Dienstag, 25. Oktober 1983
Sie sollten an diesem Dienstagabend mit dem Caravan starten. Amanda hatte ihre Tasche gepackt. Den Tag hatte sie damit verbracht, alles mit ihrer Mutter zu besprechen, damit sie die Dinge regeln konnte, für die Zeit, die Amanda nicht da sein würde.
Wie sie es ihrer Tochter versprochen hatte, übernahm Dotty alles, um ihrer Tochter den Rücken frei zu halten, damit diese bei ihrer Arbeit Fuß fassen konnte. Amanda hatte ihr erzählt, dass sie für einen Bericht eine Fahrt mit einem Wohnmobil machen sollte. Auch, dass sie diese Reise mit Lee Stetson zusammen machen würde. Das hatte ihr ein vielsagendes Grinsen ihrer Mutter eingebracht, auf welches sie nicht weiter eingegangen war. Sie wollte keine Diskussion mit ihr über Lee. Dazu war sie selbst sich noch viel zu sehr im Unklaren, was sie selbst wollte.
Sie sollte sich mit Lee in der Agentur um 17 Uhr treffen. Nachdem sie sich von ihren Söhnen und ihrer Mutter verabschiedet hatte, den Jungs noch einige Ratschläge und Ermahnungen mitgegeben hatte, trat sie hinaus, um mit ihrem Wagen zur Agentur zu fahren. Ihr Gepäck hatte sie schon vor einigen Stunden eingeladen. Kaum hatte sie das Haus verlassen, stand ihr Dean gegenüber.
„Wir müssen reden, Amanda." sprach er sie ohne Begrüßung an.
„Hallo Dean, wir haben nichts zu besprechen. Solange du nicht verstehen willst, dass ich die Beziehung nicht weiterführen möchte."
„Was ist mit dir los, du warst sonst nicht so."
„Du auch nicht. Der Dean, den ich bisher kannte, hätte es akzeptiert und es fair gefunden, wenn ich die Beziehung beendete, da ich nicht das gleiche möchte wie er. Ich will nicht heiraten, vielleicht nie mehr. Und es ist nicht fair dich hinzuhalten. Ich empfinde nicht so tief wie du. Du bist ein netter Mann, aber ich liebe dich nicht."
Er packte sie grob am Oberarm, als sie sich zu ihrem Auto abwenden wollte: „Hast du einen anderen? Vor ein paar Wochen hättest du so nicht mit mir geredet."
Sie schaute Dean erschrocken an: „Du tust mir weh! Nein ich habe keinen anderen." Sie riss sich aus seiner groben Hand. „Nimm die Finger von mir!"
Kurz überlegte sie, ob sie gerade gelogen hatte. Aber nein, Lee und sie, sie waren nicht zusammen, sie mochten sich, aber zusammen waren sie definitiv nicht. Die Küsse waren atemberaubend und erweckten ihre Leidenschaft. Aber nein! Sie hatte ja beschlossen, dass sie keinen festen Freund bräuchte. Und über die Anziehungskraft zwischen ihnen, wollte sie nicht nachdenken.
„Amanda, ich liebe dich. Bitte werde meine Frau. Ich werde dich glücklich machen. Du bräuchtest auch nicht zu arbeiten."
„Oh, Dean. Verstehst du es nicht. Ich will arbeiten, ich will selbständig werden. Und ich will keinen Ehemann. Nie mehr!"
Dean war schnell, wieder hatte er sie gepackt, diesmal an beiden Oberarmen.
„Wir wären so glücklich miteinander. Du bist gerade geblendet von dem neuen, der neuen Arbeit. Aber du wirst sehen, die taugt nichts. Du bist nicht dafür gemacht. Du bist die liebevolle Mutter und Ehefrau."'
Er zog sie grob an sich und hielt sie gegen ihr Auto gedrückt fest um ihr dann grob einen Kuss auf die Lippen zu zwingen.
Als er sie gepackt hatte, hatte sie einen Moment Angst bekommen, aber nun nach seinen Worten und der Aufdringlichkeit war sie nur noch eins, richtig wütend. Sie trad mit einem Fuß ihm feste auf seinen, schubste ihn mit beiden Armen von sich weg. Er war im ersten Moment so irritiert, das er zurückwich, so dass sie ihm mit ihrer rechten Hand noch eine Ohrfeige geben konnte. Und bevor er irgendwie reagierte, war sie um das Auto herum und eingestiegen. Die Türen hatte sie sofort verriegelt.
„Bleib fort, ich will dich nie wiedersehen," schrie sie ihn noch an. „Brauchst dich hier nie wieder blicken zu lassen!"
Dann fuhr sie mit quietschenden Reifen rückwärts aus der Einfahrt.
Ihre laute Stimme und die quietschenden Reifen hatten Dotty aufmerksam gemacht. Sie kam heraus und sah nur noch das Auto davonfahren und Dean in der Einfahrt stehen.
„Was ist hier los?" fragte sie forsch und musterte ihn aufmerksam.
„Nichts, sie hatte nur keine Zeit mit mir zu reden und ich habe sie zu lange aufgehalten. Sie hat halt im Moment viel zu tun. Wir reden dann ein andermal weiter. Habe einen schönen Abend, Dotty." Er wendete sich ab, um zu seinem Auto zu gehen.
Keinem war aufgefallen, dass das Ganze von Anfang an von Jamie aus einem Fenster im oberen Stockwerk beobachtet wurde. Er wollte seiner Mutter nachsehen, als sie ging und nun musste er beobachten, wie ihr weh getan wurde und so wütend hatte er sie auch noch nie erlebt. Er ging ohne jemanden etwas zu sagen in sein Bett. Aber der Schlaf kam diese Nacht nur schwer zu ihm.
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Lee blickte zum Beifahrersitz, auf dem Amanda schlafend zusammengesunken war. Er hoffte, dass sie keine Nackenschmerzen davon bekommen wird. Es sah nicht sonderlich bequem aus. Er wünschte, er könnte anhalten und es ihr angenehmer machen, aber sie befanden sich gerade auf der Interstate 95 Richtung Richmond. Sie fuhren nach Süden, so gar nicht den typischen Weg nach Arizona. Ein Parkplatz war noch in weiter Ferne, obwohl er wohl eine Tankstelle suchen musste. Die Tankanzeige gefiel ihm nicht. Es war ihm zugesichert worden, dass der Caravan vollgetankt wäre. Er hatte beim losfahren nicht darauf geachtet, aber offensichtlich war dies leider nicht gemacht worden.
Er machte sich auch Gedanken um Amanda. Als sie vorhin bei der Agentur angekommen war, schien sie sehr nervös und etwas aufgebracht. Er hatte gemerkt, dass sie etwas sehr störte, aber sie hatte auf seine Fragen mit einem Lächeln und den Worten: „Alles in Ordnung, wirklich. Ist nur, weil ich etwas länger von zu Hause weg sein werde.", geantwortet.
Aber sie hat ihn nicht täuschen können. Es stimmte etwa nicht mit ihr. Er wollte das im Auge behalten.
Nach knapp 1,5 Stunden nachdem sie losgefahren waren lenkte Lee den Caravan kurz vor Richmond auf eine Tankstelle. Kaum stand der Wagen, wurde Amanda wach. Sie streckte sich genüsslich und Lee ließ seine Augen über sie wandern. Er wollte sie berühren, sie spüren. Erst als sie gähnend die Augen auf ihn richtete schaute er ihr ins Gesicht.
„Wo sind wir?"
Lee musste sich kurz ermahnen, um seine Fantasie aus der Gosse zu holen, dann antwortete er ihr konzentriert:
„Kurz vor Richmond, ich brauch dich, um die Karte dann zu nehmen. Aber erst müssen wir tanken."
„Wieso tanken?" fragte sie noch nicht ganz wach.
„Er war wohl nicht wie versprochen aufgetankt."
„Hmm." Antworte Sie „Ich muss mich bewegen, damit ich wieder munter werde." Mit diesen Worten öffnete sie die Tür und stieg aus.
Lee holte ein paar Mal tief Luft und brachte seinen Körper unter Kontrolle. Er musste aufpassen, diese Fahrt könnte ihm Probleme bereiten, die er nicht berücksichtigt hatte.
Trotz der abendlichen Zeit hatten sie Mühe durch das große Verkehrsaufkommen durch Richmond zu kommen. Eine gute Stunde nachdem sie von der Tankstelle gestartet waren, hielt Lee den Caravan an einem See an. Sie waren in Richmond auf eine Nebenstraße gewechselt. Während Lee sich die Umgebung anschaute, wechselte Amanda in den hinteren Bereich des Wagens, um ihnen etwas zum Essen zu holen.
„Lee, wir haben ein Problem." Amanda stand an der geöffneten Campingwagentür und rief ihm zu. Er war kurz darauf bei ihr und folgte ihr in den Caravan.
„Was ist?"
Sie brauchte ihm nicht zu antworten, er hatte sofort erkannt, was sie meinte. Ihre Schlafsäcke und die Verpflegung fehlten, welche sie am Vortag darin deponiert hatten. Ein weiter Blick über die Einrichtung und es war alles klar.
Lee fuhr sich nervös mit der Hand durch die Haare.
„Lee, wir sind hier im Original, richtig?"
Er nickte und im nächsten Moment kam wieder Leben in ihn. Schweigend griff er nach seiner Reisetasche, die er beim Start nur achtlos zwischen den Sitzen nach hinten geschoben hatte. Amanda schaute ihm zu, während er ein kleines Gerät und eine Waffe aus der Tasche holte. Während er aufstand reichte er ihr das kleine Gerät und kontrollierte dann die Waffe. Dann reichte er ihr diese und nahm das Gerät wieder aus ihren Händen:
„Pass auf, sie ist geladen."
Amanda schnappte nach Luft und schaute ihn nur groß an. Ihr Verhalten kam bei ihm an und er schaute sie an und registriert, dass er sie gerade überforderte. Er schloss schnell die Tür und verriegelte so den Einstieg von außen.
„Amanda, ich glaube nicht, dass das ein Versehen war. Irgendwer hat die Fahrzeuge vertauscht. Ich muss nun kontrollieren, ob wir irgendwo an dem Fahrzeug einen Peilsender oder ähnliches haben. Dazu dieses Gerät. Und du musst währenddessen die Umgebung im Auge behalten. Und wenn etwas ist, dafür die Waffe. OK."
Amanda nickte während sie tief Luft holte, um ihre Nerven zu beruhigen. Lee schlupfte noch in seinen Schultergurt und zog seine Waffe aus seiner Jacke, um sie nun in den Gurt zu stecken. Dann entriegelte er die Tür.
„Bereit."
Amanda nickte, auch wenn sie sich nicht bereit fühlte.
„Es ist vermutlich niemand da draußen", versuchte Lee sie zu beruhigen, „reine Vorsichtsmaßname. Aber pass auf, die Waffe ist entsichert." Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und drückte sie leicht.
Lee signalisierte mit keiner Tat, dass er sich sehr wohl im Klaren darüber war, dass Amanda im Notfall nicht wüsste, wie sie mit der Waffe umgehen sollte. Es zeigte ihm nur, dass er, wenn sie wieder zu Hause wären, mit ihr ein paar grundlegende Dinge diskutieren und ihr dann beibringen musste.
Sie traten zusammen nach draußen und während Lee um den Wagen ging und mit dem Gerät diesen absuchte, ging Amanda neben ihm her und beobachtete die Umgebung. Die Dunkelheit wurde nur vereinzelt von Scheinwerfern, der auf der nahen Straße vorbeifahrenden Autos, unterbrochen.
Lee fand zwei Peilgeräte, welche er abriss und dann Richtung See ging, um sie dort zu versenken.
„Lee, warte."
Lee's Schritte stockten und er wendete sich Amanda zu.
„Ursprünglich sollten wir das Original fahren. Um Holt zu täuschen war dann die Kopie geplant und jetzt haben wir doch das Original. Also meint er, wir haben die Kopie. Richtig?"
Lee runzelte leicht verwirrt die Stirn, bis sich ihre Worte bei ihm gesetzt hatten.
„Ja, und was willst du mir damit nun sagen?"
„Wir fahren für Holt gerade die Kopie, weil er nicht weiß, dass die Agentur die Fahrzeuge getauscht hat. Somit wird diese kriminelle Organisation versuchen das vermeintliche Original auf dem Zug zu bekommen, oder? Und wenn sie das schaffen, dann haben sie die Kopie und wir hier immer noch das Original."
Lee schaute auf die beiden kleinen Sender in seiner Hand: „Hast recht, aber wie erklärt das diese Geräte." Er überlegte und wendete sich dann nach kurzer Zeit wieder an Amanda:
„Vielleicht nur um uns zu überwachen, falls wir merken, dass wir das falsche Fahrzeug haben und die Fahrt abändern, zurück nach Washington fahren."
Er grinste plötzlich, als ihm ein Einfall kam.
„Komm, wir können hier nicht bleiben, wir fahren nach Richmond zurück. Da war ein großes Einkaufszentrum. Wir werden uns auf dem Parkplatz ein Fahrzeug aussuchen, dem wir die Peilsender anhängen. Das lenkt von uns ab."
„Bringt das dann nicht die Leute in Gefahr?"
Lee schüttelte den Kopf. „Nein, ich werde den Befestigungsmagneten so abschwächen, dass sie es unterwegs verlieren. Aber das reicht dann schon, um sie weit von uns abgelenkt zu haben, ohne zu ahnen, dass wir die Sender gefunden haben."
„Wie schwächst du den Magneten ab?"
„Mit einem Stück Stoff, damit wird er nicht mehr so gut halten."
Sie stiegen ein und Lee lenkte den Caravan wieder auf die Straße zurück. Amanda betrachtete sich derweilen die Karte.
„Sollen wir auf unserer geplanten Route bleiben?"
„Hast du Vorschläge?"
„Entweder wieder nach Norden oder noch weiter nach Süden. Was wäre denn eher zu vermuten?"
Lee dachte kurz nach: „Ich könnte mir vorstellen, dass sie uns eher nördlich suchen würden. Also noch mehr in den Süden."
Nachdem Lee auf dem Parkplatz des Einkaufzentrums ein Fahrzeug aus Nevada gefunden und dort die Sender befestigt hatte, suchte er nach einer Telefonzelle, während Amanda beim Caravan blieb.
Lee rief Billy auf einer gesicherten Nummer an und hielt das Gespräch sehr kurz:
„Billy, hier ist etwas sehr schiefgelaufen. Amand und ich sind mit dem Original unterwegs. Da gab es noch einen Tausch. Du musst die Agenten auf dem Zug warnen."
„Verdammt, OK ich werde sie informieren und weitere Vorkehrungen treffen. Passt auf euch auf."
„Machen wir. Unser Caravan war mit zwei Peilgeräten ausgestattet. Die habe ich entfernt. Es gibt aber noch eine andere Art ihn zu orten, nehme ich an."
„Ja. Da ihr das Original habt, schau dir mal die Beschreibung im Handschuhfache an. Die ist wie eine normale Autobeschreibung getarnt, hat aber einige weitere Infos."
„Gut, ich melde mich wieder."
Als sie dann weiterfuhren, schickte Amanda sie nun über einige noch kleinere Nebenstraßen weiter nach Süden, bis sie nach über einer Stunde bei Alberta auf die Interstate 85 ankamen.
In Alberta hielten sie an. Während Amanda in einem Freizeitgeschäft ihnen zwei Schlafsäcke und noch Lebensmittel besorgte, blieb Lee im Caravan. Er wollte ihn nicht unbewacht zurücklassen. Immerhin waren sie mit einem Waffenzentrum unterwegs. Auch nutzte er die Zeit, um sich über die Waffe näher zu informieren. Die von Billy erwähnte Beschreibung war sehr aufschlussreich.
Nach ihrem Einkauf verstaute Amanda die Sachen im Fahrzeug. Als sie sich auf den Beifahrersitz setzte, schaute sie Lee erwartungsvoll an. Er hatte die Karte auf dem Lenkrad ausgebreitet.
„Wir verstecken uns heute in der Öffentlichkeit. Hier ist in der Nähe ein Campingplatz. Wir stellen uns dort nur für die Nacht unter und fahren früh weiter."
„OK." Amanda hatte Lee gestern während sie am Planen waren darauf hingewiesen, dass sie mit diesem Caravan sehr auffallen würden, da sie niemanden rein lassen und so nicht wie typische Camper auftreten könnten. Aber nur eine kurze Nacht dürfte keine Probleme bereiten.
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Billy Melrose war in der Zwischenzeit nicht untätig gewesen. Er hatte die Agenten kontaktiert, die nun die Kopie des Vigilant auf dem Zug begleiteten. Außerdem orderte er noch Verstärkung, die getarnt am nächsten Bahnhof zusteigen sollte. Dann hatte er Zeit, sich sorgen zu machen, das Lee mit einer unerfahrenen Partnerin mit einer Geheimwaffe auf amerikanischen Straßen unterwegs war. Er erinnerte sich an das Gespräch mit Lee von Gestern Nachmittag. Lee hatte sich geweigert einen anderen Partner als Amanda neben sich zu akzeptieren. Am liebsten hätte er weiterhin niemanden, da er Angst vor weiteren Verlusten hatte, aber wenn man ihn dazu zwingen würde einen Partner zu haben, dann wollte er nur Amanda. Er konnte Billy keine vernünftige Begründung dazu liefern. Aber da Billy ja Amanda bereits dem Kongressabgeordneter Fremont und seinem Assistenten Holt benannt hatte, blieb es nun dabei. Billy hatte Lee verpflichtet, Amanda so viel wie möglich beizubringen. Damit sie dann bereits mit umfangreichen Kenntnissen und Fähigkeiten im nächsten Jahr den einen oder anderen Kurs bei Agent Beaman belegen konnte.
