10. Dezember: Das Allerschlimmste

Das Schlimmste an Teds Tod war, dass sich zuhause eigentlich gar nichts änderte. Er war schon seit Monaten weg. Andromeda war es gewohnt, alleine aufzuwachen und alleine einzuschlafen, alleine zu kochen (weder Nymphadora noch Remus waren sonderlich begabt in der Küche), alleine zu putzen und alleine mit ihren Gedanken zu sein. Sicher, sie hatte Nymphadora und Remus und sie war froh, dass sie nicht wirklich alleine war, aber die beiden waren kein Ersatz für ihren Ehemann. Manchmal vergaß sie sogar für einige Stunden, dass Ted tot war und fragte sich, wann sie wohl seinen nächsten Patronus erhalten würde.

Doch auch wenn sich an ihrem Alltag kaum etwas geändert hatte, die Stimmung in ihrem Haus war gedrückter als damals, als Ted gegangen und Remus noch nicht zurückgekommen war. Damals hatten sie noch die Hoffnung gehabt, beide wohlbehalten zurückzubekommen. Doch jetzt hatte sich diese Hoffnung zumindest für Andromeda zerschlagen und Nymphadora hatte ihren Vater verloren. Das war das Letzte, was sie so kurz vor der Geburt gebrauchen konnte, aber so war das im Krieg. Man verlor die Menschen, die man am meisten liebte und es wurde trotzdem von einem verlangt, dass man so weitermachte, als wenn nichts passiert wäre. Dass man den Schmerz herunterschluckte, wieder aufstand und tat, was nötig war. Was um einiges schwieriger war, wenn man im Haus eingesperrt war und eigentlich gar nichts machen konnte. Es war merkwürdig, dass von ihnen dreien Remus der am besten gelaunte war und sich alle Mühe gab, sie aufzuheitern. Wenn jemand wusste, wie es war, wenn einem Stück für Stück alles genommen wurde, was einem lieb und teuer war, dann war er es. Und trotzdem war er immer noch hier und hatte nie aufgegeben, auch wenn er manchmal bestimmt schon kurz davor gewesen war.

Merlin, die ganze Welt war einfach nur scheiße und es war nicht fair, dass sie in ihr leben mussten!

Wenigstens war es Arthur und Kingsley gelungen, Teds Leiche mitzunehmen und Kingsley hatte es geschafft, sich mit einem Krematorium zu arrangieren, sodass sie verbrannt werden konnte. Er hatte ihnen die Urne gebracht und sich tausendmal dafür entschuldigt, dass er nicht mehr hatte tun können. Jetzt stand sie neben dem bescheuerten Plastikbaum auf dem Dachboden und wartete darauf, dass Andromeda sie vernünftig beerdigen konnte. Anfangs hatten sie sie im Wohnzimmer, aber Andromeda brachte es nicht fertig, sie dort jeden Tag zu sehen. Es tat so schon weh genug.

Wahrscheinlich wären sie noch ewig in diesem Trott geblieben, wenn nicht eines Abends bei Nymphadora die Wehen eingesetzt hätten. Sie riefen sofort die Hebamme, die kam, als ihre Fruchtblase geplatzt war. Trotzdem dauerte es noch eine halbe Ewigkeit, bis das Baby endlich da war. Als Nymphadora ihr schweißüberströmt und strahlend ihren neuen Enkel in die Arme legte, war es der erste Moment in diesem Jahr, in dem Andromeda wirklich glücklich war. Der Kleine war perfekt und gesund und ein wirklich braves Baby, denn er wartete damit, seine Haarfarbe zu wechseln, bis die Hebamme gegangen war. Genau wie Dora als neugeborenes Baby grabschte er nach ihren langen dunklen Haaren, zog die Nase kraus und hatte einen Moment später genau die gleiche Haarfarbe wie sie.

„Er ist genau wie du", sagte Andromeda unter Tränen und lächelte sie an.

„Nicht wahr?", sagte Remus begeistert und schoss ein Foto von Andromeda, Nymphadora und dem Baby. „Genau wie seine Mum. Ganz genau."

„Wisst ihr schon, wie ihr ihn nennen wollt?", fragte Andromeda und zog sanft ihre Haare aus seinem Griff.

Nymphadora schluckte und griff nach Remus' Hand. „Edward. Edward Remus Lupin." Sie schniefte. „Abgekürzt Ted. Teddy. Nach Dad."

Andromeda atmete tief durch. „Das ist … das ist … Er hätte sich sehr gefreut. Wirklich. Aber seid ihr euch sicher? Ihr müsst nicht -"

„Doch", sagte Remus entschieden. „Ted war einer der besten Menschen, die ich kannte, und ich könnte mit keinen besseren Namensgeber für ihn vorstellen."

Nymphadora wischte sich ein paar Tränen aus den Augen und streckte dann wieder ihre Arme nach ihrem Sohn aus. Andromeda gab ihn ihr lächelnd zurück. „Wir wollen, dass Harry sein Pate wird."

„Wirklich?", fragte Andromeda überrascht. Der meistgesuchte Zauberer auf der Welt, der seit Monaten auf der Flucht war, wäre jetzt nicht ihre erste Wahl gewesen.

Remus nickte. „Ja, es würde mir sehr viel bedeuten. Damit er etwas Positives hat, etwas Konkretes, für das es sich zu kämpfen lohnt. Und ohne ihn … ich weiß nicht, ob ich damals den Mut gefunden hätte, wieder zu euch zurückzukommen. Wenn es euch Recht ist, werde ich nachher eine Weile zu Bill und Fleur gehen, um es ihnen zu erklären."

Das war nach Teds Tod die überraschendste Nachricht gewesen, dass Harry, Hermine und Ron zusammen mit Harrys Mitschüler, Lovegoods Tochter und einem Kobold plötzlich bei Bill und Fleur aufgetaucht waren, nachdem ein paar Greifer sie aufgegriffen und in das Haus von Andromedas Schwester gebracht hatten, damit Bellatrix Hermine fast um den Verstand foltern konnte. Darin hatte Bella schließlich genug Übung.

Jetzt wusste Andromeda wenigstens, dass Bellatrix bei Narcissa war. Sie konnte sich vorstellen, wie begeistert ihre kleine Schwester sein musste. (Gar nicht.) Auch wenn sie auf der gleichen Seite standen, Narcissa hatte immer Angst vor Bellatrix gehabt und Andromeda glaubte kaum, dass sich das jetzt, wo Bellatrix eine mehrfache Mörderin war und über ein Jahrzehnt in Askaban verbracht hatte, geändert hatte. Geschah Narcissa aber Recht, wenn sie bei dem ganzen Mist mitmachte! Narcissas Sohn war ja schon gut eingebunden, da er letztes Jahr mehrfach versucht hatte, Dumbledore umzubringen. Todesser und noch in Hogwarts, Narcissa musste so stolz sein! Ganz besonders, weil weder Voldemort noch Bellatrix wahrscheinlich wirklich erwartet hatten, dass Narcissas Sohn damit erfolgreich sein würde und das wohl mehr darauf abzielte, Lucius für sein Versagen zu bestrafen und dabei noch Narcissa zu quälen. Das war schon immer eine von Bellas Lieblingsbeschäftigungen gewesen. Die eigene Familie zu quälen. Und das waren nur diejenigen, die auch auf ihrer Seite standen. Man sah ja, was daraus wurde, wenn sie mit Familienmitgliedern konfrontiert wurde, die die andere Seite unterstützten.

In gewisser Weise war Andromeda sogar froh, dass Ted im Kampf mit den Greifern gestorben war und nicht zusammen mit Harrys Mitschüler nach Malfoy Manor gebracht worden war. Wenn Bella ihn erkannt hätte, hätte sie ihn wahrscheinlich wie Frank und Alice behandelt, nachdem sie mit Hermine fertig gewesen wäre. So war Teds Tod wenigstens schnell und hoffentlich so schmerzlos wie möglich gewesen.

Remus verabschiedete sich bald und apparierte zu Shell Cottage, während Nymphadora müde einschlief. Andromeda schloss leise die Tür hinter ihm und ging in Teddys neues Zimmer. Sie setzte sich in den Schaukelstuhl in der Ecke und schaute ihn fasziniert an. Es war schon so lange her, seit sie ein Baby im Arm gehalten hatte. Sie hatte vergessen, wie klein und zierlich und verknautscht sie so kurz nach der Geburt waren. Und der Kleine sah genauso aus wie Nymphadora. Seine Haare waren mittlerweile rot geworden und in ein paar Tagen würde er wahrscheinlich schon seine Nase ändern können. Nymphadora hatte es als kleines Kind geliebt, jede Tiernase zu imitieren, die sie in ihrem Bilderbuch gesehen hatte.

Und soweit sie es beurteilen konnte, hatte Teddy überhaupt nichts wölfisches an sich. Wahrscheinlich würden sie bis zum nächsten Vollmond in einer Woche warten müssen, um Gewissheit zu bekommen, aber Andromeda machte sich keine Sorgen. Darum nicht. Und wenn Teddy doch ein Werwolf sein sollte, was soll's! Wer konnte diesen kleinen Kerl nicht lieben? Besonders, wenn er genau wie seine Mutter die Nase kraus zog, die Augen schloss, einschlief, und seine Haarfarbe sich wieder zu dunkelbraun änderte.

Eine Stunde später kam Remus angetrunken ins Haus gestolpert. Sie hatten Glück, dass er ohne Zwischenfälle hatte apparieren können, aber Remus war es gewohnt, unter Schmerzen präzise zu zaubern. Und übel nehmen konnte sie es ihm nicht. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie Ted sich nach Nymphadoras Geburt mit seinen Freunden betrunken hatte. Hätte sie nicht stillen müssen und sich ihr Körper angefühlt, als ob sie von einem Hippogreif übertrampelt worden war, hätte sie mitgemacht.

Er trank ein großes Glas Wasser und nahm ihr dann Teddy ab. Ungläubig schaute er auf das kleine Baby.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich mal etwas so gutes zustande bringen würde", sagte er fasziniert und strich mit seinem Finger über Teddys Wange. „Er ist so wunderbar. Genau wie Dora. Hoffentlich ganz genau wie sie."

Andromeda stand auf und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Und wenn er wie du ist, dann ist das auch in Ordnung."

Remus schluckte. „Ich hoffe nicht. Ich will nicht, dass so ein kleines unschuldiges Wesen jemals solche Schmerzen kennen lernen muss. Das hat er nicht verdient." Er seufzte. „Er hat eine gute Welt verdient, eine friedliche Welt, wo man sich nicht ständig fragen muss, ob man seinen engsten Freunden vertrauen kann oder sie am Ende für deinen Tod verantwortlich sein werden."

Andromeda schluckte. Genauso hatte sie sich bei Nymphadoras Geburt gefühlt und es war schrecklich, dass sie sich bei der Geburt ihres Enkelkindes immer noch so fühlen musste. Auch wenn sie über ein Jahrzehnt in Frieden gelebt hatten, es hatte sich nichts geändert. Es war alles nur noch schlimmer geworden und sie hatte auch noch Ted verloren.

Aber wenigstens hatten sie jetzt Teddy und wie Nymphadora damals gab er Andromeda Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Es wäre nur schön, wenn der Kleine auch mal eine Nacht durchschlafen und nicht die ganze Zeit das halbe Haus zusammenschreien würde. Nymphadora hatte angeboten, einen Schallschutzzauber um ihr Zimmer zu legen, aber Andromeda fühlte sich nicht wohl bei dem Gedanken, dass einem von ihnen etwas passieren könnte und sie würde nichts davon hören. Da wurde sie lieber von lautem Babygeschrei aus dem Schlaf gerissen.

Am Tag des Vollmondes saß Remus dann wie auf glühenden Kohlen. Er brachte es kaum fertig, Teddy auch nur für ein paar Sekunden hinzulegen und suchte ihn ständig nach irgendwelchen Anzeichen ab, dass er sich verwandelte. Teddy war kein großer Fan davon, ständig gepiekt zu werden, aber er genoss es sichtlich, so viel bei seinem Vater zu sein und hatte seine Haarfarbe gleich am Morgen der von Remus angepasst. Nymphadora fand es herrlich, einfach schlafen zu können und nur zum Stillen geweckt zu werden, auch wenn sie Remus entnervt aus dem Zimmer warf, als er sie zum wiederholten Male fragte, ob sie spürte, dass ihr eine Woche alter Sohn plötzlich Zähne hatte.

Er zögerte es so lange wie möglich hinaus, seinen Trank zu schucken und ermahnte sie dauernd, dass sie vorsichtig sein mussten, sollte Teddy sich doch verwandeln. Dann ließ er sie aber endlich allein, um sich in Ruhe verwandeln zu können und Nymphadora lehnte sich erleichtert zurück.

„Um Himmels Willen, ich dachte schon, er verschwindet gar nicht mehr", sagte sie kopfschüttelnd. Sie warf einen prüfenden Blick in den Tragekorb, in dem Teddy friedlich vor sich hinschlummerte und biss dann glücklich in ein Stück von der Pizza, die sie sich hatten liefern lassen.

„Er macht sich Sorgen, das müsstest du doch am Besten verstehen", verteidigte Andromeda ihren Schwiegersohn und nahm sich ebenfalls ein Stück.

„Teddy ist kein Werwolf, das kann doch jeder sehen." Davon war Nymphadora felsenfest überzeugt und Andromeda hoffte, dass sie Recht hatte.

Zur Ablenkung suchten sie nach einer alten Folge von EastEnders und taten so, als würden sie nicht alle zwanzig Sekunden einen Blick auf das Baby werfen. Nach einer Stunde fing Teddy an, sich zu regen und zwei Minuten später schrie er wie am Spieß, weil er Hunger hatte. Nymphadora fing an, ihn zu stillen und summte zur Beruhigung völlig falsch einen von Celestina Warbecks größten Hits. Andromeda stand leise auf und warf einen Blick aus dem Fenster. Der Vollmond stand hoch am Himmel und Teddy sah aus wie immer. Seine Haare wurden langsam grün, aber das war auch die einzige Veränderung.

Andromeda atmete erleichtert durch und setzte sich wieder zu ihrer Tochter.

„Siehst du, Mum?", sagte sie grinsend, während Andromeda Teddy ihren Zeigefinger hinhielt, damit er ihn umklammern konnte. „Es ist alles in Ordnung. Er ist absolut perfekt und Remus hätte sich gar keine Sorgen machen müssen."

„Wenn man einmal ein Kind hat, dann wird man nie wieder damit aufhören, sich Sorgen zu machen. Außerdem hat Remus wahrscheinlich nie was anderes gemacht." Sie lächelte Teddy zu, der sie aus großen Kulleraugen anstarrte. Er sah herzallerliebst aus in seinem Holyhead Harpies Strampler. „Vielleicht wird er ja ein bisschen entspannter, jetzt, wo er weiß, dass er sein Kind nicht zu einem Leben voller Schmerz verdammt hat."

Nymphadora nickte. „Und wenn wir endlich gewonnen haben, dann werden wir Umbridge endlich aus dem Ministerium schmeißen und diese diskriminierenden Gesetze in den Müll werfen. Remus ist zehnmal mehr wert als alle diese Idioten. Und dann kann er endlich damit aufhören, sich Vorwürfe zu machen, dass er uns alle zu Aussätzigen gemacht hat. Der ganze Orden ist ein Haufen von Aussätzigen, da gibt es doch kaum noch einen Unterschied! Du wirst sehen, Mum, dieses Mal wird die Welt wirklich besser, wenn Du-weißt-schon-wer endlich tot ist und alle seine Todesser gefasst worden sind. Dieses Mal schon. Es muss besser werden. Es muss einfach! Ich lasse es nicht zu, dass Teddy in dieser beschissenen Welt aufwachsen muss!"

„Dafür lohnt es sich immer, zu kämpfen", stimmte Andromeda ihr zu. „Eine bessere Welt für uns alle, und ganz besonders für Teddy."

Am nächsten Morgen war Remus so erschöpft wie immer, aber überglücklich, dass Teddy sich nicht verwandelt und auch sonst irgendwelche wölfischen Anzeichen gezeigt hatte. Selbst Bill hatte gesagt, dass er nach Greybacks Angriff an Vollmond aggressiver war und Fleur ihn immer in den Keller schickte, wenn es ihr zu dumm wurde. Aber Teddy hatte sich so verhalten wie immer und sie hatten keinen Grund zur Annahme, dass sich da etwas ändern würde. Andromeda hatte trotzdem vorgeschlagen, dass sie sein Blut auf das Werwolfgen untersuchen lassen sollten, sobald sie wieder gefahrlos ins Mungos konnten. Es war nicht unmöglich, dass eventuell durch die Pubertät etwas aktiviert wurde, was momentan noch passiv war. Aber in der nächsten Zeit würden sie sich keine Sorgen machen müssen.

Sie konnte sich nicht erinnern, dass sie Remus schon jemals so befreit erlebt hatte. Vielleicht damals, als Sirius noch gelebt hatte und sie in alten Zeiten geschwelgt hatten, als Peter sie noch nicht verraten hatte und sie noch die vier Rumtreiber gewesen waren. Aber das war schon so lange her.

Doch gerade, als die Stimmung sich bei ihnen zuhause etwas gebessert hatte, platzte schon die nächste Bombe. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich in der Zauberwelt die Nachricht, dass Harry und seine Freunde bei Gringotts eingebrochen und auf einem Drachen geflohen waren. Dann meldete sich Molly bei ihnen und ließ sie wissen, dass Franks und Alices Sohn aus Hogwarts eine Nachricht geschickt hatte, weil Harry dort angekommen war und es wohl endlich zu der großen unausweichlichen Konfrontation kommen würde, die sie alle befürchtet hatten.

Remus schaute betreten von Nymphadora zu Teddy zu Andromeda, bevor er nach seinem Zauberstab griff und seinen Umhang holte. „Es tut mir Leid, aber ich muss dorthin. Ich hab zu lange auf diesen Moment gewartet und … ich muss dorthin. Für Teddy. Für uns." Nymphadora nickte. Remus küsste sie und beugte sich dann zu dem Tragekörbchen hinunter und küsste seinen Sohn auf die Stirn. „Ich hab dich so lieb, Teddy. Wenn wir Glück haben, ist morgen schon alles vorbei und wir können vielleicht endlich in Frieden leben." Er richtete sich auf. „Ich pass auf mich auf. Pass du auf euch auf."

Er nickte ihnen zum Abschied zu und war einen Moment später im Garten disappariert. Andromeda starrte sprachlos auf die Stelle, wo ihr Schwiegersohn gerade verschwunden war. Sollte es wirklich nach all diesen Monaten und Jahren endlich vorbei sein? Konnte es wirklich sein, dass Voldemort morgen besiegt sein würde und sie in Frieden leben konnten? Es kam ihr zu schön vor, um wahr zu sein.

Nymphadora dachte anscheinend ganz ähnlich. Kaum war Remus verschwunden, fing sie unruhig an, im Wohnzimmer auf und ab zu gehen. Teddy spürte ihre Unruhe und wurde ganz quengelig. Nichts konnte ihn beruhigen, weder füttern noch eine neue Windel, singen oder EastEnders. Andromeda fummelte an ihrem Radio herum, aber es war absurd zu glauben, dass es eine neue Folge PotterWatch geben würde. Alle Beteiligten waren wahrscheinlich in Hogwarts.

Andromeda hatte sich gerade entschlossen, Teddy noch einmal zu wickeln, um wenigstens das Gefühl zu haben, etwas produktives zu tun, als Nymphadora mit ihrem Umhang bekleidet und ihrem Zauberstab in der Hand im Wohnzimmer auftauchte und ihre Mutter entschuldigend anschaute. „Es tut mir Leid, Mum, ich kann nicht einfach hier rumsitzen, während Remus und die anderen in Hogwarts gerade ihr Leben riskieren. Ich bin eine Aurorin, ich war in diesem Krieg von Anfang an im Orden, ich kann nicht länger hier herumsitzen, wenn ich da draußen endlich etwas ausrichten kann. Ich will mich nicht den Rest meines Lebens fragen müssen, ob wir wegen mir verloren haben, wenn etwas schief geht und ich nicht dort war."

Andromeda schaute von ihrer Tochter zu Teddy und zuckte hilflos mit den Schultern.

„Teddy wird das verstehen, nicht wahr, mein Schatz?" Sie küsste ihren Sohn auf die Wange, der schläfrig blinzelte, während er in Andromedas Armen lag. „Es wird alles in Ordnung kommen, du wirst schon sehen, Mum." Sie umarmte ihre Mutter vorsichtig und küsste auch sie auf die Wange, und eilte dann ebenfalls in den Garten, um zu disapparieren.

Andromeda starrte ihr sprachlos hinterher und umklammerte Teddy dann umso fester. Sie fragte sich, ob sie die beiden hätte aufhalten sollen. Oder wenigstens Nymphadora, damit Teddy zumindest einen von beiden ganz sicher hatte, wenn das alles vorbei war. Aber sie wusste, dass sie das nicht nachvollziehen konnte, dieses Bedürfnis, mitten drin zu sein und aktiv gegen die andere Seite zu kämpfen, wenn nötig. Remus und Nymphadora waren beide in der Offensive. Und Ted war es auch gewesen, er hatte sich damals vor allem ihr und ihrer kleinen Familie zuliebe zurückgezogen. Wenn es sie nicht gegeben hätte, da war Andromeda sich sicher, wäre auch Ted im Orden aktiv gewesen. Er war nur ihr zu Liebe so vorsichtig und zurückhaltend gewesen. Denn Andromeda war absolut nicht offensiv, sie war defensiv und es lag ihr mehr, die Teile zu suchen und wieder zusammenzusetzen, die andere zuvor in Stücke gerissen hatten.

Sie konnte von Remus und Nymphadora nicht verlangen, dass sie das gleiche wie sie tun würden. Trotzdem hätte sie sich gewünscht, dass die beiden hiergeblieben wären, bei Teddy und ihr und darauf gewartet hätten, dass alles vorbei war.

Sie schluckte und schaute dann zu Teddy, der mittlerweile in ihren Armen eingeschlafen war. „Komm mit, mein Schatz. Du kannst heute bei mir im Bett schlafen, bis Mummy und Daddy wieder da sind. Wenigstens haben wir zwei uns noch, wenn uns schon alle anderen im Kampf für eine bessere Welt alleine lassen. Wenn wir Glück haben, wird die Welt morgen schon ganz anders aussehen. Hoffentlich besser."

Teddy schlief nach einer Weile ein, auch wenn sein Schlaf ziemlich unruhig war. Andromeda döste ein paar Mal ein, aber wirklich gut schlafen konnte sie nicht. Und jedes Mal, wenn Teddy anfing zu weinen schreckte sie auf und tastete nach ihrem Zauberstab. Glücklicherweise hatte Nymphadora ein paar Flaschen Milch abgepumpt, sodass sie Teddy ohne Probleme füttern konnte. Sie starrte nach draußen in die dunkle Nacht und wünschte sich inständig, zu erfahren, was passierte.

Letzten Endes legte sie Teddy in seinen Tragekorb und deckte ihn ab, damit ihn das Licht nicht störte, und schaltete den Fernseher ein. Sie fand eine alte Folge EastEnders, die Ted gehasst hatte, und schaute sie sich lächelnd an. An manchen Stellen konnte sie genau Teds Stimme hören und wie er sich über die Handlung und die Schauspieler aufgeregt hatte und am Ende fiel sie in einen unruhigen Schlaf. Aber wenigstens konnte sie schlafen und fühlte sich ein bisschen erfrischter, als Teddy sie in der Früh durch sein lautes Weinen weckte, weil er Hunger hatte.

„Ich weiß, du hättest lieber deine Mummy, aber heute musst du wohl noch mit mir Vorlieb nehmen", sagte sie tröstend zu ihrem Enkel, der das Fläschchen, das sie ihm hinhielt, missmutig betrachtete. „Wenn du das nicht trinkst, gibt's gar nichts, junger Mann!", sagte sie streng, fing aber sofort an zu lächeln, als er dann doch endlich damit begann, die Milch zu trinken. Als er satt war, badete sie ihn, mehr um sich selbst zu beruhigen als ihn, und als er sauber war, legte sie ihn in sein Tragekörbchen und setzte sich mit ihm in den Garten, damit er ein bisschen an die frische Luft kam. Auch wenn er das Ereignis verschlief. Sie wäre gerne mit ihm im Dorf spazieren gegangen, aber seit seiner Geburt hatte keiner von ihnen das Haus verlassen, mit Ausnahme von gestern Abend, und Teddy hatte bisher leider nur mit ihrem Garten Vorlieb nehmen müssen. Es war ein schöner Garten, und jetzt, wo der unbeständige April vorbei war und das Wetter langsam wärmer und schöner wurde, konnte er mehr Zeit hier verbringen. Und wenn die anderen in Hogwarts Erfolg hatten, dann wäre dieses Problem auch endlich gelöst.

Sie hoffte nur, dass Remus und Nymphadora noch eine Weile bei ihr bleiben würden. Ohne ihre Gesellschaft wäre sie in den letzten Monaten verrückt geworden, ganz besonders nach Teds Tod. Ihre Tochter und ihr Schwiegersohn hatten ihr Halt gegeben und seit Teddy auf der Welt war hatte sie auch wieder angefangen zu lächeln. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie schrecklich sie sich gefühlt hätte, wenn sie ganz alleine in ihrem Haus hätte sein müssen. Wahrscheinlich so wie Sirius, als er tagaus und tagein in einem Haus festgesessen hatte, das ihm zuwider gewesen war. Wenigstens liebte sie ihr Haus, auch wenn jede Ecke sie an Ted erinnerte.

Sie nahm Teddy aus seinem Körbchen, als der sich nach seinem Nickerchen zu regen begann, und wollte gerade ein neues Fläschchen für ihn vorbereiten, als zwei Gestalten im Garten erschienen.

Andromeda presste Teddy an ihre Brust und griff reflexartig nach ihrem Zauberstab, den sie erst sinken ließ, als sie sah, dass es keine Todesser waren. Aber es waren auch nicht Nymphadora und Remus, die mit betretenen Gesichtern auf sie zukamen, sondern Molly Weasley und Harry Potter. Beide sahen sie erschöpft an, aber wenigstens ein kleiner Stein fiel Andromeda sofort vom Herzen, als sie sah, dass Harry am Leben war. Wenn er noch lebte und Hogwarts verlassen hatte, bedeutete das, dass es vorbei war, oder? Dass sie gewonnen hatten und Voldemort endlich tot war. Oder?

„Andromeda!", rief Molly und eilte zu ihr, um sie zu umarmen. Sie lächelte Teddy zu und strich ihm über seine violetten Haare. „Wie schön, dass es euch gut geht!"

Andromeda erwiderte die Umarmung, so gut es mit Teddy im Arm ging. Sie hatte ganz vergessen, wie schön es war, Menschen zu sehen, die sie kannte. „Ich freu mich auch, euch zu sehen", sagte sie und schaute von Molly zu Harry. „Dann ist es vorbei? Ihr-wisst-schon-wer ist tot?" Harry atmete tief durch und nickte nach ein paar Sekunden. Andromeda atmete erleichtert auf und eine Anspannung, die seit Jahren da war, löste sich endlich und fiel von ihr ab. „Merlin sei Dank!" Es war wirklich vorbei! Sie konnte es kaum glauben. Nach so vielen Jahren und so viel Schmerz und Leid könnte endlich Frieden herrschen. Sie schaute von Harry zu Molly. „Wo sind Dora und Remus? Sind sie noch in Hogwarts?"

Harry schluckte und Mollys Unterlippe fing an zu zittern, bevor sie unvermittelt in Tränen ausbrach. Teddy schien das nicht geheuer zu sein und fing auch lautstark zu weinen an, aber Andromeda ignorierte ihn und konzentrierte sich nur auf Molly. „Molly? Was soll das bedeuten?"

„Andromeda", fing Harry mit betretener Stimme an.

„Es tut mir so leid, Andromeda", fiel Molly ihm ins Wort. „So leid! Du glaubst gar nicht, wie sehr. Ich weiß, wie schrecklich es ist und es tut mir so leid!"

„Was?", fragte Andromeda ungläubig und schaute von Molly zu Harry und wieder zurück zu Molly, während sie Teddy abwesend hin und her schaukelte, um ihn zu beruhigen. „Wollt ihr damit sagen …?"

Molly schniefte. „Sie sind tot! Sie haben gekämpft und alles getan und alles gegeben und es tut mir so schrecklich leid, Andromeda."

Ungläubig schüttelte sie den Kopf. „Nein, da müsst ihr euch irren. Nein, nein! Die beiden sind gute Kämpfer, sie sind immer heil zurückgekommen, sie würden Teddy nicht im Stich lassen, bestimmt irrt ihr euch nur …"

„Es tut mir so leid, aber sie sind tot. Wir haben sie beide gesehen, Bill hat dabei geholfen, sie zu den anderen Toten zu bringen, wir täuschen uns nicht." Sie wischte sich mit ihrem Umhang über die Augen, aber es kamen immer noch neue Tränen. „Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich irren will, wenn es ich es ungeschehen machen könnte, wenn die Toten wieder lebendig sein könnten …"

Andromeda ließ sich langsam in ihren Stuhl sinken und schaute dann auf Teddy, der immer noch nicht aufhören wollte zu weinen. Sie sah zu Harry, der schuldbewusst den Blick abgewandt hatte. „Kannst du Teddy nehmen? Ich kann nicht …"

Harry war überrascht, trat aber rasch zu ihr und nahm ihr unsicher das Baby ab. Teddy hörte sofort auf zu weinen und schaute fasziniert die neue Person an, die er noch nie gesehen hatte.

Andromeda wandte sich wieder an Molly, die immer noch weinend vor ihr stand und bedeutete ihr, dass sie sich in einen der anderen Stühle auf der Terrasse setzen konnte. Molly setzte sich rasch hin und nahm Andromedas Hand.

Sie räusperte sich. „Was ist passiert?", fragte sie mit rauer Stimme.

Molly schniefte erneut. „Wir wissen es nicht genau, keiner von uns hat gesehen, was passiert ist, wir haben sie erst hinterher gesehen. Aber jemand hat gesagt, dass Remus sich wohl als letztes mit Greyback duelliert hat und Dora … sie ist wohl mit Bellatrix Lestrange aneinander geraten …"

Andromeda schloss die Augen. Sie hatte das Gefühl, dass sich in ihrem Magen ätzende Säure ausbreitete. Bellatrix. Natürlich Bellatrix. Was denn sonst? Sie hatte vielleicht nicht Ted erwischt, wie sie es ihr damals geschworen hatte, aber dafür hatte sie ihr das Allerliebste, das Wichtigste in ihrem Leben genommen. Ihre wunderbare perfekte Tochter. Und Teddy seine Mutter. Natürlich war es Bella gewesen. Wer sonst? Nicht nur Sirius war wegen ihr gestorben, jetzt hatte sie auch noch Nymphadora auf dem Gewissen. Ihre schlimmsten Albträume hatten sich bewahrheitet. „Seht ihr?", hätte sie jetzt am liebsten zu Ted und Nymphadora gesagt. „Seht ihr? Ihr habt mir nicht geglaubt, ihr habt gedacht, dass ich übertreibe, und ich hatte doch Recht!"

Aber Nymphadora und Ted waren nicht mehr da. Sie konnten sie nicht mehr hören.

„Und was ist mit Bella?", fragte sie schließlich. „Voldemort ist tot, aber was ist mit ihr? Will man sie wieder nach Askaban bringen? Das hat beim letzten Mal schon nicht funktioniert."

„Sie ist tot", erwiderte Molly. „Sie ist tot. Sie wird niemandem mehr etwas tun, versprochen."

„Oh", murmelte Andromeda. „Gut." Es war eine Erleichterung, dass Teddy und sie keine Angst vor ihr haben mussten, aber nach allem, was sie gerade verloren hatte, war es auch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. „Wie ist sie gestorben?"

„Ich habe sie getötet", sagte Molly mit fester Stimme. „Sie hat sich mit Ginny, Hermine und Luna Lovegood duelliert, als wir am Ende alle anderen schon fast überwältigt haben und ich konnte nicht zulassen, dass sie auch noch meine Tochter umbringt, nach allem …" Ihre Stimme fing unvermittelt an zu zittern und sie brach ab.

Andromeda nickte, ein wenig überrascht. „Du hast sie getötet? Du musst sehr gut sein, Bella war nie einfach zu überwältigen."

„Ich habe nie gerne offensiv gekämpft", sagte Molly schulterzuckend. „Aber das heißt nicht, dass ich es nicht kann. Und nachdem wir schon Fred verloren haben … ich konnte nicht noch ein Kind verlieren und diese Frau hat nur Schaden angerichtet."

„Ihr habt Fred verloren?", fragte Andromeda ungläubig und Molly nickte betreten. Neue Tränen liefen ihr über die Wangen und Andromeda konnte endlich verstehen, warum ihr das alles so nahe ging. Auch wenn Molly noch den Großteil ihrer Familie hatte, sie waren beide Mütter, die ihre Kinder verloren hatten. „Das tut mir so leid."

„Es ist schrecklich", murmelte Molly und umarmte Andromeda, die ihr Gesicht in Mollys Umhang vergrub und still zu weinen begann. Nymphadora war so schnell gegangen, dass sie sich kaum von ihr hatte verabschieden können. Und Teddy würde sie nie kennen lernen, und seinen Vater auch nicht. Er würde sich an seine Eltern nicht erinnern können. Und Andromeda würde sie nie wiedersehen. Einfach so. Sie waren alle viel zu jung gewesen, um zu sterben, sie hätten noch so viel vor sich gehabt und jetzt waren sie ganz allein, sie und Teddy.

Sie lagen sich eine Weile weinend in den Armen, bis Teddy anfing zu quengeln und lautstark sein Fläschchen verlangte. Es war die letzte Flasche, die Nymphadora abgepumpt hatte. Sie würde in eine Apotheke gehen und Milch kaufen müssen.

Während sie die Milch aufwärmte, erzählten Molly und Harry ihr abwechselnd in groben Zügen, was passiert war. Es war furchtbar, wie viele Tote es auf beiden Seiten gegeben hatte. Soweit hätte es nie kommen dürfen. Sie war froh, als sie hörte, dass Kingsley zum neuen Zaubereiminister ernannt wurde, wenn auch nur vorrübergehend. Endlich war jemand kompetentes auf dem Posten, dem sie trauen konnten.

„Ich hab mit Remus gesprochen, als ich zu Voldemort gegangen bin, um mich zu stellen", sagte Harry. Andromeda hatte nicht ganz verstanden, warum es notwendig gewesen war, dass Harry sich von Voldemort töten ließ, aber Dumbledores Plan war am Ende aufgegangen, schließlich stand er lebendig vor ihr, also waren ihr die Einzelheiten herzlich egal.

„Was?", fragte sie überrascht. „Er ist ein Geist? Ich hätte nicht gedacht, dass er zurückbleiben wollen würde …"

Harry schüttelte den Kopf. „Nein, das nicht. Es hatte mit dem Zauber gegen Voldemort zu tun, den Dumbledore mir hinterlassen hat. Und es ist auch nicht wichtig, warum, es ist nur wichtig, dass er mir gesagt hat, dass er hofft, dass Teddy eines Tages verstehen wird, dass er eine Welt schaffen wollte, in der er glücklich leben kann."

Andromeda schluckte. „Ich weiß. Dora und er haben viel davon gesprochen. Ich weiß, dass das ihr größter Wunsch war und ich kann verstehen, warum sie unbedingt dabei sein wollten, ich wünschte nur …"

„Ich weiß, ich auch", erwiderte Molly. Mittlerweile hatte sie Teddy im Arm, der nach seinem Fläschchen rasch eingeschlafen war. Er hatte Mollys Zeigefinger umklammert und um ihren Mund spielte ein leichtes Lächeln. „Ich hab mit aller Macht versucht, wenigstens Ginny nach Hause zu schicken, und am Ende war sie direkt in Bellatrix' Schusslinie."

Andromeda seufzte. „Vor meiner Schwester war man noch nie sicher. Sie hat Narcissa und mich schon als kleines Mädchen gequält, ich hab nie was anderes von ihr erwartet." Sie schüttelte den Kopf. „Sirius war der einzig Gute. Der Rest von meiner Familie war schon immer beschissen."

„Sie haben auch ihre Momente", warf Harry vorsichtig ein. Andromeda zog ungläubig eine Augenbraue hoch. „Ich mein ja nur. Draco Malfoy hat es nicht über sich gebracht, Dumbledore zu töten. Und er hat nicht bestätigt, dass ich es war, als die Greifer und nach Malfoy Manor gebracht haben. Und wirklich gekämpft hat er letzte Nacht auch nicht. Außerdem hat Regulus Black sich im letzten Krieg auch gegen Voldemort gestellt und ist sogar dabei gestorben, ihn aufzuhalten."

„Ach wirklich?", fragte Andromeda überrascht. Sie konnte sich an Regulus kaum erinnern, Sirius hatte immer alle anderen in den Schatten gestellt, aber sie hatte sich auch nicht gewundert, dass er sich nach der Schule Voldemort angeschlossen hatte. Da hatte ihr kleiner Cousin mehr Rückgrat gehabt, als sie gedacht hätte.

„Und ohne Narcissa Malfoy wäre ich wahrscheinlich gar nicht zurück nach Hogwarts gekommen, sodass die anderen die Todesser überwältigen konnten", fuhr Harry fort. Andromeda sog scharf die Luft ein, als sie das hörte. Ihre Schwester hatte sich immer aus allem rausgehalten, so gut sie gekonnt hatte. Das klang überhaupt nicht nach ihr. Harry nickte bekräftigend. „Ja, Voldemort hat sie geschickt, um zu sehen, ob ich auch wirklich tot bin, und weil sie nur zu Draco ins Schloss wollte, um ihn zu holen und in Sicherheit zu bringen, hat sie gelogen. Ohne sie hätten wir es wahrscheinlich nicht geschafft."

Andromeda musste unwillkürlich lächeln. Das klang nun wieder ganz eindeutig nach Narcissa. Ihre Handlungen hatten Harry und den anderen Überlebenden vielleicht geholfen, waren aber purer Eigennutz gewesen. Natürlich hatte Narcissa nur gelogen, um ihre eigene Haut zu retten und die ihres Sohnes. Etwas anderes interessierte sie überhaupt nicht. Und sie hatte ihren Mann und ihr Kind noch, während Andromeda alles verloren hatte. Natürlich kam Narcissa mal wieder unbeschadet davon. Wie hätte es auch sonst sein können?

Es dauerte nicht mehr lange, bevor Molly Andromeda den schlafenden Teddy zurückgab und Harry und sie Anstalten machten, zu gehen. „Es tut mir wirklich leid, Andromeda, aber wir müssen zurück. Es gibt in Hogwarts noch so viel zu klären, das Ministerium muss wieder organisiert werden und dann müssen die ganzen Beerdigungen vorbereitet werden …" Sie schluckte. „Wir sagen dir Bescheid. Du kümmerst dich am besten nur um Teddy. Wichtig ist vor allem, dass du weißt, dass die meisten Todesser entweder tot oder gefangen worden sind und du wieder ohne Sorge vor die Tür und zurück in die Zauberwelt kannst. Okay? Ihr seid so sicher wie möglich."

Andromeda nickte, auch wenn es noch eine Weile dauern würde, bis sie das wirklich glauben konnte. Aber wenn Bellatrix wirklich tot war, dann stand sie wahrscheinlich auf niemandes Liste ganz oben.

Harry lächelte ihr zögerlich zu und schaute dann auf Teddy. „Ist es in Ordnung, wenn ich manchmal vorbeikomme, um Zeit mit ihm zu verbringen? Er ist mein Patensohn und ich hab's Remus versprochen und Sirius … ich möchte Teddy einfach gerne kennen lernen, jetzt, wo alles vorbei ist."

Andromeda nickte. „Natürlich. Er kann jeden Menschen in seinem Leben gebrauchen."

„Ihr könnt natürlich auch gerne jederzeit zu uns in den Fuchsbau zum Essen kommen. Auch mal übernachten, wir haben genug freie Zimmer, jetzt, wo die meisten Kinder ausgezogen sind", fügte Molly hinzu. „Wenn sich alles etwas beruhigt hat, seid ihr jederzeit willkommen, ja?" Andromeda drückte ihre Hand und nickte erneut. Es war absolut nicht dasselbe, aber es war schön zu wissen, dass sie nicht alleine war. Und wenn jemand verstehen konnte, wie sie sich fühlte, dann war es Molly.

An die Beerdigungen konnte sie sich kaum erinnern, weil so viele stattfanden und sie zumindest zu denen gehen wollte, wo sie die Angehörigen kannte. Die Beerdigung von Fred Weasley war beinahe schlimmer als die von Nymphadora. Sie hatte die Weasleys noch nie so am Boden zerstört gesehen. Und auch wenn sie der ganzen Familie höchstens ein- oder zweimal im Grimmauldplatz begegnet war, war es schrecklich merkwürdig, George ohne seinen Zwilling zu sehen. Außerdem kannte sie ihn nur gut gelaunt. Aber das hier … wie musste es wohl sein, seinen Zwilling zu verlieren? Wenn sie an den Tod ihrer Schwester dachte, dann empfand sie nur Erleichterung, auch wenn natürlich alle Gefühle vom Tod ihrer engsten und wichtigsten Familie überschattet waren.

Sie hatte Teddy mitgebracht, weil sie nicht wusste, wo sie ihn sonst lassen sollte, und hatte Glück, dass er kaum weinte. Er war fasziniert von all den neuen Menschen, die ihn halten wollten oder unterm Kinn kitzelten oder ihm zum Spaß die Zunge herausstreckten. Letzten Endes schlief er in Hagrids riesigen Pranken ein, der daraufhin in Tränen ausbrach und Andromeda erzählte, dass Harry auch fast so klein gewesen war, als er ihn damals zu seinen Verwandten gebracht hatte. Harry kratzte sich verlegen am Kopf und Andromeda musste lachen, auch wenn es wirklich nicht so komisch war.

Am Ende des Tages hatte sie zwei neue Urnen, die sie zu Teds auf den Dachboden stellte. Sie würde arrangieren, dass sie bei Teds Eltern begraben wurden. So waren sie in der Nähe und Teddy konnte sie immer besuchen, wenn er das Bedürfnis hatte. Und dann waren Teddy und sie wirklich und endgültig alleine. Kein Ted, keine Nymphadora, kein Remus. Kein Sirius. Kein Dumbledore. Kein Fred. Auch wenn ihre Seite gewonnen hatte, so grauenvoll hatte sie sich die Opfer nicht vorgestellt, die sie alle hatten bringen müssen. Wie sollten sie nur ohne sie weitermachen?

TBC…