdem hegt Arthur die Hoffnung, dass der Drachenmeister nach Camelot zurückkommen wird, sobald Arthur die Gesetze geändert hat, denn dann würden sie einen wertvollen Verbündeten gewinnen und Merlin verdient es dieses Mal seinen Vater kennenzulernen.

Arthur öffnet die Tür zu den Gästeräumen im Ostturm und als er das Zimmer betritt, steht Balinor mit dem Rücken zu ihm am gegenüberliegenden Fenster. Merlin schürt gerade das Feuer im Kamin, das dort bereits munter vor sich hin prasselt. Als Balinor und Merlin das Geräusch der Tür hören, dreht Balinor sich um und Merlin hebt den Kopf.

„Arthur, ich war mir nicht sicher, ob du gleich herkommen würdest", sagt Merlin, während er aufsteht.

„Natürlich bin ich gleich hergekommen", entgegnet Arthur. „Ich musste mich ja schließlich davon überzeugen, dass du in einem Stück wieder zurück bist." Er lässt ein amüsiertes Schmunzeln auf seine Lippen treten und versucht so zu verbergen, wie froh er tatsächlich darüber ist, Merlin wohlbehalten wieder bei sich zu haben. Er kann es nicht erklären, aber seit Merlin zusammen mit Leon das Schloss verlassen hat, hat er sich rastlos und unbehaglich gefühlt.

Merlin stemmt die Hände in die Hüften und schüttelt den Kopf. „Ich kann sehr gut auf mich alleine aufpassen", sagt er, aber Arthur sieht ihm an, dass er es nur ein halbherziger Protest ist, und dass Merlin ebenfalls froh darüber ist, wieder bei ihm zu sein.

„Ja, ich weiß", antwortet Arthur und tut so, als ob dieses Zugeständnis ihn einiges an Überwindung kosten würde. „Aber du kannst nicht leugnen, dass du ein Talent dafür hast, dich am laufenden Band in Schwierigkeiten zu bringen, also ist es nur gerechtfertigt, wenn ich mir Sorgen mache."

Merlin rollt mit den Augen und schnaubt amüsiert. „Du bist derjenige, der sich ständig in Schwierigkeiten bringt. Ich stehe nur immer neben dir, wenn etwas passiert, und muss dir dann den Hintern retten."

Arthur grinst und verkneift sich in Balinors Gegenwart den Kommentar darüber, dass Merlin seinen Hintern liebt, bevor er zu Merlin hinübergeht und dicht vor ihm stehen bleibt. Dann greift Arthur mit einer Hand nach Merlins Fingern und sucht gleichzeitig mit seinem Geist nach ihm.

Du hast mir gefehlt", sagt Arthur in Gedanken.

Merlin lächelt liebevoll. „Du hast mir auch gefehlt", antwortet er und für einen Moment sehen sie sich einfach nur an.

Wird Balinor uns helfen?", fragt Arthur schließlich.

Merlin verzieht auf diese Frage hin ein wenig das Gesicht. „Ich bin mir nicht sicher. Er ist mitgekommen, weil ich ihm gezeigt habe, dass ich Emrys bin, aber er vertraut mir nicht. Er spürt, dass ich zu mächtig bin für mein Alter. Ich habe ihm gesagt, dass wir Uthers Unfall vorgetäuscht haben und dass ich ihn mit einem Zauber belegt habe, weil du es nicht länger ertragen hast, daneben zu stehen und zuzusehen, wie dein Vater unschuldige Menschen wegen Zauberei hinrichten lässt, aber er hasst Uther abgrundtief und er glaubt nicht, dass du es ernst meinst."

Arthur hat so etwas in der Art schon vermutet und er versucht, sich nichts anmerken zu lassen, bevor er Merlins Hand wieder loslässt. Dann geht einen Schritt an ihm vorbei und wendet sich an Balinor, der am Fenster steht und Arthur und Merlin abschätzend beobachtet. Die in Gedanken geführte Unterhaltung hat nur ein paar Augenblicke gedauert, aber Arthur vermutet, dass Balinor es trotzdem bemerkt hat.

„Balinor, Willkommen in Camelot", sagt Arthur mit einem höflichen Kopfnicken.

„Pendragon", erwidert Balinor und es klingt eher nach einem Fluch, als nach einer Begrüßung.

Arthur schenkt Balinors Tonfall jedoch keine Beachtung. Auch das hat er erwartet. „Ihr müsst hungrig sein nach der langen Reise", sagt Arthur stattdessen. „Merlin, warum bittest du nicht einen der Diener, uns etwas zu Essen aus der Küche zu holen."

Arthur mustert Balinor noch einen Moment lang, bevor er einen Blick zu Merlin wirft, als dieser nicht antwortet. Der Ausdruck auf Merlins Gesicht ist nachdenklich und es ist nicht schwer für Arthur zu erraten, dass es Merlin widerstrebt, ihn mit Balinor alleine zu lassen. Balinor hat Merlin allerdings soweit vertraut, dass er ihm mitten ins Herz von Camelot gefolgt ist und nun ist es an Arthur und Merlin zu beweisen, dass sie bereit sind, Balinor ebenfalls zu vertrauen. Außerdem hat Merlin mehr als einen Schutzzauber über Arthur gelegt, die ihn vor einem magischen Angriff schützen würden und Merlin scheint einen Moment später ebenfalls zu diesem Schluss zu kommen.

„Ich bin gleich wieder da", sagt er schließlich mit einem gezwungenen Lächeln. Dann verlässt er das Zimmer und die Tür fällt einen Moment darauf hinter ihm wieder ins Schloss.

Arthur wendet sich wieder an Balinor, der nach wie vor am Fenster steht und das Knistern des Feuers ist das einzige Geräusch im Zimmer, während sie sich gegenseitig mustern.

„Mein Sohn hat mir gesagt, dass er mehr für Euch ist, als nur ein Diener", sagt Balinor nach einigen langen Augenblicken. „Ich habe ihm nicht geglaubt."

Arthur schmunzelt leise. Wie es aussieht, hat er recht gehabt und Balinor hat die Unterhaltung zwischen Merlin und ihm bemerkt.

„Merlin ist alles für mich", antwortet Arthur ohne Vorbehalte. „Er ist die andere Hälfte meiner Seele und ich liebe ihn von ganzem Herzen."

Balinor brummt als Antwort nur und Arthur kann nicht sagen, ob er das Ganze immer noch für eine Scharade hält, oder ob er mittlerweile erkannt hat, dass Arthurs Gefühle für Merlin echt sind.

„Danke, dass Ihr nach Camelot gekommen seid", sagt Arthur als Nächstes.

Balinor gibt daraufhin ein Schnauben von sich. „Merlin kann sehr überzeugend sein."

„Das kann er tatsächlich", erwidert Arthur und er versucht nicht, sich ein Grinsen zu verkneifen. „Also, werdet Ihr uns helfen den Großen Drachen davon abzuhalten Camelot niederzubrennen, wenn wir ihn freilassen?"

„Das kommt darauf an", sagt Balinor schroff.

Arthur hebt fragend die Augenbrauen und Balinor mustert ihn mit unbeweglicher Mine. „Warum?", fragt er schließlich.

Arthur hält Balinors Blick stand. „Weil es das Richtige ist", antwortet er. „Ich will Camelot in eine goldene Zukunft führen, in der Magie wieder frei ist und die Menschen in Frieden und Freiheit leben können. Aber bevor ich das tun kann, muss ich das Unrecht, das mein Vater verursacht hat, wiedergutmachen, oder zumindest alles tun, was ich kann, um zu versuchen, es wieder gut zu machen."

„Das ist ein sehr kühner Traum und ein sehr ehrgeiziges Ziel, das Ihr Euch da gesteckt habt", sagt Balinor spöttisch, aber Arthur lässt sich nicht beirren.

„Das ist es", antwortet er mit ernster Stimme. „Aber es ist mein Schicksal und wenn ich es muss, dann werde ich mein Leben dafür geben, dass diese Zukunft Wirklichkeit wird."

Arthur begegnet Balinors Blick voller Entschlossenheit und Balinors Augen verengen sich für einen Moment.

„All diese Worte sind bedeutungslos, wenn Ihr ihnen keine Taten folgen lasst", versetzt Balinor, aber wenn er geglaubt hat, Arthur damit provozieren zu können, so hat er sich geirrt.

„Das werde ich", antwortet Arthur mit einem bedeutungsvollen Nicken. „Aber Ihr müsst mir mehr Zeit geben. Veränderungen dieses Ausmaßes können nicht über Nacht geschehen."

Balinor mustert Arthur erneut einen Moment lang und schließlich tritt ein seltsamer Ausdruck in seine Augen. „Ihr seid sehr weise für Eure jungen Jahre", sagt er, ohne Arthur aus den Augen zu lassen. „Genauso wie mein Sohn sehr mächtig ist für sein junges Alter."

Arthur überlegt, ob er versuchen soll, es abzustreiten, aber Balinor vermutet bereits, dass sie etwas vor ihm verheimlichen und er will ihn nicht gegen sich aufbringen, indem er versucht ihn für dumm zu verkaufen. Bevor Arthur jedoch etwas erwidern kann, geht die Tür hinter ihm wieder auf.

Als Arthur sich umdreht, sieht er Merlin, der das Zimmer betritt. Er hat einen Krug in der Hand und er scheint die Spannung im Raum augenblicklich zu spüren, denn er bleibt hinter der Tür stehen, nachdem er sie geschlossen hat, und sieht zwischen Arthur und seinem Vater hin und her.

„Gwen wird uns etwas aus der Küche bringen. Ich habe in der Zwischenzeit bereits einen Krug Wein mitgebracht." Er hebt den Krug an, während er Arthur mustert.

Ist alles in Ordnung?", fragt er Arthur in Gedanken undArthur nickt zur Antwort kaum merklich.

„Warum setzen wir uns nicht, während wir warten", schlägt Arthur vor und geht zu dem runden Tisch in der Mitte des Raumes, wo er sich auf einen der vier Stühle setzt.

Balinor kommt ebenfalls zum Tisch hinüber und setzt sich, sein Blick nach wie vor auf Arthur gerichtet.

Merlin bringt den Krug zum Tisch und füllt drei Becher mit Wein, während er seinen Vater und Arthur mit zusammengezogenen Augenbrauen mustert. „Seid ihr zu einer Einigung gekommen?", fragt Merlin schließlich unscheinbar, nachdem er sich ebenfalls an den Tisch gesetzt hat.

Arthur überlässt es Balinor zu antworten und der Drachenmeister mustert ihn noch für einen langen Augenblick.

„Das sind wir", sagt Balinor schließlich und wendet seinen Blick von Arthur ab, um Merlin anzusehen. „Ich werde Kilgharrah davon abhalten Camelot anzugreifen, nachdem ihr ihn von seinen Ketten befreit habt. Und dann werde ich darauf warten, dass Magie wieder nach Camelot zurückkommt."

Arthur nickt dankbar. „Ich werde mein Wort halten, Balinor. Das verspreche ich Euch." Dann greift Arthur nach seinem Becher und hebt ihn an. „Auf eine neue Ära."

Merlin folgt Arthurs Beispiel. „Auf eine neue Ära."

Balinor sieht zuerst seinen Sohn und dann Arthur für einen Moment lang an, bevor er ebenfalls seinen Becher hebt. „Auf eine neue Ära."

Es ist kurz nach Mitternacht, als sich Arthur, Merlin und Balinor auf den Weg hinunter zur Höhle des Drachen machen. In den Gängen des Schlosses ist niemand mehr unterwegs und die dicken Wolken am Himmel sorgen dafür, dass kein Licht von draußen durch die Fenster fällt.

Wenig später folgt Arthur Merlin im Schein einer Fackel die steinernen Stufen hinunter, die sie immer tiefer unter das Schloss führen. Balinor bewegt sich unmittelbar hinter ihm und das einzige Geräusch sind ihre Schritte, die in dem engen Gang widerhallen. Als Merlin am Fuß der Treppe ankommt, tritt er auf einen kleinen Vorsprung hinaus, der ein Stück in eine gewaltige, unterirdische Höhle hineinragt. Er hebt eine Hand und ohne dass sich die Flamme der Fackel in seiner Hand verändert, wirft das Feuer mit einem Mal ein viel weiteres Licht, als es noch vor einem Moment der Fall gewesen ist.

Arthur ist noch nie hier unten gewesen und die Ausmaße der Höhle versetzen ihn in Staunen. Im schwachen Schein der Fackel sieht er im nächsten Moment den Drachen, der ein Stück vor ihnen zusammengerollt auf einem großen Felsen liegt und schläft. Seine Schuppen schimmern im Schein des Feuers in einer goldenen Farbe und Arthur ballt bei dem Anblick unwillkürlich die Fäuste. Das letzte Mal, als er das riesige Geschöpf gesehen hat, hat es die halbe Stadt niedergebrannt und anschließend ein Dutzend seiner besten Ritter mit einem einzigen Flammenstoß getötet.

Die Augenlider des Drachen flattern, als er die Gegenwart seiner Besucher zu spüren scheint, und einen Moment darauf öffnet Kilgharrah die Augen und hebt den Kopf. Er richtet sich ein Stück auf, die Flügel eng an den Körper geschmiegt und sieht sie dann mit einem erstaunten Ausdruck in seinen großen, gelben Augen an.

„Sieh an, sieh an, wenn das keine Überraschung ist. Ich habe nicht damit gerechnet, den Tag zu erleben, an dem ein Pendragon erneut einen Fuß in diese Höhle setzt."

„Ich bin hier, um mein Wort zu halten und dich von deinen Ketten zu befreien", sagt Merlin, der vor Arthur und Balinor am Rand des Vorsprungs steht. „Ich habe dir versprochen, dass Arthur und ich dich freilassen werden, sobald wir uns sicher sein können, dass du nicht versuchen wirst, dich an Camelot und seinen Einwohnern zu rächen, für das, was Uther dir und deiner Art angetan hat."

Der Drache blinzelt und bemerkt schließlich Balinor. „Also ist es tatsächlich wahr. Du bist Uther am Ende entkommen", sagt Kilgharrah und streckt seinen großen Kopf nach vorne. „Und hier sind wir nun. Der letzte der Drachenmeister und der letzte Drache, vereint. Nach all den Jahren."

Balinor tritt nach vorne und seine Stimme ist rau, als er dem Drachen antwortet. „Kilgharrah, mein alter Freund. Es ist kein Tag vergangen, an dem ich nicht bedauert habe, welche Rolle ich in Uthers Betrug gespielt habe. Du musstest all die Jahre den Preis dafür zahlen. Kannst du mir jemals vergeben?" Balinors Stimme bricht ab und Kilgharrah brummt leise, bevor er sachte den Kopf schüttelt.

„Du brauchst meine Vergebung nicht, Drachenmeister. Wir haben beide den Preis für unsere Leichtgläubigkeit bezahlt. Du warst genauso eingesperrt wie ich, nur dass deine Ketten nicht so greifbar waren, wie meine."

Balinor und Kilgharrah sehen sich einen langen Moment an, bis Balinors Blick zu der dicken Kette wandert, die von Kilgharrahs Hinterfuß aus über den Felsen hinunter in die Tiefe führt. Dann dreht er den Kopf zu Merlin.

„Wie zerstören wir die Ketten?", fragt er und zeigt auf die dicken Kettenglieder.

„Diese Ketten wurden mit Magie geschmiedet", erklärt der Drache. „Ihr werdet mächtige Magie benötigen, um mich zu befreien."

Kilgharrahs Blick ruht auf Merlin und Merlin wiederum sieht zu Arthur, der neben ihm steht. Arthur zieht Excalibur aus der Scheide an seinem Gürtel, so wie sie es besprochen haben und Merlin nimmt es entgegen, bevor er es in die Höhe hält.

„Das ist Excalibur, das prachtvollste Schwert, das je geschmiedet wurde", erklärt Merlin. „Wenn du es in deinem Atem badest, wird es mächtig genug sein, um deine Ketten zu zerschlagen."

Arthur mustert den Drachen und er hofft, dass ihr Plan aufgehen wird. Merlin hat gesagt, dass er die Ketten in der anderen Zeit ohne das Schwert zerschlagen hat, aber sie brauchen Excalibur und das ist der einzige Weg, um Kilgharrah dazu zu bringen, es in seinem Atem zu baden.

Kilgharrah nimmt sich einen Moment Zeit, dann legt er nachdenklich den Kopf schief. „Eine Waffe, die mit meiner Hilfe veredelt wird, würde in der Tat große Macht besitzen."

„Ich weiß", antwortet Merlin mit einem Nicken.

„Mmh", brummt der Drache schließlich. „Ich denke, das weißt du tatsächlich."

Arthur weiß, dass Merlin dem Drachen erzählt hat, dass sie all die Jahre, die noch vor ihnen liegen, bereits einmal durchlebt haben und zweifellos spielt Kilgharrah genau darauf an.

„Dann weißt du auch, was ich als Gegenleistung dafür verlange", fährt er fort. „Ich werde dieses Schwert nur für den Einstigen und Künftigen König schmieden."

Merlin nickt bedeutungsvoll. „Ich verspreche dir, dass dieses Schwert nur von Arthur und von ihm allein im Kampf geführt wird. Wenn es nicht länger gebraucht wird, werde ich es an einen Platz bringen, an dem kein Sterblicher es je finden kann."

„So sei es", antwortet der Drache mit einem Nicken und richtet sich dann auf seine Hinterbeine auf.

Merlin nimmt das Schwert am Griff und wirft es hoch. Es stoppt kurz vor Kilgharrah und schwebt in der Luft mit dem Knauf nach oben.

Merlin bedeutet Balinor und Arthur zurückzutreten und Kilgharrah holt tief Luft, bevor er sein großes Maul einen Spalt breit öffnet. Ein dünner Flammenstoß badet das Schwert in einem bläulich Licht und kleine goldene Funken glitzern in der schimmernden Luft. Als die Flamme versiegt und Kilgharrah sein Maul wieder schließt, leuchtet das Schwert noch für einen Moment golden auf und in der Mitte der Klinge bilden sich glühende Buchstaben, die schließlich abkühlen und als goldene Inschrift zurückbleiben.

Merlin tritt wieder nach vorne und streckt seine Hand aus, um das Schwert zu sich zu rufen. Er hält es vor sich und betrachtet es einen Moment lang, bevor er sich umdreht und seinem Vater zunickt.

Balinor mustert seinen Sohn noch für einen Augenblick, dann tritt er neben ihn. „Kilgharrah, mein Bruder, ich befehle dir, keine Rache zu üben für das, was Uther Pendragon dir und deiner Art angetan hat. Du wirst weder den Pendragons noch Camelot Schaden zufügen."

Kilgharrah schließt die Augen, als ob diese Worte schwer auf ihm lasten und er neigt den Kopf zu einer tiefen Verbeugung. Nachdem der Drache die Augen wieder geöffnet hat, sieht er erwartungsvoll zu Merlin.

„Wenn du dich bitte umdrehen würdest?", weist Merlin ihn an und Kilgharrah dreht sich unter dem Klimpern den schweren Kettengliedern auf dem Felsen herum.

Merlin streckt eine Hand vor sich aus und golden leuchtende Platten aus Magie erscheinen in der Luft vor ihm und bilden einen Weg über den Abgrund. Er geht darüber, bis er auf dem Felsen angekommen ist und stellt sich neben die Kette. Mit beiden Händen umschließt er Excaliburs Griff, bevor er es über seinen Kopf hebt. Seine Augen leuchten golden auf und die Inschrift des Schwertes ebenfalls, bevor er es mit einem Schlag auf eines der Kettenglieder hinab sausen lässt. Als die Klinge auf das Metall trifft, sprühen goldene Funken in alle Richtung davon und das Kettenglied zerspringt. Dann hebt Merlin eine Hand und seine Augen leuchten erneut golden auf, als sich die Fessel um Kilgharrahs Fuß öffnet und dann mit einem lauten, klimpernden Geräusch nach unten in die Tiefe fällt.

Kilgharrah streckt den Kopf nach oben, als die Fessel von ihm abfällt und er lässt ein Brüllen hören, das an den Wänden der Höhle widerhallt, während er die Flügel ausbreitet. Merlin sieht mit einem breiten Lächeln auf den Lippen zu ihm nach oben, bevor er über die golden schimmernden Platten wieder zurück zu Arthur und Balinor geht.

Der Drache legt seine Flügel wieder an den Körper und blickt dann auf Merlin hinunter. „Ich habe zwanzig Jahre auf diesen Tag gewartet. Ich danke dir, Emrys." Er neigt den Kopf zu einer Verbeugung. „Ich werde den Rest meines Lebens in dem Wissen verbringen, dass Magie in dieses Land zurückkehren wird, auch wenn die Drachen es nicht können."

„Doch, das können sie", sagt Arthur und richtet damit zum ersten Mal das Wort an den Drachen. „Du bist nicht der Letzte deiner Art, Kilgharrah. Vor Hunderten von Jahren wurde ein Drachenei versteckt und wir wissen, wo es ist. Ich verspreche dir, dass wir es finden und den Drachen darin aus seinem Ei rufen werden, damit auch die Drachen nach Albion zurückkehren können."

Kilgharrah starrt Arthur mit vor Überraschung geweiteten Augen an und als Merlin zustimmend nickt, tritt ein Ausdruck tiefer Freude auf seine Züge.

„Ich danke Euch, junger König", antwortet Kilgharrah und neigt den Kopf. „Ihr habt mir Hoffnung gegeben, wo keine mehr war. Wir werden uns wiedersehen, wenn die Zeit gekommen ist, um den Drachen aus seinem Ei zu rufen, und bis dahin wünsche ich euch alles Gute."

Dann nickt er Merlin noch einmal zu, lässt seinen Blick kurz auf Balinor ruhen und spannt anschließend seine riesigen Flügel, bevor er mit einem Satz in die Luft springt und mit mehreren Flügelschlägen davonfliegt. Arthur vermutet, dass sich der Ausgang der Höhle irgendwo weiter unten befindet, aber er kann ihn vor hier aus nicht sehen.

Merlin sieht dem Drachen noch einen Moment lang hinterher, bis Kilgharrah schließlich in der Dunkelheit verschwindet. Dann dreht er sich zu Arthur um und überreicht ihm Excalibur. Arthur betrachtet es einen Moment lang und fährt mit den Fingern seiner linken Hand kurz über die goldene Inschrift, die sich nun auf dem Schwert befindet, bevor er es zurück in die Scheide an seinem Gürtel steckt. Als Arthur wieder aufsieht, bemerkt er, dass Balinor ihn und Merlin mit einem grimmigen Blick ins Auge gefasst hat.

„Ihr wisst von einem Drachenei?", fragt der Drachenmeister mit einem skeptischen Ton in seiner Stimme. Für ihn ist es zweifellos ein weiteres Geheimnis, das Merlin bisher vor ihm geheim gehalten hat und Balinor versucht nicht zu verbergen, dass ihn dieser Umstand beunruhigt.

„Das tun wir," bestätigt Merlin mit einem Nicken.

Balinor mustert seinen Sohn mit einem kalten Blick. „Wo ist es?"

„Im Grab von Ashkanar", antwortet Merlin „Das Grab kann nur mit einer runenverzierten Triskele geöffnet werden. Sie wurde in drei Teile zerschlagen, um das Ei zu beschützen", erklärt er weiter. „Ein Teil ist hier in der Schatzkammer von Camelot. Die anderen Teile wurden von den Druiden verwahrt, aber eines davon wurde ihnen vor Jahren gestohlen. Sobald Magie wieder frei ist, werden wir die Druiden nach ihrem Teil der Triskele fragen und uns auf die Suche nach dem verbliebenen Teil machen. Anschließend werden wir deine Hilfe brauchen, um den Drachen aus seinem Ei zu rufen."

Balinor starrt Merlin einen Moment lang unverwandt an, dann schnaubt er abfällig und verschränkt die Arme vor der Brust. „Ich werde nichts dergleichen tun, bis du mir sagst, woher du all das weißt und warum du in der Lage bist, in deinem Alter Magie zu wirken, die außerhalb jeglicher Vorstellungskraft liegt. Kilgharrah weiß Bescheid; das war nicht zu übersehen. Entweder ihr sagt mir, was hier vor sich geht, oder ihr könnt meine Hilfe vergessen."

Balinors Ton macht deutlich, dass es ihm ernst ist, auch wenn Arthur sieht, dass es ihn einiges an Überwindung kostet, ihnen diese Bedingung zu diktieren, und damit möglicherweise das Schicksal der Drachen zu besiegeln.

Merlins Blick ruht einen Augenblick lang auf seinem Vater, bevor er Arthur ansieht. „Es ist deine Entscheidung", sagt er in Gedanken, aber Arthur spürt, dass Merlin nichts lieber möchte, als seinem Vater die Wahrheit zu sagen.

Arthur zögert noch einen Moment lang, aber sie sind auf Balinors Hilfe angewiesen, wenn sie den Drachen aus seinem Ei holen wollen. Außerdem ist Balinor ein mächtiger Zauberer, aber viel wichtiger ist, dass er Merlins Vater ist. Schließlich nickt Arthur und gibt Merlin die Erlaubnis, auf die er gewartet hat.

„In Ordnung", beginnt Merlin daraufhin nachdenklich. „Ähm, als Kilgharrah gesagt hat, dass ich wüsste, welche Macht ein Schwert haben würde, das im Atem eines Drachen geschmiedet wurde, hat er recht gehabt. Das alles ist schon einmal passiert. Nicht genau das natürlich, wir haben bereits angefangen Dinge zu verändern …"

„Merlin", unterbricht ihn Arthur. „Sag es einfach."

Merlin verzieht das Gesicht, bevor er tief Luft holt. „Wir sind aus der Zukunft", sagt er und sieht dann abwartend zu seinem Vater.

Balinor blinzelt ein paar Mal, bevor er Merlin mit zusammengezogenen Augenbrauen anstarrt. Er sagt jedoch nichts und schließlich redet Merlin weiter.

„Wir haben dieses Leben schon einmal gelebt. Nicht alles davon, nur die nächsten fünfzehn Jahre, aber in all der Zeit haben wir es nicht geschafft die Prophezeiung zu erfüllen. Tatsächlich hat alles kein gutes Ende genommen, da wir zu viele Fehler gemacht haben. Arthur hat erst von meiner Magie erfahren, als er dabei war eine große Schlacht zu verlieren und ich die gegnerische Seite zurückgeschlagen und seinen größten Feind getötet habe. Daraufhin hat er mich aus Camelot verbannt und es hat eine lange Zeit gedauert, bis wir wieder miteinander geredet haben. Erst dann haben wir eingesehen, dass alles nur deswegen schiefgegangen ist, weil wir nicht erkannt haben, dass wir zwei Seiten derselben Münze sind, genau wie es die Prophezeiung gesagt hat und dass wir einander brauchen. Trotz allem, was geschehen war, haben wir uns geschworen, dass wir versuchen würden, die Dinge doch noch zum Guten zu wenden und die Prophezeiung zu erfüllen. Nachdem wir allerdings an diesem Abend nebeneinander eingeschlafen sind, sind wir am nächsten Morgen hier in Camelot wieder aufgewacht, fünf Tage nachdem ich das Schloss zum ersten Mal betreten hatte, mit all unsere Erinnerungen an die Ereignisse der letzten fünfzehn Jahre."

„Wir haben aus unseren Fehler gelernt und wir werden die Prophezeiung erfüllen und Albion Frieden bringen", fügt Arthur hinzu, während er Balinor mustert.

Balinor hat immer noch seine Arme vor der Brust verschränkt und Arthur kann nicht sagen, ob er ihnen glaubt oder nicht. Schließlich hebt der Drachenmeister seine buschigen Augenbrauen. „Ihr seid in der Zeit zurückgereist", sagt er betont langsam.

Arthur nickt. „Ja."

Balinor sieht ihn mit ausdrucksloser Mine an. „Wie?"

„Die Prophezeiung spricht von dem einstigen und künftigen König. Es war von Anfang an vorherbestimmt, dass wir den Weg, den wir bereits gegangen sind, noch einmal gehen, und dass Arthur erneut König wird, so wie er es bereits gewesen ist. Die Magie hat uns zurück an den Anfang geschickt, nachdem wir dazu bereit waren, unsere Reise fortzusetzen und die Prophezeiung zu erfüllen", antwortet Merlin.

Balinors Augen weiten sich kaum merklich und er mustert Merlin und Arthur einen Moment lang schweigend. Dann schüttelt er den Kopf und gibt er ein Brummen von sich das für Merlin wie ‚verdammte Prophezeiungen' klingt, bevor Balinor Merlin wieder ansieht.

„Das heißt, ihr wisst alles, was passieren wird?"

„Nicht mehr", sagt Merlin mit einem Schulterzucken. „Wir haben bereits Dinge verändert und einige Ereignisse könnten nun ganz anders eintreten."

Balinor legt den Kopf schief und sieht Merlin spöttisch an. „Lass mich raten, das letzte Mal, als du Kilgharrah befreit hast, war ich nicht hier und er hat Camelot dem Erdboden gleichgemacht."

„So ähnlich", antwortet Merlin mit belegter Stimme. „Wir haben uns nach dem ersten Angriff auf die Suche nach dir gemacht, nachdem Gaius mir von die erzählt hatte und du hast dich bereit erklärt, uns zu helfen, aber du wurdest von Banditen getötet, bevor wir Camelot erreichen konnten. Ich habe Kilgharrah befohlen, Camelot nicht weiter anzugreifen, nachdem ich herausgefunden habe, wie ich meine Fähigkeiten als Drachenmeister einsetzen kann."

Balinor zieht die Augenbrauen zusammen, als ihm klar wird, was das bedeutet. „Dann hast du mich kaum gekannt."

„Nein", antwortet Merlin leise. „Wir hatten nur einen Tag zusammen, bevor du gestorben bist."

Balinor betrachtet Merlin mit einem unergründlichen Ausdruck auf dem Gesicht, bis Arthur schließlich das Wort an ihn richtet.

„Wir sollten zurück nach oben gehen. Ihr seid bestimmt müde nach der langen Reise, Balinor und Eure Arbeit hier ist getan. Ich danke Euch für Eure Hilfe."

Arthur streckt Balinor seine Hand entgegen und Balinor betrachtet ihn einen Moment lang, bevor er schließlich nickt und Arthurs Hand ergreift.

Arthur wacht mitten in der Nacht auf, als sich die Matratze des Bettes neben ihm senkt. Einen Moment darauf krabbelt Merlin unter die Decke und schmiegt sich an seinen Rücken. Arthur weiß nicht, wie lange Merlin noch mit seinem Vater geredet hat, nachdem er gegangen ist, aber zumindest es ist immer noch dunkel draußen.

„Ich bin's nur. Schlaf weiter", flüstert Merlin sanft.

Arthur schnaubt, ohne sich zu bewegen. „Natürlich bist du es. Wer sollte es denn sonst sein?"

„Na ja, man kann nie wissen", meint Merlin scherzhaft. „Du bist der König, ich wette, du müsstest nie alleine schlafen, wenn du es nicht willst."

Arthur brummt, während er sich in der Dunkelheit enger an Merlin schmiegt. „Ich will nur mit einem ganz bestimmten und sehr mächtigen Zauberer schlafen, der absolut lächerliche Ohren und eine sehr beunruhigende Vorliebe für Halstücher hat."

Merlin lacht leise und zieht Arthur fester an sich.

„Ist dein Vater zu Bett gegangen?", fragt Arthur leise und spürt, wie Merlin hinter ihm nickt.

„Ja. Er will morgen Früh nach Ealdor aufbrechen. Aber er hat versprochen zurückzukommen, nachdem du das Gesetz geändert hast."

„Das könnte noch eine Zeit lang dauern", gibt Arthur zu bedenken.

„Ich weiß", entgegnet Merlin mit einem Seufzen. „Aber so wird er wenigstens noch in Ealdor sein, wenn Kanen und seine Männer das Dorf angreifen."

„Glaubst du, dass er alleine mit ihnen fertig werden kann?"

„Ja, das kann er", antwortet Merlin zuversichtlich. „Ich habe ihm bereits von dem Angriff erzählt und vermutlich wird er Kilgharrah bitten, ihm zu helfen."

Arthur entfährt ein amüsiertes Schnauben. „Vielleicht sollten wir auch hin reiten. Ich würde zu gerne Kanens Gesicht sehen, wenn er einem wahrhaftigen Drachen gegenübersteht."

Merlin gluckst leise, bevor er Arthur einen Kuss auf die Haare gibt. Arthur gibt ein zufriedenes Brummen von sich und einen Moment darauf ist er bereits wieder eingeschlafen.


A/N: Ich habe keine Ahnung, wie Uther es geschafft hat, Kilgharrah unter dem Schloss anzuketten. Die einzige Erklärung ist, dass ihm irgendein Zauberer geholfen hat die Ketten mit Magie zu verschließen, sonst hätte Kilgharrah sie einfach zerreißen können. Eigentlich hätte es nicht möglich sein dürfen, dass es Uther überhaupt gelingt, den Drachen dort einzusperren.