Chapter 8 - Version 1


Es war der 4. Januar 2060 und Sheridan wechselte an diesem Morgen ständig von der Schreibarbeit an seinem Tisch zum Fenster seines Büros und zurück. Die Nacht war kurz und seine Träume nicht jugendfrei. Drei Delenn und jede von ihnen zog ihn an wie die Motte das Licht. Mit hinter dem Rücken verschränkten Händen stand er am Fenster und dachte schuldig an diese Träume. Zum einen wegen Anna. Zum anderen aber auch wegen Delenn.

Wie konnte er plötzlich wieder solche Träume, Gedanken, Gefühle haben? Und dann ausgerechnet Delenn! Sie war attraktiv, keine Frage. Aber sie war auch die Botschafterin der Minbari und so viel mehr. Diese Träume waren .. unangebracht und .. leider menschlich. Nur, hätte er diese Träume auch, wenn Anna noch leben würde? Sie wäre oft unterwegs wegen ihrer Arbeit und er hier auf der Station mit Delenn in der Nähe.

Er stöhnte gequält und wurde durch das Piepen des BabComs aus seinen Gedanken geholt.

Der Captain ging hinüber. „Ja?"

Auf dem Bildschirm erschien Corwin. „Captain, wir haben eben eine Nachricht von der Erdregierung erhalten. Morgen trifft ein VIP ein, ehm Mr. Endawi. Sie wünschen, dass Sie und Commander Ivanova ihm jede Hilfe gewähren, die er benötigt."

Sheridan rieb sich die Stirn. „Wobei?"

Corwin lächelte schwach. „Das haben sie nicht gesagt."

„Das war alles? Nur sein Name und keine weitere Information?"

„Ja, Sir." Der junge Mann rutschte unkomfortabel vor dem Schirm hin und her.

„Wunderbar," kommentierte der Captain diese Antwort lakonisch. „Danke!" Und damit schaltete er die Verbindung aus. Einen kurzen Moment sah er auf das Logo. „Computer, verbinde mich mit Doktor Franklin!"

Der Doktor erschien. „Was gibt es?" fragte er harsch.

Nur die gehobenen Augenbrauen zeugten von Sheridans Verwunderung über den Ton dieser Frage. „Doktor. Ich wollte mich nur nach dem Zustand von Botschafterin Delenn erkundigen."

„Ihr geht es gut. Sie hat das Medlab bereits vor einer Stunde verlassen," informierte ihn der Mediziner. „Auf eigenem, lautstarken Wunsch."

John grinste belustigt. Sie mag klein sein, aber sie konnte sich selbst gegen jemanden wie Franklin durchsetzen, wenn sie es nur wirklich wollte.

„Das ist nicht komisch, Captain," kam gleich die Schelte vom Doktor. „Ich weiß, dass Minbari körperlich und geistig besser trainiert sind, als wir Menschen und doch .. denken Sie nicht, es war etwas viel für sie in letzter Zeit?"

Sheridan räusperte sich sein Grinsen aus dem Gesicht und nickte ernst. „Doch, doch das denke ich, Doktor. Sie haben völlig recht! Aber .. es ist nun einmal Delenn." Fast entschuldigend hob er die Schultern.

„Ja, ja," brummelte der Doktor und sah den Captain fragend an.

„Das, eh, war es schon. Danke, Doktor!" Auch diese Verbindung wurde gekappt.

Minuten später, als sich Sheridan noch immer nicht auf seine Arbeit konzentrieren konnte, stand er auf und verließ sein Büro in Richtung seines Quartiers.


„Verdammt nochmal, es muss doch hier sein!" schimpfte der Captain vor sich her und ging nochmal alle Bücher durch, die er auf seinem Tisch gestapelt hatte. Doch es war nicht dabei. Einen letzten Versuch machte er bei der einzigen Kiste, die er letztes Jahr noch nicht ausgepackt hatte. Dort fand er es ganz unten und stand freudestrahlend von den Knien auf.

Es summte an der Tür. Sheridan sah sich um. Seine Sucherei hatte ein mittleres Chaos hinterlassen. Es summte ein zweites Mal. „Herein!"

Das Schott öffnete sich und die Botschafterin der Minbari trat ein. Hinter ihr schloss sich die Tür wieder. Verwundert betrachtete Delenn die Unordnung und den Captain mit dem Buch in der Hand.

„John," grüßte sie ihn mit den typisch, amüsiert gehobenen Mundwinkeln, wenn er mal wieder etwas für sie Merkwürdiges sagte oder tat.

„Delenn, eh, entschuldige das Chaos," murmelte Sheridan verlegen. „Aber ich habe etwas gesucht."

„Und auch gefunden, vermute ich," erwiderte sie mit einem Nicken auf das Buch in seiner Hand.

„Ja, ja," stammelte er betreten, ging ein, zwei Schritte auf sie zu und hob das Buch an. „Alice im Wunderland."

Das Lächeln der Botschafterin wurde breiter. Sein Lieblingslächeln, dachte er nicht zum ersten Mal. „Du hast dieses Buch gesucht? Die digitale Bibliothek der Station hat es ebenfalls, John."

Sie hatte also auch danach gesucht, dachte er belustigt. „Aber ein physisches Buch ist besser, Delenn," behauptete er ernst. „Ich wollte es dir ausleihen. Vielleicht magst du es lesen?"

Nun überbrückte sie die letzten Zentimeter zu ihm und streckte die Hand nach dem Buch aus. Er gab es ihr und sah ihr dabei zu, wie sie es aufschlug.

„Es hat Bilder," sagte sie und strich mit den Fingerspitzen über Seiten und Einband. „Ja, ich würde es sehr gerne lesen." Delenn sah auf und begegnete seinem Blick. Es war wieder einer dieser Momente, in denen beide den gleichen Gedanken hatten und doch keiner von ihnen etwas in diese Richtung unternahm.

Sheridan räusperte sich und lächelte. „Dann nimm es bitte bis du es ausgelesen hast!" Ungelenk hob er beide Hände, gestikulierte zum Buch.

„Danke," sagte sie und drückte das Buch an sich. Schließlich machte sie ein paar Schritte zur Seite und sah erst auf den Boden und danach erneut den Captain wieder an. „Ich bin hier, weil ich dich um etwas bitten möchte, John."

Er runzelte die Stirn und legte seine Hände auf den Rücken. Es klang ernst und sofort verwandelte er sich wieder in den Kommandanten von Babylon 5. „Worum geht es?"

„Ich möchte dich darum bitten, dass du niemandem von dem erzählst, was du .. in meinem Kopf gesehen hast!" Sie wandte die Augen von ihm ab und sah auf den Bücherstapel auf dem Tisch.

Sheridan verwandelte sich innerlich und äußerlich wieder zurück und trat auf sie zu. „Natürlich nicht, Delenn," versprach er ihr selbstverständlich.

„Der andere Mann. Das war Doktor Franklin, richtig?"

Er nickte bestätigend. „Es war eine geheime Mission. Wir durften und dürfen sowieso nicht darüber reden."

„Ich weiß nicht, wie ich euch vergessen konnte. Nur Lenonns Leichnam und der Schmerz darüber war mir davon geblieben," flüsterte sie fast.

Das Bedürfnis, sie in den Arm zu nehmen, wurde wieder einmal so groß, dass er kurzzeitig seine Hände zu Fäuste ballte und sie dann erneut auf dem Rücken verschränkte. „Es war Krieg, Delenn. Ich sagte schon, dass es nicht schlimm, nicht mehr wichtig ist. Das ist Vergangenheit. Und ich bin heilfroh, dass wir nicht in meinem Kopf waren!"

Delenn sah ihn an und sie lächelten beide sacht. „Auch in deinem Kopf ist es Vergangenheit, John," sagte sie, hob ihre freie Hand und legte sie auf seine Wange.

Verdammt, warum tat sie das immer mit ihm? „Ich habe einige unschöne Dinge gesagt, getan und gedacht über Minbari. Aber ja, es war Krieg, es ist vorbei. Jetzt ist vieles anders," sagte er mit rauer Stimme.

Die Botschafterin zog ihre Hand abrupt zurück. „Danke für das Buch, John!" Damit ging sie schleunigst zur Tür und verließ sein Quartier.

Es war, als würde ein wärmendes Feuer ausgehen und er blieb in der Kälte zurück. Sheridan starrte seinen Schatz von der Erde an, dann landeten seine gehüteten Bücher mit einem Wischen seiner Hand auf dem Boden. Immer öfter ließ sie ihn frustriert zurück. Und immer öfter wünschte er sich einen Ausweg aus diesem Frust, in die eine oder andere Richtung.


Als er später an diesem Tag in sein Büro zurückkehrte, warteten dort bereits sein Commander und sein Sicherheitschef auf ihn.

„Also? Neuigkeiten?" fragte er sie ernst und sie merkten schnell, dass er ihnen noch immer böse war.

Garibaldi deutete auf die Berichte auf dem Schreibtisch des Captains. „Wir konnten die Sicherheitslücken aufspüren und eliminieren. Die Verantwortlichen sind jedoch allesamt nicht mehr auf der Station."

„Dafür haben die Minbari den Drazi Transporter aufspüren können, mit dem sie geflohen sind," fügte nun Ivanova an.

„Das sind doch mal gute Nachrichten," sagte Sheridan und setzte sich hinter seinen Tisch

„Er war, bis auf ein paar Leichen, leer," sprach Susan weiter. „Und nein, es waren unbekannte Männer und der Drazi-Captain und nicht unsere Künstler."

John seufzte, lehnte sich vor und blätterte die Berichte kurz durch.

„Denken Sie, der VIP morgen, hat etwas damit zu?" fragte ihn der Commander.

„Nein, nein," erwiderte Sheridan und drückte seinen Rücken wieder an die Stuhllehne. „Das muss etwas anderes sein. Er war wahrscheinlich schon längst auf dem Weg hierher, als hier die Hölle losbrach. Ich danke Ihnen!" Er deutete zur nicht vorhandenen Tür. Und Garibaldi und Ivanova ließen sich das nicht zweimal sagen und gingen.


Lennier blätterte in dem Buch von der Erde, als Delenn ihr Gespräch mit Vir über das BabCom beendet hatte. Der junge Minbari stutzte, als er ein farbenfrohes Bild einer Katze mit viel zu vielen entblößten Zähnen entdeckte. „Das ist ein Buch für Kinder?" fragte er seine Mentorin, als sie sich wieder zu ihm setzte.

„So sagte es mir Captain Sheridan und auch der Computer behauptet es," erwiderte sie und betrachtete das aufgeschlagene Bild ebenso verstört. Dann schlug sie das Buch zu. „Die Centauri helfen uns mit den Abbai und ich mag es nicht," stellte sie fest, stand wieder auf und lief durch den Raum. „Aber ihre Konditionen sind annehmbar. Und das Wichtigste: wir schulden ihnen nach diesem Handel nichts."

Ihr Attaché sah ihr beim Hin- und Herlaufen zu.

„Vir wird sich mit dem fertigen Vertrag an dich wenden, Lennier. Wir sollten das Geschäft so schnell wie möglich abschließen!"

Der junge Minbari stand auf und verbeugte sich zustimmend, ging zur Tür und drehte sich wieder um.

„Was gibt es noch, Lennier?" fragte sie zerstreut.

„Geht .. es Ihnen gut, Delenn?" Er musterte sie eindringlich.

Die Botschafterin schaffte es zu lächeln. „Ja, ja mir geht es gut."

Er nickte und verbeugte sich, bevor er ihr Quartier verließ.


Mit geschlossenen Augen meditierte Delenn im Zen Garten der Station. Das Wasser rauschte und nur die Schritte der vorbeigehenden Personen störten sie ab und zu. Dann setzte sich jemand neben sie auf die Bank. Die Botschafterin erkannte die Präsenz und sie studierte ihre Veränderung interessiert, bevor sie ihn ansprach. „Was gibt es, G'Kar?"

Der ehemalige Botschafter bewegte sich nervös und das Leder seiner Kleidung knirschte. „Ich .. habe gehört, was passiert ist, Delenn."

Jetzt öffnete sie die Augen und sah ihn an. Diese Station war schlimmer als Minbar. Jede Neuigkeit, jede Nachricht verbreitete sich in Windeseile. Sie hatte gehofft, dass es dieses Mal anders sein würde und sie wurde enttäuscht. Delenn betrachtete die roten Augen und wandte dann ihren Blick hinüber zu den Steinen. „Offensichtlich lässt sich auf Babylon 5 nichts verheimlichen."

„Zumindest nicht lange und nicht vor mir," erwiderte er. „Delenn, es tut mir leid, was passiert ist." Sie sah ihn wieder an. Der Narn zog ein Stück Papier aus seiner Tasche und streckte es ihr entgegen. „Nehmen Sie es als Dank für alles, was Sie für uns Narn in den letzten Monaten getan haben, Delenn!"

Irritiert sah sie auf seine Hand hinunter und nahm das Papier entgegen. „Was ist das?" wollte sie wissen

G'Kar war bereits wieder aufgestanden. „Sein derzeitiger Aufenthalt. Sie versuchen ihr Äußeres zu verändern und sich neue Identitäten zuzulegen. Wenn Sie schnell genug dort sind, erwischen Sie ihn vielleicht noch." Er verschränkte die Arme vor der Brust, verbeugte sich und ging.

Die Botschafterin entfaltete das Papier, lächelte böse und stand auf. Sie waren nicht auf der Erde.

Wenig später war der Minbari Kreuzer, der die Verfolgung aufgenommen hatte, auf dem Weg zu einem Mond in der Nähe der Drazi Heimatwelt.


Dieser Tag endete damit, dass Delenn anfing, ein Kinderbuch zu lesen.

In einem anderen Quartier versuchte auch Lennier einen Sinn hinter der Geschichte zu finden, die er in der Bibliothek von Babylon 5 aufgerufen hatte.

Sheridan arbeitete lange in seinem Büro und wurde dort vor seinem Feierabend unterrichtet, dass die Minbari fast alle Geflohenen gefangen nehmen konnten. Tom King blieb verschwunden.


ENDE