Heute ist (zumindest in Deutschland) Weltspartag. Die Daltons rufen alle Bürger dazu auf, ihre Ersparnisse trotz ungünstiger Zinslage zur Bank zu bringen - damit sich der nächste Banküberfall auch lohnt. :-B

Jetzt haben wir eine ganze Reihe von besonderen Tagen hintereinander: Freitag Weltspartag, Samstag Reformationstag und Halloween, Sonntag Allerheiligen, Montag Allerseelen.


Da beide Arrestzellen bereits belegt waren, wurde Mrs. Thingleberry in ein freies Hotelzimmer im Joyful Coyote Saloon gebracht. Laura Legs, Molly Mulligan, sowie die drei Tänzerinnen Conchita, Juanita und Sally wechselten sich damit ab, sie zu bewachen. Außerdem waren die Zimmer von Lucky Luke, Lord Buttercup und Miss Augusta in unmittelbarer Nähe.

Nach vollbrachter Arbeit saßen die drei Letztgenannten nun gemütlich im Gastraum des Saloons beisammen und genossen die Stimmung. Lucky Luke war außerdem dabei, ein reichlich spätes Abendessen zu sich zu nehmen, denn er war aufgrund der aufregenden Ereignisse des Tages nicht früher dazu gekommen. Unter dem Tisch saß Rantanplan und tat sich an einer Schüssel voller Fleischabfälle aus der Küche gütlich. Er war zusammen mit dem rothaarigen Reporter, den Indianern und der Kavallerie in die Stadt zurückgekehrt und hatte die darauf folgenden zwei Stunden in der Redaktion der Pleasure Gulch Daily News verbracht, wo er den beiden jugendlichen Reportern beim Vorbereiten der nächsten Zeitungsausgabe zugesehen hatte. Schließlich – nachdem er feststellen musste, dass Druckerschwärze keine Gaumenfreude ist – hatte er sich getrollt und war nach einigem Hin- und Herschlendern in den Saloon gegangen, wo Timmy Perkins ihm die besagte Schüssel mit Fleischabfällen gebracht hatte.

Als Lucky Luke sein Mahl beendet hatte und sich satt und zufrieden zurücklehnte, ergriff Lord Buttercup mit feierlicher Stimme das Wort: „Ladies and Gentlemen, erlauben Sie mir, Ihnen zur Feier des Tages eine besondere Offerte zu machen."

Mit diesen Worten schob er ein hölzernes Zigarrenkistchen in die Mitte des Tisches, öffnete den Deckel und bedeutete Lucky Luke und der Lehrerin, sich zu bedienen.

„Vielen Dank, aber ich rauche nicht mehr", lehnte Lucky Luke höflich ab.

„Und ich habe noch nie geraucht und möchte auch heute nicht damit anfangen", fügte Miss Dweedlecum hinzu.

Zu ihrer Verblüffung brach der Lord daraufhin in schalkhaftes Gelächter aus und erwiderte voller Zufriedenheit: „Sie haben sich also täuschen lassen? Nun, ich versichere Ihnen, diese Zigarren sind nicht zum Rauchen bestimmt. Auch ich pflege nicht mehr zu rauchen, auf Anweisung meines Arztes hin. Da ein Gentleman jedoch gewisse Dinge einfach mit einer guten Zigarre feiern muss, habe ich mir diese Köstlichkeit aus der Schweiz zukommen lassen. Bitte greifen Sie zu und überzeugen Sie sich selbst: Es handelt sich um edelste Schokolade!"

Nun lachten auch der Cowboy und Miss Augusta und beeilten sich, der Aufforderung nachzukommen. Lord Buttercup hatte nicht zu viel versprochen: Die Zigarren mundeten vorzüglich und bildeten einen krönenden Abschluss für diesen ereignisreichen Tag.

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Am nächsten Tag stellten die Bewohner von Pleasure Gulch fest, dass der Bestattungsunternehmer Mathias Bones in aller Frühe die Stadt verlassen haben musste. Die Tür seines Geschäftes in der Hauptstraße war mit Brettern vernagelt, und darüber hing ein Schild mit der Aufschrift Geschlossen – für immer! Auch der Leichenwagen sowie Epitaph und Oskar waren nirgends zu sehen. So richtig traurig war über das Verschwinden des Totengräbers niemand in der Stadt – im Gegenteil! Der Stadtrat berief eine Sondersitzung im Saloon ein und beschloss nach etwa fünf Minuten, die Räumlichkeiten des Leichenbestatters abzureißen und an dieser Stelle eine Schule für Miss Dweedlecum zu errichten. Danach diskutierten die Herren Stadträte und der Bürgermeister den restlichen Vormittag darüber, was künftig auf dem Ortsschild von Pleasure Gulch stehen sollte.

Gleich zu Beginn ihres Arbeitstages waren die Hilfssheriffs nach Angaben Lucky Lukes hinaus zum Höhlenversteck der Dalton-Brüder geritten und hatten alle darin befindlichen Gegenstände in die Stadt gebracht. Mrs. Thingleberry erhielt ihre Geldbörse und ihre Uhr zurück, und die Jacksons wurden ins Sheriffsbüro zitiert, um die leeren Konservenbüchsen und Einmachgläser zu identifizieren. Somit war es erwiesen, dass der Einbruch in ihre Speisekammer von den Daltons verübt worden war, und diese Tatsache wurde auf die Anklageliste gegen die vier Brüder gesetzt, zusammen mit dem Diebstahl der Wells Fargo Rappen, dem versuchten Raubüberfall auf die Postkutsche, dem Ausrauben und Fesseln von Mrs. Thingleberry und der Entführung von Augusta Dweedlecum.

Joker Jim war überraschend früh und ausgeschlafen aus dem Postkutschendepot getreten und hatte mit der Hilfe des Stallburschen Pepe seine "gute, alte Concord" zur Fahrt nach Yuma gerüstet. Währenddessen hatte sich Lord Buttercup einen persönlichen Wunsch erfüllt und war ins Sheriffsbüro geeilt, wo er sich Autogramme von den Daltons hatte geben lassen. Leider wusste er später nicht mehr, welches Kreuz dabei von welchem Bruder stammte ...

Um neun Uhr verließ die Postkutsche mit den vier vorgespannten Rappen und Lord Buttercup als einzigem Passagier unter zahlreichen Adios-Rufen und dem eifrigen Schwenken von Taschentüchern und Hüten von Seiten der Bürger die Stadt in Richtung Westen.

Was die beiden jugendlichen Maskendiebe betraf, so legte Augusta Dweedlecum ein gutes Wort beim Sheriff für sie ein. Angesichts ihrer Jugend und Einfalt könne man sie nicht vollends für ihr Tun verantwortlich machen, argumentierte sie. Sie seien ja schließlich von Mrs. Thingleberry manipuliert worden. Außerdem habe der Sheriff ihnen Strafmilderung versprochen, wenn sie seine Fragen beantworteten. Schließlich ließ sich der Sheriff erweichen und verzichtete auf eine offizielle Anklage. Die Nacht in der Arrestzelle wurde als Teil ihrer Bestrafung gewertet, und Lucky Luke schlug vor, dass sie zusätzlich das Geschäft des Leichenbestatters entrümpeln und abreißen sollten, denn diese Arbeit wollte niemand in der Stadt gerne tun. Selbstverständlich sollten sie sich auch am Aufbau des neuen Schulgebäudes beteiligen, nachdem sie den Zeitungsstand für den Mexikaner Diego fertiggestellt hätten.

Unter der Aufsicht zweier Hilfssheriffs begannen Henry und Frank unverzüglich mit der Arbeit im Beerdigungsinstitut. Die von Lucky Luke verständigten Indianer, die noch immer vor der Stadt lagerten, kamen in die Stadt, und Häuptling Geschmeidiger Geier überzeugte sich persönlich davon, dass die Strafe angemessen war. Der Gestank nach Formalin, den die beiden Maskendiebe dabei ertragen mussten, war seiner Ansicht nach so schlimm, dass diese Arbeit dem Tod der tausend Qualen am Marterpfahl gleichkam. Dementsprechend schnell verabschiedeten sich die Yuma dann auch von ihren weißen Brüdern und Schwestern und begaben sich zurück in ihr Dorf.

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Gegen halb elf hatte Lucky Luke alles erledigt und machte sich für die Reise nach Yuma bereit. Ming Li Foo hatte sich erboten, die Gefangenen und die Lehrerin in seinem Wäschereiwagen mitzunehmen, denn er musste sowieso nach Yuma, um die gewaschenen Sträflingsanzüge im Gefängnis abzugeben.

„Da können die Daltons sich ja gleich passend kleiden", bemerkte Lucky Luke grinsend und wies den Wäschereibesitzer an, den vier Banditen Sträflingsanzüge in ihrer Größe zu bringen. Er selbst begab sich in den Saloon, wo Miss Dweedlecum an einem der Tische im Gastraum saß und in einem Buch las. Sie trug wieder ihr Reisekleid, mit dem sie bei ihrer Ankunft in der Postkutsche bekleidet gewesen war. Als sie den Cowboy bemerkte, klappte sie ihr Buch zu und legte es vor sich auf den Tisch, auf dem noch ein anderer, wesentlich dickerer Band lag. Lucky Luke stachen die in großen, goldenen Lettern verfassten Titel ins Auge: The Territory of Arizona stand auf dem dünnen Buch, Picturesque Arizona auf dem dicken.

„Fahren wir?", fragte die Lehrerin.

Der Cowboy nickte: „Ich verabschiede mich nur noch von Laura und hole dann Mrs. Thingleberry. Haben Sie alles, was Sie brauchen, Miss Augusta?"

Die Angesprochene zeigte mit der einen Hand auf eine kleine schwarze Reisetasche neben ihrem Stuhl und mit der anderen auf die Bücher auf dem Tisch und antwortete: „Alles – inklusive Reiselektüre."

„Wie ich sehe, machen Sie sich mit Ihrer neuen Heimat vertraut", sagte Lucky Luke lächelnd.

Die Lehrerin schlug den dicken Band auf und wies auf die Fotografien und zahlreichen bunten Illustrationen: „Es ist ein herrliches Land. Sehen Sie sich diese Panoramen an! Und hier sind sogar einige Stereofotografien enthalten! Wenn man sie mit einem Stereoskop betrachtet, dann erhält man ein räumliches Bild der Landschaft!"

Der Cowboy lächelte und erwiderte: „Hoffentlich vergessen Sie über Ihrer Begeisterung für die Landschaft nicht, was Sie vor Gericht gegen die Daltons und Mrs. Thingleberry aussagen wollen."

„Seien Sie ganz unbesorgt", gab Miss Augusta zurück und fuhr fort: „Ich begebe mich dann also zu Mr. Ming Li Foo. Bis gleich, Mr. Luke!"

An einem anderen Tisch tagte unterdessen noch immer der Stadtrat.

„Wie wäre es mit: Fremder, wenn du dies hier nicht lesen kannst, melde dich in der Schule?", schlug ein beleibter Herr mit weißem Backenbart und dicker Zigarre im Mund vor.

„Nein, nein", ereiferte sich ein anderer, der eine dicke Brille auf der Nase und um den Hals eine Krawatte trug. „Als die Lehrerin kam, nahm der Totengräber Reißaus."

„Unsinn! Viehdiebe werden gehängt, Falschspieler geteert und gefedert und Faulenzer müssen in der Ecke stehen", warf ein dritter Herr, an dessen Weste eine besonders auffällige goldene Uhrkette baumelte, ein.

„Nicht doch, das ist viel zu lang!", ereiferte sich ein anderer, dessen mit Gamaschen bekleidete Füße auf der Tischkante ruhten. „Es muss eher so was sein wie: Population: 356; Saloon: 1; Schule: 1; Wäscherei: 1; Barbier: 1; Telegraf: 1; Schmied: 1; Postkutschendepot: 1; Bahnhof: 0; Leichenbestatter: 0; Kirchen: 2; Bank: ..."

„Ach, und das ist wohl kürzer?", beschwerte sich der Herr mit der Uhrkette.


So, heute wie angekündigt ein kurzes Kapitel - mit eher unwesentlichen Kleinigkeiten.

Zum Ausgleich dafür an dieser Stelle eine Bemerkung zum Gebrauch der Stammesbezeichnung Yuma in dieser Geschichte. Der korrekte Plural lautet ebenfalls Yuma, ohne 's'. Das wissen aber nicht alle Figuren in dieser Geschichte. Selbst Mrs. Thingleberry, die sich für so gescheit hält, sagt Yumas - wie übrigens auch Lucky Luke, der zwar für einen einsamen Cowboy erstaunlich gebildet ist, aber eben auch nicht alles weiß. Dies nur als Erklärung für diejenigen Leser, denen der uneinheitliche Gebrauch des Plurals aufgefallen ist. Bei näherem Hinsehen kann man erkennen, dass die Figuren entweder konsequent Yuma oder Yumas sagen. Es wird also nicht willkürlich zwischen den beiden Formen hin- und hergesprungen.

Das von Mrs. Dweedlecum erwähnte Stereoskop war - vereinfacht gesprochen - die 3-D-Brille des 19. Jahrhunderts. Betrachtet man damit Stereofotografien, so ergibt sich für den Betrachter ein räumlicher Eindruck. Wie man sich vorstellen kann, waren diese Apparate ein beliebtes Party-Vergnügen. Die Motive der Stereobilder reichten von Landschaftsaufnahmen bis zu Pornographie. :-P