Heute ist offenbar der internationale Tag für die Verhütung der Ausbeutung der Umwelt in Kriegen und bewaffneten Konflikten - wer hätte das gedacht! :-P Es ist auch der Tag zwischen dem Guy Fawkes Day (5. November) im Vereinigten Königreich und dem Tag der Oktoberrevolution (7. November) und somit verbleibt noch genau ein Monat bis Nikolaus.
Hoffentlich ist es auch der Tag, an dem endlich der Gewinner der Präsidentschaftswahl in den USA feststeht! Ich hätte nicht gedacht, dass der Wahlausgang bei der Veröffentlichung dieses Kapitels noch ungewiss sein könnte. Was Lucky Luke wohl angesichts der schwer bewaffneten Demonstranten in Arizona sagen würde! Mir wäre deutlich wohler, wenn unser einsamer Cowboy vor Ort dafür sorgen könnte, dass kein Schuss fällt. :-/

Der Endspurt hat begonnen - hier kommt das vorletzte Kapitel!


Kurz darauf setzte sich der Wäschereiwagen mit Ming Li Foo und Miss Dweedlecum auf dem Kutschbock sowie den Daltons auf der nach allen Seiten abgeschlossenen Ladefläche in Bewegung. Mrs. Thingleberry durfte auf einem mit Damensattel versehenen Pferd nebenher reiten.

„Ihr braucht euch gar nicht zu beschweren", hatte Lucky Luke den Daltons zugerufen, als diese murrend und mit finsteren Blicken ins Innere des Wagens geklettert waren. „Die Wäsche ist schließlich frisch gewaschen. Am Montagabend hättet ihr es ja sogar in Kauf genommen, euch in die schmutzige Wäsche einzuwühlen."

Größere Probleme hatte es mit Rantanplan gegeben, der beim Anblick Ming Li Foos den Schwanz eingezogen hatte und schließlich winselnd davongelaufen war, was zu Lucky Lukes größter Verblüffung einen unsäglichen Heiterkeitsausbruch bei Jolly Jumper hervorgerufen hatte. Schließlich hatte Timmy Perkins, der Page aus dem Saloon, den Hund wiedergebracht und dem Wäschereibesitzer geraten, ihm einen großen Knochen zu geben. Daraufhin hatte Rantanplan sich beruhigt und war nun willens, neben Jolly herzulaufen, als der Zug aufbrach.

,Auch ein Pferd kann eben mal einen Fehler machen', dachte der Hund bei sich. ,Der Schimmel hat es ja nur gut mit mir gemeint.'

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Wie am Vortag strahlte die Mittagssonne vom wolkenlosen blauen Himmel herab und es war heiß, als der Wäschereiwagen mit dem kleinen vorgespannten Esel gemächlich auf der Straße nach Yuma dahinrollte. Rechts neben ihm ritt auf einer braunen Stute Mrs. Thingleberry und machte ein bitterböses Gesicht. Hinter ihr, die Tür des Wäschereiwagens stets im Blick, folgte Lucky Luke auf Jolly Jumper, wie üblich mit einem Grashalm im Mund und einem gelassenen Lächeln auf den Lippen. Rantanplan lief links neben Jolly her und war guter Dinge.

Der Lehrerin auf dem Kutschbock schien die Hitze nichts auszumachen. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, die Landschaft zu betrachten und mit Bildern aus ihrem dicken Buch zu vergleichen.

„Sie nutzen jede fleie Minute, um sich foltzubilden, hochvelehlte Meistelin einel neu entstehenden Schule?", ließ sich der Chinese vernehmen.

Ne discere cessa* – höre nicht auf zu lernen", antwortete Miss Dweedlecum lächelnd.

„Da bin ich ganz Ihlel Meinung, edle Dame", pflichtete ihr Ming Li Foo bei. „Denn wie del hochgeschätzte Meistel Kung Fu Tse (Konfuzius) beleits lehlte, ist Bildung del Weg zu Halmonie, Gleichmut und Gleichgewicht mit dem Weltganzen. Jedel Mensch sollte danach tlachten, so viel el velmag zu lelnen. Bildung muss allen Menschen zugänglich gemacht welden, es dalf dabei keine Standesuntelschiede geben."

„Sie sprechen mir aus der Seele, verehrter Mr. Ming Li Foo", rief Augusta freudestrahlend aus. „Bildung muss allen Menschen kostenlos zugänglich gemacht werden, denn sie ist mehr als die Ansammlung von Wissen. Sie formt den Charakter und macht den Menschen zu dem, was er ist. Scholae sunt humanitatis officinae efficiendo nimirum, ut homines vere homines fiant** – Schulen sind Werkplätze der Menschlichkeit, dadurch, dass sie bewirken, dass Menschen wirklich zu Menschen werden. Darum bin ich ja so froh, hier eine Schule aufbauen zu dürfen. Doch lernen und sich bilden kann man auch außerhalb der Schule. Zum Beispiel auch auf einem Wäschereiwagen – oh!"

Bei diesen letzten Worten hatte die Lehrerin voller Begeisterung die Arme ausgebreitet, und dabei war ihr das Buch in hohem Bogen aus der Hand auf den staubigen Straßenboden gefallen.

„Keine Sorge, Miss Augusta, ich mach das schon", rief Lucky Luke, stieg ab und bückte sich. Auf diesen Augenblick hatte Mrs. Thingleberry, die unmerklich ihren Abstand zum Rest der Gruppe immer weiter vergrößert hatte, nur gewartet. Sie ließ die Zügel schnalzen und lenkte die in Galopp verfallende Stute nach rechts von der Straße weg. Bevor der verdutzte Cowboy noch begriff, was vorging, war Jolly schon wie ein weißer Blitz hinter den Flüchtenden hergeschossen und kam wenige Minuten später wieder zurückgetrabt, die Zügel der braunen Stute im Maul. Mrs. Thingleberry saß noch immer in ihrem Damensattel und zeterte ganz fürchterlich, denn der Apfelschimmel hinderte sie mit geschickten Bewegungen am Absteigen.

„Gut gemacht, Old Boy!", rief Lucky Luke seinem Hengst zu und klopfte ihm anerkennend den Hals. „Du bist wirklich das beste Pferd diesseits des Mississippi."

„Konfuzius sagt: An einem Pfeld schätzt man nicht seine Klaft, sondeln seinen Chalaktel***.", ließ sich Ming Li Foo vernehmen.

„Es wurde aber auch Zeit, dass ich in dieser verzwickten Geschichte mal Gelegenheit zu einer kleinen Heldentat bekam. Bisher durfte ich ja nur Leute und diesen verwünschten Köter herumschleppen und ein wenig nörgeln. Mein Cowboy ist ja noch nicht mal aus dem Saloonfenster auf meinen Rücken gesprungen, und vom Marterpfahl musste ich ihn auch nicht losbinden."

„Lasst uns die Leise foltsetzen, ehlenwelte Weggenossen", hub Ming Li Foo an. „Zwal tlennen uns nul noch wenige Meilen von unselem Ziel, und, wie del edle Laotse sagt, beginnt selbst eine Leise von tausend Meilen mit einem einzigen Schlitt, doch wenn man diesen nicht untelnimmt, bleibt man auf del Stlecke."

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Die restliche Reise nach Yuma verlief ohne Zwischenfall. Kurz nach ein Uhr lieferte Ming Li Foo die saubere Wäsche im Gefängnis ab und Lucky Luke Rantanplan, die Daltons und Mrs. Thingleberry. Der Direktor war überaus erleichtert, die Daltons wieder hinter Schloss und Riegel zu wissen, denn für den nächsten Tag, den 14. Mai, hatte sich Senator Reid zu einem Besuch angesagt. Da Averell umsichtigerweise den Zellenschlüssel mitgebracht hatte, konnten die Brüder ihr altes Quartier wiederbeziehen. Unterdessen begleitete der Cowboy Miss Dweedlecum in die Stadt, wo sie zu Mittag aßen und sich anschließend mit Lord Buttercup trafen, um gemeinsam zum Gericht zu gehen und gegen die Daltons und die Witwe auszusagen.

Mrs. Thingleberry wurde zu einigen Jahren Haft im Territorialgefängnis verurteilt, wo ihre Arbeit darin bestand, ihren Mithäftlingen Briefe vorzulesen bzw. an ihrer statt welche zu verfassen. So gesehen konnte sie eigentlich sehr zufrieden sein, denn sie hatte ihre alte Tätigkeit wieder. Miss Dweedlecum vereinbarte mit dem Gefängnisdirektor, in den Schulferien spezielle Kurse für die Häftlinge anzubieten. Daher hatten auch die Daltons allen Grund zur Freude, denn auf diese Weise kamen sie doch noch in den Genuss von Miss Augustas Wissen.

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Als die Lehrerin am Samstag mit der Postkutsche nach Pleasure Gulch zurückkehrte, war das Bestattungsinstitut bereits vollständig abgerissen, und an seiner Stelle zeichnete sich der Grundriss eines neuen Schulgebäudes ab. Außerdem entschuldigten sich die drei älteren Damen, die sie vor dem General Store provoziert hatten, bei ihr und präsentierten stolz das neueste Projekt des Handarbeitsvereins: eine nagelneue US-Flagge mit allen 38 Sternen, die sie der Schule stiften wollten.

In unmittelbarer Nähe der Baustelle waren Henry und Frank dabei, einen Zeitungsstand für Diego zu errichten. Später verkaufte der Mexikaner dort nicht nur Zeitungen und Rosen, sondern nach und nach alles, was Schülerherzen begehren: von Lakritzstangen über Spielzeugrevolver bis hin zu Heften und Büchern. Nach Feierabend verbrachte er jeden Tag zwei Stunden damit, Miss Dweedlecum im Spanischen zu unterrichten und selbst Englisch dabei zu lernen. In späteren Jahren ließ er sich zum Lehrer ausbilden und unterrichtete Spanisch in den USA und Englisch in Mexiko.

Der Standort der Stadt Pleasure Gulch wurde tatsächlich einige Jahre später ein Stück nach Norden verlegt, um ans Eisenbahnnetz angeschlossen werden zu können. Die Aufschrift auf dem Ortsschild der kleinen Stadt lautete schließlich:

~~~ Pleasure Gulch ~~~

Population: 356

Analphabeten: 0

Höre niemals auf zu lernen, Fremder,

denn Wissen ist Macht.

Die gebürtige Bostonerin Augusta Dweedlecum passte sich dem Leben im Wilden Westen völlig an. Sie lernte alles über Ackerbau und Viehzucht, reiten und schließlich sogar schießen, wobei sie aufgrund ihrer Kenntnisse in Physik überraschend schnell Fortschritte machte. Waffengewalt lehnte sie jedoch nach wie vor ab und zielte in ihrem ganzen Leben niemals auf einen Menschen.


Lasst uns hoffen, dass die heutigen Bürger Arizonas sich an Miss Dweedlecum ein Beispiel nehmen!

Quellenangaben zu den Zitaten:
* Cato 3,1
** Comenius, Unterrichtslehre 10,3
*** Konfuzius, Analekten (Lunyu) 14,35

Marcus Porcius Cato, genannt Cato der Ältere (234 v. Chr. - 149 v. Chr.), war römischer Feldherr, Geschichtsschreiber, Schriftsteller und Staatsmann, dem wir einige schöne Zitate verdanken.

Johann Amos Comenius ( 28. März 1592 - 15. November 1670) war ein tschechischer Philosoph, evangelischer Theologe und Pädagoge sowie Bischof der Unität der Böhmischen Brüder aus der Markgrafschaft Mähren. Er kann als der große Pädagoge des 17. Jahrhunderts angesehen werden, da er als Erster die Pädagogik vom Kind her entwarf.

Wie bereits in Kapitel 18 erwähnt, war Meister Kung Fu Tse / Konfuzius - eigentlich Kǒng Qiū - ein chinesischer Philosoph, der vermutlich von 551 v. Chr. bis 479 v. Chr. lebte. Er sah Bildung als den Weg zur Vereinigung des sittlichen Wesens mit der allumfassenden Ordnung, der zentralen Harmonie, was für ihn das höchste Ziel des Menschen war.

Laotse - in moderner Umschrift auch Laozi - ist ein legendärer chinesischer Philosoph des 6. Jahrhunderts vor Christus, der als Verfasser des Dàodéjīng und damit als Begründer des Daoismus gilt. Über sein Leben ist fast nichts bekannt und es ist nicht sicher, ob er tatsächlich existierte.

Heute zieren die US-Flagge bekanntlich stolze 50 Sterne, da seit Lucky Lukes Zeiten noch einige Bundesstaaten hinzugekommen sind. ;-)

In der Tradition der Lucky-Luke-Alben, in denen sich oft im Anschluss an die Geschichte eine Seite mit einem historischen Bild oder Informationen zu historischen Personen oder Begebenheiten befindet, möchte ich an dieser Stelle ein paar Hintergrundinformationen zum berühmt-berüchtigten Territorialgefängnis von Yuma geben. (Quelle: Internetseite der State Parks von Arizona von 2007.) Eigentlich müsste ich das ja im letzten Kapitel der Geschichte tun, aber da dieses vorletzte Kapitel hier so kurz ist und das letzte Kapitel relativ lang, ziehe ich den Anhang vor.

Beim Territorialgefängnis von Yuma handelt es sich um eine reale, historische Strafanstalt, die am 1. Juli 1876 eingeweiht wurde und 33 Jahre in Betrieb war. Insgesamt verbüßten 3 069 Gefangene - darunter 29 Frauen - hier ihre Haftstrafe. Ihre Schandtaten reichten von Vielweiberei (Polygamie) bis Mord, wobei schwerer Diebstahl am häufigsten war. Von den vielen Häftlingen, die einen Ausbruch versuchten, waren 26 erfolgreich (bestimmt waren auch die Daltons darunter ;-P), acht erlagen den dabei erhaltenen Schusswunden.
Obwohl in Yuma keine Häftlinge hingerichtet wurden, starben etwa 3,6 % während ihrer Zeit im Territorialgefängnis, die meisten an Tuberkulose, einer damals im gesamten Territorium von Arizona verbreiteten Krankheit.

Trotz seines üblen Rufes war das Territorialgefängnis von Yuma für seine Zeit geradezu vorbildlich modern und human. Statt körperlicher Züchtigung gab es als Strafe die "dunkle Zelle" für Insassen, die gegen die Anstaltsregeln verstießen, sowie "Kugel und Kette" für diejenigen, die Fluchtversuche unternahmen. Die "dunkle Zelle" ist übrigens wirklich pechschwarz, ohne den geringsten Lichtschimmer. Ich konnte mich 2009 bei einem Besuch des zum Museum umgebauten Gefängnisses persönlich davon überzeugen. :-P
Die Häftlinge hatten Freizeit, in der sie in Handarbeit Gegenstände anfertigten, die sie sonntags nach der Kirche auf öffentlichen Märkten auf dem Gefängnisgelände verkaufen konnten. Die Häftlinge erhielten regelmäßig medizinische Betreuung und hatten Zugang zu einem guten Krankenhaus.
Es gab auch Schulunterricht für die Gefangenen und viele lernten hier lesen und schreiben. Ich habe mir das also nicht für diese Geschichte aus den Fingern gesaugt. ;-)

Das Gefängnis von Yuma beherbergte eine der ersten "öffentlichen" Büchereien des Territoriums von Arizona, und die Gebühren, die Besucher für eine Führung durch die Anstalt zu zahlen hatten, wurden für die Anschaffung neuer Bücher verwendet.
1907 war das Gefängnis stark überfüllt, und da kein Platz für einen Ausbau vorhanden war, wurde eine neue Strafanstalt in der Stadt Florence errichtet (von Häftlingen aus Yuma). Am 15. September 1909 verließ der letzte Insasse das Territorialgefängnis von Yuma.
Heute ist das ganze Gelände ein "State Park" (also so etwas wie ein "Nationalpark auf Bundesstaatsebene") und eine Touristenattraktion, die ich wärmstens empfehlen kann.