11. Dezember: Ein neuer Anfang

Andromeda war unglaublich froh, dass sie Teddy hatte. Sie hätte nicht gewusst, was sie ohne ihn gemacht hätte. Wegen ihm wachte sie jeden Morgen auf und verfiel nicht in Selbstmitleid. Sie hatte vergessen, wie anstrengend ein kleines Baby war, wie viel Aufmerksamkeit es verlangte und wie wenig es oft in der Nacht schlief. Sie war längst nicht mehr so jung wie damals, als sie Nymphadora bekommen hatte, aber Teddy machte es ihr einfach. Er war ein sehr zufriedenes Baby, auch wenn ihm seine Eltern am Anfang offensichtlich fehlten. Mit der Zeit schien ihn das jedoch immer weniger zu stören, was Andromeda beinahe das Herz zerriss. Jetzt hatte er das Bisschen von seinen Eltern, das noch in seinem Unterbewusstsein gewesen war, auch noch vergessen.

Sie war in diesen Monaten häufig im Fuchsbau zu Gast, weil ihr sonst zuhause die Decke auf den Kopf gefallen wäre. Molly verkraftete Freds Tod nur sehr schwer und hatte keinen Teddy, der sie so ablenken konnte wie Andromeda. Sie sprachen nur selten über den Tod ihrer Kinder, meistens ging es um die Fortschritte beim Wiederaufbau von Hogwarts oder die echten und guten Reformen, die Kingsley im Ministerium auf den Weg gebracht hatte und darum, dass Umbridge endgültig entlassen und sogar angeklagt worden war, weil man endlich nachgewiesen hatte, dass sie ein paar Dementoren in eine Muggelgegend geschickt hatte. Molly und Arthur regten sich beide darüber auf, dass Andromedas Schwager Lucius es schon wieder geschafft hatte, einer Haftstrafe zu entkommen, aber Andromeda hatte nur mit den Schultern gezuckt. Von den Malfoys hatte sie nichts anderes erwartet. Deren oberste Priorität war es schon immer gewesen, ihre eigene Haut zu retten. Wenigstens hatten sie es sich mit den meisten übrig gebliebenen Todessern gründlich verscherzt, weil Malfoy so viele von ihnen verraten hatte, um seine eigene Haut zu retten.

Auch Harry sah sie um einiges häufiger, als sie erwartet hätte. Er nahm seine Aufgabe als Pate sehr ernst und brachte bei fast jedem Besuch ein neues Kuscheltier oder etwas zum Anziehen mit, bevor er zwei Stunden mit ihm spazieren ging. Andromeda war anfangs skeptisch gewesen mit Remus' Wahl, als Harry noch der meistgesuchte Zauberer der Zauberwelt und auf der Flucht gewesen war, aber jetzt, wo er nicht mehr andauernd um sein Leben fürchten musste, war sie froh, dass Teddy ihn hatte. Teddy brauchte mehr Leute in seinem Leben als nur sie, und mit Harry kamen alle anderen Weasleys, nicht nur Molly. Es war wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit, bis Bill und Fleur Kinder bekamen und dann würde Teddy auch jemanden zum Spielen haben. In der Gegend, in der Andromeda wohnte, gab es leider nicht mehr so viele Kinder wie zu der Zeit, als Nymphadora noch klein gewesen war, und es war Andromeda um einiges lieber, wenn Teddy später mit magischen Kindern spielen konnte, die ihn nicht schief anschauen würden, wenn er seine Haarfarbe wechselte.

Und dann geschah einen Nachmittag, etwa zwei Monate nach der Schlacht von Hogwarts, etwas, womit sie nie gerechnet hätte. Sie hatte gerade Teddys Fläschchen aufgewärmt, als es an der Tür klingelte. Andromeda zuckte überrascht zusammen, denn um diese Zeit rechnete sie eigentlich nicht mehr mit Besuch. Außerdem meldeten die meisten sich vorher an und apparierten in ihren Garten. Nach dem Ende des Krieges hatte sie Kingsley gebeten, den Zauber wieder aufzuheben, der sie zum Geheimniswahrer machte, und nur noch die üblichen Schutzzauber um das Haus bestehen lassen. Es gab keine Schwester mehr da draußen, die ihr nach dem Leben trachtete, und so war es viel einfacher, wohlgesonnenen Besuch zu empfangen.

Aber vielleicht hatte sie sich auch getäuscht, denn als sie die Haustür öffnete, stand ihre kleine Schwester Narcissa vor der Tür. Andromeda starrte sie mit offenem Mund an und griff instinktiv nach ihrem Zauberstab, den sie immer noch ständig bei sich trug.

Narcissa hob beschwichtigend die Hände. „Ich habe keine bösen Absichten", sagte sie beruhigend.

Andromeda schaute sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Das ist ja ganz was neues", sagte sie skeptisch und verschränkte die Arme vor der Brust.

Narcissa verzog das Gesicht. „Das ist nicht fair! Hat dir Potter nicht erzählt -"

„Dass du gelogen hast, um deine Haut und die deines Sohnes zu retten? Ja, hat er. Herzlichen Glückwunsch. Wenigstens deine Familie ist intakt aus der Schlacht von Hogwarts rausgekommen, die meisten anderen sind nicht so glimpflich davongekommen!"

„Nur weil niemand von uns gestorben ist, heißt das nicht, dass alles spurlos an uns vorrübergegangen ist! Draco hat dauernd Albträume, Lucius ist im Gefängnis gewesen, Bella hat jahrelang bei uns gewohnt und -"

„Was willst du hier, Sissy?", unterbracht Andromeda sie erschöpft. „Soll ich dich bemitleiden, weil unsere große Schwester dein Haus in Beschlag genommen hat, nachdem ihr sie aus Askaban rausgeholt habt? Oder dass dein Sohn nicht mit den Verbrechen fertig werden kann, die er freiwillig begangen hat? Es tut mir leid, aber da bist du hier an der falschen Adresse."

Narcissa schüttelte den Kopf. „Das wollte ich gar nicht sagen -"

Ein lautes Schreien drang an ihre Ohren und Andromeda erinnerte sich an das Fläschchen Milch, das sie eigentlich für Teddy hatte aufwärmen wollen. Er war zwar ein sehr umgängliches Baby, aber wenn er Hunger hatte, konnte er so pampig wie seine Mutter sein. „Du entschuldigst mich, ich muss mich um meinen Enkel kümmern." Sie eilte zurück in die Küche, um die Flasche vorzubereiten, und stellte überrascht fest, dass Narcissa ihr gefolgt war. „Ich hab dich nicht hereingebeten", sagte sie harsch.

„Ich weiß. Es ist nur … ich wollte dir sagen, ich hab das von deinem Mann und deiner Tochter gehört und ich wollte nur sagen, es tut mir leid."

„Was, dass unsere Schwester meine Tochter ermordet hat und jemand von eurer Truppe meinen Mann? Während du daneben gestanden und zugesehen hast? Vielen Dank für dein Beileid, aber das kannst du dir sparen." Teddys Gebrüll wurde immer lauter und Andromeda eilte zu seinem Tragekörbchen, um ihn hochzuheben und ihm endlich sein Fläschchen zu geben. Zufrieden fing er an zu nuckeln.

„Ist das dein Enkel?", fragte Narcissa und ignorierte einfach Andromedas Ausbruch. Das war typisch für sie, sie hatte schon immer alles ignoriert, was ihr nicht gepasst hatte. „Ich hab ganz vergessen, wie klein Babys sein können. Wenn ich mich an Draco erinnere …"

Andromeda verdrehte die Augen. „Himmel, Sissy, sag endlich, was du willst, und lass Teddy und mich in Frieden. Du bist hier nicht erwünscht, falls es dir noch nicht aufgefallen ist."

„Teddy?", fragte Narcissa leise. „Ihr habt ihn nach deinem Mann benannt?"

„Ja, Dora fand das ein schönes Tribut, nachdem er kaltblütig umgebracht worden ist. Von den gleichen Greifern, die Harry und die anderen zu dir nach Hause geschleppt haben, damit Bella Hermine um den Verstand foltern konnte, so wie damals die Longbottoms. Und du hast mal wieder danebengestanden und zugesehen. Das kannst du wirklich fantastisch."

Narcissa seufzte frustriert. „Dromeda, bitte."

„Bitte was? Was hast du denn erwartet, wenn du einfach ungefragt hier auftauchst? Nachdem eure Leute mir fast alles genommen haben, was mir wichtig ist! Was willst du hier? Mich ausspionieren? Dich an meiner Trauer ergötzen?"

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, wirklich nicht. Bitte Dromeda. Ich wollte nur …"

„Was? Was wolltest du?" Andromeda wollte nur ihre Ruhe haben. Sie wollte ihre Schwester nicht sehen. Nie wieder. Sie wollte nie wieder jemanden sehen, der Voldemorts Regime für eine gute Idee gehalten hatte. Nie wieder!

„Ich wollte dich sehen! Am Ende von dieser schrecklichen Nacht war das Einzige, was ich wollte, dass meine Familie in Sicherheit ist. Dass dieses Hin und Her endlich ein Ende hat! Deshalb habe ich Potter nicht verraten, ich wollte nur, dass alles vorbei und meine Familie sicher ist. Du glaubst gar nicht, wie schrecklich das war, mit Bella unter einem Dach zu wohnen. Lucius war in Askaban und sie hat Draco ständig angestachelt, dass er sein Leben riskiert, um Ruhm und Ehre für den Familiennamen zurückzubringen und … und dann hab ich das von deiner Tochter gehört und dass es wohl Bella war und … ich wollte nur … ich wollte …" Sie schaute Andromeda hilflos an. Andromeda war überrascht, zu sehen, wie Tränen in den Augen ihrer Schwester glitzerten. „Es tut mir wirklich leid, dass du deine Tochter verloren hast. Dass dein Enkel ohne sie aufwachsen muss. Und dass du deinen Mann verloren hast, auch. Ich kann mir gar nicht vorstellen -"

„Nein, das kannst du nicht! Du hast deinen Sohn und deinen Mann noch, nachdem sie so viel Leid und Unglück über die ganze Zauberwelt gebracht haben. Du hast deine fantastische perfekte reinblütige Familie noch, wenn du nach Hause gehst! Teddy wird seine Eltern niemals kennen lernen! Sein Großvater ist gestorben, ohne ihn einmal im Arm halten zu können! Und ich muss jeden Morgen aufwachen, ganz allein, und mich um ein Baby kümmern, das seine Eltern noch haben sollte! Und du kommst einfach so hierher und hast den Nerv zu sagen, dass es dir leidtut? Nachdem du keinen Finger gerührt hast, um sie zu retten, als sie noch am Leben waren? Ist das dein Ernst? Ist das wirklich dein Ernst? Du hast vielleicht Nerven, glaubst mit einer halbherzigen Entschuldigung ist alles wieder gut? Nach allem, was passiert ist? Nein, so einfach ist das nicht!"

„Ich hab nicht gedacht, dass es einfach ist", sagte Narcissa schließlich leise mit hängenden Schultern. „Ich dachte nur, Familie war immer das wichtigste für mich und ich habe Bella gehasst und jedes Mal, wenn ich mich mit ihr herumschlagen musste, hab ich mir gewünscht, dass du da bist, so wie früher, als wir zwei immer gegen sie vereint gewesen waren … und nach allem, was passiert ist, wollte ich nicht, dass das letzte Mal, als wir miteinander gesprochen haben, fünfundzwanzig Jahre her ist." Sie schluckte. „Und auch wenn du mir nicht glaubst, es tut mir wirklich leid, der Tod von Dora und Ted. Ich wollte nur, dass du das weißt." Sie strich sich ihre langen blonden Haare aus dem Gesicht und wandte sich zur Tür. „Dann geh ich besser wieder. Tut mir leid, dass ich dich gestört habe."

Andromeda seufzte tief und schaute auf Teddy, der unbeeindruckt aus seiner Flasche trank. Er war mittlerweile schon einiges gewohnt. „Warte", sagte sie schließlich widerwillig, als Narcissa fast die Haustür erreicht hatte. Es schien ihr aufrichtig leid zu tun und das war mehr, als sie von ihrer kleinen Schwester je erwartet hatte. Narcissa blieb stehen und drehte sich hoffnungsvoll wieder um. „Möchtest du vielleicht einen Tee haben?"

Und so trat nach mehreren Jahrzehnten Andromedas kleine Schwester wieder in ihr Leben. Es gab zwar nicht viel, in dem sie übereinstimmten und besonders am Anfang endeten ihre Treffen häufig damit, dass eine von ihnen der anderen beleidigt versprach, dass dies das letzte Mal war, dass sie zusammen Tee tranken, aber jedes Mal trafen sie sich dann doch wieder am dritten Donnerstag im Monat um vier Uhr zum Tee. Trotz ihrer Auseinandersetzungen war es schön für Andromeda, wieder Kontakt zu jemandem aus ihrer Kindheit zu haben. Nach Sirius' Tod hatte sie geglaubt, diesen Teil ihres Lebens endgültig verloren zu haben. Es war schön zu wissen, dass ihr die andere Seite nicht alles genommen hatte.

Doch wenn sie ehrlich war, konnte sie sich an die erste Zeit nach dem Krieg kaum erinnern. Sie war froh, dass sie Teddy hatte, auch wenn der Säugling sie sehr auf Trapp hielt und sie sich mindestens zehnmal am Tag wünschte, dass Dora und Remus und Ted miterleben konnten, was er wieder Neues gelernt hatte. Sein erstes Lächeln. Das erste Mal aufrecht sitzen. Die ganze Nacht durchschlafen (das freute sie ganz besonders). Das erste auf den Bauch rollen. Das erste Krabbeln. Und dann natürlich die ersten Schritte und sein erstes Wort. Die drei wären so unglaublich stolz auf Teddy gewesen.

Aber Andromeda musste das alles zum Glück auch nicht ganz alleine erleben. Sie war mittlerweile zu einem festen Bestandteil der Weasleys geworden. Molly lud sie zu jedem Familienfest und zusätzlich auch noch häufig zum Abendessen ein. Sie war ganz vernarrt in den kleinen Teddy und behandelte ihn wie ihr erstes Enkelkind. Zu Weihnachten schenkte sie ihm einen selbst gestrickten Pullover und Andromeda einen selbst gestrickten Schal.

„Für meine Kinder hab ich immer Pullover", erklärte sie Andromeda bei der Weihnachtsfeier im Fuchsbau und deutete auf ihre Familie, die mehr oder weniger begeistert ihre neuen Pullover trugen. „Früher hatte das vor allem praktische Gründe", sagte sie schulterzuckend. „Wir konnten uns nicht viel leisten, Wolle war nicht teuer und ich stricke gern. Außerdem ist Hogwarts im Winter immer so kalt und zugig und da kann man einen Pullover immer gebrauchen. Und jetzt ist es eine Tradition, die ich nicht brechen möchte." Sie seufzte traurig. „Ohne Nachzudenken hab ich auch einen für Fred gestrickt. Die für die Zwillinge hab ich jedes Jahr zusammen gestrickt." Sie schluckte und wandte den Blick ab.

„Ich weiß, was du meinst", erwiderte Andromeda und nahm Mollys Hand. „Als Dora noch klein war, waren Ted und ich mit ihr in Schottland im Urlaub und sie war ganz vernarrt in eine Schokolade, die nur ein kleiner Laden in dem Dorf dort verkauft. Ich hab damals eine Dauerbestellung für das Zeug aufgegeben und krieg jedes Jahr ein Päckchen zu Weihnachten geschickt. Ich hab völlig vergessen, sie abzubestellen und letzte Woche ist sie wieder gekommen und ich hab das Päckchen aufgemacht und bin in Tränen ausgebrochen. Teddy hat mich so komisch angeschaut. Und dann hab ich eine ganze Tafel aufgegessen und dabei schmeckt mir das Zeug noch nicht mal."

Molly lächelte traurig. „Schon komisch, wie viel sich in einem Jahr ändern kann, nicht wahr? Letztes Jahr haben wir nur mit Ginny und den Zwillingen gefeiert und ich hab mir so gewünscht, dass nächstes Jahr wieder die ganze Familie zusammen ist." Sie schaute zu George, der sich in einer anderen Ecke im Wohnzimmer mit Percy unterhielt. Er lachte, aber es kam längst nicht so von Herzen, wie Andromeda es von George gewohnt war. „Und jetzt wird die ganze Familie nie wieder zusammen sein."

Ihr Blick wurde erneut abgelenkt, aber dieses Mal von Teddy, der wirklich laut und fröhlich lachte. Bill hielt ihn auf dem Arm und Fleur kitzelte ihn am Bauch und er fuchtelte fröhlich mit seinen Armen durch die Luft. Seine grünen Haare nahmen Fleurs Haarfarbe an und sie klatschte begeistert in die Hände.

„Aber vielleicht habt ihr bald ein paar neue Mitglieder", sagte Andromeda tröstlich. Bill und Fleur würden sicherlich bald Kinder bekommen und Ron und Hermine schienen bei der Feier unzertrennlich. Kein Wunder, schließlich holte Hermine ihr letztes Jahr in Hogwarts nach, während Ron George im Scherzartikelladen half, damit dieser ohne seinen Zwilling wieder auf die Beine kam. Harry und Ginny waren ganz ähnlich. Ginny war ebenfalls für ihr letztes Jahr in Hogwarts, während Harry es vorgezogen hatte, Kingsley im Ministerium zu helfen und eine Ausbildung zum Auror anzufangen. Niemand hätte es gewagt, Harry das zu verweigern, selbst wenn er keinen Schulabschluss hatte. Ron würde zu ihm stoßen, sobald er George alleine lassen konnte, aber das würde wohl noch eine Weile dauern. Sie mussten alle erst wieder Fuß fassen nach den letzten Jahren und den Opfern, die sie alle gebracht hatten. Und wenigstens hatten die Weasleys Percy wieder, der einer der wenigen war, die sofort und begeistert ihren Weihnachtspullover angezogen hatte. Die andere war Fleur gewesen, die sogar Tränen in den Augen gehabt hatte, als Molly ihr das Geschenk persönlich überreicht hatte.

Molly lächelte sie an, drückte ihre Hand und deutete dann auf Teddy. „Die haben wir schon."

Ein warmes Gefühl breitete sich in Andromeda aus. Ihre Familie sah bei weitem nicht so aus, wie sie sie sich letztes Jahr vorgestellt hatte, aber sie hatte sie und sie war nicht alleine und dafür war sie unendlich dankbar.

TBC…