Zusammenfassung des vorherigen Kapitels
Severus erzählt Hermine von einer unerwarteten Nachricht, die er vor kurzem von seiner Cousine Irma erhalten hat: Seine Tante, die ihm jahrelang misstraut hat, hat ihrer Tochter gestanden, dass ihr verstorbener Ehemann ihn als seinen Erben benannt hat - unter der Bedingung, dass er den Namen Prinz annimmt. Severus ist unentschlossen, was er tun will, da er nicht recht weiß, was er von seiner Tante halten soll. Hermine ermutigt ihn, ein Treffen mit ihr wenigstens in Erwägung zu ziehen.
Als Severus in Hermines Geist nach der noch fehlenden Information sucht, die er ja finden sollte, erfährt er von einem weiteren überraschenden Angebot, das ein Verwandter ihm machen will: Harry will ihn einladen, die Festtage ihm, Draco und Hermine am Grimmauld-Platz zu verbringen.
Wenn Träume wahr werden
Ein gellender Schrei drang aus ihrer Kehle, doch er vermochte es nicht, Hermine aus ihrem Albtraum zu wecken. Pein. Endlose Qualen. Folter. Wieder und wieder versank Hermines Welt in einem Meer aus Schmerzen. Sie waren in jeder einzelnen Faser ihres Körpers, brannten in ihr, zerrten an ihr, verzehrten sie und lösten sie auf. Es gab keine Worte, die Agonie zu beschreiben.
Dann wurde der Crucitus-Fluch endgültig von ihr genommen, und der Zauberstab, der sie hatte fühlen lassen, wie ihr die Nägel ausgerissen, die Organe zerquetscht und die Knochen gebrochen wurden, wurde von einem Messer ersetzt, das stattdessen in die zarte Haut ihre Unterarmes schnitt. Es war es beinahe eine Erlösung - im ersten Moment. Der brennende Schmerz konzentrierte sich nun auf eine einzige Stelle ihres Körpers, anstatt überall gleichzeitig zu sein, aber es fügte den Verletzungen Demütigung hinzu. Und der psychologische Effekt dessen, was ihr angetan wurde war beinahe schlimmer als der Schmerz. Sie wurde gebrandmarkt.
Bellatrix sprach jeden einzigen Buchstaben laut aus, den sie penibel und wie besessen in Hermines Fleisch ritzte.
M - u - d - B - l - o - o - d
Eine niedere Lebensform, nicht mal ein menschliches Wesen in den Augen ihrer Folterknechtin. Hermine fühlte sich gerade nicht besonders menschlich. Sie hatte sich eingenässt, als sie unter dem machtvollen Cruciatusfluch der Hexe Kontrolle über ihre Blase verloren hatte. Sie hätte sich vermutlich auch eingemacht, wenn sie irgendetwas in ihrem Darm gehabt hätte. Das Erbrochene hatte Bellatrix mit einem Blick voll der Abscheus weggezaubert.
Hermine konnte den Hass fühlen, der von ihr ausströmte, so, wie sie ihr eigenes Blut aus ihren Wunden sickern fühlte, wie sie die Tränen aus ihren Augen laufen spürte, und wie sie die abgerissenen, unmenschlichen Schreie aus ihrer Kehle dringen hörte. Und noch schlimmer: Sie konnte die Wonne und Verzückung von Bellatrix fühlen, die sich an ihrem Schmerz und ihrer Angst weidete.
Aber die verrückte, kreischende Hexe war nicht die einzige, der ihr Leiden ein sadistisches Lustgefühl bereitete. Greyback hielt sie zu Boden gedrückt, sein Körper eng an sie geschmiegt in einer makaberen Parodie einer liebenden Umarmung. Und während seine grausamen Hände sie bewegungslos hielten, wisperte er unentwegt in ihr Ohr... anstößige, hässliche Worte, die sie besudelten und sie demütigten... grauenerregende Beschreibungen von Dingen, die noch kommen würde, und die sie vor Angst erstarren ließen; und genüssliche Schilderungen dessen, was er was ihr antun würde, das Bellatrix Folter im Vergleich wie eine Liebkosung erscheinen lassen würde...
"Hör nicht hin," hörte sie plötzlich eine ruhige, befehlende Stimme sagen. "Er wird dir nicht weh tun."
Hermine drehte den Kopf herum zur Seite, weg von dem Kronleuchter über ihrem Kopf, den sie angestarrt hatte, um nicht in das lüsterne Gesicht des Werwolfs zu blicken. Dort, hinter Bellatrix, stand der Zaubertränkemeister, die Arme vor der Brust verschränkt, imposant und einschüchternd wie eh und je. Aber seine Augen, die jetzt ihren Blick hielten, waren voller Mitgefühl, Wärme und Anteilnahme.
"Helfen Sie mir!" flehte sie. "Bitte!" Sie brachte nicht mehr als ein Flüstern hervor. Und selbst das tat weh.
Er neigte leicht den Kopf. "Das werde ich," versprach er. "Ich werde nicht zulassen, dass er dir etwas antut."
"Ich habe solche Angst!"
"Ich weiß. Aber du wirst das hier hinter dir lassen, Hermine. Du mußt nur noch ein klein wenig länger stark bleiben."
"Das kann ich nicht!" wimmerte sie. "Ich muss es ihr sagen... Vielleicht wird sie dann aufhören. Bitte machen Sie, dass sie aufhört! Mehr kann ich nicht ertragen..."
Sein Ton, obwohl voll des Bedauerns, wurde drängender. "Du kannst Ihnen entfliehen, Hermine, jetzt gleich. Sieh in deinen Geist. Richte deine Schutzwände auf und zieh dich dahinter zurück. Dort können sie dich nicht finden."
"Ich weiß nicht wie!"
"Doch, das weißt du. Ich weiß, dass du es kannst."
"Es tut so weh!"
"Zieh dich hinter deine Mauern zurück, Hermine, und finde den glücklichen Ort in deinem Geist. Das kleine Wäldchen am Fluss... erinnerst du dich?"
"Das ist nicht mein Platz! Ich weiß nicht, wie ich dahin komme! Sie haben mich dorthin geführt. Ich kann den Ort nicht ohne Sie finden!"
"Dann werde ich dir den Weg zeigen." Er streckte seine Hand nach ihr aus, aber begann gleichzeitig, sich in Luft aufzulösen.
"Verlassen Sie mich nicht, bitte!" schrie sie voller Pein.
"Ich bin hier," konnte sie immer noch seine besänftigende Stimme in ihrem Ohr hören, obwohl sie ihn nicht mehr sehen konnte. "Ich bin immer hier. Sieh einfach in dich hinein... Komm mit mir, Hermine!"
Und sie gehorchte. Als wäre sie disappariert, verschwanden der Salon, der Kristallleuchter, Bellatrix und der Werwolf... und sie fand sich selbst auf einer öden, verlassenen Ebene wieder, einer Landschaft, die ungastlich war, sogar feindselig. Aber sie wusste, das war nur der oberflächliche Eindruck. Sie musste nur den Weg zu dem Wäldchen finden, sie war schon einmal dort gewesen. Alles, was sie jetzt brauchte, war der Mut, auch tatsächlich losgehen. Hermine tat einen zögerlichen Schritt, dann noch einen. Da - es war gar nicht so schwer. Einfach einen Fuß vor den anderen setzen, Schritt für Schritt.
Der Wind lebte auf, eine sanfte Brise. Als sie sie in ihrem Rücken spürte, warm und beruhigend, ihr sanft eine Richtung weisend, brauchte sie nicht lange, um ihren Weg dorthin zu finden – an den friedlichen, wunderschönen Ort in der Nähe des Flusses, wo goldenes Sonnenlicht durch die Blätter der Bäume fiel und auf der Oberfläche des Wasser wie Diamanten blitzte. Der Wind schien sie direkt dorthin zu tragen.
Und dort war er und wartete auf sie.
"Du bist hier!" sagte sie, und fühlte, wie ein tiefes Glücksgefühl sie durchströmte, das alle ihre Ängste, ihre Zweifel und ihren Schmerz fortspülte.
"Wo sollte ich sonst sein?" fragte er. "Du mußt das nicht alleine durchstehen, Hermine. Ich habe immer nach dir gesehen. Ich habe versprochen, dass ich dir helfen werde." Er streckte die Hand aus und strich die Tränen weg, die immer noch über die Wangen liefen. "Es ist vorbei. Alles wird wieder gut. Du wirst auch das hinter dir lassen."
Sie lächelte ihn durch feuchte Augen an. Ja, alles würde in Ordnung kommen. Sie waren zusammen. "Kann ich dich jetzt umarmen?" fragte sie.
Seine Mundwinkel bewegten sich nicht, er sah so streng aus wie immer. Aber seine Augen lächelten zurück. "Ja," sagte er schlicht und breitete die Arme aus um sie darin einzuschließen. Sie schlang ihre eigene um ihn und legte ihre Wange auf seine Brust, während sie seinen tröstenden Geruch einatmete und dem gleichmäßigen Schlag seines Herzens lauschte. Sie war zuhause.
*'*'*'*'*
Hermine war weinend erwacht, aber dieses Mal waren ihre Tränen nicht von Angst oder Verzweiflung, sondern kamen mit einem Gefühl von Befreiung. Sie war aufgewühlt und hochemotional, fühlte sich aber seltsam erleichtert - als wäre eine schwere Last von ihr abgefallen.
Seltsamerweise konnte sie sich - nachdem sie erst vollends erwacht war und erkannt hatte, dass sie sicher in ihrem Bett in Hogwarts lag und Luna sanft neben ihr schnarchte - überhaupt nicht mehr an ihren Traum erinnern. Dennoch - einige Male im Laufe des folgenden Tages blitzte etwas in ihren Gedanken auf - ein flüchtiges Bild, ein Gefühl - etwas, was sie jedes Mal denken ließ, dass jeden Moment die Erinnerung an ihren Traum zurückkommen würde.
Aber wie so oft mit Träumen blieb auch dieser ungreifbar, verweilte unter der Oberfläche ihres Bewußtseins und ließ sich nicht fassen. Aber ein seltsames, fast schon euphorisches Glücksgefühl hatte sich in ihr eingenistet und sie den ganzen Tag getragen, als stünde sie noch unter der Nachwirkung einer besonders berauschende Droge. Etwas Gutes war passiert. Obwohl sie nicht wusste, was und warum, fühlte Hermine, wie tief in ihrem Inneren so etwas wie Hoffnung ihre zerbrechlichen Flügel entfaltete.
*'*'*'*'*
Die Erinnerung an ihren Traum kam schließlich wieder zurück, als sie im Büro ihres Zaubertränkelehrers saß und die Hausaufgaben von Erstklässern korrigierte. Hermine wusste nicht, was sie ausgelöst hatte - vielleicht war es das stille Wohlgefühl, das sie in seiner Gegenwart empfand; das einträchtige Schweigen, das so viel angenehmer war als der Lärm im Gryffindor-Gemeinschaftsraum oder die lähmende Stille ihres eigenen Zimmers. Vielleicht war es sein einzigartiger Geruch, der nach all den Nächten, die sie mit seiner Robe geschlafen hatte, inzwischen vertraut geworden war und der in ihre Nase drang, wann immer er sich hinter ihr bewegte, um das ein oder andere Buch aus dem Regal zu nehmen.
Ganz plötzlich war jedenfalls alles wieder da, und sie sog hörbar die Luft ein, als sie von den Bildern und Gefühlen ihres Traumes überrollt wurde. Severus blickte auf und sah sie scharf an. "Alles in Ordnung mit Ihnen? Sie sehen aus, als hätten Sie soeben zum ersten Mal einen Thestral gesehen..."
"Ja," murmelte sie, und versuchte immer noch, alle Traumfragmente, die ihr plötzlich wieder in Erinnerung stiegen, in die richtige Ordnung zu bringen um das vollständige Bild sehen zu können. "Das beschreibt es ziemlich gut."
Er klappte das Buch zu und sah sie nun mit unverkennbarer Sorge im Gesicht an. "Was ist los?"
"Ich hatte letzte Nacht wieder einen Albtraum, von Malfoy Manor..." sagte sie mit stockender Stimme und schilderte, was vor ihrem geistigen Auge erneut ablief. "Es ist immer der gleiche. Ich liege vor Bellatrix auf dem Boden... sie foltert mich, erst mit dem Cruciatus, dann mit dem Messer... Und während Greyback mit festhält, flüstert er mir ins Ohr, die ganze Zeit über... abscheuliche, widerliche Dinge... malt mir aus, was er mit meinem Körper anstellen wird, wenn sie mit mir fertig ist... dass ich schreien werde bis meine Stimmbänder rau und blutig sind und wieviel Lust ihm das bereiten wird... Es ist einfach nur - grauenvoll. Ich liege in einer Lache meines eigenen Blutes und starre den Kronleuchter und habe keine Kontrolle mehr über meine Glieder. Sie zucken und zittern als wäre ich eine zerbrochene Aufziehpuppe. Ich bin sicher, dass ich sterben werden. Ich bete, dass ich sterben werde - bald - ehe er mich in die Hände bekommt. Ich habe alle Hoffnung verloren..."
Severus Gesicht verlor jede Farbe, seine Finger umschlossen die Kanten des Buches so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten. "Oh Merlin...", stieß er mit erstickter Stimme hervor, und sah selbst aus, als würde er Qualen erleiden. "Es... es tut mir so leid! Wie sehr ich wünschte, dass dir das erspart geblieben wäre..."
"Nein, warten Sie!" beeilte sie sich zu erklären, ohne seinen Versprecher bewusst zur Kenntnis zu nehmen. Es war nicht ihre Absicht gewesen, ihn auf diese Weise an ihren schlimmsten Erlebnissen teilhaben lassen wollen. So wie in ihrem Traum gesehen war es ja auch in Wirklichkeit nicht passiert. Es war Scabior gewesen, dessen Blicke lüstern auf ihr gelegen hatten und sie mit seinen Worten besudelt hatte. Greyback hatte sie auch nicht festgehalten, während Bellatrix sie mit dem Messer verletzte. Sie hatte einen Klebezauber benutzt. Aber er hatte seine Hände auf ihr gehabt, ehe die eigentliche Folter begonnen hatte, und Hermine wusste nicht erst seit Lavender, zu welchen Grausamkeiten der Werwolf fähig war.
Hermine hatte nie mit jemandem darüber gesprochen. Sie war einfach nicht dazu in der Lage gewesen. Der Albtraum hatten ihre traumatischsten Momente miteinander verschmolzen und zu einem Kaleidoskop all ihrer Ängste gemacht. Aber jetzt - vermutlich, weil der Traum nicht wie unzählige andere Male geendet hatte – war alles aus ihr hervorgebrochen. "Ich wollte Sie damit nicht belasten... Ich wollte Ihnen nur sagen, dass es diesmal anders gewesen ist. Sie waren da... Sie haben mich gerettet!"
Es schien für ihn keinen Unterschied zu machen. Das Entsetzen stand ihm noch immer ins Gesicht geschrieben und seltsamerweise glaubte sie, darin auch Selbstvorwürfe zu erkennen. Wieso fühlte er sich verantwortlich für etwas, was sich seinem Einfluss völlig entzogen hatte?
"Ich wünschte, ich hätte schneller handeln können," sagte er kaum hörbar. "Aber die Nachricht kam zu spät... Ich habe erst von eurer Gefangennahme erfahren, als Aberforth mir seinen Patronus sandte. Ich habe sofort Dobby losgeschickt, aber ganz offensichtlich zu spät, um zu es verhindern..."
Verwirrt sah Hermine ihn an. "Es war ein Traum," versuchte sie zu erklären, "in Wirklichkeit war es nicht genau so. Sie waren... halt - was?" Sich seiner Worte erst jetzt richtig bewusst werdend brach Hermine ab und suchte in seinem Gesicht nach einer Erklärung. Er hatte nicht über den Traum gesprochen. Dobby war gar nicht darin vorgekommen, und auch nicht Aberforth. Er sprach über das, was an jenem Tag, an dem sie von den Greifern gefangen genommen worden waren, tatsächlich passiert war.
Severus erinnerte sich daran, als sei es erst gestern gewesen. Es war, rückblickend betrachtet, einer der schlimmsten Tage in seinem Leben gewesen, der sich innerhalb weniger Stunden von unerquicklich zu desaströs entwickelt hatte. Am Morgen war er gezwungen gewesen, sich wieder mit einem neuen Graffiti auseinanderzusetzen, das über Nacht auf einer Wand des Schlosses aufgetaucht war; eines, das nicht nur grundsätzlich anstößig war, sondern ganz besonders geschmacklos, da es den Dunklen Lord, die Carrows und ihn selbst bei Handlungen zeigten, die sie nie vollführt hatten. Nun - er hatte sie nie vollführt - er konnte nicht wirklich für die anderen sprechen. Aber war einigermaßen sicher, dass der Dunkle Lord nicht erfreut gewesen wäre, wenn seine Anhänger ihre Arschkriecherei gar so wörtlich betrieben hätten.
Nachdem dieser unangenehme Vorfall endlich abgewickelt war, hatte er sich mit der Bestrafung eines Schülers beschäftigen müssen, den die Carrows beim Stehlen von Lebensmitteln erwischt hatten, und hatte gerade noch verhindern können, dass Filch ihm Daumenschrauben anlegte.
Bevor es Mittag war, hatte er bereits höllische Kopfschmerzen gehabt. Aber nichts hätte ihn vorbereiten können auf den Horror, der ihn am Nachmittag erwartete - als Aberforths dringende Nachricht eintraf, die ihn wissen ließ, dass er von niemand anderem kontaktiert worden war als von dem Jungen, der sich diesmal wirklich in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht hatte. Anscheinend war das Trio von Greifern aufgegriffen worden, und wurde nun in Malfoy Manor festgehalten.
Einen Moment lang hatten Panik und Verzweiflung seine Gedanken beherrscht. Alles schien verloren, nun wo der schlimmste aller Fälle eingetreten und Wirklichkeit geworden war: Harry Potter war gefangen worden, und würde sehr wahrscheinlich innerhalb der nächsten Stunde getötet werden. Und er hatte keine Idee, wie er ihn diesmal retten könnte.
Allein seine Fähigkeit, mit Hilfe seiner Okklumentik alle seine Gefühle wegzuschieben und sich so einen klaren Kopf zu verschaffen, hatte es ihm ermöglicht, streng methodisch alle Möglichkeiten durchzugehen: seine Deckung preiszugeben und irgendwie zu versuchen, Potter aus Malfoy Manor heraus zu apparieren; sich unter einen Vorwand dorthin zu begeben und sich – wie er es schon unzählige Male getan hatte – irgendwie herauszureden; oder den Orden zu alarmieren und ihm die Verantwortung für das Himmelfahrtskommando zu überantworten, das eine Rettungsaktion zweifellos wäre. Nichts davon war wirklich erfolgsversprechend.
Den Hauselfen zu schicken war ein Geistsblitz gewesen, von dem er immer noch nicht wusste, wie er über ihn gekommen war. Innerhalb einer Sekunde nachdem er gerufen hatte, war der Elf in seinem Büro erschienen.'Schulleiter Snape hat gerufen? Wie kann Dobby dem Schulleiter zu Diensten sein?'
Seine Frage, ob er noch hinter die Bannzauber um Malfoy Manor gelangen konnte, hatte der Elf seiner immensen Erleichterung beflissen bejaht: 'Die Zauber seines alten Meisters Haus erkennen Dobby noch immer, Sir. Dobby kann hineinkommen und hinausgehen, ohne entdeckt zu werden.'
Severus hatte ihm unmißverständlich zu verstehen gegeben, dass er diesmal auf jeden Fall entdeckt werden würde, und dass die Mission nicht ohne Risiko war. Aber Harry Potters Leben hing davon ab. Mehr hatte es nicht gebraucht. Der Elf hatte sofort mit wilder Entschlossenheit erklärt, dass er alles tun würde, um Harry Potter aus Malfoy Manor zu befreien und an einen sicheren Ort zu bringen.
'Versuche, sie alle zu befreien, Dobby,' hatte Severus gesagt, und mit ebenso fester Stimme hinzugefügt: 'Aber deine Priorität ist Potter. Er muss um jeden Preis gerettet werden, verstehst du?'
'Ja, Schulleiter,' hatte der Elf beflissen geantwortet und enthusiastisch mit den Ohren geschlackert. 'Dobby wird alles tun für Harry Potter! Dobby wird Harry Potter retten.'
Und er hatte sie alle gerettet, nicht nur das goldene Trio, sondern auch das Lovegood Mädchen, Ollivander und den Kobold. Aber um welchen Preis für den Elf selbst, und für Hermine!
Dabei konnten sie noch von Glück reden, dass Aberforth überhaupt von ihrer Gefangennahme gehört hatte. Ohne die Spiegelscherbe, ohne dass Vertrauen, das Dumbledores Bruder dem vermeintlichen Verräter entgegengebracht hatte, hätte Severus erst davon erfahren, wenn man ihm die toten und geschändeten Körper gezeigt hätte. Er fühlte einen eisigen Schauer über seinen Rücken laufen bei der Vorstellung. Wenn er zu Albträumen neigen würde, wäre das sicher ein Szenario, das er häufig zu sehen bekäme.
"Sie waren das? Sie haben Dobby geschickt?" Hermine sah ihn mit völliger Überraschung an, was er erst jetzt registrierte. Hatte sie das nicht gewusst?
Er zog die Stirn kraus. "Natürlich ich. Wer sonst hätte das tun können?"
"Aberforth... Harry hat ihn in dieser Spiegelscherbe gesehen... Zuerst hatte er geglaubt, es wäre Dumbledore, aber später erfuhren wir, dass Sirius' Scherbe über Mudungus Fletcher in Aberforth Hände gelangt war. Wir dachten, er wäre es gewesen."
"Ein Hauself kann nur von seinem Eigentümer herbeigerufen werden - oder im Falle eines freien Elfen von dessen Arbeitgeber. Das war als Schulleiter von Hogwarts de facto ich. Aberforth hatte mir einen Patronus geschickt. Ich schickte sofort nach Dobby, in der Hoffnung, dass er noch immer von den Bannzaubern der Malfoys erkannt werden würde."
"Dann hat Aberforth also gewusst, wem in Wahrheit Ihre Loyalität galt? Hat Dumbledore es ihm gesagt?"
"Nein. Aber er war ein Mitglied des Phönixordens. Es gab einen Zeitpunkt, da musste Minerva ihn ins Vertrauen ziehen. Er war von strategischer Bedeutung, da der geheime Tunnel vom Raum der Wünsche in seine Schänke führte. Jemand musste die sich versteckt haltenden Schüler mit Essen und Trinken versorgen, und aus ersichtlichen Gründen durfte das nicht auf mich zurückfallen."
"Also waren Sie es, der uns gerettet hat - wieder einmal!" sagte Hermine, die spürte, wie ihr die Augen feucht wurden. Einerseits, weil die Erinnerungen an das Erlebnis sie immer noch aufwühlten, andererseits, weil das Wissen um seine erneute, nie anerkannte Hilfeleistung seine damalige Behandlung rückblickend noch unerträglicher machte. "Und Sie waren es auch, der die aufständischen Schüler beschützt hat... Ich habe das nicht gewusst!"
Er hob seine Augenbraue und reichte ihr rasch ein Taschentuch. Ihre glänzenden Augen waren höchst alarmierend. Severus fürchtete, sie könnte angesichts dieses erneuten Wiederaufleben ihres Traumas in Tränen ausbrechen - was absolut verständlich wäre. Aber er fürchtete ebenso sehr, dass er diesmal nicht würde tatenlos daneben stehen können. "Die kleine Alles-Wisserin wusste also nicht alles..." sagte er, bewusst einen leichten Ton anschlagend, in der Hoffnung, die beängstigende Situation, die er heraufziehen sah, noch abwenden zu können.
Zu seiner Erleichterung gelang das Manöver. "Was Sie anbelangt, so werde ich vermutlich niemals alles wissen," meinte sie leicht indigniert, und nahm das Taschentuch.
"Nicht, wenn ich es verhindern kann, nein", stimmte er umgehend und mit einem Gefühl der Erleichterung zu.
Hermine schüttelte den Kopf. So entschlossen er auch sein mochte, seine Distanz zu wahren und unzugänglich zu erscheinen - es war nicht zu länger zu leugnen, dass sie es fertig gebracht hatte, seine Rüstung an einigen Stellen zu durchbohren und zu dem Mann darunter durchzudringen. So unglaublich das Szenario schien: Sie hatte den starken Verdacht, dass er sie – würde sie jetzt von Erinnerungen übermannt vor ihm zusammenbrechen – wohlmöglich sogar beschützend in die Arme schließen würde - wie in ihrem Traum. Aber sie wusste instinktiv auch, dass ihn die Vorstellung gleichsam entsetzte, da sie seinen verbliebenen Schutzmauern gänzlich zum Einsturz bringen und ihn bloßlegen würde. Sie würde ihm das nicht antun. Wenn sie völligen Zugang zu diesem verschlossenen Mann haben wollte, würde sie ihn das Tempo bestimmen lassen müssen.
"Ich hätte es wissen müssen," sagte sie ihre Gedanken wieder auf Aberforth zurücklenkend. "Dobby hat seine Loyalität Harry und Hogwarts gegeben. Was hatte Aberforth schon mit ihm zu schaffen? Wir haben es nicht in Frage gestellt. Und Aberforth hat kein Wort gesagt, als wir nach Hogsmeade kamen."
"Natürlich nicht. Minerva hatte ihn einen Eid schwören lassen, mein Geheimnis zu wahren. Ihm wurde deutlich gemacht, dass es von entscheidender Bedeutung war, nichts davon zu Harry durchdringen zu lassen."
"Aber hätte Dobby überlebt, hätte er Harry doch gewiss gesagt, wer ihn geschickt hat - und so ihr Doppelleben offenbart..."
"Ja, nun, da Sie es erwähnen," sagte er mit leicht ironischem Unterton. "Zu dem Zeitpunkt hatte ich allerdings nicht die Muße, diese möglichen Konsequenzen in meine Überlegungen einzubeziehen. Vermutlich hätte Harry es ohnehin nicht geglaubt."
"Doch, das hätte er, wenn es von Dobby gekommen wäre," widersprach Hermine.
"Dann hat Dobby Harrys Leben vermutlich in zweifacher Hinsicht gerettet, als er für ihn starb. Wer weiß, wie alles geendet wäre, wenn er gewusst hätte, wem meine Treue wirklich galt."
"Das habe ich mich auch oft gefragt", sagte Hermine. "Ich glaube, Voldemort hätte viel früher gestürzt werden können, wenn Sie und Harry nur zusammengearbeitet hätten."
"Das wissen wir nicht. Es ist sinnlos, über 'was wäre wenn Szenarios' nachzudenken. Was geschehen ist, ist geschehen."
Ja, das war eine universelle Wahrheit, aber sie war dennoch schwer zu akzeptieren. Wenn Hermine mit ihrem jetzigen Wissen zurückblickte, schien es so viele andere Möglichkeiten gegeben zu haben, die ein besseres Ende versprachen. Und egal, wie rum sie es drehte, es schien immer wieder alles auf das mangelnde Vertrauen zwischen Severus und Harry zurückzukommen. Sie gab Dumbledore die meiste Schuld dafür. Warum hatte er Harry nicht selbst in Okklumentik unterrichtet, wo er doch wusste, wie wichtig diese Fertigkeit für ihn gewesen wäre, und wie gering die Erfolgssaussichten waren, wenn Severus derjenige war, der es ihm beibringen sollte?
Es schien ihr nun, als habe Dumbledore - sehr subtil - die Feindschaft zwischen seinem Spion und dem Jungen, der überlebt hat, gefördert - in der Annahme, dass Harrys Überlebenschancen maßgeblich vom Besitz aller drei Heiligtümer abhingen. Und um sicherzustellen, dass der Mächtigste aller Zauberstäbe in seinen Besitz kam, war er sogar willens gewesen, seinen treusten Diener und Spion zu opfern. Genau wie Voldemort.
Es spielte für Hermine auch keine Rolle, dass Severus ebenso willens gewesen war, sein Leben zu geben um sein Versprechen und das, was er als seine Pflicht ansah, zu erfüllen. Darin war er Dobby sehr ähnlich - beide hatten sich in freiwilliger Knechtschaft begeben und waren bereit, ihr Leben für die Sache zu opfern - und für Harry Potter. Severus hatte wenigstens überlebt, wenngleich nur durch schieres Glück. Der Elf hatte für die Bewunderung und Verehrung, die er Harry entgegenbrachte, mit dem Leben bezahlt.
"Ich bin unendlich dankbar für das, was er getan hat", sagte Hermine, traurig, dass es nicht immer ein Happy-End gab für diejenigen, die es verdienten. "Aber sein Tod ist auch etwas, wofür ich mich immer schuldig fühlen werden. Er ist gestorben, um uns zu befreien."
"Ja," stimmte Severus ihr in ruhigem Ton zu. "Und ich bin derjenige, der ihn in den Tod gesandt hat."
"Das konnten Sie nicht ahnen."
"Vielleicht nicht. Aber ich hätte ihn geschickt, selbst, wenn ich es geahnt hätte. Und er wäre dennoch gekommen, um Sie alle zu retten, auch, wenn er seinen Tod vorausgeahnt hätte. Dobby gab sein Leben im treuen Dienst für seine beiden erwählten Herren. Es gibt kein größere Ehre für einen Hauselfen. Seien Sie stolz auf ihn, aber schmälern Sie sein Opfer nicht, indem Sie sich dafür verantwortlich machen."
Hermine sah ihn aus so warmen Augen an, dass Severus ihrem Blick unbehaglich auswich.
"Sie erstaunen mich immer wieder aufs neue, wissen Sie das?" fragte Hermine, von Gefühlen ergriffen, die sie selbst nicht klar benennen konnte. Es war nicht nur die Tatsache, dass es da immer noch so viel gab, das sie nicht über ihn wusste, oder dass alles, was sie erfuhr, ihn immer jedesmal mehr zum heimlichen Helden werden ließ. Es war nicht allein der Umstand, dass alles, was ans Licht kam, die tatsächliche Schwere seiner Bürde offenbarte, und sie für seinen Mut und seine Entschlossenheit umso dankbarer machte. All das warf auch ein Licht auf seine menschliche Seite - zeigte ihr einen Mann mit Tiefe und einem Empfindungsvermögen, das umso überwältigender war, weil es ihm niemand zuschreiben würde.
"Sie sind es, der wiederholt dafür gesorgt hat, dass mir nichts Schlimmeres zugestoßen ist..." versuchte sie dennoch, einen Teil dessen in Worte zu fassen, was sie bewegte. "Sie haben mich aus Malfoy Manor herausgeholt - zweimal. Das erste Mal, als Sie uns Hilfe sandten und damit vermutlich unser Leben retteten, und gestern Nacht, in meinem Traum, in dem sie plötzlich erschienen sind. Sie haben mir Mut zugesprochen, haben mir gesagt, dass ich nicht aufgeben und hinter meinen Schilden Zuflucht suchen soll. Und es hat wirklich geholfen - zum ersten Mal bin ich nicht in Panik aufgewacht, habe nicht geweint oder das Gefühl gehabt, mich gleich übergeben zu müssen. Ich wachte auf und fühlte mich - erlöst und geborgen. Sie haben mich im Traum an Ihren glücklichen Ort zurückgeführt."
"Nun, es scheint, als würden sich Ihre Okklumentik-Stunden bezahlt machen," sagte der begriffstutzige Mann, ihrem Blick noch immer stur ausweichend, unbewegt. "Gut! Darauf hatte ich gehofft."
Hermine schüttelte den Kopf über seine entschiedene Weigerung, zur Kenntnis zur nehmen, was für eine wichtige Rolle er inzwischen in ihrem Leben spielte. "Aber ich habe immer noch gar keine Ahnung, wie man richtig okkludiert," wandte sie ein. "Ich habe nicht mal einen eigenen sicheren Ort, an dem ich mich hätte zurückziehen können. Ich habe Ihren benutzt."
Severus hob die Achseln. Er hatte nichts dagegen, seinen mit ihr zu teilen. "Es spielt keine Rolle," erklärte er. "Ich sagte Ihnen ja, es ist nicht eine Fähigkeit, die man lernt wie Verwandlung, Zaubertränke oder Arithmantik. Okklumentik ist in der Beziehung eher wie Wahrsagen. Beide gehören zu den obskureren, mystischen Zweigen der Magie, die sich mit dem Geist und dem Unterbewußtsein befassen. Deshalb ist alles sehr individuell, und es gibt nicht den einen Weg, es zu lernen."
Hermine stimmte dem nicht wirklich zu. Sie wusste, dass die Tatsache, dass es ihr stetig besser ging, körperlich, emotional und geistig, nichts mit Okklumentik zu tun hatte, sondern alles mit ihm. Er war der Wind, der sie sanft in die richtige Richtung geführt hatte, als sie den Weg verloren hatte. Er hatte Lasten von ihr genommen und ihr geholfen, sich nach und nach mit Dingen, die sie bedrückten, auseinanderzusetzen. Er war für sie da gewesen, unerschütterlich, verläßlich, wie ein Fels. Ihr eigenes Unterbewußtsein hatte diese Fakten offensichtlich begriffen, sie auf einer tieferen Ebene verstanden, ehe ihr Bewusstsein es vermocht hatte. Er hatte sie in ihrem Traum gerettet, weil sie tief in sich wusste, dass er immer alles in seiner Macht Stehende getan hatte und weiterhin tun würde, um sie zu schützen. Ihr Vertrauen in ihn war so tief verankert, dass es begonnen hatte, ihre unbewußte Wahrnehmung zu beeinflussen.
Die Erkenntnis kam nicht überraschend, sondern war wie eine sanfte Erleuchtung. Es war nicht zu leugnen: Sie liebte ihn, schlicht und ergreifend. Er beeindruckte sie, inspirierte sie und gab ihr Halt und Sicherheit – und zugleich das seltsame Bedürfnis, ihn beschützen zu wollen. Er beruhigte sie und versetzte sie gleichsam in Erregung. Er war immer so harsch und rau, doch verbarg sich hinter seiner harten, stacheligen Schale ein weicher und verletzlichen Kern. Er war ein Ausbund von Widersprüchen. Sie würde ein Leben lang brauchen, um ihn wirklich zu begreifen, und sie wäre froh, all diese Zeit zu haben, um es zu versuchen.
Ihr widerspenstiger Lehrer und Mentor schien nicht die geringste Ahnung zu haben von all den Emotionen, die er in ihr hervorrief. Und sie würde es ihm nicht sagen - noch nicht. Er war noch nicht bereit, es in so einfachen Worten zu hören. Sie würde genauso geduldig mit ihm sein, wie er es mit ihr gewesen war.
"Sie können es so betrachten, wenn Sie mögen," sagte sie nur mit einem Schulterzucken und nahm ihre Feder wieder auf. "Aber selbst, wenn es Okklumentik gewesen wäre, die mir geholfen hat, so waren es doch Sie, der es mir beigebracht hat. Egal, wie herum Sie es drehen - Sie habe mich gerettet." Sie blickte nicht mehr auf um zu sehen, welchen Eindruck ihre Worte bei ihm hinterlassen hatten, und ersparte es ihm so, noch irgendetwas sagen zu müssen.
*'*'*'*'*'*'*
Die verbleibende Woche bis zu den Ferien verging schnell. Hermine hatte den Schnüffel-Trank noch drei weitere Male genommen - immer unter den gleichen strengen Regeln, die ihr unbeugsamer Lehrer ihnen gesetzt hatte. Sie war inzwischen recht gut darin geworden, sein Eindringen zu bemerken, und hatte es sogar ein paar Male geschafft, seine Versuche zu unterbinden, indem sie sich mit aller Macht auf etwas anderes konzentrierte.
Zu Hermines großer Freude - und auch zu Harrys - hatte Severus seine Einladung, die Weihnachtsfeiertage im Grimmauldplatz zu verbringen, angenommen. Wie versprochen war er sogar ungewöhnlich zivil in der Formulierung seiner Antwort gewesen, obgleich sie ein wenig steif und formell geklungen hatte.
Hermine, die ein paar experimentelle Umkehrzauber an der Scheibfeder ausprobiert hatte, die sie von ihrem Lehrer bekommen hatte, war neugierig geworden und hatte Severus Antwort, so, wie Harry sie ihr wiedergegeben hatte, auf ein Stück Pergament geschrieben: 'Ich bin überrascht, dass es Sie nach meiner Gesellschaft verlangt – insbesondere zum gegebenen Anlass. Die Höflichkeit gebietet wohl, dass ich Ihre Einladung annehme, ungeachtet meiner Zweifel an der Weisheit sowohl Ihres Entschlusses, mich einzuladen, als auch meiner Entscheidung, nicht abzulehnen.'
Dann hatte sie den Zauber gesprochen, und das, was Hermine ein wenig respektlos 'Snape-Sprech' nannte, wurde zu dem übersetzt, was er wirklich hatte sagen wollen. Verwirrt hatte sie die Zeilen erneut gelesen, und war zu dem Schluss gekommen, dass der Zauber anscheinend nicht wirklich funktionierte. Denn nun war auf dem Pergament zu lesen: 'Ich bin tief gerührt dass Sie mit mir zusammen sein wollen. Die ganze Situation macht mir allerdings eine Scheißangst.'
Okay, das war sehr wahrscheinlich nicht ganz das, was er hatte sagen wollen. Aber sie hatte das Gefühl, dass der Zauberspruch die Essenz seiner Gedanken richtig eingefangen hatte: Er war angenehm überrascht über die Einladung, machte sich aber gleichzeitig Sorgen darüber, was sich daraus ergeben würde. Oder vielleicht hatte er wirklich Angst - dass es nicht funktionieren würde und beide anschließend enttäuscht wären. Angst, weil er nicht wusste, wie er sich in einer so unvertrauten Situation verhalten sollte. Oder sogar Angst, dass andere in einem privateren Umfeld merken könnten, dass sie mehr füreinander waren als Schüler und Lehrer; Mentor und Gehilfin, und dass sie Anstoß nehmen würden.
Wenn sie anfing, darüber nachzudenken, würde sie sich gewiß auch über all das Sorgen machen. Aber sie wollte sich solch negativen Gedankengängen gar nicht erst hingeben. Sie würden unter Freunden sein. Sie würden viel Spaß haben beim Austausch alberner Geschenke. Sie wusste sogar schon, was sie mitnehmen würde. Nun müßte sie nur noch ein echtes Geschenk für ihn finden...
Hermine suchte immer noch nach einer inspirierenden Idee, als er ihr völlig überraschend zuvor kam. "Ich habe etwas für Sie," sagte Severus, als sie zwei Tage vor den Ferien zu ihm kam um ihm beim Brauen der letzten Vorräte von Kater-Weg-Trank zu helfen, und überreichte ihr ohne viel Federlesens eine Flasche, die mit einer hellleuchtend orangefarbenen Flüssigkeit gefüllt war.
"Ein Weihnachtsgeschenk?" fragte Hermine verzückt. Er hatte ihr tatsächlich ein Weihnachtsgeschenk gemacht!
"Da offensichtlich noch nicht Weihnachten ist und wir zu diesem festlichen Anlass ja Schrottwichteln spielen wollen - nein. Das hier habe ich speziell für Sie gemacht."
"Was ist es?" Neugierig öffnete Hermine die Flasche und roch daran.
Er sah sie mit zusammengezogenen Brauen an. "Sie sollten es besser wissen, als an einem unbekannten Trank zu riechen, Miss Granger! Manchmal ist schon das Einatmend der Dämpfe tödlich!"
"Nun, ich hatte nicht angenommen, dass Sie mir ein tödliches Gift als Nicht-Weihnachtsgeschenk brauen würden," versetzte Hermine ungerührt und schnupperte noch einmal. "Das riecht gut. Ich glaube, da ist Seifenwurzel drin. Ich nehme also an, es ist nicht zum Einnehmen gedacht?"
"Ich würde es nicht empfehlen. Es ist ein Reinigungsmittel für Ihre Haare - zu benutzen anstelle der Muggel Schampoos die wer weiß was enthalten. Ich dachte, wenn ich Zahnpasta herstellen kann, kann ich mich auch an etwas versuchen, was Sie so dringend zu benötigen scheinen."
"Sie meinen, ich benötige dringend Schampoo?"
Er rollte die Augen. "Nein," sagte er, und dehnte die eine Silbe, als würde er eine besonders dumme Frage beantworten. "Aber Sie jammern ständig über Ihr Haar. Ich habe mit dem Mittel herumexperimentiert, das ich für meine verwende, um es individuellen Bedürfnissen anzupassen. Geben Sie eines Ihrer Haare in die Flasche und schütteln Sie es gut, ehe Sie es zum ersten Mal benutzen."
"Oh - ist das hier sowas wie Sleakeazy-Haar-Zaubertrank für widerborstiges Haar?" fragte sie, und ihre Augen leuchteten interessiert auf.
Er warf ihr einen vernichtenden Blick zu. "Wenn Sie von dem drittklassigen Mittelchen sprechen, das Sie damals anlässlich des Weihnachtsballs in so großen Mengen in ihre Haare eingearbeitet haben um es niederzuzwingen - nein."
"Aber zu was ist es gut, wenn nicht, um meine Haare zu bändigen und frisierbarer zu machen?"
"Ich sehe keinen Anlass, Ihr Haar zu 'bändigen', wie Sie es nennen. Dieses Mittel soll mit ihrem Haar arbeiten, nicht dagegen. Es soll optimieren, was da ist, und nicht versuchen, es zu etwas zu machen, was es nicht ist. Und Ihr Haar ist weder glatt noch gebändigt." Ihr Haar war unbezwingbar, störrisch, eigensinnig – so wie sie. Er fand es gut so. Besonders jetzt, wo es langsam seine Lebendigkeit wiederbekam.
"Haben Sie es für Ihre eigenen Haare benutzt?" Sie blickte kritisch auf seinem Kopf, vermutlich an der Wunderwirkung des Mittels zweifelnd.
"Nicht diese neue und verbesserte Rezeptur."
"Warum nicht? Wollten Sie es erst an mir ausprobieren? Für den Fall, dass es ungewollte Nebenwirkungen hat?"
Er feixte. "Das auch. Aber vorrangig habe ich es deshalb nicht benutzt, weil ich fand, dass mir der blumige Duft nicht stehen würde."
"Ja, ich denke, da haben Sie recht..." stimmte Hermine zu, nachdem sie erneut an der Flasche gerochen hatte. "Nun gut, ich werde es versuchen. Ich werde mich bedanken, wenn ich sicher bin, dass mir die Haare nicht ausgehen oder ich am Ende wie ein Mopp aussehe."
"Vielen Dank für Ihr Vertrauen", sagte er ironisch. "Ich habe noch niemals zuvor einen komplett neuen Zaubertrank entwickelt und gebraut, Sie müssen es mir also nachsehen."
"Haha, sehr lustig! Warum hat eigentlich noch nie jemand bemerkt, dass Sie einen Sinn für Humor haben?"
"Weil ich mir Mühe geben, ihn zu verbergen und ihn nur zu ganz besonderen Anlässen hervorhole. Es könnte meinen schwer verdienten Ruf wohlmöglich ebenso schnell ruinieren, wie fantastisch aussehendes Haar das nach Orangenblüten und Jasmin duftet. Und nun, wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gerne, dass wir uns an die Arbeit machen."
*'*'*'*'*
Als Hermine am nächsten Abend kam, um sich vor den Ferien von ihm zu verabschieden, lag ein Strahlen über ihrem Gesicht. "Sie wundervoller, wundervoller Mann!" brach es überschwenglich aus ihr heraus, als sie schnurstracks auf ihn zutrat und ihm einen Kuss auf die Wange drückte. Er ließ vor Schreck beinahe das Buch fallen, das er gerade ins Regal stellen wollte.
"Was, in Merlins Namen, sollte das denn?" fragte er, und legte seine Stirn in Falten, um seine Verwirrung zu verbergen. Das verflixtes Mädchen! Sie konnte doch nicht rumlaufen und nichtsahnende Leute mit Küssen überfallen. Als ob sie nicht so schon genug Chaos in seinem Gefühlsleben anrichtete.
"Ist das nicht offensichtlich?" fragte sie, und drehte sich vor ihm ein paar mal im Kreis. "Sehen Sie mich an!"
Das tat er. Sie war wunderschön... ihre Lippen zu einem breiten Lächeln verzogen, die Augen vor Freude strahlend, ihre Haare in alle Richtungen fliegend. Ah! Endlich machte es Klick. Sie hatte sein selbstgebrautes Shampoo benutzt. Das Ergebnis war wie zu erwarten. Er hatte nicht umsonst einen guten Ruf als Zaubertränkemeister.
"Es ist noch immer ziemlich voluminös", meinte er mit einem Blick auf die lebhaften Locken, die das Licht der Fackeln einfingen und in dunkel goldenen, satten Bernstein- und warmen Brauntönen funkelten. "Und nicht glatt."
"Nein", lachte sie und hörte auf, sich zu drehen. "Es ist lockig, aber nicht buschig. Und es bleibt sogar wellig, nachdem ich es gekämmt habe! Vorher hat es mich immer aussehen lassen, als ob ich mit den Finger in die Steckdose gegriffen hätte, wenn ich es gebürstet habe. Aber dieses Schampoo... es ist wundervoll! So einfach und effektiv! Ich konnte sogar einen Trocknungszauber benutzen! Das ist fantastisch - nun muss ich es nicht mehr an der Luft trocknen lassen, was hier im Schloss immer ewig gedauert hat und mir im Winter so oft Erkältungen beschwert hat!"
Er konnte nicht widerstehen, eine Strähne zu greifen und sanft an einer Locke zu ziehen, bis sie ganz lang war und fast bis an ihre Taille reichte, und zu sehen, wie sie zurück in Form sprang, als er sie losließ. "Es sieht lebendig aus," sagte er sacht. "Es gefällt mir."
Einen Moment lang starrte Hermine wie hypnotisiert in sein Gesicht. Sie war ziemlich sicher, dass Haare keine Nerven hatten, und doch fühlte sie noch immer ein sanftes Kribbeln an der Stelle, wo die Haarsträhne mit ihrer Kopfhaut verbunden war. Es war nicht mal eine Berührung gewesen - ganz sicher würde man ein Ziehen an den Haaren, egal wie sanft, nicht als Berührung bezeichnen. Und dennoch ließ es sie so viel mehr fühlen, als es Rons Hände auf ihrer nackten Haut je vermocht hatten. Sie wollte, er würde mehr tun, als nur ihr Haar berühren... Auch, wenn es in vielerlei Hinsicht verwerflich wäre, wünschte sie fast, er würde jede Vorsicht in den Wind schlagen, sie küssen, bis sie den Verstand verlor und sich gleich hier auf seinem Labortisch voller Leidenschaft auf sie stürzen...
Severus stockte der Atem, als sie zu ihm aufsah, Begehren und Verlangen überdeutlich in den Augen. Merlin möge ihm beistehen!
"Hermine..."
"Nein." Sie trat abermals an ihn heran und legte rasch einen Finger auf seinen Mund, um ihn am Sprechen zu hindern. Wenn er ihr sagen wollte, dass sie vernünftig sein müßte und ihre Sinne beisammen halten, wollte sie es nicht hören. Wenn er sich entschuldigen wollte, weil er mit seiner unschuldigen Geste eine solche Reaktion ausgelöste hatte, wollte sie es ebenfalls nicht hören. "Sagen Sie es nicht, bitte. Sagen Sie einfach gar nichts. Danke für das absolut wundervollste Nicht-Weihnachtsgeschenk, das ich je bekommen habe. Ich habe auch etwas für Sie, auch, wenn ich fürchte, dass es einem Vergleich nicht standhält."
Sie griff in die kleine, perlenbesetzte Handtasche, die sie in den Falten ihres Umhangs versteckt hatte und zog ein Päckchen heraus, das in überraschend geschmackvolles Weihnachtspapier eingewickelt war. "Öffnen Sie es nicht jetzt - ich möchte nicht, dass Sie sich gezwungen fühlen, Begeisterung vorzutäuschen, wenn Sie es albern und unnütz finden. Aber Sie können diese hier aufmachen..." Sie zog eine Bleckdose hervor, die eigentlich viel zu groß war, um in ihre Tasche gepasst zu haben. "Kekse. Ich habe den Hauselfen gedroht, dass ich wieder anfangen würde, Hüte zu häkeln, wenn sie mich nicht in die Küche lassen. Ich habe sie selbst gebacken. Oh, und ehe ich es vergesse..." Sie errötete und zog noch etwas aus ihrer magisch vergrößerten Tasche. "Hier ist Ihr Umhang zurück."
Das ließ ihn die Brauen zusammenziehen. "Sind Sie sicher, dass Sie ihn nicht mehr brauchen?" Sie waren noch nicht einmal in der Mitte des Winters angekommen. Es würde im Januar noch viel kälter werden.
"Nein, nicht wirklich." Nicht mal ein Hauch seines Geruchs hafte noch an dem Stoff. "Es ist alles verflogen."
Er sah sie verständnislos an, und Hermine wurde sich ihres Versprechers bewusst. Die leicht roséfarbene Tönung in ihrem Gesicht vertiefte sich. "Ich meine - die Sporen", sagte sie rasch. "Sie sind verflogen. Die Aura ist weg. Luna hat es bestätigt." Was Hermine sich fragen ließ, ob Luna irgendwie in der Lage gewesen war, Severus Geruch an der Robe zu sehen. Sie wünschte, sie könnte sie ihn einfach um eine Wiederauffrischung bitten.
"Ich verstehe", sagte er, obwohl er sich dessen nicht ganz sicher war, und nahm das Kleidungsstück entgegen. "Ich darf also annehmen, Sie haben sich einen neuen Morgenmantel gekauft?"
Hermine sah ihn verwirrt an. "Nein, wieso? Ich habe doch meinen Kimono."
"Das fadenscheinige, seidige Ding, das Sie einen Morgenmantel nennen, ist kaum geeignet, Sie warm zu halten, Miss Granger!" grollte er. Dann schob er resolut das Bündel zurück in ihre Hände. "Behalten Sie das!"
"Was? Nein, ich kann doch nicht..."
Es lag ihm fern, sie wegen finanzieller Schwierigkeiten in Verlegenheit zu bringen, aber lieber würde er es riskieren, ihren Stolz zu verletzen, als zuzusehen, wie sie ihre Gesundheit gefährdete.
"Ich verschwende nicht meine Zeit, sie gesundheitlich wieder auf die Beine zu bringen, damit Sie meine Bemühungen zunichte machen und sich eine Lungenentzündung holen! Wenn Sie den Umhang nicht nehmen, wird es mein Beitrag zum Schrottwichteln sein. Niemand sonst wird ihn haben wollen."
"Ich... also gut, wenn Sie darauf bestehen...Danke sehr!" Hermine streckte die Hände aus, um den Umhang wieder entgegenzunehmen. Er war flauschig und warm. Abgesehen davon, dass er gut gerochen hatte, hatte sie nie darin gefroren. Sie hielt inne und zog die Hände wieder zurück, als ihr ein Gedanke kam. "Mir fällt gerade ein...", sagte sie und lächelte ihn an, "dass ich ihn in den Ferien nicht brauchen kann. Harry würde sich fragen, warum ich Ihre Robe trage. Behalten Sie sie einfach bis nach den Ferien, ja?"
Sie sah ihn mit einem seltsam hoffnungsvollen Ausdruck an. Severus verstand das Mädchen einfach nicht. Er hatte das Gefühl, dass irgendwas dahintersteckte, aber er hatte absolut keine Ahnung, was es sein konnte. "Nun gut," seufzte er, nicht sicher, ob er es überhaupt wissen wollte.
"Vielleicht könnten sie den Mantel ja in der Zwischenzeit noch ein wenig tragen?" schlug sie vor. "Sie wissen ja - ihre lila Sporen wirken sehr gut gegen meine Trübklebler."
"Wenn Sie diesen Unsinn weiterhin wiederholen, wird man Sie für genauso verrückt halten wie Miss Lovegood", sagte er kopfschüttelnd.
"Ganz ehrlich? Ich fange an zu glauben, dass Luna die einzig wirklich geistig gesunde Person in diesem Schloss ist", sagte Hermine, die nun glücklich lächelte. "Danke! Für zwei wirklich wundervolle Geschenke."
"Gern geschehen," sagte er, da ihm sonst nichts einfiel, das er hätte sagen können. Vielleicht gab es auch nichts anderes, das in diesem Moment zu sagen nötig gewesen wäre. "Ich sehe Sie dann an Weihnachten."
"Ja." Sie lächelte noch immer. "Ich freue mich darauf!"
A/N: Ich hatte ursprünglich nicht vorgesehen gehabt, über Weihnachten zu schreiben. Das nächste Kapitel setzt ein, wenn Severus und Hermine wieder zurück in Hogwarts sind. Es wird einiges darüber erzählt, was passiert ist, aber bei weitem nicht alles.
Da es aber eine Menge Nachfragen gab (jedenfalls zur englischen Version) habe ich inzwischen habe ich eine ganze Menge dazu geschrieben - so viel, dass es weit mehr ist als ein einzelnes Kapitel, eher schon eine eigene Geschichte, die aber noch immer nicht fertig ist. Sie enthält unter anderem ein Gespräch zwischen Harry und Severus über die Nacht, in der seine Eltern starben. Und wie es bei mir immer so ist, wenn ich anfange, Dialoge zu schreiben: Es artet aus. Das Harry-und-Severus Kapitel aus der Weihnachtsgeschichte ist sogar zu einer eigenen Geschichte geworden, die auf Englisch bereits veröffentlicht ist.
