12. Spiele
Das Feuer, das scheinbar aus dem Nichts kam, war plötzlich überall und brannte alles nieder. Der Baum, unter dem Marvel noch kurz zuvor gestanden hatte, zerbröckelte bereits zu Asche, als die orangen Flammen an seiner blühend-grünen Baumrinde züngelten und sie in ein totes kohleartiges schwarzes Etwas verwandelten. Ihre kleine Lichtung hatte sich innerhalb von Sekunden in ein rotes Inferno verwandelt.
Clove zögerte keinen Moment.
Ohne einen Gedanken an die anderen zu verschwenden stürzte sie in den einzigen Teil des Waldes, der nicht in Flammen stand. Sie rannte so schnell sie konnte. Ihre Füße berührten dabei kaum den Boden. Sie keuchte und versuchte so weit wie möglich von der Hitze wegzukommen, die ihr rasch folgte und bereits ihren Rücken erreichte. Rauch begann allmählich ihre Lungen zu füllen und das Atmen wurde schwieriger. Ihre Nebenhöhlen versengten innerhalb von Sekunden und sie bekam heftige Kopfschmerzen, als sie ihr Tempo in der Nähe eines Baumdickichts verlangsamte – einerseits, weil sie das Husten nicht stoppen konnte, das ihren Körper durchzog, da ihre Kehle versuchte sich vom erstickenden Rauch zu befreien, und andererseits, weil sich der Pfad, dem sie folgte, in zwei Richtungen aufteilte. Sie hatte zwei Möglichkeiten, aber sie hatte keine Zeit, eine rationale Entscheidung zu treffen. Automatisch bog sie links ab.
Ihr Sprint war nicht mehr annähernd so schnell, wie zuvor, aber es hätte sowieso keinen Unterschied gemacht, denn im selben Moment, in dem sie loslief, hörte sie das knackende, herabstürzende Ächzen von etwas Großem und Schnellem, das direkt auf sie zukam. Sie ließ sich auf den Boden fallen, nicht eine Sekunde zu früh, und hörte dabei den Feuerball an ihrem Kopf vorbeizischen, der sie haarscharf verfehlte und stattdessen die Bäume rechts neben ihr in Brand setzte, als er in sie hinein krachte.
Sie rannte bereits, noch ehe sie überhaupt ganz auf den Beinen war. Doch noch bevor sie mehr als vier Schritte machen konnte sauste ein weiterer Feuerball auf sie zu. Diesmal hatte sie nicht so viel Glück. Sie bückte sich schwerfällig und es gelang ihm ihren Rücken zu treffen.
Sie schrie. Der Schmerz kam sofort und glühend heiß. Das Material ihrer Jacke ging in Flammen auf. Sie riss das brennende Ding herunter, bevor es noch mehr von ihr erreichen konnte. Doch es war zu spät – ihr Rücken war bereits schwer verbrannt. Bei jeder stechenden Schmerzwelle wollte sie erneut aufschreien, doch der Gedanke an die Viehzüchter aus Zehn oder an die Mutter aus Sieben genügten, um den Impuls zu unterdrücken – das würde sie ihnen nicht gönnen. Und dennoch reichte das unerträgliche Glühen ihrer Haut aus, dass sie sich noch schwindelerregender und desorientierter fühlte, als zuvor. Sie wusste, dass sie hier raus musste. Als sie sich jedoch aufraffte, um weiterzugehen, konnte sie nur zurückstolpern, um einem weiteren Feuerball auszuweichen.
Wenn sie nicht gehen konnte, dann würde sie eben kriechen. Das war das Werk der Spielemacher. Diese Bastarde. Wenn sie jetzt nur hier bei ihr wären, dann würde Panem eine wirklich gute Show geboten bekommen. Sie dachte an sie, wie sie in ihren Sitzen im Kapitol saßen, so weit weg von dem Ort, an dem sie sich gerade befand, und wie sie träge miteinander plauderten. Sie hasste sie. Und sie verstand ihre Beweggründe nicht – warum wollten sie sie töten wollen? War nicht sie deren Unterhaltung? Was sie nicht das, was ihre Show ausmachte? Sie fragte sich, ob sie sie wegen ihrer Feindseligkeit tot sehen wollten. Das würde Sinn machen. Hunde, die zwei Ihresgleichen kämpfen sahen, würden nur dazu stoßen und mitmachen – Menschen waren da nicht anders. Sie war sich sicher, dass das gesamte Kapitol, während sie das Mädchen aus Acht getötet hatte, ihre Nägel in ihre fein gepolsterten Sofas gegraben, ihre Zähne zusammengebissen und ihre Augen geweitet hatten – sie wurden für einen Moment zu Tieren, während sie das Blut des Mädchens auf jede erdenkliche Wiese aufsaugten.
Und dann dämmerte es ihr: Die Spielemacher versuchten nicht sie zu erledigen. Sie versuchten das Verlangen nach Blut, dass die Leute hatten, zu befriedigen. Sie führten sie irgendwo hin. Diese Feuerbälle bedeuteten also, dass sie nicht in die richtige Richtung gingen.
Mit dem bisschen Energie, die sie noch besaß, raffte Clove sich auf und analysierte in weniger als einer Sekunde ihre Umgebung. Beinahe alles um sie herum stand in Flammen. Zumindest dachte sie, dass es alles war, bis sie sich nach rechts drehte und einen winzigen grünen Fleck unter all dem Schwarz und Rot sah – das dichte Gestrüpp, aus dem die Gabelung bestand, blieb unberührt. Sie musste direkt dadurch. Sie hatte keine andere Wahl.
Also tat sie es. Die Zweige gruben sich schmerzhaft in ihren Rücken, was mit jedem Schritt, den sie tat, immer ernster zu werden schien. Nur das was vor ihr lag trieb sie an. Zeigt mir den Weg, Spielemacher, zeigt mir den Weg Die Aussicht auf einen weiteren Mord bewirkte einen Hurrikan in ihr, dem das Überleben selbst nicht standhalten konnte. Ein Hai schlängelte sich für einen kurzen Moment durch die dunklen Abgründe ihre Seele, bevor er sich vollständig auflöste.
In dem Moment, in dem sie durch den letzten Busch fiel, der zu der anderen Lichtung führte, hatte sie die anderen schon fast vergessen. Sie war eher von dicken Rauchwolken angegriffen worden, als von echten Flammen. Sie konnte kaum etwas anderes hören, als ihren eigenen Husten und das schmerzhafte Klingeln in ihren Ohren, doch sie konnte gedämpfte Stimmen wahrnehmen, bevor eine ganz bestimmte zu ihr durchbrach.
„Clove!"
Sie bemerkte, dass das tiefe Brüllen zu Cato gehörte. Zuerst entschied sie sich dazu ihn aus purer Boshaftigkeit zu ignorieren, bis er erneut rief, diesmal lauter und näher als zuvor. „Clove!"
„Ich bin hier!", rief sie zurück.
Sie hörte das Klappern seines Schwertes und der Messer an seinem Gürtel lange bevor sein monströser schwarzer Schatten durch die graue Wand brach, die sie umgab.
Catos große Hand wedelte den blauen Rauch vor ihm weg und er stand vor ihr, seine farblosen Augen durchbohrten fast den Nebel zwischen ihnen. Einen Moment lang standen sie voreinander, ohne etwas zu sagen. Cato hielt sie nur in seinem Blick gefangen, seine Lippen fest zusammen gepresst. Dann wirbelte er herum und schnauzte die anderen an.
„Was zur Hölle war das?", brüllte er und trat gegen den Erdboden.
Vier weitere Silhouetten versammelten sich in dem Nebel, der anfing sich rasch aufzulösen und Clove erkannte, dass sie alle überlebt hatten. Und obwohl sie alle zerzaust aussahen, befand sich keiner von ihnen in so einem schlechten Zustand, wie sie. Marinas Haare schienen versengt worden zu sein und standen in alle Himmelsrichtungen ab. Loverboy hustete immer noch und Clove konnte sehen, dass seine Hände verbrannt waren. Marvel humpelte leicht, während Glimmer groß und aufrecht stand – die unberührteste von allen. Natürlich ging es Glimmer prächtig. Clove konnte es so deutlich sehen: die Blondine, wie sie wie eine Nymphe durch den Wald sprang und das Feuer mied, als wäre es überhaupt keine Gefahr, sondern nur ein Freund, der versuchte, sie einzuholen. Cloves Lippe zuckte.
Das Spotten und Meckern der anderen, das auf Catos Frage hin folgte, lenkte sie für einen Moment davon ab, Glimmer zu hassen. Sie stellte fest, dass niemand sonst zu dem Schluss gekommen war, den sie über das Motiv der Spielemacher erreicht hatte. Clove wollte sie gerade anschnauzen, was für Idioten sie alle waren, als sie das entfernte Geräusch von Wasserspritzen hörte.
In der Quelle, die in einiger Entfernung von ihnen sprudelte, sah Clove sie. Sie watete durchs Wasser, versuchte verzweifelt ihnen zu entkommen. Der typische braune Zopf, der an ihrem schmutzigen Nacken herabhing, war vom Wasser ganz schwarz. Aber es gab kein Entkommen. Clove stockte der Atem. Diesen Moment hatte sie schon so lange herbeigesehnt, seit der Nacht, in der die Trainingsergebnisse verkündet worden waren. Sie sehnte sich nach dem Blut des Mädchens auf eine Weise, die nur noch intensiver wurde, wenn sie es nicht bekommen konnte. Während der Interviews hatte es einen Moment gegeben, in dem sie nur eine Armeslänge entfernt und immer noch unerreichbar gewesen war. Doch jetzt war sie da – endlich, endlich war sie da. Ihr Herz wallte vor unerträglicher Aufregung. Oh, wie falsch Cato lag, wenn er dachte, er würde sie töten. Sie hatte schon immer Clove gehört.
Niemand würde zwischen sie und diesen Tribut kommen.
Wie zur Bestätigung, dass dies alles nicht nur ihrer Fantasie entsprang, hörte sie, wie Marvel ein einziges Wort zischte:
„Zwölf."
Ja, dachte Clove und ihr Herzschlag setzte für einen Moment aus. Der Schmerz in ihrem Rücken war schon fast vergessen. Beinahe hätte sie sich herumgedreht und den Spielemachern Küsse zugeworfen, um ihnen ihren tiefempfundensten Dank für ihr Geschenk zu zeigen. Dieses Feuer war es sowas von wert gewesen.
Als sie losrannten, sah Clove, wie sie sich zu ihnen umdrehte, und selbst aus der Ferne konnte sie das instinktive Funkeln in den grauen Augen des Mädchens sehen. Liebe, süße Katniss.
Endlich habe ich dich, du kleines Miststück.
Jeder einzelne Schnitt, den Clove in ihrer Vorstellung mit ihrem Messer auf der Haut des Mädchens hinterlassen hatte, würde sich schon bald in Realität verwandeln. Und ihre markerschütternden Schreie würden endlich Cloves Trommelfelle durchbohren und durch das gesamte Land schallen, während sie bei ihrem Kampf zusahen. Dieser Tod wäre wunderschön.
Clove rannte schneller.
Zwölf hatte einen Vorsprung, aber sie war langsam – sogar noch langsamer als sie, wenn man ihren Zustand bedachte. Cato hatte sich schnell an die Spitze der kleinen Formation, die sie geschaffen hatten, gebracht – mit Glimmer und Marvel auf gegenüberliegenden Seiten und Marina, die den Schluss bildete. Doch Clove wollte kein Teil davon sein. Sie wollte nur dieses Mädchen. Trotzig löste sie sich von ihnen, flog beinahe durch die Luft, an Cato vorbei.
Sie wusste, dass sie sie hatte – Zwölf wurde in der Nähe eines Baumes langsamer, genau innerhalb Wurfweite. Clove hatte ihr Messer bereits in der Hand, mit dem Vorhaben sie am linken Bein zu erwischen – an einer Stelle, die nicht zum Tode führte – gerade um sie soweit zu verlangsamen, dass Clove sie in die Hände bekam. Doch bevor sie es schleudern konnte sprang das Mädchen in die Äste und begann den Baum hinauf zu flitzen, als wäre sie nichts anderes als ein Eichhörnchen. Clove erreichte als Erste den Baum, dicht gefolgt von den anderen.
Wie erbärmlich sie aussah, als sie mit weit aufgerissenen Augen zu ihnen hinabsah. Dachte sie wirklich, dass sie auf diese Art in der Lage wäre ihnen zu entkommen? Wenn dann hatte sie sich nur noch mehr in die Enge getrieben. Jetzt kannst du nirgendwo mehr hinlaufen, Katniss. Ein Lächeln kroch auf Cloves Lippen.
Ihr Körper befand sich immer noch in der Position, jederzeit weiter zu klettern. Clove sah, wie sich ihre Schultern hoben, als sie einen tiefen Atemzug nahm. Dann war sie diejenige, die die Stille durchbrach.
„Wie geht's denn so?", rief Zwölf fröhlich zu ihnen herab, was Clove nicht erwartet hätte. Dabei hätte sie angenommen, dass das Mädchen panisch reagieren würde, sobald sie sie finden würden; vergleichbar mit der Reaktion, als ihre kleine Schwester während der Ernte ihres Distrikts aufgerufen worden war. Das Lächeln auf Cloves Gesicht war verschwunden und zeigte stattdessen fest aufeinander gepresste Lippen.
„Ganz gut", antwortete Cato. Ihm gelang es besser, dem Mädchen zu trotzen. „Und selbst?"
„War ein bisschen warm für meinen Geschmack", sagte Zwölf nachdenklich. „Hier oben ist die Luft besser. Warum kommt ihr nicht hoch?"
Cloves Finger griffen fester um ihr Messer. Sie konnte die Unverschämtheit dieses Mädchens nicht länger ertragen. Sie würde ihr diesen dreisten Mund zerschneiden, bis er nur noch eine nicht wiederzuerkennende blutige Masse in ihrem Gesicht war.
Sehen wir mal wie mutig du bist, wenn du nicht mehr in diesem Baum sitzt.
„Kannst du haben", sagte Cato. Clove sah nun zu ihm. Das Grinsen auf seinem Gesicht, während er zu Zwölf hinaufblickte, glich eher einem Zähnefletschen, und seine Augen brannten auf eine Weise, wie Clove sie noch nie zuvor gesehen hatte. Aber sie wollte nicht, dass er sie bekam. Clove wollte sie.
„Nimm das hier, Cato", sagte Glimmer, die ihm Pfeil und Bogen hinhielt.
„Nein", knurrte Cato sie an und brach den Blickkontakt zu Zwölf nur für einen Moment, um den Bogen gewaltsam von sich wegzudrücken. Sein Lächeln wurde noch breiter, als er sagte: „Mit dem Schwert geht's besser."
Mit einem kleinen Ächzen zog Cato seinen riesigen Körper mit Leichtigkeit am nächsten Ast hoch. Zwölf beobachtete ihn dabei nur einen kurzen Moment, ehe sie den Baum wieder weiter hinauf krabbelte. Als Clove sie hochklettern sah, fiel ihr auf, wie dünn das Mädchen war. Es schien, als würde sie aus überhaupt nichts bestehen, so leicht wie eine Feder. Zwölf war sogar kleiner als Clove – was vermutlich an der jahrelangen Unterernährung in diesem verarmten, geschwächten, kleinen Distrikt lag, aus dem sie kam. Cato andererseits war nicht klein, ganz im Gegenteil. Als er wie ein riesiges, kräftiges Ungeheuer, das aus der Tiefe hervorkroch, von Ast zu Ast kletterte, wusste sie, dass es keinen Weg gab, dass er sie erreichte.
Clove wollte, dass sie fiel. Sie war hoch genug, dass sie stark verletzt wäre und große Schmerzen hätte. Es wäre perfekt; Cato wäre oben in den Ästen und Clove hätte gerade genug Zeit, um das zu tun, was sie mit dem Mädchen tun wollte. Und sie wusste, dass sich keiner der anderen einmischen würde.
Doch stattdessen war es Cato, der fiel. Es gelang ihm erstaunlich hoch zu kommen, bevor das starke, zersplitternde Knacken durch die Luft riss und er durch das Geäst fiel, und, als er den Boden traf, hart aufschlug.
„Diese verfickte Schlampe!", knurrte Cato wie ein Hund und er sprang vom Boden beinahe genauso schnell wieder auf, wie er ihn getroffen hatte. Er begann auch wie einer auf und ab zu gehen, wobei er nur nach oben ins Geäst schaute, während eine Million verschiedenster Beleidungen aus ihm heraussprudelten, mit einigen, die Clove noch nie zuvor gehört hatte. Natürlich war er wütend. Das Mädchen, das in Flammen stand, hatte es geschafft ihn wie einen Idioten aussehen zu lassen.
Aber Cato war dumm. Clove konnte ihre Fähigkeiten besser verstehen, als er seine eigenen. Sie versuchte sich soweit auf ihre Gedanken zu konzentrieren, um einen Weg zu finden, an das Mädchen heranzukommen, doch Catos Stimme störte sie dabei, als er Glimmers Namen schnauzte.
„Geh da rauf!", befahl er und deutete auf die Bäume.
Glimmer schritt an ihm vorbei mit einer festen Entschlossenheit im Gesicht, die nicht einmal Clove in Frage stellen konnte. Selbst sie war unbestreitbar verärgert. Sie zog Pfeile und Bogen auf ihren Rücken und sprang in die Äste, wobei sie den Baum etwas anmutiger erklomm, als Cato es getan hatte. Sie war nicht sehr hoch, als sie unter ihren Füßen zu knacken begannen, doch anstatt zu fallen hüpfte sie zu Boden. Mit einem verärgerten Schrei griff sie nach ihrem Bogen und zielte mit einem Pfeil direkt auf Zwölf. Als sie losließ verfehlte sie natürlich vollkommen ihr Ziel.
Zwölf streckte ihre Hand aus und schnappte sich den Pfeil von der Stelle an der er im benachbarten Baum gelandet war und wedelte anschließend mit ihm über ihren Köpfen.
Allein bei dieser Geste überfiel sie Wut, als wäre es ein wirklich greifbares Wesen, das aus jedem Winkel des Waldes auf sie zukam, und ihren Körper erfüllte, bis sie kaum noch stehen konnte. Es reichte beinahe aus, dass ihr schwindelig wurde. Ihre Sicht schien sich an den Rändern zu verdunkeln, wie es so oft der Fall war, und sie sah nur noch Katniss, wie ihre entfernte Gestalt immer höher und höher in den Ästen verschwand – vollkommen außerhalb ihrer Reichweite. Wieso war sie immer außer Reichweite? Clove wollte schreien.
Deshalb schritt sie auf und ab und versuchte ihre Atmung zu kontrollieren. Vor Wut wurde ihr beinahe schwindelig. Ihre Gedanken konnten sich nicht mehr richtig zusammensetzen – sie spiegelten nur das wider, was Cato gesagt hatte:
Diese kleine verfickte Schlampe. Diese stinkende, widerliche, schmutzige kleine verfickte Schlampe.
„Sie lässt uns wie Idioten aussehen", zischte Marvel. Die anderen hatten sich zu einer Gruppe zusammengefunden, doch Clove wusste nicht, ob sie es in diesem Moment aushalten konnte, so nah an einem lebenden Wesen zu stehen, ohne es zu töten.
„Sie ist wie eine Ratte, so wie sie die Bäume hochflitzen kann", sagte Glimmer.
„Also, was werden wir tun?", fragte Marina verärgert. „Es wird dunkel, wir haben nicht viel Zeit."
„Wir werden dieses beschissene Miststück töten", knurrte Cato wütend, mit einem finsteren Blick zu den anderen. Dann wandte er sich an Clove, sein Gesicht so rot, als würde er vor Wut beinahe platzen. „Wieso machst du dich nicht einmal nützlich?"
Clove erstarrte. Was hatte er gerade gesagt?
„Wirf deine scheiß Messer!", schnauzte er.
Seine Dummheit war unglaublich. Clove konnte sich nicht einmal davon abhalten, auf ihn zuzugehen. Ihre Kiefer pressten sich fest aufeinander und doch konnten sie sich soweit voneinander lösen, sodass sie sagen konnte: „Sie kommen nicht so hoch, du Vollidiot!"
Catos Oberlippe zuckte. Bevor er allerdings ein Wort sagen konnte meinte Loverboy barsch: „Ach, lasst sie einfach da oben. Sie kann ja nirgendwohin. Wir nehmen sie uns morgen vor."
Der ganze Ärger, der zu einem konzentrierten Ball in Cloves Brust aufgestiegen war, fand sein neuestes, am nächsten gelegenes Ziel. Sie wandte sich zu Loverboy. Nun, sie hatten das Mädchen gefunden, nicht wahr?
„Ist das so?", fragte Cato, der so klang, als würde er vielleicht auf dieselbe Art empfinden, wie sie. Er schlich um Loverboy herum wie eine Dschungelkatze. „Und was ist mit dir, Loverboy? Wir haben deine kleine Freundin in diesem Baum in die Enge getrieben. Was machen wir also mit dir?"
Clove trat unwillkürlich einen Schritt vor.
„Töten wir ihn."
Sie bemerkte erst, dass sie die Worte laut ausgesprochen hatte, nachdem ihr jeder den Kopf zuwandte. Sein Blut würde ausreichen, wenn sie das Mädchen nicht sofort kriegen konnten. Der Gedanke allein reichte aus, um sie zu reizen. Jetzt brauchte sie es. „Töten wir ihn", wiederholte sie. „Wir brauchen ihn nicht mehr."
In diesem Moment traf Loverboy ihren Blick, aber seine Augen zeigten keine Angst. Vielmehr zeigten seine ruhigen blauen Augen etwas, das so winzig war, dass es nicht nur nicht zu seinem Gesichtsausdruck passte, sondern für die anderen, und vielleicht auch für Panem, völlig unsichtbar blieb. Doch sie sah es und sie würde es niemals wieder übersehen können.
Es war Missachtung.
„Wieso sollte ich es nicht tun?", sagte Cato zu Loverboy, doch Clove konnte ihn nicht sehen. Sie sah nur Loverboy und seine Augen.
„Weil er sich sein Recht unter uns verdient hat", antwortete Marina. Sie machte einen kleinen Schritt und stellte sich neben Loverboy. Sie hob ihr Kinn zu Cato. Von allen Mädchen in ihrer Allianz war Marina die Größte und die Breiteste. Doch sie war immer noch nichts im Vergleich zu Cato. Mit einem Grinsen senkte er seinen Kopf, sodass sein Gesicht nahe bei ihrem war.
„Wirklich? Weil ich nicht einmal glaube, dass du es getan hast", konterte er. „Was hält mich also davon ab euch beide zu töten?"
„Nichts", sagte Clove, vertieft in die Interaktion. Ihre Hände verkrampften sich um ihre Messer, als sie einen Schritt vorwärts machte.
„Schwachköpfe!", zischte Marvel plötzlich, sein Gesicht angewidert verzogen. Dann sprach er mit gedämpfter Stimme. „Genau jetzt werden wir gerade lächerlich gemacht. Bin ich der Einzige, der sehen kann, dass sie uns immer noch dumm aussehen lässt?"
Dann richtete er seinen Speer auf Cato. „Befass dich mit Loverboy sobald wir das Mädchen tatsächlich erwischt haben. Offensichtlich ist sie ein gerissenes kleines Biest und vielleicht nicht so dumm, wie man angesichts ihres Distrikt annehmen würde." Er stoppte kurz und schmunzelte Loverboy zu, ehe er fortfuhr. Er hob sein spitzes Kinn, um in die Bäume zu schauen, während er sagte: „Wer weiß, ob sie einen Weg finden wird, uns wieder zu entwischen."
Bei seinen Worten schlug Cato den Speer hart beiseite. Er stoppte kurz, als er dicht an Marvel vorbeiging und knurrte: „Unmöglich."
Während der Dämmerung konnte Cato sehen, dass sie Probleme hatte.
Auch wenn sie weit oben in diesem Baum saß konnte er es immer noch sehen. Zwischen den schwarzen Blättern wandte sie ihm den Rücken zu, doch er konnte sehen, wie ihre weißen Hände flatterten wie Motten und sie arbeiteten, um einen Teil von ihr zu behandeln. Hände – ihre Hände. Er würde jeden verdammten Finger an diesen Händen brechen, in der Sekunde, in der ihre schmutzigen Füße den Boden berührten. Dieses Miststück. Sie kannte keinen Schmerz. Er würde ihr beibringen, was es bedeutete, Schmerz zu fühlen.
Doch wann? Verdammt, wann? Wie lange würde sie dort oben sitzen? Er konnte es nicht ertragen zu warten. Cato bekam immer, was er wollte, wenn er es wollte. Und er wollte dieses Mädchen. Wieder einmal wiederholten seine Erinnerungen ihr Gesicht, wie sie ängstlich, aber hoffnungsvoll von den Ästen auf ihn hinab starrte, direkt nachdem er gefallen war.
Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Nein, er würde nicht daran denken. Er würde nicht daran denken, wie es ihr gelungen war, ihn zu übertreffen. Er würde nicht daran denken, wie die kompletten Zuschauer gesehen hatten, wie er fiel. Also fuhr er damit fort, an all die Möglichkeiten zu denken, wie er ihre Knochen zertrümmern würde, einen nach dem anderen. Ihre Schreie erfüllten seine Ohren und er wiederholte sie wieder und wieder, bis sie das einzige waren, was er hören konnte.
Aber sie waren nicht real. Seine Zähne pressten sich hart aufeinander. Sie waren verdammt nochmal nicht real. Sie war in diesem Moment immer noch am Leben und vollkommen unerreichbar. Er hatte keine Geduld. Adrenalin jagte durch seine Venen.
Dann stupste jemand gegen seine Schulter. Automatisch zog er das Schwert, bevor er den Kopf auch nur drehte, um Glimmer zu erkennen, die spielerisch die blonden Augenbrauen auf ihrem blassen Gesicht hochzog, das von den Flammen ihres Feuers orange gefärbt wurde.
„Cato, immer so ernst", sagte sie mit einem schalkhaften Lächeln auf ihren perfekt geformten Lippen. Cato wandte sich von ihr ab. Er war nicht in Stimmung. Und wenn Glimmer schlau war, dann würde sie so weit wie möglich von ihm wegbleiben. Das wussten auch die anderen. Vor allem Loverboy.
Aber das tat sie nicht. Stattdessen konnte sie ihre beschissene Klappe nicht halten.
„Wirst du die ganze Nacht dort hoch starren?", fragte sie. Er gab ihr jedoch eine Warnung, indem er sich zu ihr umdrehte, um sie anzusehen. Nicht weil er sich großzügig fühlte, sondern weil er nicht das Bedürfnis verspürte, seine Energie an ihr zu verschwenden. Doch dieses unerträgliche Lächeln reichte aus, um Verärgerung durch sein Blut pulsieren zu lassen, was seine Wut nur noch steigerte.
Er konzentrierte sich wieder auf die Bäume, doch im Augenwinkel konnte er Glimmers missbilligenden Blick sehen. Daraufhin schmunzelte er. Sie konnte es nicht ertragen ignoriert zu werden. Letztendlich lehnte sie sich nah an sein Ohr – als ihr Atem ihn streifte erschauderte er – und sie zischte: „Was ist los, Loverboy? Kannst du deine Augen nicht von deiner kleinen Schlampe abwenden, die in den Zweigen gefangen ist?"
Wie gut sie darin war die falsche Zeit auszuwählen.
Sie lächelte, als Cato sich ihr zuwandte. Diese arrogante kleine Hure dachte wirklich, sie könnte ihn genauso behandeln, wie die anderen. Wie lächerlich. Er würde sie ganz genau daran erinnern müssen, wer es war, der die Kontrolle über sie besaß, über ihre Allianz, über dieses ganze verdammte Spielfeld. Genauso wie er Panem daran erinnern würde, für den Fall, dass die Ereignisse des vergangenen Tages sie dies ebenfalls vergessen lassen hatten.
Er stand auf und deutete mit seinem Kopf nur in die Richtung der Bäume, ohne etwas zu sagen. Es war keine Überraschung, dass sie verstand, was dies bedeutete. Sie erhob sich mit herausgestreckter Brust und sah ihn mit geneigtem Kinn an, während sie ihm folgte. Sie sagten nichts zu den anderen. Cato musste sich ihnen nicht erklären. Auch wenn er für einen Moment glaubte, er könne vor allem ein Augenpaar ihn durchbohren spüren – ein sehr dunkles Augenpaar. Wäre er zu diesem Zeitpunkt nicht so kurz vorm Ausflippen, hätte das, was ganz offensichtlich ein seltenes Zeichen von Eifersucht bedeutete, ihn zum Lächeln gebracht. Aber Clove war im Moment nicht sein Fokus.
Stattdessen war es Glimmer – traumhaft schöne, sexy Glimmer, die annahm, er wäre gerade dabei ihr genau das zu geben, was sie wollte. Wie dumm sie war. Als sie tief genug im Wald waren, dass das Feuer ihres Lagers nur noch ein kleiner Lichtfleck war, öffnete sie ihren Mund, um etwas zu sagen, doch er wollte kein weiteres gottverdammtes Wort mehr von ihr hören. Sie hatte kaum einen Laut von sich gegen, ehe er mit seinen Händen ihre schlanken Hüften umfasste und ihren Körper an seinen zog, und seine Lippen so hart gegen ihre presste, dass sie vor Schmerz zusammenzuckte. Er verstärkte den Druck noch mehr.
Sie schien nicht einmal versuchen zu wollen zu verbergen, dass sie so etwas bereits zuvor getan hatte. Sie standen, doch sie drückte immer noch ihre Hüften gegen seine und reckte ihm den Rücken entgegen. In Distrikt 2 hatte er bereits zuvor viele Mädchen wie sie gehabt. Diejenigen, die ihn in der Akademie beobachteten, schmachteten nach ihm, selbst wenn er sie ihm Training zu Boden rang. Für ihn waren sie alle gleich – das einzige, indem sich Glimmer von ihnen unterschied, war, dass sie etwas weicher war, viel weniger aggressiv, und ein Gesicht hatte, das so schön war, dass es zu dem perfekten Körper passte, der sich nun versuchte aus seinem Griff zu entziehen. Mädchen wie sie gab es einfach nicht in Distrikt 2. Es gab allerdings noch einen Unterschied zwischen ihr und ihnen. Zuhause wussten die Mädchen, wo ihr Platz war. Glimmer nicht. Und leider spielte sie in seinen Hungerspielen mit.
Ihre Finger verfingen sich in seinem Haar, aber sie zogen nicht genug daran. Sie saugte an seiner Unterlippe und fuhr mit ihrer Zunge darüber, aber sie biss nicht zu. Sie war einfach zu weich, zu sanft. Zu zerbrechlich. Sie reizte ihn auf eine Art, die sie niemals hätte erraten oder verstehen können. Er erinnerte sich an die Nacht der Interviews, als ein schlankerer, weniger kurviger Körper gegen seinen gepresst war und ein Paar Lippen, die dünner und nicht so voll, doch überraschend stark in der Art wie sie mit der gleichen beeindruckenden Stärke seine getroffen hatten.
Seine Zähne knirschten gegen ihre, als sie versuchte sich zurückzuziehen. Seine Hände zogen heftig an den weichen Locken ihres Haares. Er konnte ihr Zögern spüren. Doch dann wanderten ihre warmen Finger unter sein Shirt, erst hoch und dann sehr schnell hinunter, runter zu seiner Gürtelschnalle. Sie fummelte daran herum, bevor sie sie aus ihren Schlaufen riss. Einen Moment lang überlegte er, ob er sein Vorhaben, weshalb er sie hierher gebracht hatte, vergessen sollte, und ihren Händen einfach zu erlauben weiterzumachen. Aber nein, er würde ihr diese Genugtuung nicht geben.
Dann waren seine Hände überall auf ihr. Auf ihrem Hintern, auf ihrem unteren Rücken, ihren Brüsten, ihrem Bauch. Ihr Atem ging heftiger und sie lehnte sich gegen ihn. Sie umfasste seinen Nacken und ihre Lippen bewegten sich zu seiner Wange. Doch er bewegte sich nicht, bis sie seinen Namen seufzte, bloß einmal.
Er lächelte höhnisch.
Sie erwartete etwas anderes, als er sie umdrehte und sie zu Boden warf. Ungeniert streckte sie ihm den Rücken entgegen. Sie wehrte sich nicht einmal, als er ihre Armen auf ihrem Rücken hielt. Als er jedoch sein Knie hart auf ihr Rückgrat drückte, zeigte ihr Profil ihres Gesichts, als sie sich drehte, um ihn anzusehen, dass sie Angst hatte. Er konnte nicht anders, als diesen Anblick gierig aufzusaugen.
Sie keuchte und schlug um sich, als er ihren Kopf an ihren Haaren hochzog. Dann, als er das Schwert an ihren Hals hielt, begann sie um Hilfe zu schreien. Cato lachte bloß.
„Wer wird dir zu Hilfe kommen?", wisperte er ihr ins Ohr, laut genug, dass Panem es hören konnte. „Marvel?"
Glimmer kämpfte jedoch weiter. Vergeblich widersetzte sie sich, als würde sie ihn abwerfen können. Er zog ihren Kopf weiter zurück, wobei er sie dabei beinahe würgte. Jetzt war sie ruhig, das einzige Geräusch, das sie von sich gab, war ein leises, gedämpftes Wimmern. Zu gedämpft. Verführerisch strich Cato mit dem Schwert mehrmals über ihren Hals, bis ihr Schluchzen so laut wurde, wie er es hören wollte. Ihr Gesicht hielt er für einen weiteren Moment ins Mondlicht – nur für den Fall, dass Panem keine gute Sicht darauf hatte.
Dann stieß er ihren Kopf hart zu Boden und sagte: „Vergiss nicht, wer hier das verdammte Sagen hat."
Diese Botschaft richtete sich nicht nur an Glimmer. Sie richtete sich an Panem, doch mehr als alles andere richtete sie sich an die kleine Schlampe, die in Flammen stand, die in dem Moment bemerken würde, in dem sie zu hungrig, oder zu durstig wurde, wer hier das Sagen hatte. Ihre Zeit war begrenzt.
Bald, versprach er sich.
Er entfernte sich von Glimmer und ließ sie dort, wo sie lag, mit dem Gesicht im Dreck und zitternden Schultern. Clove wusste es besser zu schätzen, dass er sie am Leben gelassen hatte.
Gerade als der Mond aufzugehen begann hatte der Schmerz der Verbrennungen auf Cloves Rücken endlich angefangen sie einzuholen. Sie verfluchte sich selbst für ihre Schwäche – jetzt war nicht die Zeit, um sich auf etwas anderes zu fokussieren, als auf Katniss. Und doch war es schlimm, ziemlich schlimm sogar. Um sich einen Überblick zu verschaffern stand sie lässig auf und drehte ihren Körper von Seite zu Seite, wobei sie vorgab, den Rücken zu strecken. Doch der Schmerz, der darauf folgte, reichte aus, dass sie zusammenzuckte.
Wenn sie sich nur ihr Recht genommen hätte! Dann würde es ihr in diesem Moment vollkommen gut gehen. Wenn Zwölf natürlich tatsächlich runterkommen sollte, glaubte Clove, würde sie wieder nichts fühlen. Selbst ihr Körper wusste, was zu gegebener Zeit am Wichtigsten war.
Es gelang ihren Gedanken, genauso wie ihren Augen, wieder zu dem Mädchen zu wandern. Sie versuchte sie zu erkennen, was schwierig war im übermächtigen Licht ihres lodernden Feuers. Sie stellte sich vor, wie sie bei ihrem Tod weinte und die Tränen Linien auf ihrem schmutzigen Gesicht hinterließen. Ein Teil von ihr wusste jedoch, dass sie das nicht tun würde. Es war seltsam, wie sie Katniss' Charakter beinahe zu verstehen schien, wobei hingegen der ihrer anderen Opfer sie kaum geschert hatte. Vielleicht weil so viel Zeit und Anstrengung in diesen einen Tribut investiert worden waren.
Sie versuchte zu entscheiden, ob sie sie häuten oder ihr tiefe unerträgliche Schnittwunden im Gesicht des Mädchens zufügen würde, als sie sah wie Glimmer zu Cato schlenderte – Cato, der auf einem Baumstamm saß, und ebenso fokussiert auf die Baumkronen über ihnen zu sein schien, wie sie. Obwohl Clove Cato natürlich kaum Beachtung geschenkt hatte; das einzige Mitglied ihres Bündnisses, das sie nun beachtete, war niemand geringeres als Loverboy, dessen Tod sie ebenso energisch zu planen begonnen hatte, wie den seiner Distriktpartnerin – schließlich waren sie ein Liebespaar, wie konnte man es ertragen ohne den anderen zu leben? Genau dieser Gedanke brachte sie fast zum Lachen. Zu diesem Zeitpunkt sah Loverboy sie wieder alle an, am meisten von ihnen Cato. Einmal, als sie ihren Blick von den Bäumen abwandte, erwischte sie ihn dabei, wie er sie anstarrte.
Würde es ihm gefallen zu sehen wie das Mädchen starb? Clove fragte sich wie viel Wahrheit in der Aussage lag, die er im Fahrstuhl gemacht hatte. Sie fragte sich was seine Motivation hinter all dem war. Selbstlosigkeit war etwas, das sie nie verstanden, aber auch nie zu verstehen versucht hatte. Es schien zu unbegreiflich und deshalb war es gefährlich darüber nachzudenken. Daher sagte sie sich, dass es, unabhängig davon, weshalb er bei ihnen war, ein Fehler sein würde, der ihm eher früher als später das Leben kosten würde. Sobald Katniss herunterkam.
Auf einmal sah sie, wie Cato von seinem Platz aufstand, seine Gesichtszüge vor Wut verzerrt – dies alles richtete sich gegen Glimmer, die mit ihrem Hundeblick zu ihm hinaufschaute. Cloves Haltung straffte sich vor Erwartung. Sie war jedoch mehr als überrascht, als sie sah, wie sein Kopf in Richtung Wald ruckte, ohne auch nur ein Wort von sich zu geben. Als Glimmer aufstand glitt sie von ihrem Sitz, ähnlich einer Schlange, die über den Boden kroch. Ihre Körpersprache konzentrierte sich voll und ganz auf eine Sache, die nicht einmal Clove ignorant missverstehen konnte.
Sie wusste nicht, weshalb ihr Kiefer sich plötzlich in dem Moment verkrampfte, in dem sie das Paar im Dunkeln verschwinden sah oder wieso sich etwas Schweres in ihrer Brust bildete – eine Art von Wut, die ihr überraschend fremd war, da sie davon überzeugt war, dass Wut eine Emotion war, die sie in- und auswendig kannte. Sie tat was sie konnte, um das Gefühl zu unterdrücken, doch um ehrlich zu sein war Clove nie gut darin gewesen ihre Wut zu unterdrücken. Wenn es sich um so etwas handelte wie Reue oder Wärme oder sogar Angst, so selten wie es vorkam, wusste Clove wie man sie unter Kontrolle hielt. Doch die Wut hatte sie immer in der Hand.
Cato – zu wütend, zu berechenbar … Ob er überhaupt wusste, wie einfach es sein würde, ihn zu besiegen? Er glaubte, er hätte über sie die Oberhand, er glaubte wirklich, dass er derjenige wäre, der sie tötete. Aber das würde er nicht. Er hatte nichts. Er war lediglich ein weiterer arroganter brutaler Kerl in diesen Spielen; es gab Millionen wie ihn. Doch es hatte kaum jemals eine Spielerin gegeben wie sie.
Plötzlich hasste sie sich für diesen dummen, sinnlosen Gefühlsausbruch. Cato spielte im Moment keine Rolle. Glimmer spielte definitiv keine Rolle. Nur Katniss zählte. Nun, Katniss und die – fehlende – Haut auf ihrem Rücken.
Dieser Gedanke war ihr gerade in den Sinn gekommen, als sie sah, wie mehrere silberne Fallschirme vom Nachthimmel auf ihre Gruppe hinunter flatterten. Einer landete in der Nähe von Marvel, einer neben Marina und einer neben Clove. Als sie ihren aufhob konnte sie nicht wiederstehen Loverboy anzulächeln, der nichts bekommen hatte. Währenddessen erwischte sie ihn dabei, wie er zu den Bäumen hochstarrte und seinen Blick nur abwandte, weil er bemerkte, dass er beobachtet wurde.
Sie wusste bereits, was in dem Päckchen war, bevor sie es öffnete – Medizin. Das wurde aber auch Zeit. Lymes Stimme ertönte in ihrem Kopf: „Du bemühst dich jetzt oder du bemühst dich in der Arena." Nun, sie hatte Recht gehabt. Clove brauchte die Sponsoren in gewisser Hinsicht. Auch wenn sie schlau genug sein sollte, um ohne sie überleben zu können.
In dem Päckchen bemerkte sie außerdem zwei silberne Boxen, gefüllt mit dampfendem Eintopf. Angesichts der großen Zwei, die auf dem Fallschirm geschrieben stand, wusste sie, für wen das zweite Essen war. Nun, war Cato im Moment nicht beschäftigt? Und sie war auch nicht sehr hungrig.
Clove lächelte, als sie die zweite Box ins Feuer warf.
Die Nacht war längst vorbei, als Peeta in den Himmel starrte. Der Mond war verschwunden, der Himmel ein farbloses Lila. Heute Nacht würde er nicht schlafen. Wie könnte er auch?
Er hatte versagt, die Careers hatten Katniss jetzt. Obwohl, nein, noch hatte er nicht versagt. Es bestand immer noch die Chance, dass er sie retten konnte. Sie war klein – aber es war immer noch möglich. Er wusste bereits, was er tun würde. In dem Moment, in dem sie herunterkam, würde er die Careers selbst angreifen müssen. Es würde schwierig werden auf zwei oder mehr von ihnen gleichzeitig loszugehen. Aber vielleicht würde es genau die Ablenkung sein, die sie benötigte, um wegzukommen, vielleicht …
Es gab noch einen anderen Grund, weshalb Peeta nicht schlafen konnte. Es lag daran, dass dies die letzten Momente seines Lebens sein würden. Es stand außer Frage, ob er morgen sterben würde oder nicht.
Er rollte seinen Kopf zur Seite, damit er in die Bäume schauen und sie sehen konnte. Sie würde nie wissen, was er getan hatte. Sie würde nie wissen, dass es für sie war. Vielleicht würde sie es am Ende. So wie er Katniss kannte würde sie selbst dann annehmen, dass es für die Sponsoren und die ganze Geschichte mit dem tragischen Liebespaar war. Sie würde nie wissen, dass er es tat, weil er sie tatsächlich liebte.
