Drei Monate und drei Tage nach Beginn der Yuuzhan Vong-Invasion – über dem Orbit des Planeten Dathomir auf dem Kommandoschiff Erbe der Qual
Mit verkniffenem Gesicht servierte Deign Lian das Funkenbienenhoniggetränk in den zwei bauchigen Trinkknollen.
„So bleiben Sie doch bei uns, Deign Lian", hörte er die leutselige Stimme seines Chefs.
Er hat noch gar keinen Schluck Funkenbienenhonig getrunken, aber er benimmt sich bereits, als hätte er vier Gläser davon geleert. Und daran ist nur dieser verfluchte Ungläubige schuld!
Deign Lian setzte sich artig an den pilzartigen Tisch, an welchem der Kommandant und der Ungläubige saßen – ohne ein Getränk, aber er würde das später nachholen – in weit angenehmerer Gesellschaft.
„Erzähl mir mehr über Dathomir", eröffnete Shedao Shai das Gespräch und sah dabei seinen goldfelligen Gast an.
„Dathomir an sich ist eine unbedeutende Welt, aber trotzdem vielen Bewohnern der Galaxis bekannt, weil von dort viele machtsensitive Individuen leben, zum Beispiel die Nachtschwestern und andere Hexenzirkel", hub der Gast an zu erzählen.
„Wieso nur Schwestern?", fragte Shedao Shai.
Der Gast kratzte sich das Fell hinter dem rechten Ohr. „Sicher gibt es auch Männer von ihnen mit dieser Gabe, die Lebendige Macht zu nutzen, aber sie wurden von den Nachtschwestern zumeist als Krieger an Fremde verdungen, genau wie es die Nachtschwestern selbst taten. Es gibt in unserer Galaxis einige Welten, wo die Frauen die Oberhand über die Männer haben."
„Dann sind die Schwestern der Nacht so etwas wie Jeedai?", fragte Deign Lian.
„Nein, sie beherrschen nicht so gut die Gedankentricks wie diese", erklärte der goldfarbene Humanoide. „Dafür sind die Nachtschwestern Meisterinnen der Dunklen Magie, welche die Materie in unterschiedliche Formen zu gießen vermag, so dass Dinge in eine andere Gestalt transformiert werden. Oder sie können an sich harmlosen Objekten besondere Kräfte verleihen, zum Beispiel Waffen stärkere Durchschlagskraft."
Der Ungläubige führte die Trinkknolle an die Lippen und probierte. Shedao Shai lächelte, als er sah, dass es dem Gast schmeckte, bevor jener weiterredete: „Dazu benutzen sie Zaubersprüche, die sie vor anderen geheim halten. Es hat aber auch Sith gegeben, die jene Art von Hexerei beherrschten, unter anderem der frühere Imperator Palpatine."
„Und die Jeedai?", fragte Deign Lian hastig. „Können die Jeedai auch solcherart Hexerei?"
Der Goldfellige schüttelte den Kopf. „Soviel ich weiß, nicht. Aber Jedi sind auch nicht an derart dunklen Künsten interessiert. Sie halten derlei Magie für unehrlich."
Shedao Shais Lippen wurden noch schmaler, als sie ohnehin waren. „An wen haben die Nachtschwestern sich und die ihnen gehorchenden Krieger denn verdungen?"
Die lilanen Augen des Gastes zeigten ein geheimnisvolles Leuchten. „Zumeist an jene ausgestorbenen, dunklen Machtnutzer, die Sith. Dann an reiche Privatleute oder an Gangstersyndikate, wo es vieler Leibwächter bedarf, um den Boss zu schützen."
Deign Lian beugte sich über den Tisch etwas zum Gast vor. „Nicht an die Neue Republik?"
„Ich nehme stark an, die Neue Republik gab es noch nicht, als die Nachtschwestern stark waren", wies ihn Shedao Shai zurecht.
Der Gast nickte. „Das ist richtig, Kommandant. Sie haben in den anderthalb Monaten, die ich nun schon bei Ihnen bin, bereits viel gelernt und begriffen. Das erfüllt mich mit Freude."
Shedao Shai nahm einen Schluck des Funkenbienenhonigs, den ersten, wie Deign Lian auffiel. „Dann haben sich die Nachtschwestern generell aus der Politik herausgehalten, obgleich sie so mächtig waren? Weshalb?" Der Kommandant lächelte milde. „Wie mir scheint, sind die Nachtschwestern alles andere als Pazifisten wie Sie beispielsweise."
Das Goldene Fell des Nichtmenschen stellte sich am Hinterkopf auf. „Mitnichten sind sie Pazifisten, aber sie kennen ihre Grenzen. Sie bleiben lieber abgeschieden auf ihrer fruchtbaren Welt, als den Krieg dorthin zu tragen. Zumal sie in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit Bündnissen mit Auswärtigen machten."
„Erzählen Sie mir von diesen schlechten Erfahrungen", bat Shedao Shai seinen Gast.
Das hochgewachsene Fellwesen nippte an seinem Glas und atmete scharf aus. Dann nahm es noch einen Schluck: „Einst besuchte Palpatine, er war damals noch ein einfacher Senator wie ich, Dathomir."
Shedao Shai lachte. „Palpatine war gewiss nie nur ein einfacher Senator, genauso wenig wie Sie, mein Freund."
Die lilanen Augen ihm gegenüber lächelten belustigt. „Ich nehme das jetzt mal als Kompliment, Kommandant."
Shedao Shais schwarze Augen blitzten. „Was sollte es denn sonst gewesen sein?"
„Nun gut, Senator Palpatine traf sich also mit den Nachtschwestern und tauschte seine Geheimnisse mit ihnen aus. Aber später, als …"
Deign Lian unterdrückte ein Gähnen. Er hatte gedacht, in zwei Minuten wieder fort zu sein, aber diese Unterredung dauerte länger, als er erwartet hatte. Die Villipdienerin Ybura war in der Teeküche gewesen und hatte den Funkenbienenhonig für ihn fertiggemacht. Er hatte ihr gesagt, dass er gleich wieder zurückkehren würde, aber Ybura würde mitnichten länger als fünf Minuten auf ihn warten. Und das alles nur, weil dieser durchtriebene Senator, glaubte, Shedao Shai einwickeln zu können wie seinerzeit Palpatine jene Nachtschwestern.
„… irgendwie haben die Nachtschwestern immer überlebt. Und so wird es höchstwahrscheinlich auch dieses Mal sein", schloss der Gast seinen Bericht.
„Und erneut hast du mir wertvolle Informationen in die Hand gegeben", sprach Shedao Shai. „Und deshalb wir werden Dathomir abriegeln und jeden Verkehr hinein und hinaus strengstens kontrollieren!"
Der goldfarbene Humanoide lächelte und nahm einen bedächtigen Schluck Funkenbienenhonig aus seiner Trinkknolle. „Das hat das Imperium auch schon versucht. Jahrzehntelang."
Shedao Shai erwiderte das Lächeln. „Wir waren tausend Jahre im sternenlosen All unterwegs, um zu dieser Galaxis zu gelangen. Unser Atem ist lang und unsere Stärke unerschöpflich."
„General Grievous dachte während der Klonkriege ähnlich über die Stärke seiner Droidenarmee und doch versagte er und wurde getötet", hielt der Gast dagegen. „Und die Nachtschwestern gibt es ebenso bereits seit tausend Jahren."
Shedao Shai nahm einen kräftigen Zug aus seiner Funkenbienenknolle. „Dann hoffe ich auf interessante und ehrenvolle Kämpfe auf Dathomir!" Er wandte sich an seinen trinkknollenlosen Adjutanten. „Und Sie dürfen gehen."
Sobald Deign Lian gegangen war, schaute Shedao Shai auf einen runden Zeitmesser an der Wand, dessen Lamellen im Kreis angeordnet unterschiedlichfarbig die Zeit anzeigten, dann sah er seinen Gast an. „Es ist wieder so weit, mein Freund."
Der Senator nickte gleichmütig. „Ich bin vorbereitet."
Shedao Shai verließ mit seinem Gast die Kammer. Sie mussten nur einige Meter laufen, dann standen sie vor der Türlamelle, die sowohl er als auch sein Gast täglich durchquerten. Wie gut, dass die Gestalter damals auf jeder Ebene des Schiffes je eine Umarmung des Schmerzes installiert hatten. So hatte er nie weite Wege zurückzulegen und das sparte am Tag doch etwas Zeit, auch für seine Untergebenen, die jetzt nicht mehr so lange auf diese Art der Erbauung und der Läuterung warten mussten.
Der Kommandant berührte einen Punkt der Membran und sie öffnete sich wie ein hungriger Mund – dahinter jenes rote Gestell mit den langen Tentakeln und Lampen preisgebend. Befriedigt sah Shedao Shai, dass sich die lilanen Augen seines Gastes nicht mehr derart unmutig in Erwartung des Schmerzes weiteten und dann zusammenzogen wie noch vor einem Monat. Der Senator hatte die Lektion des Schmerzes also verinnerlicht und er würde sie hüten wie ein kostbares Gut, so wie er selbst es schon seit Jahrzehnten tat. Ob sein früherer Senatorenkollege Palpatine wohl etwas Ähnliches gekannt hatte?
Deign Lian verlor keine Zeit. Schnellen Schrittes lief er zurück zur Teeküche, um dort Yburas wenig ansehnliche Freundin Kaberu vorzufinden.
„Na, Adjutant? Jemand anderen erwartet?"
„Ich hole mir nur eine Knolle Funkenbienenhonig, sonst nichts", giftete der Adjutant die Rangniedere an.
„Da will ich mal nicht im Wege sein", sagte Kaberu angesäuert und verließ die Teeküche.
Deign Lian wartete, bis sie fort war, dann nahm er sich einen großen Knollenkrug und füllte ihn bis zum Rand mit Funkenbienenhonig. Er hatte Dienstschluss und ein kleines Besäufnis allein in seiner Kammer würde schon nicht weiter auffallen. Später über der Welt, die die Ungläubigen Garqi nannten, würde er solch eine längere Pause vielleicht nicht so schnell wieder haben.
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Der Flüchtlingskonvoi hatte von Dantooine kommend einen Zwischenstopp eingelegt. Duro war eine von außen gesehen einladend grüne Kugel, doch Leia und viele der Flüchtigen von Dantooine, Agamar und anderswo wussten, dass diese Welt von einer schwefelsäurehaltigen Atmosphäre umhüllt war, welche diese Farbe der Hoffnung generierte. Duro war ein von seiner vorherigen Zivilisation zerstörter Planet, dessen Einwohner es mittlerweile vorzogen, in zwanzig Orbitalstädten um den grünen Planeten herum zu leben. Es war jetzt beinahe viertausend Jahre her, dass Duro durch die Mandalorianischen Kriege verheert worden war, und die hellblauen Einwohner der Orbitalstädte hatten die Hoffnung aufgegeben, jemals wieder auf ihrer Urheimat siedeln zu können. Die aggressive Atmosphäre Duros hatte viele Pflanzen- und Tierspezies aussterben, andere mutieren lassen, während auf den technisch-sterilen Orbitalstädten nur genau die Tiere lebten, deren Dasein als Haus- und Nutztiere ausdrücklich erwünscht war.
Bburru-City war eine dieser Orbitalstädte und Leia Organa Solo beschlich ein seltsames Gefühl, als sie deren Oberfläche betrat. Sicher, auch Coruscant war durch und durch von Technologie durchdrungen, aber es war etwas anderes, auf einer schwebenden Plattform zu landen, deren Untergrund kein natürliches Felsgestein, nicht zu reden von fruchtbarem Mutterboden, war. Es war ein ähnliches Gefühl wie vor fünfundzwanzig Jahren, als sie die ebenso künstliche Wolkenstadt betreten hatte, aber deren helle, geschwungene Formen hatten diese einzigartige Leichtigkeit ausgestrahlt, die sie die künstliche Umgebung schnell vergessen hatte lassen – nun, es war schon etwas mehr gewesen damals. Ihre derzeitige Zwischenstation jedoch sah genauso aus, wie man sich eine Orbitalstation vorstellte, die mehr nüchternen Zwecken wie Arbeit, Schlafen und Essen diente als der seelischen Erbauung oder gar Inspiration ihrer Bewohner zu Höherem. Kein Wunder, dass Duros nicht gerade für ihre Romantik berühmt sind, dachte Leia.
Der Milleniumfalke erreichte die ihm zugewiesene Landebahn und das altgediente Ehepaar Solo stieg aus. Die Duros hatten zusätzliche Landedecks ausgefahren für einen Notfall wie diesen, und so würden alle Schiffe des Konvois die Möglichkeit erhalten, zwischenzutanken und neue Nahrungsmittelvorräte an Bord zu nehmen.
Durgard Brarun war ein blauer Duros mit den für diese Spezies typischen roten Augen. Er war der Vizedirektor der Organisation CorDuro, die auf Bburru ihren Sitz hatte und fungierte jetzt als Gastgeber und Ansprechpartner für die Flüchtlinge von Dantooine.
„Gerrrne nehmen wirr die Flüchtlinge hierr fürr einen Zwischenstopp auf", sagte er zu Leia in dem typischen Akzent eines Duros mit dem rollenden R. „Und wirr hoffen, dass sich Borsk Fey'lya dafür bald erkenntlich zeigen wirrrd."
„Die Mühlen der Bürokratie mahlen manchmal etwas lang, aber Bburru-City wird auch noch mehr zurückbekommen, nämlich den Dank der Menschen und anderen Wesen, die Sie hier aufgenommen haben."
„Da wärrre noch eine Sache", sagte Brarun. „Ein orrganisches Schiff begehrt hierr zu landen und eine Königin Galfridian behauptet, sich hierr mit Ihnen treffen zu wollen. Wirr haben sie vorerst im Orrbit geparkt, bevor Sie diese Leute verrrifizieren können."
„Das ist richtig", sagte Leia und nickte. „Luke Skywalker bildet den Sohn der Königin auf Yavin IV aus. Finn Galfridian kam gerade von einer Mission zurück und ich habe es so arrangiert, dass sich die Familie hier treffen kann, bevor sie gemeinsam wieder in den Äußeren Rand zurückfliegen, um dort weiter den Widerstand gegen die Invasoren zu organisieren."
Durgard Brarun nickte bedächtig. „Das ist sehrrr löblich von der Königin. Ich werde sofort dafür sorrrgen, dass sie hierrr landen kann."
„Ich danke Ihnen", sagte Leia und neigte freundlich ihren Kopf zur Seite. „Es ist gut, ein Volk wie die Duros an unserer Seite zu wissen."
Das Familienwiedersehen fand in einer großen, transparenten Halle statt. Leia fühlte sich auch trotz des Gewusels der Flüchtlinge, die hier die erste ausgiebige Mahlzeit seit der Flucht erhielten, sehr sicher und das lag nicht nur an ihren beiden Noghri-Leibwächtern Meewalh und Cakhmaim. Es hatte sich schnell herumgesprochen, wie viel Leia und ihre Kinder für die Organisation einer halbwegs geordneten Flucht von Dantooine geleistet hatten. Hin und wieder bat sie ein Flüchtling um ein Autogramm, aber die meisten hielten sich in respektvoller Entfernung und warfen den Solos warme und dankbare Blicke zu. Es war ein Meer der Gelöstheit und der Hoffnung, das Leia in der Macht umflutete – keine machtleeren Stellen, die von der Gefahr des Feindes kündeten – doch, eine leere Stelle war da schon.
„Königin Nina", rief Leia.
Sie hielt einen Moment inne, denn auch, wenn sie die Offenbarung des wahren Selbst von Nina Galfridian im Holonet gesehen hatte, so war es doch anders, jetzt einer Yuuzhan Vong gegenüberzustehen, die keine feindseligen Absichten hegte.
„Es freut mich, Sie kennenzulernen", fuhr Leia fort. „Ihr Sohn hat sich auf Coruscant und später auf Dathomir wacker geschlagen. Luke ist sicher sehr stolz auf ihn. Und auf Sie, weil Sie ihm das ermöglicht haben."
„Ich habe schon früh gespürt, dass Finn etwas Besonderes ist", sagte Nina.
Eine Fünfergruppe kam auf sie zu.
„Jaina! Danni!", rief Leia aus.
„Mom!", rief Finn und fiel seiner Mutter in die Arme. „Eigentlich sehen Yuuzhan Vong gar nicht so übel aus. Zumindest, wenn sie so nett gucken so wie du jetzt."
Nina lächelte. „Mit Nettigkeit allein kann man nicht regieren. Aber wen habt ihr denn noch mitgebracht?"
„Das sind Schwester Shelish und Kerith von den Nachtschwestern", erklärte Finn. „Dieser Kommandant, der mir bereits auf Rychel begegnete, war ebenso auf Dathomir. Seine Leute haben Keriths Mutter umgebracht und jetzt kümmert sich Shelish um sie."
„Ich hätte gerne, dass Kerith von Luke Skywalker auf Yavin IV ausgebildet wird", sagte die schwarzhaarige Shelish zur Königin.
„Dann kommen Sie doch am besten gleich mit", hörten sie Leias Stimme.
Shelish und Kerith gingen mit der Prinzessin mit und Nina wandte sich ganz ihrem Sohn zu. „Es ist eine Menge passiert, seit du weggegangen bist. Lass uns in einen anderen Raum gehen, wo wir ungestört sind."
Sie gingen in einen abgeteilten Bereich und dort sah Finn seine Schwester wieder. Kaye sah blass aus und ihre Sommersprossen traten umso stärker hervor. Sie hatte die Hände unters Kinn geschoben, aber ihre blauen Augen hellten sich auf, als sie ihren Bruder sah.
„Finn! Haben euch die Hexen wieder gehen lassen?", sagte Kaye, stand langsam auf und ging auf ihn zu, um ihn zu umarmen. „Wie ist es auf Dathomir gelaufen?"
„Wir haben ein paar von ihnen mitgebracht", sagte Finn und wies auf die schwarzhaarige Nachtschwester und das junge, braunhaarige Mädchen bei ihr.
„Ist es so schlimm auf Dathomir?", fragte Kaye und runzelte die Stirn. „Mom hat mir erzählt, dass die Nachtschwestern ihren Planeten nicht verlassen würden."
„Es gab ein Orbitalbombardement", sagte Finn tonlos. „Wir konnten uns gerade noch in Sicherheit bringen. Und du? Machst du derweil mit Mom die Diplomatenwelt unsicher?"
Kaye schüttelte den Kopf. „Ich lerne. Aber ich kann nicht sagen, dass mir das gefällt."
Finn lächelte seine Schwester an. „Jaina hat mir auf Dathomir dasselbe über ihr Diplomatentraining erzählt. Aber bei solchen Müttern muss ja wohl irgendwas hängenbleiben."
Nina Galfridian kam zu ihren Kindern zurück. In der Hand hielt sie zwei Gläser mit Fruchtsaft, die sie vom Getränkebuffet geholt hatte. „Jetzt stärkt euch erst einmal und stoßt mit mir auf das Wiedersehen an."
Ihre graue Hand griff nach hinten und zauberte ein drittes Glas hervor; dann stießen die drei an.
„Schade, dass Dad nicht hier sein kann", murmelte Finn.
„Wir sind auch für ihn hier, Finn", sagte seine Mutter. „Aber du sagtest vorhin, dass jener Kommandant von Rychel wieder auf Dathomir gewesen ist. Das scheint dir irgendetwas zu bedeuten. Das finde ich merkwürdig."
„Ich habe meinen Jedifreund Yuledan wiedergesehen", wechselte Finn das Thema. „Er wurde von einer von deinem Volk in eine Art Kampfmaschine verwandelt. Er hat die Macht auf unheimliche Art und Weise benutzt – um sie anderen abzusaugen."
„Woher weißt du, dass es eine Sie war?", wunderte sich die Königin.
„Sie war genau hinter Yuledan", begann Finn zu erzählen. „Sie hat ihn dirigiert, um mich und Welk, einen Nachtbruder, außer Gefecht zu setzen. Aber eine der Nachtschwestern hat es erkannt, stürzte sich auf sie und tötet sie. Und dann ist der Kommandant zurückgekommen. Er war ziemlich aufgebracht darüber, dass die Frau tot war."
„Und dein Jedifreund?", fragte Nina mitfühlend.
„Die Jediheilerin Cilghal und ihre Schülerin Tekli kümmern sich um ihn. Aber es sieht nicht so aus, als würde Yuledan je wieder der Alte werden. Deine Speziesgenossin hat wirklich gute Arbeit geleistet."
„Hätte Ihr Sohn uns nicht auf Sie vorbereitet, dann wären wir jetzt richtig sauer auf Sie gewesen, Königin, aber es gibt eben immer und in jedem Volk solche und solche", schaltete sich Shelish in die Diskussion ein. „Haben Sie vielleicht eine Ahnung, was die Yuuzhan Vong mit unserem Planeten vorhaben könnten?"
„Sie sind also eine echte Nachtschwester", sagte die Königin. „Ich habe schon von eurer Art gehört. Wenn es so weit ist, dann können Ihre Kräfte und mein Wissen Dathomir wieder befreien, aber alles, was wir im Moment tun können, ist Informationen sammeln. Dathomir ist eine recht technikfreie Welt, soweit ich weiß. „Also besteht die Hoffnung, dass mein Volk den Planeten zu einem Stützpunkt ausbauen wird, wo wir Schwachpunkte ermitteln und ausnutzen können."
„Von den Nachtschwestern haben wohl nur ich und Kerith überlebt", sagte Shelish und streichelte dem elfjährigen Mädchen übers braune Haar. „Also werden wir versuchen, Kontakt zu anderen Hexenclans aufzunehmen; denn nur vereint werden wir die Besatzer schlagen können."
Shelish war feinfühlig genug, um zu erkennen, dass die Familie allein sein wollte, und ging mit ihrer Tochter zu Luke Skywalker und den anderen Jedi, die sich in einem anderen Teil des Raumes zu einer lockeren Gruppe versammelt hatten.
„… hat Danni es endlich geschafft", hörte Shelish Jaina sagen.
„Es hing auch nur eine Frucht an jenem Baum", antwortete die blonde Wissenschaftlerin und lächelte. „Das hat der Yuuzhan Vong sicherlich nicht erwartet. Und doch war er unheimlich, denn er hat meinen Namen ausgesprochen. Er kannte mich."
„Könnte es ein Überlebender von Helska IV gewesen sein?", fragte Leia.
Danni Quee dachte darüber nach. „Vielleicht wusste er von den Praetorite Vong und der Art ihres Untergangs. Möglicherweise ist er uns irgendwie gefolgt. Ich frage mich immer noch, wie die Yuuzhan Vong genau den Ort auf Dathomir ansteuern konnten, wo sich Jedi befanden."
Luke schaute Shelish an. „Hat sich in der letzten Zeit in der Nachtschwestersiedlung irgendetwas verändert? Irgendetwas, was Informationen nach draußen dringen lassen könnte?"
Die Nachtschwester fasste sich an die Schläfe und fuhr mit der bleichen Hand langsam über das kurze Stoppelhaar dahinter. „Jetzt, wo Sie es erwähnen. Vor zwei Monaten hat die Verwaltung von Dathomir uns einen Postkasten bewilligt, mit einem Briefträger, der alle zwei Wochen kam, um die Post auszutragen, meistens Werbung, aber ab und an waren auch offizielle Bekanntmachungen dabei für Leute wie uns, die nicht über Holonet verfügen. Der Briefträger war auch an dem Tag gekommen, als die Yuuzhan Vong uns angriffen."
„War der Briefträger ein Einheimischer gewesen?", fragte Leia.
Jaina schüttelte den Kopf. „Ganz bestimmt nicht. Er sprach nur gebrochen Basic und hatte zwei Münder. Aber schön gesungen hat er."
Luke wandte sich ihr so schnell zu, dass seine Nichte überrascht zusammenzuckte. „Zwei Münder? Und ziemlich braune Haut mit goldenen Sprenkeln? Lilane Augen?"
Seine Nichte nickte. „Ja, du kennst diese Spezies, Onkel?"
„Das war ein Vagaari! Die Vagaari sind das verschlagenste und grausamste Volk, das ich und deine Tante je kennenlernten. Als wir ihnen damals vor drei Jahren in den Unbekannten Regionen begegneten, standen ihnen speziell abgerichtete Tiere zu Diensten, wie wir sie noch nie gesehen hatten."
Jaina schaute ihren Onkel verständnislos an. Vor drei Jahren war sie vierzehn Jahre alt gewesen – und hatte bereits genug erlebt, genug von ihren Jedifreunden und ihrer Familie gehört, dass es für ein ganzes Leben, nein, für drei reichen könnte. Sie konnte sich einfach nicht aus dem Stand an eine Mission erinnern, die auf diese Beschreibung Lukes passen könnte.
„Du kannst dich noch an die Geschichte von der Suche nach dem Extragalaktischen Flugprojekt erinnern, zu der die Chiss mich und Mara einluden?"
Jetzt dämmerte es Jaina und ihr wurde unwohl. ‚Ist Jedi-Lied, was?', fiel ihr die Frage des Postboten wieder ein. Da war so ein lauernder Unterton gewesen. „Ach die waren das! Und du meinst, die Vagaari haben schon damals für die Yuuzhan Vong gearbeitet? Und jetzt sind sie deren Kuriere?"
Luke nickte bedeutungsschwanger. „Mehr Zufälle, die derart nahtlos zusammenpassen, kann es gar nicht geben. Es ist gut, dass wir darüber gesprochen haben. Wir müssen den anderen Jedi Bescheid geben. Sobald wieder einer von dieser Spezies auftaucht, werden wir vorbereitet sein."
Die Weiterreise nach Coruscant sollte erst am nächsten Tag erfolgen. Vizedirektor Durgard Brarun hatte Ninas Familie eine Suite im obersten Geschoss eines runden Turms zugewiesen. Hier endlich ließ Finn die Aufnahme des Geschehens über den Holoprojektor abspulen, die seine rote Brille während ihres Einsatzes auf Dathomir gemacht hatte. Nina sah Tsalok mit den beiden toten Gefährten der Nachtschwestern in den Fäusten über den Steg marschieren.
„Das ist er." Finns Zeigefinger schien den Kommandanten geradezu zu durchbohren. „Er war damals auch auf Rychel."
Nina und Kaye schaute weiter zu, wie Finn mit seinen Jedigefährten hinter dem Alkoven der Nachtschwestern einen Machtschild generierte, um den Beschuss durch die Yuuzhan Vong abzuwehren. Welk wurde vom entfesselten Yuledan gegen den Felsen geschmettert und dann, als Lomi Plo auf der Bildfläche erschien, sah Nina SIE.
„Ich wusste schon immer, dass Nagme Dal eine Schlächterin ist, aber dass sie so weit gekommen ist, sich einen Jedi zu unterwerfen, hätte ich nie gedacht."
„Du kennst sie?", fragte Kaye entsetzt.
„Besser als mir lieb gewesen wäre" antwortete ihre Mutter. „Tsalok und ich waren damals ein Liebespaar."
Finn hob eine Braue. „Tsalok?"
„So heißt der Kommandant", erklärte Nina. „Er hat versucht, mir über Dibrook Angst zu machen, dass er dir etwas antun würde. Aber es war nur ein Trick, ein Bild projiziert auf einem Villip."
Kaye verzog das Gesicht. „Mir wird speiübel schon bei dem Gedanken, dass dieser Typ überhaupt mit irgendwem Sex hatte."
Ihre Mutter strich ihr vorsichtig über das blonde Haar. „Ich weiß. Vielen aus meinem Volk wäre auch übel geworden, denn es ist Kriegern untersagt, ein Verhältnis mit einer Gestalterin zu unterhalten – und umgekehrt. Tsalok hatte mich damals mit ihr betrogen, auch einer der Gründe, warum ich von meinem Volk fortwollte. Aber jetzt haben sie uns eingeholt." Sie ließ eine Pause. „Und Nagme hat ihre gerechte Strafe erhalten."
„Was ist eigentlich damals auf Rychel zwischen dir und Tsalok passiert?", fragte Nina ihren Sohn. „Irgendwie scheint es dich zu beschäftigen, dass er jetzt wieder auf Dathomir aufgetaucht ist. Und er hat dich dort sehr geschont, wie ich in deiner Aufzeichnung sah."
„Nicht, dass ich darüber böse wäre, aber komisch finde ich es schon", pflichtete ihr Kaye bei.
Finn nickte langsam. In der Luft vor ihnen fiel Danni Quee gerade von ihrem Schwimmbrett ins brackige Sumpfwasser und Finn hielt den Film an. „Ich hab ihm auf Rychel das Leben gerettet. Ein Pfeiler stürzte auf ihn herab und ich hab ihn mithilfe der Macht von ihm fortgehoben."
„War das, bevor oder nachdem Tsalok den Jedimeister getötet hatte?", fragte seine Mutter entsetzt.
„Danach", presste er zwischen den Lippen hervor. „Eigentlich wollte ich ihn wegen seines Mordes an Meister Le'Ung zur Rede stellen, aber als ich sah, wie die Säule auf ihn fiel, da dachte ich mir: Taten sagen mehr als Worte. Wie es scheint, hat er nicht viel daraus gelernt."
„Und seinetwegen sind jetzt viele Leute auf Dathomir gestorben", merkte Kaye an.
„Hätte ich Tsalok auf Rychel getötet oder sterben lassen, hätte der Feind doch einfach jemand anderen geschickt", hielt Finn dagegen.
„Das stimmt", gab seine Mutter ihm Recht. „Und doch glaube ich, dass du irgendetwas damit bei ihm ausgelöst hast. Über Dibrook schien er regelrecht besessen von dir gewesen zu sein. Ich habe gefühlt, dass es um mehr ging, als mich einzuschüchtern." Sie lächelte. „Zumindest weiß ich jetzt, was er mit dieser Sache meinte."
Finn kratzte sich am Ohr. „Diese Sache?"
„Tsalok fragte mich über Dibrook nach dem Schicksal von Kommandant Sha'kel. Ich sagte ihm, dass Sha'kel ganz im Gegensatz zu ihm heldenhaft im Kampf um sein Schiff gefallen sei. Da sagte er: ‚Sie wissen also um diese Sache.' Natürlich ließ ich ihn in dem Glauben." Nina grinste. „Offenbar habe ich ihn damit mindestens ebenso aufgescheucht wie er mich mit deinem Bild."
Finn schaltete den Holoprojektor wieder ein und Danni wurde von dem vermeintlichen Menschen aus dem Wasser gezogen.
„Was ist aus der Nachtschwester geworden? Ist sie gestorben?", wechselte Kaye das Thema, während die Holocam zeigte, wie eine erschrockene Danni Quee den abgetrennten Arm des unglücklichen Lockvogels ins Wasser plumpsen ließ.
Finn ballte die Faust. „Als wir wieder aus dem Sumpf zurückkamen, waren Welk und sie verschwunden. Deshalb besteht die Hoffnung, dass beide noch leben, aber wir können sie nicht mehr spüren, noch nicht einmal Luke Skywalker. Allerdings kannte er die beiden auch nicht allzu gut."
In der Übertragung ließ Dannis Kidnapper seine Geisel los und fiel fluchend ins Sumpfwasser.
„Hoffen wir, dass sie nicht Yuledans Schicksal erleiden", sagte Finn und schaltete seine rote Brille wieder ab.
Jemand klopfte an der Tür.
„Ich gehe", sagte Kaye schnell und sprintete zur Tür.
„Zoria!"
Die helle Stimme ihrer Tochter hatte schon lange nicht mehr so unbeschwert und fröhlich geklungen und Nina Galfridians Stimmung verbesserte sich ebenfalls schlagartig.
„Wir sind etwas verspätet gekommen", sagte das ehemalige Kindermädchen der Galfridians. „Aber wir haben es noch rechtzeitig hierher zum Konvoi geschafft. Durgard Braruns Leute hätten uns fast nicht landen lassen, aber Leia Organa-Solo hat geholfen."
„Es ist schön, dass du lebst, Zoria", sagte Nina, „Ich dachte schon, du wärst während der Umformung auf Artorias geblieben."
Zorria schaute in das neue Gesicht ihrer Königin. Ja, sie hatte es im Holo-Net gesehen, aber eine Yuuzhan Vong in natura vor sich zu sehen, von der sie bislang angenommen hatte, sie sei ein Mensch wie sie, war etwas anderes. „Umformung?"
Nina erzählte Zoria, was auf ihrer Heimat geschehen war. Sie stockte an der Stelle, wo sie ihrer Vertrauten offenbaren musste, was ihr Ehemann eigentlich gewesen war und was er dem König in der unterirdischen Kommandozentrale angetan hatte.
„Das ist … ungeheuerlich! Und dabei wirkte Dulac immer so bescheiden. So pflichtbewusst. Es tut mir so leid für Euch, Königin."
„Dein Leid ist nicht geringer", versuchte Nina, ihre Zofe zu trösten.
„Deshalb also konnten wir keine Kinder bekommen!", rief Zoria in plötzlichem Erkennen aus. „Er hat mir immer gesagt, er würde sich untersuchen lassen. Ich habe mich mehrmals untersuchen lassen."
Nina strich ihr über die Schulter. „Das tut mir so leid. Ich hätte mir auch gerne mit Caled eigene Kinder gewünscht, aber das hätte uns alle in Gefahr gebracht. Vielleicht hat Dulac dich ja auch nur schützen wollen. Vielleicht hat er dich ja trotz allem wirklich geliebt."
Zoria brach in Tränen aus und Nina nahm sie in die Arme. Es dauerte eine Weile, bis sich die Zofe wieder beruhigt hatte. „Dann wäre es theoretisch möglich gewesen?"
„Dulac ist tot – genau wie mein Mann", sagte Nina mit flacher Stimme. „Wir sollten jetzt alle schlafen gehen. Hast du schon ein Zimmer zugewiesen bekommen?"
Zoria nickte. Nina wandte sich ihren Kindern zu. „Geht doch bitte schon zu Bett. Ich werde mit Zoria noch zu ihrem Zimmer gehen und sehen, ob sie noch etwas braucht."
Zorias braune Augen schauten überrascht auf. „Das ist sehr freundlich, meine Königin."
Sie verließen die Suite und gingen durch den langen Flur, fuhren mit dem Turbolift zehn Etagen nach unten und durchmaßen einen weiteren Flur. Stellenweise trafen sie herumlungernde Duros, die Bauchläden mit sich führten oder spontan Kioske eröffnet hatten, um die Flüchtlinge gegen Bares zu verköstigen und mit anderen Annehmlichkeiten zu versorgen. Vereinzelt streiften Angehörige von Spezies des Äußeren Randes durch die Gänge, deren Absichten der Königin eher zwielichtig schienen. Sie hoffte, dass ihre Leute und die anderen Flüchtlinge auf sich aufpassen konnten.
Sie erreichten die kleine Kammer. Dort schlief bereits eine andere Frau in einem Bett, während auf dem von Zoria noch der ungeöffnete Koffer lag.
„Um deine Frage zu beantworten: Ja, es ist möglich", sagte Nina. „Ich habe aber keine Ahnung, ob so eine Schwangerschaft auch bis zum Ende bestehen bleibt und wie die Kinder aussehen."
„Wie Sie schon sagten: Mein Mann ist tot – und er war ein Verräter und Spion!"
„Aber wärst du von ihm schwanger geworden, hättest du das Kind behalten?", fragte Nina leise.
Zoria nickte. „Natürlich. Das Kind kann ja nichts dafür. Aber wahrscheinlich wäre ich zu Tode erschrocken."
„Dann ist es noch nicht zu spät", sagte Nina verschwörerisch.
Zoria glotzte sie verständnislos an.
„Hör zu. Meine Tochter wurde an dem Tag oder einen Tag später, nachdem Dulac verschwand, vom Kommandanten des Yuuzhan Vong-Sklavenschiffs vergewaltigt, das uns von Artorias fortbrachte – mit dem wir immer noch unterwegs sind. Kaye ist jetzt ungewollt von ihm schwanger und ich habe ihr versprochen, ihr das Kind wegzumachen. Ich kann es dir einpflanzen und du kannst es aufziehen, als wäre es deines, wenn du das möchtest."
„So etwas geht?", wunderte sich Zoria. „Ich dachte immer, nach der Einnistung wäre eine Transplantation nicht mehr möglich."
„Nicht in dieser Galaxis, bei uns schon. Und ich bin eine Gestalterin der Yuuzhan Vong. Wir haben hier zwar keine Brutkrippe wie bei uns auf den Weltschiffen, wo die Föten ab dem zweiten Monat nach der Zeugung heranwachsen, aber eine Fremdmutter tut es auch, wenn man es richtig anstellt und ich weiß, wie das geht."
„Ich weiß nicht was ich sagen soll. Ich bin baff! Aber ja, wenn das so ist. Ja, ich möchte dieses Kind."
Zoria besann sich kurz. „Aber was, wenn das Kind Kaye ähnlich sieht? Oder diesem Kommandanten? Wird Kaye dann nicht Verdacht schöpfen?"
„Ich habe ihr versprochen, dass ich ihr das Kind wegmachen werde", erwiderte die Königin, „nicht, dass ich es töten werde. Und ich denke, Kaye ist menschlich genug, dir die Freuden der Mutterschaft zu gönnen."
Spontan fiel Zoria ihrer Königin um den Hals. „Ich danke Euch. Ich hätte nie gedacht, noch einmal Mutter zu werden. Ihr wart schon immer eine gute Königin, aber das …" Sie ließ die Yuuzhan Vong-Frau wieder los. „Gibt es ein Bild von meinem Mann, wie er wirklich aussah?"
Nina nickte. „Morgen in meiner Suite. Und ich sehe zu, dass ich auf einem Lazarettschiff einen Operationssaal nur für uns bekomme."
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Nom Anor und Tsalok Shai standen in dem kreisrunden Besprechungsraum vor Shedao Shai. Der Kommandant der Erbe der Qual stand mit seiner schwarzen Maske vorm Gesicht und mit verschränkten Armen vor den beiden Rückkehrern und schwieg. Neben ihm stand Deign Lian mit ebenso verschränkten Armen, eine Geste der Überlegenheit, die einem Adjutanten in dieser Konstellation eigentlich nicht zukam, aber Nom Anor nahm an, dass Shedao Shai sich seinen Zorn über diese Anmaßung für später aufheben würde. Viel mehr ärgerte er sich darüber, dass er selbst jetzt keine solche unbewegliche Kommandantenmaske tragen konnte, die seine Regungen verbergen konnte. Tsalok neben ihm stand aufrecht, aber mit leicht gesenktem Kopf vor seinem höherrangigen Domänengenossen, die langen Zähne beider Zahnreihen gegeneinandergepresst, so dass sie sich in einem tödlichen Zickzackmuster über der dünnen Mundlinie ineinander verschränkten.
‚So hätte er sicher auch die Nachtschwester gerne totgebissen', dachte der Exekutor.
„Dathomir ist unser", begann Shedao Shai, „aber was den Rest der Mission angeht, so seid ihr zwei grandios gescheitert!"
Nom Anor kniff verärgert sein gutes Auge zusammen. Er wagte einen Blick zu Tsalok herüber, aber der Kommandant schoss ihm einen derart bedrohlichen Blick aus seinen schrägstehenden Maa'its zu, dass er sich vornahm, das künftig zu unterlassen.
„Ich hatte euch dreihundert Krieger mitgegeben. Dreihundert für drei Jeedai und drei Nachtschwestern!", donnerte Shedao Shai. „Und wofür sind die meisten davon gestorben? Für eine Hexe und ihren Freund? Meistergestalterin Mezhan Kwaad hielt es nach der Ankündigung des Transports noch nicht einmal für nötig, sich dafür bei mir zu bedanken und ich verstehe auch, warum."
Nom Anor brachte ein mildes Lächeln zustande. „Gestalter halten sich häufig für etwas Besseres. Ihnen fehlt es gelegentlich an Demut demgegenüber, was ihnen die Götter zukommen lassen."
Shedao Shais rechte Hand ballte sich im Zorn. „Und Sie, Exekutor, halten sich für einen solchen Gott, der den Gestaltern milde Gaben zukommen lässt, ja? Solche milde Gaben wie den Tod in einem Sumpf der Welt, die wir gerade erobert haben, weil Sie sich anderswo herumtreiben mussten?"
„Mit Verlaub, Kommandant, ich habe mich mitnichten irgendwo herumgetrieben, sondern die Jeedai über das Terrain verteilt und fortgelockt, so dass unsere Kräfte genügend Zeit hatten, dem Zauber der Nachtschwestern ein Ende zu bereiten."
Shai hob eine Braue. „Ein Zauber, sagen Sie?"
„Es stimmt, was der Exekutor sagt", sprang Tsalok ihm bei. „Die Nachtschwester haben einen Trank gebraut, mit dem sie Tote erweckten – Gespenster, die unseren Truppen sehr zusetzten. Zudem gab es an vielen Stellen nur schmale Pfade, die durch den Sumpf führten, wodurch die Bewegungsfreiheit unserer Truppen eingeschränkt war. Der Feind wusste natürlich darum und nutzte das zu seinem Vorteil. Aber ich erkannte die Quelle des Zaubers und vernichtete sie – samt der Nachtschwester, welche diesen Totenspuk bewirkte."
„Ich wünschte wirklich, unsere Toten könnten uns ebenso helfen wie jene den Ungläubigen", brummte Shedao Shai. „Sind denn nun alle Nachtschwestern vernichtet?", wandte er sich an Tsalok.
„Die Jeedai konnten allesamt fliehen. Und wie unsere Wächterdrohnen erspähten, nahmen sie auch zwei Nachtschwestern mit sich, eine davon noch ein Kind."
„Dathomir mag unser sein", zischte Shedao Shai, „aber der Spuk von dort wird wohl nicht enden. Und was noch schlimmer ist: Nun wissen auch die Jeedai davon und werden diese Zauberei gewiss nutzen. So ein Versäumnis ist unverzeihlich!"
Er machte eine Pause und schritt um den Krieger und den Verwalter herum, während Deign Lian mit immer noch verschränkten Armen dastand und den beiden Berichterstattern offen ins Gesicht feixte, sobald ihm Shedao Shai den Rücken zudrehte.
Tsalok fixierte den Adjutanten. Als ob du es besser könntest, du Flachzange einer unbedeutenden Domäne!
„Tsalok Shai, Sie hatten die eindeutige Aufgabe, die Jeedai allesamt entweder zu töten oder gefangen zu nehmen. Sie werden hiermit nach wiederholtem Versagen degradiert und Ihres Kommandantenranges enthoben. Melden Sie sich bei den Gestaltern, damit Sie demgemäß umgestaltet werden. Mein Adjutant wird Sie hin geleiten."
Tsalok nahm das Urteil mit derselben grimmigen Miene zur Kenntnis, ohne etwas zu sagen.
„Und Sie, Nom Anor, werden sich beim Kriegsmeister melden."
Nom Anor sah, wie Tsaloks Grimm Überraschung wich, dann folgte Unmut. Sicherlich war der Krieger eifersüchtig, dass sein Versagen jetzt und hier bestraft wurde, während der Verwalter neben ihm gar für wert befunden wurde, mit dem Kriegsmeister persönlich zu sprechen, ohne dass eine ähnlich harte Bestrafung auch nur angekündigt wurde. Er überlegte, ob er sich nach seinem Verbleib auf der Tarak-shi von Kommandant Tsaak Vootuh erkundigen sollte, ließ es dann aber bleiben. Am Gesicht von Deign Lian konnte er ablesen, dass auch der Adjutant ihm das Gespräch mit Tsavong Lah nicht gönnte.
Shedao Shai wartete, bis der degradierte Krieger und der Verwalter seinen Besprechungsraum verlassen hatten. Als Deign Lian von seinem Begleitungsgang wieder zurückkehrte, schickte er ihn gleich wieder fort: „Holen Sie mir Senator Elegos A'Kla!", befahl er, „und dann bringen Sie uns Erfrischungsgetränke!"
Deign Lians Miene verzog sich in Unmut und Shedao Shai feixte hinter seiner schwarzen Maske. Er wusste genau, wie sehr es sein Adjutant hasste, den Ungläubigen zu bedienen. Und genau deshalb ließ er es ihn tun.
Nom Anor schaute zu, wie sich der Villip, den ihm Shedao Shais Villipdienerin gegeben hatte, umstülpte, um die vernarbten, von langen, schwarzen Haarsträhnen umrahmten Züge des Kriegsmeisters zu zeigen.
„Nom Anor, endlich habe ich das Vergnügen, den Exekutor zu sehen, der die Galaxis für unser Vorbereiten vorbereiten soll."
Soll? Ich habe mehr als genug getan, damit ihr Krieger ungestört hereinmarschieren könnt! „Kriegsmeister, ich fühle mich durch diese Villip-Audienz geehrt."
„Durch Ihr Versagen wurde auf Dathomir eine, wie Shedao Shai behauptete, kriegswichtige Gestalterin getötet."
„Ich war andernorts beschäftigt, als es passierte. Drei Jeedai beanspruchten meine Aufmerksamkeit, und ich war abgeschnitten in einem Sumpfgebiet."
Tsavong Lahs Züge verzogen sich zu einem höhnischen Lächeln. „aus welchem Sie meine Leute befreien mussten."
Nom Anor nahm an, dass Tsavong Lah mit ‚meine Leute' die Zugehörigkeit der Krieger zu seiner Kaste meinte, aber er war sich sicher, dass Shedao Shai diese Formulierung gewiss nicht gefallen würde. „Und dafür danke ich Ihnen, Tsavong Lah."
Das Lächeln des Kriegsmeisters verschwand und Nom Anor befürchtete bereits, dass er den Sarkasmus in seinem Dank erkannt haben könnte. „Offenbar sind militärische Einsätze mit direktem Feindkontakt nicht unbedingt Ihre Stärke, Exekutor."
Gegen drei Jedi möchte ich Sie mal kämpfen sehen, Kriegsmeister!
Tsavong Lahs Blick fixierte die leere Augenhöhle seines Gesprächspartners und Nom Anor zog sich der Magen zusammen. „Aber wie ich sehe, haben Sie die Strafe für Ihr Versagen bereits erhalten. Und jetzt habe ich eine neue Aufgabe für Sie, Nom Anor", fuhr Tsavong Lah fort. „Der Oberste Kommandant Nas Choka hat mir von Ihrer Aktion auf der Welt Monor II von vor fünf Monaten berichtet, wo Sie durchschlagende Erfolge verbuchen konnten."
Nom Anor neigte das Haupt gefällig zur Seite. „Ein Sieg biologischer Kriegsführung, über den ich mich gefreut habe."
„Priester Harrar hat einen Auftrag für Sie, wo Sie erneut Ihr Geschick in diesen Dingen beweisen können, Exekutor. Sie werden sich in zwei Wochen auf seinem Schiff einfinden, dessen Koordinaten ich ihnen jetzt geben werde."
„Es wird mir eine Ehre sein, mit einem anderen Diener Yun-Harlas zusammenarbeiten zu dürfen, Kriegsmeister", bedankte sich Nom Anor erneut.
Er konnte sich noch gut an die Zeremonie von vor zwölf Jahren erinnern, welche Harrar auf dem Weltschiff seiner Domäne Anor geleitet hatte. Damals hatte Nom Anor seinen Qualmfinger erhalten. Und wenn diese Mission gut verlaufen würde, dann würden sowohl er als auch der Priester eine Belohnung bekommen – und er würde gar befördert werden, wie er es sich schon lange wünschte.
„Dann bitten Sie Yun-Harla darum, Mara Jade noch weitere Leidensgenossen hinzuzugesellen", sagte Tsavong Lah, dann gab er die Koordinaten durch wie angekündigt.
„Selbstverständlich, Tsavong Lah."
Der Villip des Kriegsmeisters stülpte sich noch während dieser Worte wieder um und auch Nom Anor kalkulierte bereits sein weiteres Vorgehen. Er hatte zwei Wochen, um alles zu erledigen, was er musste. Zwei Wochen, in welchen er seine Position weiter ausbauen würde. Er schaute der hübschen Ybura hinterher, die den Villip wieder aus seinem Zimmer trug. Irgendwann würde ihm der Kriegsmeister einen Villip zukommen lassen – ganz direkt. Und er, Nom Anor, würde ihn behalten dürfen.
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Das erste, was Lomi Plo fühlte, als sie aufwachte, war Leere. Leere um sie herum, über ihr, unter ihr neben ihr – nein, neben ihr, da war jemand. Jemand, den sie kannte. Welk lebte, aber er schlief, genau wie sie eben. Als Lomi Plo ihre Augen aufschlug, wollte sie sie am liebsten gleich wieder schließen. Sie befand sich ein einem Raum, der nach geronnenem Eiweiß roch. Um sie herum liefen Leute mit einem ähnlichen Kopfputz wie dem der Frau, die sie soeben getötet hatte. War das soeben gewesen?
Sie versuchte sich zu bewegen, musste jedoch feststellen, dass sie in einer Art Netz gefangen war. Es war dasselbe Netz, dessen weißliche Fäden Welk neben ihr umspannten und an Ort und Stelle hielten. Ihr Gesicht tat immer noch weh von dem Stachel, den die grauhäutige Hexe ihr im Sumpf ihrer Heimat verpasst hatte, aber zumindest schien die Wunde nicht entzündet zu sein. Sie konnte immer noch alle Gliedmaßen bewegen und ebenso klar denken. Immerhin etwas.
Eine dürre Frau drehte sich zu ihr um. Lomi konnte keine Narben an ihr erkennen, nur Tätowierungen und eine eingedrückte Nase. Doch selbst verglichen mit den anderen Yuuzhan Vong, die sie im Raum mit den braunen, schrundigen Wänden sah, wirkte das Gesicht dieser Frau regelrecht grob und hässlich! Ihre wässrig-blauen Augen schauten mitleidlos auf sie herab, aber das wenigste, was Lomi Plo jetzt wollte, war Mitleid. Auf dem Kopf trug die hässliche Frau einen sternförmigen Kopfputz, der aber nicht so aufwändig war wie der der Frau im Sumpf. Sie überlegte, ob das Blut dieser Frau wohl auch wie eine Mischung aus Milch, Salz und Eisen schmecken würde, wie sie auf Dathomir gekostet hatte.
Der messerartig geformte Finger einer abartigen, aber immer noch fünffingrigen Hand zeigte auf sie. Die Frau im Sumpf hatte gar acht solche Finger an jener abartigen Hand gehabt. Es kam Lomi in den Sinn, dass sie eine ziemlich hochrangige Person jenes Volkes getötet haben musste.
„Sie ist erwacht", sagte die Frau und drehte sich von der Gefangenen weg.
Eine Meistergestalterin mit einer achtfingrigen Hand trat zu ihr. „Das ist sie?"
Die grünen Augen der ebenso dürren Frau wanderten abschätzig über Lomis muskulösen, doch schlanken Körper. „Wie alt ist die denn? Doch mindestens dreißig Jahre oder?"
Die Adeptin knickste vor ihr. „Zweiunddreißig, um genau zu sein, Meisterin Mezhan Kwaad."
„Qelah Kwaad, zumindest von einer Adeptin meiner Domäne hätte ich erwartet, dass sie dafür sorgt, dass man mir jemand jüngeren bringt - jemanden, den ich noch formen und gestalten kann, nicht solch altes Material!"
„Belek tiu, Meisterin. Die Krieger auf Dathomir haben sich alle Mühe gegeben, aber das junge Mädchen der Nachtschwestern war bereits fort. Genauso wie die Jeedai."
„Meister Yal Phaath!", hallte Mezhan Kwaads gebieterische Stimme durch die Halle, aber niemand reagierte.
„Wenn Sie etwas von mir wollen, werte Kollegin, dann kommen Sie gefälligst her und fragen Sie!", tönte eine ältere Stimme zurück.
„Qelah Kwaad", sagte Mezhan Kwaad in demselben hochherrschaftlichen Tonfall wie gegenüber dem anderen Meistergestalter. „Gehen Sie doch bitte zu Meister Yal Phaath hinüber und sagen Sie ihm, dass er die beiden Dathomirianer haben kann. Ich bin hier fertig."
„Natürlich, Meisterin."
Qelah Kwaad ging zu dem alten Meistergestalter. „Mezhan Kwaad überlässt die beiden Machtnutzer jetzt Ihnen, Meister Phaath."
Der alte Meister lächelte sardonisch. „Das ist sehr großzügig von Meisterin Mezhan Kwaad. Richten Sie ihr aus, dass sie sich jederzeit wieder an mich wenden kann, wenn sie etwas braucht."
Qelah Kwaad verbeugte sich förmlich. „Ich danke Ihnen – auch im Namen von Mezhan Kwaad."
Das Lächeln Yal Phaaths wurde etwas weicher. „Zumindest bei Ihnen, Adeptin, glaube ich es."
Qelah Kwaad ging zurück zu ihrer Meisterin. „Darf ich Sie fragen, was eigentlich aus dem Versuchsobjekt von Nagme Dal geworden ist?"
„Die Jeedai haben ihn mitgenommen", knurrte Mezhan Kwaad zurück.
„Dann ehren sie ihre Toten, wie wir es tun?", fragte die Adeptin.
„Das Fehlen des Objekts ist irrelevant geworden. Nagme Dal hatte das Projekt beendet und wir haben ihren Qang Qahsa, wo alle relevanten Informationen über ihr Versuchsobjekt gespeichert sind, die wir brauchen. Und mit dem Fortschreiten der Invasion werden wir genug Zeit haben, es besser zu machen als Nagme Dal."
„Und wenn Ghithra Dal den Qang Qahsa für seine Domäne beansprucht?", wandte Qelah Kwaad ein.
„Sie sollten sich wirklich nicht den Kopf um diesen Schwachkopf zerbrechen, Qelah Kwaad. Die Domäne Dal hat versagt. Nagme Dal hat eine seelenlose Machtmaschine erschaffen – eine Perversion des Gestalterhandwerks ohnegleichen – ein Frevel am Leben überhaupt! Wir jedoch werden ein machtsensitives Individuum erschaffen, welches uns freiwillig und mit Freuden gehorchen wird. Und dieses verfeinerte Projekt wird der Schlüssel dafür sein, dass die Domäne Kwaad endlich den Platz innerhalb der Gestalterschaft einnehmen wird, der ihr ganz natürlich zukommt."
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Elegos A'Kla lief hinter Shedao Shai her. Es fiel dem großgewachsenen Caamasi mit dem goldenen Fell nicht schwer, mit dem nur etwas größeren Yuuzhan Vong mitzuhalten, aber es ärgerte ihn, nicht verstehen zu können, was der Kommandant mit seinem gemein wirkenden Adjutanten besprach. Gerade schien er Deign Lian auszuschimpfen wie so oft. Auch wenn es seinen ureigensten pazifistischen Überzeugung widersprach, wünschte sich der Senator für den Planeten Caamas manchmal insgeheim, Deign Lian würde irgendwo auf einem der vielen Schlachtfelder liegenbleiben, die Shedao Shai in einer breiten Schneise durch die Galaxis zog – genau wie die verbrannte Schneise inmitten der grünen Natur des Planeten Garqi hier direkt vor ihnen.
Vor drei Monaten war es Belkadan gewesen, vor zwei Monaten Bimmiel, dann kamen Dubrillion, Dantooine, Artorias, Dathomir und jetzt eben Garqi. Elegos hatte auch von anderen Orten gehört wie Pedd IV und Shramar, aber dort hatten andere Kommandanten die Operationen vor Ort geleitet. Würde er, Elegos A'Kla, wenn Shedao Shai sein Versprechen erfüllte und ihn zu seiner Familie zurückkehren ließ, sich noch an all diese Orte erinnern, sollten es ihrer zu viele werden? Vorausgesetzt, der hoheitsvolle, schmerzversessene, aber gleichzeitig ungemein aufrichtige und ehrenvolle Kommandant überlegte es sich nicht anders und tat mit ihm, was er gemeinhin mit Ungläubigen zu tun pflegte – nicht er selbst natürlich, dazu hatte er Deign Lian und die anderen Krieger.
„Und, was hältst du von dieser Zerstörung, Elegos?"
Shedao Shais Tonfall bei dieser Frage auf Basic war so anders als gegenüber Deign Lian und Elegos war sich sicher, dass das nicht nur daran lag, dass Basic gefälliger und melodischer klang als die harsche Yuuzhan Vong-Sprache.
„Dies war einmal ein Garten – ohne jeden militärischen Wert. Sie wurden hierher verfolgt und haben hier Stellung bezogen. Die Verwüstung ist nur ein Kollateralschaden."
Shedao Shai kicherte leise und Elegos wusste, dass er durchschaut worden war. „Glaubst du, du könntest mich so leicht an der Nase herumführen?"
„Glauben Sie denn, ich wollte Sie an der Nase herumführen? Deign Lian ist bereits viel länger auf dieser Welt als ich, aber wie es scheint, hat auch er keine befriedigende Erklärung für diese Brandrodung."
Shedao lachte. „Das ist allerdings wahr." Seine Miene wurde finster und Elegos bemerkte, wie die zur Faust geballte Krallenhand erzitterte. „Wie erträgst du als Pazifist es überhaupt, mit solchen Leuten zusammenzuarbeiten? Du bist so nachdenklich und friedfertig. Aber sie sind nichts davon. Ich habe gesehen, wie ehrlos sie auf Bimmiel unsere Toten behandelt haben – und ihre eigenen. Wie also hältst du es aus, von solch ehrlosen Geschöpfen umgeben zu sein?"
Dasselbe könnten mich meine Senatorenkollegen fragen, wüssten sie, mit wem ich hier unterwegs bin. Tatsache war, dass Senator Elegos A'Kla aus freien Stücken zum Feind gereist war. Dass er sein mechanisches Schiff zurückgelassen und eines der organischen Schiffe des Feindes betreten, gar um die Benutzung eines Villips gebeten hatte, um den Kommandanten, der den Vorstoß in seine Heimat anführte, nicht in seinen religiösen Gefühlen zu beleidigen. Er hatte damals gehofft, mehr über die Yuuzhan Vong herauszufinden, eine gemeinsame Basis zu schaffen, auf welcher Verständigung, gar Frieden möglich sei. Trotzdem war Elegos A'Kla überrascht gewesen, wie bereitwillig Shedao Shai seine Kontaktanbahnung akzeptiert hatte. Dass es dieser Kommandant genoss, mit seinem Feind zu reden, als sei er ein Freund. Dass er Gedanken mit ihm teilte, die er höchstwahrscheinlich sogar Deign Lian vorenthielt. Würde er, Elegos A'Kla, es wirklich schaffen, durch seinen wagemutigen Besuch den Frieden in der Galaxis wiederherzustellen? Oder würde er derart viel von Shedao Shai erfahren, dass er irgendwann zu viel wusste, als dass ihn sein ungewöhnlicher Freund wieder laufenlassen würde? Nein, er war ein Senator, ein Politiker, der genau wusste, wann er was sagen musste. Er würde seine Frau und seine Tochter gewiss wiedersehen.
„Die neue Republik hat viel aufs Spiel gesetzt, um ihre Leute hier auf Garqi zu retten", verteidigte der Caamasi die Kräfte des Feindes. „Das war sehr ehrenhaft."
Shedao Shai stieß mit einem Finger nach Elegos. „Genauso ehrenhaft, wie sie ihre Toten zurückgelassen haben – ohne ihre Glieder auszustrecken, ohne Kameraden nebeneinanderzulegen. Sie wurden behandelt wie Unrat! Und das von Jeedai wie Silberklinge, der hier auf Garqi gesichtet wurde!"
Elegos A'Kla zuckte zusammen und es war nicht wegen des ausgestreckten Krallenfingers. Es gab nur einen Jedi, der eine silberne Klinge führte. Und dieser Jedi hatte ihm einst auf seiner Heimat Caamas geholfen. Er hockte sich auf den Boden und betrachtete die Yuuzhan Vong-Leichen, deren Art der Zurücklassung Shedao Shai so empörte. „Auch wir ehren unsere Toten, Kommandant – aber im Krieg auch nur dann, wenn es die Zeit erlaubt."
„Ja, ich habe von dir gelernt, welche Zeremonien ihr auf Caamas an Euren Gefallenen vollzieht", sagte Shedao Shai bedächtig und zog seine Hand zurück. „Und jetzt muss ich noch etwas von dir lernen."
Der Blick von Elegos' lilanen Augen erhob sich von der schwarz verbrannte Schneise vor ihnen, um zum Kommandanten aufzuschauen. „Ich glaube nicht, dass ich Ihnen noch mehr dazu sagen kann, Kommandant Shai."
Shedao Shai presste die Fäuste gegeneinander. „Nun, dazu vielleicht nicht, aber vielleicht kannst du mir ja erklären, warum du zusammengezuckt bist, als ich den Jeedai erwähnte, den wir Silberklinge nennen?"
Elegos schwieg und wartete.
„Und das ist nicht das erste Mal. Selbst als ich vorhin die Welt Bimmiel erwähnte, ohne Silberklinge zu nennen, hast du kurz nervös gezwinkert." Er trat einen Schritt an seinen Gast heran, so dass sie nur noch ein Schritt voneinander trennte. „Also muss ich wohl davon ausgehen, dass du diesen Jeedai Silberklinge kennst."
„Ich habe nie geleugnet, Jedi zu kennen", erwiderte Elegos aalglatt.
Shedao Shai betrachtete Elegos' goldenes Fell, auf dem sich das hellweiße Licht des Sterns Garqis brach. „Aber Silberklinge kennst du offenbar sehr gut. Du hast Angst um ihn."
Der Caamasi nickte, dann erhob er sich wieder von der verbrannten Erde. „Sein Name ist Corran Horn."
„Ko-run Horn." Shedao Shai ließ sich den Namen auf der Zunge zergehen. „Du hast mir nicht gesagt, dass er meine Verwandten auf Bimmiel getötet hat."
Elegos zuckte mit den Schultern. „Sie haben mich nicht gefragt."
„Und wie so oft hast du auch jetzt nur das Nötigste gesagt. Willst du deinen Freund vor meinem Zorn bewahren?"
Der Caamasi reckte das Kinn und bot seine Kehle dar. „Vielleicht will ich ja Sie vor etwas bewahren, Kommandant Shai."
„Deine Loyalität ist sehr löblich. Aber gebührt sie einem derart anrüchigen Charakter? Das kann ich unmöglich nachvollziehen. Dazu bist du doch viel zu klug."
Wie kommt er auch nur darauf, ich würde ihm jetzt mehr über Corran Horn erzählen? Nur, weil er meinen Stolz provoziert? „Corran ist weder dumm noch ehrlos. Genauso wenig wie die Führer der Neuen Republik. Sie verwechseln unsere Unkenntnis Eurer Bräuche mit Dummheit, weil Sie voreingenommen sind. Und Sie wissen immer noch wenig über uns."
Shedao Shais Stimme wurde milder. „Ich weiß genug – und das von dir, mein Freund."
Elegos A'Kla wagte ein dünnes Lächeln. Er war nun schon seit fast zwei Monaten bei Shedao Shai auf der Erbe der Qual. „Und die Zeit mit Ihnen hat mir ein gewisses Verständnis für Ihre Gebräuche verschafft. Ich fühle mich gar zu der Überzeugung verleitet, dass wir eine gewisse Übereinstimmung erreichen könnten. Dieser Krieg muss ja nicht ewig weitergehen."
„Nein, das würde ich auch nicht wollen", pflichtete Shedao Shai ihm bei und Elegos fühlte, dass der Yuuzhan Vong das ernst meinte. „Wenn ich einen Dialog beginnen wollte, dann bräuchte ich einen Bevollmächtigten, dem ich uneingeschränkt vertrauen könnte. Und den habe ich in meinem Volk nicht."
Elegos' lilane Augen schlossen sich halb. „Ich könnte Ihr Botschafter sein."
Shedao Shais Figur erstarrte, wie es die schwarze Kommandantenmaske vor seinem Gesicht bereits war. „Natürlich. Eine ausgezeichnete Idee."
Der Kommandant nickte langsam, dann wandte er sich ab und bedeutete Elegos, ihm zu folgen. „Komm mit. Ich will dich darauf vorbereiten, diesen Jeedai eine Botschaft zu überbringen. Eine Botschaft, die sie unmöglich missdeuten können."
Elegos A'Kla setzte sich hinter Shedao Shai in Bewegung. So bekam er nicht mit, wie Deign Lian hinter ihm dreckig feixte. Was ihm Sorgen bereitete, war der plötzlich sehr steife Rücken, mit dem der Kommandant vor ihm her ging. Er hatte Shedao Shai von Corran Horn erzählt und das hatte Shedao Shai ungeheuer aufgebracht. Jetzt hatte der Senator keinen Zweifel mehr daran, dass die Botschaft seines Yuuzhan Vong-Freundes an die Neue Republik und den Jedi eine sehr harsche sein würde.
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Nom Anor hatte genug. Nachdem er seine Planung der neuen Mission abgeschlossen hatte, hatte ihm Shedao Shai erlaubt, die Erbe der Qual wieder zu verlassen. Er hatte bereits seine Sachen zusammengepackt, als er von der anderen Seite der Lamellentür seiner ovalen Kammer ein sanftes Zupfen wahrnahm.
„Herein", sagte er barsch.
Seine Miene hellte sich auf, als er die hübsche Villipdienerin des Kommandanten hereinkommen sah. Bereits das Villipgespräch mit Tsavong Lah, das sie organisiert hatte, war recht erbaulich gewesen. Ob die Villipdienerin wohl noch andere angenehme Überraschungen für ihn bereithielt?
„Schön, dass ich Sie jetzt antreffe, Exekutor Nom Anor", sagte Ybura mit einem honigsüßen Lächeln und hielt Nom Anor einen Klumpen aus Fleisch hin. „Die Zugangsdaten und Informationen für Ihr neues Schiff!"
Sein gutes Auge schaute die junge Frau verwirrt an. „Das ist sehr freundlich, aber was ist mit dem Schiff, mit dem ich hergekommen bin?"
Ybura lächelte entschuldigend. „Belek-tiu, Exekutor, aber das hat Shedao Shai an die Oggzils und Grutchins verfüttern lassen, damit sie in der Abwesenheit von Feinden nicht den Biss verlieren. Sie jedoch werden sich fortan mit einem organischen Schiff fortbewegen."
Mein schöner, schneller, silberner Chryya-Flieger, den ich mir auf Artorias verdient habe!
„Aber ich habe Missionen unter den Ungläubigen zu erledigen! Gerade in drei Tagen, in denen ich an meinem neuen Ziel sein muss! Hat Shedao Shai überhaupt irgendeine Ahnung davon, wie wichtig diese Infiltrationsarbeit für die Invasion immer noch ist?"
Die Villipdienerin schaute etwas unsicher drein. „Bitte warten Sie einen Moment, Nom Anor."
Sie verließ seine Kammer und kam nach einer Weile wieder zurück. „Sie können das Schiff dieses Ungläubigen haben, der gerade Shedao Shais Gast ist."
Nom Anor stemmte die Arme in die Hüften. „Das ist doch nicht Shedao Shais Ernst!", blaffte er Ybura an. „Wer ist dieser Ungläubige? Ich habe nämlich keine Lust, von Agenten der Neuen Republik nur deshalb aufgehalten zu werden, weil man mich verdächtigt, diesen Mann ermordet zu haben!"
„Kommandant Shedao Shai verbürgt sich in allen Ehren dafür, die volle Verantwortung für das Schicksal seines Gastes zu übernehmen, Nom Anor. Das können Sie den Behörden der Neuen Republik gerne ausrichten. Sie fliegen mit diesem organischen Schiff also bis zu diesen Koordinaten, die ich Ihnen jetzt geben werde und dort steigen Sie dann in Senator Elegos A'Klas Schiff um."
„Ein Senator? Warum nicht gleich die Jacht von Staatschef Borsk Fey'lya?", ätzte Nom Anor.
Ybura lächelte in diebischem Vergnügen. „Vielleicht später im Jahr."
Nom Anor musste wider Willen lachen. „Wenn Sie mir die Schlüsselkarte geben, gerne."
„Oh", machte sie geschmeichelt.
Sie machte einen artigen Knicks und er nahm ihr den Fleischklumpen aus der Hand. „Gute Reise, Exekutor. Shedao Shai lässt Ihnen weiterhin ausrichten, dass das organische Schiff trotz alledem das Ihre ist. Geben Sie einfach Bescheid, wenn Sie es benötigen sollten. Und bringen Sie das Senatorenshuttle bitte in spätestens zwei Wochen zurück."
Mit diesen Worten schlüpfte sie durch die Türmembran nach draußen, um wieder ihrem Tagewerk nachzugehen. Nom Anor schaute Ybura hinterher, sich dabei spontan ans Kinn greifend. Er überlegte, wieso der Kommandant ohne mit dem Augenlid zu zucken seinen schnittigen Chryya-Flieger den Grutchins und Oggzils vorgeworfen hatte, jetzt jedoch peinlich darauf bedacht war, das Shuttle des Senators zurück zu erhalten. Ob das auch eine Art der Qual war, die Shedao Shai ihm erzieherischerweise angedeihen lassen wollte?
Note der Autorin: Die Begebenheiten rund um das Extragalaktische Flugprojekt kann man in Timothy Zahns Romanen: „Die Kundschafter" (2008) und „Die Verschollenen" (2007) von Timothy Zahn nachlesen. Ich möchte dazu anmerken, dass „Die Kundschafter" fünfzig Jahre vor „Die Verschollenen" spielt, auch wenn der zweite Roman später erschien.
Dieses Kapitel enthält außerdem Ereignisse und Zitate aus dem Roman „Das Verderben", dem dritten Roman der Buchreihe „Das Erbe der Jediritter" von Michael Stackpole von 2002.
