„Wie geht es Ihrer Hand heute?"

Dumbledore hielt das entstellte Körperglied hoch, bewegte seine Finger und drehte sein Handgelenk. Es war schwarz und grau, vereinzelt mit blau-violetten Klecksen gesprenkelt. Seine Finger sahen am schlimmsten aus. An den Fingerspitzen waren sie am dunkelsten mit abgestorbenen weißen Fingernägeln, die kaum noch mit der Haut verbunden waren.

„Ich passe mich daran an", sagte er nach einer Weile und legte die Hand dann in seinen Schoß, wo sie von einer Falte seines Ärmels versteckt wurde. Sie blickte ihn aus zusammengekniffenen Augen an.

Sie waren in ihrem Büro. Nachdem er den ersten Monat der Sommerferien damit zugebracht hatte, ihr aus dem Weg zu gehen, war Dumbledore zwei Tage nachdem er den verfluchten Ring aufgesetzt hatte, in ihrer Wohnung aufgetaucht. Seitdem hatten sie jeden Nachmittag über Horkruxe gesprochen und sie hatte ihn in ihr Büro mitgenommen, um ihm ihre Arbeit zu zeigen.

„Ich werde Ihren Tee panschen, wenn Sie mir weiterhin nur halbe Antworten geben."

Er schmunzelte sie an und seine Augen funkelten beinahe. Das war ein Fortschritt; seitdem sie ihn das letzte Mal in Hogwarts gesehen hatte, hatten seine Augen nicht mehr gefunkelt.

„Vielleicht muss ich mir einen Flachmann zulegen. Ich werde Alastor um Rat fragen."

Hermine gluckste und ließ das Thema fallen. Wenn er Schmerzen haben wollte, lag es ihr fern sich zwischen ihn und diesen Wunsch zu stellen.

Seine Arbeit war auf ihrem Arbeitstisch ausgebreitet. Er hatte nach und nach ein psychologisches Profil von Tom Riddle aufgebaut, dabei seine Lebensgeschichte verfolgt und Notizen gemacht. Ein verwaister Junge. Die skurrile, traurige Geschichte seiner Eltern. Gedanken an Riddle, als er noch ein Schüler in Hogwarts war. Es ließ ihr einen Schauder über den Rücken laufen, wie ähnlich er Harry in vielerlei Hinsicht gewesen und doch so grundlegend anders war.

Es gab keinen Zweifel daran, dass Voldemort mehrere Horkruxe gemacht hatte (und der Gedanke daran ließ sie erschaudern, selbst nur wegen des Ablaufs davon, wenn man nicht berücksichtigte, dass es sich um Voldemort handelte). Das Tagebuch, das Harry in ihrem zweiten Schuljahr mit einem Basiliskenzahn zerstört hatte, verwahrte er in der Schule. Der Ring war von Severus vor weniger als einer Woche mit Dämonsfeuer zerstört worden. Dann gab es das Seelenstück, was Quirrel besessen hatte und jetzt in dem neuen greifbaren Körper wohnte. Und all die Indizien wiesen darauf hin, dass es mehr als nur drei gab.

„Wenn Horace nur nicht an der Erinnerung manipuliert hätte", sagte Dumbledore wieder mehr zu sich selbst als zu ihr. Das Interesse, was sie für ihn auf Slughorns Weihnachtsparty erweckt hatte, hatte sich in Form eines silbernen Erinnerungsfadens ausgezahlt, obwohl dieser offensichtlich verändert worden war. Ihre aktuellste Theorie war, dass Slughorn sich für die Information schämte, die er dem jungen Riddle in dieser Nacht gegeben hatte. Sie konnten jedoch nicht mit Theorien arbeiten.

„Benutzen Sie Harry als Köder", schlug Hermine vor, schloss ihre Augen, massierte mit Daumen und Zeigefinger ihren Nasenrücken und hasste sich dafür, dass sie das gesagt hatte. Sie hatte es nur vorgeschlagen, da sie wusste, dass es funktionieren würde, weil er es bereits getan hatte und es funktioniert hatte. „Und dann erklären Sie Harry auf jeden Fall Ihre List. Er ist viel kooperativer, wenn er eingeweiht ist."

Dumbledore hatte sie eines Morgens aus heiterem Himmel gefragt, was er tun konnte, damit Harry nicht mehr so wütend auf ihn wäre. Hermine hatte keine guten Vorschläge gehabt, da sie selbst die meiste Zeit über ziemlich wütend auf Dumbledore war. Sie hatte versprochen, ihm zu erzählen, wenn ihr etwas einfiele und das hatte sie – es war in Harrys eigenem Interesse. Sie hatte entschieden, dass das ihre Priorität war.

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„Nein, da stimme ich Ihnen zu", sagte Hermine, ließ ihren schon lange kalt gewordenen Tee verschwinden und stand auf, um eine weitere Kanne zuzubereiten. Dumbledore, der den gesamten Raum mit seinen Händen hinter dem Rücken verschränkt auf und abgeschritten war, sank auf das Sofa. „Es ist nur, nun ja… Nach wie vielen halten wir Ausschau? Und sobald wir eine Zahl haben, oder selbst ohne eine, nach welchen Gegenständen halten wir dann genau Ausschau? Wo würde er sie verstecken? Ich persönlich würde denken, dass es schlau wäre, einen aus einem gewöhnlichen Stein zu machen und diesen dann ins Meer zu werfen."

„Das würde sicherstellen, dass er nicht gefunden wird; Voldemort hingegen wird seine Horkruxe parat gehabt haben wollen. Ihre Existenz hält ihn am Leben, wo auch immer sie sich befinden, aber er braucht Zugang zu ihnen, wenn er sie dazu benutzen will, sich selbst wieder richtig zurück zu bringen."

Hermine schnaubte, als sie an die Beschreibung dachte, die Severus ihr gegeben hatte. Rote Augen, reptilienartige Haut, Schlitze als Nase. Und natürlich, dass er nicht dazu in der Lage war, es mit der durchgeknallten Lestrange Frau zu treiben. (Diese Information konnte sie einfach nicht vergessen.)

„Nun", sagte Dumbledore und zwinkerte ihr zu. „Vielleicht ist ‚richtig' ein zu starkes Wort dafür."

Sie lächelte ihn an und reichte ihm eine Teetasse. Sie stand an der Wand mit der Tafel und sah ihre Notizen durch. Wenn jemand in ihr Büro gekommen wäre, hätte er wohl angenommen, dass die Anwesenden verrückt wären – die Tafel war voller Anmerkungen und arithmetischen Spekulationen, Schnurstücken, die Ideen miteinander verknüpften, magischen Matrizen, die vor den Ideen schwebten, an denen sie verankert waren und Gesichter, die mit Kreide magisch erstellt worden waren und aus einer Unmenge an Notizen herausstarrten, die mit Klebezaubern zu den genannten Personen an die Tafel geheftet waren.

„Ich nehme an, Sie haben bereits alle Ihnen möglichen Strippen gezogen, um die Häuser der Todesser zu durchsuchen."

„Natürlich, aber mit sehr wenig Erfolg. Wenn Voldemort seine Horkruxe seinen Gefolgsleuten anvertraut hat, haben sie sie an einen anderen Ort, als ihr Zuhause fortgeschafft. Gringotts, würde ich vermuten. Und die Kobolde würden niemals einer Durchsuchung durch das Ministerium zustimmen."

„Wenn Sie andeuten wollen, dass ich in Gringotts einbrechen..."

„Kaum, meine Teure. Kaum." Dumbledore zwinkerte sie an und nippte an seinem Tee. „Das wäre nicht zu empfehlen, es sei denn Sie wüssten genau, zu welchem Verlies wir Zugang bräuchten. Es würde wohl kaum schnell genug gehen, durch alle Verliese der alten Anhänger zu gehen. Der Großteil von ihnen stammt aus sehr alten Familien, die alle sehr tiefe, entfernt liegende Verliese haben, die von Ungeheuern bewacht werden."

„Allerdings, Sir." Hermine saß in ihrem Schreibtischstuhl – einem Muggelding mit Rollen, mit dem sie tagelang durch das Büro hin und her gerollt war. Sie waren für einen Moment still, Dumbledore las eine ihrer alten Listen mit Notizen über Horkruxpflege (oder eher dessen mangelnder Erforderlichkeit) und Hermine versuchte, seine beschädigte Hand verstohlen zu begutachten.

„Wie ergeht es Severus zur Zeit?", fragte Dumbledore ohne aufzusehen und Hermine wusste, dass er sie ertappt hatte. Ihr Herz begann daraufhin schneller zu schlagen, denn was war, wenn er sie richtig ertappt hatte? Wenn er sie nicht nur dabei ertappt hatte, wie sie seine Hand ansah, obwohl er ihr gesagt hatte, dass sie es vergessen solle, sondern was war, wenn er es wusste? Was, wenn er es herausgefunden hatte? Sie hatte aufgepasst, Severus nicht zu erwähnen, aber was war, wenn ihn nicht zu erwähnen, es noch viel offensichtlicher gemacht hatte, als wenn sie ihn erwähnt hätte?

Scheiße.

„Severus? Recht gut nehme ich an. Ich habe ihn nur ein paar Mal gesehen, seitdem er Hogwarts über den Sommer verlassen hat."

„Voldemort hat ihn etwas Scheußliches in seinem Heimlabor brauen lassen, glaube ich. Und Wurmschwanz lebt natürlich in seinem Haus, um als Assistent und Aufpasser zu agieren."

Hermine nickte stumm. Severus hatte dann wohl sicherlich einen furchtbaren Sommer. Sich mit dem Mann vertragen zu müssen, der die Frau verraten hatte, die er geliebt hatte.

„Ich habe ihn darum gebeten, mich zu töten", sagte Dumbledore im Plauderton und Hermine drehte sich mit ihrem Stuhl herum, um ihm in die Augen zu sehen, und hob eine Augenbraue.

„Pettigrew?", fragte sie und deutete seine Aussage absichtlich falsch, um sich selbst mehr Zeit zu geben, damit ihr etwas anderes, abgesehen von ‚WIE KÖNNEN SIE ES WAGEN', als Erwiderung einfiel.

„Severus." Dumbledore zwinkerte; er wusste genau, dass sie Zeit schinden wollte.

„Warum nicht ich?", fragte sie durch zusammengebissene Zähne. „Ich habe bereits bewiesen, dass ich darin gut in."

„Das ist wahr, meine Liebe." Er nickte weise, als ob er wirklich darüber nachdächte. „Es gab jedoch… Entwicklungen."

„Ach?" Ihre Stimme war tonlos und sie bemerkte, dass sie okkludierte. Vielleicht war das eine gute Sache – das Letzte, was in dieser Situation hilfreich sein würde, wären Emotionen.

„Severus ist einen Unbrechbaren Schwur eingegangen."

In ihr stand alles still. Das kam nicht so sehr daher, dass sie erstarrt war, sondern eher daher, dass sie mitten im Sprung, kurz vor dem Sturz, erwischt worden war. Der Sturz würde wehtun.

„Mit wem?", konnte sie schließlich fragen.

„Narzissa Malfoy." Dumbledore legte die Liste, die er gelesen hatte beiseite, griff wieder zu seinem Tee und sah auf ihn herunter, während er ihn in der Tasse herumschwenkte. „Es scheint, als hätte der junge Draco die Aufgabe bekommen, mich zu töten, und seine Mutter hat Severus darum gebeten, ihm zu helfen."

„Ein Schwur geht einen Schritt zu weit, finden Sie nicht auch? Schließlich ist er Dracos Patenonkel; man sollte daher annehmen, dass er helfen würde–"

„Bellatrix Lestrange war involviert. Ich glaube, die Bitte diente Narzissa als Versicherung, dass ihr Sohn nicht getötet werden würde, sollte er scheitern, und sie diente Bellatrix als ein Test von Severus' Loyalität."

Hermine bemerkte, dass ihre Hände zitterten und drückte sie gegen die Armlehnen ihres Stuhls, um es zu verstecken.

„Was waren die Bedingungen des Schwurs?"

„Draco dabei zu helfen, die Aufgabe auszuführen, wenn er es nicht kann."

„Und deshalb haben Sie diesen Prozess für ihn beschleunigt, in dem Sie ihn darum gebeten haben, Sie zu töten."

„In der Tat." Dumbledore stellte seine Teetasse beiseite und sah sie wieder an. „Ich erzähle Ihnen das, Hermine, weil ich nicht weiß, wann ich sterben werde, aber ich weiß, dass ich tot sein werde, bevor das Schuljahr vorüber ist. Das ist auch der Grund, weshalb ich nicht möchte, dass Sie sich wegen meiner armen Hand Sorgen machen – es gibt weitaus wichtigere Aufgaben, die Ihre Aufmerksamkeit benötigen."

„Natürlich, Sir", sagte sie mit brüchiger Stimme. Er zwinkerte sie auf eine unausstehlich herablassende Weise an.

„Ich brauche Sie, damit Sie für Severus da sind, nachdem er mich getötet hat. Der Orden wird denken, dass er sie hintergangen hat und das müssen sie auch denken. Aber er wird in größerer Gefahr als sonst sein, wenn er so eng mit Voldemort zusammenarbeitet. Seine Seele ist gebrochen, wie Sie wissen; er ist gespalten und er lässt es an denen aus, die ihm am Nächsten stehen."

„Ja, Sir. Das weiß ich." Sie bekam es hin, einiges der Schärfe aus ihrer Stimme zu nehmen, aber nicht alles. Sie sah ihn nicht an.

Wer zur Hölle sind Sie, mir zu sagen, dass Voldemort seine Launen an denen auslässt, die ihm an Nächsten stehen? Ich weiß das. Ich bin diejenige, die Severus das letzte Jahr über nachher immer wieder zusammengeflickt hat!

„Sir", sagte sie und war sich überaus bewusst, dass er die Kälte ihrer Okklumentik fühlen und nicht nur die Tonlosigkeit ihrer Stimme hören konnte. „Was sollte es bezwecken, mich wieder und wieder und wieder zurückzuschicken, wenn Sie mich Ihnen nicht helfen lassen? Warum sollte ich nicht so weitermachen, wie bisher, wenn Sie schlussendlich auf Ihren eigenen Tod aus sind?"

„Mein Tod ist wohl kaum das finale Ziel, meine Liebe", sagte er so geduldig, wie ein wohlwollender Onkel, der etwas einem besonders begriffsstutzigen Kind erklärt. Sie kochte innerlich, versteckte es aber für einen späteren Zeitpunkt hinter ihren geistigen Schilden. „Voldemort nimmt sich vor mir in Acht, aber seine Agenten durchziehen das Ministerium bereits wie ein Brand. Innerhalb eines Monats nach meinem Tod wird es einen Putsch geben. Severus wird wohl als mein Mörder bekannt sein, aber er wird gute Beziehungen haben – sie werden ihn als Schulleiter einstellen. Er wird die Kinder beschützen, während Harry Horkruxe jagt. Das ist mein finales Ziel."

„Sie wollen, dass Harry Horkruxe jagt." Ihr stiegt Galle in den Rachen auf.

„Und Sie natürlich mit ihm. Das ist der Grund, weshalb Sie den Zeitumkehrer brauchten."

„Harry wird nicht einmal seinen U.T.Z. gemacht haben!"

„Aber Sie haben es."

Hermine zog sich auf ihre Beine. Alles, was ihr als Erwiderung in den Sinn kam, würde nicht gut enden. Stattdessen marschierte sie aus der Tür und ließ sie hinter sich zuschlagen. Sie apparierte ohne zu überlegen nach Spinners End. Es war genauso braun und abgenutzt, wie es im Winter gewesen war, aber die Büsche, an den beiden Seiten des Tors, waren stachelig und grüngelb, anstatt winzig und karg auszusehen.

Sie schritt den Weg entlang, stapfte die Stufen zur Veranda nach oben und riss die Tür auf. Pettigrew stand direkt hinter der Tür, um auf ihr Klopfen zu warten. Er sah erst verwirrt und dann beunruhigt aus. Sie stieß ihren Zauberstab in seine Richtung und er flog den engen Flur entlang, bis er in die Wand neben der Küchentür krachte. Er stöhnte und begann aufzustehen, aber sie lähmte, fesselte und knebelte ihn, bevor sie ihn zusammengekrümmt am Fuß der Wand zurückließ.

Eine Sekunde später stürmte Severus, bereit für einen Kampf, mit erhobenem Zauberstab in den Flur. Er erstarrte, als er sie sah.

„Was hast du getan?", fragte sie, ließ ihren Zauberstab fallen, hörte wie er auf dem Boden aufschlug und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. Das war nicht das, was sie eigentlich hatte sagen wollen und sie war sich nicht einmal sicher, ob sie ihn oder sich selbst das fragte, aber das war nicht wichtig. Die Tränen kamen und ihre Okklumentik löste sich in Nichts auf.

„Hermine", murmelte er. Sie saßen zusammen in seinem Lesesessel und sie saß zum größten Teil auf seinem Schoß. Eigentlich saß sie komplett auf seinem Schoß – ihre Hüften an seinen einen Oberschenkel gelehnt, lagen ihre Beine über ihm und hingen an der anderen Seite des Sessels herunter. Er strich über ihr Haar und drückte sie eng an sich. Auf diese Weise wurde es besonders offensichtlich, wie viel größer er körperlich war; sie fühlte sich wie ein Kind auf seinem Schoß, aber es gab nichts väterliches an der Art, wie seine Hand um ihre Taille gelegt war, oder wie seine Finger ihre Kopfhaut liebkosten. Sie erinnerte sich nicht mehr, wie sie aus der Eingangshalle zur Wohnstube mit Bibliothek im vorderen Teil des Hauses gekommen waren. „Wirst du ihm so sehr nachtrauern?"

Für einen Moment war sie verwirrt, erinnerte sich dann aber daran, dass ihre Okklumentikschilde um sie herum zu Boden gefallen waren. Und natürlich hatte er die jüngste Konversation bemerkt, die so schwer auf ihren Gedanken lastete.

„Nicht ihm, du Narr", blaffte sie und zog sich etwas von ihm weg, damit sie ihn wütend anstarren konnte. Sie sah den Moment, in dem er es verstand, und hörte wie sein Atem für einen langen Moment aussetzte.

„Hermine."

Sie konnte ihn nicht ansehen. Sie lehnte ihre Stirn gegen sein Schlüsselbein und kniff ihre Augen zu. Ihre Hände waren, verheddert in seinen Roben, zu Fäusten geballt. Er roch nach heißen Kesseln und zerdrückten Kräutern. Der Hauch des Fetts, was er sich in die Haare schmierte, hing über dem Ganzen.

„Das ist so gut wie dein Todesurteil und das weißt du auch", sagte sie. Ihre Stimme würde durch seine Roben gedämpft sein, aber sie war auf seinem Schoß; er würde sie verdammt noch mal hören können. „Wenn du es nicht tust, wird dich der Schwur töten. Wenn du es tust, wird Voldemort dich töten, weil du die Aufgabe eines anderen erledigt hast."

„Ich wäre in diesem Krieg sowieso gestorben." Er hörte sich resigniert an und plötzlich ergab es viel mehr Sinn, weshalb er sie den ganzen Sommer über gemieden hatte. Es war nicht gewesen, weil er großmütig war, weil sie seine Schülerin war und weil sie zuerst der Spion und die Attentäterin waren, bevor sie Severus und Hermine waren. Es war, weil er beabsichtigt hatte, zu sterben.

Er hätte sie genauso gut auch ohrfeigen können.

„Ich bin ein Spion", sagte er irritiert. Sie brachte das Glas der Fenster zum Beben, aber das war ihr egal. „Das ist eine ausgemachte Sache. Eine Seite oder die andere würde entscheiden, dass ich nicht vertrauenswürdig bin. Oder ich würde durch ‚Eigenbeschuss' getroffen werden. Oder etwas, an das ich bisher noch nicht gedacht habe."

Möchtest du sterben?" Elektrizität schoss durch ihre Haare.

Er zögerte und blinzelte sie dann an. „Nein."

Zum ersten Mal seit einer langen Zeit ist das die komplette Wahrheit.

Es war sein Gedanke und er bereitete ihr Schmerzen. Er saugte ihren Ärger direkt aus ihr heraus und brachte sie dazu, wieder weinen zu wollen. Stattdessen lockerte sie ihren eisernen Griff an seinen Roben und strich sie auf seiner Brust wieder an Ort und Stelle glatt. Er sah ihr skeptisch mit seinen dunklen Augen zu.

„Seit dem ersten Mal, als du hinter meinen Stuhl anstatt drüben beim Kamin gestanden hast, bin ich in dich verliebt", erzählte sie ihm.

„Der Kamin ist hinter deinem Stuhl", sagte er.

„Das darf nicht passieren", sagte sie. „Es darf nicht." Sie zitterte und ihre Hände hatten sich in seinen Roben wieder zu Fäusten geballt. Während sie auf sie hinabsah flüsterte sie: „Ich möchte mit dir zusammen sein. Ich möchte dich lieben. Ich möchte, dass wir es miteinander versuchen."

„Hermine", sagte er sichtlich hin und hergerissen. Sie konnte spüren, wie sich seine Gedanken überschlugen, obwohl sie ihm nicht in die Augen sah und sie daher nicht direkt hören konnte. Er wusste, was er tun wollte und er wusste, was er tun sollte, und das waren zwei völlig unterschiedliche Dinge. Er schüttelte seinen Kopf und sie blickte in sein Gesicht auf. „Hermine, ich bin… verdammt besitzergreifend. Und eifersüchtig. Und ich sage die ganze verdammte Zeit über die falschen Sachen." Er nahm einen tiefen Atemzug und sie musste wieder auf ihre Hände heruntersehen, um das Lächeln zu verstecken, was sich auf ihrem Gesicht auszubreiten begann. „Ich vergucke mich nicht irgendwie in jemanden, probiere es ein wenig aus und lege dann meine Karten auf den Tisch. Es ist entweder alles oder nichts. Scheiße! Das ist nicht das, was ich sagen wollte."

Er starrte in die dunkle, gähnende Türöffnung, hinter der sich die Treppe befand, die nach oben ins Obergeschoss führte.

„Ich glaube", sagte sie langsam, löste ihre Hände wieder und glättete die Roben langsam. Dieses Mal spürte sie seine Brust warm unter dem Stoff, anstatt nur flüchtig seine Kleidung wieder in Ordnung zu bringen. „Du könntest deine Karten bereits ausgespielt haben."

„Das ist nicht der Punkt!"

Sie hatte den Eindruck, dass er fliehen wollte, um aufzustehen und im Zimmer auf und abzuschreiten. Um nach unten zu dem zurück zu rennen, was auch immer er braute. Aber sie hielt ihn fest und auch sein Arm war um sie gelegt und hielt sie immer noch fest umarmt.

„Der Punkt ist der, dass es nicht passieren darf, selbst wenn wir es wollten!"

„Scheiß drauf", sagte sie und lehnte sich von ihm zurück, damit sie sein Gesicht richtig sehen konnte. Von dem Platz aus, an dem sie saß, hatte sie einen schlechten Winkel, deshalb drehte sie sich und setzte sich rittlings auf seinen Schoß. Er starrte auf sie herunter und seine dunklen Augen wurden noch dunkler. (Es war eine provokative Position…) Sie zuckte mit den Schultern und forderte ihn dazu heraus, sie darum zu bitten, sich woanders hinzusetzten. „Scheiß drauf. Ich habe genug davon, dieses Spiel zu spielen."

Dumbledore möchte, dass ich einen Teenager in ein „Spiel" hereinziehe, bei dem die Gegenseite Seelen aus Spaß zerstückelt. Ich habe genug davon, nach seinen Regeln zu spielen, und seine Meinungen zu meinen Entscheidungen abzuwägen.

„Du… Du kündigst?"

„Nein. Mach dich nicht lächerlich." Denn, obwohl sie wütend auf Dumbledore war, lag ihr auch sehr viel am Ausgang des Krieges, und das nicht nur, weil sie eine muggelgeborene Hexe war, sondern weil Leute, die sie gern hatte, darin involviert waren. Sie würde den Kampf nicht verlassen.

„Was meinst du dann damit, dass du genug hast, das Spiel zu spielen?"

„Ich habe genug davon, Dumbledores Vorlieben nachzukommen. Ich werde tun, was getan werden muss, aber zu meinen Bedingungen."

„Deine Bedingungen."

„Mit dir."

Er hielt seinen Atem an und das ließ sie lächeln.

„Du liegst sehr richtig, Severus. Du wirst wahrscheinlich, bevor der Krieg vorbei ist, sterben. Genau wie ich. Wenn wir uns nicht jetzt aneinander festhalten, wann werden wir die Chance dazu haben?"

„Ich..." Er blickte wieder von ihr weg und runzelte seine Stirn. „Ich möchte – Ich möchte nicht..."

„Er wird es nicht herausfinden", versprach sie. Die Art, wie seine Mundwinkel sich nach unten zogen, nicht ganz zu einem finsteren Blick, legte nahe, dass sie falsch geraten hatte, aber er nickte einfach.

„Das weiß ich."

„Was ist es dann? Severus, der Rest davon ist mir ziemlich egal. Na ja – das ist nicht wahr. Mir ist ein großer Teil des Rests davon, wofür wir kämpfen, wichtig. Ich möchte eine Welt, in der du und ich zusammen sein können, ohne dass jemand etwas dagegen sagen kann. Und nicht nur neugierige Schulleiter, sondern alte Familien, die uns wegen etwas so blödem wie dem ‚Blutstatus' verspotten."

Severus schmunzelte sie an und sie rollte mit den Augen. Er hatte mit ‚Blutstatus' Problemen viel länger als sie und in engeren Abständen zu kämpfen gehabt.

„Tut mir Leid. Was ich sagen möchte ist, dass ich möchte, dass wir eine Rolle in den Dingen spielen, die wir tun und selbst, wenn es nur die Dinge sind, die wir für den Kampf machen. Wenn das jetzt ein Geheimnis sein muss, dann sei es so. Ich kann ein Geheimnis wahren."

Er lächelte tatsächlich deswegen, aber er sah immer noch skeptisch aus. Nachdem er kurz nachgedacht hatte, seufzte er, lächelte sie zärtlich an und hob seine Hand, um ihr eine Locke hinters Ohr zu streichen.

„Na dann."

„Na dann was?"

„Es bringt nichts, so zu tun, als würde ich dir nicht bis zur Hölle und wieder zurück folgen, wenn du mich darum bitten würdest."

„Hoffentlich nicht zur Hölle, nein", sagte sie. Irgendwas ausgesprochen weibliches in ihr war erwacht, als er ihr Haar berührt hatte und es schnurrte zufrieden. Seine Hand fuhr ihren Unterkiefer entlang und kam seitlich von ihrem Hals zum Stehen.

„An manchen Tagen habe ich das Gefühl, dass wir bereits dort sind."

„Nicht heute; nicht jetzt gerade", sagte sie und legte ihre Hand über seine. Er lächelte, aber es war ein trauriges Lächeln.

„Es ist immer noch wahrscheinlich, dass ich im kommenden Jahr sterben werde."

„Oh, ich auch", sagte sie und ließ seine Hand los, um an den Knöpfen seiner Roben herumzuhantieren. Er trug dicke, schwere graue Roben, um im Keller zu brauen.

„Das wirst du nicht", sagte er entschieden, legte seinen anderen Arm um ihre Taille und zog sie nah an sich ran. Er war sehr warm und das ließ sie bemerken, dass sie ihren Mantel und ihre Roben in ihrem Büro gelassen hatte. Sie hatte Muggelkleidung unter der Robe getragen; ihr Rock war zu ihrer Hüfte hochgerutscht, als sie sich rittlings auf ihn gesetzt hatte und die Luft fühlte sich an ihren Beinen kühl an.

„Ich habe keinen Schwur abgelegt, aber es ist beinahe genauso wahrscheinlich wie bei dir, dass ich nicht mehr lange hier sein werde. Wir sind beide ziemlich oft in Gefahr und ich zudem als Selbstständige außerhalb der Schule."

„Und Merlin sei Dank dafür – bist du dir darüber im Klaren, wie merkwürdig das war? Als du mit dem Gesicht deines jüngeren Ichs herumgelaufen bist, aber deine Augen genau so waren, wie sie es jetzt sind. Und als du meine Gedanken gestreift hast und ich dich angesehen und mich daran erinnert habe, dass du du warst..."

„Ich habe mich gefragt, was dir durch den Kopf gegangen ist. Ich dachte, du wärst auf mich wütend."

„Ich glaube, das war ich."

„Ich war auch auf dich wütend."

„Weil ich dich gefragt hatte, was passieren würde?"

„Ja."

„Ich verstehe, warum du nichts sagst, aber es ist sehr frustrierend, zu wissen, dass du mehr weißt und nicht nur mehr, sondern hilfreiche Dinge. Und ich war gestresst."

„Entschuldigung akzeptiert", sagte sie grinsend. Er grinste zurück und sie rutschte auf seinem Schoß, damit sie sich vorlehnen und ihn küssen konnte. Es war ein zärtlicher Kuss. Süß während er andauerte und langsam am Schluss.

Im Flur ächzte Pettigrew.

„Ich habe nur noch ein richtiges Geheimnis und das ist eins, von dem Dumbledore noch nicht möchte, dass du es weißt." Sie biss sich auf die Lippe und lehnte sich zurück. „Darf ich es dir dennoch verraten?"

Er zögerte, aber nur für einen Augenblick. Dann nickte er. Hermine drängte ihm die Erinnerungen an ihre jüngsten Treffen mit Dumbledore auf. Seine Augen weiteten sich, als er ihre Gedanken aufnahm, aber er sah nicht weg oder blendete sie aus.

„Scheiße."

Sie grinste und nickte dann. „Genau."

Pettigrew ächzte wieder und Hermine seufzte. Sie müsste jetzt gehen. Eigentlich hätte sie überhaupt nicht hierher kommen sollen, aber sie hatte nicht wirklich einen rationalen Denkprozess gehabt. Severus lehnte sich vor und küsste sie, wodurch er sie von dem Gedanken zu gehen, ablenkte. Seine Hände waren auf ihren Hüften und hielten sie fest auf seinem Schoß. Plötzlich war sie sich sehr bewusst, dass sie rittlings auf ihm saß und ihr Rock so weit über ihre Hüften gerutscht war, dass sie das Kratzen seiner Roben an dem Stück nacktem Oberschenkel über ihren Strümpfen spüren konnte.

„Ich muss wirklich gehen", murmelte sie, bemühte sich aber nicht wirklich, aufzustehen. Seine Hände glitten leicht und neckend unter ihrem Oberteil über die Haut ihres Bauches.

Pettigrew polterte im Flur herum. Er war wieder vollständig zu sich gekommen, aber immer noch gefesselt und mit verbundenen Augen. Irgendwann würde er sich befreien.

„Ich wünschte, du könntest bleiben."

Sie streichelte den Rand seines Gesichts mit ihren Fingerspitzen und taumelte beinahe von dem Durcheinander der Gefühle, die sich zwischen ihnen vermischten. Sie konnte fühlen, wie sich seine Einsamkeit mit der Wut auf Dumbledore mischte. Sie fühlte, wie sich ihr Verlangen, ihn für immer festzuhalten mit dem Hass auf den Mann im anderen Raum mischte; und über all dem lag ein feiner Schimmer von Lust, der zwischen ihnen beiden leuchtete.

Ich liebe dich. Der Gedanken schwebte zwischen ihnen und es war weniger eine Aussage von ihnen beiden, sondern eher ein geteiltes Gefühl als Beweis und Fakt. Es änderte nichts daran, dass sie das Haus verlassen musste und er sich ins Labor zurückziehen und weiter an den Giften brauen musste, aber–

Etwas erbebte unter dem Haus. Eine kleine Explosion innerhalb der Schutzzauber. Severus sprang schnell auf die Beine und trug sie mit sich, bis sie ihre Füße unter sich bekam.

„Wenn diese abscheuliche Ratte sich selbst in die Luft gejagt hat, wird der Dunkle Lord mich umbringen", knurrte er. Hermine biss sich auf ihre Lippe und folgte ihm aus der Bibliothek heraus, den Flur entlang (die heraufbeschworenen Seile und der Knebel lagen vor der Wand, an der Pettigrew gelegen hatte, die Knoten waren immer noch unverändert an Ort und Stelle) und durch die Küche zu der Tür, durch die sie hinunter in den Keller gelangten.

Die Schutzzauber schimmerten weiß und blau. Innerhalb von ihnen war der Raum verwüstet. Dicker, schleimiger Zaubertrank tropfte von der Decke. Pettigrew war auf seinen Knien neben dem Arbeitstisch, hielt seine Hände vor sein Gesicht und stöhnte. Auch auf ihm war Zaubertrank und es gab Anzeichen, dass der heiße Sud ihn verbrannt hatte.

„Ironischerweise", sagte Severus, als er das Durcheinander begutachtete, „sollte das eine Brandsalbe werden."

Hermine kicherte und wich eine Stufe hinauf zurück, als Severus die Tür zu dem Durcheinander schloss.

„Idiot", murmelte Severus.

„Es tut mir Leid", sagte sie, weil es ihre Schuld gewesen war. Er schüttelte seinen Kopf und küsste sie sanft.

„Er ist ein Idiot. Ich hatte einen Stillstand auf den Kessel gelegt und wenn er nicht herumgeschnüffelt hätte, wäre alles in Ordnung gewesen." Severus blickte zur Tür und rollte mit seinen Augen, als sie beide die Ratte stöhnen hörten. „Er war der Neville Longbottom meines Jahres. Ein völlig hoffnungsloser Fall in Zaubertränke – und versuch nicht Longbottom zu verteidigen, du weißt, dass es stimmt. Vielleicht wird das den Dunklen Lord endlich davon überzeugen, dass die Ratte kein lohnenswerter Assistent im Labor ist und als Butler ist er auch nutzlos, da er vollkommen unfähig war, den Drachen vom Eintreten abzuhalten, als er zum Plaudern vorbeigekommen ist."

Hermine grinste ihn an, weil er so überaus griesgrämig aussah, dass es amüsant war und, weil er noch viel griesgrämiger werden würde, wenn sie ihm sagen würde, dass sie seine Miesepetrigkeit amüsant fand.