Die leere Phiole landete wieder in seiner Schublade bei seinem Vorrat. Noch nie hatte er derart viele Tränke zu sich genommen. Er würde bald die Schublade leeren und die Phiolen in die Apotheke zurückbringen müssen, wenn er Platz für neue Tränke machen wollte. Und das musste er definitiv demnächst tun.
Erschöpft legte er den Kopf auf seinen Schreibtisch und wartete bis die Wirkung des Wachtranks einsetzte. Es war ein Wunder, das er es geschafft hatte sich ins Ministerium und in sein Büro zu schleppen. Aus Sicherheitsgründen war er nicht appariert, sondern hatte das Floo-Netzwerk genutzt. Das Risiko sich beim Apparieren umzubringen war ihm zu hoch gewesen. Er würde unbedingt eine Phiole bei sich zu Hause deponiere müssen für solche Fälle.
Langsam spürte er, wie sein Verstand wacher wurde. Es dauerte ein paar Minuten, bis er fähig war aufzustehen. Durchatmend richtete er seine Kleidung und holte eine weitere Phiole aus seiner Schublade. Baruffios Gedächtniselixier würde definitiv nicht schaden.
Er marschierte durch seine Aurorenabteilung, ignorierte die zweifelnden bis feindseligen Blick um sich herum und ging herüber zu der Eingreiftruppen Abteilung. Sie nutzten die Besprechungsräume dort, denn um vernünftig zu reden, war sein Büro zu klein.
Als er eintrat, saß Hermine bereits da. Ihre Haare standen in alle Richtungen ab und sie schrieb fast fanatisch in ihr Notizbuch. „Guten Morgen, Harry.", grüßte sie ihn als er sich hinsetzte und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder nach unten.
„Guten Morgen.", grüßte er zurück. Sie sah auch aus als hätte sie nicht geschlafen. Harry betrachtete sie. War es schwer für sie gewesen ihr Doppelleben geheim zu halten? Laut der Erinnerungen, die Harry gestern… heute… vor viel zu wenigen Stunden, gesehen hatte, hatte sie schon seit einiger Zeit versucht Malfoy davon zu überzeugen, sich offiziell als Freunde zu outen. Ihm hatte sie erzählt, dass es nie den richtigen Zeitpunkt gegeben hatte es zu erwähnen. Vielleicht weil sie Mafloys Wunsch es geheim zu halten respektiert hatte? Denn über all die Unterhaltungen, die sie geführt hatten über den anonymen BELFER Spender allein, wäre es sicher leicht gewesen die Information irgendwo unterzubringen.
Als die Tür wieder aufging, trat Ron ein. Drei rote Tassen Kaffee flogen vor ihm her und er dirigierte sie mit seinem Zauberstab vorsichtig zum Tisch. Die Tassen teilten sich auf und je eine landete vor Harry, Hermine und an dem freien Platz neben ihr, den Ron nun für sich beanspruchte. „Hey Harry.", begrüßte er ihn. „Ich habe dich durch die Abteilung laufen sehen ohne eine Tasse. Ich dachte mir, da ist was nicht richtig."
Dankbar nickte er Ron zu und nahm einen Schluck von dem Kaffee. Er hatte die Küche nicht betreten wollen. Es war immer jemand dort und er hatte keine Lust direkt am Morgen aus 2 Meter Entfernung angestarrt und verurteilt zu werden. Ein Glück gab es Freunde die hinter einem standen, auch wenn man sie mit in den Dreck zog.
„Wie fühlt man sich als Aussätziger?", grüßte Aleius mit einem breiten Grinsen auf den Lippen als er kaum fünf Sekunden später eintrat. Er klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter und setzte sich mit seiner eigenen Tasse neben ihn. „Ich kann dir sagen, Coria ist echt wütend über die ganze Situation. Und offenbar macht Minister Shaklebolt ihr das Leben zur Hölle. Es wird gemunkelt, dass er daran arbeitet sie vor das Tribunal zu zerren."
„Ist bisher nicht schlimmer als mein viertes Schuljahr, wenn ich ehrlich sein soll.", antwortete Harry. Immerhin ignorierte Ron ihn nicht und es waren noch keine `Potter stinkt´ Buttons aufgetaucht. Was Coria anging, nun, sie war selbst schuld daran. Es war allerdings erstaunlich, dass Aleius das so leicht zu nehmen schien. Eigentlich hatte er sich mit Coria ja immer ganz gut verstanden. Oder er glaubte nicht wirklich daran, dass aus dem Tribunal tatsächlich was werden würde.
Harry gönnte sich den nächsten Schluck Kaffee. An dieser Stelle war das wahrscheinlich nur noch ein psychologischer Effekt, aber Harry hatte das Gefühl noch wacher zu werden.
„Guten Morgen." Damit war auch der Letzte anwesend. Neville setzte sich auf Harrys andere Seite.
„Dann lasst uns anfangen.", ergriff Hermine sogleich das Wort. Offiziell war das hier Harrys Trupp, aber in Wirklichkeit war es Hermines. Keiner hier zweifelte daran. Sie wandte sich zwar konstant an Aleius bei Fragen, denn die interne Arbeitsweise der Auroren kannte sie dann doch nicht so gut, aber sie war es, die jedem sagte, was er zu tun hatte am Ende, bevor sie in alle Richtungen auseinanderdrifteten um ihre Aufgaben zu erfüllen.
Sie eröffnete die Besprechung indem sie eine Papiertüte auf den Tisch stellte und dann darauf ausschüttete. Fünf Klapphandys klackerten als sie auf den Holztisch fielen.
„Oh! Ich kenne die!", rief Ron begeistert und schnappte sich das Rote. „Dad arbeitet mit den Dingern. Muggel nutzen sie um mit einander zu sprechen, oder?" Fast schon stolz auf sich wirkend sah er seine Freundin an.
„Ja.", stimmte sie zu. „Das sind Handys. Elektronische Kommunikationsgeräte der Muggel. Das geht deutlich schneller als alles, was die Zaubererwelt hervorgebracht hat bisher, also habe ich uns welche besorgt. Sie funktionieren nicht an Orten mit zu viel Magie, das bringt sie durcheinander. Aber wenn wir draußen sind, dürfte uns das die Mühe einander zu erreichen deutlich leichter machen. Ich habe bereits Nummern eingespeichert und Kurzwahlen installiert. Lasst sie einfach eingeschaltet. Ich zeige euch nachher, wie die funktionieren." Damit schnappte sie sich ein schwarzes Gerät aus dem Haufen und schob es Harry hin. „Das ist deins. Der PIN ist dein Geburtstag. Du musst für die Erklärung natürlich nicht bleiben. Ich gehe davon aus, du weißt wie das funktioniert?"
Harry nickte und nahm sein Handy in die Hand. Er hatte nie zuvor eins besessen. Dudley hatte ein Dutzend zu verschiedenen Anlässen bekommen und Harry hatte auch immer eins gewollt. Manchmal hatte er sich ein herumliegendes klammheimlich genommen, um es sich anzusehen und die Spiele darauf zu spielen, bevor er es wieder zurückgelegt hatte, ohne dass jemandem etwas aufgefallen wäre. Er ging stark davon aus, keine allzu großen Probleme mit der Handhabung zu bekommen. Es war seltsam, dass er jetzt ein eigenes bekam, wo er eingesehen hatte, dass es keinen Nutzen hätte, weil er niemanden kannte, der selbst eines nutzte.
Dennoch breitete sich ein Lächeln auf seinen Lippen aus. Er öffnete es. Das Display rauschte und surrte vor sich hin, machte jegliche Handhabung völlig unmöglich. Also hatte seine Freundin keine Möglichkeit gefunden den negativen Effekt von Magie auf elektrische Geräte zu unterbinden. Fast hatte er es erwartet. Hermine konnte immerhin alles. Doch hier stieß selbst sie auf ihre Grenzen. Wahrscheinlich nur deshalb, weil sie sich momentan nicht darauf fokussierte. Ob es überall, wo Magie war nicht funktionierte? Vielleicht nur hier nicht, weil es so viel davon gab. Möglicherweise gäbe es bei Hermine zu Hause keine Probleme, wo zwar Magie war, aber nicht derart dicht ineinander verwoben war wie im Ministerium für Zauberer. Und Hermine hatte sich in ihrer Wohnung einen Internetanschluss beschafft. Was deutlich leichter ging, da sie in einer Muggelwohnung wohnte und die benötigten Anschlüsse ohnehin vorhanden waren. Es funktionierte ohne Probleme.
Für sein eigenes Haus machte Harry sich da wenig Hoffnung. Das Anwesen der Blacks war auch vollgestopft mit Magie. Sicher nicht so viel, wie im Ministerium, aber es war doch nicht zu verachten. Ausprobieren würde er es aber natürlich auf jeden Fall.
„Ja.", antwortete er Hermine schließlich als er wieder hochsah. „Danke.", fügte er hinzu. Seine Freundin sah ihn einen Moment länger an, als wollte sie etwas sagen, doch dann entschied sie sich dagegen. Stattdessen verteilte sie die restlichen Handys. Offenbar hatte Ron instinktiv nach dem richtigen gegriffen, denn Hermine nahm ihm das Rote nicht wieder weg. Sie selbst behielt das Blaue und schob Neville das grüne zu, woraufhin das weiße für Aleius übrigblieb. Dann fing sie an mit einer Zusammenfassung der gestrigen Ergebnisse, sodass jeder auf dem Laufenden war. Sie hielt sich kurz, denn nach einer Stunde waren sie damit fertig und Hermine sagte jedem, wo sie heute hinsollten. Harry erklärte erneut, dass er hauptsächlich nach Naricissa suchen würde. Sie hatten als Gruppe beschlossen, dass sie diese Suche nicht aus ihrer Untersuchung herausschmeißen wollten, obwohl keiner so richtig glaubte, dass dieser Fall dazugehörte. Aber Harry war klar, dass jeder andere den Fall ignorieren würde, weshalb er ihn nicht abgeben wollte. Er wusste nicht, was die Motivation der anderen war sich seiner Meinung anzuschließen. Doch er war sich sicher, dass Hermines vehemente Meinung dazu und die Tatsache, dass sie einen völlig einschüchtern konnte, wenn es darauf ankam, einen gewissen Beitrag geleistet hatte.
Neville holte zwischendurch neuen Kaffee für alle und sie regelten, wann sie sich wieder treffen würden, bevor sie die Besprechung auflösten. Harry wartete nicht die Erklärungen über den Gebrauch von Handys ab. Er verabschiedete sich von allen, nahm sein Handy zur Hand und verließ den Raum wieder, ignorierte Blicke jeglicher Art, die ihm zugeworfen wurden, bis er zur Apparierzone gelangte. Mit einem Blick auf sein Handy stellte er wenig überraschend fest, dass es weiterhin keinen Empfang hatte. Und der Bildschirm flackerte komisch. Immer noch.
Er apparierte hinaus und verließ die magisch geschützte Zone um das Ministerium. Das heftige Flackern beruhigte sich und nun konnte er erkennen, dass Hermine ein Foto von Teddy im Garten als Hintergrund gespeichert hatte. Matsch klebte ihm im Gesicht, doch seine Haare waren grellgelb und er grinste von einem Ohr zum anderen, während er in die Kamera blickte. Unwillkürlich zogen sich auch Harrys Mundwinkel auseinander als er das Bild betrachtete. Dann ging er in die eingespeicherten Kontakte. Wie angekündigt waren dort vier Nummern gelistet. Aleius, Hermine, Neville, Ron. Alphabetisch geordnet.
Es wirkte wie eine, zwar kurze und unvollständige, Liste seiner Freunde. Harry hatte sich immer gefragt wie Dudley es schaffte so viele Kontakte in seinen Handys abzuspeichern. Doch jetzt glaubte er selbst ebenfalls eine ähnlich lange Liste an Freunden erstellen zu können. Dieser kindische Gedanke erfreute ihn mehr als er erwartet hatte.
Aus einer Laune heraus schickte er Hermine eine Nachricht. `Danke für mein neues Spielzeug :)´. Sie würde es erst bekommen, wenn sie das Ministerium verließ, aber das war auch gar nicht so wichtig. Es war seine erste SMS überhaupt an seine beste Freundin. Dann steckte er das Handy in seine Hosentasche und machte sich auf den Weg. Er hatte noch einiges zu erledigen heute.
Gähnend stand er Stunden später wieder in einiger Entfernung vor Malfoy Manor. Er wusste nicht so richtig, warum er hier war. Er hatte einige Ideen, was ihn hergetrieben hatte, jedoch nichts Konkretes. Anscheinend würde er sich einfach spontan für etwas Entscheiden, sobald das Thema aufkam. Aber er hatte noch etwa eine Stunde, bevor seine Gruppe sich wieder treffen und besprechen wollte und er wusste nicht, was er bis dahin tun sollte. Alles was er versucht hatte bisher, lief ins Leere.
Sein Handy piepte erneut. So wie schon die gesamte Zeit, die er sich nicht an Orten aufgehalten hatte, die dicht mit Magie verwoben waren. Seine Freunde schienen sich mit ihren Muggelgeräten anzufreunden.
Als er auf den Nachrichtenknopf drückte, erkannte er die sicher zehnte SMS von Ron, die völlig unleserlich war vor lauter falsch geschriebenen Worten. Grinsend schrieb er eine kurze Nachricht zurück und fragte ihn, was in aller Welt er ihm mit den Hieroglyphen hatte mitteilen wollen. Doch bevor er das Handy hatte wieder wegstecken können, klingelte es.
„Harry!?", brüllte es ihm entgegen und automatisch zog er den Kopf weg als seine Ohren ebenfalls anfingen zu klingeln.
„Schrei nicht so.", hörte er Hermines tadelnde Stimme im Hintergrund. Deutlich leiser zum Glück. Schnell erklärte sie, dass er in normaler Lautstärke reden sollte und warf dann ebenfalls einen Gruß an Harry gewandt ein.
„Hey.", grüßte er zurück und zog das Handy zögerlich wieder näher. „Wo seid ihr?", wollte er dann wissen und blieb stehen als die Verbindung deutlich schlechter wurde und das kleine Gerät ein surrendes Geräusch von sich gab. Er trat wieder einen Schritt zurück von dem Anwesen und es wurde besser. Anscheinend würde er auf Malfoys Anwesen keinen Empfang haben. Kein Wunder. Das riesige Haus war wahrscheinlich genauso dicht mit Schutzmagie belegt wie das Ministerium. Oder Gringotts. Vielleicht beides zusammen.
„Vor dem Tropfenden Kessel.", antwortete ihm Ron in einer Lautstärke, die ihm keinen Hörsturz verpassen würde. „Ich wollte das feletonieren ausprobieren."
„Telefonieren.", verbesserte ihn Hermine deutlich leiser aber noch immer vernehmlich.
„Telefonieren.", wiederholte Ron. „Das ist echt praktisch. Ich verstehe, warum Dad sich kaum noch eingekriegt hat, als er neulich eins davon zu Hause dabeihatte."
Lachend stimmte Harry zu. Auch er musste zugeben, dass die Muggel aufgrund ihrer fehlenden Magie sich doch sehr gut zu helfen wussten. Und er hatte ja auch nicht nur einmal in den vergangenen Jahren gedacht, dass die Vorgehensweise in der Magierwelt doch sehr altmodisch war. Wahrscheinlich weil Magier einfach keine Dringlichkeit empfunden hatten sich so rasant weiterzuentwickeln wie Muggel. Der Drang etwas zu entwickeln, dass ihnen das Leben erleichterte, war einfach nicht so hoch. Magie erledigte so viel für sie.
„Hast du die Spiele schon gefunden?", wollte Harry dann wissen und hörte Hermine im Hintergrund seufzen. Vor seinem inneren Auge sah er sie auch ihre Augen verdrehen.
„Spiele?", hakte sein Freund nach und Harry beschrieb ihm wo er diese auf seinem Gerät finden würde. Es waren nicht viele drauf. Nur eine Version von Snake und ein rudimentäres Tetris sowie eine Art Pinball Maschine. Aber sicher würde es Rons Interesse wecken, für den das ja komplett neu sein würde. Und dann hatte er plötzlich Hermine am Telefon.
„Wehe du erzählst ihm auch noch was von einer PlayStation.", warnte sie ihn im halben Scherzton, bevor sie sich verabschiedeten, weil Ron jetzt unbedingt mal nachsehen wollte, was das mit den Speilen war.
Halb lachend steckte Harry das Handy zurück in seine Hosentasche. Wie es aussah, würde er vielleicht doch noch in den Genuss kommen mit Freunden an einer Spielekonsole zusammenzusitzen und den Bildschirm anzuschreien, weil es schlecht für ihn lief.
Das breite Grinsen in seinem Gesicht ließ erst nach als er sich vor das riesige eiserne Tor stellte und wartete, dass sich das Gesicht formte. Doch stattdessen schwang es einfach nach innen auf und gewährte ihm Einlass. Etwas überrascht betrat er das Gelände. Halb mit einer Falle rechnend legte er den Weg zum Haus zurück, wo ihm Tink die Tür öffnete.
„Master Draco ist gegenwärtig mit anderen Gästen beschäftigt, doch Mr. Potter ist willkommen im großen Salon zu warten.", informierte er ihn. Harry bedankte sich und lief den bekannten Weg entlang. Überrascht stellte er fest, dass er offenbar nicht der Einzige war, der wartete.
Goyle saß auf der Couch mit einer Tasse in der Hand und starrte ihm überrascht entgegen als er eintrat. Harry erstarrte. War er Teil des Ganzen? Wusste er von Hermine? Würde er versuchen ihn rauszuschmeißen, so wie Parkinson das am Anfang getan hatte?
„Harry!", strahlte Goyle jedoch plötzlich und stand breit grinsend auf. Überrumpelt von dieser Begrüßung blieb dem jedoch jedes Wort im Hals stecken. Und war der Slytherin noch weiter gewachsen nach dem Krieg? Er wirkte riesig! Nichts im Vergleich zu Hagrid, aber riesig. „Ich wusste gar nicht, dass Mine dich jetzt doch mitgebracht hat." Okay, also war er Teil des Ganzen. „Nun, wenn man länger als eine Woche in einem Pharaonengrab verschüttet ist, entgeht einem so einiges." Er lachte. Dann setzte er sich in Bewegung und kam mit ausgestreckter Hand auf Harry zu. „Cool, dass du uns zumindest eine Chance gibst."
Harry zwang sich dazu stehen zu bleiben, auch wenn sein Körper am liebsten zurückweichen wollte. Es war bisher noch nie ein gutes Zeichen gewesen, wenn Goyle auf ihn zugekommen war. Und so wie er jetzt aussah, wirkte es nur noch mehr als könnte er ihn mühelos zerquetschen. Doch dann ergriff er die ihm angebotene Pranke und schüttelte sie. Erstaunt stellte er fest, dass er nicht versuchte ihm die Finger zu zerquetschen.
„Was machst du in einem Pharaonengrab?", fragte Harry, weil es das Einzige war, das ihm einfiel. Im Nachhinein hätte er es vielleicht auch erstmal mit einer Begrüßung versuchen sollen.
„Ich bin Fluchbrecher. Und man haben die alten ägyptischen Zauberer verstanden eine Grabkammer mit Flüchen zu belegen!" Wieder lachte der riesige Kerl, während Harry versuchte zu verstehen, wieso das hier so freundlich zwischen ihnen ablief. Vielleicht griffen die alten ägyptischen Flüche sein Hirn an?
„Ja… Bill Weasley hat von ein paar wirklich gruseligen erzählt.", antwortete Harry und beäugte Goyle. Vielleicht fiel ihm ja etwas Seltsames auf.
„Oh ja! Bill hat die coolsten Geschichten drauf!", bestätigte der Slytherin und Harry versuchte seine Kinnlade nicht zu Boden fallen zu lassen. „Hat er dir von den wasserscheuen Mumien erzählt? Das war der Hammer!"
Blinzelnd starrte Harry Goyle an. Wasserscheue Mumien. Ja. Irgendwas klingelte da bei ihm. Es fiel ihm jedoch zunehmend schwer so zu tun, als sei die momentane Situation für ihn irgendwie nachvollziehbar. Doch er bekam es noch hin zu nicken, sodass er wenigstens irgendeine Art von Antwort auf die Frage gab.
„Er ist so ein super Mentor. Ich hatte echt Glück, dass er bereit war mich zu übernehmen.", sprach Goyle einfach unbeirrt weiter, offensichtlich nicht merkend wie er Harry immer mehr irritierte.
„Greg!", kam es begeistert aus einer anderen Richtung und zwei Sekunden später war ihm Parkinson in die Arme gesprungen. Als würde sie nichts wiegen, schwang Goyle sie in die Luft, glücklich lächelnd, bevor er sie an sich zog und küsste. „Wurde auch Zeit, dass du aus dem fauligen Grab rauskommst.", beschwerte sie sich, bevor sie ihre Lippen wieder auf seine drückte.
Mit großen Augen starrte Harry auf das sich ihm bietende Schauspiel. Waren Parkinson und Malfoy nicht irgendwie ein Paar? Hatte er da was falsch verstanden?
„Noch nie einen Kuss gesehen, Potter?", riss Parkinson ihn schließlich aus seinen Gedanken. Beschämt wandte er den Blick ab.
„Also? Ich habe anscheinend einiges verpasst.", ergriff Goyle erneut das Wort und nickte in Harrys Richtung. „Ich bin direkt hierher als du nicht zu Hause warst. Denn wo solltest du sonst sein? Wo ist Dray?", ergriff Goyle wieder das Wort und drückte Parkinson erneut einen Kuss auf.
„Draußen. Er, Marcus und Evran fliegen auf Besen hinterm Haus. Sie kommen gleich rein. Er wird überrascht sein dich zu sehen. Das Haus hat es anscheinend nicht für nötig gehalten ihn über deine Ankunft zu informieren. Nur über Potters.", antwortete sie grinsend und warf Harry einen misstrauischen Blick zu. Ganz als wollte sie fragen, was er eigentlich überhaupt hier tat.
„Was!?", wollte Goyle wissen und sein freundliches Lächeln erstarb urplötzlich. „Urquhart?", hakte er nach.
„Jetzt reg dich nicht auf. Der ganze On-Off-Blödsinn ist Jahre her." Sie legte ihrem Freund eine Hand auf den Arm. Wütend starrte Goyle Parkinson an. Offenbar war er der eifersüchtige Typ von Freund, der keine Ex-Freunde in der Nähe haben wollte.
„Das…", presste er zwischen den Zähnen hervor.
Ein Lachen lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die Tür, durch die Malfoy, Flint und Urquhart soeben traten. Malfoy grinste und Urquhart klopfte ihm auf die Schulter als sie sich leise miteinander unterhaltend in den Raum kamen.
Kommentarlos schüttelte Goyle Parkinsons Hand ab und stürmte schon beinahe auf die drei Slytherins zu. Er zog seinen Zauberstab. Harry griff nach seinem, denn er hatte das Gefühl irgendwie eingreifen zu müssen, wenn es außer Kontrolle geriet. So wie immer. Ein Impuls den irgendwann kein Auror mehr unterdrücken konnte. Wenn Zauberstäbe gezogen wurden, machte man sich zumindest zur Verteidigung bereit.
„Greg?", kam es überrascht von Malfoy als er ihn entdeckte, während Urquhart jegliche Farbe aus dem Gesicht zu weichen schien und er seine Hand von Malfoys Schulter nahm, als hätte er sich verbrannt. Flint sah zunächst erfreut in Goyles Richtung, dann direkt verwirrte als er die plötzliche Spannung bemerkte.
Augenblicklich stellte Malfoy sich zwischen Goyle und Urquhart und hob die Arme. „Lass das!", sagte er. Doch Goyle packte Malfoy einfach und zog ihn weg, hinter sich, bevor er seinen Zauberstab auf den anderen Mann richtete.
„Raus hier!", befahl er. „Wenn ich dich noch einmal in seiner Nähe sehe, wenn du es wagst ihn noch einmal anzufassen, wirst du dir wünschen ihn nie auch nur angesehen zu haben!", drohte er.
Urquhart sah ihn einen Moment offensichtlich erstarrt und eingeschüchtert an.
„Greg!", beschwerte sich Malfoy und trat wieder neben ihn. Doch Goyle ließ nicht zu, dass er auch nur einen Fuß weitersetzte und schob ihn wieder zurück. Urquhart sah kurz zu Malfoy, zuckte mit den Schultern, drehte sich dann um und verließ den Raum wieder. Flint folgte ihm, noch immer nicht verstehend, was hier vor sich ging. Harry konnte das gut nachvollziehen. Er verstand auch nicht, was hier vorging.
„Was zur Hölle, Dray!?", verlangte Goyle zu wissen. Er packte Malfoy an beiden Armen. „Was macht der Abschaum hier!?"
Malfoy gab ein genervtes Geräusch von sich. „Ich habe ihn eingeladen.", antwortete er kühl.
„Warum bei Merlin solltest du das tun? Wenn Vince hier wäre, hätte er ihm die Kehle herausgerissen, allein für die Dreistigkeit dein Haus zu betreten!" Wütend starrten die beiden Slytherins sich an. Parkinson schien ebenfalls nicht zu begreifen was vor sich ging, wenn ihr skeptischer Blick ein Hinweis sein sollte. Damit fühlte sich Harry zumindest nicht so allein in seiner Verwirrung. „Wie lange geht das schon so? Seid ihr um mich herumgeschlichen? Du gehst auf keinen Fall zu diesem grandiosen Arsch zurück!"
„Übertreibst du nicht etwas?", schaltete Parkinson sich ein und trat näher an ihre Freunde. „Draco war damals nicht gerade charmant. Ich hätte ihm auch eine reingehauen, wenn er so mit mir umgesprungen wäre."
Unzufrieden gab Goyle etwas von sich, das sich beinahe nach einem Knurren anhörte. „Nie wieder.", sagte er nur in strengem Tonfall an Malfoy gerichtet.
Dieser verdrehte lediglich theatralisch die Augen. „Nicht deine Entscheidung.", antwortete er dann und riss sich aus dem Griff des anderen Mannes los. Oder zumindest versuchte er es. Und scheiterte. Währenddessen starrte Goyle ihn einfach weiter an, zog die Augenbrauen misstrauisch zusammen, bevor er anfing Malfoy abzutasten. Er fuhr mit den Händen seine Seiten entlang und klopfte seinen Rücken ab, zog ihn dabei in eine Umarmung.
„Was soll das? Lass das!", verlange Malfoy immer noch nicht fähig sich herauszuwinden.
„Du hast abgenommen.", stellte der riesige Slytherin fest. „Darüber haben wir doch zu genüge gesprochen!" Jetzt klang er halb wütend und halt genervt. Malfoy gab es auf sich befreien zu wollen, denn es schien offensichtlich, dass das nicht passieren würde, solange sein Freund andere Pläne hatte.
„Greg…", sprach ihn nun Parkinson an und trat direkt heran. „Du hast einiges verpasst, während du weg warst." Sie legte ihm eine Hand an den Oberarm und lenkte seine Aufmerksamkeit auf sich. „Wir sollten uns unterhalten."
Erst jetzt wurde Malfoy losgelassen und trat ohne zu zögern zwei Schritte zurück, als befürchte er sonst wieder sofort in einem Klammergriff zu landen.
„Lass uns rausgehen.", sagte Parkinson und war bereits dabei ihren Freund mit sich in Richtung des Speisesaals zu ziehen. Sie warf Harry einen warnenden Blick zu als sie an ihm vorüberging. Goyle sah Malfoy noch einmal besorgt an, dann verschwand er mit Parkinson hinter der Tür.
„Was willst du hier, Potter?", ergriff Malfoy das Wort sobald sie alleine waren.
Harry wandte sich ihm zu. Er musterte den Slytherin, nur um festzustellen, dass er genauso müde und ausgelaugt aussah, wie auch schon das letzte Mal, als Harry hier gewesen war. Seine Haare waren durcheinander, was aber wahrscheinlich am Besenfliegen lag. Mit einem neutralen Gesichtsausdruck starrte er ihn an, doch in den hellgrauen Augen konnte er die Abneigung erkennen, die ihm entgegenschlug.
„Eine Anzeige aufnehmen.", sagte er schließlich. „Dafür brauche ich Parkinson eigentlich auch.", fügte er hinzu und blicke kurz zu Speisesaaltür.
„Wovon redest du?" Malfoy verschränkte die Arme vor der Brust.
„Der Angriff auf euch in der Winkelgasse. Es gibt keine Anzeige. Ich bin hier, um sie aufzunehmen.", erklärte Harry und holte einen verkleinerten Notizblock und Kugelschreiber hervor, die er wieder vergrößerte.
Misstrauisch betrachtete der Slytherin ihn, ganz als erwarte er eines der Schreibutensilien würde ohne Vorwarnung explodieren. Dann gab er nur ein abfälliges Geräusch von sich, drehte sich um und stapfte davon.
„Hey!", beschwerte Harry sich und lief ihm hinterher. „Ich rede mit dir!" Er griff nach seinem Arm und zog ihn zurück.
Malfoy wirbelte herum und stieß ihn heftig von sich. Wut brannte in seinen Augen. „Noch nicht genug, Potter!?", spie er ihm entgegen. „Als ob ihr Auroren von den Übergriffen nicht wüsstet!" Er trat wieder näher an Harry heran, ihm direkt in die Augen starrend. Es schien, als wollte er weitersprechen, doch er stockte. Skeptisch zog er die Augenbrauen etwas zusammen und der bedrohlich feindselige Ausdruck in seinem Gesicht ebbte etwas ab.
„Ich… habe es unterschätzt.", gab Harry zu. Persönlich hatte er so etwas nicht beigewohnt, aber er hatte Unterhaltungen seiner Kollegen aufgeschnappt, die von solchen Ereignissen erzählten. Nie wäre er auf die Idee gekommen, dass sie es einfach ignoriert hatten, anstatt es zu beenden. Dass seine Kollegen tatsächlich einfach nur zusahen, bis die Slytherins in einem Zustand waren wie Parkinson und Malfoy in der Erinnerung, klang für ihn unglaublich. „Und ich will wissen, wer die Auroren waren, die zugesehen haben." Denn er würde das irgendwie beobachten müssen. Ein solches Verhalten war nicht in Ordnung. Allerdings war die Aurorenzentrale ohnehin momentan in Aufruhr. Mit dem deutlichen Statement des Ministers würden sich sicher einige seiner Kollegen wieder besinnen. Oder zumindest verstehen, dass ein solches Verhalten nicht geduldet werden würde.
Statt zu antworten, lehnte Malfoy sich etwas weiter vor, sodass ihre Gesichter nur noch Millimeter voneinander entfernt waren. Kritische graue Augen starrten direkt in seine eigenen. Die Situation wurde unangenehm. Doch ehe Harry von alleine zurückweichen konnte, lehnte der Slytherin sich wieder zurück.
„Habt ihr Auroren niemanden, der Tränke brauen kann?", wollte er abfällig wissen. Er trat einen Schritt wieder nach hinten.
„Was?", fragte Harry verwirrt. Wieso war das jetzt von Bedeutung? Natürlich hatten die Auroren jemanden von dem sie ihre Tränke bezogen. Auch wenn Harry nicht wusste, wo sie herkamen.
„Die Verfärbungen deiner Iriden. Das war vor wenigen Tagen noch nicht der Fall. Ich kann daraus also nur schließen, dass du in letzter Zeit qualitativ äußerst schlechte Tränke oder sehr viele lediglich schlechte konsumiert hast.", erklärte der Slytherin.
„Was?", wiederholte Harry.
„Sag nicht ihr kauft den Dreck aus der Apotheke in der Winkelgasse."
Was sollte das? Was ging ihn das überhaupt an? Und was sollte das heißen, seine Iriden waren verfärbt?
Malfoy rollte entnervt mit den Augen. „Komm mit.", befahl er dann und drehte sich erneut um. Harry folgte ihm nach kurzem Zögern. Sie durchquerten den Raum, wieder hinaus in den Flur, von dort aus nach oben, gingen an Malfoys Zimmer vorbei und betraten dann einen ihm unbekannten Raum. Der war mit Regalen und Schränken vollgestellt. Ein riesiger Tisch befand sich in der Mitte. Auf ihm standen alle möglichen Apparaturen, Glasphiolen, Messzylinder, eine Waage, verschiedene Kessel und Kellen, ein Schneidbrett mit verschiedenen Messern, ein Mörser und noch einiges, von dem Harry nicht einmal wusste, wie er das benennen sollte. In einem der Kessel brodelte etwas vor sich hin. Zähflüssige Blasen platzen mit einem schmatzenden Geräusch. Der Geruch war nicht unangenehm. Irgendwie erinnerte er ihn an Gras.
Malfoy ging ohne zu zögern auf eines der Regale zu, die mit leeren sowie gefüllten Phiolen vollgestellt waren. Keine davon war beschriftet, wie Harry auffiel. Trotzdem griff der Slytherin zielsicher nach einer mit bläulichem Inhalt.
„Was nimmst du, außer dem Vielsafttrank?", wollte er wissen und sah den Gryffindor an. Woher wusste er überhaupt von dem Vielsafttrank? Hatte Hermine ihm davon erzählt? Als er nicht antwortete, rollte Malfoy erneut mit den Augen. „Potter.", sagte er genervt.
„Nichts.", behauptete Harry fast automatisch. Als sein Gegenüber ihn lediglich skeptisch ansah, sprach er weiter. „Baruffio und Wachtrank.", gab er dann zu, woraufhin Malfoy sich erneut dem Regal zuwandte, eine weitere Phiole hervorzog und sie mit der Bläulichen zusammenmischte, welche sich dann in eine leicht glitzernde violette verfärbte. Es gab ein leises Knistergeräusch, dann schwenkte er die gemixte Flüssigkeit. Als nächstes öffnete er eine Porzellandose und streute ein gräuliches Pulver hinein, bevor er den Korken wieder draufsetzte und sie Harry hinhielt. „Ab sofort keine Tränke mehr! Das Antidot nimmst du vor dem Schlafengehen ein. Und du schläfst mindestens acht Stunden! Danach keine Tränke in den nächsten 24 Stunden."
Misstrauisch betrachtete der Auror die Phiole. Ihr Inhalt hatte sich blassgelb verfärbt. „Was ist das?", wollte er wissen.
„Toxicum Potionis. Es wird die festgesetzten Schadstoffe lösen und sie aus deinem Körper spülen." Genervt stöhne der Slytherin auf. „Nimm sie endlich!", verlangte er. „Hermine bringt mich um, wenn sie sieht, dass ich dich so gehen lassen habe."
Vorsichtig, als befürchte er das kleine Glasfläschchen könnte nach ihm schnappen, griff er danach. Es war warm. Kurz betrachtete er die gelbliche Flüssigkeit.
„Weißt du Potter, es steht nicht umsonst drauf, dass du den Wachtrank nicht mehr als einmal die Woche nehmen sollst.", bemerkte der Slytherin wie nebenbei, während er zu seinem Kessel um den Tisch herumging und hineinblickte.
„Hermine hat nach dem Durchsuchen des Rosier Anwesens das Zeug zwei Wochen lang am Stück genommen.", verteidigte Harry sich. Es war erst vier Monate her und er konnte sich daran erinnern wie Ron herumgejammert hatte, dass seine Freundin in ihrem Büro wohnte und ihn regelmäßig rausschmiss, wenn er sie sehen wollte.
„Sie hat ja auch mein Zeug genommen und nicht die billige Massenproduktion aus der Winkelgasse.", entgegnete der Slytherin.
Harry stockte. War das so?
„Außerdem ist sie intelligent genug auf die Nebenwirkungen zu achten und zu erkennen, wenn sie überdosiert.", fügte Malfoy noch hinzu. Er warf etwas Grünes in den Kessel und rührte die Flüssigkeit. „Es ist dein Glück, dass Shacklebolt dir auch ohne die UTZs Zugang zur Aurorenausbildung gewährt hat. Du hattest schon immer wenig Verständnis für Zaubertränke."
Mit großer Kraftanstrengung unterdrückte Harry den bissigen Kommentar, der ihm auf der Zunge lag. Wer außer den Slytherins und einigen anderen wenigen Auserwählten hatte bei Snapes Verhaltensweise im Unterricht denn nicht ein miserables Verständnis für Zaubertränke gehabt? Etwas überrascht musterte ihn der Slytherin. Misstrauisch verengten sich seine Augen. Dann rührte er erneut in seinem Trank, bevor er die Kelle herauszog und danebenlegte.
Sie schwiegen sich einen Moment an, bis Malfoy sich schließlich in Bewegung setzte und den Raum wieder verließ. Harry folgte ihm.
„Was ist mit den Namen?", hakte dieser dann nach. „Parkinson nannte sie Gryffindors. Ihr kanntet sie also."
Abrupt kam der Slytherin zum Stehen. „Du hast eine Erinnerung gesehen?", fragte er tonlos ohne sich umzudrehen.
„Ja.", bestätigte Harry.
„Das ist einfach…. fantastisch.", fluchte Malfoy vor sich hin. Doch als Harry ihn umrundete, erkannte er in seinem Gesicht den gleichen unsicheren, fast panischen Ausdruck, wie in der Sandkasten Erinnerung, als Narcissa ihn gefragt hatte, wovor er solche Angst habe.
Als hätte er ihn nicht bemerkt, sah Malfoy überrascht hoch und Harry mit dieser Fülle an Emotionen in die Augen. Die grauen Augen seines einstigen Rivalen wirkten so offen und hilflos, dass Harry verspürte, wie Sorge sich in ihm regte. Jedoch verschloss Malfoy sich kaum eine Sekunde später und die übliche halb genervte, halb arrogante Miene legte sich über seine feinen Gesichtszüge, ohne einen einzigen Hinweis auf seinen turbulenten geistigen Zustand übrig zu lassen.
„Verzieh dich, Narbengesicht.", zischte er ihm entgegen und schritt an ihm vorbei, stieß ihn dabei heftig mit der Schulter an, sodass Harry einen Schritt nach hinten machen musste, um nicht umzufallen und lief weiter ohne sich umzudrehen.
Aufgebracht von diesem Verhalten, lief Harry hinterher. „Was soll das, Malfoy?", verlangte er zu wissen. „Ich versuche hier zu helfen!" Oder zumindest versuchte er Dinge zu bereinigen, die niemals hätten passieren dürfen! Gryffindors (vermutlich zum Teil wieder aus seiner D.A. Gruppe bestehend) die in aller Öffentlichkeit Leute angriffen! Auroren, die dabei einfach nur zuschauten! Eine Gesellschaft die nicht einschritt, wenn sie etwas Derartiges sah! Selbstjustiz! Gift in Heiltränken! Absichtlich mangelnde Versorgung von Verletzten! Das war nicht akzeptabel! Hatte Hermine von alledem gewusst? Harry konnte sich das kaum vorstellen. Ihr Gerechtigkeitssinn hätte das nie zugelassen. Und sein eigener schien sich damit auch nicht zufriedengeben zu wollen.
Knapp hinter dem Slytherin lief Harry die Treppe wieder herunter und zurück in Richtung des großen Salons.
„Malfoy!", rief er als sie den riesigen Raum betraten.
„Was willst du, Potter!", fuhr Angesprochener ihn an. „Denen auch noch eine Medaille verleihen!?" Wütend trat er wieder an Harry heran. Eiskalte Augen ließen dem Gryffindor wieder einen Schauer über den Rücken laufen und seine Haare richteten sich im Nacken auf als es plötzlich wieder kühler zu werden schien.
„Hörst du mir überhaupt zu!?", schrie Harry wütend zurück. „Ich will, dass das aufhört! So wie du ausgesehen hast, hätte nicht viel gefehlt und sie hätten dich umgebracht! Warum bist du bloß derart stur!?"
„Und warum genau, sollte das ausgerechnet dich interessieren?", wollte Malfoy wissen. Seine Stimme klang ruhig und kontrolliert, doch in seinen Augen war keine Spur davon. „Gerade du hast mehr Gründe als jeder andere amüsiert zuzusehen."
„Ich denke das liegt daran, dass ich kein kranker Soziopath bin. Kein Wunder, dass du das nicht nachvollziehen kannst.", zischte Harry ihm entgegen, bevor er nachdachte und bereute es mal wieder sofort. Ob seiner eigenen Dummheit schloss er kurz die Augen und atmete aus. Erstaunlicherweise stand er noch immer in Malfoy Manor als er sie wieder öffnete. Eigentlich hätte er den Wald erwartet. Doch statt eines Baums, hatte er weiterhin Malfoy vor sich. Dieser presste die Lippen aufeinander und starrte ihn mit diesen hellgrauen Augen an, die nun deutlich weniger Kälte in sich zu tragen schienen. Stattdessen sah er, dass sein Kommentar ihn getroffen hatte an einer Stelle, die wehtat. Doch die gewohnte Genugtuung bei diesem Anblick blieb aus. Als Ersatz dafür spürte er Schamesröte in sich aufsteigen. Erneut hatte er sich einfach mitreißen lassen und war auf ein Niveau herabgesunken, aus dem er eigentlich herausgewachsen sein sollte.
Unzufrieden räusperte er sich und wandte den Blick ab. „Hör zu.", fing er erneut an, denn Malfoy schien ihn einfach nur stumm anstarren zu wollen. „Ich weiß, dass ausgerechnet ich diesen Fall bearbeite, ist für uns beide eine Qual. Es wäre aber trotzdem von Vorteil, wenn wir miteinander auskämen. Es wird niemand anderen geben, der diesen Fall übernimmt."
Wieder starrten sie sich einfach einige Sekunden an.
„Hermine erzählte mir du beschäftigst dich hauptsächlich mit dem Verschwinden meiner Mutter.", durchbrach Malfoy schließlich das Schweigen.
„Ja. Sie fällt aus dem Rahmen und ist noch nicht allzu lange verschwunden. Es ist sinnvoll gesondert nach ihr zu suchen.", erklärte Harry und suchte in dem blassen Gesicht seines Gegenübers nach Anzeichen für Missbilligung. Es gab keine. „Hermine spricht mit dir über laufende Ermittlungen?", hakte er dann nach als die Aussage komplett in seinem Verstand ankam.
„Ich kenne jede einzelne der betroffenen Familien. Die meisten der Verschwundenen persönlich.", erklärte Malfoy. Er drehte sich um und ging langsam in Richtung des Kamins. Harry folgte ihm, froh darüber, dass die drohende Eskalation nicht stattgefunden hatte. „Sie hielt es für sinnvoll mich mit einzubeziehen." Kaum, dass er im Sessel Platz genommen hatte, ploppte einer seiner Hauselfen auf und hielt ihm ein Tablett mit einer Tasse Tee hin, die dieser mit einem Dank auf seinen Lippen entgegennahm. Eine zweite Tasse stand darauf, doch als Harry sich hinsetzte, stellte der Elf das Tablett geräuschvoller auf dem Tisch ab als hätte sein müssen, während er ihn mit einem bösen Blick bedachte und dann mit einem weiteren leisen `Plopp´ verschwand.
„Nun… es ist nicht unsinnvoll.", gab Harry zu und beglückwünschte sich innerlich für seine eloquente Wortwahl. Allerdings hätte er gerne früher davon gewusst. „Warum trittst du nicht offiziell dem Ausschuss bei? Als Berater. Ich könnte das arrangieren.", schlug er dann vor. Coria würde im Dreieck springen. Und Harry würde den Antrag persönlich bei Robards abgeben, bloß um sein Gesicht zu sehen. „Das würde Hermine die Zeit ersparen jedes Mal nach einer Besprechung zu dir zu rennen und alles erneut durchzukauen. Vielleicht hat sie dann wieder genug Zeit für etwas anderes als Schlafen nach Hause zu gehen." Die Aussage hatte er eigentlich als halben Witz gedacht, doch ihm verging das Grinsen auf halbem Wege als ihm klar wurde, dass diese Sicht der Dinge wahrscheinlich der Wahrheit entsprach.
Malfoy musterte ihn genau, während er seine Tasse an die Lippen führte und einen Schluck daraus nahm.
„Deine Kollegen sind ohnehin schlecht auf dich zu sprechen. Meinst du, es wäre eine kluge Idee so offen mit mir gesehen zu werden?", äußerte er Bedenken.
„Gibt es etwas, dass Hermine dir nicht erzählt?" Skeptisch erwiderte Harry den Blick des anderen Mannes. Offenbar hatte seine Freundin ein noch breiteres Spektrum an Informationen weitergegeben als er gedacht hatte.
„War das etwas, dass du geheim halten wolltest?", hakte Malfoy nach. „Ich denke sie spielt auf Sympathie. Offensichtlich will sie mir darlegen, durch welche heroischen Strapazen du gehst, um deinem tief verwurzelten Sinn für Rechtschaffenheit nachzugehen und den Armen und Unterdrückten der Gesellschaft beistehen zu können." Seine Tonlage hatte einen übertriebenen Klang angenommen, der die Aussage ins Lächerliche zog. „Oder so.", fügte er dann noch trocken hinzu und zuckte mit den Schultern.
Lachend lehnte Harry sich nach hinten gegen die Sofalehne. Als er wieder hinsah, lag ein dezentes Grinsen auf Malfoys Lippen und die Atmosphäre im Raum fühlte sich sofort angenehmer an.
„Ich sehe, Potter hat es noch nicht geschafft sich rauswerfen zu lassen.", meldete Parkinson sich zu Wort, als sie um das Sofa herumschritt. Goyle folgte ihr auf dem Fuße. Er machte ein Gesicht wie zu einer Beerdigung und starrte Malfoy an. Seine Freundin dirigierte ihn zu dem Sessel gegenüber dem Hausherrn und schob ihn dort rein. Gleich darauf nahm sie auf seinem Schoß Platz und er wickelte seine Arme um sie in einer fast schützend wirkenden Art und Weise.
Im nächsten Moment ploppte wieder der Elf auf und reichte den beiden Slytherins Tassen. „Master Draco hat strengstens verboten Mr. Potter in welcher Situation auch immer gegen seinen Willen von dem Anwesen zu entfernen.", informierte er Parkinson und warf Harry erneut einen bösen Blick zu. „Vielleicht könnte Miss Parkinson die Meinung unseres Herrn umstimmen?", fragte er dann an.
„Lai.", stöhnte Malfoy genervt und legte sich eine Hand an die Stirn.
„Du hast was?", fragte Parkinson nach und erneut landete ein böser Blick auf Harry. Der wollte sich auch nur noch an die Stirn fassen. Damit war allerdings erklärt, warum er noch nicht im Wald stand. Auch wenn es trotzdem seltsam war. Nur aus einem anderen Grund als vorher.
„Können wir darüber später streiten? Potter wird ohnehin gleich gehen müssen.", antwortete Malfoy daraufhin lediglich. Etwas überrascht sah Harry ihn an. Dann auf seine Armbanduhr und stellte fest, dass dieser vollkommen recht hatte. Seine Besprechung würde in wenigen Minuten beginnen. Natürlich wusste der Slytherin davon. Abrupt stand er auf.
„Ähm, ja. Ich…", unsicher blieb er stehen.
„Nimm den Kamin.", bot Malfoy ihm an ohne ihn anzusehen. Stattdessen schien er sture bis herausfordernde Blicke mit Parkinson auszutauschen.
„Draco!", eschauffierte sich Parkinson sofort bei diesem Vorschlag.
Etwas überfordert rührte Harry sich auch weiterhin nicht.
Den Kamin benutzen. Es war etwas Persönliches bei diesen alten magischen Häusern. Etwas, das sich mit der Magie verwob und auf sie auswirkte. Weshalb die Besitzer sich sehr genau überlegten, wem sie die Erlaubnis gaben den Kamin alleine zu nutzen.
Harry verstand das alles nicht wirklich, hatte sich nie dafür interessiert. Doch nun wirkte es seltsam, dass Malfoy ihm erlaubte auf eigene Faust dieses Transportsystem zu nutzen. Er wusste, dass er nicht jedem einfach Zugang zu seinem Haus am Grimmauld Platz geben durfte. Das hatte er verstanden. Die Anzahl der Leute war dementsprechend klein. Na ja, zumindest wenn man die gesamte Weasley Familie als eine Person sah.
„Danke.", sagte er dennoch, umrundete den Sessel und griff nach der Dose, die auch Parkinson bei seinem ersten Besuch genutzt hatte, schmiss das Pulver darauf in die Flammen, die sich sofort grün färbten. Bevor er sich wieder Malfoy zuwandte. „Was ist mit meinem Angebot? Ich könnte das gleich entsprechend klären.", fragte er nach. „Dann kann Hermine dir nachher brühwarm noch von den Reaktionen der anderen berichten.", fügte er grinsend hinzu.
Einen Moment erwiderte Angesprochener seinen Blick nur ohne jegliche Regung. Dann zogen sich seine Lippen langsam etwas auseinander, sodass er Harrys Grinsen erwiderte. „Ich gestehe, der Gedanke sagt mir zu."
„Okay! Ich regle das. Wir sehen uns." Mit diesen Worten trat Harry in die Flammen und rief seinen Zielort aus. Im Hintergrund vernahm er noch Parkinsons Stimme, die sofort verlangte zu wissen, von welchem Angebot er gesprochen hatte. Weiterhin grinsend, fing er an sich zu drehen. Das war die zivilisierteste Unterhaltung, die er je mit Draco Malfoy geführt hatte.
