VIII. Lancelot

Arthur hat sich gerade sein Hemd über den Kopf gezogen, als es an der Tür klopft. Er zieht überrascht die Augenbrauen zusammen, bevor er hinter dem Wandschirm hervortritt und nach seinem dunkelbraunen Ledermantel greift. Merlin kann es nicht sein, denn er ist erst kurz zuvor gegangen, um für Gaius Kräuter sammeln zu gehen. Neben seinen Pflichten als Arthurs Diener ist Merlin immerhin immer noch Gaius' Lehrling. Außerdem hält Merlin sich nicht damit auf zu klopfen.

„Herein", sagt Arthur laut und zieht sich seinen Ledermantel an, bevor er in den vorderen Teil seiner Räume geht.

Die Tür öffnet sich und Lady Evaine betritt das Zimmer. [3] Sie ist die Frau von Sir Bors und Morgana hat sie erst kürzlich zur Haushofmeisterin vom Camelot ernannt. Eine gute Wahl, wie Arthur findet. In ihrem herzförmigen Gesicht, das von ihren langen dunkelbraunen Haaren eingerahmt wird, liegt stets ein Ausdruck von Besonnenheit. Sie ist schon an Camelots Hof, so lange Arthur sich erinnern kann und obwohl sie sich nie in den Vordergrund drängt, kann Arthur sich an mehrere Gelegenheiten erinnern, bei denen sie die Stimme der Vernunft gewesen ist. Uther hat stets auf sie gehört, weil sie damals eine gute Freundin von Ygraine gewesen ist. Arthur erinnert sich noch daran, wie er sie als kleiner Junge nach Ygraine gefragt hat, und sie hat ihm erzählt, dass seine Mutter eine freundliche und sanftmütige Frau gewesen ist. Ansonsten hatte sie jedoch Uthers Wunsch immer respektiert und mit Arthur nicht über seine Mutter gesprochen. Arthur hat deshalb nie eine besonders enge Beziehung zu ihr entwickelt, aber Morgana und Lady Evaine stehen sich sehr nahe. Das war auch in der anderen Zeit schon so gewesen, doch dort ist Lady Evaine bei dem Angriff des Drachen auf Camelot getötet worden.

Als Lady Evaine die Tür hinter sich schließt und sich vor Arthur verbeugt, sieht er den besorgten Ausdruck in ihren grünen Augen und warum auch immer sie hier ist, sie bringt keine guten Neuigkeiten.

„Sire, Ihr werdet in der Ratshalle gebrauchte. Sir Bedivere ist gerade eingetroffen und er hat berichtet, dass ein riesiges geflügeltes Monster mit dem Kopf eines Adlers heute früh Greenswood angegriffen hat."

Arthur beißt die Zähne zusammen, um keinen Fluch auszustoßen. Merlin und er haben den Angriff seit Tagen erwartet. Arthur erinnert sich noch gut daran, wie Lancelot während der ersten Auswahlkämpfe der Ritter in diesem Jahr nach Camelot gekommen ist. Diese Auswahlkämpfe finden gerade statt und Arthur hat deshalb bereits vor einigen Tagen eine Patrouille in die Umgebung von Greenswood geschickt. Den Rittern hat er erzählt, dass es Berichte von Banditen gäbe, die in der Nähe ihr Unwesen treiben würden und auch wenn niemand sonst etwas von diesen Berichten gehört hat, stellt niemand Arthurs Befehle infrage. Das ist einer der Vorteile, wenn man der König ist. Arthur und Merlin haben zwar nicht gewusst, ob alles wieder genauso passieren würde, wie beim letzten Mal, aber wenn doch, dann hatten sie vorbereitet sein wollen und Arthur hofft, dass sich diese Vorsicht ausgezahlt hat und dass es bei seinem Angriff auf Greenswood dieses Mal weniger Todesopfer gegeben hat.

„Dann sollten wir keine Zeit verlieren", sagt Arthur an Lady Evaine gewandt und sie öffnet die Tür, um Arthur vorangehen zu lassen.

Auf dem Weg den Korridor hinunter schweifen Arthurs Gedanken zu dem Greif und zu Lancelot und zu den morgigen Auswahlkämpfen und es kommt ihm wie eine Ewigkeit vor, dass er Lancelot in der anderen Zeit während des Auswahlkampfes auf dem Trainingsfeld gegenübergestanden hat. Er hat über die Jahre hinweg gegen viele Männer gekämpft, die geglaubt haben, das Zeug dazu zu haben, ein Ritter Camelots zu werden, aber von allen, die es geschafft haben, ist Lancelot immer etwas Besonderes gewesen.

Auch Lady Evaines und Sir Bors Sohn, Bors der Jüngere, würde morgen gegen Arthur kämpfen und dieses Mal wird der junge Bors die Gelegenheit bekommen Camelot für viele Jahre als Ritter zu dienen, genauso wie sein Vater. Das letzte Mal waren sie beide in den Flammen des Drachen umgekommen, als sie versucht hatten, Camelot zu verteidigen. [4]

„Ist Bors schon nervös?", fragt Arthur und schiebt die schmerzlichen Gedanken an die Vergangenheit bei Seite.

Lady Evaine lächelt schmal und nickt. „Er ist unglaublich nervös, Sire. Er wünscht sich nichts sehnlicher als ein Ritter von Camelot zu werden und seinen Vater stolz zu machen."

Arthur erinnert sich noch daran, dass Bors damals dabei gewesen ist, als Merlin Arthur an seinem zweiten Tag in Camelot beleidigt hat, auch wenn er sich wie meistens bei derlei Scherzen im Hintergrund gehalten hatte. Zwar war Bors im Gegensatz zu den meisten anderen, die bei Arthur gestanden hatten, noch kein Ritter gewesen, aber Arthur und Bors waren seit Kindertagen gute Freunde. Der dunkelhaarige junge Mann war im Moment noch der Knappe von Sir Ector, und das bereits seit er zwölf Sommer alt geworden ist und bei einem der Ritter in die Lehre gehen konnte. Wie es der Brauch in Camelot will, hat Bors sich nicht seinen Vater, sondern einen der anderen Ritter ausgesucht, um von ihm die ritterlichen Tugenden und den Umgang mit dem Schwert zu erlernen. Und Ector ist diesbezüglich eine exzellente Wahl gewesen. In diesem Jahr wird Bors der Jüngere nun einundzwanzig Jahre alt und gemäß dem Kodex der Ritter muss er nun seinen Auswahlkampf bestehen, um ein Ritter von Camelot werden zu können. [5]

Arthur selbst ist als Sohn des Königs immer eine Ausnahme gewesen. Er ist bereits mit sechzehn zum Ritter geschlagen worden, nachdem er seinen Auswahlkampf gegen seinen Vater den König und nicht gegen Sir Leon als ersten Ritter bestritten hat. Zwei Jahre später wurde Arthur bereits selbst zum ersten Ritter ernannt und von diesem Tag an, ist es seine Aufgabe gewesen, die Ritter zu trainieren. Und nur wer gegen ihn im Zweikampf bestehen kann und nach Ablauf der Sanduhr noch mit seinem Schwert in der Hand auf seinen Füßen steht, darf Camelot als Ritter dienen. Daran hat Arthur auch nichts geändert, nachdem er König geworden ist. Es ist nach wie vor seine Entscheidung, ob ein Mann das Zeug dazu hat, ein Ritter zu werden, und es ist noch nie jemandem gelungen, den Kampf auf seinen Beinen stehend zu beenden, wenn Arthur denjenigen nicht als Ritter sehen wollte.

Wer nicht bereits als Knappe im Schloss sein Training beginnt, kann frühestens in dem Jahr, in dem er einundzwanzig wird, ins Schloss kommen und sich zum Training melden. Von da an hat man drei Monate Zeit, um sein Können unter Beweis zu stellen, und muss sich anschließend zusammen mit den Knappen Arthur im Zweikampf stellen. Diese Auswahlkämpfe finden nur zwei Mal im Jahr statt, einmal im Sommer und einmal im Herbst, und das immer zur selben Zeit, weshalb Arthur auch genau gewusst hat, wann er die zusätzlichen Ritter nach Greenswood schicken musste.

Neben Bors wird auch der Neffe von Lady Trudith, Lamorak morgen gegen Arthur kämpfen und Arthur hat bereits entschieden, dass auch Lamorak einen hervorragenden Ritter abgeben wird.

„Verratet es ihm nicht", sagt Arthur in verschwörerischem Ton zu Lady Evaine. „Aber Bors wird ein Ritter von Camelot werden, und das nicht nur deshalb, weil er mein Freund ist. Er ist ein ausgezeichneter Schwertkämpfer und ein vorbildlicher junger Mann. Sein Vater hat allen Grund stolz auf ihn sein."

Lady Evaine wirft Arthur ein verschmitztes Lächeln zu. „Ich danke Euch, Sire. Und ich verspreche meinem Sohn nichts zu verraten."

Als Arthur einige Zeit später aus der Ratshalle hinaus in den Korridor tritt, will er sich gerade auf den Weg hinauf zu Gaius' Räumen machen, um nachzusehen, ob Merlin noch im Schloss ist, als Merlin jedoch von der linken Seite des Korridors bereits auf ihn zu kommt. Erleichtert darüber, dass Merlin sich noch nicht auf den Weg gemacht hat, um an diesem Morgen Kräuter für Gaius zu sammeln, bedeutet Arthur Merlin mit einer Handbewegung ihm zu folgen. Dann wendet er sich nach rechts und geht den Gang entlang, bevor er am Ende des Korridors eine schwere Holztür öffnet. Dahinter liegt ein großzügiges Turmzimmer, das gelegentlich als kleiner Speisesaal genutzt wird. Die Wände sind zu allen Seiten mit Trophäen, Gemälden und Wandteppichen gesäumt und in der Mitte vor einem großen Kamin steht ein opulenter Tisch mit hohen Lehnstühlen.

Arthur wartet, bis Merlin das Zimmer betreten hat, bevor er die Tür hinter ihm schließt. „Ich wollte gerade nachsehen gehen, ob du noch da bist", sagt er. „Sir Bedivere hat soeben berichtet, dass der Greif heute früh Greenswood angegriffen hat."

Merlin scheint von dieser Neuigkeit jedoch nicht im Mindesten überrascht zu sein und nickt. „Ja, das weiß ich bereits, weil Gaius mir gerade gesagt hat, dass ich heute beim Kräutersammeln Pilze für das Abendessen mitbringen könnte." Er hält einen kleinen Weidenkorb, den er in der Hand hat, in die Höhe und sieht Arthur dabei bedeutungsvoll an.

Arthur schüttelt jedoch verwirrt den Kopf. „Was hat das eine denn mit dem anderen zu tun?"

Ein Grinsen breitet sich auf Merlins Gesicht aus. „Es war an einem Tag während der Auswahlkämpfe im Sommer, nachdem es tagelang ununterbrochen geregnet hatte, dass Gaius mir zum ersten Mal erklärt hat, dass es das ideale Wetter ist, um Pilze zu sammeln. Und an diesem Tag hat der Greif zuerst Greenswood und dann mich im Wald angegriffen und Lancelot hat mich gerettet."

Merlin sieht Arthur mit einem überschwänglichen Ausdruck an, aber Arthur kann Merlins Zuversicht noch nicht ganz teilen. Bis jetzt ist alles genauso passiert, wie in der anderen Zeit, mit dem einzigen Unterschied, dass Sir Bedivere und die vier Ritter, die Arthur in die Nähe von Greenswood geschickt hatte, den Greif zurückschlagen konnten, bevor dieses Mal jemand getötet worden ist. Es gibt jedoch keine Garantie dafür, dass Merlin auf Lancelot treffen wird, wenn er sich jetzt auf den Weg macht, um im Wald Kräuter und Pilze zu sammeln.

Arthur mustert Merlin nachdenklich. „Woher willst du wissen, dass Lancelot auch dieses Mal in der Nähe des Schlosses unterwegs ist?"

„Ich weiß es nicht", antwortet Merlin und zuckt mit den Schultern. „Aber ich hoffe, dass er da sein wird und mir wieder zur Hilfe kommt, wenn ich alles genauso mache wie beim letzten Mal."

Arthur sieht Merlin daraufhin ungläubig an. „Du willst also einfach durch den Wald laufen und hoffen, dass du im richtigen Moment am richtigen Platz bist, um dem Greif über den Weg zu laufen. Und dann willst du dich absichtlich angreifen lassen und darauf vertrauen, dass Lancelot an genau demselben Platz zu genau derselben Zeit auftaucht, um dich zu retten, bevor dir der Greif den Kopf abreißen kann?!"

Merlin verschränkt die Arme vor der Brust und sieht Arthur herausfordernd an. „Hast du eine bessere Idee? Wir wissen nicht, ob es genauso passieren wird, wie beim letzten Mal. Alles, was ich tun kann, ist es wieder genauso zu machen und zu hoffen, dass Lancelot da sein wird. Willst du Lancelot denn nicht zurück?"

„Natürlich will ich das", entgegnet Arthur gereizt. „Aber warum können wir uns nicht um den Greif kümmern und dann den Wald nach Lancelot absuchen und ihn mit nach Camelot nehmen, wenn wir ihn treffen?"

Merlin wirft Arthur einen spöttischen Blick zu. „Und er wird einfach mit uns kommen? Was willst du ihm sagen? Hallo Lancelot, was für ein Zufall, dich hier zu treffen, warum kommst du nicht mit uns nach Camelot um dir deinen Lebenstraum zu erfüllen und ein Ritter von Camelot zu werden, obwohl du kein Adliger bist? Und ich bin übrigens König Arthur und möchte, dass du mein Freund wirst?"

Arthur macht den Mund auf, um etwas zu erwidern, aber so etwas in der Art hat er im Sinn gehabt. Wenn er es jetzt jedoch aus Merlins Mund hört, muss er zugeben, dass es sich ziemlich dämlich anhört. Arthur schließt den Mund wieder, ohne etwas zu sagen, und er seufzt vernehmlich, als ihm klar wird, dass Merlins Plan ihr einziger Weg ist, um Lancelot abermals zu einem Ritter von Camelot zu machen.

„Du siehst das Problem?", fragt Merlin unnötigerweise und Arthur nickt zerknirscht.

„Ja, das tue ich", gibt er zu. „Wenn du dich von Lancelot retten lässt und ihn mit nach Camelot bringst, dann hat er einen Grund dir davon zu erzählen, dass er davon träumt ein Ritter zu werden und du kannst ihm sagen, dass ich ihn zu einem Ritter machen werde, auch wenn er kein Adliger ist", fasst Arthur zusammen. „Aber das alles funktioniert nur, wenn Lancelot tatsächlich auftaucht, um dich zu retten."

„Das wird er", sagt Merlin zuversichtlich.

Arthur atmet ein Mal tief durch und gibt sich dann geschlagen. Zwar teilt er Merlins Zuversicht immer noch nicht ganz und es gefällt ihm nicht, dass sich Merlin dem Greif auf dem Silbertablett serviert, aber ihnen scheint tatsächlich nichts anderes übrig zu bleiben.

„Na gut", sagt Arthur schließlich und versucht positiv zu denken. „Dann sehen wir uns später. Dieses Mal werde ich es allerdings übernehmen, einen Adligen zu finden, dessen Identität Lancelot annehmen kann. Ihn zum fünften Sohn von Lord Eldred von Northumbria zu machen, war keine schlechte Idee, obwohl du vergessen hast auch die Register umzuschreiben und Geoffrey dich deswegen erwischt hat, aber ich denke, dass mir noch etwas Besseres einfällt. Du kannst die Urkunden heute Abend mit Magie fälschen. Und dann reiten wir los, um den Greif zu töten, bevor er auf seinem Weg nach Camelot das nächste Dorf angreifen kann."

Merlin wiegt jedoch den Kopf hin und her und sieht Arthur nachdenklich an. „Vielleicht müssen wir den Greif gar nicht töten."

Als Arthur daraufhin verwirrt die Augenbrauen nach oben zieht, zuckt Merlin mit den Schultern. „Na ja, ich habe einige Nachforschungen angestellt, nachdem wir dem Greif das letzte Mal begegnet sind", erklärt er. „Die Greife waren ursprünglich die Wächter der Insel der Gesegneten und der Hohepriesterinnen der Dreifaltigen Göttin. Sie sind unerschrockene Kämpfer, aber auch sehr intelligente Kreaturen. Ein Greif würde nicht einfach so ein Dorf angreifen und aus einer Laune heraus Menschen töten."

Arthur ahnt, worauf Merlin hinauswill. „Du glaubst, ihm wurde befohlen, das zu tun?"

Merlin schüttelt jedoch den Kopf. „Ich glaube nicht, dass irgendjemand einem Greif so etwas befehlen könnte."

„Also wurde er verzaubert", schlussfolgert Arthur und Merlin macht eine vage Handbewegung.

„Vielleicht, ich weiß es nicht. Der Greif war ziemlich fixiert auf Camelot und auf dich. Ich denke, wir sollten versuchen den Grund dafür herauszufinden, bevor wir uns dazu entschließen ihn zu töten."

Arthur überlegt einen Moment lang, aber dieser Einwand klingt plausibel. „Wer könnte den Greif verzaubert haben?", fragt er dann.

„Nur ein sehr mächtiger Zauberer wäre überhaupt dazu in der Lage", antwortet Merlin bestimmt. „Das letzte Mal hätte ich auf Nimueh getippt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass sie es dieses Mal nicht war, also muss es auch beim letzten Mal schon jemand anderes gewesen sein."

„Du hast gesagt, die Greife waren die Wächter der Hohepriesterinnen", sagt Arthur, als ihm eine Idee kommt. „Könnte Morgause ihre Finger im Spiel haben?"

„Du meinst, das war ihr erster Angriff auf Camelot?", fragt Merlin und schließlich nickt er nachdenklich. „Gut möglich. Sie war nur ein Kind, als sie von der Insel der Gesegneten geflohen ist, aber sie war schon damals mächtig genug, um als eine der Neun in Betracht gezogen zu werden, und anscheinend hat irgendjemand sie in den alten Wegen unterwiesen, nachdem Uther den Tempel auf der Insel der Gesegneten zerstört hat. Damit müsste sie in der Lage gewesen sein den Greif zu verzaubern, nehme ich an."

Arthur atmet ein Mal tief durch und nickt dann entschieden. „In Ordnung. Ich habe mich geweigert, selbst loszureiten oder Ritter auszuschicken, um nach dem Greif zu suchen, da ich die Ansicht vertreten habe, der Greif wäre bestimmt schon wieder weitergezogen. Leon ist deswegen bereits misstrauisch, aber vermutlich glaubt er, dass ich dich alleine losschicken werde, um den Greif zu töten. Das heißt, ich bin den ganzen Vormittag über mit dem Training der Anwärter für die Auswahlkämpfe beschäftigt und am Nachmittag findet das reguläre Training der Ritter statt. Was dich angeht, bitte sei vorsichtig, wenn du dem Greif direkt in die Arme läufst. Falls Lancelot nicht auftaucht, will ich nicht, dass er dich in Stücke reißt."

Merlin rollt mit den Augen, sieht Arthur aber nachsichtig an. „Du musst wirklich aufhören dir Sorgen um mich zu machen. Ich habe gegen eine ganze Armee gekämpft. Mit einem Greif werde ich ohne Probleme fertig. Aber ich werde trotzdem vorsichtig sein, versprochen."

Arthur hat gesehen wie Merlin Blitze vom Himmel gerufen und mit einer Handbewegung Hunderte von Soldaten von den Füßen gefegt hat, aber er kann nichts dagegen tun, dass er sich trotzdem Sorgen macht. Er nickt jedoch.

„Und nachdem es dunkel geworden ist, reiten wir los und suchen nach dem Greif", sagt er entschieden. „Du kannst die Pferde satteln, wenn alle im Bett sind und mich anschließend holen. Wir haben zwei Nächte lang Zeit, den Greif zu finden, bevor er Willowdale angreifen wird. Zumindest hat es das letzte Mal zwei Tage gedauert, bis er das nächste Dorf angegriffen hat, um mich aus dem Schloss zu locken."

Merlin nickt entschlossen. „Wir werden den Greif finden, bevor er weitere Menschen verletzen kann", sagt er und sieht Arthur erneut mit einem zuversichtlichen Lächeln auf den Lippen an. „Und am Ende der Auswahlkämpfe wird Lancelot ein Ritter von Camelot sein."

Das Sonnenlicht fällt durch die Blätter der Bäume über ihm, als Merlin mit seinem kleinen Korb in der Hand durch den Wald geht. Er kann sich nicht mehr daran erinnern, wo genau er damals an diesem Tag nach Gaius' Kräutern gesucht hat - dafür ist es einfach zu lange her. Er ist unzählige Male für Gaius Kräuter sammeln gegangen und er hat dabei schnell die besten Plätze ausfindig gemacht, an denen sich zu den entsprechenden Jahreszeiten die jeweiligen Kräuter finden ließen. Über die Jahre hinweg haben sich diese Plätze allerdings immer wieder verändert. Er könnte tagelang hier herumirren und niemals auf den Greif oder Lancelot treffen. Beim letzten Mal ist es Zufall oder genauer gesagt Schicksal gewesen, und er muss darauf vertrauen, dass das Schicksal ihm auch dieses Mal den Weg weisen wird.

Merlin bleibt stehen und schließt die Augen. Er atmet ein paar Mal tief ein und wieder aus und konzentriert sich dann auf die Magie, die in jedem Tier, jeder Pflanze und jedem Baum steckt. Die Magie durchströmt ihn und bringt die Luft um ihn herum zum Knistern, während er die Welt vor seinem inneren Auge in goldenen Umrissen sieht. Er sendet seinen Geist aus, um nach Lancelot und dem Greif zu suchen, und schließlich glaubt er zu spüren, in welche Richtung er gehen muss. Das Gefühl erinnert ihn daran, wie er mit dem magischen Spiegel nach Freya gesucht hat, nur dass er dieses Mal gleichzeitig nach Lancelot und dem Greif sucht, die sich nicht am selben Ort befinden. Nach einem Moment öffnet Merlin die Augen wieder und setzt sich dann in Bewegung.

Er geht eine Weile durch den Wald, ohne wirklich auf den Weg zu achten, und die einzigen Geräusche um ihn herum, sind das Rascheln der Blätter und das Zwitschern der Vögel. Mit einem Mal verschwindet das Gefühl, dem er gefolgt ist, jedoch und der beständige Fluss der Magie um ihn herum verebbt. Merlin bleibt abrupt stehen und als er sich umsieht, glaubt er, dass er in diesem Teil des Waldes noch nie gewesen ist. Die Bäume stehen hier weiter auseinander und sind an den Stämmen zum Teil dicht mit Moos bewachsen. Merlin zieht verwirrt die Augenbrauen zusammen. Er kann unmöglich die ganze Zeit über in die falsche Richtung gelaufen sein. Er schließt die Augen erneut und versucht sich noch einmal auf die Magie um ihn herum zu konzentrieren.

Plötzlich reißt ihn jedoch ein lauter, krächzender Schrei und das Geräusch von schnellen, dumpfen Schlägen auf dem Boden aus seiner Konzentration. Er reißt die Augen wieder auf und sieht sich mit einem Mal dem Greif gegenüber, der in vollem Galopp und mit einem weiteren lauten Schrei geradewegs auf ihn zukommt. Merlins erster Instinkt ist es wegzulaufen und er macht unwillkürlich einen Schritt rückwärts. Dabei stolpert er jedoch über eine Wurzel, die genau hinter seinem Fuß aus dem Boden wächst und er verliert das Gleichgewicht. Einen Moment darauf landet er unsanft auf dem Waldboden, und bei seinem Versuch sich mit den Händen abzufangen, fällt ihm der Korb mit den bereits gesammelten Kräutern aus der Hand.

Der Greif ist nun beinahe bei Merlin angekommen und er bohrt seine langen, scharfen Krallen tief in die Erde, als er zum Stehen kommt. Dann wirft er den Kopf hoch und bäumt sich mit einem weiteren lauten Schrei keine zwei Meter vor Merlin auf.

Merlin hebt unwillkürlich seine rechte Hand, um sich mit Magie zu verteidigen, und im nächsten Moment hätte er einen Schild heraufbeschworen, aber ein weiterer lauter Schrei, dieses Mal von einem Menschen, lässt ihn innehalten. Jemand springt mit erhobenem Schwert einen Augenblick darauf zwischen Merlin und den Greif und holt zu einem Schlag gegen die Vorderklaue des Tieres aus. Merlin erkennt seinen Retter sofort – es ist Lancelot.

Der Greif richtet seine Aufmerksamkeit nun auf Lancelot und stößt mit seinem langen, spitzen Schnabel nach Lancelots Schulter. Lancelot wehrt ihn mit einem weiteren Schwerthieb ab und versucht dann dem Greif einen Schlag gegen die Brust zu versetzen. Der Greif weicht dem Schlag jedoch mühelos aus und schlägt mit seiner Klaue zurück. Lancelot schafft es, den scharfen Krallen seinerseits auszuweichen, und einen Moment darauf, sticht er erneut mit seinem Schwert zu. Die Klinge trifft den Greif an der Brust, aber als der Stahl auf das Fell trifft, zersplittert das Schwert in seine Einzelteile und die Wucht des Aufpralls reißt Lancelot den Griff aus den Fingern. Er taumelt rückwärts, aber ohne sein Schwert hat er keine Möglichkeit mehr sich zu verteidigen und als er seine ausweglose Lage erkennt, dreht er sich zu Merlin um und packt ihn an der Schulter.

„Lauf! Lauf!", ruft er laut, bevor er Merlin mit sich zieht.

Merlin bemüht sich, nicht über seine eigenen Füße oder die Wurzeln auf dem Boden zu stolpern, während er mit Lancelot durch den Wald läuft. Der Greif lässt einen wütenden Aufschrei hören, als er ihnen nachsetzt und mit ein paar Sprüngen ist er bereits wieder dicht hinter ihnen. Merlin sucht den Wald vor ihnen nach einer Versteckmöglichkeit ab und entdeckt in einiger Entfernung ein paar große Felsbrocken, die zwischen immer dichter beieinanderstehenden Bäumen liegen.

„Hier rüber!", ruft er und zieht Lancelot mit sich nach links.

Sie springen über die ersten beiden schmaleren Felsen hinweg und laufen dann noch ein paar Meter weiter, bis Merlin Lancelot hinter einen der größeren Felsbrocken zieht. Als Merlin sich umdreht, sieht er, dass der Greif vor den enger stehenden Bäumen angehalten hat. Er wirft den Kopf hin und her und kreischt empört auf, doch als er erkennt, dass er seine Beute nicht verfolgen kann, springt er mit einem Satz in die Luft und fliegt davon.

Merlin atmet erleichtert aus und lässt sich mit dem Rücken neben Lancelot gegen den Felsbrocken auf den Boden sinken.

„Er ist weg", sagt er zu Lancelot, bevor er sich zu ihm umdreht. „Du hast mir das Leben gerettet. Ich bin Merlin."

Merlin muss unweigerlich breit grinsen, als ihm klar wird, dass er damals bei ihrer ersten Begegnung genau dasselbe gesagt hat.

Lancelot nimmt Merlins ausgesteckte Hand entgegen und schüttelt sie. „Lancelot", sagt er, aber dann flattern seine Augenlider und seine Hand rutscht kraftlos aus Merlins Fingern, als sein Kopf nach hinten an den Stein kippt und er das Bewusstsein verliert.

Merlin sieht an Lancelot hinab und entdeckt Blut, das durch Lancelots graues Hemd sickert. Eilig öffnet er Lancelots Gürtel und schiebt den Stoff des Hemdes bei Seite. Genau wie beim letzten Mal stammt die Wunde nicht etwa von einer der Krallen des Greifs, sondern von einem Teil des Schwertes, das sich in Lancelots Seite gebohrt hat, als es zersplittert ist. Wenn der Greif Lancelot getroffen hätte, hätte er ihm vermutlich den ganzen Unterleib aufgeschlitzt und Merlin ist froh, dass es dazu nicht gekommen ist. Er hat nicht die Zeit gehabt einen Schutzzauber über Lancelot zu legen, bevor er sich dem Greif entgegen gestellt hat, dazu ist alles zu schnell gegangen.

Merlin zieht das Stück des Schwertes, das in Lancelots Fleisch steckt, vorsichtig heraus und sofort strömt neues, helles Blut aus der Wunde. Lancelot bleibt jedoch bewegungslos liegen und Merlin beeilt sich, eine Hand über die Wunde zu legen und seine Magie zu sammeln, um die Wunde zu heilen. Er lässt einen sichtbaren Schnitt zurück, der nur noch ein wenig blutet, aber benutzt dennoch so viel Magie, dass sich die Wunde nicht entzünden wird. In der anderen Zeit ist Merlin nur in der Lage gewesen die Blutung zu stoppen; für mehr hatte sein Wissen und seine Magie damals nicht gereicht. Er schließt die Wunde dieses Mal jedoch bewusst nicht ganz, obwohl er nun dazu in der Lage wäre, da Lancelot die Verletzung bemerkt und seine Hand darauf gelegt hat. Es wäre sehr seltsam, wenn die Wunde plötzlich verschwunden wäre. Merlin wird Lancelot sagen, dass er bei dem Kampf mit dem Greif wohl einen Schlag auf den Kopf bekommen hat, und dass das der Grund dafür gewesen ist, dass er das Bewusstsein verloren hat.

Merlin zieht das Hemd wieder hinunter und macht Lancelots Gürtel wieder zu. Dann steht auf. Anschließend beugt er sich zu Lancelot hinunter, legt sich einen seiner Arme um die Schulter und zieht ihn mit sich nach oben. Mit ein paar gemurmelten Worten reduziert sich Lancelots Gewicht, bis er kaum mehr als ein Bündel Reisig wiegt. Denselben Zauber hat Merlin auch das letzte Mal benutzt, sonst wäre er niemals in der Lage gewesen, Lancelot den ganzen Weg zum Schloss zurückzutragen. Es war glücklicherweise einer der ersten Zauber, die Merlin damals aus Gaius' Buch gelernt hat, denn er war überaus motiviert dazu gewesen, nachdem er das erste Mal die vollen Wassereimer für Arthurs Badezuber die Treppen nach oben bis zu Arthurs Räumen geschleppt hat.

Kurz bevor Lancelot wieder zu sich kommt, sieht Merlin, wie er unruhig den Kopf hin und her bewegt. Als Lancelot schließlich aufwacht und die Augen öffnet, geschieht es ruckartig und er versucht sofort sich auf seinen Unterarmen in eine sitzende Position hoch zu drücken.

Merlin beugt sich auf dem Stuhl, den er neben das Bett gestellt hat, nach vorne und hebt beruhigend die Hände. „Hey, hey, hey. Es ist alles in Ordnung. Ganz ruhig. Du bist hier in Sicherheit."

Lancelot sieht ihn an und er braucht einen Moment, bis er Merlin wirklich sieht.

„Du wurdest verletzt, als das Monster uns angegriffen hat", erklärt Merlin langsam und deutlich. „Ich habe dich zurück nach Camelot gebracht. Wir sind in den Räumen des Hofarztes. Er hat deine Wunde versorgt. Alles klar?"

Lancelot sieht sich kurz um, dann nickt er und atmet ein Mal tief durch, bevor er sich langsam aufsetzt. Als er an sich hinuntersieht, wird ihm bewusst, dass er kein Hemd mehr trägt und sein Blick wandert zu der Wunde an seinem Unterleib, die Gaius mit einer dünnen Paste aus Kräutern und einigen Blättern Beinwell bedeckt hat.

Er hebt den Kopf und sieht Merlin eindringlich an. „Danke. Merlin, richtig?"

Merlin lächelt und nickt. „Ja, genau."

„Sieht so aus, als ob wir damit quitt wären", meint Lancelot dann. „Wir haben uns gegenseitig das Leben gerettet."

Merlin schnaubt amüsiert. „Na ja, nicht direkt. Du hast mich vor einer gefährlichen Kreatur beschützt, die versucht hat, mich umzubringen. Ich habe dich nur hierher zurückgebracht, damit deine Wunde versorgt werden konnte."

Lancelot schüttelt jedoch den Kopf. „Nein, es kommt nicht darauf an, was man tut, um jemandem zu helfen. Was zählt, ist, dass man etwas tut."

Ein breites Lächeln tritt auf Merlins Gesicht, als er diese Worte hört. „Das ist eine sehr noble Art zu denken."

Als Lancelot seinem Blick daraufhin etwas verlegen ausweicht, wird Merlins Lächeln nur noch eine Spur breiter. Er hat beinahe vergessen, wie ehrenhaft und anständig Lancelot ist und er hat ihn all die Jahre über schmerzlich vermisst. Lancelot hat Merlin damals so akzeptiert, wie er war, und er ist ihm stets ein wahrer Freund gewesen. Diesen Lancelot kennt Merlin noch nicht, aber er weißt bereits nach dieser kurzen Zeit mit ihm, dass Lancelot immer noch derselbe ist.

Um Lancelot nicht zu lange anzustarren, wendet Merlin seinen Blick schließlich ab, und sieht dabei den Kessel, der immer noch über dem bereits heruntergebrannten Feuer hängt. „Ähm… du bist bestimmt hungrig, nicht wahr?", fragt er und sieht Lancelot auffordernd an. „Komm mit."

Merlin steht auf und geht zu einem Regal hinüber, um zwei Schalen herauszunehmen. Aus den Augenwinkeln sieht er, wie Lancelot die Blätter über seiner Verletzung zur Seite zieht und sich die Wunde ansieht. Nach einem Moment schüttelt er erstaunt den Kopf.

„Euer Hofarzt muss sehr gut sein", sagt Lancelot. „Entweder das, oder ich war nicht so schlimm verletzt, wie ich dachte."

„Gaius ist sehr gut in dem, was er tut", versichert Merlin. „Ich bin sein Lehrling und ich hoffe, dass ich eines Tages genauso gut sein werde, wie er. Die Wunde an deinem Bauch war allerdings wirklich nicht so schlimm. Ich glaube, dass das Monster dich vielmehr noch am Kopf erwischt hat und dass du deswegen das Bewusstsein verloren hast."

Als Merlin mit Lancelot im Schlepptau zurückgekommen ist, hat er Gaius erzählt, dass er im Wald von einer geflügelten Kreatur angegriffen worden ist, und dass Lancelot ihm das Leben gerettet hat. Gaius ist erleichtert gewesen, dass Merlin nichts passiert ist, denn Sir Bedivere hatte heute Morgen von einem Angriff der Kreatur auf Greenswood berichtet und Gaius ist sich noch nicht sicher gewesen, worum es sich dabei genau handeln könnte. Merlin behielt für sich, dass es ein Greif ist und nachdem Gaius Lancelots Verletzung untersucht hat, zog er lediglich eine Augenbraue nach oben und machte sich daran die Paste anzurühren, die verhindern soll, dass die Wunde sich entzündet.

Merlin mustert Lancelot aufmerksam, während dieser seine Wunde betrachtet, doch Lancelot scheint Merlins Lüge zu glauben, denn nach einem Moment, zuckt er mit den Schultern und steht auf.

Merlin füllt die beiden Schalen mit dem Eintopf aus dem Kessel und stellt sie auf den Tisch, während Lancelot sein Hemd neben sich von einem kleinen Hocker nimmt und es überstreift. Dann kommt er zu Merlin an den Tisch und setzt sich ihm gegenüber, bevor er nach seinem Löffel greift, und anfängt zu essen.

„Es ist nicht viel. Eigentlich sollten noch Pilze drin sein, aber ich wurde von dem Monster angegriffen, bevor ich wirklich welche finden konnte, also…", Merlin bricht ab und zuckt entschuldigend mit den Schultern, aber Lancelot schüttelt entschieden den Kopf.

„Nein, es ist sehr gut. Danke."

Merlin lächelt glücklich, während er selbst ein paar Löffel isst und seinen Blick dabei nicht von Lancelot abwenden kann. Er kann es immer noch kaum glauben, dass Lancelot tatsächlich gesund und munter vor ihm sitzt.

Lancelot scheint Merlins Blick zu bemerken und er sieht ihn prüfend an. „Du scheinst es ziemlich gut zu verkraften beinahe von einer geflügelten Bestie umgebracht worden zu sein", meint er.

Merlin zuckt mit den Schultern, während er sich eine Antwort überlegt. Die Wahrheit scheint ihm aber am einfachsten. „Na ja, ich bin auch noch der persönliche Diener des Königs und er kommt andauernd in irgendwelche Schwierigkeiten. Deswegen bin ich vermutlich schon daran gewöhnt beinahe von - nun ja - von allem Möglichen umgebracht zu werden."

Lancelot sieht Merlin mit großen Augen an und sein Löffel verharrt mitten in der Luft. „Du bist der persönliche Diener des Königs?"

Merlin grinst und nickt stolz.

„Du steckst voller Überraschungen, Merlin", erwidert Lancelot schließlich und schüttelt ungläubig den Kopf. Nach ein paar weiteren Löffeln Eintopf wirft er Merlin einen zaghaften Blick zu. „Wie ist er so?"

„Arthur?", fragt Merlin und Lancelot nickt. „Er ist großartig. Er ist ein guter König und ein noch besserer Mensch. Mutig, gewissenhaft, tapfer. Allerdings kann er auch ein ziemlicher Dummkopf sein."

Lancelot verschluckt sich beinahe an einem Löffel Eintopf, als er das hört und er sieht Merlin entsetzt an. „Merlin! So etwas kannst du nicht sagen! Er ist der König."

Merlin grinst und winkt ab. „Keine Sorge, ich sage es ihm andauernd ins Gesicht, das stört ihn nicht."

Lancelot starrt Merlin noch einen Augenblick lang ungläubig an, bevor er entgeistert den Kopf schüttelt und sich dann wieder seinem Eintopf zuwendet. Anscheinend glaubt er, Merlin hätte einen Scherz gemacht.

Nach ein paar weiteren Löffeln ist Lancelots Schale leer und Merlin, der ebenfalls aufgegessen hat, stellt die Schalen ineinander und trägt sie zu einem Tisch an der Wand hinüber. Lancelot ist derweil aufgestanden und zu dem hohen Turmfenster an der Wand hinübergegangen, von dem aus er seinen Blick über die Stadt wandern lässt.

„Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich tatsächlich in Camelot bin", sagt er staunend und lacht dann leise. „Und noch dazu im Schloss."

Merlin dreht sich zu Lancelot um und lehnt sich an den Tisch hinter sich. „Wolltest du schon mal hierher kommen?", fragt er arglos, während er Lancelot mustert.

Lancelot nickt abwesend. „Ja, seit ich ein Kind war, habe ich davon geträumt, hierher zu kommen. Die Ritter von Camelot sind im ganzen Land berühmt für ihre Fähigkeiten und ihren Mut. Es ist mein größter Traum eines Tages selbst ein Ritter zu werden."

Merlin will etwas antworten, aber Lancelot schüttelt den Kopf und spricht weiter, seinen Blick immer noch nach draußen gerichtet. „Ich weiß, was du denkst, ich erwarte zu viel. Wer bin ich schon. Sie haben hier die Auswahl unter den besten und tapfersten Männern des Landes."

Lancelot wendet sich mit einem schwermütigen Lächeln vom Fenster ab, aber Merlin sieht ihn eindringlich an.

„Nein, ich denke vielmehr, dass du dir nicht genug zutraust", sagt er. „Ich habe dich kämpfen sehen und das warst großartig!"

Lancelot zuckt mit den Schultern und weicht Merlins Blick verlegen aus. „Nun ja, ich kann ganz passabel mit einem Schwert umgehen."

„Kein Grund bescheiden zu sein", entgegnet Merlin bestimmt. „Ich habe dich da draußen gesehen und du könntest den großen Arthur selbst beschämen."

Lancelot wird rot im Gesicht und schüttelt den Kopf, während er zum Tisch zurückgeht. „Komm schon Merlin, das kann nicht dein Ernst sein."

„Doch natürlich ist das mein Ernst! Und ich weiß, wovon ich rede. Ich habe Arthur Tausende Male mit seinen Rittern trainieren sehen und du könntest ihn definitiv schlagen."

Lancelot lässt sich wieder auf die Bank am Tisch sinken und wirft Merlin ein schmales Lächeln zu. „Danke, Merlin. Ich weiß das wirklich zu schätzen. Aber ich glaube nicht, dass ich jemals den Mut aufbringen könnte, mich zum Training zu melden."

Merlin verzieht das Gesicht. „Na ja und da ist noch das Problem, dass nur Adlige als Ritter in Camelot dienen können. Das ist der erste Kodex der Ritter von Camelot. Ein Bürgerlicher kann im Moment nur ein Wachmann werden. Das wird sich jedoch bald ändern", verspricht er. „Der Kodex wurde geschrieben, nachdem Uther Camelot erobert hat. Er musste jedem seiner Ritter sein Leben anvertrauen können, also hat er sie aus den Familien ausgewählt, die ihm ihre Treue geschworen hatten. Aber das liegt lange Zeit zurück und Arthur hat seine eigenen Ideen. Sobald er eine Zeit lang König gewesen ist, wird er die Gesetze seines Vaters ändern. Ich bin mir allerdings sicher, dass er bis dahin für dich eine Ausnahme machen wird."

Lancelot schnaubt und schüttelt den Kopf, aber Merlin redet bereits weiter.

„Nein, wirklich! Wir müssen ihm nur zeigen, wie gut du bist. Und wenn ich ihm erzähle, dass du mir heute Morgen das Leben gerettet hast, dann wird er dich allein dafür schon zum Ritter schlagen. Komm mit, wir sollten gleich mit ihm reden."

Merlin sieht Lancelot auffordernd an und bedeutet ihm mitzukommen, doch Lancelot betrachtet Merlin lediglich verwirrt, ohne Anstalten zu machen aufzustehen.

„Komm schon, ich meine es ernst!", sagt Merlin nachdrücklich und geht zurück zum Tisch, um Lancelot am Arm mit sich zu ziehen.

Lancelot folgt ihm gutmütig, aber Merlin weiß, dass er nicht glaubt, dass Merlin ihn einfach so zum König bringen wird. Sie steigen die Treppen hinunter und Merlin führt Lancelot durch einen Gang ein paar Stockwerke weiter unten, von dessen Fenster aus man das Trainingsgelände einsehen kann. Die Ritter sind gerade dabei verschiedene Schlagkombinationen gegen Strohpuppen zu trainieren, aber es ist Leon und nicht Arthur, der das Training führt. Nachdem Merlin sich mit einem kurzen Blick davon überzeugt hat, dass Arthur nicht ebenfalls dort ist, schlägt er zusammen mit Lancelot den Weg zu Arthurs Räumen ein. Als er nach dem Türknauf greifen will, um die Tür zu öffnen, packt Lancelot ihn jedoch am Arm und hält ihn zurück.

Merlin zieht fragend die Augenbrauen nach oben und Lancelot sieht ihn verständnislos an.

„Du musst zuerst klopfen, bevor du die Gemächer des Königs betreten kannst!"

Merlin kann nicht anders, er fängt an zu lachen, als er das hört und Lancelots ernster Gesichtsausdruck macht das Ganze nur noch schlimmer.

„Ich klopfe nie", antwortet Merlin mit einem Grinsen. „Aber wenn du dich dann besser fühlst, werde ich sicher stellen, dass der König präsentabel ist, bevor ich dich reinlasse."

Merlin zwinkert Lancelot zu und schlüpft in Arthurs Räume, doch Arthur ist nicht dort und Merlin führt Lancelot daraufhin nach unten in Richtung der Ratshalle.

Als sie gerade eine breite Treppe hinunter kommen, sieht Merlin, wie Morgana den Gang am Fuß der Treppe entlanggeht.

„Prinzessin Morgana!", ruft Merlin laut, da sie vielleicht wissen könnte, wo Arthur ist.

Morgana bleibt stehen und dreht sich zu ihnen um. „Merlin. Suchst du Arthur?", fragt sie mit einem Lächeln.

Merlin nickt, als er und Lancelot sie erreichen. „Ja, das tue ich tatsächlich. Wisst Ihr, wo er ist?"

„Ja, das weiß ich. Er hat mit den Rittern trainiert, als die Parierstange von Sir Galahads neuem Trainingsschwert gebrochen ist. Er hatte gerade einen Schlag von Leon geblockt, als es passiert ist. Zum Glück wurde niemand verletzt, aber Arthur ist stocksauer. Die Ritter haben die neuen Trainingsschwerter erst an diesem Morgen vom Hofschmied bekommen. Nachdem Robert letzten Winter gestorben ist, hat sein Sohn Ackley die Schmiede übernommen und Arthur ist losgegangen, um ihn sofort seiner Position zu erheben", sagt Morgana und ihr Tonfall macht deutlich, dass sie Arthurs Entscheidung in dieser Sache vollkommen unterstützt. „Danach wollte er zu Tom, Gwens Vater, um ihn zum neuen Hofschmied ernennen. Wir haben vor etwa einer Stunde darüber gesprochen."

„Ich danke Euch", sagt Merlin mit einer kleinen Verbeugung und Morgana lächelt, bevor sie einen interessierten Blick auf Lancelot wirft.

„Das ist Lancelot", erklärt Merlin bereitwillig. „Ich war heute Morgen im Wald und habe für Gaius Kräuter gesammelt, als ich von dem Monster angegriffen wurde. Lancelot ist gerade vorbeigekommen und hat mich gerettet, bevor es mich in Stück reißen konnte."

Morgana sieht Lancelot anerkennend an, als sie das hört. „Das war sehr mutig von Euch. Und Ihr scheint unverletzt zu sein, was bedeutet, dass Ihr ein sehr guter Kämpfer sein müsst."

Lancelot wird rot und sieht zu Boden, aber er tarnt es geschickt als Verbeugung. „Ich danke Euch, Milady."

„Lancelot ist nach Camelot gekommen, um ein Ritter zu werden", erzählt Merlin weiter und ignoriert dabei gekonnt Lancelots ungehaltenen Seitenblick.

„Gut, wir brauchen immer mutiger Männer, besonders solche, die es ganz allein mit einem geflügelten Monster aufnehmen können", sagt Morgana und lächelt Merlin und Lancelot dann noch einmal zu, bevor sie ihren Weg den Gang entlang fortsetzt.

Lancelot packt Merlin am Arm, als Morgana außer Hörweite ist. „Warum hast du ihr das erzählt?"

„Weil es die Wahrheit ist. Du bist hier, um ein Ritter zu werden, und du wirst ein Ritter werden", entgegnet Merlin.

Lancelot sieht ihn kopfschüttelnd an. „Das kannst du nicht wissen."

„Doch, kann ich. Vertrau mir einfach, ja?" Merlin lächelt aufmuntert. „Und jetzt kommt mit, ich weiß, wo wir Arthur finden."

„Ich danke Euch, Sire. Ich verspreche Euch, dass ich das Vertrauen, dass Ihr in mich setzt, nicht enttäuschen werde."

Arthur nickt und klopft Tom, den er gerade zum Hofschmied ernannt hat, auf die Schulter. „Dessen bin ich mir sicher, Tom. Das Schwert, dass du auf Wunsch meines Vaters für mich geschmiedet hast, ist ein Meisterwerk und du warst schon immer dafür bekannt hervorragende Arbeit zu leisten. Das gleich gilt für dich, Elyan."

Elyan, der neben seinem Vater steht, neigt den Kopf zu einer Verbeugung. „Ich danke Euch, Sire."

Arthur nickt ein letztes Mal, bevor er sich zum Gehen wendet, während Tom und Elyan zurück in die Schmiede gehen. Kaum, dass er ein paar Schritte gemacht hat, kommt jedoch Merlin um die Ecke eines Hauses die Straße entlang auf ihn zu und Arthur bleibt stehen, als er Lancelot hinter Merlin entdeckt. Er weiß bereits, dass das Schicksal Lancelot, genau wie damals, im richtigen Moment geschickt hat, um Merlin vor dem Greif zu retten - auch wenn Merlin dieses Mal genau genommen gar nicht gerettet werden musste. Es ist jedoch noch einmal etwas anderes seinen alten Freund nun tatsächlich vor sich zu sehen. Lancelot sieht genauso aus, wie in Arthurs Erinnerung, mit dem einzigen Unterschied, dass er nicht den roten Umhang der Ritter von Camelot trägt. Aber das wird sich schon bald ändern.

Arthur stemmt die Hände in die Hüften und sieht Merlin mit gespielter Entrüstung an. „Merlin, was machst du hier?"

„Wir haben nach Euch gesucht", antwortet Merlin. „Morgana hat gesagt, dass ich Euch hier finden würde."

„Nun du hast mich gefunden", entgegnet Arthur knapp. „Was gibt es denn? Solltest du heute nicht Gaius helfen? Und wer ist dein neuer Freund?"

Merlin grinst, was Lancelot nicht sehen kann, da er hinter Merlin steht und Arthur versucht, sich nichts anmerken zu lassen, als sie die Scharade weiterspielen.

„Das ist Lancelot", sagt Merlin. „Er hat mir das Leben gerettet, als ich heute Morgen im Wald von dem geflügelten Monster angegriffen wurde. Ich habe Kräuter für Gaius gesucht, als es wie aus dem Nichts aufgetaucht ist. Ohne Lancelot würde ich jetzt nicht hier stehen. Er ist ein sehr geschickter Kämpfer und er hat schon immer davon geträumt, ein Ritter von Camelot zu werden."

Arthur versucht überrascht dreinzuschauen, während Merlin ihn immer noch breit angrinst. „Ein Ritter sagst du?", fragt er nachdenklich und Merlin nickt, während Lancelot verlegen zu Boden blickt.

Arthur sieht sich kurz um und entdeckt zwei Besen, die an der Hauswand der Schmiede unter dem Vordach stehen. Während er nach einem davon greift und den anderen Lancelot zuwirft, glaubt er, dass es dieselben Besen sein könnten, die er all die Jahre zuvor ebenfalls für seinen Übungskampf mit Lancelot ausgesucht hat.

Lancelot fängt den Besen geistesgegenwärtig mit einer Hand und starrt Arthur überrascht an.

„Dann lass uns herausfinden, ob du das Zeug dazu hast ein Ritter zu werden", sagt Arthur mit einem Grinsen. Dann zieht er die Borsten an seinem Besen ab und wirft sie zur Seite, bevor er den Besenstiel wie ein Schwert in die Hand nimmt.

Lancelot betrachtet Arthur einen Moment lang unentschlossen, steigt dann aber mit dem Fuß auf die Borsten seines eigenen Besens, um den Stiel herauszuziehen. Bevor er sich jedoch in Kampfposition bringen kann, greift Arthur ihn bereits an und Lancelot reißt seinen Besenstiel nach oben und pariert den Schlag im letzten Moment. Er weicht ein Stück nach hinten aus, schafft es aber Arthurs nächste Schläge ebenfalls zu parieren. Dann geht er selbst zum Angriff über und sticht mit seinem Besenstiel nach vorne. Arthur schlägt den Stiel bei Seite, bevor er sich geschickt dreht und Lancelot einen Schlag auf den Rücken versetzt, der ihn nach vorne stolpern lässt.

Arthur verkneift sich ein Grinsen. „Komm schon Lancelot, du sollst hier keinen Teppich ausklopfen. Streng dich etwas an!"

Lancelot stößt sich von der Hauswand ab, gegen die er beinahe gelaufen wäre und nutzt den Schwung, um Arthur wieder anzugreifen. Arthur pariert den Schlag und lässt seinen Besenstiel dann mit aller Kraft auf Lancelot hinunter sausen. Lancelot schafft es, Arthurs Angriff abzublocken, er ist aber gezwungen mit jedem weiteren Schlag nach hinten auszuweisen.

„Streng. Dich. Gefälligst. An!", stößt Arthur zwischen den einzelnen Schlägen hervor, bis Lancelot schließlich nach hinten taumelt, über einen geflochtenen Korb mit mehreren kleinen Ästen darin stolpert und auf dem Boden landet.

Arthur sieht ihn spöttisch an, während er den Besenstiel mit einer Bewegung seines Handgelenks kreisen lässt. „Das war erbärmlich. Aber Merlin hat gesagt, dass du ein Held bist, also gebe ich dir noch eine letzte Chance."

Arthur winkt Lancelot zu sich heran, und Lancelot rappelt sich mit einem entschlossenen Ausdruck auf seinem Gesicht wieder auf. Dann greift er Arthur erneut an und auch wenn Arthur seine Schläge ohne Probleme abwehren kann, benötigt er deutlich mehr Kraft und Schnelligkeit als zuvor.

Schließlich prallen die Stöcke aufeinander und sowohl Arthur als auch Lancelot halten dagegen. Arthur grinst und Lancelot erwidert das Grinsen, bevor er Arthur nach hinten und von sich wegstößt. Als Nächstes setzt er einen Hieb gegen Arthurs Hals an. Arthur duckt sich unter Lancelots Besenstiel weg und weicht seinem nächsten Schlag mit einem Schritt zur Seite aus. Dann geht Arthur wieder zum Angriff über und zwingt Lancelot mit mehreren schnellen Schlägen in die Defensive. Schließlich schlägt er Lancelots Besenstiel zu Boden, bricht ihn mit einem Tritt in der Mitte durch und hält Lancelot dann das Ende seines eigenen Besenstiels unter das Kinn.

Lancelot sieht Arthur überrascht an, doch Arthur lässt seinen Besenstiel bereits wieder sinken. „Gar nicht mal schlecht", sagt er und nickt anerkennend. „Herzlichen Glückwunsch Lancelot, du hast gerade das Training für die Anwärter der Ritter absolviert. Wenn du es morgen schaffst, deinen Auswahlkampf zu bestehen, dann werde ich dich zu einem Ritter von Camelot machen."

Lancelot sieht vollkommen verblüfft aus, während Arthur seinen Besenstiel an die Hauswand hinter sich stellt. Schließlich erwacht Lancelot wieder aus seiner Starre und verbeugt sich.

„Sire, ich fühle mich geehrt, aber ich bin nicht…" Lancelot bricht ab und tritt dann näher zu Arthur. „Ich bin nur ein Bürgerlicher", sagt er mit gesenkter Stimme und schüttelt den Kopf.

Arthur sieht ihn an und tut so, als ob er einen Moment lang überlegen würde. „Die Gesetze von Camelot legen darauf Wert, ich aber nicht", antwortet er. „Du warst noch nie in Camelot, hab ich recht? Niemand kennt hier deinen Namen?"

Lancelot sieht Arthur erstaunt an und schüttelt erneut den Kopf. „Nein, Sire."

„Nun, dann kann niemand wissen, dass du nicht der fünfte Sohn von Lord Morian von Daventry bist. Er hatte tatsächlich fünf Söhne, aber die gesamte Familie wurde getötet, als Cenred Morians Ländereien gestohlen hat, nur ein paar Jahre nachdem mein Vater sie ihm überlassen hatte. Das ist jetzt beinahe fünfundzwanzig Jahre her. Niemand kann mit Gewissheit sagen, dass alle von Morians Söhnen getötet wurden. Ich muss nur den Namen in den Registern ändern und du kannst dir bis morgen eine Geschichte für deine Vergangenheit ausdenken."

Lancelot starrt Arthur mit großen Augen an. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll", erwidert er stockend.

Arthur schlägt ihm gutmütig auf die Schulter. „Dann sag einfach gar nichts. Ich erwarte dich morgen vor den Auswahlkämpfen in meinen Gemächern. Merlin wird dich nach dem Frühstück dorthin bringen."

Damit geht Arthur um Lancelot herum, der noch nicht ganz glauben kann, was gerade passiert ist und Arthur wirft Merlin im Vorbeigehen ein breites Grinsen zu. Als er sich auf den Weg zurück zum Schloss macht, hört er noch Merlins Stimme hinter sich.

„Siehst du? Ich habe dir doch gesagt, dass er dich mögen wird."

Ihre Schritte auf dem Steinboden hinterlassen dank etwas Magie nicht das geringste Geräusch, als Merlin und Arthur nebeneinander durch die dunklen Gänge des Schlosses gehen. Ihr Weg wird nur von einigen vereinzelten Fackeln an den Wänden erhellt, aber genau wie Arthur, kennt Merlin jeden Korridor und jede Treppe in Camelot, sodass sie sich mühelos zu Recht finden. Es ist bereits weit nach Mitternacht und niemand ist mehr unterwegs, abgesehen von einigen Wachen, die in den Gängen patrouillieren. Merlin und Arthur sind ihnen bis jetzt geschickt ausgewichen, doch als sie in den Korridor, der zum östlichen Rand des Trainingsgeländes führt, einbiegen wollen, kommen zwei Wachen den Gang entlang.

Merlin schiebt Arthur zurück in den Korridor, aus dem sie gerade gekommen sind, doch Arthur hat die Wachen anscheinend ebenfalls gesehen, denn er macht bereits einen Schritt rückwärts. Da keine lauten Rufe ertönen, die sie auffordern sich zu zeigen, haben die Wachen sie nicht gesehen, aber Merlin weiß, dass sie an dieser Stelle nicht stehenbleiben können, denn die Wachen müssen auf ihrem Rundgang zwangsläufig an ihnen vorbei. Zwar könnte Arthur einfach an ihnen vorbeigehen, doch das würde unweigerlich die Frage aufwerfen, warum der König von Camelot des Nachts mit seinem Kettenhemd und seinem Schwert in Begleitung seines persönlichen Dieners durch das Schloss läuft.

Arthur greift nach Merlins Hand. „Wir können einen anderen Weg nehmen", sagt Arthur in Gedanken, aber Merlin schüttelt den Kopf und gestattet sich ein verschmitztes Grinsen.

Er beugt sich um die Ecke herum und sieht aus den Augenwinkeln, wie Arthur es ihm gleichtut. Dann greift Merlin nach seiner Magie und die Wachen frieren in der Zeit ein und bleiben bewegungslos und mit starrem Blick, ohne zu blinzeln, mitten im Gang stehen.

„Huh", sagt Arthur, als er auf den Gang hinaustritt. „Jetzt weiß ich, wie du es all die Jahre über geschafft hast, dich aus dem Schloss zu schleichen. So ist es geradezu lächerlich einfach."

„Ganz so einfach war es die ersten Jahre über nicht, das kannst du mir glauben", antwortet Merlin jedoch mit einem Schnauben. „Die Dinge, die ich jetzt tun kann, konnte ich damals noch nicht. Am Anfang habe ich die Wachen normalerweise mit ein wenig Magie und einem Geräusch am anderen Endes des Korridors oder etwas Ähnlichem abgelenkt."

Sie gehen den Korridor entlang und als sie an den beiden Wachen vorbeikommen, sieht Merlin, wie Arthur kurz stehen bleibt, die bewegungslosen Wachen mustert und dann staunend den Kopf schüttelt.

„Wie lange bleiben sie so?", fragt er.

Merlin zuckt mit den Schultern. „So lange ich es will. Sie sind genau genommen in der Zeit eingefroren. Wenn ich den Zauber aufhebe, werden sie weitergehen, ohne zu wissen, dass ihnen ein paar Momente fehlen."

Merlin sieht, wie Arthur ihn noch einen Augenblick lang mustert, dann setzen sie ihren Weg fort und schließlich verlassen sie das Schloss durch eine kleine Tür am östlichen Rand des Trainingsfeldes, ohne auf weitere Wachen zu stoßen. Als sie jedoch um die hohe Mauer des Schlosses herum auf die Wiese treten, steht plötzlich ein Stück vor ihnen eine Gestalt, die sich gerade in diesem Moment mit erhobenem Schwert zu ihnen umdreht.

Merlin und Arthur bleiben ruckartig stehen und auch Lancelot verharrt Mitten in seiner Bewegung.

„Sire? Merlin?", fragt Lancelot perplex, als er Arthur und Merlin im fahlen Licht des Mondes erkennt und lässt dann sein Schwert sinken. „Was macht ihr denn hier?!"

Arthur stemmt die Hände in die Hüften und dreht sich mit einem vorwurfsvollen Blick zu Merlin um.

Merlin hebt jedoch abwehrend die Hände. „Er war noch nicht da, als ich die Pferde gesattelt habe, ich schwöre es."

Anscheinend ist Lancelot auf das Trainingsfeld gekommen, um für seinen Übungskampf mit Arthur am nächsten Morgen zu trainieren. Und Arthur und Merlin haben bewusst den Umweg über das Trainingsfeld genommen, um ungesehen zu den Stallungen zu gelangen. Der einzige andere Weg führt mitten über den Schlosshof.

Arthur schnaubt. „Großartig, Merlin. Einfach großartig."

„Das ist doch nicht meine Schuld", verteidigt sich Merlin, aber Arthur hebt eine Hand und schüttelt den Kopf.

„Das spielt jetzt keine Rolle." Dann wendet er sich an Lancelot, der Arthur und Merlin mit zusammen gezogenen Augenbrauen anstarrt. „Wir reiten los, um den Greif zu jagen, das ist das geflügelte Monster, das dich und Merlin im Wald angegriffen hat. Du darfst uns gerne begleiten."

Merlin dreht verwundert den Kopf zu Arthur. „Das darf er?"

„Natürlich darf er das", entgegnet Arthur, als ob das selbstverständlich wäre.

Merlin ruft sich in Erinnerung, dass sie hier von Lancelot reden. „Klar darf er das", antwortet er mit einem schmalen Grinsen und Arthur nickt zufrieden.

Dann geht Arthur an Lancelot vorbei über das Trainingsfeld in Richtung der Stallungen und Merlin bedeutet Lancelot mit einem Kopfnicken mitzukommen, bevor er Arthur folgt.

Lancelot scheint noch einen Moment lang zu zögern, doch dann hört Merlin das dumpfe Geräusch von eiligen Schritten auf dem Grasboden hinter ihm und Lancelot taucht neben Arthur auf.

„Sire, das könnt Ihr nicht tun", sagt er beinahe entsetzt und Arthur wirft Lancelot im Gehen einen amüsierten Blick zu.

Lancelot wird im nächsten Augenblick bewusst, was er gerade zum König von Camelot gesagt hat und seine Augen weiten sich. „Ähm, ich meine, Ihr solltet nicht alleine mitten in der Nacht in den Wald reiten, um dieses Monster zu jagen, Sire", stammelt er.

Arthur bleibt daraufhin stehen und dreht sich zu Lancelot um. „Ich bin nicht alleine. Merlin kommt mit mir", sagt er und klopft Merlin auf die Schulter. „Und wie es aussieht, kommst du auch mit."

Dann dreht Arthur sich wieder um und will weitergehen, doch Lancelot stellt sich ihm mit einem schnellen Schritt in den Weg. „Sire, Ihr solltet wirklich Eure Ritter mitnehmen, oder noch besser, lasst sie die Bestie alleine jagen. Morgen früh, wenn es hell ist."

Arthur legt den Kopf schief und mustert Lancelot im schwachen Mondlicht, das auf die Wiese fällt. „Lancelot, du kannst entweder mitkommen, oder du gehst mir aus dem Weg", sagt er entschieden.

Lancelot verzieht das Gesicht und wirft einen Blick zu Merlin hinüber und dann wieder zu Arthur, der ihn abwartend ansieht.

„Was soll es also sein?", fragt Arthur eindringlich. „Wir haben nicht die ganze Nacht Zeit."

Lancelot zögert noch einen Moment lang, doch schließlich nickt er. „Ich komme mit Euch."

Arthur nickt anerkennend und Lancelot tritt bei Seite, bevor sie ihren Weg zum hinteren Eingang der Stallungen fortsetzen. Dort satteln Lancelot und Merlin schweigend einen braunen Wallach für Lancelot, bevor sie aufsitzen und losreiten. Keiner von ihnen sagt ein Wort, als sie das Schloss durch das kleine Tor auf der Ostseite verlassen, nachdem zwei Wachen auf ihrem Rundgang den Wehrgang entlang vorbeigegangen sind.

Als sie einige Zeit später das Waldstück erreichen, in dem Merlin an diesem Morgen von dem Greif angegriffen wurde, und ihr Tempo wieder verlangsamen, lenkt Lancelot sein Pferd nach vorne neben Arthur.

„Sire, es tut mir leid, aber ich muss Euch noch einmal sagen, was für eine schreckliche Idee das hier ist. Es ist viel zu gefährlich, Ihr könntet getötet werden."

Das helle Licht des Mondes fällt durch das Blätterdach über ihnen und Arthur dreht den Kopf zu Merlin, der neben ihm reitet. „Merlin, würdest du bitte dafür sorgen, dass Lancelot sich nicht länger Sorgen macht?"

„Und wie genau soll ich das machen?", fragt er verwirrt.

Arthur rollt daraufhin mit den Augen. „Zeig ihm, dass du ohne Schwierigkeiten dazu in der Lage bist, mich vor dem Greif zu beschützen."

„Du meinst ich soll …?" Merlin lässt den Satz unvollendet in der Luft hängen und macht eine vage Handbewegung.

Arthur nickt entschieden. „Ja, bitte. Wenn er weiterhin versucht, uns dazu zu bringen ins Schloss zurückzukehren, dann könnten wir abgelenkt sein, wenn der Greif uns plötzlich angreift. Und etwas Licht wäre außerdem sehr von Vorteil."

Ein Grinsen tritt auf Merlins Gesicht, während er seine rechte Hand hebt. Er weiß, dass er Lancelots Reaktion nicht zu fürchten braucht, denn nachdem Lancelot damals zum ersten Mal herausgefunden hat, dass Merlin ein Zauberer ist, hat er Merlin so akzeptiert, wie er ist und sein Geheimnis bis zu seinem Tod bewahrt. Lancelot ist sowohl für Merlin als auch für Arthur immer ein treuer Freund gewesen und sie haben bereits entschieden, dass sie Lancelot erzählen würden, dass Merlin ein Zauberer ist, ohne darauf zu warten, dass Arthur die Gesetze ändern kann.

Merlin greift nach seiner Magie und er weiß, dass Lancelot das goldene Aufleuchten in seinen Augen sehen kann, bevor eine kleine, blaue Lichtkugel über Merlins Handfläche erscheint.

Lancelot starrt Merlin für einen Moment mit großen Augen an, bevor er zwischen Merlin, der Kugel und Arthur hin und her blickt.

„Du bist ein Zauberer", sagt Lancelot schließlich ungläubig und sein Blick wandert wieder zu Arthur, wie um sich zu versichern, dass Arthur immer noch keine Anstalten macht, sein Schwert zu ziehen und Merlin auf der Stelle niederzustrecken.

Merlin lässt seine Hand wieder sinken und die blaue Lichtkugel schwebt unentwegt neben ihm her.

Lancelot schüttelt verwirrt den Kopf. „Aber ich verstehe das nicht. Magie steht in Camelot unter Todesstrafe."

„Im Moment, ja, aber das wird nicht für immer so sein", sagt Arthur. „Mein Vater war im Unrecht, was Magie angeht. Genauso wie ein Schwert ist Magie nur ein Werkzeug. Die Person, die das Schwert führt, entscheidet, ob sie andere damit beschützt oder, um jemanden aus selbstsüchtigen Motiven damit umbringt. Du kennst Merlin erst seit heute Morgen, aber glaubst du tatsächlich, er könnte ein böser Zauberer sein, der den Thron an sich reißen will?"

Arthur sieht Lancelot prüfend an und Lancelot schüttelt nach einem Moment den Kopf.

„Nein, Sire", sagt er voller Überzeugung. „Merlin hat mir das Leben gerettet, als er mich mit nach Camelot genommen hat um meine Wunde versorgen zu lassen und ich glaube, er ist einer der selbstlosesten Menschen, die ich je getroffen habe."

Arthur lächelt und nickt bestätigend. „Das ist er. Und ich wünsche mir nichts mehr, als dass er sich nicht länger verstecken müsste. Aber genauso wenig wie ich den ersten Kodex der Ritter nur ein paar Wochen nach meiner Krönung von einem Tag auf den anderen ändern kann, kann ich die Gesetze, die Magie seit zwanzig Jahren unter Todesstrafe stellen, nicht einfach so aufheben."

Lancelot nickt und akzeptiert diese Erklärung. Er ist noch nie zuvor in Camelot gewesen und er hat nicht gesehen, wie Arthurs früheres Ich mit unbewegter Miene neben König Uther gestanden hat, während ein vermeintlicher Zauberer auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Andernfalls hätte er Arthurs Worten wohl nicht ganz so einfach Glauben schenken können.

„In Ordnung, dann hätten wir das geklärt. Zurück zu unserem vordringlicheren Problem", entscheidet Arthur. „Wie gehen wir die Sache mit dem Greif an?"

Merlin überlegt einen Moment lang und zuckt dann mit den Schultern. „Na ja, er war ziemlich auf dich fixiert, also denke ich, wir sollten dich als Köder benutzen."

Lancelot starrt Merlin daraufhin entsetzt an. „Merlin, das kann nicht dein Ernst sein!"

Arthur schnaubt jedoch amüsiert und winkt ab. „Keine Sorge, das ist nichts, woran ich nicht gewöhnt wäre. Es wird nur eine neue Erfahrung sein, dieses Mal auch zu wissen, dass ich der Köder bin. Also, was soll ich tun?"

„Reite einfach ein Stück voraus, bleib auf dem Weg und sei dein königliches Selbst", sagt Merlin grinsend.

Arthur schnaubt amüsiert. „Das sollte ich hinbekommen."

Merlin teilt die kleine Lichtkugel neben seine Schulter in zwei identische kleinere Kugeln und eine davon schwebt zu Arthur hinüber, der sie mit einem kleinen versonnenen Lächeln betrachtet. Vermutlich erinnert er sich daran, wie ihm eine ganz ähnliche Kugel vor langer Zeit in den Höhlen des Balor Waldes den Weg gezeigt hat. Damals war Arthur auf die Suche nach der Mortaeus Blume gewesen, um Merlin das Leben zu retten, nachdem er aus Nimuehs vergiftetem Kelch getrunken hatte.

„Und vergiss nicht, dass du nur der Köder bist", ruft Merlin Arthur schließlich noch einmal in Erinnerung. „Bitte, bring den Greif nicht um. Und dein Schwert kann ihn umbringen."

Arthur nickt gehorsam. „Ja, ja ich werde ihm kein Haar krümmen, wenn es nicht unbedingt sein muss. Ich verspreche es", sagt er, bevor er seinen Hengst Hengroen antreibt und ein Stück den Weg entlang voraus trabt.

Als Arthur außer Hörweite ist, dreht sich Lancelot zu Merlin um und sieht ihn eindringlich an. „Sein Schwert ist vollkommen nutzlos! Als ich den Greif getroffen habe, ist mein Schwert in tausend Stücke zersplittert!"

„Arthurs Schwert ist etwas Besonderes", entgegnet Merlin beschwichtigend. „Es ist magisch."

Lancelot zieht jedoch die Augenbrauen zusammen. „Merlin bist du sicher, dass du den König beschützen kannst, wenn das Monster ihn angreift? Auch wenn sein Schwert nicht nutzlos ist, ist er auf sich allein gestellt, bis wir zu seiner Hilfe eilen können. Und das Monster war unglaublich schnell."

Merlin weiß, dass er sich nicht darüber ärgern sollte, dass Lancelot so wenig Vertrauen in ihn hat - er kennt ihn schließlich kaum - aber Merlin fühlt sich dennoch ein wenig gekränkt.

„Zu allererst, der Greif ist kein Monster, er ist eine magische Kreatur", erklärt Merlin so geduldig er kann. „Die Greife waren die heiligen Wächter der Insel der Gesegneten und der Hohepriesterinnen der Dreifaltigen Göttin. Ein Greif sollte nicht einfach wahllos Menschen attackieren. Und zweitens, natürlich kann ich Arthur beschützen, auch wenn er so weit vor uns reitet. Sonst würde ich ihn so etwas überhaupt nicht tun lassen. Ich habe Schutzzauber über ihn und sein Pferd gelegt. Der Greif kann keinen der beiden verletzen."

Lancelot mustert Merlin noch einen Augenblick lang, aber obwohl ihm der Plan, Arthur als Köder zu benutzen, immer noch nicht besonders gut zu gefallen scheint, nickt er schließlich. Dann bildet sich jedoch wieder eine Falte auf seiner Stirn. „Aber, warum hat dieser Greif dann versucht, uns im Wald zu töten?"

Merlin macht eine vielsagende Handbewegung, denn damit hat Lancelot den Kern des Ganzen erfasst. „Wir glauben, dass er verzaubert wurde, um Camelot und die umliegenden Dörfer anzugreifen und am Ende Arthur und seinen Vater zu töten, wenn sie versuchen würden, ihn aufzuhalten."

„Und du hast vor, den Greif zu fangen und den Zauber aufzuheben, wenn er denn tatsächlich verzaubert ist", schlussfolgert Lancelot.

Merlin grinst zufrieden. „Ganz genau", antwortet er.

Lancelot stellt daraufhin keine weiteren Fragen mehr, während sie in etwa gleichbleibender Entfernung hinter Arthur her reiten und die einzigen Geräusche um sie herum, sind die Tiere des Waldes und das gedämpfte Trappeln der Hufe ihrer Pferde auf dem Waldboden. Arthur ist im schwachen Schein der blauen Kugel vor ihnen zwar verhältnismäßig gut zu sehen, aber Merlin muss ein paar Mal den Abstand zwischen ihnen verringern, um ihn zwischen den Bäumen nicht aus den Augen zu verlieren.

Es ist bereits eine ganze Weile vergangen, und Merlin glaubt bereits, dass der Greif sich in dieser Nacht nicht blicken lassen wird, als plötzlich ein krächzender Schrei die Stille durchbricht. Beinahe im selben Moment taucht eine große Gestalt ein Stück vor Arthur aus dem Gebüsch auf und mit einem weiteren Schrei und gespreizten Flügeln, springt der Greif auf Arthur und Hengroen zu.

Merlin reagiert im Bruchteil eines Augenblicks und treibt Llamrei an, während Lancelot neben ihm seinem Pferd ebenfalls die Sporen gibt. In vollem Galopp streckt Merlin eine Hand vor sich aus und ein schmaler Strich aus blauen Flammen züngelt daraufhin zwischen Arthur und dem Greif in die Höhe. Der Greif gräbt seine Krallen in die Erde und schlägt mit den Flügeln, als er jäh abbremst und zum Stehen kommt. Er zuckt vor den Flammen zurück und schüttelt gereizt den Kopf, bevor er erneut einen lauten Schrei hören lässt.

Arthurs Pferd ist ebenfalls vor den magischen Flammen zurückgewichen und Arthur hat Excalibur gezogen, den Blick wachsam auf den Greif gerichtet, während das Tier mit seinem spitzen Schnabel nach den Flammen stößt und schließlich versucht von der Seite her um die Flammen herum zu kommen. Merlin lässt das blaue Feuer höher züngeln und schickt die Flammen ein Stück weiter, um den Greif daran zu hindern Arthur doch noch zu erreichen.

Als Merlin nahe genug ist, hält er Llamrei an und stößt ein paar schnelle Worte in der alten Sprache hervor. Der Greif schüttelt daraufhin den Kopf hin und her und stampft mit einer krallenbesetzten Klaue auf den Boden, während Merlin spürt, wie sich etwas seinem Zauber entgegenstemmt. Er schickt weitere Worte in der alten Sprache hinterher, als er gegen den Widerstand ankämpft. Der Greif stößt einen heiseren Schrei aus und schüttelt erneut den Kopf, doch seine Bewegungen werden langsamer und schließlich fallen seine Augenlider zu und er beginnt zu taumeln. Dann fällt er zur Seite hin um und bleibt bewegungslos auf dem Boden liegen. Merlin lässt seine Hand wieder sinken, als der Greif eingeschlafen ist und nach einem Moment erlischt auch das blaue Feuer auf dem Boden.

Arthur dreht sich zu Merlin um und nickt knapp, bevor er Excalibur wieder in seine Schwertscheide steckt. „Gut gemacht. Woher wusstest du, dass der Greif nicht die Flucht ergreifen würde, wenn er das Feuer sieht?"

Merlin grinst selbstzufrieden und zuckt mit den Schultern. „Das wusste ich nicht. Aber ich dachte mir, wenn er wirklich verzaubert wurde, um dich und deinen Vater zu töten, dann würde er sich nicht von ein bisschen magischem Feuer abschrecken lassen, wenn du schon fast vor ihm stehst."

Arthur wiegt kurz den Kopf hin und her und zuckt schließlich mit den Schultern. Dann steigt er von seinem Pferd ab und Merlin tut es ihm gleich. Lancelot sitzt währenddessen immer noch auf seinem braunen Wallach und starrt Merlin mit offenem Mund an.

„Warum hast du das nicht heute Morgen schon getan, als der Greif uns angegriffen hat?"

Merlin überlegt schnell, was er darauf antworten soll und schließlich zuckt er mit den Schultern. „Der Greif hat mich überrascht und dann bist du gekommen und hast mich mit dir gezogen. Ich hatte einfach keine Zeit zu regieren und bevor ich etwas tun konnte, ist der Greif wieder weggeflogen. Außerdem wusste ich nicht, wer du bist, und da Magie in Camelot unter Todesstrafe steht, wollte ich mich nicht verraten."

Lancelot mustert Merlin noch einen Moment lang nachdenklich. Er scheint Merlins Erklärung aber zu akzeptieren und steigt dann ebenfalls von seinem Pferd. Merlin gibt Lancelot daraufhin die Zügel seiner Stute Llamrei, und geht dann auf den Greif zu.

„Sei vorsichtig, Merlin", sagt Lancelot, als Merlin sich dem Greif nähert.

Merlin lächelt, bevor er sich noch einmal zu Lancelot umdreht. „Danke, aber er wird nicht aufwachen. Dafür habe ich gesorgt."

Als Merlin den Greif erreicht hat, bleibt er neben ihm stehen und streckt eine Hand über dem mächtigen Adlerkopf aus. Dann schließt er die Augen und sucht mit seiner Magie nach dem Zauber, auf den er zuvor getroffen ist. Nach einem Moment hat er die Quelle gefunden. Als Merlin die Augen wieder öffnet, erscheint eine schwere, goldene Kette mit Gliedern so dick wie Merlins Handgelenk, um den Hals des Greifs. An der Kette hängt ein großer, in Gold eingefasster roter Edelstein, der schwach von innen heraus pulsiert.

„Also das hat den Greif kontrolliert", sagt Arthur.

Merlin nickt, während er den roten Stein betrachtet. „Ja, es war unter einem Zauber versteckt, der es unsichtbar gemacht hat."

„Was ist das?", fragt Lancelot, aber Merlin schüttelt nachdenklich den Kopf.

„Ich weiß es noch nicht."

Merlin streckt seine Hand nach dem roten Stein aus, doch als seine Finger die glatte Oberfläche berühren, durchzuckt ihn eine eiskalte Präsenz und er zieht seine Hand augenblicklich wieder zurück, während er das Gesicht verzieht.

„Merlin, alles in Ordnung?", fragt Arthur beinahe sofort und Merlin nickt zerknirscht, ohne sich jedoch umzudrehen. Er hätte wissen müssen, dass es nicht so einfach sein würde.

„Ja, alles in Ordnung", versichert er Arthur. „Ich war nur nicht darauf vorbereitet. Der Stein ist voller Magie - bösartiger Magie."

„Kannst du die Kette abnehmen?", fragt Arthur daraufhin und Merlin nickt.

„Ja, gib mir einen Moment."

Er streckt seine Hand erneut über dem roten Stein aus und als er den Zauber aus kalter, schwarzer Magie angreift, ertönt ein leises Knacken und ein Riss zieht sich durch den Stein, so als ob er von innen heraus in der Mitte zerbrechen würde. Eine schwache, schwarze Rauchzunge steigt aus dem Kristall hervor und verflüchtigt sich einen Augenblick darauf. Mit einem weiteren Zauber zerbricht Merlin eines der dicken, goldenen Kettenglieder und zieht die Kette dann vom Hals des Greifs. Anschließend tritt er einen Schritt zurück.

„Das war's?", fragt Lancelot skeptisch und als Merlin sich zu Lancelot und Arthur umdreht, kann er sich ein kurzes Schnauben nicht verkneifen.

„Ja, da war's", antwortet er amüsiert. „Und obwohl das vermutlich ziemlich einfach ausgehen hat - die Magie, die dazu benutzt wurde, um den Greif zu kontrollieren und die Kette unsichtbar zu machen, war sehr mächtig."

Arthur mustert Merlin eindringlich. „War das Morgause' Werk?"

Merlin betrachtet für einen Moment lang den zerbrochenen roten Stein in seiner goldenen Einfassung und zuckt dann mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Und mir fällt auch kein Weg ein, wie ich es herausfinden könnte."

„In Ordnung", entgegnet Arthur nachdenklich. „Was tun wir jetzt?"

„Wir wecken ihn auf", antwortet Merlin, als ob das auf der Hand liegen würde.

Lancelot betrachtet Merlin daraufhin argwöhnisch. „Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?"

Merlin schmunzelt. „Ja", antwortet er. „Wie ich schon gesagt habe, Greife sind intelligente Wesen und keine wilden Bestien."

Arthur nickt und macht eine Handbewegung in Richtung des bewusstlosen Greifs auf dem Boden vor ihnen. „Dann los."

Merlin wendet sich wieder dem Greif zu und geht ein paar Schritte von ihm weg, doch bevor er den Schlafzauber aufhebt, wirft er noch einmal einen Blick zu Lancelot und Arthur. „Vielleicht solltet ihr auch besser ein Stück zurückgehen."

Arthur sieht Merlin skeptisch an, aber er und Lancelot gehen mit den Pferden ein Stück zurück. Dann hebt Merlin den Schlafzauber auf und einen Moment darauf beginnt der Greif sich zu bewegen. Seine Augenlider klappen auf und die schwarzen Pupillen zucken hin und her, bevor der Greif auf die Füße springt, den Kopf schüttelt und dann vor Merlin zurückweicht.

„Hey, hey, hey. Es ist alles gut. Wir werden dir nicht wehtun", sagt Merlin und hebt beruhigend die Hände. „Wir wissen, dass du gezwungen wurdest uns anzugreifen, siehst du?" Er hält die goldene Kette und das zerbrochene Medaillon kurz hoch, bevor er es dann hinter sich auf den Boden fallen lässt.

Der Greif sieht Merlin jedoch weiterhin unentschlossen an.

„Alles ist gut. Du kannst mir vertrauen. Ich bin Emrys", sagt Merlin sanft.

Der Greif zögert noch einen weiteren Moment lang, doch dann senkt er vorsichtig den Kopf und geht mit langsamen Schritten auf Merlin zu, ohne ihn dabei aus den Augen zu lassen. Merlin streckt eine Hand aus und der Greif schiebt seinen Kopf nach vorne, bis Merlins Fingerspitzen seinen Schnabel berühren. Schließlich lässt der Greif ein leises klackerndes Geräusch hören und Merlin streicht ihm über die kurzen weichen Federn oberhalb seines Schnabels. Der Greif schmiegt daraufhin seinen Kopf an Merlins Hand und schließt die Augen.

Merlin grinst breit, bevor er sich zu Arthur umdreht. „Können wir ihn behalten?"

Arthur lacht leise und schüttelt dann den Kopf, bevor er mit den Schultern zuckt. „Warum nicht? Aber du fütterst ihn."


[3] Die Vorlage für Lady Evaine ist Laetitia Casta gewesen.

[4] Als Sir Bors stellt euch bitte Ray Stevenson vor, als Bors den Älteren mit grauem Bart und mittellangen Haaren und einmal als Bors den Jüngeren als jungen Mann Anfang 20.

[5] Als Sir Ector stellt euch bitte James Nesbitt mit schwarzen Haaren und Bart vor.

A/N: Ich habe keine Ahnung, wie es Merlin all die Jahre geschafft hat sich samt Pferd aus dem Schloss zu schleichen. Das Schloss, in dem die Serie gedreht wurde, hat ein zweites Tor auf der Rückseite, aber davor steht ein Wehrturm und der sollte eigentlich bewacht sein. Die Ställe sind natürlich innerhalb der Burgmauern.

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Ich habe außerdem keine Ahnung, wie Merlin es geschafft hat, Lancelot in der Serie ohne Pferd bis zum Schloss zurück zu schleppen. Deshalb meine Erklärung: Magie. Und Lancelots Wunde musste von einem Stück Schwert kommen. Wenn ihn der Greif erwischt hätte, dann hätte das mit Sicherheit anders ausgesehen.

Wenn man sich außerdem die Geschichte der Greife ansieht, ist es tatsächlich sehr seltsam, dass ein Greif einfach so Dörfer angegriffen hat und er war tatsächlich ziemlich auf Arthur fixiert. Die Greife waren laut Merlin Wiki tatsächlich die Wächter der Hohepriesterinnen.