Das ist das längste Kapitel dieser Geschichte, mal ganz abgesehen von Fegefeuer, dass ich in zwei Teile geteilt habe. Ab nächster Woche beginnt mein Studium, daher kann ich nicht mit Sicherheit sagen, wie schnell es weitergeht. Sollte es wirklich so kommen, dass eine Gesichte auf pausiert oder abgebrochen gestellt ist, dann keine Panik. Dann hatte ich einfach keine Zeit und werde weiter machen, sobald sich die Gelegenheit ergibt, aber denken wir fürs erste positiv. Bin ich einmal im Rhythmus wird es sich schon irgendwie von selbst lösen. ^^
Damit wünsche ich viel Spaß mit dem Kapitel. :-) (Wem mache ich was vor, ihr werdet mich am Ende hassen. XD)
Rins Erwachen kam schnell und abrupt, beinahe wie wenn man aus einem Albtraum herausfuhr, mit dem Unterschied, dass er genau wusste, was geschehen war. Auch das Zimmer erkannte er schnell als sein eigenes, nur was etwas anders als sonst. Obwohl die Vorhänge zugezogen waren und alles relativ dunkel sein sollte, konnte er überraschend klar sehen und seine restlichen Sinne schienen wesentlich schärfer geworden zu sein. Verschiedenste Gerüche und Laute prasselten auf ihn ein, gepaart mit vielen anderen Eindrücken, die er zunächst gar nicht zuordnen konnte. Bevor er sich allerdings damit auseinandersetzte, brauchte er einige Sekunden zum Durchatmen. Er rieb sich die Stirn und sah sich blinzelnd um. Immerhin tat ihm nichts weh und er konnte sich erinnern, was passiert war zumindest größtenteils. Langsam schlüpfte er aus seinem Bett und sah an sich herab. Er trug nichts außer einer Stoffhose, weswegen ihm sofort sein Schweif ins Auge fiel. Seine Augen weiteten sich, denn das Fell war nicht länger dunkel, sondern weiß und ging in den Spitzen in ein helles blau über. ‚Moment mal!' Er stürzte zum Spiegel im Badezimmer und betrachtete sich darin. „Was?! Das bin…ich?!", entfuhr es ihm erschrocken. Sein Haar hatte nun dieselbe Farbe wie sein Schweif und die Ohren und Zähne waren länger als zuvor, sodass er sich im ersten Moment nicht einmal erkannt hatte. ‚Ich…sehe aus wie meine Dämonenseite.', realisierte er und schluckte. Das blau seiner Augen war noch durchdringender als zuvor und er erkannte leichte Spuren von rot darin. Genau wie Satans Augen. Er war nicht sicher, was er dabei empfinden sollte. Er sah jetzt nicht nur wie ein wahrer Dämon aus, das schlimmste war, dass die Ähnlichkeit zu seinem biologischen Vater deutlicher denn je geworden war. Er schluckte und wandte sich ab, er konnte es nun nicht mehr ändern. Langsam verließ er das Bad, wobei ihm endlich auffiel, dass jemand auf seinem Balkon stand. ‚Na, der hat mir gerade noch gefehlt.' Zögerlich betrat er den Balkon und näherte sich Samael, welcher sich auf dem Geländer abstützte und dabei in die Ferne blickte. Widerwillig näherte sich der Nephilim dem älteren Dämonen, welcher sich jedoch nicht umwandte. „Du bist also endlich wach.", wurde er angesprochen. „Dieses Mal hast du dir wirklich Zeit gelassen." Rin antwortete nicht und starrte ihn stumm an, woraufhin der Dämonenkönig seufzte und sich endlich umdrehte. „Also…mit welchem Rin Okumura spreche ich gerade?", fragte er grinsend und betrachtete den Halbdämonen von oben nach unten. „…Du weißt von dem anderen?", erwiderte dieser. Der Baal verdrehte die Augen und seufzte erneut, dieses Mal übertrieben theatralisch. „Man beantwortet eine Frage nicht mit einer Gegenfrage. Aber ja, natürlich weiß ich von ihm. Er hat einen ziemlichen Hang zur Dramatik und hat versucht, uns einzuäschern, nachdem er sich vorgestellt hat. Übrigens hat er dabei Iblis, Egyn, Beelzebub und Astaroth ziemliche Verbrennungen beschert."
‚Karma.′, war Rins erster Gedanke, dicht gefolgt von: ‚Bezüglich Dramatik sollte er ganz still sein.′
„Das habe ich nicht gemerkt.", murmelte er ein wenig verloren klingend. „Er…hat meinen Körper übernommen?"
„Ja, es war nicht weiter überraschend. Nach 16 Jahren wäre es verwunderlich gewesen, wenn es anders gekommen wäre. Ehrlich gesagt habe ich nicht erwartet, dass du die Kontrolle zurückerlangen würdest.", erwiderte Samael nonchalant. „Anscheinend habe ich dich unterschätzt."
„Was hat er…ich…was auch immer, noch getan?", fragte Rin matt, auch wenn er die Antwort fürchtete. Samael winkte allerdings ab. „Oh, nichts Besonderes. Wie gesagt, er hat erst uns und dann Vater angegriffen. Typisch für junge Dämonen, er wollte offenbar seine Stärke zeigen, musste allerdings vor ihm kapitulieren." Er begann zu grinsen. „Ich freue mich bereits auf die zukünftigen Konfrontationen.~" Ruckartig hob Rin den Kopf und starrte den älteren Dämonen an, sicher, sich verhört zu haben. „Was?! Ich dachte, ich wäre ihn los! Ihr habt doch gesagt, dass das so ist, wenn wir uns miteinander verbinden und ins Gleichgewicht kommen!", rief er vorwurfsvoll, woraufhin sich das Grinsen seines Gegenübers nur weitete. „Korrekt, allerdings haben wir in diesem Fall eine Patt Situation, fürchte ich."
„Hä?"
Samael verdrehte die Augen. „Unentschieden, wenn du damit mehr anfangen kann. Gleichgewicht bedeutet, dass sich beide Seiten einig sind und einander akzeptieren, aber bei euch ist das nicht der Fall. Ihr habt eine Art Waffenstillstand ausgehandelt, dein anderes Ich hat sich zurückgezogen, aber es wird weiterhin versuchen, die Kontrolle zu bekommen."
„Aber ich habe ihn angenommen!", protestierte Rin frustriert und knirschte mit den Zähnen. Er hatte eingesehen, dass er ein Sohn Satans und damit ein Dämon war, reichte das nicht?! „Falsch, du tolerierst ihn. Zwischen Toleranz und Akzeptanz liegt ein feiner Unterschied.", erwiderte der Baal ungerührt. „Euch gegenseitig anzunehmen, bedeutet, dass ihr euch entsprechend anpasst. In anderen Worten: Du kannst nicht länger darauf beharren, wie bisher weiter zu machen, du wirst Teile deiner Dämonenseite übernehmen müssen, andernfalls werdet ihr niemals wirklich zur Ruhe kommen. Eure Anschauungen und Persönlichkeit sind momentan zu verschieden." Der Nephilim starrte ihn mit offenem Mund an, noch immer auf einen Witz hoffend. Das musste ein dummer Scherz sein. Er musste sich wirklich mit diesem Ding einigen?! „Und das habt ihr mir nicht früher gesagt, weil…?!", fauchte er, erinnerte sich jedoch zumindest im letzten Moment daran, nicht die Zähne zu zeigen. Momentan wollte er wirklich keinen Kampf. „Du hast nicht gefragt, kleiner Bruder.~" Rin war momentan so wütend, er würde ihn nicht überraschen, wenn Dampf aus seinen Ohren kommen würde. War ja klar, dass dieser Bastard diese Situation komisch fand. „Ich will zu Satan. Jetzt.", zischte er gefährlich. Nun war es Samael, der ihn anstarrte, bevor er in Gelächter ausbrach. „Oh, du gibst mir Befehle? Das ist neu." Sein Lachen endete abrupt und ein Grinsen blieb zurück, welches aber keineswegs belustigt wie sonst wirkte. Stattdessen jagte es Rin einen Schauer über den Rücken und er trat instinktiv einige Schritte zurück. „Ich würde an deiner Stelle an meinem Platz denken, andernfalls könnte es unangenehme Konsequenzen nach sich ziehen." In der Stimme des Zeitkönigs lag kein Humor, nur eisige Kälte, während in seinen Augen ein gefährliches Funkeln lag. Ganz offensichtlich hatte Rin eine Grenze überschritten. Dieser zog den Kopf ein, schluckte und nickte kleinlaut. „Schon besser.~" Sofort war die gute Laune des zweitältesten Dämonenkönigs zurückgekehrt. Wie schon bei Beelzebub fragte er sich, wie sehr dies gespielt war und warum er es tat. Wollte er nur verhindern, dass andere wussten, was er dachte? „Jedoch würde ich vorschlagen, dich zunächst umzuziehen. Es gehört sich für einen Dämonen deiner Stellung nicht so herumzulaufen. Oh, und verstecke deinen Schweif.", riet der Baal und warf ihm dabei einen anklagenden Blick zu. „Ja, ja, ich weiß schon.", murmelte Rin und beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen. Anschließend machten sie sich auf dem Weg zum Thronsaal, wobei Rin noch mehr neugierige Blicke als sonst bekam. Sicherlich hatte sich das Attentat herumgesprochen und seine unbestreitbare Ähnlichkeit zu Satan dürfte das übrige tun. „Keine Manieren…man sollte meinen, sie würden endlich lernen, dass starren unhöflich ist.", hörte er Samael sagen, was ihn zustimmend nicken ließ. Der Clown und er waren nicht oft einer Meinung, aber ihn nervte dieses Gegaffe wirklich sehr. Es war, als würden sie von ihm einen Salto Rückwarts oder dergleichen erwarten. Er kein Zootier oder Ausstellungsstück in einem Museum. Sie sollten sich lieber um ihren eigenen Kram kümmern! Endlich erreichten sie den Thronsaal, welcher zu Rins Erleichterung leer war, bis auf einen Dämonen, der momentan vor Satan kniete und über etwas Bericht erstattete. „…uns noch nicht ganz sicher, aber wenn ihr uns noch ein paar Tage gebt, bringen wir schon jemanden zum Reden.", schnappte Rin gerade noch auf. „Ich hoffe um deinetwillen, dass das stimmt.", antwortete der Dämonenherrscher scharf und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf der Lehne. „Sie sind uns oft genug entkommen und ich habe genug von den ständigen Verzögerungen. Tu, was auch immer nötig ist und berichte direkt an mich und nur an mich, wenn du etwas findet, verstanden? Und schicke Asmodeus, Shiva, Abbadon, Baphomet, Hecate, Mammon und Loki in einer Stunde zu mir. Wir müssen die Vorbereitungen für Samhain beginnen und ich will keine Wiederholung des letzten Jahres."
„Natürlich, sofort Eure Majestät.", erwiderte der Dämon, wahrscheinlich heilfroh, dass er kein Aschehaufen war. „Gut, dann kannst du gehen." Der Dämon erhob sich, verbeugte sich auf dem Weg nach draußen noch vor Samael und Rin und verschwand. „Na sieh mal an, wer endlich wach ist. Hier für Runde 2?", fragte Satan und betrachtete den Nephilim eindringlich. Ausnahmsweise fühlte er sich davon nicht eingeschüchtert „Ich bin nicht er.", war alles, was dieser hervorpressen konnte. Es nervte ihn jetzt schon mit seinem anderen Ich verglichen zu werden. „Ihr hättet mir sagen sollen, dass das passieren würde." Der Dämonenherrscher ignorierte seine anklagende Stimme und wandte sich an seinen älteren Bruder. „Samael, suche Alastor und sage ihm Bescheid, dass er Arbeit im Tartarus hat. Die Furien werden unruhig und ich habe keine Zeit, mich darum zu kümmern.", wies er den Zeitdämonen an, welcher keinerlei Proteste äußerte, sich verbeugte und den Saal verließ. Damit war Rin allein mit dem Dämonengott, der noch immer keine Anstalten machte, auf seinen Vorwurf zu reagieren. „Hast du nicht etwas vergessen?", fragte er stattdessen, während er den Nephilim mit seinem Blick durchbohrte. Dieser wusste zunächst nichts damit anzufangen, aber schon nach wenigen Sekunden wurde ihm klar, was der ältere Dämon meinte. Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, sich zu weigern, doch würde es ihm nichts bringen, außer sich eine weitere Strafe einzuhandeln. Daher schluckte er seinen Stolz hinunter und kniete langsam vor dem Herrscher aller Dämonen nieder. Immerhin war sonst niemand hier, der sich das Elend ansah. „Geht doch. War es so schwer?" Der Nephilim biss wütend die Zähne zusammen und schüttelte den Kopf. Ausnahmsweise würde er keinen Streit suchen, nicht wenn er Antworten wollte, „Wenn ich dich etwas frage, antwortete mit Worten." Wieder musste sich der Halbdämon zusammenreißen, um nicht zu explodieren und die Nerven zu behalten. „Nein, war es nicht.", presste er hervor. Satan starrte ihn derweil immer noch wortlos an und dieses Mal wusste Rin direkt, was von ihm erwartetet wurde. „…Vater.", fügte er widerwillig hinzu. Endlich erlaubte der ältere Dämon ihm, wieder aufzustehen und glücklicherweise gab er keinen weiteren Kommentar ab. „Kannst du dich an irgendetwas erinnern?", fragte er, während er sein Kinn auf der Hand stützte, als würde ihn das alles langweilen. Trotzdem schaute er seinen Sohn eindringlich an, als würde er nach Lügen suchen. „Mehr oder weniger. Aber nur, was in meinem Kopf vorgegangen ist.", antwortete Rin zögerlich. „Ich habe mich mit meiner Dämonenhälfte gestritten und am Ende haben wir uns verbunden, aber der C- Samael meinte, dass das nicht ganz geklappt hat und dass es nur ein Waffenstillstand ist."
„Damit hat er Recht. Ich gebe zu, dass ich nicht damit gerechnet habe.", erwiderte Satan schulterzuckend. „Allerdings hat dein Körper zumindest dein Dämonenherz angenommen, damit wäre der wichtigste Schritt erledigt. Von jetzt an werden wir wesentlich schneller voran kommen. Die Sache mit den beiden Seiten wird sich früher oder später von selbst klären."
„Du hättest mich wenigstens davor warnen können.", wiederholte Rin seinen Vorwurf von vorhin, was den Dämonenherrscher die Augen verdrehen ließ. „Das hätte was gebracht? Gar nichts. Und wie gesagt, ich hatte selbst nicht damit gerechnet." Der Halbdämon seufzte innerlich, Satan schien nicht zu lügen. „Was passiert jetzt?", fragte er stattdessen. „Soll ich weiter trainieren bis du meinen Körper benutzen kannst und das war′s dann?" Es gelang ihm nicht ganz, den Zynismus aus seiner Stimme zu halten, doch es schien seinen Vater nicht zu kümmern. „Du wirst weiter trainieren und Unterricht bekommen. An Samhain erkenne ich dich dann offiziell als meinen Sohn an und rufe dich zum Prinzen und Thronfolger Gehennas aus, natürlich wird sich dadurch an der momentanen Situation nichts ändern. Du wirst deine Studien weiterführen, zum Rest kommen wir, wenn es so weit ist."
„Warte mal, was?! Wie Prinz?!", entfuhr es Rin erschrocken. Er konnte sich erinnern, dass ihm irgendjemand gesagt hatte, dass er theoretisch der Thronfolger war, aber das war etwas zu viel des Guten. Satan sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Warum so überrascht? Als mein Sohn bist du ein Prinz und durch meine Flammen der Thronfolger, auch wenn es nicht passieren wird, dass ich sterbe oder abdanke. Dein Wort wird natürlich nach wie vor erst gelten, wenn deine Brüder und ich nicht das Gegenteil sagen."
„Also verändert sich gar nichts.", knurrte Rin gereizt. „Was bringt es dir überhaupt?"
„Politik."; kam die knappe Antwort. „Ich habe eine Menge Feinde, die dich zu gerne los werden wollen. Daran lässt sich nichts ändern, aber man kann zumindest manche abschrecken. Erkenne ich dich öffentlich als meinen Sohn an, stehst du nicht nur offiziell unter meinem Schutz, sondern es zeigt zudem, dass wir kein Problem mit Konfrontationen haben. Dich versteckt zu halten, wäre ein Zeichen von Schwäche. Der Fakt, dass du meine Flammen geerbt hast, sollte sein Übriges tun. Es ist höchste Zeit, endlich einen Erben festzulegen, andernfalls wird es wieder zu Unruhen kommen."
„Und was, wenn irgendwelche Dämonen dadurch erst recht versuchen mich umzubringen?"
„Dann finden wir nur unsere Feinde schneller. Sie werden ohnehin nicht an dich herankommen."
„Ach, wie die letzten beiden Attentäter?", erinnerte Rin ihn bissig, auch wenn ihm bewusst war, dass es nicht die beste Idee war. „Das wird nicht noch einmal passieren.", konterte Satan knapp. Es war offensichtlich, dass der Nephilim mit seinen Protesten nichts erreichen würde, daher schwieg er. Schlussendlich würde es nichts an seiner Situation ändern, egal ob er nun öffentlich als Sohn Satans vorgestellt wurde oder nicht. Es könnte höchstens zu einem Problem werden, wenn ihm wirklich irgendwie die Flucht gelang, denn dann würde man ihn wahrscheinlich viel schneller erkennen. „Und warum ausgerechnet an Samhain? Was ist das überhaupt?", fragte er stattdessen. „Eines unserer wichtigsten Feste, es jährlich einmal statt.", antwortete Satan. „An diesem Tag ist die Grenze zwischen Assiah und Gehenna besonders dünn und unsere Instinkte werden…aktiver. Die Sterblichen nennen es …irgendetwas mit Hallo…"
„Halloween?", fragte Rin überrascht, woraufhin der Dämonenherrscher nickte. „Und was soll das jetzt heißen, dass die Instinktive aktiver werden?" Sein Vater seufzte erschöpft und fasste sich an die Stirn. „Weder Samael noch die Exorzisten haben dir viel beigebracht, was? Kurz gesagt: Wir sind unruhig und aggressiver, leichter zu reizen, und das Sexualverlangen ist stark erhöht."
„…Oh." Damit hatte er nicht gerechnet. Gegen seinen Willen spürte er, wie er rot wurde, falls der Gott Gehennas es jedoch bemerkte, sagte er nichts dazu, weswegen er schnell das Thema wechselte. „Und wie wird das gefeiert?"
„Wir veranstalten ein Fest, das sogenannte "Fest des Tieres". An sich ist das nichts weiter als ein Bankett." Anscheinend schaute Rin ziemlich verdattert drein, da der Weißhaarige erneut genervt wirkte. „Ein Festessen, wenn du es ganz einfach haben willst. Es wird gegessen, Alkohol und Blut getrunken und dazu gibt es Unterhaltung. Und bevor du fragst: Ja, du musst kommen. Solange es keinen triftigen Grund gibt, besteht für dich und deine Brüder Anwesenheitspflicht."
„Warte mal, wie Blut?!", fragte Rin, welcher sich mit seinem Ausbruch ausnahmsweise gewartet hatte, bis sein Vater fertig geworden war. „Ich trinke kein Blut!"
„Das hast du längst.", kam die trockene Antwort. „In vielen Getränken ist etwas davon reingemischt." Rins Magen verdrehte sich augenblicklich, während er sein Gegenüber entsetzt anstarrte. Wie um alles in der Welt hatte er das nie bemerkt? Blut schmeckte metallisch, sowas merkte man doch sofort! Wovon war es überhaupt gewesen, von einem Menschen oder einem Dämon? Wenn er so darüber nachdachte, wollte er es vielleicht gar nicht wissen. „An diesem Tag wird es nicht anders sein.", hörte er den Dämonengott weitersprechen. „Zu Beginn geht ein Becher mit Blut herum, wir trinken einen Schluck daraus, mehr nicht. Die Geste ist rein traditionell. Dämonen wie uns bevorzugen Blut als Zutat, nicht pur." Als ob Rin das trösten würde. Er wollte generell nichts damit zu tun haben, ob nun roh oder nicht! „Ist es Menschen- oder Dämonenblut?", fragte er nun doch. Wahrscheinlich wäre es besser, die Sache hinter sich bringen und nicht weiter darüber nachzudenken, aber früher oder später würde er die Neugier nicht mehr unterdrücken können. „Eine Mischung.", kam die unschöne Antwort. „Von einem Tier aus Assiah und Gehenna, von einem Menschen und einem Dämonen."
„Babys fressen wir aber nicht, oder?" Überraschen würde es nicht mehr. Satan zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Nein, das war immer zu viel Aufwand und geschmeckt hat es nicht wirklich, also haben wir es wieder abgeschafft." Machte sich der Dämonenherrscher gerade über ihn lustig oder meinte er es ernst? Rin betete, dass es das erste war. „Wenn das alles ist, kannst du gehen.", wurde er plötzlich entlassen. „Ich habe noch zu tun und du hast gleich Training mit Egyn und Amaimon. Wir müssen wissen, was es alles für Auswirkungen hat. Solltest du dich im Laufe des Tages schlechter fühlen, sage jemanden Bescheid. Ich habe die spontanen Selbstentzündungen zu Genüge mit Iblis durch." Damit war die Sache für ihn offenbar erledigt und Rin verließ den Thronsaal. Vor der Tür warteten bereits Amaimon und Egyn, letzterer hatte die linke Hand und einen Teil des Unterarms bandagiert. Unwillkürlich fragte sich Rin wohl, wie lange es dauern würde, bis diese Verbrennungen heilten, falls sie überhaupt jemals vollständig heilten. „Starren ist unhöflich.", fauchte Egyn schnippisch und ließ Rin zusammenzucken. Er hatte gar nicht bemerkt, wie er lange er die Bandagen angestarrt hatte. Ob Egyn noch immer Schmerzen hatte? „Tut mir leid deswegen.", erwiderte er automatisch. Inzwischen war es Gewohnheit geworden, sich für alles Mögliche zu entschuldigen, egal ob es nun seine Schuld gewesen war oder nicht. Den Wasserdämonen schien dies im kalten zu erwischen, doch zumindest verschwand sein düsterer Gesichtsausdruck. „Ich werde es überleben, ich wurde schon öfter mal verbrannt." Amaimon schwieg und beobachtete Rin ausdruckslos. „Wo ist der andere Rin?", fragte er plötzlich und musterte den Nephilim noch genauer. „Weg.", murmelte dieser knapp. „Die Verschmelzung hat nicht geklappt, darum spukt er immer noch in mir rum. Ich habe nicht vor, ihm nochmal die Kontrolle zu überlassen." Diese Antwort missfiel dem Erdkönig sichtlich und er begann leicht zu schmollen. „Aber ich wollte mit ihm spielen…"
„Rin ist nicht dein persönlicher Unterhalter, hör auf, zu quengeln.", wurde er direkt von dem älteren Baal gerügt, wofür Rin ausnahmsweise dankbar war. „Bringen wir das Training hinter uns." Rin war sich nicht sicher, ob das eine gute Idee war, denn der Wasserkönig sah nicht allzu gut aus. Er wirkte blasser als sonst, seine Augen waren gerötet und auch Körperhaltung und Bewegung hatten sich verändert. Vielleicht war es eine Folge der Verbrennungen, anders konnte Rin es nicht erklären. Sie machten sich dennoch gemeinsam auf dem Weg zur Trainingshalle, wobei keiner ein Wort sprach. In der Arena angekommen, wurde Rin schnell klar, dass er Egyn heftiger verbrannt hatte als angenommen. Er mied es, ihm die verletzte Seite zu präsentieren und als Rin es sogar schaffte, ihn einmal umzuwerfen, schien er einen Schmerzensschrei zu unterdrücken, nur um sich schnell wieder aufzurappeln. „Großer Bruder, ich glaube, du solltest heute noch nicht kämpfen. Vater und die Heiler haben außerdem gesagt, dass du dich schonen sollst.", mischte sich unerwarteterweise Amaimon ein. Bisher hatte sich der Erdkönig das Elend stumm angesehen, aber nun durchbohrte er Egyn mit seinem Blick förmlich. Der Halbdämon meinte sogar, einen Anflug von Sorge in seinem Gesicht zu sehen. „Ich wollte sowieso nochmal mit Rin spielen."
„Sind nur ein paar Kratzer.", presste Egyn zwischen den Zähnen hervor und ging erneut in Kampfposition. „Ich bin kein kleines Kind mehr, ich kann allein entscheiden, ob ich kämpfe." Er verlagerte sein Gewicht, sog dann aber sofort scharf die Luft ein und presste die Zähne zusammen. Rin sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an, Amaimon blinzelte kurz, zögerte jedoch nicht lange. „Wenn du dich nicht ausruhst, sage ich es Vater.", drohte er und so gemein es war, es funktionierte. Er hatte damit genau des richtige gesagt, denn der Wasserdämon seufzte ergeben. „Ok, Ok. Aber kein Wort zu den anderen, verstanden?" Amaimon nickte und Egyn setzte sich auf eine der Bänke am Rand, inzwischen leise vor sich hin fluchend. Dem Nephilim blieb nicht viel Gelegenheit, sich deswegen Gedanken zu machen, da Amaimon direkt los legte. Der Kampf war in vielerlei Sicht anders. Nicht nur weil er dieses Mal sein Schwert nicht hatte, auch seine Sinne und sein Körper verhielten sich anders. Die Umgebung schien langsamer zu werden, er wich instinktiv Angriffen aus und legte Sprünge und Bewegungen hin, die er nicht für möglich gehalten hatte. Zugegebenermaßen gefiel ihm dieses Gefühl, er fühlte sich so viel freier und wesentlich wohler in seiner Haut. Ihm machte der Kampf (oder doch eher das Spiel?) sogar Spaß, es war eine wunderbare Gelegenheit, all diese überschüssige Energie los zu werden. Wenn es Amaimon genauso ging, konnte er ihm beinahe keine Vorwürfe machen, wenn er ständig spielen wollte. Es schockierte ihn nicht einmal, als er einmal auf dem Boden aufkam und dabei einen kleinen Krater hinterließ. Was genau konnte er wohl mit dieser Stärke alles anstellen? Er war schon immer körperlich stark gewesen, aber nun hatte er das Gefühl, Bäume herausreißen und mehrere Kilometer weit werfen zu können. Nach einer Weile ertappte er sich sogar bei dem Gedanken, dass niemand an heran kommen könnte, er würde denjenigen ganz einfach los werden, als wäre es eine lästige Fliege. ‚Wenn sogar ich schon nach kurzer Zeit so denke, ist es wohl kein Wunder, dass Satan und die Baal Gottkomplexe haben…sie haben inzwischen so viel erlebt und sind es gewohnt zu gewinnen. Hoffentlich ende ich nicht irgendwann genauso.′, überlegte er und bekam sofort die Quittung für seine Ablenkung, indem Amaimon ihm in den Magen trat und dadurch gegen die Wand schleuderte. Für einige Sekunden war er zu benommen, um wieder auf die Beine zu kommen, weswegen er nicht sofort registrierte, dass Amaimon von ihm abgelassen hatte. Erst nachdem er wieder zu sich gekommen war und auf den Beinen stand, hörte er Egyns Worte. „Das reicht für heute. Rin sollte es für seinen ersten Tag nicht zu sehr übertreiben." Ein Teil des Nephilims grollte widerwillig, er wollte weiter kämpfen! Nun da aber das Adrenalin verschwand, kam die Erschöpfung. Wie lange trainierten sie schon miteinander? „Mehrere Stunden.", beantwortete Amaimon die unausgesprochene Frage. Der Halbdämon nickte nur und griff nach einer der Wasserflaschen, die sie mitgebracht hatten. Während er trank, redeten die beiden Baal leise miteinander, allerdings verstand er nicht genau, worum es ging. Nach einer Weile schien Amaimon endlich aufzugeben und schüttelte nur den Kopf, dann zog er von dannen, während Egyn sitzen blieb. Zunächst wollte Rin dem Erddämonen aus der Halle folgen, doch etwas ließ ihn inne halten. „Du siehst sie als Monster. In gewisser Weise hast du damit Recht, aber das heißt nicht, dass sie gefühlslos sind. Sie verbergen sehr viel und sind verletzlicher als du vielleicht glaubst. Da bin ich mir ziemlich sicher. Wenn du dir die Mühe machst, ihnen näher zu kommen, wirst du das merken.", hallte Vayas Stimme in seinem Kopf wider. Seit ihrem Gespräch hatte er zwar öfter Zeit mit den Baal verbracht, doch wirklich schlau war er aus ihnen nicht geworden. Bisher hatte er nur erkannt, dass sie oft ihre wahren Gefühle versteckten und teilweise stattdessen gute Laune vortäuschten. Dies würde zumindest teilweise diese extremen Stimmungsschwankungen erklären. Momentan war er mit Egyn allein, was selten genug vor kam, warum sollte er da die Gelegenheit nicht nutzen? Vielleicht bekam er etwas aus ihm heraus. Zögerlich trat er an den Wasserdämon heran, der ihm nur einen flüchtigen Blick zuwarf. „Du kannst gehen, es reicht für heute.", wiederholte er und schien überrascht, als sich der jüngere Dämon neben ihn setzte. „Dein Arm…tut es wirklich so sehr weh?", fragte zögerlich und erwischte dabei ungewollt einen Nerv. „Ich kann auf mich selbst aufpassen, ich brauche keinen, der mich ständig bemuttert.", knurrte Egyn schnippisch, nur um Sekunden darauf den Kopf zu schütteln und seinem Blick auszuweichen. „Tut mir leid. Es geht schon. Solange ich nicht dagegen komme, ist alles in Ordnung. Deine Dämonenhälfte hat echt zu viel überschüssige Energie. Erst mein Arm, dann noch mein halber Rücken…und ich dachte immer, Iblis wäre Pyromane."
„Ja…er hat damals im Fegefeuer davon gesprochen, alles brennen zu lassen.", antwortete Rin, dem langsam klar wurde, wie unangenehm die Situation war. „Ich hatte ja gehofft, ihn los zu werden, aber jetzt muss ich wohl mit leben." Großartig, jetzt brabbelte er vor sich hin. Wahrscheinlich war er jetzt schon zum Scheitern verurteilt. ‚Ach, was soll's…′
„Warum stößt du immer andere weg, wenn sie dir helfen wollen? Du bist verletzt, ist es nicht normal, dass sich die anderen Sorgen machen?" Natürlich sollte er still sein, immerhin bat er ebenfalls ungern um Hilfe und stritt es immer ab, wenn andere meinten, es ginge ihm schlecht, aber er konnte sich nicht vorstellen, dass Egyn den gleichen Grund hatte. Der Wasserdämon hielt inne und warf dem Nephilim einen Blick zu, den er nicht deuten konnte. „…Im Gegensatz zu unseren Brüdern war ich als Kind relativ schwächlich.", erwiderte er schließlich zögerlich. „Ich war der schwächere im Mutterleib, wesentlich kleiner als Iblis und meine Selbstgeneration funktioniert auch nicht so gut wie normalerweise. Ich brauche wesentlich länger, um mich von Verletzungen zu erholen, darum habe ich immer versucht, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Trotzdem haben die anderen mich oft in Schutz genommen, vor allem Iblis. Inzwischen hab ich genug davon, ich will von ihnen nicht als derjenige angesehen werden, der immer Hilfe braucht."
„Verstehe.", murmelte Rin. Zugegebenermaßen hatte er nicht erwartet, eine wirklich Antwort zu erhalten, vielleicht wurde der Baal wirklich offener, wenn sie allein waren. „Ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass du mir den Grund verraten würdest.", gab er vorsichtig zu, woraufhin der Wasserdämon mit den Schultern zuckte. „Du kannst uns mit der Info wohl kaum schaden." Mehr sagte er nicht dazu und Rin hakte auch nicht nach. Immerhin wusste er nun, dass es bei Egyn und Iblis ähnlich wie bei ihm und Yukio gelaufen war. Egyn, der jüngere und schwächere, wurde stets vom älteren Bruder beschützt und hatte dadurch vermutlich irgendwelche Minderwertigkeitskomplexe entwickelt. Welch Ironie, dass ihre Beziehung zueinander wesentlich besser zu sein schien. „Gut…ich geh dann mal.", murmelte er schließlich und stand auf. Der andere Dämon antwortete nicht und nickte nur. Wahrscheinlich könnte er versuchen, mehr erfahren, doch er wagte es nicht, weitere Fragen zu stellen. Ein Schritt nach dem anderen.
Wochen vergingen, Rin gewöhnte sich langsam an seine Entsiegelung und musste feststellen, dass er sich tatsächlich wesentlich wohler als zuvor fühlte, beinahe als könnte er nach langer Zeit endlich wieder richtig atmen. Wer hätte gedacht, dass das Siegel wirklich so viel ausmachte? Dennoch brachte es nicht nur positives mit sich. Seine Dämonenseite lauerte nach wie vor in seinem Verstand, flüsterte ihm Dinge zu und verdrehte seine Gedanken. Mit jedem Tag schien es langsam zuzunehmen und auch in der Nacht wurde ihm keine Ruhe gegönnt. Er hatte seit seiner Ankunft in Gehenna des öfteren Albträume gehabt, doch nun hatte er sie beinahe jede Nacht. Oft ertrank er Blut, wurde von seltsamen Schatten irgendwo hin gezerrt oder hörte die Stimmen seiner Freunde. Nicht selten wachte er weinend oder schreiend auf, einmal waren sogar Beelzebub und Amaimon in sein Zimmer gestürmt, da er offenbar wie am Spieß geschrien hatte. Satan versicherte ihm, es sei vollkommen normal, der Nephilim hatte allerdings seine Zweifel. Sein schlechter Schlaf sorgte dafür, dass er wesentlich gereizter war und öfter kurz wegnickte. Generell war oft durcheinander und er wusste nicht, was er davon halten sollte. Vermutlich lag es nur an der Umgewöhnung, aber eine leise Stimme in seinem Hinterkopf sagte ihm, dass mehr dahinter steckte und er vorsichtig sein musste. Als ob er das nicht bereits selbst gemerkt hatte. Schlussendlich bekam er ein Mittel, das ihn durchschlafen ließ, leider machte sich selbst hier ein ungutes Gefühl bemerkbar. Etwas sagte ihm, das Mittel bloß nicht zu nehmen, aber ohne es konnte er nicht schlafen, was blieb ihm also übrig? So verging die Zeit, in denen er sich langsam an die neuen Verhältnisse anpasste und sich auf seine offizielle Ausrufung als Prinz Gehenna vorbereite. Glücklicherweise musste er sich um das meiste keine Gedanken machen, die Organisation übernahm Satan, er musste nur den Ablauf kennen und wissen, was er zu tun hatte. Das sollte nicht einmal er in den Sand setzen können, richtig? Die Dämonenkönige konnten ihm leider nicht weiter helfen, sie galten schon von Geburt an als Prinzen Gehennas, sie hatten später nur die Krönung zum Baal gehabt und nicht einmal sie wussten hundertprozentig, wie es bei ihm ablaufen würde. Satan schwieg diesbezüglich, würde Rin jedoch nach eigener Aussage rechtzeitig Bescheid geben. Vorerst versuchte er sich keine Sorgen diesbezüglich zu machen und konzentrierte sich andere Dinge. Er traf sich oft mit Deimos und seit kurzem war es ihm zudem erlaubt, sich im Palastgarten aufzuhalten, zwar unter Aufsicht, aber das störte ihn kaum. In der Regel waren es Wachen, denen es ziemlich egal war, was er trieb, solange es nicht den Palast den Luft sprengte. Natürlich nutzte der Nephilim diese Gelegenheiten vollkommen aus und verbrachte Stunden damit, den riesigen Garten zu erkunden, wobei Park wohl eher zutraf. Er war niemals ein Pflanzenliebhaber gewesen, doch sogar ihm gefiel es hier sehr gut. Verschiedenste Bäume, Pflanzen und Blumen waren hier zu finden, ebenso wie Pavillons, Brunnen, Brücken, Grotten, Hecken, Bögen, Teiche, Bäche und sogar kleine Wasserfälle. ‚Shiemi würde es lieben…' Wer weiß, vielleicht war dieser Ort tatsächlich der Garten Amahara, den sie so gerne hatte suchen wollen. Falls ja, war die Ironie auf jeden Fall vorhanden. Gerade war er darin versunken, einem dämonischen Eichhörnchen (zumindest glaubte er, dass es ein Eichhörnchen war, denn das Fell war grün, es hatte kleine Hörner und drei Schweife) beim Klettern zuzusehen, als er leises Fluchen hörte. Überrascht sah er sich um und entdeckte im ersten Moment niemanden, aber schlussendlich erkannte er Beelzebubs Stimme und ging neugierig darauf zu. Er traf nur selten auf einen der Dämonenkönige in den Gärten, weswegen er umso neugieriger war. Was trieb der ältere Dämon hier? Schlussendlich entdeckte er ihn vor einem der Bäume, wo er scheinbar etwas suchte. Zuerst wollte er ihn ignorieren und zurück zum Palast gehen, aber dann fiel ihm die Sache mit Egyn ein. Es kam selten genug vor, einen Baal allein zu erwischen und die Chance, dass sie dann offener waren, bestand zusätzlich. Warum also nicht die Gelegenheit nutzen? Wer weiß, vielleicht würde er sogar endlich etwas zu dem Zuchthaus Fiasko sagen. Seit der Nephilim ihn konfrontiert hatte, herrschte zwischen ihnen eine gewisse Distanz, auch wenn der Grünhaarige versuchte, sich normal zu verhalten. Mit vorsichtigen Schritten näherte er sich dem älteren Dämonen, welcher offenbar keinen allzu guten Tag hatte. „Warum eigentlich immer ich?", hörte Rin ihn leise murmeln. „Da passt man einmal nicht auf und dann sowas…mal wieder typisch…"
„Beelzebub?", fragte Rin unsicher und erhielt dafür eine unerwartete Reaktion. Der Insektenkönig zuckte zusammen und stieß einen erschrockenen Laut aus, nur um mit gezogener Waffe herumzuwirbeln, aber entspannte sich wieder, als er Rin sah. „Seit wann schleichst du dich an?! Ich habe fast einen Herzinfarkt bekommen…", beschwerte sich und griff sich kurz an die Brust. Rin widerstand der Versuchung zu fragen, ob Dämonen überhaupt Herzinfarkte bekommen konnten und es wirklich tödlich war. „Was tust du hier?", fragte er stattdessen, während sein Blick neugierig über den Baum und das Gras schweifte, in der Erwartung zu sehen, was den Baal so sehr aufregte. „Nichts weiter. Geh einfach rein.", antwortete dieser sofort. Oh nein, so leicht ließ er sich nicht abwimmeln. „Komm schon, du würdest nicht hier sein, wenn nichts wäre.", bestand er und trat näher. „Ich sag's auch keinem." Beelzebub zögerte, dann seufzte er und schüttelte den Kopf. „Na gut, ich habe wohl nicht viele Optionen. Eine meiner…Züchtungen ist aus meinem Zimmer entkommen und ich muss sie finden, bevor Vater es mitbekommt."
„Okay, warum das?"
„Weil ich die eigentlich gar nicht hier halten darf, aber es ging nicht anders!", erklärte der Insektenkönig aufgeregt. „Lange Geschichte, aber falls du was Kniehohes mit acht Beinen siehst, dann lass dich nicht beißen. Oder anspringen."
„Okaaay…", murmelte Rin. „Was genau ist denn abgehauen?"
„Eine Spinne."
„DIE KNIEHOCH IST?!", entfuhr es dem jüngeren erschrocken, woraufhin er ein Nicken erhielt. Wundervoll, das wurde ja immer besser. Schlussendlich brauchten sie eine Stunde bis sie das verdammte Vieh endlich fanden, welches unter einem Felsen hockte und scheinbar nur darauf wartete, ahnungslose Dämonen anzuspringen. Der Nephilim unterdrückte ein Schaudern, als der Baal sie einfach hochnahm und sich verstohlen umsah. Anschließend half Rin ihm sogar sie zurück in sein Zimmer zu schmuggeln und wie durch ein Wunder kamen sie tatsächlich damit davon. Das, oder die Bediensteten hatten es irgendwie mitbekommen und gingen ihnen mit Absicht aus dem Weg. Verdenken könnte man es ihnen nicht, er könnte schwören, hungrige Blicke von diesem Spinnenvieh zu bekommen. Folglich atmete er erleichtert auf, als es in seinem Behälter verschwand. Gleichzeitig nutzte er die Gelegenheit, sich im Zimmer des Baals umzusehen, welches wie Azazels abgedunkelt war. Dies lag wahrscheinlich an den unzähligen Behältnissen, die sich teilweise bis fast an die Decke türmten und verschiedenste Krabbeltiere enthielten. Dazwischen waren mehrere Regal, welche voller Bücher und Gegenstände gestopft waren, sodass es unmöglich schien, sich in diesem Chaos zu orientieren. Auch der Schreibtisch des Baals war voll mit Büchern und vollgekritzelten oder zerknüllten Blättern. Einige schienen sogar Zeichnungen sein, aber er konnte es nicht genau erkennen. Ansonsten war der Raum überraschend sauber, wenn man von dem mit weiteren Zetteln (und einigen Klamotten) überstreuten Fußboden absah. Hier etwas zu finden war sicherlich ein Albtraum, es sei denn, der Baal war einer dieser Personen, die immer genau wusste, wo was lag. „Nettes Zimmer.", kommentierte er, was nichts weiter als ein kläglicher Versuch war, eine Konversation zu starten. „Aber findest du dich hier überhaupt zurecht?"
„Mmm? Oh ja, ja…", murmelte der ältere offenbar abwesend. Er war noch immer dabei, die Spinne zu füttern und schloss nun endlich den Behälter. „Danke für deine Hilfe. Vater hätte mir den Schweif lang gezogen, wenn er das mitbekommen hätte. Ich kapiere immer noch nicht, wie sie abhauen konnte…" Letzteres murmelte er zu sich selbst und zuckte mit den Schultern. „Na ja, ich bringe sie heute sowieso zurück in meinen Palast." Er wandte sich zurück an Rin. „Du kannst jetzt gehen, ich muss mich noch um den Rest hier kümmern."
„Eigentlich hatte ich gehofft mit dir zu reden.", antwortete Rin schnell. „Ich bin schon seit einer Weile hier, aber so wirklich weiß ich kaum was über euch." Beelzebub hielt inne und sah ihn an, offenbar mehr als zweifelnd. „Du bist kein guter Lügner.", erwiderte er gerade heraus. „Was ist wirklich der Grund?"
„Ich lüge nicht! Ich verstehe euch nur nicht und will mehr wissen.", protestierte der Nephilim. Es war nicht die ganze Wahrheit, ein Teil hoffte immerhin, sich das zunutze machen zu können, aber das musste er ja nicht zugeben. Für einige Zeit wurde er von dem anderen Dämonen angestarrt, bis dieser zu seiner Erleichterung mit den Schultern zuckte. „Was auch immer, schätze ich kann reden und füttern. Worüber willst du sprechen?", fragte er und begann damit, einige Kisten aus einem weiteren Regal zu nehmen und zu öffnen. „Also, ist das hier ein Hobby von dir oder dein Job als Insektenkönig?" Am besten er begann mit einfachen Fragen und tastete sich langsam voran. „Beides. Ich habe Insekten, Spinnen und Skorpione schon gehalten, lange bevor ich Dämonenkönig wurde und irgendwann habe ich begonnen, mit Züchtungen zu experimentieren. Meine Notizen siehst du ja überall.", erklärte der Grünhaarige, während er einige Würme in eins der Terrarien warf. „Der Vorteil ist, dass man sie inzwischen auch als Waffen und Wächter einsetzen kann, wir verwenden sie in sehr vielen Gefängnissen oder in den Arenen, aber das ist mir persönlich zuwider."
„Aber…sie sind so klein. Sind sie giftig?", hinterfragte Rin. Die meisten Tiere in diesem Raum waren nicht wirklich größer als in Assiah, wie konnten sie dann etwas bewachen? Dann fiel ihm allerdings der riesige Skorpion aus dem Fegefeuer ein. „Sie werden natürlich größer, manche können ab einem bestimmten Alter ihre Größe kontrollieren, so wie Cat Sidhes. Und ja, sie verfügen allesamt über starke Toxine.", fuhr Beelzebub fort. „Allerdings züchte ich einige ausschließlich für Folter, bei denen ist es dann logischerweise nur sehr schmerzhaft." Rin unterdrückte ein Schaudern und nickte nur. „Gibt es sonst noch was, was du gern in deiner Freizeit tust? Ich habe gesehen, dass manche der Zettel dort Zeichnungen haben…?"
„Oh die…ich kritzle manchmal vor mich hin, mehr nicht. Ansonsten lese ich und bin viel auf Social Media unterwegs. Ich hab von uns allen die meisten Untertanen, darum habe ich gar nicht so wirklich Zeit für mehr. Ich frage mich bis heute, wie Samael seine Anime Marathons hinbekommt…schätze es hat seine Vorteile König der Zeit zu sein."
„Wünschst du dir manchmal ein anderes Element gehabt zu haben? Insekten sind ja ok, aber es ist jetzt nicht so praktisch wie Feuer, oder?", hakte Rin nach. Tatsächlich hätte er sich schon des Öfteren gefragt, wie es wäre über andere Kräfte als seine Flammen zu verfügen. „Eigentlich nicht. Klar, es wäre ganz interessant, aber ich kenne es nicht anders."; gab der Baal zu. „Ich kann damit natürlich nicht so offensiv kämpfen wie beispielsweise Iblis, aber ich hab mich angepasst." Er schloss das momentane Terrarium und spähte in das nächste, nur um die Stirn zu runzeln. „Sie hat schon angefangen sich zu häuten? Das ist etwas früh…na was soll's, ich behalt's im Auge.", murmelte er vor sich hin und schrieb es auf einen Zettel. „Oh, und es wäre nervig gewesen sich am Ende die Herrschaft mit jemanden zu teilen, weil wir das gleiche Element haben.", fügte er plötzlich hinzu. „Ganz ehrlich, wir streiten uns schon oft genug um Chips, da will ich nicht wissen wie es bei sowas endet. Auf Dauer sind Kriege nervig."
„Klingt als hättet ihr schon Kriege hier gehabt.", stellte Rin verblüfft fest. „Na ja, nicht direkt Kriege. Wir haben unsere Armeen gegeneinander kämpfen lassen, aber nur weil uns langweilig war oder wir die Stärke austesten wollten." Er erhielt einen frustrierten Blick von dem Nephilim. „Ihr lasst eure Leute gegeneinander kämpfen, nur um ihre Stärke zu testen? Schon mal was von Wettkämpfen gehört?!"
„Die waren zu öde.", erwiderte Beelzebub schulterzuckend. Das schlimmste an der Sache? Rin überraschte es nicht länger und er sagte auch nichts weiter dazu. Zwar tat es ihm für die Dämonen leid, aber zumindest bedeutete das weniger Gegner für Assiah, oder? Kaum dachte er das, kam doch noch eine Frage auf. „Hat Satan das nicht gestört?"
„Zu Beginn nicht, später schon. Ehrlich gesagt muss er sich kaum Sorgen machen, unsere Armeen sind größer als die in Assiah und die Vergänglichen haben bei weitem nicht genug Waffen. Dann kommen ja noch die nicht humanoiden Dämonen dazu und so weiter." Richtig, die hatte Rin vergessen. Wenn er so darüber nachdachte, hatte die Menschenwelt wirklich schlechte Karten. Ob sich die Exorzisten überhaupt im Klaren darüber waren, was in Gehenna auf sie wartete? Trotz allem führte er das Gespräch weiter und wurde zusehends mutiger. Tatsächlich fiel es ihm sehr leicht, mit dem jüngsten Baal zu reden, vielleicht weil dieser trotz seines hohen Alters noch am nächsten an ihm dran lag. Würde man Beelzebubs Alter in Menschenjahre umrechnen, wäre er wohl nur ein wenig älter als Rin. „Gibst du mir mal die Tüte dort drüben?", wurde er plötzlich gefragt. Von der plötzlichen Bitte überrumpelt, nickte er und gab dem Insektendämonen die Tüte. Dabei fiel sein Blick auf dessen Unterarm, wo sich seine Siegeltätowierung befand, doch durch die Nähe fiel ihm etwas auf, dass er vorher übersehen hatte. „Was sind das für Narben?" Beelzebub folgte seinem Blick und betrachtete die langen Kratzer an seinem Arm. Sie waren bereits verblasst, weswegen sie nicht weiter auffielen, wenn man nicht hinsah. „Oh, die… sind nicht weiter schlimm. Als Kind hatte ich einen kleinen Zwischenfall mit einem Fenriswolf. Kinder haben noch keine so gute Selbstheilung, also sind Narben zurückgeblieben. Die meisten sind am Rücken, der Rest sind an den Armen, Beinen und Handgelenken, also kann ich sie einfach verstecken." Rin nickte nur, auch wenn er sich nicht sicher war, ob der ältere wirklich die Wahrheit sagte. Stattdessen suchte er nach etwas anderem, das er sagen konnte, entschied sich schließlich aber über seinen Schatten zu springen und endlich das wichtigste anzusprechen. „Hör mal, ich wollte dich noch was anderes fragen.", begann er langsam. „Die Sache mit deiner Mutter, wo du mich um Hilfe gebeten hast-"
„Ich habe dich nie um Hilfe gebeten, Rin.", blockte der ältere sofort ab. „Lass es gut sein."
„Du willst also nicht mehr wissen, was mit ihr passiert ist? Oder mir was über meine sagen?" Er erhielt erdrückendes Schweigen. Natürlich. Was hätte er sonst erwarten sollen? „Deine Mutter wollte es.", kam plötzlich die Antwort. „Was wollte sie?", fragte er verwirrt. „Vater. Dich auf die Welt bringen. Dass wir dich aufziehen und du uns dabei hilfst Assiah zu bekommen. Mehr musst du nicht wissen."
„Du willst mir erzählen, dass meine Mutter das unterstützt hat?"
„Ja. Du solltest nicht alles glauben, was die Exorzisten dir sagen. Shiro Fujimoto hat uns ebenfalls einst gedient und gegen die Exorzisten gearbeitet, wusstest du das?" Rin hatte das Gefühl, jemand hätte ihm eine Ohrfeige gegeben. „Lügner.", zischte er. „Wage es ja nicht, seinen Namen durch den Dreck zu ziehen!"
„Hast du dich niemals gefragt, warum er so langer durchgehalten hat, als Vater von ihm Besitz ergriffen hat?", erwiderte Beelzebub und sah Rin endlich direkt an. Er wirkte ungewöhnlich ernst. „Alles was er berührt zerfällt, aber der Paladin hielt durch. Woran glaubst du, lag das?" Rin öffnete und schloss den Mund, wusste aber keine Antwort. Warum hatte sein Adoptivvater es so lange überstanden? „Shiro war ein Mensch. Richtig?", fragte er vorsichtig, die Antwort fürchtend. „Sagen wir mal, seine Blutlinie war nicht ganz menschlich.", erwiderte der ältere Dämon kryptisch und wandte sich an das nächste Terrarium, als wäre nichts passiert. „Schlussendlich ist es egal, er ist tot und fertig." Rin wollte zu gerne nachhaken und mehr erfahren, aber etwas sagte ihm, dass er sein Glück bereits überstrapaziert hatte und er wollte es sich momentan ungern mit einem Baal verscherzen. Von da an bewegte sich ihr Gespräch in eine weniger gefährliche Richtung, doch zumindest erfuhr er so noch einige interessante Dinge. Umso überraschender war es für ihn, als es plötzlich darum ging, auf was für einen Typ Mädchen er stand. Wie konnte das überhaupt passieren?! „Komm, du kannst mir nicht erzählen, dass du noch nie verschossen warst.", kommentierte Beelzebub und sah ihn zweifelnd an. „Was spielt das für ˈne Rolle? Ihr lasst doch eh nicht zu, dass ich mich mit jemanden treffe.", grummelte Rin vor sich hin. „Oh, du lernst dazu.~", grinste der Baal und erhielt dafür einen giftigen Blick. „Hey, mich interessiert nur, ob mein kleiner Bruder auf irgendeine Dämonin hier steht, ist doch kein Verbrechen.~" Der Nephilim unterdrückte ein Schnauben. „Ich mag Dämoninnen, die nicht zur Prostitution gezwungen werden, die ich wirklich kenne und die nicht versuchen, mich zu umzubringen.", knurrte er, woraufhin Beelzebub kurz inne hielt, dann zuckte er mit den Schultern. „Sei realistisch." Gut, das wurde ihm jetzt zu bunt. Er stand ruckartig auf. „Ich sollte langsam gehen.", sagte er knapp und wandte sich zum gehen. Der Insektenkönig nickte, ohne aufzusehen. „Klar. Komm gern öfter vorbei." Der Nephilim antwortete nicht und verließ das Zimmer. Dabei konnte er nicht anders, als sich zu fragen, warum Beelzebub ihn fragen würde, zu welcher Art Mädchen er sich hingezogen fühlte. Was heckte der Baal nun schon wieder aus? Es fiel ihm schwer zu glauben, dass er nur aus Interesse fragte. Seufzend schüttelte er den Kopf. Er würde so schnell keine Antwort bekommen und momentan hatte andere Sorgen. Er wollte zurück in sein Zimmer, entdeckte aber Deimos auf dem Flur. „Hallo, Deimos.", grüßte er, woraufhin der ältere ihn verdattert anstarrte, aber dann erkannte. „Hey, Rin. Tut mir leid, ich habe mich immer noch nicht an deine neue Haarfarbe gewöhnt.", gestand er verlegen. „Wie geht's dir denn so? Vom Training zurück?"
„Nein, erst nachher, ich war gerade bei Beelzebub.", antwortete Rin und zwang sich zu einem Lächeln. „Und ist bei dir alles in Ordnung? Wie geht es Eurynome?"
„Gut, mal von der Morgenübelkeit und der Lust nach rohem Fleisch abgesehen."
„Ich dachte, Schwangere dürfen das nicht essen?"
„Vielleicht bei Menschen, Dämoninnen ticken anders.", meinte Deimos schulterzuckend. „Aber kurz zu dir. Was ist los? Du siehst aus, als hättest du eine Banshee gesehen." Verflucht. So sehr er es versuchte, er schaffte es nicht, seine Gefühle vor Dämonen zu verstecken. Er hatte sich eigentlich für recht gut darin gehalten, doch das war bei Menschen gewesen. Hier schien ihn jeder sofort zu durchschauen. „Ach, es geht schon." Wenn Täuschung nicht klappte, dann eben vom Thema ablenken. „Mach dir keine Gedanken. Du hast sicher besseres zu tun."
„Nicht wirklich, meine Schicht dauert noch einige Stunden, also werde ich mich nicht wegbewegen." Rin zögerte, zwar stimmte das, doch war es wirklich eine gute Idee? Der Flur war zu offen und Beelzebub, einer der anderen Baal oder gar Satan selbst könnten jeden Moment vorbei kommen. Deimos schien zu erraten, was er dachte. „Wie wär's damit: Du gehst nachher zu deinem Training, ich beende meine Schicht und dann treffen wir uns an einem ungestörten Ort. Einverstanden?" Erneutes Zögern, dann nickte der Halbdämon. Wahrscheinlich war es selbstsüchtig, aber er brauchte momentan wirklich jemanden zum reden und Vaya stand in diesem Fall außer Frage. „Wo treffen wir uns?"
„Im Palastgarten. Kennst du den Steinpavillon an der Brücke? Dort kommt so gut wie keiner hin und wir können reden." Noch immer mit einem mulmigen Gefühl im Magen stimmte der Nephilim zu und ihre Wege trennten sich wieder.
Einige Stunden später machte sich Rin direkt nach dem Abendessen auf den Weg in den Garten. Das Training hatte sich heute sehr gezogen, weswegen er sich am liebsten im Bett verkrochen hätte, aber er wollte den Zeitdämonen nicht versetzen, zumal sie sich seinetwegen trafen. Er hatte sogar Satan gefragt, ob es in Ordnung war, so spät noch einmal herauszugehen und er hatte es erlaubt, solange er vor der Sperrstunde zurück war. Daher war er relativ zuversichtlich, dass es keine Probleme geben würde. Erst im Nachhinein hinterfragte er, ob Deimos sich überhaupt hier aufhalten durfte, wenn seine Schicht vorbei war, aber da er das Treffen anbot, war es wohl erlaubt. Nach einer Weile erreichte er den Treffpunkt, wo Deimos bereits wartete. Er trug noch immer seine Rüstung und wirkte ziemlich müde, lächelte dem Nephilim allerdings aufmunternd zu, als er ihn sah. „Freut mich, dass duˈs geschafft hast. Wie war das Training?"
„War ganz ok.", murmelte der jüngere und ließ sich neben den anderen auf der Bank nieder. „Danke, dass du hier bist. Ich habe heute einiges von Beelzebub erfahren und ich weiß nicht mehr so wirklich, was ich denken soll."
„Ok. Worum geht es?" Rin öffnete und schloss den Mund, ohne etwas zu sagen, plötzlich fehlten ihm die Worte. Bisher hatte er Deimos nichts von seiner Vergangenheit erzählt und er war nicht sicher, ob er bereit dafür war. Ein kleiner Teil hatte noch immer Angst, dass der Dämon ihn nur ausnutzte oder aushorchte, aber schlussendlich konnte er sich nicht länger zusammenreißen. „Ich bin in Assiah von einigen Exorzisten aufgezogen worden. Mein Adoptivvater hatte sogar einen relativ hohen Rang inne und hat an einer Exorzistenschule ein Fach gelernt, allerdings wusste ich nichts davon. Ich konnte Dämonen erst sehen, als mit 15 meine Flammen rauskamen. Entsprechend groß war mein Schock.", begann er zu erklären und beobachtete dabei Deimosˈ Reaktion. Dieser runzelte verwirrt die Stirn und sah ihn seltsam an. „Du bist ein Kind Satans und trotzdem haben dich Exorzisten aufgezogen?"
„Ja. Mein Adoptivvater war ein Freund meiner Mutter. Die anderen haben mit ihm zusammen in einem Stift gelebt und damit auch mit mir. Ich weiß gar nicht, ob er ihnen schon am Anfang gesagt hat, wer ich bin oder erst später, ist ja auch egal." Er seufzte und schluckte. Obwohl er vage blieb, tat es mehr weh als gedacht und sicherlich würde es nicht einfacher werden. „Sie haben alles ihr Bestes gegeben, um mich von Dämonen und all dem fernzuhalten und das hat geklappt bis zu meinem Erwachen. Um die Sache kurz zu machen, mein Adoptivvater konnte, warum auch immer, Satan für einige Minuten in seinem Körper halten und hat sich getötet nachdem er von ihn übernommen wurde. Er ist gestorben, um mich zu beschützen…" Seine Stimme brach und er spürte wie Tränen in seinen Augen brannten, wischte sie aber energisch beiseite. „Du solltest dir keine Vorwürfe machen. Er hat dich aufgezogen, da ist es normal, dass er alles tut, um dich zu beschützen. Du warst für ihn sein Kind.", kommentierte Deimos leise, woraufhin Rin schnell nickte. „Ich weiß. Aber jetzt frage ich mich, wie viel ich wirklich wusste und was wirklich seine Rolle bei der ganzen Sache war."
„Was meinst du damit?"
„Ich habe mit Beelzebub kurz über ihn gesprochen und über meine Mutter. Angeblich wollte sie, dass das alles passiert. Also, dass ich geboren werde und Satan durch mich Assiah übernimmt und ich verstehe nicht warum.", erklärte Rin, aus dem die Worte plötzlich herauszupurzeln schienen. „Welcher Mensch, der noch halbwegs bei Verstand ist, würde Satan in Assiah wollen? Und dann die Sache mit meinem Vater…meinem Adoptivvater, meine ich. Beelzebub hat behauptet, dass er mal gegen die Exorzisten und für Dämonen gearbeitet hat und seine Blutlinie wohl nicht ganz menschlich war. Was soll das heißen?! Nach dem was ich gehört habe, war er keine Dämonenhasser, aber er war trotzdem nicht ihr Freund. Und warum hat er mich aufgenommen? Wenn meine Mutter wollte, dass ich hier aufwachse, wie bin ich dann bei Shiro gelandet?! Sie waren Freunde, aber er wollt nicht, dass Satan nach Assiah kommt. Das macht alles keinen Sinn. Und warum zum Henker hat er Satan aushalten können?!" Mit einem frustriertem Schnauben vergrub er sein Gesicht in den Händen. Wieso musste sein Leben immer so kompliziert sein? Deimos sagte in den ersten Sekunden nicht, sondern schwieg, offenbar am Nachdenken, dann ergriff er das Wort. „Die Sache mit der Blutlinie ist ehrlich gesagt gar nicht mal ungewöhnlich. Es gibt viele Exorzisten mit Dämonenblut, also würde ich mir da nicht zu viele Gedanken diesbezüglich machen." Das erregte Rins Aufmerksamkeit. „Ich dachte, Nephilim wären relativ selten? Außerdem hatte er nie Kräfte oder Probleme mit Weihwasser. Er war Priester, da kann er kaum Dämonenblut haben."
„Ich rede nicht nur von Nephilim. Wenn ein Dämon mit einem Menschen Nachwuchs zeugt, zeigt sich das noch hunderte von Generationen später. Zwar wird der Dämonenanteil mit jeder Generation schwächer, bis die Betroffenen keine Kräfte haben und als normale Menschen gelten, aber man sie trotzdem relativ schnell erkennen, achte einfach auf unnatürlich Haar- und Augenfarben. Das wird in der Regel immer weiter vererbt. Hatte dein Adoptivvater sowas?" Rin hielt inne, dann nickte er langsam. „Seit ich denken kann, waren seine Haare weiß und seine Augen irgendwie rötlich…"
„Da haben wir's. Ich weiß, in Assiah wird vieles auf Gendefekte geschoben, aber manchmal sind das einfach nur Menschen mit Dämonen irgendwo in der Blutlinie. Assiah ist voll mit ihnen, die Sterblichen merken es nur nicht, vor allem da Nephilim quasi als ausgerottet gelten. Natürlich gibt es vereinzelt welche, aber wenn sie Glück haben, können die ein ruhiges Leben führen. Aber um auf deinen Adoptivvater zu sprechen zu kommen, das ist wahrscheinlich der Grund, warum er Satans Übernahme länger als sonst ausgehalten hat. Wahrscheinlich hatte er einen oder mehrere Dämonen mit hohen Regenerationsfähigkeiten in der Blutlinie. Und was das zusammenarbeiten betrifft: Es kann auch sehr gut sein, dass er gar nicht direkt für sie gearbeitet hat. Vielleicht haben die Exorzisten gemerkt, dass er ein Dämonennachkomme ist und haben ihn deswegen in die Mangel genommen. Das gleiche könnte bei deiner Mutter der Fall sein. Ganz ehrlich, ich wäre verwundert, wenn sie wirklich zu hundertprozentig menschlich war. Erst überlebt sie Satan und dann schafft sie es, dich auf die Welt zu bringen? Normalerweise reißen die Kinder den Müttern vorher den Bauch auf." Rin wollte ihm glauben, er wollte es wirklich, aber etwas sagte ihm, dass mehr dahinter steckte. Seine Mutter und Satan waren sich sicher nicht zufällig begegnet und so wie manche der Baal über Shiro sprachen, schienen sie ihn zu kennen. Abgesehen davon hatte es Beelzebub so klingen lassen, als hätte er direkt für sie gearbeitet. Ein wichtiges Teil des Puzzles fehlte und wahrscheinlich würde es nicht einfach werden, dieses zu finden. „Eine Sache fällt mir natürlich noch ein, aber das ist glaube ein wenig lächerlich.", hörte er Deimos weitersprechen. „Sag es mir bitte trotzdem.", bat Rin. Er klammerte sich momentan an jeden Strohhalm. „Deine Mutter ist irgendwann nach der Geburt gestorben, richtig?", fragte Deimos, woraufhin Rin nickte. So wurde es ihm immer gesagt. „Vielleicht hättest du Gehenna in einem so jungen Alter nicht ausgehalten und wurdest deswegen zu deinem Adoptivvater geschickt, der dich aufziehen sollte, bis du bereit bist. Irgendwann hat er dann aber Zweifel bekommen und dich stattdessen beschützt."
„Auf keinen Fall!", bestritt Rin sofort. „Das macht keinen Sinn, dann hätte er mich nicht von Anfang an von allem dämonischen fern gehalten oder meinen Bruder Exorzist werden lassen. Es muss eine andere Erklärung geben." Beide schwiegen, jeder hing seinem Gedanken nach, bis er erneut das Wort ergriff. „Tut mir leid, ich jammere wahrscheinlich viel zu viel, oder?" Der Zeitdämon sah ihn streng von der Seite an. „Jetzt hör mal auf, ich habe angeboten zuzuhören. Ich wünschte nur, ich könnte mehr tun." Erneutes zögern. „Gibt es sonst noch etwas, was du mir erzählen willst?" Um ehrlich zu sein, gab es viel. Seine Schuldgefühle bezüglich Yukio und der anderen, seine Unsicherheit und Angst, aber er schüttelte den Kopf. Es würde niemanden etwas bringen und er hatte bereits genug Zeit in Anspruch genommen. „Schon ok. Ich komme klar." Zweifelnd sah der ältere ihn an, nickte aber. „Na, gut. Aber wenn was ist, rede mit mir, ok?" Rin nickte kurz, inzwischen standen sie beide wieder und nach kurzem Zögern umarmte er den älteren Dämonen, welcher kurz versteift, dann aber die Umarmung erwiderte. „Danke." Mehr sagte Rin nicht und mehr musste nicht gesagt werden. Vielleicht war er etwas melodramatisch, aber inzwischen war Deimos wirklich ein Halt für ihn geworden, obwohl sie sich nicht allzu lange kannten. Schon lustig, er hatte sich vorgenommen sich vorerst nur um sich selbst zu kümmern und niemanden zu vertrauen und hier stand er nun. Schließlich lösten sie sich aus der Umarmung und der Halbdämon war rot angelaufen. „Hey, mach dir keine Gedanken.", beruhigte der Zeitdämon ihn. „Du kannst immer zu mir kommen." Rin lächelte ihm dankbar zu. „Ich sollte jetzt wirklich zurück zum Palast.", gestand er widerwillig und wandte sich zu gehen. „Wir sehen uns dann."
„Sicher. Bis dann."
Deimos sah dem Nephilim nachdenklich hinterher, noch immer überrascht von dem, was gerade geschehen war. Sie kannten sich nun wirklich nicht sehr lange und er hatte nicht allzu viel getan, aber der jüngere umarmte ihn und verhielt sich, als wäre es die gütigste Tat der Geschichte. Er musste wirklich verzweifelt sein, wenn er so schnell bereit war, ihm so viel zu erzählen. Offensichtlich hielt er dabei einiges zurück, aber daran konnte er nicht ändern. Rin musste es ihm von selbst erzählen, alles andere würde nichts bringen. Auch über seinen Bruder, den er kurz erwähnt hatte, verlor er nie ein Wort. Deimos wusste, dass Rin einen Zwilling hatte und langsam beschlich ihn das Gefühl, dass dieser nicht mehr unter den Lebenden weilte. Die Frage war nur, wer dafür verantwortlich war. Ungewollt musste er an die Situation mit den Attentätern und Satan denken. Es war offensichtlich, dass sich Rin in Satans Nähe nicht wohl fühlte und wer konnte es ihm schon verübeln? Er hatte selbst schon mit dem Leben abgeschlossen, als er dem Dämonenherrscher berichtete, was geschehen war. Umso großer die Erleichterung, gehen zu dürfen. Bei Satan konnte man nie wissen, ob man nun richtig gehandelt oder Mist gebaut hatte, es kam größtenteils auf seine Laune an. Man sollte meinen, dass Rin sich in der Nähe seines Vaters wohl fühlte, doch das Gegenteil war der Fall und er hatte sogar zugegeben, keine gute Beziehung zu seiner dämonischen Familie zu haben. Unwillkürlich fragte er sich, ob sie den Zwillingen getötet hatten. Er würde es ihnen leider zutrauen. Seufzend machte er sich auf den Weg nach Hause. Eurynome wartete sicher schon und er ließ sie ungern zu lange allein. Während er lief, konnte er nicht anders, als ständig an den kleinen Nephilim zu denken. Er war so jung und schien bereits so viel mitgemacht zu haben, er beneidete ihn wirklich nicht. Er hatte es schlicht und ergreifend nicht verdient. Zumindest schien er ihre gemeinsame Zeit zu genießen und wirkte wesentlich glücklicher, wenn sie redeten. Er wusste, dass es nicht ewig so weiter gehen konnte, aber er würde sein Bestes geben, um Rin zumindest ein wenig zu unterstützen. Eurynome hatte Recht, er war zu gutmütig und es würde ihn eines Tages den Hals kosten, aber er konnte sich nicht dazu bringen, den jüngeren Dämonen allein sitzen zu lassen. Eine knappe halbe Stunde war er endlich Zuhause, wo er seine Freundin beim Kochen vorfand. „Da bist du ja endlich!", wurde er begrüßt. „Du bist spät dran."
„Tut mir leid, es ist was dazwischen gekommen.", erwiderte er, nachdem er ihr einen Kuss gegeben hatte. „Wie geht's dir? Hast du Schmerzen? Soll ich lieber weiter kochen?"
„Deimos, ich liebe dich, aber du bist eine Katastrophe in der Küche. Ich möchte gern normales Essen und keine Asche.", grinste die Dämonin ihn an. „Aber du kannst den Tisch decken." Der Dämon nickte und kam der Aufforderung nach, während Eurynome sich weiter am Herd zu schaffen machte. „Also, was ist dir dazwischen gekommen? Wieder Arbeit oder etwas anderes?"
„Nicht direkt. Jemand den ich kenne, macht gerade eine schwierige Zeit durch und er brauchte jemanden zu reden."
„Ist das der Junge, von dem du mir erzählt hast? Der Jugendliche, mit dem du dein Essen geteilt hast?"
„Genau.", bestätigte er. Er hatte Eurynome bewusst wenig erzählt, sie würde sich andernfalls nur Sorgen machen, was nicht nur ihr, sondern auch dem Kind schaden könnte. Diese seufzte aufgrund seiner Antwort. „Armes Ding. In dem Alter schon in Satans Palast arbeiten, das wünsche ich keinem. Hoffen wir, dass nicht jemand anders davon profitiert.", kommentierte sie. „Hat er etwas über seine Familie gesagt?" Und damit waren sie direkt in gefährlichem Territorium angekommen. „Seine Mutter ist tot, sein Vater und er sind entfremdet. Er hat nicht wirklich jemanden." Eurynome nahm den Topf vom Herd und stellte ihn stirnrunzelnd auf dem Tisch ab. „Wirklich? Gut, ich hab genug gehört. Das nächste Mal, wenn du ihn siehst, lädst du ihm zum Essen ein, verstanden?" Wenn es nur so einfach wäre. Zwar behauptete die Dämonin des Öfteren, dass er zu gutmütig war, aber tatsächlich hatten sie dies gemeinsam. Seine Freundin war in der Nachbarschaft bekannt dafür, immer hilfsbereit zu sein. Glücklicherweise lebten sie in einer Gegend, wo einem deswegen nicht sofort das Haus ausgeräumt wurde. „Ich fürchte das wird nichts. Er darf den Palast nicht verlassen."
„Also ist er ein Sklave?"
„Nicht direkt, es ist…kompliziert." Die Dämonin sagte nichts, dafür durchbohrte sie ihn mit einem scharfen Blick, der ihn aufforderte, weiter zu sprechen. „Ich kann es dir wirklich nicht sagen. Essen wir jetzt einfach.", bat der Dämon erschöpft und glücklicherweise gab sie nach, sodass sie endlich mit Essen anfingen. Wirklich abschalten konnte er dennoch nicht, seine Gedanken kreisten immer weiter. In was hatte er sich da nur hineingeritten?
Shura war kein Drachenfan. Dies schien allerdings auf Gegenseitig zu beruhen, wenn man ihre gebleckten Zähne und angespannte Körperhaltung betrachtete. Während ihrer Zeit bei Iblis hatte sie irgendwann Bekanntschaft mit Iblisˈ Drachen gemacht. Insgesamt besaß er fünf von ihnen, vier Männchen und ein Weibchen, allesamt Geschwister und sie lebten bei dem Baal seit sie aus dem Ei geschlüpft waren. Sie waren noch nicht ausgewachsen, momentan waren sie noch nicht mal einen Meter lang, doch für Shura reichte es bereits. Laut Iblis würden sie nichts tun solange er dabei war, aber so ganz stimmte das nicht. Sicher, sie griffen nicht an, doch dafür taten sie alles Mögliche, um Shura zu piesacken. Ständig klauten sie ihr Sachen, einmal sogar ihr Handtuch, als sie gerade aus der Dusche kaum. Folglich durfte sie nackt den Drachen hinterhechten, während Iblis vor Lachen beinahe vom Bett fiel. Auch mochten sie es, sie umzuwerfen und sich auf sie draufzulegen oder ihr an den Haaren zu ziehen. Laut dem Baal waren sie nur eifersüchtig, was die Sache nicht wirklich besser machte. Als ob Egyn nicht reichte! Jetzt kamen noch fünf feuerspeiende Echsen dazu! Momentan saß sie neben Iblis auf dem Sofa und natürlich saßen die fünf Drachen wie Orgelpfeifen am Boden und sahen sie scharf an. „Könntest du sie nicht einfach einsperren, wenn ich da bin oder in mein Zimmer kommen und sie hier lassen?", fragte die Rothaarige frustriert und wie immer verdrehte der Dämonenkönig die Augen. „Komm, lässt du dich wirklich von ein paar Kleinkindern aus der Reserve locken?", stichelte er und sah für einen kurzen Moment von seinen Papieren auf. Laut ihm näherte sich Samhain, ein wichtiges Fest für Dämonen, weswegen er mehr im Stress war als sonst. Wobei er Shuras Meinung nach selten gestresst wirkte. „Diese Kleinkinder können Feuer spucken.", erinnerte sie ihn trocken. „Und? Du bist gegen Feuer immun.", kam die Antwort. Gut, Punkt für Iblis. „Na kommt schon, ihr habt bestimmt Hunger.", sprach Iblis die Drachen an, welche sofort aufsprangen und aufgeregt mit den Schweifen wedelten. Shura beobachtete, wie der Feuerdämonen sie fütterte und dabei sichtlich zufrieden wirkte. Er sprach mit ihnen, streichelte sie und schimpfte mit Fafnir (dem ältesten) als dieser Zilants (dem jüngsten) einen Teil des Essens klaute. „Du scheinst wirklich an ihnen zu hängen.", kommentierte sie beiläufig. Natürlich war es ihr längst aufgefallen, selbst ein Blinder würde es merken. Für den Feuerdämonen waren sie nicht einfach Haustiere, Freunde oder Familienmitglieder würde es eher treffen. Er kümmerte sich aufopferungsvoll um sie und offenbarte damit eine weitere Seite, die Shura noch nicht kannte. „Und wenn es so wäre?", erwiderte Iblis und sah sie grinsend an. „Angst, dass ich sie lieber habe als dich?~"
„Vielleicht.", grinste Shura zurück und verdrehte die Augen. In den letzten Monaten hatte sie tatsächlich begonnen, Iblis zu mögen, so seltsam es klingen mochte. Nein, sie liebte ihn nicht, aber sie verbrachte mehr oder weniger gern Zeit mit ihm. Laut Hestia war es sehr ungewöhnlich, dass er sie so lange bei sich behielt und sie wusste noch nicht, was sie davon halten sollte. Sicher, sie war dankbar am Leben zu sein, doch dadurch entstand der Eindruck, er würde etwas planen. Jedoch war er auffallend nett zu ihr und ließ sogar mehr Körperkontakt außerhalb des Bettes zu, was vielleicht banal klang, in Wirklichkeit aber ein großer Schritt war. In der Regel fasste niemand Satan oder einen Baal einfach an, nur in Ausnahmefällen wie zum Beispiel bei Verletzungen. Im ersten Moment klang es seltsam, hatte aber Methode. Dadurch machte man es auch Attentätern schwerer, denn es fiel sofort auf, wenn sich jemand zu sehr näherte. Es zeugte daher von einem gewissen Vertrauen, dass er sich von ihr anfassen ließ. Insgesamt schien er immer entspannter in ihrer Gegenwart zu werden, auch wenn er sich nach wie vor nicht öffnete. Seit der Sache mit dem räuchern hatte es keine weiteren Zwischenfälle mehr gegeben und der Baal verhielt sich, als wäre nichts passiert. Wahrscheinlich war es das aus seiner Sicht wirklich nicht, er schien sich nicht an diesen Abend erinnern zu können. Dennoch gab Shura nicht auf. Früher oder später würde sie einen Riss finden und dann konnte sie zuschlagen. Sie war zuversichtlich, Iblisˈ Vertrauen gewinnen zu können, wenn sie nur lange genug hier blieb. Hoffentlich sprach sich nicht rum, dass er sie auffallend lange behielt, andernfalls könnten sich die anderen Dämonenkönige, oder noch schlimmer, Satan einmischen. „Übrigens habe ich heute ein Treffen mit einigen Führern großer Häuser. Hast du Lust mitzukommen?" Im ersten Moment glaubte Shura, sich verhört zu haben oder dass Iblis mit jemand anderen sprach. Verwirrt sah sie sich um, dann sie sah sie den Dämonenkönig mit großen Augen an. „Ich?", echote sie verwirrt, worauf er kurz auflachte. „Japp. Ich kann den Typen, bei dem es stattfindet, nicht ab und der Rest ist nicht besser. Wenn du mitkommt, wäre die Sache wenigstens ein bisschen erträglicher. Allein die eifersüchtigen Blicke der anderen ist es wert." Das war ein Trick, es musste so sein. Kritisch starrte sie ihn an, er erwiderte den Blick ruhig. „…Du meinst das ernst.", stellte sie trocken fest. „Warum?"
„Warum nicht?"
„Weil das was ihr beim Treffen beredet, nicht jeder wissen sollte?"
„Wem willst du es erzählen, deinem Spiegelbild?", konterte der Baal schulterzuckend. „Und wenn du doch jemanden was sagst, töte ich dich und fertig." Damit war die Sache für ihn erledigt und er stand auf. „Ich sperre die fünf jetzt ein, wenn ich wieder komme, will ich ˈne Antwort." Leichter gesagt als getan. Ein Teil von Shura rechnete mit einer Falle, jedoch konnte sie sich absolut nicht vorstellen, was diese beinhalten und vor allem bewirken sollte. Eigentlich konnte es nicht schaden, richtig? Nicht nur würde sie endlich mal raus kommen, sie konnte sich so weiter das Vertrauen des Feuerdämonen erarbeiten. Zwar war sie nicht begeistert davon, dass sie offenbar als Trophäe herhalten sollte, aber in diesem Fall konnte sie sich durchaus zusammenreißen. Wenige Minuten später kehrte Iblis zurück und sie machten sich gemeinsam auf den Weg.
Bereits eine knappe Viertelstunde später standen sie in einer Art Besprechungsraum wie man ihn aus Büros kannte, mit dem Unterschied, dass er wesentlich prunkvoller war und einen Kamin sowie mehrere teuer aussehende Dekorationen hatte. Der lange Tisch umfasste um die zwanzig Plätze, manche der Stühle waren bereits besetzt und vereinzelt huschten Bedienstete umher und schenkten Getränke aus. „Ah, Eure Hoheit, es freut mich, dass Ihr es einrichten konntet!", wurden sie von einem Dämonen gegrüßt. Er war wohl der Führer dieses Hauses und schenkte Shura keinerlei Beachtung. Diese nahm es allerdings gelassen auf. Endlich zahlten sich diese ganzen Stunden mit Hestia aus! In Gehenna waren Geschlechter gleichberechtigt, es kam nur auf die Macht, den Einfluss und die Position an. Sie war nicht sonderlich stark, war allerdings die Geliebte eines Baals und hatte damit sogar eine recht hohe Position inne, aber was sie für Recht hatte, war die Entscheidung von Iblis. Manche Adlige gaben ihren Konkubinen tatsächlich Autorität und erlaubten ihnen, Angelegenheiten zu regeln, Gäste zu empfangen, Entscheidungen zu treffen und Aufgaben zu verteilen. In ihrem Fall war es recht wage, da sich Iblis bisher nie zum öffentlichen Auftreten geäußert hatte. Unter Umständen konnte sie hier so ziemlich alles tun, was sie wollte oder sie könnte gerade mal die Stufe eines Bediensteten haben, wenn überhaupt. Daher war es das Beste, sich vorerst zurückzuhalten, den Kopf zu senken und abzuwarten. Iblisˈ Laune spielte eine nicht unerhebliche Laune, wenn sie gut war, konnte sie versuchen, sich langsam vorzutasten und etwas wagemutiger werden. Nicht gerade die Art und Weise wie sich sonst verhielt, aber in diesem Fall würde sie gerne Kompromisse eingehen. Wer wusste schon, was sie hier alles erfahren konnte? Während Iblis kurz mit dem Dämonen sprach, ließ die Rothaarige den Blick durch den Raum schweifen. Mehrere männliche und weibliche Dämonen waren gekommen und beobachteten den Austausch zwischen dem Baal und ihrem Gastgeber interessiert. Einige warfen ihr flüchtige Blicke zu, schienen sich allerdings nicht weiter Gedanken zu machen oder verbargen es zumindest gut. „Und wer ist sie?", hörte sie plötzlich den Dämonen fragen und wandte seine Aufmerksamkeit zurück an ihn. Er musterte sie mit einem Blick, der ihr absolut nicht gefiel, aber der Baal blockte ab. „Finger weg, sie gehört mir. Ich will es hinter mich bringen, also verschwende nicht meine Zeit.", sagte er unerwartet kalt. „Wo ist der Rest?"
„Auf dem Weg, sie sollten in einigen Minuten ankommen." Iblis schnaubte unzufrieden, sagte allerdings nichts und setzte sich stattdessen an das Kopfende des Tisches. Shura folgte ihm langsam und setzte sich schließlich rechts von ihm, als er ihr kurz zunickte. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie der Rest Blicke wechselte. Offenbar brachte der Feuerkönig nicht häufig jemanden mit. Kaum saßen sie, kam eine weitere Bedienstete und fragte den Dämonenkönig, was er trinken wollte, dann wandte sie sich an Shura und zögerte. Anscheinend war sie nicht sicher, ob sie sie ebenfalls fragen sollte-. „Frag sie selbst.", kommentierte Iblis schulterzuckend und lehnte sich zurück. „Was möchtet Ihr?", fragte die Dämonin unsicher und wich dem Blick der Rothaarigen aus. „Was König Iblis hat." Ein Glück erinnerte sie sich rechtzeitig daran, einen Titel zu verwenden, sonst hätte sie sich wahrscheinlich etwas anhören können. „Also, wo habt ihr sie her, Hoheit? Es kommt nicht oft vor, dass ihr jemanden mitbringt.", begann ihr Gastgeber (endlich fiel ihr ein, dass er Oriax hieß) ein Gespräch, wobei er sie noch immer anstarrte. ‚Widerling…′, dachte sie angewidert. Iblis antwortete nicht sofort, sondern trank aus dem Glas, welche die Bedienstete ihm brachte. Auch Shura nahm einen Schluck, zu ihrer Überraschung schmeckte es sogar. „Das wüsstest du wohl gerne. Genug davon von deiner Frau herumgeschubst zu werden?", antwortete der Baal mit einem gehässigen Grinsen. Oriax grinste zurück, jedoch wirkte es mehr als gezwungen und die ehemalige Exorzistin erkannte, dass Iblis einen Nerv getroffen hatte. „Ich war nur neugierig. Ehrlich gesagt langweilt mich das Zuchthaus allmählich und etwas an ihr wirkt…anders.", versuchte der Feuerdämon die Sache zu überspeilen. ‚Hallo, ich sitze genau hier.', dachte Shura verärgert und konnte es sich nicht verkneifen ihm einen bösen Blick zuzuwerfen. Falls Iblis es bemerkte oder störte, zeigte er es nicht. „Sagen wir einfach, sie hat eine interessante Blutlinie." Wundervoll, sie war wirklich zu Luft für sie geworden. Was dann kam, ließ sie jedoch die Beherrschung verlieren. „Was wollt Ihr für sie? Sicherlich langweilt sie Euch inzwischen und ich könnte-"
„Lieber vergrabe ich mich, als dich Arschloch zu vögeln oder auch nur zu küssen oder zu berühren.", unterbrach die ehemalige Exorzistin ihn. Plötzlich herrschte Stille, alle Nebengespräche waren verstummt und jeder starrte Shura an. Oriax wirkte zunächst überrumpelt, dann wurde sein Gesicht schnell rot. „Du Hure wagst es-" Er wurde von Iblisˈ Gelächter unterbrochen. „Und mir das entgehen lassen? Vergiss es. Behalt deine Krallen bei dir und suche dir lieber ein paar Straßenhuren." Oriax ignorierte den Einwurf. „Nun…sie scheint in jedem Fall ziemlich…dickköpfig.", zischte er und warf Shura einen bösen Blick zu, sie grinste ihm aber nur zu. Die Stimmung im Raum war wieder entspannter und Iblis schien ihren Ausbruch eher amüsant als störend zu empfinden, warum die Sache also nicht ausnutzen? „Ich mag jemanden mit Feuer.~" War alles was der Dämonenkönig dazu sagte. Oriax kochte vor sich hin, die restlichen Dämonen wirkten jedoch ebenfalls amüsiert darüber. Anscheinend konnten sie ihn entweder nicht leiden oder es war unter Dämonen Gang und Gebe sich gegenseitig auszuspielen. Wenn sie so darüber nachdachte, traf wohl beides zu. „Verstehe.", knurrte er hervor. „Aw, hast du so wenig Selbstvertrauen, dass du gleich den Schwanz einziehst, wenn man nein zu dir sagt? Traurig.", stichelte eine der Dämoninnen am Tischende. Glücklicherweise trafen endlich die restlichen Dämonen ein und verhinderten damit Streitereien. Erneut erhielt Shura neugierige Blicke, doch keiner wagte es, ihre Anwesenheit zu hinterfragen. „Gut, da wir ja endlich vollzählig sind, können wir beginnen.", begann Iblis, nun wieder ernst. „Ich hoffe, ihr habt Neuigkeiten für mich."
„Es gibt Unruhen im Süden.", ergriff jemand sofort das Wort. „In letzter Zeit sind immer mehr Salamander, Chimären, Wyvern und Mantikore in den Randdörfern aufgetaucht." Seltsam, soweit Shura wusste, gab es Chimären Zombies, welche nur auf künstliche Weise erschaffen werden konnten und diese gehörten zu Astaroth, warum gab es sie dann bei Iblis? Vielleicht waren es Dämonen, die die Ritterschaft nicht kannte. „Wir wissen nicht warum sie kommen, sie scheinen wahllos anzugreifen. Es gibt außerdem Gerüchte über einen Wendigo.", fuhr ein anderer Dämon fort. Iblis, welcher bis gerade eben ziemlich desinteressiert gewirkt hatte, horchte auf. „Ein Wendigo? Sicher?", fragte er scharf. „Warum sollte sich einer ausgerechnet hier her verirren. Sie hassen Feuer."
„Keine Ahnung.", sprang die Dämonin ein, die Oriax aufgezogen hatten. „Die Dorfbewohner behaupten, einen gesehen zu haben und es gab einige Tote, aber wirklich gegenüber stand ihm noch keiner." Alles was danach kam, war für Shura unverständlich, sie begriff nur, dass es um eine gefährliche Dämonenart ging, die man nicht leicht los wurde und in diesem Gebiet nichts verloren hatte. Mit den restlichen Themen konnte sie nur wenig anfangen, es ging um einige Konflikte mit verschiedenen Häusern und Clans, Waffenlieferungen, Streiks in einigen Fabriken und Drachentraining. Schlussendlich kamen sie auf den Zustand ihrer Armeen zu sprechen, wobei es Shura erneut kalt den Rücken runterlief. Wenn sie wirklich so stark waren wie es klang und man dann noch die Armeen der restlichen Dämonenkönige und Satans dazurechnete, hatte die Menschheit wenig zu lachen. Wie lange sie sich wohl schon auf den Krieg mit Assiah vorbereiteten? Mitten in der Besprechung kam plötzlich ein Diener dazu und verkündete, dass einer von Oriaxˈ Spionen Neuigkeiten hatte. Dieser verließ daraufhin den Raum und kehrte ungewöhnlich blass nach nur wenigen Minuten zurück. Er warf einen seltsamen Blick in Iblisˈ Richtung, was diesem natürlich nicht entging. „Was ist? Was hat er gesagt?", fragte er genervt klingend. Zum ersten Mal seit sie eingetroffen waren, wirkte der andere Feuerdämon aufrichtig nervös und widerwillig. Während er sich an den Tisch setzte, wich er dem Blick des Baals aus und als er sprach, klang seine Stimme unsicher. „Meine Spione haben etwas über die Eindringline im Palast Eures Vaters in Erfahrung gebracht.", begann er vorsichtig. „Und? Spuck's aus!", drängte der Dämonenkönig ungeduldig. „Es geht um Euren jüngsten Bruder, den Nephilim-" Das Zerbersten von Glas unterbrach ihn und ließ alle Anwesenden zusammenzucken. Erschrocken sah Shura zu Iblis, welcher Oriax mit steinernem Gesicht und dabei völlig das Blut an seiner Hand ignorierte. Sie brauchte einige Sekunden, bis sie begriff, dass sich sein Griff genug verfestigt haben musste, um das Glas zu zerbrechen. „RAUS!", donnerte er plötzlich und riss damit die Bediensteten aus der Schockstarre, woraufhin sie fluchtartig den Raum verließen. Kurz darauf folgten mehrere Dämonen vom Tisch, sodass am Ende außer Shura und Iblis nur noch sechs weitere Dämonen im Raum waren. Wahrscheinlich waren die Führer größerer Häuser, sie wusste es nicht. „Lord Iblis-", setzte ein Dämon an, doch der Baal schnitt ihm das Wort ab. „Ihr wisst von meinem Bruder und das nicht erst durch die Spione, nicht wahr?", knurrte er bedrohlich. Er erhielt nervöses nicken, keiner wagte es, etwas laut zu sagen. Sogar Shura sank ein wenig auf ihrem Stuhl zusammen. Sicher, sie hatte schon eine aggressivere Seite von Iblis gesehen, aber das machte die Situation nicht weniger bedrohlich. Sie hatte das Gefühl neben einer tickenden Zeitbombe zu sitzen. Bildete sie sich das nur oder wurde es wärmer? Ein kurzer Blick zum Kamin bestätigte ihre Bestätigung, die Flammen waren wesentlich größer als zuvor. „Wie habt ihr davon erfahren? Niemand sollte davon wissen.", fuhr Iblis fort und sah alle der Reihe nach an. „Es waren eigentlich nur ein paar Gerüchte!", versicherte eine Dämonin hastig. „Es hat sich im Untergrund rumgesprochen und kam irgendwann bei uns an und die Bediensteten tratschen-"
„Und wann habt ihr geplant, uns davon in Kenntnis zu setzten?" Oh, das sah gar nicht gut aus. „Es waren nur Gerüchte, wir haben uns nichts weiter bei gedacht-" Bevor der Dämon zu Ende sprechen konnte, stand Iblis bereits vor ihm und hatte ihn an der Gurgel gegriffen. „Ich hasse es, wenn man nicht anlügt. Ihr wolltet sehen, was passiert, darum habt ihr den Mund gehalten." Als der Dämon nicht antwortete, schnaubte der Baal abfällig und riss dem Dämonen den Kehlkopf raus, dann warf er ihn beiseite. Erschrocken wich Shura dem spritzenden Blut aus. ‚Oh, oh. Der ist sauer…'
„Redet. Wenn es nützlich ist, reiße ich euch vielleicht nur ein oder zwei Gliedmaßen ab.", drohte der Feuerkönig mit seltsam verzerrter Stimme und für einige Sekunden glaubte Shura, seltsame Linien in seinem Gesicht zu sehen. Die anderen Dämonen spurten sofort. „Meine Spione konnten die Spuren teilweise zurückverfolgen und haben festgestellt, dass sie Teil eines Rebellennetzwerks waren, das hier seinen Ursprung hat.", berichtete Oriax hastig. „Von dort stammt die Information, dass sich Lord Satans Nephilim momentan in seinem Palast aufhält und er einige Dämonen getötet hat, sie wussten sogar deren Namen. Angeblich ist der Informant aus Eurem Palast."
‚Oh, verdammt.′ Shura ballte unter dem Tisch die Hände. Zwar hatte sie nichts damit zu tun, aber sie war eine der wenigen, die von Rin wusste und theoretisch hätte sie sogar ein Motivation ihn tot sehen zu wollen: Falls Iblis ebenfalls diesen Gedankengang hatte, könnte es übel für sie enden. „Und? Das war's?", fragte dieser. Die angespannte Stille verriet alles, keiner rührte sich. „Verstehe. Dann sind wir hier fertig." Er stand auf, der Rest folgte seinem Beispiel zögerlich. „Ich will, dass ihr die Verantwortlichen findet und sie zu mir bringt. Oriax, du warst dafür verantwortlich, die Rebellen im Blick zu behalten, richtig?" Als der Dämon zögerlich bejahte, ging alles ganz schnell. Bevor Shura wusste, was los ist, lag Oriax ebenfalls tot am Boden und Iblis wischte das Blut von seiner Schwertklinge. Die rothaarige Dämonin konnte ihn nur anstarren. War das gerade wirklich passiert?! „Camael, du übernimmst Oriaxˈ Platz bis wir einen Nachfolger haben und sucht einen Ersatz für…wie auch immer sein Name war. Der Rest weiß, was er zu tun hat und hält die Klappe, verstanden?" Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ er den Raum, Shura folgte ihm dicht auf den Fersen. Die ganze Zeit über sprachen sie nicht, bis sie schließlich wieder in den Gemächern seines Palastes angekommen waren. Allmählich wurde die ehemalige Exorzistin nervös. „Wenn du was zu sagen hast, dann tu es jetzt.", sagte Iblis plötzlich und ließ sie zusammenfahren. Kurzes Zögern folgte, dann sprang sie endlich über ihren Schatten. „Glaubst du, dass ich es war?" Iblis antwortete nicht sofort und musterte sie stattdessen mit einem neutralen Gesichtsausdruck. „Nein.", sagte er schließlich. „Warum sollte ich das denken?"
„Ich bin eine der wenigen, die von Rin weiß und wenn er tot ist, wäre er keine Bedrohung für Assiah mehr."
„Du hast mein Angebot angenommen, weil du gehofft hast, ihn zu retten. Wäre also ziemlich dumm, ihn dann umbringen zu lassen. Streite es nicht ab, du bist nicht wie die anderen Exorzisten. Du siehst ihn als Person nicht als Dämon.", konterte Iblis und ließ sich auf dem Sofa nieder. Shura starrte ihn mit offenem Mund an. „Warte, du wusstest, dass ich ja gesagt habe, um Rin zu helfen?" Wahrscheinlich hätte sie es wissen müssen, wie groß war schon die Chance, erfolgreich einen Dämonenkönig anzulügen? „Natürlich. Schon seit ich dir das Angebot im Fegefeuer gemacht habe. Ich bin vielleicht nicht der intelligenteste meiner Brüder, aber ich bin weder dumm noch naiv." Jetzt verstand die Feuerdämonin überhaupt nichts mehr. „Warum hast du mich dann mitgenommen? Wäre es nicht sicherer gewesen, mich zu töten?" Der Baal lachte kurz auf, bevor er nach einer weiteren Flasche griff. „Ich habe es dir doch gesagt: Du interessierst mich. Du bist anders als die restlichen Exorzisten, nicht nur wegen deinem kleinen Pakt deiner Vorfahrin."
„Sagst du das allen Frauen, mit denen du schläfst?", schnaubte Shura, woraufhin der Baal die Augen verdrehte. „Warum sollte ich, sie sind uninteressant für mich. Sie tun es, weil sie müssen oder schleimen sich ein, in der Hoffnung, dass sie mich ausnutzen oder zumindest Vorteile daraus ziehen können." Er lachte kurz auf. „Irgendwie ironisch, du bist ehemalige Exorzistin und dennoch die erste seit…langem, die nett zu mir ist, ohne sich einzuschleimen oder sich eine Chance auf Macht zu erhoffen." Natürlich war ihr die Pause aufgefallen und sie war sicher, dass er beinahe Shakti erwähnt hatte. Für eine Sekunde überlegte sie, ihn darauf anzusprechen, allerdings müsste sie dann zugeben, was er ihr im Rausch erzählt hatte und das war zu riskant. Zumindest schien er sie wirklich irgendwie zu mögen und machte sie nicht für die Attentäter verantwortlich. „Warum hast du Oriax und den anderen Typen getötet?", fragte sie stattdessen und erhielt ein Schulterzucken. „Der erste Typ, weil ich Lügner hasse und frustriert war. Oriax hat dagegen in letzter Zeit öfter Mist gebaut, war wahnsinnig nervig, ließ seine Aufgaben schleifen und vergaß ständig seinen Platz. Für so jemanden habe ich keine Verwendung." Mehr sagte er nicht dazu. „Ich muss meinem Vater Bericht erstatten, wir sehen uns dann heute Abend.", fuhr er fort. „Wahrscheinlich wartet Hestia schon auf dich." Sie nickte und verließ das Zimmer, um ihre Zofe in Empfang zu nehmen. Diese war gerade damit beschäftigt, einige Bücher durchzusehen und Blätter zu sortieren, vermutlich für Shuras weitere Stunden. „Du hast es also hinter dich gebracht und bist in einem Stück. Wer hätte es gedacht?", kommentierte sie. „Tut mir leid, zu enttäuschen.", kam die Antwort. „Woher wusstest du überhaupt, dass ich mit Iblis unterwegs bin?"
„Die Wachen haben euch gehen sehen.", erwiderte die andere Dämonin, ohne den Kopf zu heben. „War das Treffen wenigstens interessant?"
„Könnte man so sagen." Seufzend ließ sie sich neben Hestia auf dem Sofa nieder, diese hielt inne und sah sie fragend an. „Ist etwas passiert?"
„Iblis springt im Dreieck, weil irgendjemand einer Rebellengruppe Informationen gegeben hat. Sie haben versucht, Rin umzubringen."
Hestia nickte langsam. „Verstehe. Ich schätze, sie konnten keine Namen nennen?"
„Nein und ehrlich gesagt, ist es mir egal. Ich bin nur froh, dass es Rin gut geht. Aber genug davon, reden wir über was anders. Ich will endlich mal ein paar fortgeschrittene Sachen mit meinem Feuer lernen." Hestia zögerte, nickte dann aber. „Gut, wie du willst." Während sie übten, musste sie immer wieder an alles denken, was bisher geschehen war. Egal was kam, Shura musste mehr als Iblis rausbekommen, und zwar schnell.
Samhain kam schneller, als es Rin lieb war. Heute würde er nicht nur offiziell als Satans Sohn anerkannt werden, sondern musste sich zum ersten Mal öffentlich zeigen und noch dazu an einem wichtigen Fest teilzunehmen. Zu sagen, dass er nervös war, wäre untertrieben. Er hatte das Gefühl, sich jeden Augenblick übergeben zu müssen und die seit Tagen herrschende Hektik im Palast, machte es nicht besser. Ihm war der Ablauf bereits erklärt worden und sie hatten es sogar einige Mal geübt, dennoch fühlte er sich vollkommen unvorbereitet. Laut den Baal würden hochrangige und mächtige Dämonen anwesend sein, manche würden zu gerne seinen Kopf haben, andere wollten ihn benutzen, um an seinen Vater und seine Brüder heranzukommen. Warum wurden diese Dämonen überhaupt erst eingeladen?! Da brauchte sich keiner über Attentate zu wundern. Seine Brüder hatten es mit ihren Horrorgeschichten nicht besser gemacht. Um ihn zu ärgern, hatten sie behauptet, er müsse sich vor allen nackt ausziehen, sich erneut tätowieren lassen, ein rohes Drachenherz essen und dann noch seine Unschuld verlieren. Glücklicherweise hatte sich Luzifer eingemischt und es als Unsinn enttarnt. War ja klar, dass die anderen ihn extra nervös machen mussten. Er war so angespannt, dass ihn das öffnen seiner Zimmertür beinahe aus der Haut springen ließ, glücklicherweise war es nur Astaroth. „Ganz ruhig, ich wollte nur mal nach dir sehen.", beruhigte er ihn schnell und hob beschwichtigend die Hände. „Alles klar bei dir?"
„Nein!", rief Rin und wedelte dabei aufgeregt mit den Armen. Normalerweise würde er das nie zugeben, aber seine Nerven langen momentan zu blank. „Ich glaube, ich übergebe mich gleich! Ich werde mich heute sowas von blamieren und das vor den mächtigsten Dämonen Gehennas, die mich am liebsten umbringen wollen! Warum müssen wir die einladen?! Kann man das nicht unter sich machen?! Ihr habt doch Zeitungen, packt da rein, dass mich Satan als Sohn anerkennt und fertig! Ist doch viel einfacher und weniger Stress für alle!" Zu seinem Missfallen lachte der Baal kurz auf. „Wow, du hast dich in Assiah zwei Mal mit Amaimon angelegt, das Fegefeuer erlebt, in der Arena mehrere Dämonen zerfetzt, ein Attentat überstanden und jetzt hast du Schiss vor ˈner Feier?"
„Ja, so sieht's aus.", kam die trotzige Antwort, die Astaroth die Augen verdrehen ließ. „Mach dir nicht so viele Gedanken, du bekommst das schon hin. Wir mussten da alle durch. Du musst ja nicht mal viel tun, einfach nur anwesend sein, ein paar Sätze sagen und nicht über den Teppich oder die Stufen fallen. Dann kommt das Fest des Tieres und fertig." Rin ließ sich nur schnaubend auf sein Bett fallen. „Muss ich da hin? Ich habe keinen Hunger…", murmelte er in sein Kissen. „Ja musst du, es sei denn du willst unbedingt von Vater am Schweif hin geschliffen werden. Es ist eine unserer wichtigsten Traditionen." Der Nephilim pfiff auf ihre Traditionen, er wollte am liebsten im Bett bleiben, aber der Verwesungsdämon war unerbittlich und zog ihm das Kissen weg. „Jetzt hör auf zu schmollen und zieh dich um oder willst du nackt gehen?" Sofort sprang Rin auf, griff sich die Klamotten und verzog sich ins Bad. Er zweifelte keine Sekunde daran, dass der Verwesungsdämon seine Drohung wahr machen würde und diese Blamage wollte er wirklich umgehen. „Bereite dich in Ruhe vor, wir holen dich dann ab.", hörte er Astaroth durch die Tür sagen. Immerhin hatte er noch etwas Ruhe. Seufzend ging er unter die Dusche und zog sich anschließend an, wobei er sich nachdenklich im Spiegel betrachtete. Er hatte sich seit seiner wirklich verändert und nicht nur vom Aussehen her. Seit sein Dämoneninstinkt richtig da war, hatte er ständig das Bedürfnis, seine Stärke zu demonstrieren und war wesentlich schneller gereizt, wenn man ihn ignorierte oder kritisierte. Laut den Dämonenkönige war das normal für junge Dämonen, sie versuchten oft, Dominanz zu zeigen und überschätzen sich dabei, nach einer Weile würde es nachlassen. Der Gedanke gefiel ihm gar nicht, er war immerhin kein Tier, aber er musste wohl damit leben. Er riss sich von dem Anblick im Spiegel los und verließ das Badezimmer, noch aufgeregter als zuvor. Im Gegensatz zu bisher musste er heute formelle Kleidung tragen, so sehr er versucht hatte, zu protestieren. Zumindest war es relativ schlicht, sodass er sich nicht ganz so unwohl darin fühlte. Um die Zeit zu überbrücken, ging er gedanklich den Ablauf durch. Es würde nicht lange dauern und er musste nicht viel sagen, aber sicher war sicher. Endlich war es so weit und er wurde von Luzifer abgeholt, welcher ihn kurz musterte, bevor er nickte. „Du siehst gut aus.", kommentierte er. „Bist du sehr aufgeregt?"
„Ich glaube, ich kotze gleich auf den Teppich.", gab der Nephilim zu.
„Rin…"
„Ja, ja. Keine Ausdrücke, auch wenn Iblis und Astaroth ständig fluchen.", grummelte der jüngere Dämon, was der Lichtkönig ausnahmsweise ignorierte. „Gehen wir, Vater und die anderen warten bereits. Du erinnerst dich, was du tun musst?" Erneutes nicken, auch wenn er sich weit weg wünschte. ‚Na dann…frohes vergeigen.', dachte er mit Galgenhumor. Am Abend zuvor hatte Vaya noch vorbeigeschaut und ihm viel Glück gewünscht und auch Deimos hatte versucht, ihn aufzubauen. Letzteren hatte er leider seit drei Tagen nicht mehr gesehen, doch er konnte ihn in den nächsten Tagen immer noch treffen. Gemeinsam durchliefen sie die leeren Gänge, nur einige Wachen begegneten ihnen, sonst war alles gespenstisch ruhig. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichten sie den Thronsaal, welcher bereits voll besetzt sein musste. „Es wird alles gut, denke nur daran, was du tun musst und es ist ganz schnell vorüber. Wir haben es alle überstanden.", hörte er Luzifer sagen. Immerhin wurde ihm gut zugeredet. „Bereit?"
‚Nein!', schrie er innerlich. „Ja.", presste er hervor. Damit nickte der älteste Baal den beiden Wachen zu und sie öffneten die Türen. Für einige Sekunden vergaß Rin, wie man lief, doch fing sich schnell. Für das Fest des Tieres zogen sich nun lange Tische durch den Raum, ausnahmslos alle waren voll besetzt. Kurz vor dem Podest war eine Vertiefung (wo auch immer die herkam) in der Satans Flammen brannten. War der Weg zu dessen Thron schon immer so lang? Stur geradeaus schauend, ging der Nephilim darauf zu und spürte dabei hunderte von Augenpaaren auf sich. Er blendete alles aus, bis er endlich vor dem Thron seines Vaters stand. ‚Ok, Rin alles ist gut. Kotze jetzt nur nicht vor den mächtigsten Dämonen Gehennas auf den Teppich.', dachte er nervös, während er langsam vor dem Dämonenherrscher niederkniete. Luzifer hatte sich derweil auf seinem Thron niedergelassen, die restlichen Baal saßen bereits in Position. Gerade noch rechtzeitig fiel dem Nephilim ein, dass er Satan während der Zeremonie nicht ansehen durfte und starrte daher auf einen Punkt vor sich. So dämlich er einige der Traditionen fand, er sollte das wohl nicht vor so vielen Anwesenden deutlich machen. Eine gefühlte Ewigkeit herrschte Stille, nur das Knistern der Flammen erfüllte den Saal und für einen Moment fürchtete Rin, es bereits irgendwie in den Sand gesetzt zu haben, dann stand Satan endlich auf. Er begann zu reden, aber der jüngere Dämon blendete es aus, er wartete nur darauf, dass sie zu den Schwüren kamen. Seine Brüder hatten ihm diese eingehämmert und da Satan das meiste ohnehin sagte, war es unwahrscheinlich, dass er diesen Teil vermasseln würde. Tatsächlich schaffte er es, nicht über seine Worte zu stolpern und alles fehlerfrei aufzusagen, als es so weit war, doch nun begann der unangenehme Teil. Satan gab ihm einen Dolch, er stand langsam auf und wandte sich an die Feuerschale. „Die Klinge ist geschärft, ritzte einmal kurz über die Handfläche, das riecht. Mach es aber schnell.", erinnerte er sich an Egyns Worte. Bevor er es sich anders überlegen konnte, ritzte er sich die linke Handfläche auf und hielt sie über das Feuer. „Blut zu Feuer, Feuer zu Blut, ich erhöre Helheimrs Ruf und beginne meinen Aufstieg aus der Asche." Dämonen hatten offenbar wirklich einen Sinn fürs dramatische. Noch immer mit gesenktem Blick wandte er sich zurück an seinen Vater, welcher ebenfalls seine Handfläche aufgeschlitzt hatte und sein Blut in eine Schüssel tropfen ließ. Anschließend griff er nach der noch immer blutenden Hand des jüngeren. Ihr Blut vermischte sich und tropfte dabei hinunter, was der Dämonenherrscher in einem Kelch auffing und Rin entgegenhielt. Dieser zögerte für den Bruchteil einer Sekunde, bevor er ihn entgegennahm, einen Schluck daraus nahm und ihn zurück gab. Satan tat es ihm gleich und ließ den leeren Kelch anschließend verschwinden. Dann nahm er die Schüssel mit dem Blut, tupfte kurz mit den Fingern hinein und begann einige Symbole auf Rins Stirn, Nase und Wange zu zeichnen. Es war ein mehr als befremdliches Gefühl und er wollte lieber nicht wissen, was diese Zeichen genau bedeuteten. „Ich akzeptiere dein Blutopfer, erkenne dich als Mitglied dieser Familie an und ernenne dich hiermit zu meinem Erben.", verkündete Satan und ließ ihn beinahe zusammenzucken. Die bisher schweigenden Dämonen im Raum begannen miteinander zu tuscheln, was ein kurzer Blick ihres Herrschers schnell korrigierte. „Erhebe dich." Langsam kam Rin der Aufforderung nach, inzwischen schlug ihm das Herz bis zum Hals. Ein Teil von ihm fragte sich, ob einer der Dämonen hinter ihm wohl Mitleid mit ihm hatte. Im Gegensatz zum Rest seiner Familie musste er wie ein rohes Stück Fleisch wirken. Er stand nun vor dem leeren Thron zwischen dem seines Vaters und Lucifers. Seinem Thron. Nicht dass das irgendetwas an seiner momentanen Situation ändern würde. Mit einem Fingerschnippen ließ Satan derweil Kurikara erscheinen und hielt es Rin entgegen. „Vom heutigen Tage an, bist du ein Prinz Gehennas und wirst für deinen Aufstieg zum Baal vorbereitet. Deine Vergangenheit ist damit tot." Der letzte Satz enthielt eine gewisse Schärfe, Rin nickte nur matt. „Danke, Vater." Damit nahm er das Schwert entgegen und wandte sich an die Menge, welche ihn nun gespannt beobachteten. Jetzt oder nie. Ohne zu zögern zog er die Kling und ließ gleichzeitig seine Flammen auflodern. Erneut begannen sie zu tuscheln, dieses Mal wesentlich lauter. Viele wirkten sichtlich geschockt, sie hatten wohl nicht damit gerechnet, dass er wirklich Satans Flammen hatte. „Worauf wartet ihr?", hörte er Samael amüsiert fragen. „Kniet vor eurem Prinzen nieder." Das riss die Dämonen aus der Starre und ausnahmslos alle sanken auf die Knie. Der Nephilim ließ für einige Sekunden seinen Blick durch den Saal schweifen, dann ließ er sich auf dem Thron nieder, steckte das Schwert zurück und ließ die Flammen erlöschen. Damit hatte er die Zeremonie geschafft und er atmete erleichtert aus. „Siehst du, es war doch nicht so schlimm.", flüstere Luzifer ihm leise zu, woraufhin der Halbdämon zustimmend nickte. Allerdings musste er noch immer das Fest des Tieres überstehen und nach dem, was er bisher gehört hatte, waren dämonische Feiern wesentlich…chaotischer. Laut seinen Geschwistern gab es nicht selten Tote, besonders an Samhain, weil Dämonen wesentlich aggressiver wurden. Alkohol, Drogen und Kämpfe waren normal, mal ganz zu schweigen von Demütigungen und Schmerzen. Vielleicht sollte Satan sich wirklich mal bemühen, das Internet nach Gehenna zu bringen, dann wären Kämpfe und Folter nicht länger der Nummer Eins Zeitvertreib. Inzwischen stand ein weiterer langer Tisch vor dem Podest, an welchem Satan, die Baal und er sitzen würden, allerdings würde es noch dauern, bis das Essen serviert werden würde. Bis dahin war er gezwungen, sich unter die Leute zu mischen und genau davor fürchtete er sich. Schlussendlich blieb er widerwillig bei seinem Vater, denn dort lag die Chance angesprochen zu werden, so ziemlich bei null. Die wenigen Dämonen, die an Satan herantraten, warfen ihm zwar neugierige Blicke zu, redeten aber glücklicherweise nur mit dem Dämonenherrscher. Es ging ausschließlich um militärische und politische Dinge, weswegen ihm schnell langweilig wurde, doch das war ihm immer noch lieber, als sich mit anderen Dämonen zu unterhalten. Leider machte Satan ihm einen Strich durch die Rechnung. „Planst du, mir den ganzen Abend zu folgen wie ein verlorener Welpe?", fragte er ihn in einem Moment der Ruhe. Der Nephilim zuckte zusammen und wich schweigend seinem Blick aus. „Es ist deine erste Feier und dein erster öffentlicher Auftritt, also genieße es. Du bist doch sonst nicht so schüchtern."
„Und was dann? Worüber soll ich mit denen reden? Übers Wetter oder doch lieber Folter?"
„Redet meinetwegen über Sexstellungen, mir ist es egal. Jetzt geh schon." Natürlich musste er rot anlaufen. Satan würde nicht nachgegen, das war ihm klar, daher ging er leise vor sich hin grummelnd von dannen und hielt dabei nach seinen Brüdern Ausschau hielt. Wenn er seinen Vater nicht als Schutzschild benutzen konnte, dann eben einen von ihnen. Verstohlen sah er sich um, ohne jemanden zu entdecken. Wie sollte er sie nur in diesem Chaos ausfindig machen? Langsam zwängte er sich durch die Menge und zog dabei einige Blicke auf sich. ‚Bitte sprecht nicht mit mir, bitte sprecht nicht mit mir, bitte sprecht nicht mit mir…' Glücklicherweise traute sich niemand, an ihn heranzutreten, sodass er in aller Ruhe nach seinen Geschwistern suchen konnte, zumindest bis er plötzlich jemanden seinen Namen zischen hörte. Er sah verwirrt in die Richtung, aus der die Stimme kam und erkannte Vaya, welche ein wenig abseits stand und ihn flüchtig ansah. Erleichterung machte sich breit. Immerhin ein freundliches Gesicht. Langsam ging er in ihre Richtung und tat so, als wollte er sich an den Getränken neben ihr bedienen. „Alles in Ordnung mit dir?", hörte er sie flüstern. „Ja, geht schon. Ich kann's kaum abwarten, bis es vorbei ist." Zögerlich griff er nach einem der Gläser, nahm einen Schluck und widerstand dem Drang, es wieder auszuspucken. Wie konnte man sowas trinken?! Das brannte! „Unterschätze gehennischen Alkohol nicht. Siehst du das blau grüne da drüben? Da ist relativ wenig drin, nimm lieber das.", riet ihm Vaya, welche inzwischen einige Flaschen neu sortierte. „Ich weiß, das Fest des Tieres ist ziemlich überwältigend und es muss viel Überwindung kosten, aber Lord Satan wird darauf bestehen, dass du bis zum Ende bleibst. Denk am besten nicht darüber nach und bringe es hinter dich."
„Ich muss nur Blut trinken und mitessen, ich werde es schon irgendwie überstehen.", murmelte Rin, welcher sein erstes Glas unauffällig in einer Topfpflanze geleert und stattdessen nach dem von Vaya empfohlenen Getränk griff. Ruckartig drehte die Geisterdämonin den Kopf in seine Richtung und schaute in mit großen Augen an. „Warte, haben sie dir etwa nichts gesagt?!", fragte sie mit entsetzt klingender Stimme, woraufhin der Halbdämon sie verwirrt ansah. „Was gesagt?"
„Hey, du da!", rief plötzlich ein Dämon. „Jemand hat eine Flasche dort drüben verschüttet, also steh nicht so dumm rum und mach es weg!" Im ersten Moment glaubte Rin, er wäre gemeint, doch natürlich galt es Vaya. Diese schien etwas sagen zu wollen, aber der ungeduldige Blick des Dämonen, der sie gerufen hatte, hielt sie davon ab. Sie warf Rin einen letzten, mitleidigen, Blick zu, dann verschwand sie. Der Nephilim begriff gar nichts mehr, was war das Problem? Hatte er etwas verpasst? Natürlich wusste er, dass es früher oder später rau zugehen würde, davor war er bereits gewarnt worden. Was war also das Problem? „Willst du wirklich die ganze Zeit hier stehen und dein Glas anstarren? Es wird dich nicht anspringen.", hörte er plötzlich Azazel hinter sich. Sofort fuhr er herum und trat erschrocken einen Schritt zurück. Den Baal schien das weniger zu interessieren. „Noch nie Alkohol getrunken, nehme ich an?", kommentierte und nickte Richtung Glas. Es dauerte einige Sekunden, bis der Sinn seiner Worte bei Rin ankam und er aus seiner Starre gerissen wurde. „Ja.", gab er zögerlich zu. „Und ich will eigentlich auch nicht direkt betrunken sein."
‚Erst recht nicht, wenn ich von so vielen Dämonen umgeben bin, die das eventuell als Einladung sehen.', fügte er gedanklich hinzu. Der Geisterdämon schnaubte. „Spätestens nach ˈner Stunde wirst du dich drin ertränken wollen. Ich hasse diese Feiern…zu viele Leute, alle sind laut, wollen sich einschleimen oder denken nur ans vögeln…jetzt werde nicht gleich rot, wir sind buchstäblich in der Hölle und Dämonen.", fügte er mit verdrehte Augen hinzu, als er Rins Gesicht sah. „Wenn du sie hasst, warum bist du dann hier?"
„Was glaubst du? Weil ich muss. Wir müssen an bestimmten Festen alle teilnehmen, fertig. Manche stört es nicht, so wie Iblis." Er nickte in eine Richtung und Rin folgte seinem Blick, wobei er den Feuerdämonen entdeckte, welcher sich mit einigen Dämonen unterhielt und eindeutig mit manchen von ihnen flirtete. „Schon irgendwo traurig…er ist mit sich selbst unzufrieden und voller Selbstzweifel, also sucht er Bestätigung und tut alles, um im Mittelpunkt zu stehen und andere unter sich zu sehen…", murmelte der Dämonenkönig vor sich hin und schüttelte den Kopf. „Was?", fragte Rin ein wenig überrumpelt, doch der ältere Dämon winkte ab. „Vergiss es. Wir sollten uns langsam setzten, das Essen kommt gleich." Damit zog er den jüngeren zurück zu dem Tisch, wo bereits einige der anderen Baal saßen. Nur wenige Minuten später gesellten sich die restlichen Dämonenkönige sowie Satan hinzu. Der Rest hatte sich ebenfalls an die Tische gesetzt und sah erwartungsvoll in die Richtung des Dämonenherrsches. Rin bekam ebenfalls einige Blick, da er genau rechts von ihm saß, aber er zwang sich, ruhig zu bleiben. Als Satan sich erhob, verstummten alle und erhoben sich ebenfalls. ‚Richtig, wenn er steht, muss der Rest ebenfalls stehen und darf sich erst setzen und anfangen, wenn er es tut.' Wer hätte gedacht, dass er sich wirklich einige Dinge aus seinen Stunden merken würde? Wie schon zuvor sprach der Weißhaarige einige Worte, wahrscheinlich waren es jedes Jahr in etwa dieselben, weswegen Rin nicht weiter hinhörte. Erst als der Kelch mit dem Blut herumging, zwang er sich, wieder zuzuhören. Dieses Mal war es wesentlich einfach, das Blut herunterzuwürgen und die Sache somit schnell hinter sich zu bringen. Dann kam endlich das Essen. Zugegebenermaßen hatte der Nephilim absolut keinen Hunger und Vayas Worte machten es nicht besser. Was genau hatten sie ihm nicht gesagt? Schlussendlich würde es nichts bringen, darüber nachzudenken, stattdessen betrachtete er das Essen auf seinem Teller, welches vorwiegend aus Fleisch bestand. Offenbar war es Fleisch von mehreren Tieren, denn Farbe und Struktur unterschieden sich stark. Er konnte sich nicht erinnern, es schon einmal gegessen zu haben und auch der Geruch war fremd. Es roch nicht schlecht, im Gegenteil, nur anders. Der Rest war bereits am Essen, weswegen er ebenfalls langsam begann und dabei der Soße einige kritische Blicke zuwarf, da sie für seinen Geschmack ein wenig zu rot war. Wahrscheinlich wollte er teilweise gar nicht wissen, was Dämonen genau in ihr Essen mischten. Während er aß, spürte er die Blicke einiger Dämonenkönige auf sich, doch ignorierte sie. „Einige deiner Brüder haben erwähnt, dass du in letzter Zeit des Öfteren mit einem der Wachen sprichst.", hörte er Satan plötzlich sagen und zuckte erschrocken zusammen, weswegen er sich beinahe verschluckte. Mehr als überrascht von dieser scheinbar aus dem Nichts kommenden Feststellung, starrte der Nephilim Satan an. Er konnte nicht erkennen, was der Dämonenherrscher dachte, doch etwas sagte ihm, dass er sich auf dünnem Eis bewegte. „Ja. Und?", erwiderte er nach kurzem Zögern und sah den älteren Dämonen erwartungsvoll an. „Und? Ich meine, dir verboten zu haben, mit ihnen zu reden." Ah, das schon wieder. „Ich hatte genug davon, immer nur allein in meinem Zimmer oder im Unterricht zu hocken. Also habe ich mich eben mal mit den Wachen unterhalten, was ist daran so schlimm?"
„Wenn dies so wäre, hätte ich wohl noch darüber hinwegsehen können. Aber du hast nicht nur geredet, nicht wahr?", hakte Satan nach und nahm einen Schluck aus seinem Kelch, bevor er weiter sprach. „Du hast dich mit einem von ihnen angefreundet." Rin blieb erneut beinahe das Essen im Halse stecken und er hustete einige Male. Woher wusste er denn das wieder?! Sicherlich, Deimos und er hatten sich einige Male getroffen, aber er hatte immer aufgepasst, dass sie allein waren. Wer hatte sie verpfiffen?! Seine Brüder hatten sicherlich besseres zu tun als ihm den ganzen Tag hinterherzuspionieren. War es einer der Bediensteten gewesen? Vaya konnte er von der Liste streichen, er hatte ihr nichts davon erzählt, doch wer war es dann? „Wir haben uns nur einige Male getroffen, sonst nichts.", versicherte er schnell. Eine Lüge würde es nur schlimmer machen, und zwar für beide. „Lasst ihn bitte in Ruhe, ich treffe mich nicht mehr mit ihm." Beinahe schon flehend sah er seinen Vater an, welcher für den Bruchteil einer Sekunde zu grinsen schien. „Du hast ihn schon einige Tage nicht mehr gesehen, oder?" Das machte Rin noch unruhiger. „Was hast du mit Deimos gemacht?", fragte er schluckend und ein wenig panisch. Satan ließ sich mit der Antwort Zeit, nahm einen weiteren Bissen und trank erneut von seinem Wein. „Ich? Gar nichts. Jedenfalls nicht direkt…sag mir, was weißt du über dieses Fest?"
„Was du mir erzählt hast. Unsere Instinkte werden wir stärker, also sind wir aggressiver und aktiver.", antwortete der jüngere vorsichtig und dieses Mal war er sich sicher, den älteren grinsen zu sehen. „Ich meinte eher unsere Traditionen." Rin hatte keine Ahnung. Zwar hatte er in seinen Stunden bereits einige Feste kennen gelernt, doch er konnte sich nicht erinnern, ob das Fest des Tieres dabei gewesen war. „…Blut trinken, Fleisch essen und…Chaos?", versuchte er sein Glück. Ersticktes Gelächter von beiden Seiten zeigte ihm, dass er offenbar auf dem Holzweg war. „Nicht direkt.", fuhr Satan fort. „Anlässlich des Festes werden jedes Jahr Opfer in der Form von Menschen und Dämonen gebracht. Manche melden sich freiwillig, andere werden ausgewählt, so oder so gilt es als große Ehre sein Fleisch zu geben." Etwas an seinem Tonfall ließ den Nephilim schlucken und sein Magen zog sich zusammen. „Ihr tötet sie?" Satan lachte leise und lehnte sich ein Stück zu ihm herüber. „Du bist wirklich langsam. Sie werden geschlachtet. Einer von ihnen war dein Wächterfreund, für die Menschenopfer haben wir das Fleisch deiner toten Adepten Freunde verwendet und das alles liegt auf deinem Teller."
Schock. Verwirrung. Erkenntnis. Unglaube. Ekel. Verzweiflung. Rin durchlief all diese Emotionen in wenigen Sekunden, bis endlich Satans Worte durchsickerten und er sich über deren Bedeutung klar wurde. Das Fest des Tieres war ein verdammtes Kannibalenfest! Er hatte Fleisch von Deimos und seinen Freunden gegessen. Oh, Gott. Er hatte eine Abbildung dieses vermaledeiten Festes in diesem Buch gesehen, kurz nachdem er hier angekommen war! Er wollte aufspringen und sich übergeben, doch konnte sich nicht bewegen. Sein ganzer Körper war wie versteinert, ob nun wegen des Schockes und durch Satans Tun wusste er nicht. Der Dämonenherrscher schnaubte nur und lehnte sich noch näher an ihn heran. „Na komm, wir wollen doch keine Szene machen.", flüsterte er dem verstörten Jugendlichen zu. „Es wäre nun wirklich mehr als blamabel, wenn sich ein Mitglied der königlichen Familie vor allen Leuten übergibt, oder?" Rin antwortete nicht, wie denn auch? Er war kurz davor zu erbrechen, doch die nächsten Worte des älteren Dämonen ließen ihn noch mehr erbleichen. „Ich habe dich gewarnt, aber du wolltest nicht hören, also trage jetzt die Konsequenzen." , fuhr Satan fort, seine Stimme kalt und bedrohlich. „Du wirst jetzt weiteressen, bis dein Teller leer ist und das, ohne dich zu übergeben. Solltest du es doch tun oder dich weigern, werden wir ab heute jeden Tag einen Menschen und Dämonen auswählen, schlachten und dir vorsetzen, bis du alles aufgegessen hast." Erneut verzog sich sein Gesicht zu einem Grinsen. „Diese eine Dienerin, die wir auf dich angesetzt haben, Vaya…es wäre schade drum, aber vielleicht sollten wir sie als nächstes auswählen. Was meinst du?" Rin antwortete, er zitterte nur, inzwischen den Tränen nah. Das durfte nicht wahr sein, Satan log. Er war nicht gerade zum Kannibalen geworden, er hatte nicht vom Fleisch seiner Freunde gegessen und er hatte nicht den Tod eines Unschuldigen herbei geführt, nur weil er nicht auf seinen Vater gehört hatte. Das war ein Albtraum, es musste so sein. „Oh, ich kann dir versichern, es ist kein Traum, mein Sohn. Jetzt. Iss. Los." Er wollte nicht. Er konnte nicht. Lieber ernährte er sich für den Rest seines Lebens von Maden. Sein Körper schien sich jedoch von selbst zu bewegen und er fuhr stumm damit fort, zu essen.
Rin wusste nicht wie, doch er hatte es geschafft, alles zu essen. Es war eine gewaltige Überwindung gewesen und mehrmals hatte er beinahe aufgegeben, aber da er genau wusste, was sonst passieren würde, zwang er sich dazu weiterzumachen. Dabei hatte er durchgängig mit den Tränen gekämpft und an alles nur nicht das Essen gedacht. Nur kurz darauf hatte er sich entschuldigt und war in eines der Badezimmer gestürmt, wo er nun damit beschäftigt war, alles wieder zu erbrechen. Wie hatte das passieren können? Woher hatte Satan von seiner Freundschaft mit Deimos gewusst? Was würde mit seiner Verlobten und dem ungeborenen Kind passieren? Wusste sie überhaupt, was geschehen war? Falls ja, würde sie ihn wahrscheinlich hassen. Er hustete und atmete zitternd, anscheinend war endlich alles aus seinem Magen, doch er würgte noch immer. Wahrscheinlich würde es dauern, bis sich sein Körper beruhigt hatte und es graute ihm bereits davor, in den Saal zurückzukehren. Ja, er musste zurückkommen, das hatte Satan ihm deutlich gesagt. Er hatte Glück, dass es ihm überhaupt erlaubt worden war, ins Badezimmer zu gehen, sonst hätte er die ganze Feier über ausharren müssen. „Rin, ist alles in Ordnung?", hörte er plötzlich Luzifers Stimme und spürte dessen Hand auf seiner Schulter. Wann war der denn gekommen? Unwirsch schlug er die Hand weg und hätte dem Lichtkönig zu gerne einen bösen Blick gegeben, doch wagte es nicht, den Kopf in eine andere Richtung als die Toilette zu halten. „Haub ab, lass mich in Ruhe.", hustete er hervor und würgte erneut. Dieses Mal spürte er, wie nur noch Magensäure hochkam, aber noch immer machte sein Körper keine Anstalten, aufzuhören. „Du musst dich beruhigen, sonst wird es nicht aufhören."
„ICH SAGTE, DU SOLLST ABHAUEN!", schrie Rin ihn an und brach dabei in Flammen aus. Der Baal trat schnell einige Schritte zurück und der Nephilim empfand eine gewisse Genugtuung dabei, welche schnell verschwand, als ihn ein erneuter Würgreiz überkam. „Rin, ich weiß, wie du dich fühlst-"
„Nein, tust du nicht!", fauchte er, stand auf und wandte sich um, das Gesicht wutverzerrt. „DU HAST KEINE AHNUNG! DIR IST ES SOWIESO EGAL, ALSO TU NICHT SO ALS WÜRDE ES DICH KÜMMERN!", schrie er den älteren hysterisch an, nur um sich schnell umzudrehen und sich erneut zu übergeben. Luzifer sagte für einige Sekunden nichts, als er jedoch sprach, war seine Stimme überraschend leise. „Doch, das tu ich. Erinnerst du dich noch an den Zwischenfall, als du meine Erinnerungen gesehen hast? Die in der ich mich übergeben habe?" Der Nephilim hielt erstarrte und seine Augen weiteten sich. Natürlich erinnerte er sich gut daran, er hatte sich noch darüber gewundert, wie verletzlich der älteste Baal gewirkt hatte. „Du verarschst mich.", flüsterte er zittrig. „Nein.", kam die sanfte Antwort. „Ich habe eine Dämonin kennen gelernt und mich hinter Vaters Rücken immer wieder mit ihr getroffen, was er natürlich irgendwann gemerkt hat. Den Rest kannst du dir denken." Stille herrschte, inzwischen würgte der Nephilim nicht mehr, aber er fühlte sich dafür sehr erschöpft. Nach kurzem Überlegen wurde ihm bewusst, dass Luzifers Geständnis ihn gar nicht mehr überraschte. „Geh einfach.", murmelte er erschöpft. „Ich will jetzt allein sein. Ich komme dann nachher wieder."
„Kann ich dir irgendwie helfen?"
„Geh einfach sterben.", antwortete der jüngere zu seiner eigenen Überraschung. Es interessierte ihn nicht mehr, wie der Baal reagieren würde, solange er ihn endlich in Ruhe ließ. Zumindest dieser Wunsch wurde ihm erfüllt und der Lichtkönig verließ den Raum. Kaum war er weg, brach Rin ein. Zunächst begann er zu zittern und zu schluchzen, bis er die Tränen frei liefen und er offen weinte. Wie konnte es so weit kommen? Warum musste alles immer schlimmer werden? Er hatte wirklich versucht halbwegs optimistisch zu bleiben und sich mit dem Gedanken an Flucht getröstet, doch wie konnte er das jetzt noch aufrecht erhalten? Selbst wenn er entkommen konnte, er würde nie wieder derselbe sein. Was würde es ihm ohnehin bringen? Er hatte niemanden mehr, die einzigen die sich um ihn sorgten, waren die Mönche aus dem Stift und die würde er nur in Gefahr bringen, wenn er dort Schutz suchte. Gleichzeitig machte sich sein schlechtes Gewissen bemerkbar, immerhin hatten sich so viele für ihn geopfert und nun war er so undankbar. Vielleicht wäre es aber wirklich besser, wenn er tot wäre? Immerhin hätte er dann Satans Pläne durchkreuzt, nicht wahr? Andererseits gab es keine Garantie, dass sich die Geschichte nicht wiederholen würde. Er wusste nicht wie lange er weinte, doch mit der Zeit wurde die Trauer zu Wut und er begann, seine Flammen raus zu lassen und das Bad zu demolieren. Es war ihm egal, ob ihn jemand hörte, er wollte etwas kaputt machen. Vorzugsweise etwas, dass sich bewegte. Ein Klopfen an der Tür, holte ihn in die Gegenwart zurück und ließ ihn inne halten. Inzwischen war das Zimmer ein Trümmerfeld. „Hey, Rin. Alles in Ordnung da drin? Was treibst du da drin?!", hörte er Beelzebub durch die Tür rufen. Warum konnten sie sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen? Am liebsten hätte er ihn ignoriert, allerdings würde er wohl so oder so rein kommen. „Ja, ich komme gleich!", rief er zurück und stand mit zitternden Knien auf. Er wankte zum Waschbecken, wusch sich das Gesicht und versuchte, den Geschmack aus dem Mund zu bekommen. Es dauerte eine Weile, aber schlussendlich sah er wieder halbwegs normal aus. Als er die Tür öffnete, sah Beelzebub ihn fragend an, dann wanderte sein Blick zu der Ruine hinter ihm. „…Fertig?" Rin antwortete nicht und schleppte sich wieder zur Feier. Zeit die Sache hinter sich zu bringen.
Zurück im Festsaal gab sich der Nephilim größte Mühe, nicht aufzufallen und anderen Dämonen aus dem Weg zu gehen. Für ihn wirkte alles ohnehin wie ein Traum, alles wirkte dumpf und kalt, als würde er gar nicht hier sein, sondern alles nur durch einen Schleier erleben. Vielleicht war auch der Alkohol mit Schuld, davon hatte er seit seiner Rückkehr reichlich getrunken. Jetzt verstand er endlich, warum so viele zu Alkoholikern wurden. Es betäubte die Sinne und ließ alles so viel erträglicher erscheinen. So schleppte er sich durch den Saal und versuchte, in kein Gespräch verwickelt zu werden. Dieses Mal hatten sich tatsächlich einige getraut, an ihn heran zu treten und einige hatten ihn angegraben, aber natürlich hatte er sie abblitzen lassen. Er wollte mit niemanden sprechen, vor allem nicht mit Fremden. Mehrmals drängte ihn eine Stimme dazu, diese Nervensägen zu verbrennen, bisher hatte er dem nicht nachgegeben. Seine Flammen waren schlecht, oder? Er meinte, sich dunkel daran zu erinnern, aber die andere Stimme war so viel lauter. Wahrscheinlich sollte er es wirklich tun, es wäre einfacher. Stattdessen hielt er sich an seine Brüder, welche damit kein Problem zu haben schienen. Stattdessen drückten sie ihm mehrere Gläser mit verschiedenen Getränken in die Hand. Zu Beginn hatte er sich noch geweigert, inzwischen trank er einfach, was sie ihm gaben. Dennoch merkte er, wie die Stimmung langsam angeheizt wurde. Man hörte brüllen, lachen und Schreie, einige Dämonen schien sich zu bekämpfen, andere knutschten herum oder tanzten, manche provokanter als andere. In einer Ecke sah er einen Dämonen welcher über einer Dämonin hockte und offenbar ihr Blut trank, allerdings bewegte sie sich nicht mehr und an einer anderen Stelle war eine Gruppe, die etwas rauchte. Nach dem was er gehört hatte, war das erst der Anfang und ihm wurde bewusst, dass er weg wollte. Ausnahmsweise wurde sein Wunsch erhöht. Offenbar würde es nicht mehr lange dauern, bis es richtig rau zuging und in der Regel hatte sich die Königsfamilie dann schon längst zurückgezogen, daher durfte er gehen. Der Rest feierte derweil weiter, sowohl jene im Palast als auch außerhalb. Ihn interessierte es nicht, er wollte nur noch ins Bett und schlafen. Bevor er ging, wurde er von Luzifer beiseite gezogen, welcher ihm ein weiteres Glas in die Hand drückte, dieses Mal war es jedoch kein Alkohol. Sein Kopf fühlte sich ein wenig klarer an und es fiel ihm leichter, normal zu laufen und das Gleichgewicht zu halten. Nicht dass ihn das kümmern würde. Erschöpft schleppte er sich zurück in sein Zimmer und ließ sich auf das Bett fallen. Vielleicht hätte er sich doch ein wenig mehr zurückhalten sollen. Obwohl ihm der Kopf dröhnte, begann er damit, sich auszuziehen und sich anschließend zu einer Dusche zu zwingen. Dort brauchte er wesentlich länger als sonst und doch fühlte er sich noch immer dreckig, egal wie viel Seife er benutzte. Er ekelte sich vor selbst und konnte sich nicht mal erinnern weswegen. Was war nochmal auf der Feier passiert? Warum konnte er sich nicht erinnern? Alles wirkte plötzlich so verschwommen. Langsam zog er sich an und verließ das Badezimmer, nur um die nächste Überraschung zu erleben. Da war eine fremde Dämonin in Rins Zimmer. Was machte eine fremde Dämonin in seinem Zimmer?! Sie war eindeutig keine Bedienstete, aber sie wirkte auch nicht wie eine Attentäterin. Trotz seines benebelten Zustands fiel ihm allerdings auf, wie hübsch sie war. Sie hatte lange blonde Haare mit hellgrünen Strähnen und rote Augen, die ihn ebenso verwirrt ansahen. Offenbar hatte die Dämonin nicht mit seinem plötzlichen Auftauchen gerechnet. „Ähm…was machst du in meinem Zimmer?", fragte Rin und zuckte innerlich zusammen, als die Dämonin plötzlich einige Schritte auf ihn zukam. Sie wirkte nicht bedrohlich und lächelte ihn sogar an, aber es wirkte ein wenig gezwungen. „Vergebt mir bitte, mein Prinz, ich habe nicht mit Eurem plötzlichen Auftauchen gerechnet.", entschuldigte sie sich mit einer kurzen Verbeugung. „Mein Name ist Surya, ich bin im Auftrag Eures Vaters und Eurer Brüder hier."
„…Wofür?", fragte der Halbdämon vollkommen verloren und starrte sie mit schief gelegtem Kopf an. Also doch eine Bedienstete? Surya erwiderte seinen Blick mit großen Augen, bevor sie sprach. „…Ihr wisst es nicht? Ich dachte, es wurde Euch gesagt, es ist eine relativ gängige Tradition in adligen Familien."
„Sie haben's nicht so mit Kommunikation.", erwiderte Rin bissig. „Also was ist nun?" Er wollte in sein Bett, er hatte jetzt wirklich nicht die Geduld hierfür. „Ich bin aus dem Zuchthaus und hier, um die Nacht mit euch zu verbringen." Rin brauchte einige Sekunden, bis die Bedeutung bei ihm ankam und blinzelte. „Oh.", machte er, noch immer unter Schock und für einige Sekunden herrschte Stille. „Gut…also…bin gleich wieder da." Damit stürmte er aus seinem Zimmer und ließ eine sehr verwirrte Dämonin zurück. Trotz des Alkohols war er momentan überraschend klar im Kopf und vor allem war er wütend. Das konnte nur ein schlechter Witz sein, es musste so sein. „IBLIS!", grollte er wütend und hämmerte gegen die Tür des Baals. „Ich weiß, dass du da bist! Mach die verdammte Tür auf!"
„Ja, ja, jetzt bleib mal ganz entspannt!", hörte er dessen Stimme rufen und nach einigen Sekunden öffnete sich die Tür. „Japp, was gibt's?", fragte er und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen, doch sein Grinsen ließ bereits vermuten, dass er wusste, warum Rin hier war. Dieser widerstand dem Drang, dem älteren Dämonen an den Hals zu springen. „Was soll das?!", fauchte er gereizt. „Warum ist eine Dämonin aus dem Zuchthaus in meinem Zimmer?"
„Ach, komm, muss ich dir jetzt wirklich erklären, was das heißt?", kam die neckende Antwort und ließ Rin sofort rot anlaufen. „Jetzt tu nicht so, du weißt, was ich meine! Ich will sie nicht, warum ist sie hier?!", entrüstete er sich. „Sie ist ein Geschenk.", antwortete Iblis schulterzuckend. „Du wurdest offiziell als Prinz Gehennas aufgerufen und es war dein erstes Fest des Tieres, es ist Tradition, also warum nicht?"
„Ich will kein Mädchen für Geld!"
„Dann einen Jungen? Dann hatte Sammy wohl doch recht…"
„NEIN, AUCH DAS NICHT!", schrie der Halbdämon beinahe hysterisch. „Ich kenne sie nicht mal, ich kann doch dann nicht sowas mit ihr machen!" Der Feuerdämon kicherte und schüttelte den Kopf. „Ach, Rini, du bist schon niedlich.~"
„HÖR AUF MIT DIESEM SPITZNAMEN!"
„Gut, gut. Aber wirklich, feste Beziehungen stehen außer Frage, also warum nicht diese Alternative? Sie ist hübsch, sie weiß, was sie tut und du musstest nicht mal nach suchen.~ Und wenn du dich echt wegen Einverständnis zierst, sie hat nichts dagegen, im Gegenteil. "
„Ich will sie nicht.", wiederholte Rin stur. „Das ist falsch, ich mach das nicht mit." Er erwartete, dass Iblis ihn ignorieren würde, doch zu seiner Überraschung zuckte er mit den Schultern. „Ok.", sagte er gelassen, woraufhin der Nephilim ihn verwundert ansah. „Ok?"
„Ok.", bestätigte der Dämonenkönig. Gab er wirklich so einfach nach? „Wenn du sie nicht willst, nimmt eben einer von uns sie. Astaroth und Beel haben vielleicht Interesse, sie tendieren dazu, immer alle so schnell kaputt zu machen…"
„WAS? NEIN!", protestierte der Halbdämon sofort. „Lasst sie gehen oder sowas!" Iblisˈ Grinsen weitete sich. „Nope.~ Wir wollen was für unser Geld. Was dich betrifft…" Er lehnte sich ein Stück nach vorn und griff den jüngeren am Kinn. „Wenn du das Mädchen nicht willst, kann ich dir stattdessen gern so einiges zeigen. Ich bin auch vorsichtig…zumindest am Anfang. Wir könnten eine Menge Spaß haben.~" Die Augen des Nephilim weiteten sich und er starrte den älteren Dämonen zitternd an, welcher nur noch breiter grinste. „Komm her, ich will wissen wie laut du bist.~" Das riss den Halbdämon aus seinem Schock und er stolperte erschrocken zurück. Erneut lachte Iblis. „War nur Spaß, dein verängstigtes Gesicht ist zu gut. Jetzt geh aber oder ich probiere dich doch mal aus.~" Das war Rins Stichwort. Ohne ein weiteres Wort sprintete er zurück in seine Zimmer, riss die Tür auf und knallte sie hinter sich zu. „Iblis, ernsthaft?", fragte unterdessen Egyn, welcher bisher im Zimmer seines Zwillings gewartet hatte. „Meinst du nicht, der Witz war etwas übertrieben?"
„Nah, er kommt drüber hinweg, ich konnte nicht widerstehen.", winkte der ältere Baal und ließ sich neben seinem Bruder auf das Sofa fallen und griff nach der nächstbesten Flasche. „Ich kehre bald in mein Gebiet zurück, also entspann dich mal und nimm dir was zu trinken.~" Der Wasserdämon schüttelte nur mit dem den Kopf, kam der Aufforderung jedoch nach. Es würde nicht mehr lange dauern, bis der Blutmond richtig begann und dann sollte er weg sein.
Surya wartete noch immer in seinem Zimmer, offensichtlich verwirrt und auch ein wenig peinlich berührt. Rin ignorierte sie jedoch vorerst, lehnte sich stattdessen an die Zimmertür und ließ sich zu Boden sinken, wo er das Gesicht in den Händen vergrub. Das dufte alles nicht wahr sein. Warum immer er? Was hatte er je falsch gemacht? „Ist alles in Ordnung?", hörte er die Dämonin schließlich fragen. „Habe ich etwas falsch gemacht?" Rin seufzte frustriert und schüttelte den Kopf. „Nein, das ist alles nur die Schuld dieser Bastarde.", murmelte er. „Denen ist es egal, was ich will." Surya nickte langsam, schien aber nicht wirklich zu begreifen worum es ging. „Was passiert jetzt?", fragte sie stattdessen. „Ihr scheint nicht sonderlich begeistert von mir zu sein. Wollt Ihr lieber jemand anderen?"
„Nein.", antwortete Rin sofort. „Es liegt nicht an dir, ich will hier einfach nicht mitmachen. Es ist nicht in Ordnung, dass diese Zuchthäuser überhaupt existieren. Aber das ist diesen Arschlöchern egal, sie haben auch noch Spaß dran. Sollte mich ja nicht mehr überraschen." Er hätte noch weiter gewettert, zwang sich allerdings still zu sein, bevor er sich um Kopf und Kragen redete. Offenbar war der Alkohol wirklich keine gute Idee gewesen. „Aber…warum stört Euch das? Ihr seid ein Prinz Gehen-"
„Das wollte ich nie sein.", unterbrach Rin sie verbittert. „Ich wollte nie Satans Sohn sein, ich wollte nie diese blöden Flammen haben und ich wollte ganz sicher nicht nach Gehenna kommen. Wären die Baal und Satan nicht gewesen, hätte ich noch einen Bruder, meine Freunde wären am Leben und ich müsste mir höchstens den Kopf darüber zerbrechen, wie ich eine Ausbildung finde. Und sag bitte "du", das reicht." Hervorragend, jetzt hatte er doch zu viel gesagt. Die Blondine schien protestieren zu wollen, höchstwahrscheinlich wegen dem duzen, aber Rin schnitt ihr das Wort ab. „Hör zu, mir ist egal, warum du hier bist. Mach dir keine Sorgen darum, ich will einfach nur schlafen. Meinetwegen kannst du das Bett haben und ich nehme das Sofa." Die Dämonin wich nervös seinem Blick aus. „Ich fürchte, es nicht so einfach.", sagte sie langsam. „Ist das Euer-"
„Bitte sage einfach "du".", wiederholte er erschöpft und rieb sich die Stirn. Er fühlte sich mit jeder Minute schwindliger, lag das am Alkohol?
„Na, gut. Ist das dein erstes Samhain?"
„Ja. Warum?", fragte der Halbdämon, inzwischen ein wenig irritiert, woraufhin Surya seinem Blick erneut auswich. „Na ja, wie du sicher weißt, drehen an Samhain unsere Instinkte durch, besonders wenn der Blutmond voll ist, was heute auch der Fall ist. Irgendwann übernehmen also die Instinkte das Sagen und dann…erledigt sich die Sache meist von selbst." Rin klappte der Mund auf. „Du verarschst mich.", sagte der dumpf, leider schüttelte sein Gegenüber den Kopf. „Nein, es ist die Wahrheit. Andere Dämonen deines Ranges, wie Lord Satan und die Baal, können es ganz gut kontrollieren, aber wenn das heute wirklich dein erstes Mal ist, hast du schlechte Karten." Gut. Jetzt reichte es. Rin würde jemanden anzünden. Mit einem lauten Grollen wandte er sich um und stürmte zur Tür, aber sie bewegte sich nicht, egal wie sehr er rüttelte. „Abgeschlossen?!", entfuhr es ihm. „Wie? Wann? Warum?!"
„Das ist ebenfalls nicht ungewöhnlich. Bei Dämonen, die es noch nicht so gut kontrollieren können, wird die Tür abgeschlossen.", erklärte Surya, die sich offenbar schon darauf vorbereitere, notfalls in Deckung zu gehen. Rin ließ resigniert die Stirn auf die Tür knallen. Na, ganz großen Kino. Früher hätte er sich gefreut, die Aufmerksamkeit von einen hübschen Mädchen zu bekommen, doch unter diesen Umständen wollte er es wirklich nicht. „Also…müssen wir das tun?", fragte er matt. „Es scheint so.", erwiderte Surya und versuchte, ihm aufmunternd anzulächeln. Rin unterdrückte ein weiteres Stöhnen, schlurfte zu seinem Bett und ließ sich darauf fallen. „Vergrab mich einfach.", murmelte er niedergeschlagen. „Bin ich wirklich so schlecht?", hinterfragte die Dämonin. „Nein, aber ich wollte das mit jemanden machen, den ich mag, nicht mit einer Fremden, die bezahlt wurde.", platzte es aus ihm heraus. „Wir könnten uns eine Weile unterhalten und ich erzähle dir etwas von mir. Dann sind wir nicht mehr ganz so fremd.", schlug sie vor. Eins musste man ihr lassen, sie war optimistisch. „Na gut.", murmelte er verdrießlich und da er nichts weiter sagte, fing sie an. „Meinen Namen kennst du ja schon. Ich bin halb Licht- und halb Insektendämonin. Meine Mutter kommt ebenfalls ursprünglich aus dem Zuchthaus."
„Wie bist du dann dort gelandet?"
„Ich bin dort geboren. Meine Mutter war relativ beliebt und hatte viele Kunden, mein Vater hat sie regelmäßig besucht. Sie hatte darauf gehofft, dass er sie irgendwann als Frau nimmt. Als sie dann aber schwanger wurde, verlor er jegliches Interesse und viele der anderen Kunden wollten nichts mehr mit ihr zu tun haben. Folglich hat sie weniger Geld eingebracht und irgendwann wurde sie dann runtergestuft und in ein Bordell abgeschoben. Sie hatte nicht genug Geld verdient, um sich frei zu kaufen, also gab es keinen Weg raus. Ich wurde im Zuchthaus aufgezogen."
„Tut mir leid, das muss furchtbar gewesen sein.", murmelte der Nephilim .Wie konnte man nur ein Kind dort rein stecken? Surya zuckte mit den Schultern. „Es war zu Beginn gar nicht so schlimm. Die Kinder lernen erst mal nur, sich um einen Haushalt zu kümmern und die Frauen dort haben sich immer gut um mich gekümmert. Erst als ich dann im Jugendalter war, wurde es komplizierter. Von da an sieht dich jeder als Konkurrenz und die Hierarchie ist gnadenlos. Ich wurde relativ früh sehr gut eingestuft, darum hatte ich mit das härteste Training."
„Und deine Mutter?", fragte Rin vorsichtig und erhielt ein Seufzen. „Sie wollte mit mir nichts zu tun haben.", gab die Dämonin traurig zu. „Sie hat mich für ihre Situation verantwortlich gemacht."
„Aber du konntest nichts dafür!", protestierte der Nephilim. „Ich weiß, aber ich kann sie irgendwo verstehen.", fuhr sie fort. „Darum möchte ich auch versuchen, genug Geld zu sparen, um uns beide freizukaufen. Sie hat mich zwar all die Jahre gemieden, aber sie ist immer noch meine Mutter. Ich möchte sie nicht verlieren." Rin war anderer Meinung, wenn sie wirklich nichts mit ihr zu tun haben wollte, warum sollte sie ihr dann hinter her rennen? Andererseits kannte er die Sehnsucht nach einer Familie nur zu gut, daher konnte er ihr nicht wirklich Vorwürfe machen. Wäre er an ihrer Stelle, würde es ihm wohl nicht anders gehen. „Hey, Rin.", wurde er plötzlich angesprochen. „Wenn dir das nicht zu persönlich ist…was hast du gegen deinen Vater und deine Brüder?"
„Sie haben mich gegen meinen Willen hergebracht, Leute, die mir wichtig sind, getötet und sie geben ein Dreck darauf, was ich möchte. Sie behaupten, sie würden sich sorgen und haben trotzdem kein Problem damit, mir weh zu tun und mich zu manipulieren. Es ist mir egal, was sie sagen, ich will nichts mit ihnen zu tun haben." Das war wohl mehr, als er nüchtern gesagt hätte, aber immerhin zu wenig als dass es Surya schaden könnte. Hoffte er. „Ich denke schon, dass sie sich um dich sorgen. Nur eben auf ihre Weise. Sonst hätten sie sich nicht die Mühe gemacht, mich auszusuchen und zu kaufen.", erinnerte die Blondine ihn. „Sie hätten es ganz lassen oder einen Bediensteten schicken können, aber sie sind selbst gekommen."
„Ja, wow. Soll ich ihnen einen Orden für geben?", knurrte Rin gereizt, auch wenn ein kleiner Teil zustimmte. Sie sorgten sich irgendwo, nur auf ihre sehr verdrehte und ungesunde Art und Weise. Trotz allem begann er, sich langsam zu entspannen und musste sich nach einer Weile eingestehen, dass er Surya mochte. Ähnlich wie Deimos war sie ziemlich gesprächig, konnte allerdings auch zuhören und gab ihr Bestes, um ihn aufzubauen. Glücklicherweise hakte sie bezüglich der Beziehung zu seiner Familie nicht weiter nach und redete stattdessen über alles Mögliche. So vergingen einige Stunden, in denen Rin langsam aber sich unruhig wurde. Er hatte noch ein weiteres Glas Alkohol getrunken (offenbar hatte einer seiner Brüder vorgesorgt und mehrere Flaschen auf sein Zimmer bringen lassen), zum einem, weil es ihm mulmig war und zum anderen weil er immer wieder ungewollt an den Zwischenfall in den Slums denken musste. Was wenn er plötzlich mittendrin Panik bekam und um sich schlug? Oder eine Panikattacke bekam? Er wollte Surya nicht verletzten, also versuchte er auf diese Weise die Angespanntheit zu lösen. Das Gefühl, welches jedoch inzwischen in ihm aufkam, war nicht länger vergleichbar damit. Etwas war anders, sein Körper fühlte sich wärmer und immer wieder kamen Gedanken und Gefühle hoch, welche nicht die seinen waren. Sein Kopf fühlte sich derweil an, als wäre er mit Watte gefüllt und denken fiel immer schwerer. Momentan konnte er sich kaum erinnern, wie er her gekommen war oder was zuvor geschehen war. „Was ist…?", murmelte er und schüttelte verwirrt den Kopf. Waren das die Effekte des Blutmondes? Er bemerkte am Rande, wie Surya neben ihn auf das Bett kletterte. „Schon gut, das ist normal. Unsere Instinkte kommen langsam heraus. Es ist fast so weit.", beruhigte sie ihn und legte eine Hand auf seinem Arm. „Und du hast wirklich nichts dagegen?", fragte Rin unsicher, woraufhin sie leise lachte. „Ich hatte mehr als genug Zeit, um mich an den Gedanken zu gewöhnen. Ehrlich gesagt bin ich froh, dass es mit dir ist und nicht irgendeinem Arsch.", gestand sie. Das war wohl wirklich das einzig gute an dieser Situation. Er zuckte zusammen als sie sich ein Stück zu ihm lehnte. „Ist das ok?", fragte sie und sah ihn neugierig an. Zu gern hätte er nein gesagt, stattdessen nickte er langsam. „Schon gut, wir machen langsam.", versuchte die Blondine ihn zu beruhigen und küsste ihn. ‚Das ist so seltsam…' Noch unangenehmer wurde es, als sie nach seinem Oberteil griff. Erschrocken zuckte er zusammen und wich zurück. „Noch nicht bitte.", murmelte er. Er erwartete halb, dass sie genervt sein würde, stattdessen nickte sie nur und beschränkte sich aufs küssen und berühren. Inzwischen drängte etwas in Rin, endlich weiter zu machen und sich nicht länger zurückzuhalten, doch noch widerstand er der Versuchung. Auf keinen Fall wollte er die Kontrolle verlieren. Dennoch spürte er, wie seine Krallen, Zähne und Ohren langsam länger wurden. So sehr er sich bemühte, es dauerte nicht lange, bis endlich seine Dämonenseite durchbrach. „Na, endlich." Mit einem Grinsen versenkte er seine Krallen in Suryas Oberarm, woraufhin sie erschrocken aufkeuchte und ihn mit großen Augen ansah. „Zeit, dass ich endlich meinen Spaß bekomme.~"
