Es ist mitten in der Nacht, aber egal, hier ist ein Update.

Viel Spaß, ich gehe jetzt schlafen. XD


Schon als Rin wach wurde, beschlich ihn ein ungutes Gefühl. Zunächst einmal lag ein unangenehmer, metallischer Geruch in der Luft, welchen er allerdings nicht direkt wahrnahm. Stattdessen hatte er mit Übelkeit und Schüttelfrost zu kämpfen, weswegen er natürlich hinterfragte, was um alles in der Welt letzte Nacht passiert war. Er erinnerte sich nur schemenhaft und sein Kopf fühlte sich an, als wäre er mit Watte gefüllt, was es sehr erschwerte, einen klaren Gedanken zu fassen. Hinzu kam, dass er sich kaum bewegen konnte. Wo war er? Warum ging es ihm so schlecht? Er versuchte sich zu erinnern, doch es war nicht einfach. . ‚Ich war…in einem Saal? Oder? Ein Wald… ein Hotel…?...Das Bett ist echt weich- Nein! Konzentration!' Vielleicht sollte er Yukio fragen, er würde wissen, was los war. Aber wo steckte der überhaupt? Was war heute für ein Tag? Falls Schule war, grenzte es an einem Wunder, dass er nicht längst aus dem Bett geworfen worden war. Sogar an Wochenenden wurde er aus dem Schlaf gerissen, dabei war das doch das beste an der Woche! Während er an seinen Bruder dachte, stieg langsam ein eisiges Gefühl in ihm auf. Irgendetwas vergaß er hier…etwas wichtiges. Hatte er daran gedacht Kuro zu füttern? Für den Bruchteil einer Sekunde tauchten vor seinem Auge eine Reihe von Bildern verschiedener Orte und Personen auf, doch sie verschwanden so schnell wie sie gekommen waren. Noch immer ziemlich benommen setzte er sich auf und wünschte sich sofort, er hätte es nicht getan. Er fühlte sich noch schlechter als zuvor, gleichzeitig hatte er das Gefühl, als würde irgendetwas fehlen. Wo waren alle? Warum hatten sie ihn alleine gelassen?! Warum-

Er stockte, nun den Geruch erkennend, den er schon die ganze Zeit einatmete. Blinzelnd schaute er sich in dem abgedunkelten Zimmer um, welches eindeutig nicht sein Wohnheimraum war, dann fiel sein Blick auf seine Bettdecke und auf seine Hände. ‚Seltsam…das klebt und ist…rot? WAS?!' Mit einem Aufschrei sprang er aus dem Bett, stolperte dabei über seine eigenen Füße und fiel zu Boden, registrierte es allerdings kaum. Sein gesamtes Bett und er selbst (er war nackt?!) waren vollkommen mit Blut besudelt. Wo kam das her?! Was war letzte Nacht passiert?! War das Blut von ihm? Es musste so sein, er war immerhin der einzige hier gewesen! „Sicher? Denke nochmal nach!" Rin versuchte es, das tat er wirklich, dann kam alles mit einem Schlag zurück. Er war in Gehenna, in Satans Palast, seine Dämonenseite war frei, letzte Nacht war das Samhain Fest gewesen und er hatte Fleisch gegessen. Von seinen Freunden. Der Nephilim musste sich Mühe geben, um nicht erneut zu würgen. Von allen Dingen, die Satan und die Baal bisher getan hatten, war dies eine der schlimmsten Aktionen gewesen. Was genau erhofften sie sich davon?! Hatten sie damit überhaupt ein Ziel verfolgt oder war es reiner Sadismus gewesen? Allerdings erklärte das nicht das Blut. Nach dem Essen war er auf sein Zimmer zurückgekehrt und hatte dort jemanden getroffen. ‚Surya…ihr Name war Surya!', kam es ihm in den Sinn. Sie war bezahlt worden, um die Nacht bei ihm zu verbringen und war zu Iblis gerannt, um sich zu beschweren, doch hatte schlussendlich nachgeben müssen. Von da an war wirklich alles weg. Hatte er sie etwa…? Nein! Energisch schüttelte er den Kopf. Er würde sowas nicht tun, er würde niemals jemanden weh tun, geschweige denn töten! „Und dennoch hattest du kein Problem damit, die Dämonen in der Arena zu töten.~", flüsterte eine leise Stimme. „Halt den Mund! Das ist alles deine Schuld!", fauchte der Nephilim erbost und stürmte ins Bad, in der Hoffnung, dort Surya vor zu finden, natürlich erfolglos. Der Weg dort hin war schwieriger als erwartet, er war sehr wacklig auf den Beinen und stürzte beinahe erneut. Er hatte keinen Alkohol getrunken (richtig?), was stimmte nicht mit ihm?! „Warum machst du dir die Mühe nach ihr zu suchen? Sie hat ihren Zweck erfüllt, es gibt keinen Grund, sich länger mit ihr zu befassen.", zischte seine Dämonenseite. Wer hätte gedacht, dass einen die eigene Stimme so nerven konnte? „Sie war der Zeitvertreib für die Nacht, danach wird sie weggeworfen, so einfach ist das. Wahrscheinlich war es ohnehin Mist, was sie erzählt hat, sie wollte nur Mitleid."

„Was hast du getan?!", fauchte Rin. „Ich? Du meinst wir. Du wolltest es, immerhin hast du genauso mitgemacht." Frustriert knirschte Rin mit den Zähnen, aber wusste, dass er von seinem anderen Ich keine Antwort bekommen würde. Einer seiner Brüder würde ihm hoffentlich mehr verraten. „Oh, du traust mir nicht? Ich bin verletzt.", höhnte es weiter und kicherte leise. „Und dabei dachte ich, wir würden uns endlich vertragen." Wann würde er endlich den Mund halten? „Warum kannst du mich nicht in Ruhe lassen?!"

Wir hängen zusammen, schon vergessen? Ich bin du und du bist ich, wobei ich natürlich besser aussehe.~ Du könntest mir die Vollzeitkontrolle geben, dann müssten wir uns nicht ständig streiten."

„Träum weiter."

Ach komm, wie wär's damit: Du bekommst unseren Körper alle zwei Wochenenden und an einigen Feiertagen.~"

„HALT ENDLICH DIE KLAPPE, DU BLÖDES MISTVIEH!", donnerte Rin und schlug mit einer Faust gegen die Wand, welche sofort nachgab und einen tiefen Krater abbekam. Schwer atmend stand er da, über das Waschbecken gebeugt und gegen die sich verstärkenden Schwindelgefühle ankämpfend. Würde diese Tortur denn niemals enden? „Rin?", fragte eine Stimme, die sich als Luzifer herausstellte. Der Lichtkönig musterte zunächst ihn, dann die Wand und seufzte nur leise. „Guten Morgen. Es tut mir leid, dass ich einfach rein gekommen bin, aber du hast nicht auf mein Klopfen reagiert. Mach dich bitte so schnell es geht fertig, Vater möchte dich sprechen." Der Nephilim schnaubte nur und griff nach dem nächstbesten Handtuch. Er fühlte sich schon so wie ein Stück Fleisch, da musste er nicht noch nackt vor einem Baal stehen. „Als ob mich das kümmert! Wo ist Surya? Wo kommt das ganze Blut her?!" Luzifer schwieg, stattdessen bedachte er ihn mit einem Blick, den Rin nicht direkt zuordnen konnte. Er wirkte beinahe verunsichert, fast als wäre er selbst mit der Situation überfordert. „Vater kommt in zehn Minuten.", sagte er schließlich und ignorierte dabei vollkommen Rins Fragen. „Du solltest ihn besser nicht warten lassen, also wasche dich und zieh dich an. Oh, und das hier ist für dein Schweiffell und deine Haare. Du brauchst sonst ewig, um das Blut herauszuwaschen." Er warf dem Halbdämonen eine Flasche mit einer gelartigen violetten Masse zu und ließ ihn ohne weiteres Wort stehen. Wie lange er dort stand und ins Leere starrte, wusste er nicht. Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an, aber da weder Satan noch einer der Baal ins Zimmer gestürmt kamen, waren es wohl nur wenige Minuten. Sein erster Instinkt war es, sich zu weigern, viel lieber wollte er zurück in sein Bett (oder eben auf ein Sofa, Hauptsache kein Blut) und den Rest des Tages verschlafen. Wer weiß, vielleicht würde er sogar ganz woanders aufwachen! Am Ende hatte er bei der Prügelei mit Shiratori einen Schlag auf den Kopf abbekommen und alles war nur ein langer, böser Traum gewesen. Shiro lebte noch, es gab keine Dämonen, sein Vater war nicht die Verkörperung des Bösen und Yukio sein einziger Bruder, der ihn nicht hasste. Oh, was würde er nicht für sein altes langweiliges Leben geben. Sogar das Stift würde er mit Freuden übernehmen, wenn dies Ruhe bedeutete, obwohl er nicht mal religiös war. Schön wär's. Sein Leben war eine verdammte Zirkusshow geworden, in der stets andere die Fäden zogen und eine Katastrophe die nächste jagte, als wäre es irgendeine schlechte Realityshow. Schlussendlich würden diese Träumereien allerdings nichts ändern. Er saß hier fest und was mit ihm geschah, lag längst nicht mehr in seiner Hand. Er, seine Freunde, die Exorzisten und vermutlich die gesamte Menschheit waren nichts weiter als Marionetten in einer Puppenshow und wenn einer nicht spurte, ließ man ihn verschwinden. Der Jugendliche war es leid, ständig kämpfen zu müssen, am Ende setzten sie ohnehin ihren Willen durch. So sehr er es hasste, er kam der Aufforderung des älteren Dämons widerwillig nach und wusch das Blut ab, anschließend zog er sich an, das Gefühl der Unreinheit blieb jedoch an ihm kleben wie eine Klette. Zwar fühlte er sich ein wenig besser, dennoch hatte er noch immer Schwierigkeiten einen klaren Gedanken zu fassen und auch das mulmige Gefühl in seinem Magen blieb durchgehend. Nach einer Weile hörte er das knarren der aufgehenden Tür, weswegen er ausnahmsweise nicht vom plötzlichen Auftauchen des Dämonenherrschers überrascht war. „Wo ist Surya?", fragte er ohne Umschweife und warf dem weißhaarigen einen bohrenden Blick zu, welchen er wie so oft ignorierte. „An wie viel kannst du dich erinnern?", fragte er stattdessen und wirkte dabei aufrichtig interessiert. Rin schluckte schwer und seine Hände begannen zu zittern. Wenn Satan schon so anfing, konnte das nicht gutes sein. „Nicht viel.", gestand er zögerlich. Je eher er antwortete, umso eher würde er hoffentlich seine eigenen Antworten bekommen. „Ich erinnere mich an die Feier, dann haben wir gegessen und später habe ich Surya getroffen, aber alles danach ist ziemlich schwammig. Was sollte das überhaupt?!" Erneut ignorierte Satan seine Frage, gab aber dafür eine Antwort auf Rins erste Frage, die seinen Magen umdrehte. „Sie ist tot. Nachdem ihr fertig wart, hat deine Dämonenseite ihr die Innereien und Stimmbänder herausgerissen. Offenbar war ihm alles andere zu langweilig. Ich gebe zu, dass ich nicht damit gerechnet habe." Rin spürte, wie ein Teil von ihm starb. Als ob es nicht schon schlimm genug gewesen war, dass er seine Freunde gegessen und Deimos auf dem Gewissen hatte, natürlich musste noch die Dämonin sterben, die ihm vertraut und gut zugeredet hatte. Damit zerbrach etwas in ihm.

Satan schien nicht weiter überrascht, als sein jüngster Söhn in Flammen ausbrach und ihn ansprang. Natürlich wich er aus und hielt Rins Handgelenk fest, als er ausholte. „DAS HAST DU BASTARD GEPLANT!", schrie der Halbdämon ihn hysterisch an, während er versuchte mit der zweiten Hand zuzuschlagen. Satan fing diesen Schlag fast schon lässig ab. „DAS IST ALLES DEINE SCHULD!" Er spürte, dass Tränen in seinen Augen brannten, aber es kümmerte ihn nicht. „DU WUSSTEST DAS! UND?! FINDEST DU ES LUSTIG?! MACHT ES DIR SPAß, MICH LEIDEN ZU SEHEN?! WAHRSCHEINLICH, DAS IST DOCH GENAU WAS DU WILLST, ODER?!" Satan sah ihn ausdrucklos an. „Falsch. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass du sie töten würdest. Zumindest nicht auf diese Weise.", antwortete er ruhig. „Deine Dämonenhälfte ist offenbar noch immer sehr unvorhersehbar."

„HALT DEN MUND!", kreischte Rin wütend und trat nach ihm. „HALT DEN MUND! DU WOLLTEST DAS! DU HAST MICH SCHON GEZWUNGEN, MEINE FREUNDE ZU ESSEN!" Erneut trat er nach Satan, was dem Dämonenherrscher ein warnendes Grollen entlockte. „DEIMOS WÄRE IN KÜRZE VATER GEWORDEN! JETZT IST SEINE FREUNDIN ALLEIN UND SEIN KIND WÄCHST OHNE IHN AUF! UND WOFÜR?! WEIL DU MIR EINE AUSWISCHEN WOLLTEST!"

Aber hätte er auf seinen Vater gehört, wäre das nicht passiert. Er hatte ihn davor gewarnt, sich von den Wachen und Bediensteten fern zu halten. Eigentlich war es seine eigene Schuld.

Nein, war es nicht! Woher hätte er wissen sollen, dass so etwas passieren würde?! Sicher, er hatte gewusst, wie unberechenbar sie sind, aber das?! Allerdings hatten sie ihn mehrmals gewarnt, nicht mit den Wachen zu sprechen. Wäre er nicht so selbstsüchtig gewesen, könnte Deimos noch am Leben sein. Allein wenn er sich bereits in dem Hotel ergeben hätte und mit Azazel gegangen wäre, hätten seine Freunde leben können. Zwar wäre da immer noch Samael gewesen, aber dann hätten sie nichts von seiner Rolle in der Sache gewusst und sie wären in Ruhe gelassen worden. Und ein Druckmittel gegen ihn. Unwillkürlich musste er an die Mönche im Kloster denken. Bisher hatten weder Satan noch die Baal Anstalten gemacht, ihnen zu schaden, aber spätestens jetzt war ihm bewusst, dass sie genauso in Gefahr schwebten. Die Dämonen wussten, wo sie lebten und wie sich beim Angriff von Astaroth gezeigt hatte, war das Stift verwundbar. Für sie wäre es ein leichtes, den Mönchen etwas anzutun, wenn Rin nicht spurte. Sie waren für ihn eine Familie, natürlich würde er alles tun, um sie zu beschützen und das wussten die Baal und Satan. Egal wie er es betrachtete, er war in einer Sackgasse angekommen und es gab keinen Weg heraus. Dies erfüllte ihn mit Hilflosigkeit, aber auch geballtem Zorn. Zorn, der sich vorwiegend gegen Satan richtete, jemand, der ihn mit Leichtigkeit vernichten konnte und dennoch wollte er ihn angreifen, ihm Schmerzen zufügen und ihn vor allem töten! Mit einem Aufschrei versuchte er, sich von dem Dämonenherrscher loszureißen und ihn erneut zu attackieren, aber dieser verstärkte seinen Griff nur. „LASS MICH LOS!", schrie er den älteren Dämonen an und versuchte sich weiterhin zu befreien. Inzwischen liefen Tränen seine Wangen hinunter, was er selbst kaum mitbekam. Satan sagte nichts und ließ alles über sich ergehen, bis der jüngere erschöpft aufgab und er schluchzend nach Luft schnappte. Mit einem Mal kehrte die Erschöpfung von vorhin zurück. Gerade noch zornig genug, um Satan anzugreifen, fühlte er sich plötzlich verloren, hilflos und verängstigt. Am liebsten wollte er sich in seinem Bett verkriechen und nie wieder hervorkommen. Umso mehr erschrak er, als der Dämonenherrscher ihn plötzlich näher zu sich in eine Umarmung zog und ihm mit einer Hand sanft durchs Haar strich. Der Nephilim erstarrte mit weit aufgerissenen Augen wie ein Hirsch im Scheinwerferlicht. Was zur Hölle war das für ein krankes Spiel?! Erst machte er ihm Angst, verletzte ihn und zwang ihn zum Kannibalismus und jetzt machte er einen auf besorgter Vater?! Und noch viel wichtiger: Warum fühlte er sich so wohl und sicher dabei?! Gegen seinen Willen entspannte sein gesamter Körper und lehnte sich gegen den älteren Dämonen, welcher dazu übergegangen war, ihn leise flüsternd zu beruhigen. Das war so nicht richtig! Er hasste Satan, er wollte ihn tot sehen und nicht von ihm in den Arm genommen werden! Was stimmte nicht mit ihm?! Trotz seiner inneren Unruhe reagierte sein Körper darauf nicht ansatzweise, im Gegenteil. Diese Gefühl, als würde etwas fehlen, war verschwunden. Stattdessen schloss er die Augen und genoss die Wärme seines Vaters. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass dieser seine Flammen heraufbeschworen hatte und somit das ganze Zimmer in ein angenehmes Licht tauchte. Rin protestierte nicht, als er plötzlich hochgehoben und zurück zu seinem Bett getragen wurde, wo inzwischen Bettwäsche und Laken gewechselt worden waren. Kaum dort angekommen, rollte er sich zusammen und schloss erneut die Augen, während der Dämonenherrscher ihm immer noch über den Kopf streichelte. Sogar seinen Schweif hatte der Halbdämon offen liegen und wedelte damit langsam hin und her. Alles was ihn zuvor angeschrien hatte, von Satan wegzukommen, war verstummt. An ihrer Stelle war ein warmes Gefühl getreten und obwohl er sich seltsam taub fühlte, hatte er keine Angst mehr. Weswegen hatte er sich überhaupt aufgeregt? Es war alles in Ordnung, ihm konnte nichts passieren. Mit einem kurzen Gähnen schlief er schlussendlich erneut ein.


Satan hatte ausgesprochen gute Laune. Wenn er so darüber nachdachte, war er in so guter Stimmung wie lange nicht. Alles lief genau wie geplant, auch wenn er nicht vorhergesehen hatte, dass Rin diese Dämonin direkt töten würde. Es spielte jedoch keine Rolle, sie war lediglich ein Mittel zum Zweck gewesen und hatte schlussendlich ausgedient. Grinsend sah er zu seinem schlafendem Sohn hinab und musste sich ein Lachen verkneifen. Dafür, dass er ihn gerade noch hatte attackieren wollen, war er nun auffallend handzahm geworden. Natürlich war nichts anderes zu erwarten gewesen, er hatte es mit all seinen Kindern durch. Das erste Samhain war ein besonders Ereignis im Leben junger Dämonen und ein wichtiger Schritt in ihrer Entwicklung. Es war der (für gewöhnlich) erste Kontakt mit den tiefsten Instinkten, dem inneren Tier, wenn man so wollte. Die Erfahrung war einmalig, unumgänglich und äußerst intensiv, insbesondere die Nachwirkungen. Das erste Samhain bedeute auch den ersten kompletten Kontrollverlust, die erste Raserei, in manchen Fällen sogar das erste töten. Zunächst ein wahrhaftig wundervoller Rausch, bis am nächsten Morgen die Klarheit zurück kam. So befreiend und augenöffnend diese Erfahrung war, sie war auch eine Quelle von Selbstzweifeln, Scham, Hilflosigkeit und Angst. Für junge Dämonen war der erste Kontrollverlust ein beängstigendes Erlebnis. Sie konnten den Gedanken, ihren Verstand derartig zu verlieren, nicht ertragen, sie fühlten sich verwundbar und orientierungslos, einem Rauschzustand nicht unähnlich. Genau aus diesem Grund war es wichtig, dass sich ein Elternteil oder notfalls ältere Geschwister, die ihr erstes Mal schon hinter sich haben, an den folgenden Tagen ausgiebig um den Nachwuchs kümmerten. Oftmals lechzten sie förmlich nach Aufmerksamkeit, Zuneigung und Bestätigung. Sie wollten jemanden in der Nähe haben, der sie beruhigt, sich um sie kümmert und ihnen klar macht, dass es nichts gab, wofür sie sich schämen mussten. In diesem Fall war ein Kontrollverlust normal, in gewisser Weise schon wünschenswert, doch das mussten sie erst lernen. Wie erwartet hatte Rin eine der ausgeprägtesten Formen abbekommen, allerdings war es bei seinen restlichen Söhnen nicht anders gewesen, daher überraschte es ihn wenig. Es war offensichtlich, wie tief sich der Halbdämon in diesem verletzlichen Zustand befand. Seine Emotionen waren ein einziges Durcheinander, seine Gedanken und Erinnerungen getrübt und vor allem sehnte er sich nach Wärme und Zuneigung, die Satan ihm nur zu gerne gab. Diese ganze Prozedur stärkte das Band zwischen Elternteil und Kind immens, immerhin ist es eine sehr intime Angelegenheit und genau darauf baute er. So sehr Rin es leugnete, die Bindung zwischen ihnen wuchs und damit der Einfluss den der Dämonenherrscher auf seinen noch so jungen und formbaren Geist hatte. Wenn alles gut lief, würde der Nephilim von diesem Tage an wesentlich gehorsamer sein (uND iHn NiEMalS VeRLaSsen) ohne selbst zu wissen weswegen. Probehalter nahm er seine Hand weg und unterbrach damit den Kontakt, um die Reaktion des jüngeren zu beobachten. Zu seiner Zufriedenheit wimmerte der Nephilim leise und bewegte den Kopf, offenbar seine Berührung suchend. „Schon gut, ich bin da.", beruhigte er ihn leise und fuhr damit fort, ihm durchs Haar zu streichen. Dieses Mal musste er leise lachen, da der Nephilim ein leises, zufriedenes Schnurren von sich gab. Beinahe wünschte er sich, dass der Halbdämon für immer in diesem Zustand blieb. Hilflos, schwach und vollkommen von ihm abhängig. Es war wirklich verlockend, aber es wäre wohl besser, auf etwas derartiges erst zurückzugreifen, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gab. Wenn es weiter so ging, würde es so oder so wesentlich einfacher werden als erwartet. Rin hatte sich sein ganzes Leben lang Anerkennung und einen Platz, an den er gehörte, gewünscht. Hier konnte er ihm all das geben und den vom Paladin verursachten Schaden beheben. Wie sehr wünschte er sich manchmal, dass der Narr überlebt und in Gehenna gelandet wäre…

Sie hätten so viel Spaß haben können.

Abgesehen davon wäre er ein hervorragendes Druckmittel gewesen, mal ganz abgesehen von der Genugtuung, wenn Fujimoto zusehen musste, wie all seine Bemühungen umsonst gewesen waren. Er hätte Samael wirklich anweisen sollen, ihn nach Gehenna zu bringen. Schlussendlich war er viel zu einfach davon gekommen. Besonders er hatte es verdient gehabt, zu leiden. Satan schnaubte bei dem Gedanken und schüttelte langsam den Kopf. Dieser Idiot hätte alles haben können, stattdessen hatte er sein Leben weggeworfen und wofür? Liebe? Zwei Kinder, wegen denen er gejagt werden würde? Die Dummheit mancher Sterblichen kannte keine Grenzen. Er erinnerte sich nur allzu gut an den Tag, an dem er von dem Verschwinden seiner beiden jüngsten Söhne erfahren hatte. Yukio war egal, er war ein Mensch und nicht geplant gewesen, aber er hatte ihn vorerst leben lassen. Rin dagegen war unersetzbar. Jahrelang hatten seine Dämonen und Anhänger gleichermaßen nach dem Jungen gesucht und stets waren sie mit leeren Händen zurückgekommen, Dass sein Nachnahme geändert worden war und sein Vorname in Japan wie Sand am Meer vorkam, hatte es zusätzlich verkompliziert. Eins musste man Fujimoto lassen: Er musste, wie man Spuren verwischte, auch wenn Samael ihm geholfen hatte. Schlussendlich war es egal, er hatte ihn nun und sie hatten im wahrsten Sinne des Wortes eine Ewigkeit Zeit, um ihr jüngstes Familienmitglied auf den richtigen Pfad zu führen. Bisher hatte er eine beachtliche, wenn auch lästige Widerstandsfähigkeit bewiesen und sein Potenzial wuchs stetig. Wäre er nur endlich bereit sich mit seiner Dämonenhälfte zu verbinden…

Nun, was nicht war, konnte noch werden. Inzwischen ein wenig ungeduldig schaute der Dämonenherrscher zur Uhr. Luzifer hätte längst zurück sein sollen, was trieb er nur wieder? Er war bereits am überlegen, die Wachen los zu schicken, dann traf sein ältester Sohn endlich ein. „Vergib mir die Verspätung, Vater. Es gab ein…Problem mit Beel,", entschuldigte sich der blonde Dämon höflich und blieb einige Meter vor Rins Bett stehen. Ohne es zu bemerken, verkrampfte der ältere Dämon. „Heißt?" Ein Teil von ihm wusste natürlich, was es bedeutete und eine Emotion regte sich in ihm, die bereits so verkümmert war, dass es ihn überraschte, wie stark er sie in diesem Moment empfand. „Das übliche.", antwortete der Lichtkönig ruhig, aber die Sorge um seinen jüngeren Brüder war ihm anzumerken. „Ihm geht es besser, allerdings wird er heute wohl in seinem Zimmer bleiben müssen."

„Verstehe." Mit etwas anderem war wohl nicht zu rechnen gewesen. „Und wie geht es Rin?", hörte er den Dämonenkönig weitersprechen. „Er schien ziemlich aufgewühlt."

„Er hatte einen kleinen Tobsuchtanfall, wie zu erwarten war.", erwiderte der Dämonenherrscher und wandte sich zurück an den Nephilim. „Er wird für heute hier bleiben, dann sehen wir weiter." Luzifer nickte langsam. „Kümmerst du dich um ihn?" An sich eine rhetorische Frage, er hatte sich bisher um all seine Söhne gekümmert, wobei es bei Iblis und Egyn am anstrengendsten gewesen war. Sie hatten die Reife gleichzeitig erreicht, somit durfte er sich drei Tage lang mit zwei sehr anhänglich, emotional aufgewühlten Jugendlichen herumschlagen. Bevor er zustimmen konnte, klopfte es an der Tür und Astaroth kam in den Raum. Sein Gesichtsausdruck verriet, dass er keine guten Neuigkeiten brachte. „Bitte vergib die Störung, aber wir haben ein Problem.", entschuldigte er sich zerknirscht. „Die Rebellen haben einen Angriff auf den Tartarus gestartet und konnten dabei mehrere ihrer Leute befreien. Jetzt sorgen sie für Unruhen in den umliegenden Gebieten." Satan schnaubte abfällig, die Zähne gebleckt. Konnten sie nicht einmal Ruhe geben? Und dann noch direkt nach Samhain. „Ich kümmere mich darum.", verkündete er düster. Je schneller er die Sache hinter sich brachte, umso schneller konnte er sich weiter um seinen Sohn kümmern. „Astaroth, du kommst mit mir. Luzifer, du sagst Iblis und Egyn Bescheid, dass sie auf Rin aufpassen sollen."

„Was ist mit Amaimon?", warf Astaroth ein.

Luzifer verdrehte die Augen. „Hälst du es wirklich für eine gute Idee, Amaimon in seine Nähe zu lassen?" Der Verwesungsdämon hielt kurz inne, dann zuckte er mit den Schultern. „Auch wieder wahr." Satan verdrehte die Augen, Rins Gewimmer als er den Kontakt unterbrach vorerst ignorierend. „Genug davon. Ich will es hinter mich bringen, also los.", wies er an und sofort setzten sich beide Baal in Bewegung. Luzifer holte Egyn und Iblis, während Astaroth draußen auf seinen Vater wartete. Mit einem leisem Seufzen wandte sich der Dämonenherrscher wieder an Rin und fuhr damit fort, ihm durchs Haar zu streichen, woraufhin der jüngere sichtlich ruhiger wurde. Seine Gedanken waren allerdings bei den Rebellen. Der Tartarus war das sicherste Gefängnis Gehennas, kein Gefangener verließ diesen Ort lebend und normalerweise kam nicht einmal ein Insekten rein, ohne dass es jemand bemerkte. Offenbar würde er seinen Morgen damit verbringen, verräterische Wächter ausfindig zu machen. Oder er würde einfach alle töten und sie ersetzen, das sparte wohl Zeit und Nerven. Je nachdem wie er nachher gelaunt war. Diese Rebellengruppen tanzten ihm schon viel zu lange auf der Nase herum, er würde dies nicht länger erlauben. Erst wenn sie alle Asche waren, würde er sich auf Assiah konzentrieren.


Shura mochte Samhain nicht. Diese Befürchtung hatte sich bereits bemerkbar gemacht, als Iblis und Hestia davon erzählt hatten und nun war sie bestätigt. Gut, über die letzte Nacht konnte sie sich kaum beschweren, wenn man einmal los gelassen hatte, ging es. Allerdings war ihr Körper so überhaupt nicht begeistert davon. Leise grollend drehte sich auf die Seite und fluchte, als sich ein stechender Schmerz bemerkbar machte. Es wäre wirklich schön gewesen, im Voraus zu erfahren, dass Dämonen wie Iblis in dieser Situation noch mehr Ausdauer als gewöhnlich hatten, Ihr taten Muskeln weh, deren Existenz ihr bisher noch gar nicht bewusst gewesen waren. „Was ist los? Tut dir etwa was weh?~", hörte sie Iblis feixen. Großartig, jetzt war er wach. „Ich hasse dich.", murmelte sie leise. „Ich hasse dich aus tiefster Seele."

„Will ich doch hoffen.~" Obwohl sie mit dem Rücken zu ihm lag, konnte sie das dreckige Grinsen förmlich sehen. Als sie nicht reagierte, griff der Feuerdämon plötzlich nach ihr, zog sie herum sodass sie ihn wieder ansah und küsste sie. Shura ließ es über sich ergehen, sie war zu erledigt, um zu protestieren. „Ich hab wohl gute Arbeit geleistet wie?", fuhr Iblis kichernd fort und begann, mit ihren Haaren zu spielen. „Und für einen nicht geborenen Dämonen hast du dich nicht schlecht geschlagen."

„Ich hatte nicht wirklich eine Wahl.", brummelte die rothaarige vor sich hin, worauf der Baal nur lachte. „Wenn man deine Lautstärke bedenkt, hattest du wenig auszusetzen. Du hast echt kräftige Lungen." Spielerisch schlug sie ihm auf dem Arm, was ihn natürlich nicht weiter störte. Es folgte eine angenehme Stille in der beide nur da lagen und ihren Gedanken nachhingen. Die ehemalige Exorzistin hatte sich langsam das Vertrauen des älteren erarbeitet, wodurch eine angenehme, fast schon zugeneigte Beziehung bestand. Warum er sie nicht längst weg geworfen hatte, war ihr und Hestia ein Rätsel, doch sie würde sich nicht beklagen. Oh, wenn sie jetzt nur Angel oder die Grigori sehen könnten. Was für ein Drama das wäre…

Sie schaute zu Iblis, der offenbar ebenfalls in seiner eigenen Welt versunken war. Er schien zufrieden, vielleicht war jetzt ein guter Zeitpunkt den nächsten Schritt zu machen, aber sie musste vorsichtig sein. Zwar wollte sie möglichst viel erfahren, doch wen Iblis ihr auf die Schliche kam, war es höchstwahrscheinlich aus. „Hey, Iblis.", begann sie und räkelte sich ein wenig, um möglichst entspannt zu wirken. „Mmm?", bekam sie zur Antwort. „Wie ist Satan so?" Der Dämonenkönig hielt inne und setzte sich dann langsam auf. Shura tat es ihm nach und versuchte, einen neutralen Gesichtsausdruck zu wahren, während er sie stirnrunzelnd ansah. „Warum? Reiche ich dir etwa nicht mehr aus? Echt bitter, für den eigenen Vater gekorbt zu werden." Zwar klang er noch immer amüsiert, doch sie kannte ihn inzwischen genug, um zu wissen, dass er in Lauerstellung lag. „Ich bin neugierig.", antwortete sie schulterzuckend und gähnte. Möglichst unbeteiligt wirken, das war der Schlüssel. „Man hört so viel von ihm, aber was ich als Exorzistin gelernt habe, ist höchstwahrscheinlich Bullshit und als sein Sohn dürftest du am besten Bescheid wissen, oder?" Iblis sah sie noch immer stirnrunzelnd an, grinste dann aber. „Bete, dass du niemals seine Aufmerksamkeit bekommst. Letzte Nach war dagegen nichts."

„Das ist mir herzlich egal, da ich nicht plane, mich ihm zu nähren."

„Musst du auch nicht. Er weiß von dir, also solltest du es nicht drauf anlegen.", erinnerte er sie und legte sich wieder hin. Shura ließ jedoch nicht locker. „Und weiter?" Der Feuerkönig seufzte und sah sie scharf an. „Was geht dich das an? Warum sollte ich dir irgendetwas erzählen?"

„Ich werde hier eine ganze Weile hocken. Wäre also nicht schlecht, wenn ich was über Gehenna und deine Familie weiß. Ich will keine Geheimnisse hören, sondern einfach nur wie er drauf ist. Er wird sicher auch mal herkommen, nicht wahr? Ich will dann zumindest wissen, was mich erwartet, falls ich ihn in reinrenne." Der Baal zögerte, offenbar noch immer am schwanken, aber nickte schließlich. „Na gut. Aber es gibt nicht allzu viel zu erzählen. Vater ist der erste und mächtigste Dämon Gehennas, er hatte alle Dämonen erschaffen und ist in gewisser Weise unser Gott. Die einen verehren ihn, andere fürchten und oder hassen ihn. Allerdings kann man ihn nicht töten und selbst wenn, wäre es dumm. Ohne ihn kann Gehenna nicht leben."

„Du sprichst von Gehenna, als wäre es lebendig."

„Ist es in gewisser Weise. Im Gegensatz zu Assiah erweitert es sich immer weiter." Shura verstand nicht, was er genau damit meinte, schwieg aber und wartete darauf, dass Iblis weitersprach. „Wie auch immer, bisher gab es hin und wieder mal ein paar kleinere Aufstände, aber nichts ernstes."

„Verstehe. Und ihr steht euch nah?", hakte Shura neugierig nach, woraufhin der Feuerdämon nickte. „Er hat uns aufgezogen. Unsere Mütter kennen wir nicht, wir hatten nur hin und wieder Ammen, aber ich kann mich an keine erinnern, sie wurden so oft ausgetauscht…den größten Teil unserer Kindheit hat er uns von der Öffentlichkeit fern gehalten, wir durften nicht mal bei Festen anwesend sein."

„Schätze mal, weil manche Dämonen euch zu gerne den Hals umgedreht hätten?", tippte Shura. „Ja. Vater war generell sehr…beschützend.", bestätigte er. „Trainiert hat er uns allerdings schon relativ früh. War wohl besser so. Anscheinend habe ich immer mit wachsender Begeisterung Möbel angezündet." Shura musste sich ein Lachen verkneifen. Der Gedanke, wie Iblis sich im Kleinkindalter über ein brennendes Bücherregal freute, während Satan seinem entspannten Abend hinterhertrauerte, war zu gut. „Dein Vater war sicherlich begeistert."

„Oh ja…ich glaube, er hat später ein paar Bedienstete abgefackelt, um sich abzuregen." Gut, doch nicht so lustig. „Das ist übrigens auch so 'ne Sache. Er ist etwas…aufbrausend. Falls du ihm also wirklich mal begegnen solltest, dann halte ja den Mund. Lass dich nicht provozieren, bleib einfach ruhig und fertig. Lüg ihn auch nicht an, das merkt er sofort."

„Werde ich nicht. Aber mal ehrlich, nervt es dich nicht, dass du mehr oder weniger immer noch von ihm abhängig bist, obwohl du erwachsen bist?"

„Ich kann mich sehr gut um mich allein kümmern.", grollte Iblis gefährlich und ließ sie zusammenzucken. Damit ging sie offenbar in die falsche Richtung. ‚Ganz ruhig Shura, sag nur nichts falsches.'

„Das meinte ich nicht. Du und die anderen Baal sind die mächtigsten Dämonen nach Satan, ihr habt eure eigenen Reiche und dennoch gibt er euch weiterhin Befehle. Würdest du nicht lieber komplett allein herrschen?"

„Nein.", antwortete Iblis sofort. „Vater ist immer noch der Herrscher von Gehenna, er hat uns nur vertretend eingesetzt. Wir herrschen über unsere Reiche und können selbst Entscheidungen treffen, aber es gehört immer noch zu ihm. Also müssen wir uns nach ihm richten. Abgesehen davon ist er so oder so unser Herrscher, also sind wir verpflichtet, ihm zu dienen. Auch wenn es manchmal nervt." Shura nickte langsam, sie verstand, was er meinte. Streng genommen waren die Baal lediglich Verwalter, die Satan unterstanden, ganz egal wie mächtig sie waren. Dennoch brannten ihr noch immer Fragen auf der Seele. „Ist er wirklich ein guter Vater? Nichts für ungut, aber nach allem was du erzählt hast, klingt er weniger danach."

„Er hat uns aufgezogen und er kümmert sich heute noch um uns. Ich würde alles für ihn tun und habe keinen Grund in zu verachten.", erklärte Iblis in einem Tonfall, der eindeutig einen Themenwechsel verlangte. Sie war versucht, nach seiner Mutter zu fragen, doch Hestias Worte zu Beginn hielten sie zurück. Sie wollte auf keinen Fall zu sehr drängen, sonst wäre ihr ganzer Fortschritt zunichte. „Ich bin überrascht, dass er es geschafft hat, seine Aufgabe als Herrscher und Vater unter einen Hut zu bringen. Er scheint wirklich an euch zu hängen, wenn er sich die Mühe macht.", stellte sie langsam fest. Noch immer konnte sie sich den Dämonengott nicht als Vaterfigur vorstellen. Sein erstes Treffen mit Rin war alles andere als gut verlaufen und sie hatte keinen Zweifel daran, dass er dem Halbdämonen weh tun würde, wenn er nicht kooperierte. Wenn man sich auf die Gerüchte im Palast verlassen konnte (man schnappte wirklich einiges auf, wenn man hinhörte), war er ein Sadist und hatte Freude daran den Willen anderer zu brechen und sie leiden zu sehen. Wahrhaftig nicht jemand, den sie in Rins Nähe geschweige denn der von Kindern wollte. „Eine Frage hätte ich noch.", gab sie unsicher zu und beobachtete die Reaktion des Feuerdämonen. Dieser zuckte nur desinteressiert mit den Schultern. „Hau raus."

„Warum hasst ihr Menschen so sehr?", brachte Shura es auf den Punkt. „Gut, ihr wollt Assiah erobern, weil…ihr mehr Macht wollt, schätze ich? Aber was habt ihr gegen Menschen? Was haben wir euch je getan?" Ihre Fragen schienen den Feuerdämonen im kalten zu erwischen, aber dann schnaubte er. „Die Sterblichen sind nicht so unschuldig wie du denkst. Sie haben uns Dämonen zuerst angegriffen und dennoch schieben sie alles böses auf uns, dabei liegt bei ihnen das Problem. Sie sind schwach, rückgradlos und im Gegensatz zu uns Insekten. Irgendwelche traurige Schatten, die sich um Reste unterm Tisch zerfetzen." Sie wollte nachhaken, wurde aber von Iblis' klingelndem Handy unterbrochen. Missmutig schnaubend hob er es von seinem Nachttisch auf und hielt es sich ans Ohr. „Lu, musst du mir echt jetzt schon den Tag vermiesen?", grollte er irritiert und ließ Shura aufhorchen. Leider konnte sie nicht verstehen, was der älteste Baal sagte und musste sich mit Iblis' Aussagen begnügen. „Warte, echt? So sehr?...Ja, das weiß ich selbst…Ne, oder? Ich hab besseres zu tun!...Gut, gut. Ich mach's…Jaaaaa, ich weiß. Ich bin alt genug! Ich bin gleich da, ich muss erst mal duschen und mich anziehen…Und wenn es so ist?! Das geht dich nichts an." Er verdrehte die Augen und schnaubte. „Was auch immer, ich bin in spätestens 15 Minuten da…Keine Ahnung, ich hab ihn zuletzt gestern Abend gesehen…Alles klar, bis dann." Er legte auf und wirkte sichtlich genervt. „Alles in Ordnung?", fragte Shura zögerlich, woraufhin er schnaubte. „Egyn und ich dürfen Babysitter für Rin spielen, weil Vater was zu erledigen hat. Genau mein Glück, dass er direkt so empfindlich drauf reagiert…" Letzteres murmelte er zwar vor sich hin, aber Shura sprang dennoch darauf an. „Was soll das heißen?! Geht's Rin gut?!"

„Beruhige dich, ihm geht's blendend.", grummelte er. „Aber für Dämonen in seinem Alter ist das erste Samhain etwas schwierig. Er braucht jemanden, der sich um ihn kümmert, sonst bekommt er eventuell Panikattacken oder irgendwelche Anfälle."

„Das klingt überhaupt nicht blendend!", protestierte Shura, aber Iblis verschwand bereits im Bad und kehrte nur wenige Minuten später zurück, um sich anzuziehen. „Ich werde wahrscheinlich gegen Abend zurück sein. Benimm dich, ja?" Damit wurde sie (nachdem sie sich noch gnädigerweise anziehen durfte) aus seinem Zimmer gescheucht und auf dem Flur stehen gelassen. ‚Wie ich es hasse, wenn er das macht…' Sie schleppte sich zurück in ihr eigenes Zimmer und ließ sich erschöpft auf ihr Bett fallen. Momentan hasste sie Iblis wirklich. Ihr tat alles weh und jetzt hatte er sie auch noch allein gelassen, ohne ihr zu sagen, was sie gegen die Schmerzen tun konnte. Hoffentlich würde bald Hestia kommen und konnte ihr helfen. Tatsächlich ließ die Zofe nicht lange auf sich warten und stand nur wenig später auf der Matte. „Du siehst furchtbar aus. Lange Nacht?", kommentierte sie, woraufhin Shura nur müde nickte. „Wäre nett gewesen, wenn du mir gesagt hättest, dass Iblis so lange durchhalten kann…"

„Habe ich."

„Ja, aber nicht so lange!", seufzte sie und versuchte, ihren pochenden Schädel zu ignorieren. „Egal, hast du was, damit ich mich nicht mehr wie von einem Zug überfahren fühle?"

„Ich wäre eine schlechte Zofe, wenn dem nicht so wäre." Die Medikamente wirkten schnell, nur wenige Minuten später konnte sie sich bewegen, ohne sich wie 120 zu fühlen. „Iblis sollte dir eine Gehaltserhöhung geben. Du bist ein Engel.", murmelte sie vor sich hin. „Ein was?", wiederholte die Zofe verwirrt, woraufhin Shura seufzte. „Nicht so wichtig." Nun, da ihr Kopf wieder klar war, musste sie unweigerlich an Rin denken. Sie wollte sich gar nicht ausmalen, wie er sich momentan fühlte. Wenn es wirklich so schlimm war, dass er Satan oder eben Egyn und Iblis stellvertretend brauchte, konnte es nicht gut sein. Zwar hatten Hestia und Iblis ihr von Samhain erzählt, aber nicht sehr detailreich. „Ist alles in Ordnung? Tut dir doch noch etwas weh?", hörte sie die Feuerdämonin fragen, woraufhin sie schnell den Kopf schüttelte. „Nein, ich muss nur wieder an Rin denken. Iblis ist zu ihm hin, um sich mit Egyn um ihn zu kümmern, weil Satan beschäftigt ist." Hestia hielt inne, sichtlich nachdenklich, bevor sie zu sprechen begann. „Es ist sein erstes Samhain, nicht wahr? Ungewöhnlich, dass Satan ihn da allein lässt. Dann wird es wohl wichtig sein…" Erneut hielt sie inne und schien tief in Gedanken zu sein, doch Shura achtete nicht auf ihr Gemurmel. Sie war zu beschäftigt, sich Sorgen zu machen. „Wann kommt Lord Iblis wieder?", fragte Hestia plötzlich und zwang sie erneut in die Realität zurück. „Gegen Abend. Wir haben also eine Menge Zeit zum üben."

„Gut. Fang schon mal an, ich muss noch etwas holen.", erwiderte die Zofe und stand auf. „Dauert nur ein paar Minuten." Shura war verwirrt, ließ sie jedoch protestlos gehen. Sie hatten in den letzten Wochen große Fortschritte gemacht und war der Feuerdämonin wirklich für ihre Hilfe dankbar. Trotzdem konnte sie das Gefühl nicht abschütteln, dass ihr etwas verschwiegen wurde.


Als die beiden Baal eintrafen, schlief Rin noch immer tief und fest. Egyn war immer wieder überrascht, was für einen Einfluss dieses Ereignis auf junge Dämonen nahm. Er konnte sich nur zu gut an sein erstes Samhain erinnern. Iblis und er hatten es natürlich gleichzeitig, mussten die folgende Nacht jedoch in getrennten Zimmern verbringen, damit sie sich nicht gegenseitig angriffen. Erst am nächsten Morgen hatte sie Satan gemeinsam in ein Zimmer gelassen, weil sie beide seine Aufmerksamkeit wollten. Sie selbst konnten sich, wie es typisch war, kaum daran erinnern und er war auch irgendwo froh darüber. Wer mochte es schon, sich an einen seiner verwundbarsten Momente zu erinnern? Ihr Vater verließ sie ohne große Worte und sie waren nun allein mit dem Nephilim. Iblis grummelte etwas unverständliches vor sich hin, vermutlich irgendwelche Verwünschungen, aber Egyn ignorierte ihn und begann damit, sich einige Papiere durchzulesen, wobei er darauf achtete, in Rins Nähe zu sitzen. „Ernsthaft? Das machst du jetzt?", fragte Iblis ihn, woraufhin er mit den Schultern zuckte. „Im Gegensatz zu dir nutze ich meine Zeit." Der ältere schnaubte, schnippte dann aber mit den Fingern und ließ ebenfalls einige Papiere erscheinen. „Ist wohl besser als rumzusitzen.", gestand er widerwillig. „Ich weiß immer noch nicht, wer der Informant für die Rebellen ist. Meine Spione haben erfahren, dass sie offenbar Infos aus meinem Palast bekommen." Dies ließ Egyn aufhorchen. „Und du weißt immer noch nicht, wer es war? Ungewöhnlich…bist du mal die Bediensteten durchgegangen?"

„Natürlich, sogar mehrmals. Ich habe ein paar bereits hingerichtet und andere sind eingesperrt, aber ich dreh mich momentan echt im Kreis.", erklärte sein Zwilling frustriert. „Wenn das weiter so geht, werde ich zur größten Lachnummer Gehennas!"

„Ich bin mir sicher, dass du sie bald erwischen wirst.", beruhigte Egyn ihn. „Erinnerst du dich an die Gruppe vor 200 Jahren? Die sind uns eine ganze Weile entgangen, aber schlussendlich haben wir sie erwischt."

„Erzähl das Vater. Wenn ich nicht bald 'ne Spur finde, zieht er mir den Schweif lang!"

„Du schaffst das schon. Wenn du willst, kann ich bei Gelegenheit mal mitkommen, vielleicht werden wir dann fündig.", bot der Wasserdämon an. Iblis brummte nur, bereits tief in seiner Arbeit versunken. Seine Konzentration hielt jedoch nicht lange und er schaute immer wieder zu Rin, der näher an Egyn herangerückt war. „Glaubst du, dass er sich endlich mit seiner Dämonenseite verbunden hat, wenn er aufwacht? Dann ist er vielleicht endlich mal erträglich." Egyn verdrehte die Augen. „Du bist wirklich immer noch eifersüchtig? Langsam wird es lächerlich."

„Sagst gerade du.", konterte der ältere Dämon. „Wer ist denn ständig am Schmollen, weil Shura immer noch bei mir ist?"

„Das ist anders! Sie ist nicht Familie, sie ist eine ehemalige Exorzistin und benutzt dich nur!"

„Ich bin alt genug, das selbst zu entscheiden."

Für eine Weile herrschte eisige Stille, die schließlich Egyn in einem versöhnlicherem Tonfall durchbrach. „Sieh mal, Rin ist immer noch unser Bruder. Du könntest wenigstens mal versuchen, nicht aller fünf Sekunden zu sticheln. Alles andere ist nur kontraproduktiv." Iblis schwieg, doch Egyn wusste, dass seine Worte nicht wirkungslos blieben. Der andere Dämon würde es niemals zugeben, aber er bereute, Rin und Beelzebub verpfiffen zu haben. Seitdem war er zumindest etwas zurückhaltender, es war also nicht alles verloren. Für die restliche halbe Stunde arbeiteten sie still weiter und wechselten nur gelegentlich Worte. Schließlich legte Egyn seinen Stapel beiseite, stand auf und streckte sich. „Schon Pause?", fragte Iblis ein wenig überrascht, aber der jüngere schüttelte den Kopf. „Nicht ganz. Ich möchte mal nach Beel sehen.", gestand er und ließ den anderen aufsehen. „Soll ich mitkommen?"

„Und Rin allein lassen? Eher nicht.", würgte Egyn den Vorschlag sofort ab. „Pass einfach auf ihn auf. Ich bin gleich wieder da." Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ er das Zimmer und machte sich auf dem Weg zu dem Insektendämonen. Dieser hatte Samhain im Palast ihres Vaters verbracht und dürfte sich inzwischen hoffentlich ein wenig beruhigt haben. Er klopfte vorsichtig an und rief nach dem jüngeren Baal. „Beel, ich bin's. Kann ich rein kommen?" Zunächst tat sich nichts, dann erklang die noch immer verschlafen wirkende Antwort. „Komm rein." Das ließ er sich nicht zweimal sagen und er betrat die Gemächer seines Bruders. Wie erwartet hatte dieser sich nicht mal umgezogen und lag stattdessen noch auf seinem Bett. „Wenn Lu dich schickt, sage ihm, dass er mich mal kreuzweise kann.", nuschelte er in sein Kissen. Egyn verdrehte die Augen und verbiss sich einen Kommentar. „Ich wolle nur nach dir sehen. Die anderen meinten, dass es dir nicht gut geht." Beelzebub schnaubte und setzte sich langsam auf. „Jetzt tu nicht so überrascht, so ist es doch schon immer. Samhain kommt, ich kann nicht schlafen und bin nur am hin und her tigern und am nächsten Morgen fühle ich mich wie einer von Astaroths Zombies." Egyn wollte seinem Bruder gut zureden, aber wusste, dass es nichts gab, was er sagen konnte. Tatsächlich war es schon immer so gewesen. Im Gegensatz zu den meisten Dämonen vermied der Insektenkönig in der Samhainnacht jeglichen Kontakt und begnügte sich damit, Dinge zu zerstören oder sich sonst irgendwie in seinem Zimmer auszutoben. Jeglicher Versuch ihm zu helfen, war gescheitert. Sobald jemand den Raum betrat, ging er direkt in Angriffsstellung, selbst wenn es der nächste Morgen war. Dass sie momentan überhaupt miteinander reden konnten, war jahrelanger Geduld zu verdanken, doch die Bediensteten mussten sich weiterhin fernhalten. Es war allen ein Rätsel, was ihm Kopf des jüngsten Dämonenkönigs vor sich ging. Er wollte nicht, dass ihm jemand zu nah kam, wollte nicht berührt werden, mit niemanden reden und verkroch sich dafür einfach in seinem Bett. Dennoch fühlte er sich am nächsten Tag stets ausgelaugt und sein ganzer Körper schmerzte. Selbst Satan und die Heiler konnten sich dieses Phänomen nicht erklären. Sicher, es gab Dämonen, welche Ruhe bevorzugten und allein sein wollten, aber dass sie so unruhig waren und sogar noch Tage danach so blieb, war nicht normal. Schlussendlich konnten sie es nur hinnehmen, zumindest hatte es keine weitreichenden Folgen und er erholte sich nach einigen Tagen. „Warum muss ich so sein? Ich bin der einzige.", hörte er den jüngsten Baal murmeln. „Hey, es ist ok!", versuchte Egyn ihn zu beruhigen. „Mach dich wegen sowas dummen nicht fertig." Beelzebub grummelte nur vor sich hin und zog sich die Decke über den Kopf. „Lass mich bitte einfach in Ruhe." Nach kurzem Zögern gab Egyn nach. Er wusste aus Erfahrung, dass es ihn nur reizen würde, wenn er nicht locker ließ. Ein wenig niedergeschlagen ließ er den Insektenkönig allein und kehrte in Rins Zimmer zurück. Iblis war inzwischen an seinem Handy und sah nicht einmal auf, als er rein kam. „Lass mich raten, du hattest kein Glück?", kommentierte er. Egyn schüttelte seufzend den Kopf und setzte sich zurück auf das Bett. Rin drehte sich auf die Seite, wachte allerdings nicht auf. „Nimm's nicht so schwer, in ein paar Tagen geht's ihm wieder gut.", erinnerte Iblis ihn, was der Wasserdämon schweigend hinnahm. Natürlich hatte er recht, aber das hieß nicht, dass es ihm gefallen musste. Eine knappe Stunde später kam Rin zu sich, doch wie erwartet, war er nicht wirklich da und murmelte nur zusammenhangslose Dinge. „Es ist ok, wir sind da.", redete Egyn auf ihn ein und streichelte ihm vorsichtig über den Rücken. Der Nephilim wimmerte nur etwas vor sich hin und leistete keinen Widerstand, als Iblis ihm Wasser einflößte, dann war er erneut eingeschlafen. „Ich verstehe immer noch nicht, warum wir zu zweit auf ihn aufpassen müssen.", beschwerte sich derweil der Feuerdämon. „Du bist da viel besser drin."

„Falls etwas passiert, sollte jemand dabei sein.", antwortete Egyn knapp. „Wenn wir Pech haben, ist beim nächsten Mal seine Dämonenseite wach und ich muss dich wohl kaum an die letzte Begegnung erinnern, oder?" Der ältere Baal verzog das Gesicht. „Verdammt, das war peinlich…ganz ehrlich, seine Menschenseite ist mir fast lieber. Hoffentlich einigen die sich endlich mal, ansonsten kann's noch lustig werden." Glücklicherweise passierte nichts dergleichen. Rin schlief durchgehend und wenn er doch kurz wach wurde, brauchte es nicht viel, um ihn zu beruhigen. Solange jemand in seiner Nähe war, kümmerte ihn der Rest nicht. Sie gaben ihm jedes Mal einige Schlucke Wasser und ließen ihn dann weiterschlafen. Essen würde für heute kein Problem sein, solange er morgen etwas zu sich nahm. Sie nutzten die Zeit, um in Ruhe zu arbeiten, bis gegen Abend endlich ihr Vater zurückkehrte. Er schien erfolgreich gewesen zu sein, andernfalls würde er bereits seine Frustration auslassen, allerdings wirkte er trotzdem unzufrieden. „Ist etwas passiert?", fragte Egyn vorsichtig und hoffte, den Dämonenherrscher damit nicht zu reizen. Satan schnaubte und machte eine abfällige Handbewegung. „Manche wissen einfach nicht, wann sie aufgeben sollten.", knurrte er. „Die meisten sind erledigt, aber der Rest ist geflohen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie wieder hervorgekrochen kommen."

„Das werden sie nicht ewig durchhalten. Irgendwann verplappert sich einer oder sie machen einen Fehler.", warf Iblis ein, welcher offenbar versuchte, die Sache positiv zu betrachten oder er wollte nur davon ablenken, dass er selbst Probleme mit Aufständigen hatte. Zu seinem Pech hatte ihr Vater das nicht vergessen. „Iblis, gibt es etwas neues bei dir?"

„Nein.", gab der Baal zerknirscht zu und wich dem Blick des Weißhaarigen aus. „Ich versuche noch herauszufinden, wer dahinter steckt." Satan wirkte nicht gerade glücklich darüber, nickte jedoch. „Gut, aber du solltest bald Ergebnisse liefern. Je länger wir es ihnen erlauben, Widerstand zu leisten, umso schwieriger wird es sein, sie endgültig auszumerzen." Er wandte sich an den nach wie vor schlafenden Halbdämonen. „Ist er zwischendurch wach geworden?"

„Hin und wieder.", bestätigte Egyn. „Er hat dann irgendwas vor sich hin gemurmelt und etwas getrunken, dann war er direkt wieder weg. Ich denke mal, das wird in den nächsten Tagen nicht anders sein. Vielleicht solltest du ihm was geben, damit er heute Nacht durchschläft und keine Panik bekommt, wenn wir weg sind."

„Ja, wahrscheinlich…", murmelte der Dämonenherrscher und warf Rin einen Blick zu, den sie nicht ganz deuten konnten. „Wartet hier, während ich etwas hole.", wies er sie an und verließ den Raum. Wenige Minuten später kam er mit einer kleinen Flasche zurück. Egyn hatte in der Zwischenzeit ein Glas mit Wasser gefüllt, in welches Satan mehrere Tropfen gab. Iblis rüttelte derweil leicht an Rins Schulter. „Hey, aufwachen. Du musst was trinken." Der jüngere gab nur ein leises Knurren von sich und zog die Decke über Kopf. „Rin, du kannst danach weiterschlafen, komm schon.", redete Egyn sanft auf ihn, was den Halbdämonen allerdings herzlich egal war. „Rin, komm her.", befahl Satan leise, aber bestimmt. Dieser grummelte zwar vor sich hin, rückte aber näher an den Dämonenherrscher heran, sodass er ihm helfen konnte, sich aufzusetzen. Egyn und Iblis hielten ihm derweil das Glas an den Mund, sodass er trinken konnte. Als das Glas leer war, ließen sie ihn vorsichtig los und halfen ihm dabei, sich richtig zuzudecken. Nur Sekunden darauf wirkte das Mittel bereits und sie konnten problemlos das Zimmer verlassen. „Ich will, dass ihr morgen nochmal herkommt.", sagte Satan, bevor überhaupt die Tür ins Schloss fiel. „Ich habe einige Treffen und andere Aufgaben, um die ich mich kümmern muss."

„Warum können das nicht Amaimon oder Astaroth machen?", quengelte Iblis und verschränkte die Arme. „Sie sind anderweitig beschäftigt und selbst wenn dem nicht so wäre, ist es egal. Ihr kommt, wenn ich es sage, verstanden?", fragte der Dämonengott kalt und ließ den Baal zusammensacken. „J-Ja, S-Sorry…", murmelte er kleinlaut. Egyn verdrehte nur die Augen und fragte sich zum wiederholten Male, wann sein Zwilling endlich lernen würde, sich an Anweisungen zu halten. Eines Tages würde es ihn noch in Teufels Küche bringen und das wollte er wirklich nicht sehen.


Shura hatte langsam die Schnauze voll von der Gehennischen Kultur. Es gab so viele Dinge, die sie beachten musste, obwohl sie kaum ihr Zimmer verlassen durfte und wenn, bekam sie höchstens den Palastgarten zu Gesicht. Allerdings wirkte Hestia des öfteren ebenfalls gedanklich abwesend. Mehrere Mal reagierte sie nicht, als Shura sie ansprach oder antwortete falsch. Schließlich wurde es der ehemaligen Exorzistin zu bunt. „Ok, ich habe jetzt genug von diesem Scheiß.", begann sie. „Was ist los?! Mir sagst du immer, ich soll mich konzentrieren, aber du selbst bist ganz offensichtlich woanders. Ist was passiert?" Die Zofe zuckte zusammen und wich ihrem Blick schnell aus. „Tut mir leid, ich denke nur grad an Zuhause.", gestand sie langsam. „In letzter Zeit werden Widerstandsbewegungen immer aktiver und damit die Wächter und Soldaten brutaler. Ich befürchte, dass es bald eskalieren wird."

„Du hast nie erwähnt, dass du eine Familie hast.", erwiderte Shura überrascht, woraufhin ihr Gegenüber mit den Schultern zuckte. „Ich erzähle ungern von meinem Privatleben. Ich bin ohne Eltern aufgewachsen, als Kind war ich längere Zeit im Zuchthaus, bis ich das Glück hatte, von einer Familie aufgenommen zu werden. Ohne sie würde ich höchstwahrscheinlich auf der Straße leben oder meinen Körper verkaufen. Ich bin ihnen sehr dankbar."

„Verständlich.", murmelte Shura. „Meine Kindheit war auch nicht die beste. Zumindest bis ich Shiro getroffen habe." Es herrschte kurze Stille, dann meldete sich Hestia erneut zu Wort. „Wir haben schon zu viel Zeit vertrödelt. Lord Iblis kommt wahrscheinlich bald nach Hause und falls er dich sehen will, solltest du bereit sein." Die ehemalige Exorzistin nickte wenig enthusiastisch und fuhr mit ihren Übungen fort, bis sie endlich die vertraute Präsenz des Baals nebenan spürte. „Gut, das ist mein Stichwort.", sagte Hestia und stand auf. „Wir sehen uns dann morgen." Bevor Shura antworten konnte, war sie bereits verschwunden und ließ sie verwirrter denn je zurück. Sicher, sie war wegen ihrer Familie besorgt, aber etwas an ihrem Verhalten machte sie misstrauisch. Die Feuerdämonin verheimlichte etwas und sie wollte wissen, was es war. Zu dumm nur, dass sie ihr nicht folgen und sie direkt zur Rede stellen konnte. Iblis kam wenige Minuten später und ließ sich auf ihr Bett fallen. „Ich habe keinen Bock, Babysitter zu spielen.", nuschelte er unglücklich in das Kissen. „…Was?", fragte die rothaarige mit hochgezogenen Augenbrauen. „Rin.", grummelte er weiter. „Dank Samhain ist er n' paar Tage außer Gefecht. So ein verdammter Mist…" Natürlich versuchte Shura etwas aus ihm heraus zu kommen, allerdings ließ der Feuerdämon nicht mit sich reden. Offenbar hatte er nicht vor, ihr irgendetwas zu dem jüngeren Dämonen zu sagen, daher gab sie nach und wechselte das Thema. Warum mussten Dämonen nur so stur sein?


Vier Tage. Es dauerte vier weitere verdammte Tage, bis Rin endlich seinen klaren Verstand zurück hatte. Wirklich erinnern konnte er sich an kaum etwas, der Tag nach Samhain war komplett weg, der Rest war vereinzelt hängen geblieben. Er erinnerte sich daran, etwas gegessen und getrunken zu haben, wenn er wach war und hin und wieder war er im Bad gewesen, der Rest war allerdings schwammig. Iblis und Egyn waren bei ihm, als er zum ersten Mal richtig zu sich kam und erzählten ihm, was passiert. Natürlich war er wütend, weil sie ihn wieder einmal nicht vorgewarnt hatten, aber er hatte nicht die Kraft, sich deswegen mit ihnen anzulegen. Obwohl er die letzten Tage beinahe durchgeschlafen hatte, fühlte er sich ziemlich schwach und müde. Wahrscheinlich lag es unter anderem daran, dass er nicht viel gegessen hatte, allerdings war er auch mental vollkommen am Ende. Während er zuvor noch ganz verzweifelt wegen seinem Verschulden an Suryas Tod gewesen war, fühlte er sich inzwischen leer und vollkommen gefühlstaub. Er konnte sich einfach nicht dazu bringen, deswegen traurig zu oder wütend auf Satan oder die Baal zu sein. Momentan wollte er nur weiterschlafen, alles vergessen und nie wieder mit irgendjemanden sprechen. Natürlich hatte seine "Familie" andere Pläne. Kaum war er halbwegs wach, wurde ihm Essen gebracht und die Zwillinge achteten darauf, dass er alles aufaß, obwohl sich sein Appetit in Grenzen hielt. Zu Beginn weigerte er sich, auch nur ein Stück Fleisch anzurühren und aß ausschließlich Gemüse und Reis. Glücklicherweise bot Egyn ihm nach langer Diskussion an, dass er stattdessen vorerst Fisch haben könnte, er dann aber dafür heute Abend den Rest essen musste. Widerwillig stimmte der Nephilim zu, offenbar sehr zur Erleichterung der beiden Dämonenkönige. Nachdem er fertig war, verkündeten sie, dass Satan später vorbeikommen würde, da sie einiges zu bereden hatten. Es musste wohl nicht erwähnt werden, dass seine Laune auf einen noch größeren Tiefpunkt sank. Er befand sich in einem erbärmlichen Zustand und als ob es nicht ausreichte, dass Egyn und Iblis das bereits sahen, musste es Satan ebenfalls sehen. Genau sein Glück. Konnte man ihn nicht einfach in Ruhe lassen? Schlussendlich halfen alle Proteste nichts, der Dämonenherrscher kam nur kurz darauf vorbei. Rin reagierte nicht auf ihn, zog stattdessen seine Beine an die Brust und presste die Augen zu. „Wie oft wollen wir das noch tun?", hörte er Satan sagen. „Du ignorierst oder beleidigst mich, nur um am Ende nachzugeben." Rin antwortete nicht, er hab noch nicht einmal den Kopf. „Plötzlich so still?", stichelte Satan weiter. „Willst du dich wirklich wie ein bockiges Kind verhalten?" Unter normalen Umständen wäre Rin explodiert, doch dieses Mal schweig er und kniff die Augen nur noch fest zusammen. Er hatte genug, es reichte. Warum sich darüber aufregen, es brachte ohnehin nichts. Nun schwieg auch Satan, allerdings spürte er dessen bohrenden Blick auf sich. Hoffte er darauf, dass er nachgab, wenn er ihn auf diese Weise unter Druck setzte? Schlussendlich hielt er es tatsächlich nicht länger aus, allerdings schrie er Satan nicht an oder zeigte in sonstiger Weise seine Abneigung. Stattdessen hob er langsam den Kopf und starrte den älteren Dämonen mit leeren Blick an. „Warum?", krächzte er hervor. Seine Stimme zitterte, doch er zwang sich weiter zu sprechen, egal wie müde er dabei klang. „Warum tust du das alles? Was hab' ich dir je getan? Du hast mich gefoltert, mich gezwungen bei Folter zuzusehen, in einer Arena zu kämpfen und jetzt meine Freunde zu essen. Warum?" Wieder vergrub er das Gesicht, beinahe die Antwort des Dämonenherrschers fürchtend. Er zuckte leicht zusammen, als er spürte, wie sich sein Vater neben ihn setzte und rechnete mit dem schlimmsten. Stattdessen zog Satan ihn zu sich, umarmte ihn und strich ihn mit einer Hand durchs Haar. Sofort versteifte er, bereits mit dem Schlimmsten rechnend. „W-Was soll d-das?!", stotterte er hervor. „Ist das ein Spiel für dich?!" Satan seufzte und schüttelte den Kopf. „Du bist naiver als dir gut tut…denkst du wirklich, dass ich das alles nur tue, weil ich Spaß daran habe? Nein. Du sollst nur lernen wie die Dinge hier laufen. Jeder wird versuchen deine Schwächen zu nutzen und dir alles mögliche entgegenwerfen, also bereite ich dich darauf vor."

„Und du meinst, es hilft mich zum Kannibalen zu machen?!", konterte Rin, in dem nun doch ein Funken Trotz entfacht worden war. „Du musst endlich los lassen. Sie sind in der Vergangenheit, sie halten dich zurück, genau wie dieser Wächter.", erklärte Satan ruhig. „Du wirst es nicht nochmal mit anderen reden, nicht wahr? Damit hat es seinen Zweck erfüllt. Du siehst noch immer alles mit den Augen eines Kindes. Du hast dein ganzes Leben lang deine Natur unterdrückt und hast stattdessen den Kopf eingezogen und alles widerstandslos alles hingenommen. Hast du nicht genug davon ständig jedermanns Fußabtreter zu sein? Du musst aufhören, auf andere Rücksicht zu nehmen, andernfalls wirst du immer enttäuscht werden." Rin sagte nichts, was sollte man auch dazu sagen? Dieses Mal hielt die Stille wesentlich länger an. Der Nephilim versuchte verzweifelt, Satans Argumentationen zu verstehen, wobei er nicht bemerkte, wie er sich immer mehr gegen den Weißhaarigen lehnte, als würde er nach Trost suchen. Offenbar war seine Rechtfertigung eine verdammt zweifelhafte Auslegung des Sprichwortes "Was dich nicht umbringt, macht dich nur stärker.". Natürlich würde man anders auf Schmerzen oder Angst reagieren, wenn man damit vertraut war, wurde eventuell sogar immun oder härtete zumindest ab. Mitgefühl und Reue brachten nichts, man brauchte Rücksichtslosigkeit, um voran zu kommen. Doch war das wirklich, was er wollte? Ein Teil schrie ja, er hatte genug davon, immer der Leidtragende zu sein, doch er wollte nicht so enden wie die Dämonenkönige von Satan. Mächtig genug, um als eines der mächtigsten Dämonen Gehennas zu zählen, aber dafür allein, verbittert und von Paranoia und Machthunger zerfressen. Warum sollte er das wollen? Wieso würden sie sowas überhaupt wollen?! Wohl oder übel lag die Antwort bei Satan. Rin nahm all seinen Mut zusammen und schluckte. Hoffentlich lief er damit nicht in ein Minenfeld. „Warum glaubst du, dass man allein besser dran ist?", murmelte er leise. „Bei den anderen verstehe ich es irgendwo, wenn sie ständig im Stich gelassen wurden. Aber warum du? Du bist der Gott Gehennas, du kannst buchstäblich jeden einäschern, also warum solltest Grund zur Paranoia haben?" Gespannt hielt er die Luft an, nicht sicher, wie der ältere Dämon reagieren würde. Als Satan mit sprechen begann, klang er ruhig, dennoch verkrampfte der Halbdämon nur noch mehr. „Warum möchtest du das wissen?"

„Du weißt so ziemlich alles über mich, es ist nur fair, wenn du mir was über dich verrätst.", erwiderte Rin mit einem Anflug von Trotz in der Stimme. Satan störte er wohl nicht, er schein stattdessen über seine Worte nachzudenken, nickte dann aber. „Na gut. Deinen Brüdern habe ich es ebenfalls erzählt, vielleicht schadet es nicht." Endlich ließ er Rin los (wieso hatte ihn das bisher nicht gestört?!) und rückte ein wenig von ihm weg. „Wie du weißt, war ich der erste Dämon Gehennas und zu Beginn waren die Dinge…chaotisch, Ich erschuf eine Vielzahl von Dämonen, doch ohne richtige Struktur waren die meisten nicht besser als Tiere. Damals war ich natürlich entsprechend unerfahren und habe mich schlussendlich auf eine Gruppe anderer Dämonen verlassen. Sie waren Erzdämonen, einige meiner ersten und mächtigsten Schöpfungen, in gewisser Weise Vorgänger deiner Brüder, auch wenn es den Titel Baal noch nicht gab. Unter ihnen war eine Frau…meine erste und einzige…feste Partnerin in gewisser Weise."

„Du warst verheiratet?", entfuhr es Rin, bevor er sich bremsen konnte. Satan lachte freudlos auf. „Hochzeiten gibt es nicht in der Gehennischen Kultur, wir verwenden dafür einen anderen Begriff. So weit ist es allerdings nie gekommen. Sie war meine Liebhaberin und ich habe ihr vertraut. Ich habe ihnen allen vertraut." Rin schluckte, denn er konnte sich bereits denken, was passiert war. „Sie haben dich verraten?", fragte er vorsichtig, woraufhin der Dämonenherrscher schnaubte. „Mehr als das. Sie haben versucht, sich meine Macht anzueignen und wollten mich anschließend langsam zu ihrer eigenen Unterhaltung töten. Und Lilith war es, die den ersten Angriff getätigt hat." Er schüttelte mit dem Kopf. „Idioten. Natürlich habe ich sie getötet, einem nach dem anderen. Und sie hatte noch die Nerven, mich um Gnade anzuflehen und hat behauptet, dass sie gezwungen wurde und mir helfen wollte. Dämliche Schlampe…" Letzteres sagte er mit solcher Abneigung, dass Rin erschauderte. „Anderen zu vertrauen, ist dumm. Schlussendlich enttäuschen sie.", fuhr Satan fort. „Es war nicht das letzte Mal, dass mich jemand hintergangen hat und schlussendlich habe ich eingesehen, dass man sich am besten allein durchschlägt. Ich habe mir alles selbst aufgebaut, jeden bekämpft und getötet, der im Weg stand und wie du siehst, hat es Gehenna nicht geschadet. Wir sind stärker als es diese jämmerlichen Menschen jemals sein könnten."

„Manche Dämonen hassen dich oder haben Angst vor dir. Was ist daran stark?"

„Mag sein. Für die meisten bin ich ihr Herrscher und das ist Grund genug, mir zu dienen. Was den Rest betrifft, denke nach: Was glaubst du, sorgt dafür, dass keiner von ihnen aus der Reihe tanzt? Es ist nicht Güte, es ist nicht Gerechtigkeit oder Großzügigkeit, es ist Angst und Blut. Diese Trottel wollen mich los werden, wissen aber nicht einmal, was danach passieren wird. Ohne mich sterben sie, so einfach ist das. Ich habe in der Vergangenheit Fehler gemacht, daraus gelernt und sorge nun dafür, dass keiner meiner Söhne sie wiederholt." Das…erklärte tatsächlich einiges. Einerseits verstand er ihn nun irgendwie besser, andererseits zeigte es nur, dass er sich niemals umstimmen lassen würde. Zum sicherlich 1000. Mal fragte er sich, warum er unbedingt Satans Sohn sein und seine Kräfte erben musste. „Ich will nach Hause.", flüsterte er leise und klammerte sich noch fester an seinen Vater, inzwischen den Tränen nach. „Bitte, lass mich einfach gehen. Ich will nur nach Hause…"

„Du bist Zuhause.", erwiderte der Dämonenherrscher mit überraschend sanfter Stimme und strich ihm einige Haarsträhnen aus dem Gesicht. „Für dich gibt es nichts mehr in Assiah, man würde dich sofort töten."

„Das ist mir egal. Das hier ist nicht Zuhause!"

Erneut seufzte Satan. „Siehe es endlich ein. Du wirst nie wieder nie wieder nach Assiah zurückkehren und irgendwann wirst du es ohnehin nicht mehr wollen. Du gehörst hier her und das weißt du. Gab endlich auf. Du musst keine Angst haben, wir kümmern uns um dich." Rin schluckte, die Worte seines Vaters jagten ihm einen kalten Schauer über den Rücken. Er und aufgeben? Normalerweise undenkbar. Er war ein Freigeist, er ließ sich nicht einschüchtern und hatte kein Problem damit, für etwas einzustehen oder jemanden die Meinung zu geigen. Doch dieses Mal nicht. Dieses Mal konnte er sich nicht dazu bringen, etwas zu fühlen oder zu denken. Was hatte ihm Widerstand bisher gebracht? Für den Moment wollte er einfach nur seine Ruhe und schloss die Augen, sich einredend, dass er nicht in den Armen seines Peinigers lag, sondern in Shiros oder einem der Mönche. Vielleicht war es wirklich Zeit aufzugeben. Sein Vater schien seine Resignation zu spüren und zog ihn näher zu sich.

„So ist es gut…"

Diese Nacht schlief Rin sehr schlecht. Zu Beginn wirkte noch alles normal, auch wenn er davon träumte, durch Gänge zu laufen, die scheinbar ins Nichts führten. Alles andere als angenehm, aber dennoch nicht weiter schlimm, bis sich der Traum änderte. Mit einem Mal wurde alles dunkel und er fiel. Er hatte einmal gehört, dass Träume in denen man fällt, relativ häufig waren, dennoch hatte er noch nie einen gehabt. Lange darüber nachdenken konnte er nicht, mit einem Mal schlug er auf dem überraschend harten Boden auf, wobei sämtliche Luft aus ihm gepresst wurde. Warum spürte er das, wenn er träumte?! „Na schau mal einer an, wer auf einen Besuch vorbei kommt. Wie geht's denn so?~", hörte er eine Stimme hämisch gackern. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Konnte er nicht wenigstens im Schlaf seine Ruhe haben?! Fluchend setzte er sich auf und schaute zu seinem Dämonen Ich, welches ihn grinsend von einem Thron aus beobachtete, die Beine von einer Armlehne herabhängend. ‚Warte, Thron?' Erst jetzt schaute sich der Nephilim um und ihm wurde klar, dass er sich in einem Saal befand, welcher eine unbestreitbare Ähnlichkeit zu dem von Satan hatte. Allerdings gab es einige Unterschied. Die Wände und Säulen bestanden augenscheinlich aus einem dunklen festem Gestein, welches ihn stark an Kristalle erinnerte, darauf waren seltsame Symbolen und Zeichen. Der Boden bestand aus einem glatten, blutrotem Gestein und strömte eine angenehme Wärme aus. Sein Blick wanderte zu den Fenster, diese zeigten nur allerdings schwarze, gähnende Leere. „Gefällt es dir?", hörte er den anderen Rin fragen. „Das sollte es besser. Dieser Ort war die letzten 16 Jahre mein Gefängnis und wenn läuft wie bisher, wird es schon bald dein eigenes sein.~" Der Halbdämon antwortete nicht sofort und starrte sein Gegenüber stattdessen misstrauisch an. Dabei fiel ihm endlich auf, dass der Thron vollkommen aus Knochen bestand, manche schwarz, manche weiß und wieder andere rot. „Nein, danke. Dieser Ort ist furchtbar." Der Dämon auf dem Thron schnaubte. „Dann sind wir uns endlich einmal einig, wer hätte es gedacht?" Er schnaubte kurz und streckte sich, bevor er sich erneut an seine andere Hälfte wandte. „Aber du könntest etwas höflicher sein, ich habe es selbst eingerichtet. Sicherlich dürftest du den Luxus zu schätzen wissen."

„Ich brauche keinen Luxus.", protestierte Rin knurrend. „Ich habe mein ganzes Leben in einem Stift gelebt, das hat vollkommen gereicht."

Genau das ist der Punkt. Du oder sollte ich sagen wir? Egal, wir gehören zur königlichen Familie. Wir hätten alles haben können und stattdessen haben wir in Assiah geschmort. Dieser Ort war unter unserer Würde. Wir haben uns ein kleines Zimmer mit deinem dämlichen Bruder geteilt, der Höhepunkt der Woche war ein Film oder neuer Manga und du konntest von Glück reden, wenn du mal eine Stunde Internet hattest, um etwas für die Schule zu machen. Vorausgesetzt natürlich, du hast überhaupt was getan."

„Sag mir einfach, wie ich hier weg komme."

Aber warum denn? Wir hatten bisher keine Gelegenheit, nochmal richtig miteinander zu reden und es ist so langweilig hier. Komm schon, reden wir. Wer weiß, vielleicht können wir uns ja einigen.~" Rin dachte gar nicht daran und wandte sich ab. „Es ist mir egal, was du denkst oder willst. Ich habe dir nichts zu sagen." Irgendwo fragte er sich, ob es nicht besser wäre, seinem anderen Ich ihren Körper zu überlassen. Dann müsste er sich um nichts mehr Sorgen machen und die Schuldgefühle würden endlich verschwinden. Alles könnte so viel einfacher sein…er musste nur ja sagen. Schnell vertrieb er diesen Gedanken. Wahrscheinlich würde er dennoch alles mitbekommen, was geschah, sein Dämonen Ich hatte es immerhin ebenfalls. Der Gedanke, für immer im eigenen Körper gefangen und alles machtlos mitansehen zu müssen, war erschreckend. Er würde nicht auf die Worte des anderen hereinfallen. „Du bist ein hoffnungsloser Fall. So erbärmlich…du hast Angst vor dir selbst und doch klammerst du dich an deine momentane Existenz. Du bist es nicht wert, diesen Körper zu haben!" Schneller als Rin antworten konnte, stand seine andere Hälfte vor ihm und verpasste ihm eine Ohrfeige, die ihn tatsächlich von den Füßen riss. Erschrocken keuchte er und versuchte mit seinen Händen den Sturz abzufangen. Der weißhaarige vor ihm schnaubte abfällig. „Wenn du deinen Körper nicht her gibst, dann nehme ich ihn mir eben-!"

„NEIN!", donnerte Rin zu seiner eigenen Überraschung und richtete sich langsam auf. Wutentbrannt starrte er die Dämonenhälfte an, sein Blut rauscht in den Ohren und er hatte die Zähne gebleckt. „Ich habe genug von dir und deinem ewigen Gerede! Das ist mein Körper, du hast hier keine Kontrolle, kapiert?! ALSO HAU AB!" Damit zersprang alles um ihn herum wie ein zerschmetterter Spiegel. Sein anderes Ich stieß ein wütendes Kreischen aus, aber er wusste, dass es noch da war. Er hatte lediglich dessen Gefängnis verlassen. Woher er überhaupt diese Kraft genommen hatte, war ihm ein Rätsel. Vermutlich war es all die angestaute Frustration gewesen. Entgegen seiner Erwartungen wachte er aber nicht auf. Stattdessen befand er sich an einem neuen, jedoch vertrautem Ort. Es waren Satans Gemächer. Großartig, jetzt wurde er davon bereits in seinen Träumen verfolgt, das durfte doch wohl nicht wahr sein! Natürlich ging nun auch noch die Tür auf und Satan betrat das Zimmer, allerdings waren seine Haare wesentlich länger als Rin sie in Erinnerung hatte. Wie war sein Verstand denn auf einen Traum mit einem langhaarigen Satan gekommen? Der Dämonenherrscher hatte unterdessen die Tür hinter sich zugeknallt und fluchte leise vor sich hin. Ganz offensichtlich war sein Tag nicht der beste. Immerhin konnte er Rin offenbar nicht sehen, denn er stapfte zielstrebig Richtung Schlafzimmer und öffnete die Tür. Der Nephilim war ihm gefolgt und schaute nun mit weit offenen Mund auf das, was er sah: Vor ihm, auf dem Bett und dem Boden verteilt, saßen 5 Kinder, welche mit verschiedenen Spielsachen spielten. Kaum fiel die Tür ins Schluss sahen sie auf, dann quietschten sie freudig und sprangen auf die Füße. Rin rechnete bereits mit dem schlimmsten, aber was dann passierte, ließ ihn an seinem Verstand zweifeln. „Papa!", riefen sie gleichzeitig und stürmten Richtung Satan. Entgegen Rins Erwartungen war dieser nicht genervt, stattdessen…hellte sich seine Miene auf?! Er ging sogar in die Hocke, um die Kinder in Empfang zu nehmen, die ihm sofort um den Hals fielen. Moment…sie hatten ihn Papa genannt?! Mit offenem Mund sah Rin die Kinder an und es bestand kein Zweifel: Das waren Luzifer, Samael, Azazel, Iblis und Egyn. Der Rest war entweder nicht anwesend oder nicht wohl noch nicht geboren. Mit großem Interesse betrachtete er seine Brüder, welche aufgeregt auf und ab wippten. Es war wirklich seltsam, Samael so klein und ohne Bart zu sehen, mal ganz zu schweigen von Azazels und Egyns kürzeren Haaren. Zu seiner Verblüffung waren Egyns Haare allerdings nur in den Spitzen blau, der Rest war weiß. Offenbar hatten sich seine Haare später noch verfärbt. „Papa, Papa! Schau mal, was ich heute gelernt habe!", verkündete Iblis, öffnete eine Handfläche und ließ eine Flamme erscheinen, die er nach eigenem Willen vergrößern und verkleinern konnte. Sogar ein Kleinkind hatte mehr Kontrolle als er. Wow. Halb rechnete er damit, dass Satan nicht zufrieden sein würde, doch zu seiner erneuten Überraschung lächelte er und wuschelte dem Feuerdämonen durch die Haare, wie er es bereits bei Rin getan hatte. „Sehr gut, du wirst immer besser. Aber kein Feuer solange ich weg bin, verstanden?" Iblis schmollte ein wenig, nickte allerdings. Zu seinem Pech mischte sich Samael ein. „Er hat vorhin ein Buch angezündet und in die Wanne geworfen.", petzte er selbstgefällig. „Gar nicht wahr!", protestierte der Feuerdämon, aber Samael steckte ihm die Zunge raus. „Doch wahr.~"

„Es ist aber nichts passiert, ich habe es direkt wieder gelöscht!", warf Egyn schnell ein. „Und es ist nur eine Ecke etwas angekokelt!", steuerte Luzifer bei. Entgegen seines Willens musste Rin ein Lachen unterdrücken. Baal hin oder her, Kinder waren wohl immer gleich. „Und ich habe gelernt, wie ich Wasser fest werden lassen kann!", versuchte Egyn vom Thema abzulenken. „Und du hast mich festgefroren.", ergänzte Samael beleidigt, woraufhin der Wasserdämon eine Schnute zog und trotzig die Arme verschränkte. „Dann hör du auf, mich in deine komischen Blasen zu stecken!"

„Erst wenn du aufhörst, es ständig in meinem Zimmer schneien zu lassen!"

„Ich habe doch gesagt, dass das ein Unfall war!"

„Gut, das reicht jetzt.", fuhr Satan dazwischen und wie zu erwarten war, verstummten alle augenblicklich. „Was haben eure Lehrer gesagt? Sind sie zufrieden?"

„Ich mag die fürs Lesen nicht.", beschwerte sich Azazel schnaubend. „Sie findest mich glaube komisch." Satan hielt inne und sah ihn fragend an. „Warum?" Der Schwarzhaarige zuckte mit den Schultern. „Sie findet es seltsam, dass ich Geister sehe. Immer wenn ich sie erwähne, verzieht sie das Gesicht.", murmelte er etwas niedergeschlagen klingend. „Ich will keine mehr sehen, alle denken immer, dass ich komisch bin." Satan überraschte Rin erneut, indem er einen Arm um den kleinen Dämonen legte und ihn zu sich zog, sodass er sich an seinen Vater kuscheln sollte. „Hör nicht auf sie, du bist nicht seltsam. Sie sind nur neidisch. Ich werde mich um sie kümmern und jemand neuen suchen." Unwillkürlich lief Rin ein Schauer über den Rücken, er konnte sich gut denken, was Satan mit "kümmern" meinte. „Papa, was heißt eigentlich desertieren?", fragte Lucifer plötzlich und schaute seinen Vater neugierig an. Dessen Augen verengten sich für den Bruchteil einer Sekunde, bevor er zu ihm sah. „Wo hast du das gehört?", fragte er. Zwar klang er desinteressiert, doch sogar Rin erkannte, dass wohl gleich noch mehr Köpfe rollen würden. „Von einem der Wachen. Der mit den grünen Haaren, der hier so oft hier ist. Er hat mit einem anderen geredet und gesagt, dass er bei jemand anderem mitmachen will!" Der Nephilim brauchte einige Sekunden bis ihm klar wurde, dass Luzifer gerade wahrscheinlich unwissentlich eine Wache verraten hatte, die sich vielleicht sogar den Rebellen anschließen wollte. „…Verstehe…", murmelte Satan und grinste kurz bösartig, bevor er sich wieder an seinen Sohn wende. „Mach dir deswegen keine Gedanken. Falls du aber zufällig öfter sowas hörst, sage mir Bescheid, in Ordnung? Gleiches gilt für eure Lehrer oder Bedienstete." Etwas verwirrt nickten alle und kletterten mit aufs Bett, um sich an ihren Vater zu kuscheln. Damit verschwamm erneut Rin Umgebung, jedoch stand er nur Sekunden später in einem neuen Raum, Sofort erkannte er, dass er sich nach wie vor in Satans Gemächern befand, doch etwas war anders. Egyn und Iblis, noch immer im Kindesalter, hockten hinter einem der Sofas und schienen sich leise zu streiten. Zögerlich näherten sich Rin ihnen, um sie besser zu verstehen. „Das sollten wir nicht tun!", hörte er Egyn leise zischen. „Papa hat gesagt, dass wir da nicht rein sollen! Er wird sauer werden, wenn er merkt, dass du den Schlüssel geklaut hast!"

„Aber da ist jemand drin und ich möchte wissen, wer es ist!", protestierte Iblis. „Und warum Papa das versteckt!"

„Das ist doch egal! Ich will keine fremden Leute kennenlernen! Wir sollen sowieso nicht mit Fremden reden!", jammerte Egyn, während er an Iblis' Ärmel zog. Dieser ignorierte seinen Zwilling jedoch und lief zu Satans Schlafzimmertür. Egyn folgte ihm widerwillig und auch Rin war ihnen dicht auf den Fersen. Dabei hörte er ein leises Weinen, welches ihm bisher nicht aufgefallen war. Bevor er überlegen konnte, was das bedeute, öffnete Iblis die Tür und huschte ins Zimmer. Was sie vorfanden, schockierte Rin noch mehr als alles zuvor: Es war eine Frau. Als diese Tür hörte, schaute sie erschrocken auf, doch der Angst auf ihrem Gesicht wich Verwunderung. Offenbar hatte sie mit Satan und nicht mit Kinder gerechnet. Bei näherer Betrachtung wurde schnell klar, wer sie sein musste. Ihre Augen- und Haarfarbe glich exakt Astaroths. Sie war seine Mutter, es musste so sein. „W-Was macht ihr Kinder denn hier?", fragte sie sichtlich geschockt und starrte die beiden Dämonen an. Iblis und Egyn sahen sie nicht weniger verblüfft an. „Was machst du in Papas Zimmer?", antwortete Iblis mit einer Gegenfrage. „Papa…?", wiederholte die Dämonin verwunderte, dann weiteten sich ihre Augen. „I-Ihr seid…" Ihre Stimme sprach und sie schüttelte nur den Kopf, einen leisen Schluchzer unterdrückend. „…Brauchst du ein Pflaster?", fragte Egyn unerwartet und ließ die Dämonin erneut erstarren. „Ein…ein was?", fragte sie zitternd. „Ein Pflaster!", wiederholte Egyn, nun etwas mutiger wirkend. „Du hast geweint, also tut etwas weh, oder? Und dann brauchst du ein Pflaster!" Iblis nickte zustimmend. „Genau! Oder du musst etwas trinken, aber das schmeckt nicht gut!" Für einen Moment wirkte die noch namenslose Dämonen vollkommen perplex, dann gab sie ihnen kleines, wenn auch erschöpftes Lachen von sich. „Es geht schon. Aber ihr solltet wirklich nicht hier sein, ihr werdet Ärger bekommen."

„Papa muss es ja nicht wissen!", argumentierte Iblis. „Und du hast immer noch nicht gesagt, warum du hier bist!"

„...Ich bin wegen eures Vaters hier.", antwortete die Dämonin vorsichtig. „Warum?", hakte Egyn nach, was die Dämonin mit „Erwachsenensachen." abblockte. Rin war derweil noch immer von der Situation überfordert. Iblis und Egyn hatten also Astaroths Mutter getroffen und Satan hatte sie offenbar in seinen Gemächern eingesperrt. Das war interessant und erschreckend zugleich. „Und warum hast du geweint, wenn nichts weh tut?", fragte Iblis verwirrt und betrachtete kritisch ihre blauen Flecken und Kratzer an den Armen. „Ich vermisse nur meine Familie, das ist alles. Meine Eltern, meinen Partner und meine Geschwister."

„Dann besuche sie doch!", warf Egyn ein. „Ich wäre auch traurig, wenn ich Papa oder meine Brüder nicht mehr sehen könnte." Die Dämonin lächelte wehmütig. „Ich fürchte, das ist nicht möglich." Sie zögerte kurz, bevor sie langsam weitersprach. „Wie heißt ihr denn eigentlich?" Die Zwillinge hielten inne und wechselten Blicke, offenbar nicht sicher, ob sie ihren Namen verraten sollten. „Ich bin Iblis und das ist Egyn!", sagte der Feuerdämon schließlich. „Wir sind Zwillinge, aber ich bin der ältere!", verkündete er stolz, woraufhin Egyn beleidigt eine Schnute zog. „Nur um ein paar Minuten!" Er wandte sich zurück an die Dämonin. „Und wie weiß du? Wir haben dir unsere Namen gesagt, also musst du das auch machen."

„Jvara.", antwortete die Dämonin.

„Bist du eine Bedienstete hier?", fragte Iblis neugierig und sah sie mit großen Augen an. Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin eigentlich Tänzerin. Ich bin ziehe mit meiner Familie und einer größeren Gruppe durch ganz Gehenna und trete dann zu Festen, Feiern und anderen Ereignissen auf."

„Also hast du auf einem Fest hier getanzt?", hakte Egyn nach, woraufhin Jvara kurz das Gesicht verzog. „Ja, aber schon vor Wochen. Da habe ich auch euren Vater kennen gelernt."

„Warum bist du dann hier und nicht bei deiner Familie?"

Rin ahnte schlimmes. Die große Frage: War sie bereits schwanger oder hatte sie dort lediglich seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen? „Ich habe einen Fehler gemacht und darum darf ich nicht zu ihnen zurück.", sagte sie leise und griff sich dabei langsam an den Bauch. ‚Ach, du Scheiße…', dachte der Nephilim, inzwischen kreidebleich. „Was würdet ihr sagen, wenn ihr ein neues Geschwisterchen bekommen würdet?", fragte die Verwesungsdämonin plötzlich und bestätigte damit seine Vorahnung. Sofort leuchteten Egyns Augen auf und er sprang freudig auf und ab. „Ich werde ein großer Bruder?!", rief er aufgeregt. Leider bekam der Nephilim die Antwort nie mit, da er ruckartig aus seinem Traum gezogen wurde und er mit einem erschrockenen Keuchen aus dem Schlaf fuhr. Was um alles in der Welt war da gerade passiert?


Die nächsten Tage fühlten sich für Rin wie eine Ewigkeit an. Allein das Essen war eine einzige Tortur, da er sich weigerte, auch nur einen Brocken Fleisch zu essen, woraufhin sie versuchten, es ihm gewaltsam zu verabreichen. Zunächst rebellierte sein Magen und er übergab sich mehrfach, doch schlussendlich konnte er es irgendwie unten behalten. Nachdem er wieder fit war, wurde sein Training direkt fortgesetzt und er erhielt sogar zusätzliche Unterrichtsstunden in Dämonenetikette, Geschichte und Politik, wobei sich letzteres eher wie ein "Wie erkenne ich, wer mit größter Wahrscheinlichkeit versuchen wird, mich heimlich umzubringen"- Kurs anfühlte. Die Hierarchie änderte sich ständig, wer einmal die Gunst der Königsfamilie verloren hatte, konnte sich genauso gut direkt einen Strick nehmen. Natürlich lernte er auch einiges über die verschiedenen Dämonen Gehennas und zu seiner Überraschung stellte er sich zumindest dort halbwegs gut an. Alles in allem hielt er sich zurück und versuchte alles so gut es ging hinter sich zu bringen. Er verkniff sich jeglichen Kommentar und ignorierte jegliche Sticheleien von den Baal. Dank seines "gutes Benehmens" durfte er sich sogar weiter im Palast umsehen und öfter in den Garten. Dabei fielen ihm natürlich die neugierigen Blicke der Bediensteten auf, welche er stets ignorierte, aber dass manche von ihnen ganz schnell umdrehten, wenn sie ihn sahen, tat schon irgendwie weh. In Assiah wurde er als Monster gesehen und nun hatten sogar Dämonen vor ihm Angst. Eine durchaus beachtliche Leistung. Ob es nun an seiner Familie lag oder es mit Deimos zu tun hatte, es spielte keine Rolle. Er ging ihnen aus dem Weg und sprach kein Wort mit niemanden. Einzig allein Satan und die Dämonenkönige waren seine momentanen Ansprechpartner, genau wie sie es wollten. Die einzige Ausnahme war der Heiler gewesen, der ihn kurz nach Samhain noch einmal untersucht hatte und der hatte ihm nur Fragen zu seiner Verfassung gestellt, ansonsten war er ruhig gewesen. Wie um alles in der Welt hielten seine Brüder das aus?! Trotzdem blieb er standhaft. Keiner würde seinetwegen erneut sterben und wenn er den Verstand verlor. Er war gerade auf dem Rückweg vom Palastgarten, als sein Entschluss auf die Probe gestellt wurde. Im ersten Moment erschrak er gewaltig, man ihn plötzlich aus heiterem Himmel ansprach, immerhin waren ihm alle aus dem Weg gegangen. Folglich brauchte er eine ganze Weile, bis er endlich Vaya erkannte. Die Geisterdämonen wirkte müde, aber lächelte ihn dennoch zaghaft an. Er starrte sie einige Sekunden an, dann wurde ihm bewusst, dass sie wohl auf eine Antwort wartete. Was hatte sie überhaupt gefragt? „Was tust du hier?", fragte er langsam, noch immer von ihrem plötzlichen auftauchen überrascht. Gut, dumme Frage, sie arbeitete hier. Der Palast war groß, aber hin und wieder lief man sich schon mal über den Weg. „Ich habe nach dir gesucht. Ich muss unbedingt mit dir reden!", setzte sie an, doch der Nephilim schüttelte energisch mit dem Kopf. „Nein, wir bekommen nur Schwierigkeiten." Sie wussten bereits, dass er mit Vaya gesprochen hatte, immerhin hatten sie es ihr befohlen. Er wollte sie nicht auch noch in Gefahr bringen. „Es ist aber wichtig!", protestierte die Schwarzhaarige sofort und sah sich verstohlen um. Dann, ohne Vorwarnung und mit erstaunlicher Kraft zog sie ihn in die Richtung einer Tür. Bevor Rin protestieren konnte, öffnete sie die Tür und schob ihn in den Raum, der sich nun als Besenkammer herausstellte. „Jetzt warte doch mal-"

„Nein, du wartest jetzt und hörst mir gefälligst zu!", zischte sie unerwartet und stemmte aufgebracht die Hände in die Hüften. „Das ist wichtig und ich riskiere hier meinen Hintern, also hörst du dir jetzt an, was ich zu sagen habe, kapiert?!" Rin nickte schnell und schluckte. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Vaya ihn anfahren würde? „Wir haben nicht viel Zeit.", fuhr sie schnell fort. „Ich werde versetzt, heute ist mein letzter Tag hier." Rins Augen weiteten sich und Panik machte sich bemerkbar. „Wie versetzt?!", entfuhr es ihm, doch die Dämonin hob beschwichtigend eine Hand. „Schon gut, sowas ist normal. Die Bediensteten wechseln öfter die Arbeitsstelle, also mache dir keine Sorgen. Es hat nichts mit dir zu tun." Sie zögerte kurz, bevor sie weitersprach. „Was an Samhain passiert ist, tut mir unendlich leid. Hätte ich gewusst, dass sie dir nichts dazu gesagt haben, hätte ich dich gewarnt.", entschuldigte sie sich leise. „Ich kannte Deimos, er war immer sehr nett zu ihr."

„Weißt du, was mit seiner Freundin und dem Kind ist?", fragte Rin sofort, woraufhin Vaya seufzte. „Es geht ihr den Umständen entsprechend gut. Ich will dir nur sagen, dass du dir nicht die Schuld geben sollst." Der Nephilim sah die Sache anders, sagte aber nichts und nickte nur. „Das ist alles?"

„Nein.", antwortete sie ernst. „Ich weiß von der Sache mit Beelzebub. Du hast versucht, ihm zu helfen, aber stattdessen seid ihr aufgeflogen, ohne etwas in Erfahrung zu bringen."

„Woher…?"

„Das ist egal. Hör mir bitte einfach zu.", unterbrach Vaya ihn gehetzt blickend. „Ich war vor kurzem bei meiner Mutter zu Besuch und habe ihr davon erzählt. Zu Beginn wollte sie nichts dazu sagen, aber sie konnte es dann wohl nicht mehr für sich behalten. Sie weiß zwar nichts über Beelzebubs Mutter, aber dafür etwas über Azazels. Anscheinend war sie genau wie sie eine Bedienstete gewesen und sie waren…na ja befreundet. Ihr Name war Persephone. Mama weiß nicht genau, was passiert ist, aber Persephone wurde eines Tages zu Satan gerufen und war dann für einige Tage weg, dann ist sie normal zur Arbeit erschienen. Alles war in Ordnung, bis sie begonnen hat, sich morgens zu übergeben. Meine Mutter hat ihr dann geholfen, heimlich einen Heiler zu treffen, der dann festgestellt hat, dass sie schwanger ist und als Vater kam nur einer in Frage." Rin spürte, wie sich sein Magen verkrampfte und er konnte ein schaudern nicht unterdrücken. „Was ist mit ihr passiert?"

„Sie hat ihre Schwangerschaft geheim gehalten. Einer der anderen Bediensteten mit dem sie befreundet war, hat sich bereit erklärt, mit ihr eine Beziehung zu beginnen und sich als Vater auszugeben. Zu Beginn hat es wohl ganz gut geklappt, aber irgendwie ist dann die Wahrheit raus gekommen. Von da an hat sie niemand mehr gesehen." Das war wohl zu erwarten. Rin wollte sich gar nicht ausmachen, was die Dämonin hatte durchmachen müssen und musste dabei sofort an seinen "Traum" denken. Offenbar hatte Satan sie alle bis zur Geburt isoliert und irgendwo eingesperrt. „Das ist ja ganz interessant, aber was soll ich damit anfangen? Und warum sagst du das mir und nicht Azazel?", fragte er unsicher.

„Ich befürchte, dass er es nicht gut aufnimmt und meine Mutter in Schwierigkeiten kommen könnte.", erklärte die Schwarzhaarige. „Aber dir hilft es vielleicht. Laut meiner Mutter war das Muster immer gleich. Die wenigsten haben die Mütter der Dämonenkönige gesehen, nur Satan selbst und hin und wieder Heiler hatten Kontakt zu ihnen und anschließend waren sie wie vom Erdboden verschluckt. Seine Söhne hat er wie du weißt, abgeschottet, aber das ging scheinbar erst richtig los, als sie schon etwas älter waren." Das erregte natürlich Rins Aufmerksamkeit. Die Dämonenkönige hatten ihm da eindeutig etwas anderes erzählt. „Warum das?", fragte er neugierig, aber Vaya wich seinem Blick aus. „Das wollte mir meine Mutter nicht sagen. Sie meinte nur, dass etwas vorgefallen ist und was auch immer es war, es hat Lord Satan ziemlich…erschüttert." Gut, jetzt wurde es richtig interessant. Was würde ausgerechnet Satan erschüttern?! „Wie gesagt, meine Mutter hat sich geweigert mehr zu sagen. Sie sah wirklich verstört aus.", fuhr Vaya fort. „Aber von diesem Tag an hat Lord Satan die Dämonenkönige komplett isoliert. Ich hoffe, das hilft dir irgendwie weiter, aber bitte sei vorsichtig. Wir wissen beide, wozu sie in der Lage sind und ich will nicht, dass dir etwas passiert.", bat sie leise. Rin wusste nicht, was er sagen sollte. Einerseits bestätigte es nur, dass Satan einiges versteckte, andererseits wusste er momentan nicht viel damit anzufangen. Er konnte den Dämonenherrscher zwar konfrontieren, doch was würde das bringen außer einen weiteren Zellenaufenthalt? Dennoch war er der Dämonin unendlich dankbar. Sie war von Anfang an nett zu ihm gewesen und riskierte nun sogar ihren Hals, um ihm zu helfen. „Danke.", sagte er leise, woraufhin er sanft angelächelt wurde. „Du schaffst das schon. Lass dich nicht unterkriegen, ja? Vielleicht sehen wir uns irgendwann wieder." Sie zögerte kurz, dann trat sie einen Schritt nach vorn und umarmte ihn. Im ersten Moment war der jüngere Dämon mehr als überrumpelt, erwiderte die Umarmung dann jedoch. „Danke für alles. Sei bitte vorsichtig und viel Glück mit deiner Mutter.", verabschiedete er sich. Es würde seltsam sein, die Dämonin nicht mehr zu sehen, doch dann konnte sie zumindest nicht mehr in Schwierigkeiten geraten. „Werde ich.", nickte sie und verließ die Kammer, nachdem sie ihm einen letzten Blick zugeworfen hatte.


Vaya war nicht sicher, ob sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Wahrscheinlich wäre es klüger gewesen, sich raus zu halten. Die Angelegenheiten anderer Leute gingen sie nichts an, vor allem wenn es sich dabei um die königliche Familie handelte. Allerdings konnte sie sich nicht dazu bringen, Rin ohne weiteres Wort allein zu lassen. Sie mochte ihn wirklich, er verdiente es nicht, in dieser Situation zu sein, aber viel tun konnte sie leider nicht, außer nett zu ihm zu sein und ihm diese Informationen zu geben. Es war fraglich, ob sie ihm viel bringen würden, allerdings wusste man nie. Satan hatte eindeutig eine Menge Geheimnisse und der junge Halbdämon wurde direkt mit hineingezogen. Sie seufzte und fuhr damit fort, ihre Truhe zu leeren. Noch immer konnte sie nicht fassen, was sich an Samhain zugetragen hatte. Wie konnten sie Rin nur verschweigen, dass es ein Kannibalenfest war?! Das war mehr als nur grausam und die Erzählungen ihrer Mutter machten sie noch nervöser. Sie hatte so verängstigt gewirkt, während sie von Satan sprach…

Eigentlich hatte sie sie nur besuchen wollen, um nach ihr zu sehen und etwas Zeit mit ihrer Schwester zu verbringen, doch dann hatte die Neugier gesiegt und sie hatte gefragt, was sie über die Mütter der Dämonenkönige wusste. Natürlich kannte sie die Gerüchte bezüglich Satans Familie, aber die meisten hielt sie für lächerlich. Ob je die Wahrheit herauskommen würde? Vermutlich nicht. Ein Klopfen an ihrer Tür riss sie aus den Gedanken. „Es ist offen!" Die Tür öffnete sich und zu ihrer Überraschung betrat Azazel das Zimmer. Hatte sie sich etwa in der Zeit vermacht?! „Keine Sorge, ich bin nur hier, um dir zu sagen, dass du heute Abend nochmal in Vaters Gemächer kommen sollst.", beruhigte der Baal sie. Natürlich hatte er direkt erkannt, was ihr durch den Kopf ging. „Es gibt noch einige Angelegenheiten zu klären." Sie nickte zögerlich und wich seinem Blick aus. Ein Teil von ihr wollte ihm wirklich erzählen, was sie über seine Mutter erfahren hatte, sie wusste aber auch, dass dies gewaltig nach hinten los gehen konnte. „Ok, was ist los?", fragte er plötzlich und ließ sie zusammenzucken. „Du gehst mir seit du zurück bist, aus dem Weg. Hat mein Vater irgendetwas gesagt?" Schnell schüttelte sie den Kopf. „Nein, ich…habe einiges im Kopf, das ist alles." Keine ganze Lüge, wenn auch nicht die ganze Wahrheit. Dummerweise war sie nicht die beste Lügnerin und die Dämonenkönige reagierten nicht gerade gut darauf, daher ließ sie es lieber bleiben. „Gibt es sonst noch etwas? Ich muss fertig packen-"

„Du hast dich von Rin verabschiedet, richtig?", unterbrach er sie und sah sie mit einem bohrenden Blick an. Vayas Herz setzte aus, wortlos trat sie einige Schritte zurück. Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Woher um Satans Willen wusste er davon?! Azazel starrte sie weiterhin ausdruckslos, machte aber keine Anstalten, sich ihr nähern. „Und?", hakte er nach. Schluckend nickte sie, woraufhin Azazel genervt seufzte. „Wenn du nochmal mit ihm redest, töte ich dich, kapiert?", warnte er sie, bevor er sich zum gehen wandte. „Und denke dran, komm heute gegen acht vorbei. Wir sehen uns dann." Bevor sie antworten konnte, war er bereits verschwunden und ließ sie besorgt zurück. Manchmal bereute sie es wirklich, die Stelle im Palast angenommen zu haben.


Als Iblis Rins Zimmer betrat, rechnete der Halbdämon mit Ärger. Seit Samhain hatten sie sich relativ selten gesehen, in der Regel nur zum Training und hin und wieder zum Essen. Der Feuerdämon war überraschend zurückhaltend geworden und stichelte weniger als zuvor. Manchmal war er beinahe schon nett, aber der jüngere Dämon war dennoch misstrauisch. „Was ist los? Ich dachte, dass das Training ist für heute fertig ist?", fragte er verwundert. Iblis antwortete nicht sofort und warf ihm stattdessen etwas zu, dass er reflexartig auffing. Verwirrt starrte er auf die Plastiktüte und erkannte zu seiner Überraschung japanische Schrift. „Ich war heute in Japan und hatte was zu erledigen. Weil ich Zeit übrig hatte, habe ich was für dich und für anderen mitgebracht. Gewöhn dich aber nicht dran." Zögerlich griff Rin in die Tüte und griff nach der Verpackung darin. Seine Augen weiteten sich. „Mochis?!"

„Japp. Beel und Amaimon stehen total auf die und ich wusste nicht wirklich, was du magst, also hab ich das dann auch für dich gegriffen.", erwiderte Iblis schulterzuckend. „Was denn?", knurrte er, als Rin ihn mit großen Augen anstarrte. „Hast du da Glas rein gepackt? Oder doch Menschenfleisch?", fragte er verbittert, woraufhin der Baal die Augen verdrehte. „Klar. Da sind mit Weihwasser gefüllte Rasierklingen drin. Mal ehrlich, hab ich bisher je was getan, um dir zu schaden?"

„Ja, hast du.", zischte Rin verbittert. Zwar hatte er ihn noch nie mit einer Waffe angegriffen, aber allein beim Training attackierte er ihn mit wachsender Begeisterung. Als Kind war er ihm eindeutig lieber. Iblis wirkte für einen Moment überrumpelt, zuckte dann aber mit den Schultern und verschränkte beinahe trotzig wirkend die Arme. „Probiere doch einfach." Noch immer ein wenig misstrauisch, riss Rin die Packung auf und biss zögerlich in den erstbesten Mochi. Er konnte sich zu gut daran erinnern, wie Shiro ihnen früher oft Süßigkeiten mitgebracht hatte und sie diese dann gemeinsam am Abend gegessen hatten, während sie einen Film schauten oder Brettspiele spielten. Es gehörte zu seinen mit Abstand schönsten Erinnerungen und tatsächlich musste er Tränen unterdrücken, als er den vertrauten Geschmack auskostete. „Danke.", murmelte er leise. Iblis nickte langsam, beinahe schon peinlich berührt. „Ja, was auch immer. Du-" Bevor er den Satz beenden konnte, wurde er von Amaimon unterbrochen, welcher plötzlich hinter ihm stand. „Komm mal mit. Wir haben ein Problem.", berichtete und warf einen flüchtigen Blick Richtung Rin. „Jetzt."

„Worum geht es?"

„Die Attentäter."

Rin horchte auf, doch zu seiner Enttäuschung nickte der Baal ohne weiteren Kommentar und verließ mit Amaimon das Zimmer. Er stand schnell auf und hechtete zur Tür, doch musste zu seinem Missmut feststellen, dass er nichts hören konnte. Was genau hatte es mit diesen Attentätern auf sich?


„Also, was ist passiert?", fragte Iblis, kaum dass die Tür ins Schloss gefallen war. „Sind das noch die von gestern?"

„Nein, sind neue. Sie hatten es scheinbar wieder auf Rin abgesehen.", erklärte der Erdkönig knapp. Seit Samhain hatten ständig verschiedenste Dämonen versucht, in den Palast einzudringen und Rin umzubringen. Natürlich waren sie nicht weit gekommen und der Halbdämon hatte nichts davon bemerkt. Dummerweise hatten sich die meisten getötet, bevor sie befragt werden konnte, der Rest hatte allerdings nicht viel sagen können. Sie wussten nur, dass sie Informationen aus einem ihrer Paläste kam. Es irritierte sie immens, dass sie nicht herausfinden konnten, wer dahinter steckte und man ihnen konstant Ärger machte. Das schlimmste daran: Ihr Vater war noch gereizter als sonst und das konnte sehr hässlich enden. Amaimon würde am liebsten zurück nach Assiah, andererseits wäre es dort wesentlich langweiliger ohne seinen jüngsten Bruder und Samael würde nur wieder schimpfen, wenn er zu viele Exorzisten tötete. Sein älterer Bruder konnte so langweilig sein. Früher hatte er ihm freie Hand gelassen und jetzt bekam er schon Ärger, weil er fast ein paar mickrige Adepten getötet hatte. Jetzt waren sie ohnehin tot, also wozu der ganze Trubel? Allerdings war es ihm ohnehin ein Rätsel, wie der Zeitdämon so einfach mit seiner Aktion davon gekommen war. Ihr Vater war rasend vor Zorn gewesen, als Rin nirgends aufzufinden war und hatte seine Wut entsprechend deutlich gemacht. Die folgenden Jahre waren ein Minenfeld gewesen. Die kleinsten Dinge hatten ihn explodieren lassen und sogar die Baal hatten sich davor gehütet, zu lange in seiner Nähe zu bleiben. Keiner hatte Lust, das nochmal mitmachen zu müssen. „Ich verstehe es nicht. Es kann kein Zufall sein, dass sie gerade jetzt angreifen wollen, wo Rin am verwundbarsten ist. Andererseits sind wir ständig in seiner Nähe, wollen sie unbedingt sterben?!" Amaimon zuckte mit den Schultern, nicht schlauer als der Rest. „Mich würde es eher interessieren woher sie wissen, dass er so lange außer Gefecht war. Wenn das die Rebellen wirklich durch Informanten aus einem unserer Paläste wissen…" Er brach ab, doch Iblis verstand worauf er hinauswollte. Woher sollten Bedienstete in ihren Palästen über Rins Zustand Bescheid wissen? Das war nicht möglich, sie hatten es niemanden gesagt-

Iblis blieb abrupt stehen, als ihn die Erkenntnis traf. Einer Person hatte er davon erzählt…jemand die eindeutig Interesse daran haben könnte, dass sie Rin nicht zur Eroberung Assiahs benutzen konnten. „Ich muss weg. Mir ist grad was eingefallen.", knurrte er und stürmte in sein Zimmer, einen verwirrten Amaimon zurücklassend. Wenn es wirklich sie war, würde sie sich wünschen, niemals geboren worden zu sein! „Iblis, bist du da?", hörte er derweil Egyn von draußen rufen, doch er ignorierte ihn. Es gab jetzt wichtigeres. Er kramte in seinen Schubfächern bis er den gesuchten Schlüssel fand und stürmte damit zu einer der Türen. „Iblis, was machst du denn?!", fragte Egyn plötzlich hinter ihm, sichtlich geschockt. „Lass mich, ich hab' was zu erledigen!", fauchte der ältere Baal, rammte den Schlüssel mit mehr Kraft als nötig gewesen wäre, ins Schloss, drehte ihn um und öffnete die Tür. Sekunden später stand er in seinem Zimmer in seinem eigenen Palast, Egyn war ihm dicht auf den Fersen, doch er ignorierte ihn. Stattdessen stürmte er weiter in Shuras Zimmer und jagte ihr damit einen gehörigen Schrecken ein. Mit schnellen Schritten ging er auf sie zu, inzwischen so wütend, dass einige seiner Flammen hervorschlugen, doch es kümmerte ihn nicht. „Iblis, was-", setzte sie an, doch der Baal griff sofort nach ihrem Hals und drückte ihr die Luft ab. „Du hast mich angelogen!", zischte er, die ehemalige Exorzistin mit einem abfälligen Blick anstarrend. „Dachtest du wirklich, du kommst damit davon? Tja, denke nochmal nach!" Er drückte noch fester zu, die rothaarige versuchte nach Luft zu schnappen und griff nach seinen Armen, um sie zu wegzustoßen, natürlich war es zwecklos. Egyn beobachtete das ganze wie vom Donner gerührt, aber dennoch mit einem Gewissen Funken Euphorie. „W-Wovon…spr…ichst d-du?", krächzte Shura hervor. „Ach, tu nicht so! Du warst es, die den Rebellen die Infos gegeben hat, damit sie Rin umbringen, nicht wahr? Niemand sonst wusste von Rins Zustand und ich wette, sie haben dir was für versprochen, nicht wahr?", fauchte der Baal und stieß sie gegen die Wand. Shura schnappte nach Luft, funkelte ihn dann jedoch wütend an. „Spinnst du?! Warum sollte ich das tun?! Warum sollte ich versuchen, Rin töten zu lassen?!"

„Vater hat dann kein Gefäß, um Assiah zu erobern.", knurrte Iblis, doch die ehemalige Exorzistin dachte gar nicht daran, dass auf sich sitzen zu lassen. „Ich würde niemals etwas tun, um ihm zu schaden!", fauchte sie Iblis an. „Ich habe keinen Kontakt zu irgendwelchen Rebellen, wie denn auch?!"

„Lüg mich nicht an!" Erneut ging Iblis ihr an der Gurgel und drückte zu. „Ich habe genug von deinen Lügen, ich-"

„Ich…lüge….nicht!", zischte Shura erneut hervor. „W-Wirklich nicht! Ich schwör's!" Für einige Sekunden starrte Iblis sie an und zu seiner Überraschung…glaubte er ihr. Er spürte keine Lügen und auch ihr Gesicht und ihre Körperhaltung deuteten an, dass sie die Wahrheit sagte. Langsam ließ er los, woraufhin Shura sofort auf die Knie fiel und erneut nach Luft schnappte. „Du warst es wirklich nicht, was?", murmelte er.

„Das sag ich doch!", hustete Shura hervor. „Ich habe damit nichts zu tun!"

„Iblis, erzähl mir nicht, dass du ihr glaubst!", rief Egyn und trat einige Schritte nach vorn. „Sie ist die einzige, die es wissen kann!"

„Und warum fühlt es sich dann an, als würde sie die Wahrheit sagen?! Bisher habe ich es immer gemerkt, wenn sie gelogen hat!", konterte Iblis.

„Und wer was es dann?!", fauchte Egyn zurück und wandte sich Richtung Shura. „Es kannst nur du gewesen sein!"

„Ich war es aber nicht und ich habe mit niemanden über Rin geredet!" Kaum hatte sie das gesagt, hielt sie inne und ihre Augen weiteten sich. „Hmm? Was ist?", fragte Iblis stirnrunzelnd. Bevor Shura antworten konnte, öffnete sich die Tür und Hestia betrat den Raum, hielt jedoch beim Anblick der Baal inne. Shuras Gesichtsausdruck verriet alles: Sie hatte die Sache mit Rin zumindest ihr gegenüber erwähnt. Vielleicht hatten sie soeben ihre Schuldige gefunden.