Fryhor war kein Feigling.
Aber als die Zugpferde zu Boden stürzten, seine Männer und er abgeworfen wurden, ein heilloses Durcheinander entstand - durch die verhexten Feuerkugeln, die der Freak um sich schleuderte, gut beleuchtet - hatte Fryhor sich schnell zwischen die Wagenräder verkrochen. Soweit der Captain es überblicken konnte, hatte der Mutant nun auch den Rest seiner Truppe abgeschlachtet. Alles gut ausgebildete, erfahrene Kämpfer. Was für eine Verschwendung. Fryhor riskierte einen Blick aus seiner Deckung heraus.
Hoch auf dem Karren stehend, bückte sich der Gigant zu der Schlampe hinunter und wollte sie gerade hochziehen, da sah Fryhor den riesigen, heranspringenden Warg. Es knallte ohrenbetäubend laut.
Fryhor duckte sich wieder tiefer unter den Karren und zog einen seiner toten Kameraden halb über sich. Der von einer unsichtbaren Hexerei zurückgeschleuderte Warg knurrte jaulend und die Schlampe schrie ohrenbetäubend laut. Bald platschte es neben Fryhor am sumpfigen Wegesrand. Mutant und Warg bildeten eine sich wild drehende und herumwirbelnde Masse. Es sah aus, als versuchten sie, sich gegenseitig zu fressen.
Fryhor hörte das Schmerzgebrüll des Hexers, als sich die Fänge des Wargs in dessen Fleisch schlugen, und das Knacken der Knochen des Untiers, wenn der Mutant kurzzeitig die Oberhand gewann. Der Warg war fast so groß wie ein Bär und Fryhor musste den Mutanten fast bewundern. Solch einen Ringkampf mit bloßen Händen gegen eine solch riesige Bestie… Das war schon eine kleine Anerkennung wert.
Plötzlich schlug etwas direkt neben ihm auf. Die Schlampe schrie unterdrückt auf, als sie hart auf dem Boden aufkam und begann mit schmerzverzerrtem Gesicht suchend umherzukriechen. Sie fand eine Armbrust, schrie triumphierend auf und versuchte sie zu spannen. Nach einigen Fehlversuchen schaffte sie es und zielte auf das Knäuel, dass das Monster und der Mutant bildeten.
Nach schier endlosem Gerangel kam der Warg auf dem blutenden Hexer zu liegen. Der Freak hatte seinerseits seine mächtigen Arme um den Hals des Monsters und seine kräftigen Beine um dessen Taille geschlungen. Die weit hervortretenden Muskeln und Venen verrieten, dass der Mutant mit all seiner Kraft den Leib des Monsters zusammendrückte. Da sie sich nicht weit vom Karren entfernt hatten, musste Mireya nur kurz zielen und schaffte es, dem Warg einen Bolzen direkt in die Flanke zu jagen. Das Monster jaulte so gut es der eingedrückte Hals zuließ auf und brach endlich tot über dem Hexer zusammen.
Fryhor sah seine Chance. Er befreite sich von der Leiche, schob sich näher an Mireya ran, entriss ihr mühelos die Armbrust und spannte einen neuen Bolzen ein.
Mireya fasste nach seinem Fuß, um ihn aufzuhalten, doch Fryhor verpasste ihr einen schnellen Tritt gegen ihren Arm.
Auch er zielte nur kurz und wartete, bis der Hexer es geschafft hatte, den erschlafften Körper des Wargs von sich herunterzurollen.
Letho legte sich schwer atmend zurück auf den Rücken und presste seine schmutzige Hand auf eine tiefe, stark blutende Bisswunde an seiner Schulter. Was für ein Kampf!
Der hohe Blutverlust bescherte ihm schwarze Punkte vor den Augen und er nahm die Umgebungsgeräusche nur noch wie durch Watte wahr. Er versuchte auszumachen, woher die plötzlichen Warnschreie der Schönheit kamen und richtete sich seitlich auf. Damit bot er dem Captain ein allzu breites Ziel und dessen Bolzenschuss ließ nicht lange auf sich warten.
Jubel. Stöhnen. Ohrensausen. Kälte. Schmerz. Wutgebrüll. Peitschenknall. Verzweiflung. Schmerz. Platschendes Wasser. Gelächter. Wiehern. Peitschenknall. Gejohle. Eduar.
Eduar?
Mireya erwachte schlagartig und sah sich verwirrt um. Sie lag auf einem wackligen Feldbett in einer Art Lazarett. Jemand hatte ein Laken aufgehängt, offensichtlich um sie vor den Blicken der Mitpatienten zu schützen. Aus der widerlichen Mischung aus Stöhnen, Rülpsen und minutenlangem Furzen schloss sie, dass es männliche Patienten waren. Durch all das hindurch erkannte sie deutlich die nervige Stimme ihres Gatten. Etwas schien ihm großen Spaß zu bereiten, denn er jubelte und feuerte Jemanden inbrünstig an.
Mireya hob vorsichtig die schmutzige Decke und stellte überrascht fest, dass ihre Verbände frisch und sauber waren. Und erstaunlich professionell aussahen. Sie erkannte die keimtötende Salbe an ihrem scharfen Geruch und spürte außerdem, dass sie sich nicht mehr so fiebrig fühlte. Vorsichtig schwang sie die Beine aus dem Bett und erschrak, als ihre Füße brüchige Backsteine berührten. Eindeutig das Ruinengestein der nilfgaardischen Garnison. Ihr lief ein kalter Schauer über den Rücken und sie sprang auf.
„Langsam, Mädchen", sagte ein älterer Herr, der seinen Kopf an dem Laken vorbeischob und ihr eine helfende Hand entgegenstreckte. „Ich musste deine Wunden öffnen, säubern und zunähen. Mach mir nicht die Arbeit zunichte." Mireya wickelte sich in die Decke, da sie keine Kleidung trug und humpelte zu dem Stoffvorhang, der den Eingang des Zeltes verschloss. Sie blickte hinaus und unterdrückte ein Keuchen.
Was sie sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.
Mitten im Innenhof, direkt im Blickfeld des Kommandanten im Turm, der am Fenster stand und das Spektakel betrachtete, hatte man zwei hüfthohe Pfähle in den Boden gerammt. An deren oberen Enden waren schwere Ketten mit dicken Bolzen befestigt. Massive, eiserne Handschellen hatten sich tief in die blutigen Handgelenke des massigen Hexers gegraben. Außerdem befanden sich weitere Ketten um seine nackten Fußgelenke, sie sich zusätzlich um seine Taille wanden und es ihm unmöglich machten, eine andere Position, als auf dem Boden kniend einzunehmen. Man hatte ihn bis auf die Hose entkleidet. Der staubige Boden um ihn herum war matschig. Ob von Blut, Urin oder Flusswasser, konnte Mireya nicht sagen. Neben dem Soldaten, der gerade begeistert die Peitsche schwang, stand ein voller Eimer.
Sie fuhr erschrocken zusammen, als die Peitsche erneut laut auf die blutige Wunde, die einst der Rücken des Hexers war, knallte und sie sah auch, wie der massige Mann erschlaffte und bewusstlos in den Ketten hing. Der Soldat nickte einem anderen auffordernd zu, dieser schnappte sich den Eimer und schüttete das kalte Wasser über den Kopf des ohnmächtigen Hexers. Mit einem unmenschlichen Schrei fuhr der Kopf des Hexers hoch und all seine Muskeln spannten sich in Erwartung des nächsten Hiebs an.
Mireya erkannte erschrocken, dass die Glatze und die untere Gesichtshälfte des Hexers von dunklen Stoppeln bedeckt war.
Wie lange befand sie sich schon hier?
Wie lange wurde er hier schon gefoltert?
Sie bemerkte kaum, wie der Alte an ihr vorbei hinaus in den Hof trat und dem Peitschenschwinger Zeichen gab, aufzuhören. Fast erleichtert atmete Mireya die Luft, die sie unbewusst angehalten hatte aus und hörte mit großem Entsetzen, wie der „Feldarzt" zu dem jungen Soldaten sagte:
„Eine Runde übersteht er noch, dass solltet Ihr mich ihn zusammenflicken lassen."
Der Soldat nickte begeistert und drehte sich den umstehenden Kameraden zu, die er mit der anderen Hand winkend dazu aufforderte, ihn wieder anzufeuern. Die Männer brüllten, lachten und stießen mit Schnaps – Mireyas Schnaps – jubelnd an.
Mireya wurde plötzlich übel. Sie sank erschöpft zu Boden. Mitten im Wust der Anfeuernden, stand Eduar und grölte am lautesten.
Am nächsten Morgen erwachte Mireya erneut in dem plumpen Feldbett. Offenbar hatte sie geweint, ihre Wangen wiesen salzige Spuren auf. Jemand hatte sie zurück ins Bett gesteckt und sie hatte eine neue, saubere Decke bekommen. Als sie sich umsah erkannte sie frische Kleidung auf einem Hocker. Sie wollte gar nicht wissen, welcher armen Bäuerin das grüne Kleid und die helle Überschürze abgenommen worden war. Oder was man(n) danach mit ihr gemacht hatte…
Sie zog sich betont langsam die Sachen an, ihre Schulter schmerzte noch immer. Ihre Beinwunde schien gut zu verheilen, dort befand sich nur noch ein kleiner Verband. Allerdings hatte man dort ausgiebig Salbe aufgetragen. Mireya ekelte der Gedanke an die grapschenden Hände des alten Arztes auf ihrem Oberschenkel. Sie richtete sich, jetzt fertig angezogen, auf und trat hinaus ins Freie. Sie wurde am Arm gepackt und spürte den Blick des Wachmanns, der vor dem Krankenzelt stand, an ihrem Körper rauf und runter wandern. Ärgerlich verschränkte sie die Arme vor der Brust und fragte nach ihrem Gatten. Der Soldat nickte in die Richtung eines bestimmten Zeltes und ließ ihren Arm los. Überall schliefen Soldaten ihren Rausch aus, teilweise im Sitzen oder auf Mehlsäcken liegend. Mireya ging langsamen Schrittes auf Eduars Zelt zu und inspizierte dabei heimlich den Zustand des immer noch angeketteten Hexers. Er sah fürchterlich aus. Sein gesamter Rücken war mit der Salbe bedeckt, die aufgescheuerten Handgelenke zwar verbunden, aber immer noch in die zu engen Handschellen gepresst. Er rührte sich nicht, als sie sich näherte. Ein blutiger Speichelfaden hing ihm aus dem Mund. Die aufgesprungenen Lippen durch die Kälte der Nacht noch leicht bläulich angelaufen. Schweiß bedeckte seine Stirn und die strapazierten Arme.
Es wunderte Mireya sehr, dass sie nicht neben ihm angepflockt war. Immerhin hatte sie doch diesen angeblichen Verbrecher beherbergt. Sie vermutete, dass Eduar irgendetwas zusammengelogen hatte und hoffte, mit ihrem Gatten unter vier Augen sprechen zu können.
Wer weiß, welche Geschichte er dem Kommandanten aufgetischt hatte. Ärgerlich betrat Mireya Eduars Zelt und fand ihren liebreizenden Gatten mit weit geöffnetem Mund schnarchend und mit der gesunden Hand in der offenen Hose vor.
Sie baute sich neben seinem Lager auf und trat gegen seinen aus dem Bett herausragenden Fuß. Eduar stöhnte auf, drehte sich um und kratzte sich genüsslich am Hintern. Mireya konnte aufgrund der verrutschten Hose sehen, dass er schon seit längerer Zeit seine Unterwäsche nicht mehr gewechselt hatte. Sie überlegte kurz, den Wassereimer zu holen, traute sich solch eine Kraftanstrengung allerdings noch nicht zu.
Sie trat etwas fester gegen Eduars Hintern und ihr Ehemann erwachte mit einem erschrockenen Grunzen. Eduar spuckte auf den Boden aus und erhob sich ein wenig schwankend.
„Mein Eheweib! Den Göttern sei Dank!", rief er freudig, zog sie etwas unbeholfen an sich und küsste sie lautstark schmatzend. Mireya tätschelte verwundert seine Schulter. Als sein Mund sich ihrem Ohr näherte, sagte er deutlich leiser zu ihr: "Du dumme Hurenfotze! Wie konntest Du diesen Schlächter in mein Haus lassen? Hast Du auch nur den Hauch einer Ahnung, was ich tun musste, um Dich vor der Peitsche zu bewahren?" Mireyas Nackenhaare stellten sich auf. Sie hatte ihn noch nie so sauer erlebt. Er zitterte förmlich vor unterdrückter Wut.
„Dein Glück, dass alle sehen konnten, wie er Deinen Gaul verhext hat. Ich konnte Gwynleve davon überzeugen, dass der Freak auch Dich verhext hat. Und, dass ich zu krank war, um mich zu wehren, konnte auch jeder sehen. Wehe, Du schleppst noch einmal irgendwelche Streuner ins Haus!" Sein Griff um ihre Oberarme festigte sich schmerzhaft. Seine ungepflegten Fingernägel gruben sich in ihre Haut. Seiner verletzten Hand schien es deutlich besser zu gehen. „Wie lange sind wir schon hier?", traute Mireya sich zu fragen.
„Neun Tage hast Du faules Stück gepennt. Neun verfickte Tage!" Eduar verzog angewidert sein Gesicht. „Du hast Glück, dass der Schnaps zur Neige geht. Mach Dich sofort an die Arbeit, sonst finde ich einen anderen Verwendungszweck für Dich! Kapierst Du, was ich sage? Und glaub ja nicht, dass ich Dir noch ein einziges Man zur Hilfe eile. Ich habe lange genug mitangesehen, wie Du um dieses Vieh herumscharwenzelst wie eine läufige Hündin. Bleib bloß bei der Verhexungsgeschichte. Wie stehe ich denn da, wenn ich zulasse, dass mein Weib Königsmörder verführt?"
Königsmörder? Mireyas Körper überzog sich mit Gänsehaut. Königsmörder. Davon hatte selbst sie gehört. Zu später Stunde sprach man in jeder Taverne über sie. Immerhin behauptete man, sie seien schuld am Krieg.
