Teil 6: Sündenregister
I.
„Ich sage ja nur, dass wir sie irgendwann möglicherweise füttern müssen. Und dass das dann eine ekelige Angelegenheit werden wird, und ich gerne vorgewarnt wäre, das ist alles", meinte Caroline gedämpft, „Und irgendjemand muss sie danach fragen. …."
Tyler hob abwehrend die Hand. „Ich sicherlich nicht", meinte er sofort, „Soll Stefan es doch tun, er versteht sich doch gut mit ihr."
Mary Louise verdrehte die Augen. „Und ihr nennt mich verklemmt. Keine Sorge, ich tue es", verkündete sie entnervt, und stapfte dann hinüber zu der Sirene, die einsam und verlassen in der Küche saß und die Tageszeitung studierte, beinahe so als ob sie das, was daran zu lesen stand, wirklich interessieren würde. Falls sie ihre Diskussion nebenan mit angehört hatte, ließ sie sich nichts anmerken. Allerdings hob sie ihren Blick, als sie Mary Louises Anwesenheit bemerkte, und sah diese fragend an.
Mary Louise räusperte sich. „Ehm, die anderen wollen wissen … wann du das letzte Mal etwas gegessen hast, und wie du gedenkst dich bei Kräften zu halten", erklärte sie dann.
Die Sirene blinzelte unschuldig. Dann behauptete sie: „Ihr müsst euch keine Sorgen machen. So schnell werde ich nicht vom Fleisch fallen, und sobald ich Hunger bekommen, nun, werde ich mich selbst versorgen, ich habe meine Quellen. Sofern ihr zulasst, dass ich diese aufsuche natürlich. Auf jeden Fall habe ich nicht vor die Babys als Notfallhappen zu zweckentfremden, falls ihr das denkt." Was für ein entsetzlicher Gedanke! Auf den keiner von ihnen bisher gekommen war!
„Ich verstehe", meinte Mary Louise, und stapfte dann zurück zu den anderen.
„Und?", wollte Caroline wissen.
„Sie sagt, dass sie vorgesorgt hat und sich etwas holen wird, sobald sie Hunger bekommt. Sofern wir ihr das erlauben", lautete der Bericht.
„Was? Denkst sie etwa, dass wir sie ganz alleine draußen herumlaufen lassen? Nein, wenn dann holen wir ihr …. ihre Nahrung und bringen sie hierher", protestierte Caroline und zog eine Grimasse.
„Was heißt hier wir? Ich gehe sicher nicht zur Leichenhalle und nehme dann einen steril verpackten Arm mit hierher", verkündete Tyler sofort, „Da seid ihr auf euch gestellt!"
„Nun, dann mache ich es eben", meinte Caroline, „Im Grunde ist es nicht viel anders als …. Take Out. So schlimm kann es also nicht sein."
„Wenn man von dem Gestank absieht", meinte Tyler und deutete auf seine Nase, „Leichengeruch ist nichts, was man so einfach ignorieren kann. Besonders wenn man ein Werwolf ist. Eigentlich solltet ihr das als Vampire genauso empfinden."
„Ich habe ertragen, dass Matt in meiner Gegenwart rotes halbgares triefendes Kuhfleisch gegessen hat, also kann ich auch ertragen, dass Seline … das in meiner Gegenwart isst. Ich meine, es ist ja nicht so, als ob sie damit jemanden weh tun würde. Sie sind schon tot. Sie brauchen ihren Körper nicht mehr", versuchte Caroline die Thematik zu rationalisieren.
„Das macht es aber nicht weniger ekelig", behauptete Tyler.
In diesem Moment kamen Bonnie, Nora, und Stefan zurück herein. „Worüber unterhaltet ihr euch?", wollte Bonnie wissen.
„Diätpläne", erwiderte Caroline schnell, „Hattet ihr Erfolg?"
„Wir haben einen Schutzzauber auf das Haus gelegt. Jemand, der uns Böses wünscht, kann nun nicht mehr hereinkommen", erwiderte Nora.
„Ich habe mich in der Werkstatt umgehört, dort hat niemand nach uns gefragt. Falls die andere Sirene nach uns sucht, tut sie das zumindest nicht auffällig", fügte Stefan hinzu.
„Das stimmt mit den Auskünften des Universitätssekretariats überein", meinte Bonnie, „Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Valerie weiß wer wir sind und wo wir wohnen. Sie muss nicht erst nach uns suchen."
„Sie weiß aber nichts von unserem Hausgast", rief Caroline ihnen allen in Erinnerung, „Und solange das so bleibt, hat sie keinen Grund ausgerechnet hier nach der Sirene zu suchen."
„Ich finde immer noch, dass wir einfach das ganze Haus mit einem Tarnzauber belegen sollten", meinte Mary Louise, „Dann könnte niemand unseren Gast finden."
„Aber Valerie würde sich wundern, warum sie getarnt ist, und unsere Magie erkennen, und dann wüsste sie, dass wir die Sirene verstecken", widersprach Nora, „Wir waren uns einige Mary Lou, es ist klüger nicht aufzufallen."
„Ihr wart euch einig und habt mich überstimmt, das ist nicht das Selbe", verbesserte sie Mary Louise.
„Und ihr wart euch einig, dass wir nicht einfach mit der Stimmgabel losziehen und Valerie aus dem Bann der Sirene befreien sollten, womit ich nicht auch nicht einverstanden war. Wir alle mussten Kompromisse eingehen", gab Nora schnippisch zurück.
Caroline seufzte. „Oh, fangt bitte nicht schon wieder an. Wir haben schon genug Probleme. Ein Beziehungsdrama mitten drin ist das Letzte, was uns noch fehlt", murmelte sie. Dann sah sie wieder hinüber zu der Küche, wo ihr Hausgast wohl immer noch Zeitung las.
Mary Louise wusste, dass sie recht hatte, also verbiss sie sich eine Entgegnung. Sie hasste es im selben Haus wie eine Sirene und diese Stimmgabel sitzen zu müssen, und sich dabei auch noch nicht einmal gescheit verstecken zu können. Es war unglaublich, dass sie hier zuletzt noch zusammengesessen hatten und ihre Hochzeit geplant hatten. Und jetzt saßen sie hier und planten wie sie am besten die Menschenfleisch fressende Sirene versorgten, während sie sich den Kopf darüber zerbrachen, wie sie eine andere Sirene davon abhalten konnten die Hölle auf die Erde loszulassen. Das hier hatte sie eindeutig nicht kommen sehen, nicht einmal als Jack explodiert war.
Aber wenn sie die Wahl zwischen der Einsamkeit und dem Hunger der Gefängnisdimension und dem hier hatte, dann würde sie das hier noch jedes Mal vorziehen. Zumindest solange das Höllenfeuer noch nicht auf die Erde herab geprasselt war.
„Ich sagte doch, dass das die einzige Glocke hier war."
Damon seufzte, als er sich in dem von ihm auseinander genommenen Stauraum des Gründermuseums umsah. Er hatte alle Kisten und Pakete aufgerissen, jeden einzelnen Schrank durchsucht und nichts gefunden was auch nur entfernt an eine Glocke erinnerte. Aber das Gründermuseum von Mystic Falls war der einzige Ort gewesen, an dem es ihm logisch erschienen war nach der verdammten Glocke zu suchen. Auch wenn Peter Maxwell schon vor ihm hier gewesen und die Replik ausgesondert hatte.
„Denken Sie nach, gibt es irgendein Geheimversteck hier? Irgendeine lose Bodendiele oder einen doppelten Boden? Ein Bücherregal, das zur Bathöhle führt? Irgendetwas in dieser Art?", wollte Damon von ihm wissen.
Peter Maxwell schüttelte den Kopf. „Ich weiß von nichts, und ich glaube ehrlich gesagt auch nicht, dass es etwas derartiges hier gibt. Deswegen sollte ich die Glocke ja selbst bewachen, weil der Rat der Meinung war, dass die wirklich wertvollen Artefakte nur bei seinen Mitgliedern sicher verwahrt wären", erwiderte er.
„Tja, aber der Rat ist tot, wie wir bereits festgehalten haben", erwiderte Damon, „Also kann keiner von denen die Glocke bei sich zu Hause verstecken." Aber vielleicht hatte das ja jemand in der Vergangenheit getan. Damon sah auf einmal eine erschreckende Vision seiner Zukunft vor sich, in der er die Häuser sämtlicher verstorbener Gründerratsmitglieder nach der verdammten Glocke durchsuchte. Das kann Wochen dauern, vielleicht sogar Monate. Und wäre vermutlich auch noch umsonst. Ihm schauderte.
Matt war mit Penny ins Krankenhaus gefahren um sicher zu gehen, dass mit ihr alles in Ordnung war, während Damon mit seinem Vater auf diese kleine Exkursion hier gegangen war, und eigentlich hatten sie keine Zeit für lange Suchaktionen; die Sirene würde ihnen in Kürze wieder auf den Fersen sein, genau wie Valerie, was bedeutete, dass sie die Erben der Maxwell-Linie und Penny irgendwo in Sicherheit bringen sollten, wo die beiden nicht an sie herankamen. Nach Dallas zu fahren wäre zu weit, also musste die Waffenkammer herhalten. Zumindest waren Enzo, Ric, und Jeremy dort, und vielleicht könnten sie ein paar der automatischen Sicherheitsvorkehrungen reaktivieren. Aber alles wäre so viel einfacher, wenn sie stattdessen einfach die verdammte Glocke gehabt hätten.
„Warum mussten Sie sie auch in den Fluss werfen?!", wollte Damon frustriert wissen, „Wenn Sie sie loswerden wollten, warum haben Sie sie dann nicht einfach zerstört?!" Wenn Peter Maxwell das nämlich damals getan hätte, dann hätten all ihre aktuellen Probleme jetzt gar nicht.
„Ich wusste nicht wie", gab Maxwell zu, „Ansonsten hätte ich es getan."
Toll, noch ein Problem, das Damon bis jetzt nicht bedacht hatte – wie zerstörte man eine uralte magische Höllenglocke? Nun, hoffentlich hatte diese Sirene in Alarics Haus eine Idee dazu, immerhin stammte der ganze Plan von ihr!
„Wollten Sie eine große Verantwortung nie einfach nur loswerden, weil Sie eine zu schwere Last für Sie dargestellt hat?", wollte Peter Maxwell von ihm wissen. Und da fragte er genau den Richtigen.
Damon schnaubte. „Ich bin dabei zu akzeptieren, dass Weglaufen keine Lösung darstellt", erwiderte er.
„Das weiß ich heute auch, aber damals habe ich das noch anders gesehen", erwiderte Maxwell, „Und ich habe nicht ahnen können, dass einmal Sirenen auftauchen und nach der Glocke suchen würden, und diese dann nicht mehr am Grund der Flusses zu finden sein würde."
Nun, das war ein guter Punkt. Irgendjemand hatte sich Maxwells Verantwortung angenommen, und sie auf seine eigenen Schultern genommen. Die Frage war nur wer diese Person gewesen war, was aus ihr geworden war, und was sie mit der Glocke getan hatte.
Sie verließen den Stauraum und gingen los in Richtung Museumsausgang.
„Sagen Sie, Damon, Matt und diese Penny … ist das etwas Ernstes?", erkundigte sich Maxwell dann aus dem Nichts heraus.
Damon ließ den Kopf hängen. Der Phönix-Stein war ein Amateur, das hier ist meine persönliche Hölle! Er verstand nicht ganz wie Maxwell auch, nachdem er Zeuge ihres Schreiduells geworden war, immer noch davon ausgehen konnte, dass Damon und sein Sohn eng miteinander befreundet waren. „Seiner Meinung nach ist es etwas Ernstes", erwiderte er leidend, „Aber für Matt Donovan gibt es nur ernste Dinge auf dieser Welt."
Maxwell nickte, als ob er mit diesen Worten irgendetwas anfangen könnte. „Ich bin froh, dass wir sie retten konnten", meinte er, und blieb dann unvermittelt stehen, was ihre Wanderung zum Museumsausgang unterbrach, „Und dass Sie auf meinen Sohn aufpassen."
Wie um alles in der Welt ist er diesem Trugschluss erlegen? Ich bin nur hier, weil ich den kurzen Strohhalm gezogen habe!
„Und das trotz seiner wütenden Vorwürfe", fuhr der Mann fort, „Ich weiß, dass es nicht immer leicht ist der größere Mann zu sein."
Darauf wusste Damon nichts zu sagen, also schwieg er.
„Ich weiß ja, dass Sie nicht begeistert von meiner Person sind, aber ich möchte wirklich für Matt da sein. Möchte lernen sein Vater zu sein", schloss Maxwell, „Und ich hoffe, dass nicht nur er, sondern auch die Personen, die ihm nahe stehen, mir eine Chance dazu geben."
„Tun Sie, was Sie denken tun zu müssen, es ist mir gleich", brummte Damon, „Ihr Sohn und ich sind nicht gerade das, was man Freunde nennen würde."
„Was immer ihr beide seid, ihr seid euch nicht gleichgültig. Man schreit einander nicht auf diese Art und Weise an, wenn das der Fall ist. Als Kelly und ich uns noch gestritten haben, da bestand noch Hoffnung für uns. Erst als wir aufgehört haben miteinander zu kommunizieren, da wurde es bedenklich", meinte Maxwell, „Ich weiß, Sie denken ich wäre nicht gut genug für ihn, und damit haben Sie auch recht. Aber genau das will ich ja ändern."
„Nun, das ist vor allem Matts Angelegenheit und nicht meine", erwiderte Damon, und dann wurde er – endlich –aus diesem Gespräch gerettet - von dem Klingelton seines Handys.
„Da muss ich ran gehen, das ist mein Therapeut", erklärte Damon schnell.
„Vampire haben Therapeuten? Ja, das macht Sinn", murmelte Maxwell im Hintergrund, während Damon abhob.
„Hey, Doc, alles in Ordnung? Es sind doch keine weiteren übernatürlichen Monster aufgetaucht, die Ihnen ans Leder wollten, oder?", begrüßte Damon seinen Psychiater.
„Bisher nicht nein", lautete die Antwort, „Ich wollte fragen wie die Dinge stehen. Was mit Virginia passiert ist…"
Damon zögerte einen Moment lang. Aber dann meinte er: „Nun, ich konnte sie vor dem ersten Mordversuch ihrer Schwester retten. Aber dann habe ich sie bei sich zu Hause abgesetzt, und während ich weg war, ist Alex, die nicht so tot war wie ich dachte, wieder bei ihr aufgetaucht und hat sie erwischt. Tut mir leid."
Sulez schwieg einen Moment lang betroffen. „Mir tut es auch leid", erwiderte er dann betroffen, „Aber Sie haben Ihr Bestes getan. Danke Damon, dass Sie versucht haben sie zu retten."
„Ich hätte besser auf sie aufpassen müssen", gab Damon zu.
„Sie waren nicht ihr Leibwächter. Und niemand hätte das kommen sehen können. Alex St. John ist vom Menschen zu etwas anderem geworden, keiner konnte wissen zu was genau und was das für Konsequenzen mit sich bringen würde", meinte Sulez.
„Das ist allerdings wahr. Und da sie scheinbar nicht tot zu kriegen ist, sollten Sie sich weiterhin vorsehen, Doc. Ich will nicht, dass Sie noch einmal Ihren Krallen begegnen. Wie gesagt, sehen Sie sich vor. Wir müssen in unserer nächsten Sitzung viel besprechen, und das geht nur, wenn wir beide noch am Leben sind", betonte Damon.
„Sie hören sich an wie meine Mutter, Damon", meinte Sulez, „Mir wird schon nichts geschehen. Warum auch? Es gibt keine Geheimnisse mehr, die ich kenne, die Alex St. John aus mir herausschneiden könnte. Passen Sie lieber auf sich selbst auf. Bis bald."
Damon beendete das Gespräch und sah sich nach Matts Vater um. Dieser starrte stirnrunzelnd in eine dunkle Ecke. „Stimmt was nicht?", wollte Damon wissen.
„Was? Oh, nein, ich dachte nur einen Moment lang, dass ich etwas gehört hätte", räumte Maxwell ein, „Aber vermutlich war das nur Einbildung." Oder auch nicht, und die Sirene lauerte irgendwo hier im Gründermuseum.
Damon griff nach Peter Maxwells Arm. „Kommen Sie, es ist höchste Zeit, dass wir von hier verschwinden", meinte er, „Wir waren schon viel zu lange hier."
Es war mehr ein Gefühl als ein Geräusch. Stefan hatte das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Es war mitten in der Nacht, und das Saltzman-Haus schien ruhig zu schlafen. Stefan war derjenige, der Wache gehalten hatte. Alles schien ruhig zu sein, aber trotzdem war ihm als hätte er etwas gehört. Sein erster Weg führte ihn ins Schlafzimmer der Zwillinge, doch beide Babys schliefen ruhig in ihren Wiegen.
Bonnie und Tyler lagen im Wohnzimmer, hatten sich auf dem Sofa beziehungsweise dem Lehnsessel ein improvisiertes Bett eingerichtet, und beide atmeten tief und gleichmäßig. Neben Bonnies Kopf lag die Stimmgabel. Mehr aus Instinkt als Vorsicht heraus griff Stefan danach, umklammerte sie fest, und machte sich daran den Rest des Hauses zu überprüfen.
Aus Carolines Zimmer klangen gleichmäßige Atemgeräusche. Er blieb unentschlossen vor der Türe stehen, ging dann aber weiter. Die Türe zu Rics Zimmer war nur angelehnt. Nora und Mary Louise lagen in Rics Bett, engumschlungen und friedlich.
Alle waren in Ordnung. Trotzdem beruhigte Stefan das nicht. Sein nächster Weg führte ihn in den Keller. Und wie er befürchtet hatte, fand er diesen leer vor. Es gab keine Spur von Seline. Doch noch bevor er das richtig erfassen konnte, hörte er etwas – dieses Mal war es eindeutig ein Geräusch!
Mit Vampirgeschwindigkeit eilte er aus dem Haus. Die Geräusche kamen aus der Garage, deren Türe offen stand. Stefan huschte hinein, schlug mit der Stimmgabel gegen die Wand, und beobachtete dann wie Seline zurückwankte und sich die Hände auf die Ohren presste. Und ihr Opfer regungslos auf den Boden glitt.
Der Körper kam neben dem anderen am Boden liegenden Mann zum liegen. Stefan konnte das Blut riechen, er wusste, dass die beiden Männer tot waren, er musste es gar nicht erst kontrollieren. Die Krallenspuren an ihren Hälsen waren ihm Beweis genug.
„Was hast du getan?", wollte er erbost von Seline wissen.
Diese richtete sich mühsam wieder auf. „Hör zu, ich musste es tun. Diese beiden … das waren nicht einfache Einbrecher …. Sie standen unter dem Bann meiner Schwester, sie hat sie geschickt!", erklärte Seline, „Ich musste sie aufhalten!"
Stefan sah, dass die beiden Männer einige Umzugskartons, die an der Wand der Garage aufeinander gestapelt worden waren, aufgerissen und durchsucht hatten. Alarics großer Wagen mit den Kindersitzen stand unberührt an seinem angestammten Platz. Er und Enzo hatten den Wagen das Vampirs genommen, als sie zur Waffenkammer gefahren waren. Aber natürlich war es schwieriger ein Auto zu stehlen als kleinere Gegenstände. Für Stefan sah das hier eindeutig danach aus, als ob Seline die beiden Einbrecher bei ihrer Arbeit überrascht und getötet hatte.
Stefan hielt ihr die Stimmgabel entgegen. „Selbst wenn das stimmen sollte, mit dem hier hätten wir sie aus ihren Bann befreien können. Es gab keinen Grund sie zu töten!", meinte er erbost, „Woher willst du überhaupt wissen, dass sie von deiner Schwester geschickt wurden?"
„Weil sie nach der Glocke gesucht haben, Stefan. Ich habe sie darüber sprechen hören", erklärte Seline, „Und du weißt, dass ich die Stimmgabel nicht benutzen kann. Mir blieb keine andere Wahl als mich selbst um sie zu kümmern."
„Du hättest uns aufwecken können! Wieso bist du allein hierhergekommen?!", gab Stefan wütend zurück, „Du konntest vorher nicht wissen wen oder was du hier finden würdest!"
„Ich konnte sie spüren, ich konnte ihre Boshaftigkeit spüren, also bin ich nachsehen gegangen", verteidigte sich Seline, „Ich wollte sie nicht töten, zu Beginn nicht, ich wollte sie nur aufhalten, aber dann …." Sie unterbrach sich und schauderte. „Ich habe es dir gesagt, es ist wie ein innerer Zwang, sobald ich das Böse spüre, muss ich es vernichten. Ich wollte sie nur erschrecken, aber … sie waren so böse, ihre Sünden so groß … ich habe in ihre Seelen geblickt, Stefan. Es sind Vergewaltiger und Mörder. Sie lauern jungen Frauen hinter Bars auf und tun sie an ihnen gütlich. So hat Sybil sie gefunden. Sie dachten, sie wäre ein weiteres wehrloses Opfer, aber sie hat den Spieß umgedreht…. Ich konnte sie einfach nicht weiterleben lassen, Stefan, ich wollte aber … ich konnte nicht."
Stefan schüttelte den Kopf. „Es wäre wichtig gewesen sie zu befragen. Warum sie ausgerechnet hier nach der Glocke suchen, was Sybil plant", meinte er, „Es war ein Fehler sie zu töten!"
„Ich habe die Kontrolle verloren. Ich weiß, dass du weißt wie das ist, dass du weißt wie es ist, wenn man von seinen Instinkten übermann wird, wenn man nicht anders kann. Ich habe deine Arbeit gesehen, ich war in Monterey", verteidigte sich Seline, „Ich habe nicht nachgedacht, ich habe nur gehandelt."
Stefan warf einen genaueren Blick auf die Leichen. Die Wunden … er erkannte jetzt, dass es nicht nur Wunden am Hals gab, nein, Krallenspuren fanden sich an ihren ganzen Körpern. „Du hast sie nicht einfach nur getötet, du hast sie gefoltert", stellte er fest, „Und erst dann hast du sie umgebracht." Er musterte Seline. Blut klebte an ihrer Kleidung, aber nur Spritzer. Und auf ihrem Gesicht fanden sich keine Spuren ihrer Tat. „Du hast sie nicht einmal gefressen. Du hast das hier nicht getan, weil du Hunger hattest, oder weil du diese Männer aufhalten wolltest, du hast es getan, weil es dir Spaß gemacht hat", stellte er fest.
„Hast du mir nicht zugehört? Sie sind böse. Sie haben unschuldige Frauen verletzt, gequält, und getötet. Und das nicht nur ein oder zweimal. Nicht in einer betrunkenen Rage oder aus einer Laune heraus. Sie haben es getan, weil sie es konnten. Du willst wissen, ob es mir Spaß gemacht hat sie zu töten? Natürlich hat es mir Spaß gemacht!", argumentierte Seline, „Es hat mir Spaß gemacht dafür zu sorgen, dass sie bekommen, was sie verdient haben!"
Stefan hielt sich bereit die Stimmgabel erneut einzusetzen. Wenn die Sirene so mit diesen Männer verfahren war, wer wusste wozu sie noch fähig war?
Seline hob die Hand. „Warte", bat sie ihn, „Ich habe nicht vor dir etwas zu tun, Stefan. Das ist es doch, wovon ich gesprochen habe. Das ist der innere Zwang, von dem ich mich befreien möchte. Ich will nicht so sein. Und ausgerechnet dir möchte ich sicherlich nichts tun. Du musst mich nicht fürchten."
Stefan war sich dessen ganz und gar nicht sicher. „Wenn du sie wegen dem Bösen, das sie getan haben, getötet hast, dann musst du mich erst recht töten wollen. Ich habe viel Schlimmeres getan als diese beiden. Über viel längere Zeit hinweg", meinte er.
„Aber anders als sie, bist du nicht böse. Das spüre ich deutlich. Als ich in deine Seele geblickt habe, habe ich Reue gespürt, in ihren Seelen aber, da war nur Stolz. Sie waren stolz auf das, was sie getan haben! Sie hatten es verdient zu sterben, verdient zu Cade geschickt zu werden", erklärte Seline, „Du hast es nicht verdient, und deswegen musst du mich auch nie fürchten, musst nie fürchten, dass ich dir gegenüber die Kontrolle verliere."
Trotzdem dachte Stefan nicht daran die Stimmgabel zu senken. Seline mochte viel behaupten aber ihre Taten sprachen eine andere Sprache. Wenn sie wirklich keine Kontrolle über sich hatte – und ja, Stefan wusste sehr genau wie es war keine Kontrolle zu haben – dann war nicht gesagt, dass sie sich nicht doch auch gegen ihn wenden würde. Sie mochte behaupten, dass sie das Böse in ihm nicht spüren konnte, dass sie es damals in Monterey nicht gespürt hatte, aber was wenn es einen Moment gab, in dem sie es doch spüren konnte? Wenn sie in seine Seele blickte und sah wie er sich gefühlt hatte, als er all seine schrecklichen Taten begangen hatte? Was wenn sie sich dann dazu gezwungen sah ihn zu töten und zu diesem Cade zu schicken?
„Wir müssen die Leichen loswerden", sagte Stefan, „Wir können sie nicht hier liegen lassen."
Seline nickte. „Ich werde das erledigen", meinte sie.
Stefan fragte sich, ob sie damit meinte, dass sie dafür sorgen würde, dass es keine Leichen mehr gab, die irgendjemand finden konnte. Und was wenn Seline diese Chance nutzte um zu verschwinden und nie wieder zu kommen? Was wenn sie dachte, dass ihre Tat die anderen gegen sie aufgebracht hatte, und es für besser hielt vorübergehend unterzutauchen?
„Ich werde dir helfen", meinte er deswegen, „Zu zweit geht es schneller."
Seline nickte und zögerte dann einen Moment. „Stefan, du kannst die Waffe wirklich runter nehmen", verkündete sie, „Ich habe es dir doch schon gesagt: Ich werde dir nichts tun."
Stefan starrte auf die Stimmgabel in seiner Hand, die er immer noch umklammert hielt und über die Wand der Garage bereit zum Zuschlagen schweben ließ.
Die Logik sagte ihm, dass sie die Wahrheit sagte. Wenn sie ihm etwas hätte tun wollen, dann hätte sie das schon oft tun können. Bevor sie gewusst hatten wie die Stimmgabel funktionierte, hatte sie mehr als nur eine Gelegenheit gehabt ihn anzugreifen, sie hatte das aber nie getan. Und sowie Stefan die Lage einschätzte, hätte sie, wenn sie es wirklich gewollt hätte, ihn töten können, bevor Caroline, Mary Louise, oder Nora etwas dagegen hätten unternehmen können. Vielleicht wäre sie danach gestorben, aber ihn hätte sie auf jeden Fall in den Tod mitnehmen können.
Aber was, wenn das er einzige Grund war, warum sie es bisher nicht getan hatte? Weil sie, wenn sie starb, ihren Meister gegenüber treten müsste, und der sie möglicherweise auf irgendeine Art und Weise bestrafen würde? Doch jetzt war sie mit Stefan alleine. Die anderen waren alle im Haus, keine Caroline stand direkt hinter ihm oder lauerte nur einen Treppenaufgang entfernt oder ein Zimmer weiter um ihn zu rächen. Wenn Seline ihn hier und jetzt tötete, dann wäre sie dreimal über alle Berge, bis die anderen hier eintreffen würden.
Seline blickte ihn abwartend an. Ihre Miene wirkte neutral, aber was wenn dieser Eindruck täuschte? Sie hatte doch auch gesagt, dass sie eigentlich nicht vorgehabt hatte die Einbrecher zu töten, und dann aber die Kontrolle verloren hatte. Vielleicht wollte sie ihn ja wirklich nichts tun, vielleicht hatte sie wirklich nicht vor ihn anzugreifen, aber wenn sie wieder die Kontrolle verlor … wenn sich ihr Drang das Böse zu vernichten wieder meldete ….
Er konnte sich nicht mehr an ihre Begegnung damals in Monterey erinnern, er wusste nicht was er gesagt, getan, oder auch nur gedacht hatte um sie davon abzubringen ihn zu töten. Was wenn das, was ihn damals gerettet hatte, heute nicht mehr in ihm vorhanden war? Was wenn seine Zeit als Klaus' Kumpane, seine Grausamkeit gegen Damon und Elena als er unter dessen Bann gestanden hatte, was wenn das schwerer wog als seine Sünden von damals? Was wenn Seline jetzt einen Blick in seine Seele warf und darin etwas entdeckte, was damals nicht dagewesen war?
Langsam ließ er die Stimmgabel sinken. Seline nickte und beugte sich zu der frischeren Leiche hinunter. Sie sah Stefan nicht mehr an, schien ihn zu ignorieren. Sie packte den Toten unter den Schultern und stemmte ihn hoch, und trug ihn dann aus der Garage. Stefan sah ihr einen Moment lang hinterher.
Dann steckte er die Stimmgabel in seinen Hosenbund und ging hinüber zur anderen Leiche um aufzuheben.
A/N. Dieser Teil wurde zwischen privaten Stress, drohenden zweiten Lockdown und der Frage wann und wie der kommt und einen Terror-Anschlag (ja, es geht mit gut, ich war zu Hause weil ich in Pandemie Zeiten nur selten am Abend draußen rumrenne und in der Inneren Stadt von Wien erst recht nicht) geschrieben, also vergebt mir wenn er etwas verirrt daher kommt.
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