Im Jahre 25 nach der Schlacht von Yavin – im fünften Monat der Invasion der Yuuzhan Vong

Nom Anor hatte beschlossen, abzutauchen und wieder einmal Heimaturlaub zu nehmen. Die weitere Anwerbung von Friedensbrigadisten hatte er dem Menschen Reck Desh und dem Rodianer Lesmo übertragen. Jetzt ließ er seinen Blick durch sein neu eingerichtetes Apartment auf Coruscant schweifen. Alles war so mustergültig und standardmäßig eingerichtet wie in seinen früheren Behausungen anderswo in der Galaxis, die er mehr oder weniger sang- und klanglos wieder geräumt hatte. Sein neues Apartment war zwar nicht ganz so groß wie jenes Haus, das er damals auf Rhommamool bewohnt hatte, aber immer noch viel größer und geräumiger als all seine Behausungen vor seiner Ankunft auf dem roten Staubplaneten. Er hatte sich auch einen eigenen Kellertrakt reservieren lassen, wo er sein neues Labor einrichten würde. Denn hier wollte er dauerhaft bleiben. Beim Bezug früherer Wohnungen hatte er einfach ein paar Möbel über das Holonet bestellt und anliefern lassen. Dieses Mal jedoch war er eigens in ein Möbelhaus gefahren, hatte dort Gardinenstoffe betastet, Holzfarben in Augenschein genommen und sich in puncto Wäsche- und Geschirrspülmaschinen beraten lassen. Er hatte darauf bestanden, dass beide Geräte hinter Paneelen aus Holz verschwinden sollten, um ihm nicht mehr als nötig unter sein maschinenverachtendes Auge zu kommen. Nom Anor war sich sicher, dass seine Gäste ihn später für die Behaglichkeit loben würden, die aus dem Verbergen solcher Obszönitäten entstand.

Einst, als er noch ziemlich neu in der Galaxis gewesen war, hatte er auf der höchsten Stelle der Calocour-Anhöhen gestanden und sich überlegt, wo auf dem Hauptstadtplaneten er sich denn ein Heim errichten – und natürlich, wie er es schnell genug wieder verlassen würde, wenn nötig. Sein neues Domizil lag gerade weit genug abseits von einer großen Luftverkehrsstraße, um schnell verschwinden zu können, aber auch unauffällig genug, um genau aus dieser Verkehrsstraße abtauchen und in Zickzacklinien unauffällig zurück zu seinem Wohnsitz gelangen zu können und dabei Verfolger abzuhängen. Jetzt endlich war es soweit, dass er diesen kleinen, geheimen Traum verwirklicht hatte.

Er hatte bereits seinen Ooglithhüller angelegt, als er noch einmal zärtlich über das glattpolierte Holz der Kommode im Flur strich und dabei durch die offene Tür in die Wohnzimmerstube schaute. Vielleicht würde er noch ein paar Bilder aufhängen – etwas pseudopersönliches, um auch dem Lebenslauf seiner neuesten Alias-Persönlichkeit namens Pedric Cuf die nötige Glaubwürdigkeit zu verleihen wie seinen Rollen zuvor. Es würde vielleicht noch ein paar Monate dauern, bis er hier auch ahnungslosen Besuch empfangen würde. Bis dahin hätte er genug Zeit, um sich einen Planeten auszusuchen, den er für Pedric Cuf als frühere Heimat ausgeben konnte. Er schwankte noch zwischen Yinchorr und Carida …

Energisch schloss Nom Anor die Tür zum Wohnzimmer. Dann nahm er seinen Koffer und verließ die neu eingerichtete Wohnung. Mit seinem XS-Frachter verließ er Coruscant und machte sich auf in Richtung Äußerer Rand. Das Weltschiff der Domäne Anor war in seiner Reise bereits weit vorangekommen und so schätzte Nom Anor, dass er nicht länger als anderthalb Wochen aus der Galaxis fort sein würde, gerade genug also, um pünktlich seine nächste Mission anzutreten, die ihm von Kriegsmeister Tsavong Lah persönlich übertragen worden war. Er hoffte, dass diese Mission besser verlaufen würde als die Operation auf Dathomir – sicherlich aber erbaulicher als der Besuch daheim, der eher trauriger Natur sein würde.

Bevor sein XS-Frachter im Hyperraum verschwand, versuchte Nom Anor, eine Verbindung zu Shedao Shai aufzubauen. Er wollte zumindest sicherstellen, dass ihn der Kommandant nicht anderweitig einplante. So wie ihm Tsavong Lah auf Ylesia mit der Ermordung von Grabbus dem Hutt in die Parade gefahren war, konnte sich Nom Anor gut vorstellen, dass der Kriegsmeister so auch mit anderen Untergebenen verfuhr. Allein, der Villip auf der anderen Seite antwortete nicht und nach einigen Minuten beschloss Nom Anor, es später noch einmal zu versuchen. Immerhin hatte Shedao Shai ihn Zeit ihrer Zusammenarbeit korrekt behandelt, wenn man mal von dem verschrotteten Chryya-Flieger absah – und außerdem war es nie verkehrt, gegenüber dem Kriegsmeister eine Art Rückversicherung zu haben.

Der Krieger, der ihn auf Neu-Holgha empfing, war derselbe, der ihn schon beim letzten Heimatbesuch an der Einstiegsluke der Paru-shan empfangen hatte. Jetzt wirkte der Mann selbstbewusster, was Nom Anor nicht nur den Narben zuschrieb, die sein damals noch naturbelassenes Gesicht zierten. Die Paru-shan stand ganz offen auf einem Landeplatz des früheren Raumhafens. Menschliche und nichtmenschliche Sklaven waren herbeigeeilt, um Dienste an dem Schiff zu verrichten, die später, wenn auch der Rest seines Volkes angekommen war, sicherlich von Arbeitern und Beschämten verrichtet werden würden. Oder würde es so bleiben? Auf jeden Fall musste sich sein Volk hier nicht mehr verstecken und so schritt Nom Anor hocherhobenen Hauptes zwischen den Sklaven hindurch und überquerte die zungenartige Einstiegsrampe. Das einzige, das ihn dabei noch störte, war die Maske über seinem wahren Gesicht, die dem Umstand geschuldet war, dass Nom Anor seit seinem fulminanten Abgang von Rhommamool in dieser Galaxis weiterhin als tot galt.

Der Mann hatte es offenbar eilig und so folgte Nom Anor ihm ins Innere des Scoutschiffes, während er sich seines Ooglithhüllers entledigte. Wieder schien die Paru-shan wie leergefegt und der Exekutor überlegte, welchen Film der Ungläubigen, den er dem Kommandanten besorgt hatte, sich die Schiffsbesatzung wohl jetzt gerade zu Gemüte führte. Aber als ihn der Soldat in den Versammlungsraum führte, gewahrte Nom Anor ein gewohnt rundes Bild über dem Übertragungssack. Kommandant Breiv Skell winkte ihm knapp als Zeichen des Grußes zu und auch Nom Anor hörte, was der Übertragungssack übertrug.

„…haben unsere Streitkräfte gestern bei Ithor einen überwältigenden Sieg errungen", verkündete der Reporter. „Der Widerstand der Einheimischen wurde im Keim erstickt und die Jeedai, die angereist waren, um den Ungläubigen beizustehen, flohen vor der gewaltigen Übermacht unserer Truppen. Kriegsmeister Tsavong Lah hat angekündigt, dem in einem Ehrenduell mit einem Jeedai gefallenen Kommandanten Shedao Shai ein würdiges Abschiedsfest zu bereiten, währenddessen unsere Streitkräfte mit dem Segen der Götter unbeirrt weiter kernwärts ziehen."

Ach, deshalb blieb der Villip stumm.

Der Nachrichtensprecher kam zu einem weniger interessanten Thema und das Getuschel im Raum ging los. „Ist schon etwas bekannt darüber, wen Shedao Shai als Kommandanten auf Ithor zurückgelassen hat?", erkundigte sich Nom Anor bei Skell.

Dieser zuckte mit den Schultern. „Wir wissen es auch erst seit zwei Stunden, aber darüber wurde nichts bekanntgegeben."

„Welcher Jeedai war es?", begehrte Nom Anor den Namen von Shedao Shais Mörder zu erfahren.

„Corran Horn", zischte Skell. „Er hat bereits auf Bimmiel Verwandte von Shedao Shai getötet. Vermutlich wollte der Kommandant also Rache nehmen."

Nom Anor zog verächtlich die Oberlippe hoch. „Wie dumm von ihm, wo ihm doch Ithor sowieso in den Schoß gefallen wäre."

Der Kommandant winkte ab. „Shedao Shai war wohl schon immer etwas eigen. Er hat die Knochen dieses Senators der Ungläubigen mit Gold und Platin umhüllen lassen, bevor er sie zu den Ungläubigen zurückgeschickt hat."

Nom Anor kniff sein gutes Auge zusammen. „Glauben Sie ernsthaft, dass Tsavong Lah sich die Mühe machen wird, mit Shedao Shais Gebeinen ebenso zu verfahren?"

Skell schüttelte den Kopf. „So verfahren die Lahs nicht mit ihren Gefallenen. Und da man auch von Shais Adjutanten seitdem nichts mehr gehört hat, schätze ich, dass das nicht mehr wichtig ist."

Nom Anor erinnerte sich an den vorlauten jungen Mann. Shedao Shai hatte Deign Lian in seinem Beisein gar gezüchtigt.

„Würde mich nicht wundern, wenn der Jedi Deign Lian gleich mit erledigt hat", spottete Nom Anor. „Bleibt also die Frage, wen Tsavong Lah auf Ithor als Kommandanten zurücklassen wird. Und ich weiß auch schon, wen ich danach fragen werde." Mit diesen Worten überreichte Nom Anor Skell den zweiten Teil der Rebellensaga zu Zeiten Palpatines. „Die spielt zwischen der Vernichtung des Ersten und des Zweiten Todessterns."

Skell nahm das Filmwerk etwas zu beiläufig aus Nom Anors Hand entgegen. „Vielen Dank, Exekutor. Wir werden es uns morgen anschauen."

Nom Anor nickte und ging zu der Kammer, zu welcher ihn der Soldat von vorhin führte. Im Stillen ärgerte er sich darüber, dass sich der Kommandant nicht mehr so sehr über die von ihm mitgebrachten Filmwerke freute wie früher, als die Yuuzhan Vong noch zur Tatenlosigkeit verdammt gewesen waren.

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Sang Anor erwartete seinen einzigen Sohn am Landedeck des Weltschiffes der Domäne Anor, die schon viele fähige Verwalter hervorgebracht hatte. Die Halle wirkte verwitterter und dunkler, seit er das letzte Mal hier gelandet war. Dabei war es nicht einmal ein Jahr her, dass er seine mobile Heimat und seinen Vater das letzte Mal gesehen hatte. Der Hauptgrund seines Besuches daheim war damals allerdings seine Halbschwester gewesen, die auf einem Weltschiff einer Gestalterkaste Dienst getan hatte. Eigentlich hatte er sich damals auch mit Nagme treffen wollen, aber seine Gestalter-Geliebte war wieder einmal unerreichbar gewesen. Aber jetzt war Nagme tot und er gab sich einen Teil der Schuld daran. Vielleicht sollte er seiner Halbschwester Vilyu dieses Mal zumindest einen kurzen Besuch abstatten, um auch diese Verbindung nicht im Sande verlaufen zu lassen, bis er sie wieder benötigen würde.

„Willkommen zurück", begrüßte Sang Anor seinen einzigen Sohn. „Deine Erfolge machen unsere Domäne sehr stolz."

„Das war erst der Anfang", wiegelte Nom Anor ab.

„Man sieht es", meinte der Vater sarkastisch und der Blick seiner himmelblauen Augen blieb an Noms linker leerer Augenhöhle hängen. „Was ist mit deinem Plaeryn Bol passiert?"

„Es kam mir während eines Einsatzes gegen die Ungläubigen abhanden."

„Geht es auch etwas genauer, Nom?"

„Ich wurde unter Wasser gedrückt und infolge des Wasserdrucks löste sich der Plaeryn Bol aus der Augenhöhle. Ich hatte Feinde zu verfolgen und war deshalb nicht in der Lage, ihn später wieder aus dem Wasser zu fischen, zumal es auch starke Strömung gab."

„Wie lange ist das her und wo war das?", inquirierte der Vater.

Nom Anor öffnete den Mund zur Antwort etwas zu spät, als es nach Ansicht seines Vaters angebracht gewesen wäre. „Es war vor zwei Monaten auf Dathomir."

„Und du hast in der Zwischenzeit keine Gelegenheit gefunden, dir von den Gestaltern ein neues Implantat geben zu lassen?"

Nom bemühte sich, die Fassung zu bewahren. „Das ließ mein straffer Zeitplan bislang nicht zu, Vater."

„Weißt du eigentlich, dass mich immer wieder Leute auf dein Plaeryn Bol ansprechen, Nom? Und ausgerechnet jetzt, wo du hier bist, hast du es verloren", sagte der Vater vorwurfsvoll.

Trotz erschien in Noms verbliebenem Auge. „Deshalb bin ich nicht hier."

„Ich werde schon noch herausfinden, was auf dieser Mission auf Dathomir passierte, Nom. Aber falls du doch später einen neuen Plaeryn Bol bekommen solltest, dann pass nächstes Mal gefälligst besser darauf auf und kneif das Augenlid zu, bevor er dir aus der Augenhöhle flutscht."

„Ja, wenn man halb bewusstlos ist, klappt das sicher", entgegnete Nom bissig.

Sang Anor lächelte. „Genau wie während der Zeremonie, als du ihn bekommen hattest."

„Danke, dass du mich daran erinnerst, Vater."

Der Vater fand es angebracht, das Thema zu wechseln. „Du weißt ja sicher bereits, wann und wo die Beisetzung deiner Mutter stattfindet."

„Wie ist sie gestorben?"

„Es begann an dem Tag, wo die Vernichtung der Praetorite Vong bekannt wurde", begann der Vater. „Ihre Tochter Vilyu, die du ja bereits kennst, befand sich auf dem Weltschiff des Präfekten Da'Gara, als Helska IV gesprengt wurde."

Eine unsichtbare Schlinge legte sich um Nom Anors Hals. Jetzt also auch meine Halbschwester. „Und es ist sicher, dass sie dort war?"

„Nom, es ehrt dich, dass du dich so um sie sorgst, wo ihr zwei euch doch kaum kanntet, aber wäre dem nicht so, dann hätte sie sich mit uns in Verbindung gesetzt, reift doch in der Brutstation unseres Weltschiffes ihr und Da'Garas Kind heran."

„Dann werde ich also Onkel", sagte Nom Anor tonlos.

Sang Anor nickte. „Der einzige Blutsverwandte, den sie dann noch haben wird. Also darfst du ihr auch einen Namen geben. Aber bis dahin sind es noch anderthalb Klekket."

„Ich werde mir das notieren", versprach sein Sohn, „aber was hat das mit dem Tod meiner Mutter zu tun?"

Sang Anor bedeutete seinem Sohn, mitzukommen und führte ihn zu dem Trakt, den früher sein Vater Liam und jetzt er bewohnte – allein. „Deine Mutter hat kein Wort mehr gesprochen, seit sie von Vilyus Tod erfuhr. Zwei Tage lang habe ich versucht, mit ihr zu sprechen und sie aus ihrer Lethargie zu holen. Am Morgen des dritten Tages lag sie tot auf ihrer Schlafmatte. Die Gestalter konnten kein Gift oder eine sonstige gewaltsame Todesursache finden. Also wurde als Todesursache Gebrochenes Herz bekanntgegeben. Nur zwei Tage später rief die Brutstation an, um zu fragen, ob es noch direkte Verwandte des zwei Monate alten Embryos gäbe, dass sie gerade von Vilyu und Da'Gara ausbrüten. Deine Mutter hat also nie erfahren, dass sie Großmutter wird. Vilyu hat es vor uns allen geheim gehalten – bis jetzt."

„Das ist – tragisch", sagte Nom Anor und war wirklich betroffen.

Er hatte sich bis jetzt überhaupt keine Gedanken über Nachwuchs gemacht und jetzt war da ein kleines Wesen, um das er sich später kümmern würde müssen, so alt wie sein Vater jetzt schon war.

„Ich hoffe, du sagst uns rechtzeitig Bescheid, wenn es bei dir so weit ist, Nom."

Nom Anors gutes Auge zwinkerte. „Keine Sorge, so schnell werde ich nicht sterben."

Sang Anors Stimme wurde kalt. „Nein, sicher nicht. Vorerst wird es die anderen treffen. Das war ja schon immer so."

Er berührte die Membran und Vater und Sohn traten ein. Drinnen saßen um einen reich gedeckten Tisch herum eine Menge anderer Verwalter, aber auch einige Gestalter.

„Was tun die Gestalter hier, Vater?"

„Deine Mutter kannte einige von ihnen recht gut. Vor allem den, der ihr damals die Stirnnarben und –tätowierungen verpasst hat. Er heißt Ryon Yim."

Nom Anor merkte auf. Der Ton, in dem sein Vater von dem Gestalter sprach, war geradezu gehässig geworden und er beschloss, sich den Namen zu merken. „Es ist immer gut, Gestalter zu kennen", erwiderte er gefällig.

„Wer wüsste das wohl besser als du, Nom?"

Nom Anor überhörte die Provokation und musterte die Anwesenden, die sich den Eintretenden zugewandt hatten. Der Gestalter Ryon Yim hatte eine blaue Hautfarbe und blaue Augen und schien mindestens zwanzig Jahre jünger zu sein als sein Vater. Auf dem Kopf trug er den für Gestalter typischen Kopfputz, bestehend aus blauen und lilanen Tentakeln. Die anderen beiden Gestalter waren von grauer Hautfarbe und tuschelten miteinander.

„Verehrte Domänengenossen, verehrte Meister Gestalter", begann Sang Anor. „Jetzt, wo auch mein Sohn auf unserem Weltschiff angekommen ist, lasst uns mit der Trauerfeier beginnen. Inyu Anor war eine Verwalterin, die stets das Wohl ihrer Domäne und der Yuuzhan Vong im Auge hatte. Ich lernte sie als junge Frau kennen, während sie an meiner Verwalterschule ihre Ausbildung abschloss. Sie brachte es in atemberaubend kurzer Zeit zur Konsulin und hatte bereits einen Sohn, als ich sie fünf Jahre später wiedertraf. Ich hätte nicht gedacht, dass unsere Begegnung gleich derartige Früchte zeitigen würde." Er schaute auf seinen Sohn und alle Anwesenden wussten, was und vor allem wen Sang Anor mit diesem Satz gemeint hatte.

„Wir lebten danach noch für zwei Jahre zusammen, bis uns der Dienst wieder auf unterschiedliche Weltschiffe verschlug", umschrieb Sang Anor, was gemeinhin als Trennung verstanden wurde.

„Umso mehr freute ich mich, später zu hören, dass Inyu Anor auch Mutter einer Tochter geworden war – Vilyu Anor, die sie als Nesthäkchen über alles liebte – und deren Verlust ihr letztendlich das Herz gebrochen hat."

Wäre ihr Herz auch wegen mir stehengeblieben, gesetzt den Fall, es hätte auf Da'Garas Weltschiff mich getroffen? Diese Frage hallte in Nom Anor nach, während Sang Anor eine Pause ließ. Sicher nicht, denn sie wurde Konsulin, während ich noch Exekutor bin, aber Vilyu hatte diese Stufe einfach übersprungen!, beantwortete er sich seine Frage selbst.

„Und so wollen wir an dieser Stelle Inyu Anors gedenken und ihr Andenken in Ehren halten – zu Ehren von Yun-Harla … und auch Yun-Ne'Shel, sind doch auch einige Gestalter hier anwesend, die Inyu Anor und auch der Domäne Anor generell immer und eifrig zur Hand gingen, wenn sie gebraucht wurden."

Die hellen Gesichter der Gestalter gewannen an dieser Stelle des Toastes deutlich an Farbe und die Pryash-Gläser wurden erhoben.

„Habt ihr schon von Ithor gehört?", erkundigte sich Nom Anor vorsichtig bei seinem Vater danach, was dieser wusste und was nicht.

„Ein weiterer ruhmreicher Sieg unserer Armee", sagte Sang Anor ausweichend.

„Und doch scheint sich der Kriegsmeister damit Zeit zu lassen, einen Kommandanten für die eroberte Welt zu bestimmen."

„Tut er das oder wartet er nur auf einen günstigen Augenblick?", fragte Sang Anor zurück.

Nom Anor furchte die Stirn. „Im Krieg muss man nach einem Sieg schnell klare Verhältnisse schaffen, vor allem, wenn man den Ungläubigen rasch eine straffe und feste Ordnung vorsetzen muss. Wer wüsste das besser als Verwalter wie wir?"

„Vielleicht ein Gestalter?", brachte sich einer der beiden grauhäutigen Gestalter ein und alle Anwesenden wandten sich ihm zu.

„Ich bin Meister El'ron von der Domäne Dal", stellte sich der Gestalter vor. „Ich und einer meiner Adepten hatten gerade die letzte der fünf Umarmungen des Schmerzes auf der Erbe der Qual, dem Kommandoschiff Shedao Shais, überprüft und gewartet, als der Annäherungsalarm ausgelöst wurde."

„Wollen Sie damit sagen, der Feind hat uns über Ithor angegriffen?", fragte ein Verwalter.

El'ron Dal nickte. „Es war eine Armada und sie griff sofort an. Es gelang mir und meinem Adepten, das Schiff zu erreichen, mit dem wir gekommen waren. Unser Auftrag war erfüllt und der nächste wartete bereits."

„Zur Sache … was geschah über Ithor?", verlangte derselbe Verwalter zu wissen.

„Die Erbe der Qual wurde schwer getroffen und stürzte auf den Planeten."

Nom Anors gutes Auge wurde so groß wie früher sein Plaeryn Bol gewesen war. Die Erbe der Qual, an deren Bord er die Eroberung von Dantooine, Dubrillion, Destrillion und Dathomir live miterlebt hatte, war also verendet. Er hatte auf dem Flaggschiff von Kommandant Shedao Shai das erste Mal seit Jahrzehnten wieder in der Umarmung des Schmerzes gehangen. Jetzt empfand er bittere Nostalgie ob der Qualen, die er damals in den Armen dieses Tentakeltieres erlitten hatte. Und die hübsche Villipdienerin Ybura an Bord würde ihm nie wieder irgendeine Schlüsselkarte für ein neues Raumschiff in die Hand drücken.

„Da hätte man genauso gut einen Mond auf den Planeten werfen können", meinte der Exekutor düster. „Die Schäden müssen verheerend gewesen sein! Kein Wunder, dass Tsavong Lah dort keinen befehlshabenden Kommandanten zurückgelassen hat."

„Aber unsere Truppen haben gewonnen!", erhob Sang Anor Einspruch. „Der Feind hat sich zurückgezogen. So hat es All-Yuuzhan Vong Network berichtet!"

Der Gestalter schüttelte den Kopf. „Wozu auf so einer Welt noch bleiben? Aber was am merkwürdigsten an diesem Einsatz war – Shedao Shais Truppen, die hinunter zum Planeten flogen, bevor die Erbe der Qual abstürzte, trugen alle tote Vonduun-Krabbenrüstungen. Sie konnten sich nicht so gut darin bewegen. Geradeso, als wären die lebendigen Rüstungen irgendwie … anfällig für etwas, was es nur dort unten auf Ithor … gab."

„Sie meinen, die Hammerköpfe haben ein Gegenmittel gegen uns entwickelt?", benutzte Nom Anor einen in dieser Galaxis ziemlich gebräuchlichen Spitznamen für die Bewohner Ithors. „Etwas Biologisches?"

„Das ist jetzt auch egal", schnappte Sang Anor. „Die Ungläubigen haben sich mit diesen üblen Machenschaften selbst zum Tode verurteilt. Jeder weiß doch, dass biologische Kampfstoffe letztendlich unkontrollierbar werden können. Deshalb war es vielleicht gut, dass die Erbe der Qual auf dem Planeten verendete und Ithors Geheimnis mit sich ins Grab nahm."

„Dann hoffen wir, dass das nicht zur Gewohnheit wird", brachte sich Ryon Yim ein. „Schließlich müssen auch noch ein paar Planeten übrigbleiben, die wir dann besiedeln können."

Nom Anor sah in die skeptisch dreinblickenden Augen des Gestalters, die so blau waren wie sein eigenes, und nickte stumm. Er wog die Möglichkeiten ab, dass der Absturz der Erbe der Qual möglicherweise nicht alles Leben auf Ithor ausgelöscht hatte. Aber nachdem er vor drei Tagen auf Ylesia miterleben musste, wie Kommandant Maal Lah auf Geheiß des Kriegsmeisters seiner Domäne vor aller Augen den Hutt Grabbus ermordet hatte, kam ihm der Verdacht, dass Tsavong Lah auch hier eine harte Agenda durchgesetzt haben könnte. Aber der Kriegsmeister war genauso wenig vor Ort gewesen wie er selbst. Er wusste jetzt, dass es die Ungläubigen gewesen waren, die zuerst geschossen hatten, um die Braxant-Strecke, ihre Verbindungsstraße in den Äußeren Rand, zu sichern. Er hatte zudem erfahren, dass die Ithorianer Biowaffen eingesetzt hatten, von denen in den Nachrichten keine Rede gewesen war – sicherlich, um die Moral der Truppen, die gerade die Biologie als ihren steten Verbündeten wähnten, nicht zu untergraben.

Er tröstete sich damit, dass dieser erneute Planetenverlust nicht seine, Nom Anors, Schuld gewesen war, hatte er doch zur selben Zeit auf Coruscant geweilt, um seine neue Bleibe gemütlich einzurichten. Und in diesem Moment wusste Nom Anor, welchen Planeten er seiner Aliasidentität namens Pedric Cuf als angeblich frühere Heimat unterjubeln würde.

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Anderthalb Wochen später

Nom Anors TX-Frachter trat über dem vierten Planeten des Obroa-skai-Systems aus. Natürlich hatte sich der Exekutor bereits im Vorfeld über die Welt informiert, auch wenn er nicht vorhatte, dort zu landen. Das satte Grün und Weiß, das er vom Aussehen des Planeten aus einer Holoaufnahme in Erinnerung hatte, war an vielen Stellen aufgerissen und durch grau-bräunliche Flächen ersetzt worden, von denen einige Aschesäulen nach oben stiegen. An anderen Stellen kündete oranges Flackern von weitflächigen Bränden, hervorgerufen durch ein Orbitalbombardement. Überreste von Schiffen der Neuen Republik trudelten an ihm vorbei – gleich aufgerissenen Säcken, aus denen das Korn herausrieselte, um sich ziellos durch die Weite des Alls zu verteilen wie die Schiffsreste selbst. Ein zu einer Kugel aufgeblähtes Kaperschiff war gerade dabei, seinen riesigen Stachel wieder einzuziehen – sicherlich die Ursache der aufgerissenen Schiffe des Feindes.

Nom Anor begutachtete das Werk seines Volkes und befand, dass es Obroa-skai im Gegensatz zu Ithor doch noch recht gut getroffen hatte.

Sein Kommen war bereits angekündigt und so erschien am Austrittspunkt eine Eskorte von zwei Korallenskippern, um das Schiff des Exekutors zum Besprechungsort seiner neuesten Mission zu geleiten. Eigentlich hatte Nom Anor erwartet, dass ihn die beiden lilanen Yorik-ets zu jenem schwarzen Ei bringen würden, das mit seinen roten und blauen Tentakeln, an denen die vielen Geschwister der Korallenskipper hingen, und seinen Einbuchtungen für die Plasmawaffen unweigerlich als Kriegsschiff zu erkennen war. Aber seine Eskorte geleitete ihn zu einem wesentlich kleineren Schiff, einem schwarzglänzenden Polyeder, der in einiger Entfernung zu dem schwarzen Ei lag. Nom Anor konnte sich nicht erinnern, wann er so ein Schiff, das einem polierten Edelstein glich, das letzte Mal gesehen hatte.

Ein asketisch wirkender Diener empfing den Exekutor und brachte ihn durch die infolge der Kristallstruktur des Schiffes eckigen Gänge in den zentralen Raum, der die Form eines Achtecks hatte. Hier stand, flankiert von einem hageren Taktiker und einigen Dienern, der Mann, dem Nom Anor für diese Mission zuarbeiten sollte – oder umgekehrt, er war sich da noch nicht ganz sicher.

Der Exekutor verbeugte sich knapp. „Eminenz Harrar, ich freue mich, Euch nach zwölf Jahren wiederzusehen."

Der Priester war einen ganzen Kopf großer als Nom Anor. Als er sein Haupt neigte, um den linken kleinen Finger seines Gastes zu begutachten, fielen einige Zöpfe seiner langen, schwarzen Haare nach vorn über seine Schulter. „Ich sehe, das Werk, das ich damals segnete, hält noch. Haben Sie es denn schon einmal benutzt?"

Nom Anor schüttelte knapp den Kopf. „Bis jetzt waren die Umstände nicht derart, als dass ich den Qualmfinger gebrauchen hätte müssen."

Harrar lächelte. „Ich hoffe, Yun-Harla wird uns auch bei dieser Mission gut sein." Er wies mit seiner Hand auf ein angerichtetes Büffet, das auf einem erhöhten Podest stand, zu welchem einige Treppenstufen hinaufführten. Erst jetzt sah Nom Anor, dass dem Priester an jeder Hand der kleine und der Ringfinger fehlten. Vor zwölf Jahren waren es nur die kleinen Finger gewesen. „Aber so gehen wir doch hinauf und stärken uns. Bei den Ungläubigen bekommen Sie so etwas sicherlich nicht."

Nom Anor ließ sich auf den Polstern nieder und die Diener bis auf den spindeldürren Taktiker entfernten sich. Harrar nahm eine Kristallkaraffe, die ebenso natürlich gewachsen war wie das ganze Schiff, und goss Nom Anor eine bernsteinfarbene Flüssigkeit in einen Kelch. „Dank ihren Informationen haben wir diese Welt unter uns erobert, aber jetzt haben wir Zugang zu den wichtigsten Datenbanken dieser Galaxis bekommen. Wir werden sie systematisch auswerten, in Villips und Qang Qahsas transferieren und so wird keine der Schwächen unserer Feinde uns mehr verborgen bleiben."

Der Exekutor neigte den Kopf um eine Winzigkeit. „Das haben die Ungläubigen bereits über Ithor gemerkt, als wir ihre Biowaffe austricksten."

Harrar zog die feinen Brauen zusammen. „Das ist eine sehr gefällige Formulierung, Exekutor. Aber dennoch war nötig, was wir getan haben."

Nom Anor brannte die Frage unter den kurzgefeilten Nägeln, was genau Shedao Shai und sein Adjutant eigentlich getan hatten. „Wann wird der Planet Ithor denn durch unser Volk besiedelt werden können?"

Auf Harrars hoher Stirn zeigten sich ernste Falten. „Die Aussetzung von Vormyr-Kapseln ist keine schnell vorübergehende Sache wie die Dweebit-Geschichte auf Belkadan, Nom Anor. Solange der Kriegsmeister nichts anderes erlaubt, wird der Planet zunächst brachliegen, bis wir Coruscant eingenommen haben."

„Und es besteht keine Möglichkeit, dass die Ungläubigen von dieser Biowaffe noch etwas übrig haben, um sie ein zweites Mal gegen uns einzusetzen?"

Ein feines Lächeln umspielte des Priesters schmalen Mund. „Wenn die Ungläubigen überhaupt davon erfahren haben. Ich weiß nicht, ob Sie mit der Operation Garqi vertraut sind, Exekutor, aber dort sind unsere Truppen das erste Mal mit den Pollen des Baffor-Baumes in Kontakt gekommen, den es ansonsten nur auf Ithor gab. Es gab unerklärliche Krankheits- und Todesfälle. Die Vonduun-Krabbenrüstungen wurden steif und waren damit nicht mehr zu gebrauchen. Es war uns für eine Weile ein Rätsel, wieso der Feind jenes Wäldchen auf Garqi samt ihrer eigenen Toten und unserer Toten einfach komplett verbrannte, aber nachdem unsere Agenten herausfanden, dass diese Bäume die Ursache für die rätselhaften Krankheitsfälle waren und wo sie eigentlich herstammen, fand es Tsavong Lah an der Zeit, zu handeln und zwar schnell."

„Wenn der Kriegsmeister so schnell handeln wollte, wieso hat Shedao Shai dann vorher überhaupt noch die Zeit gefunden, sich mit einem Jeedai zu duellieren?", wunderte sich Nom Anor.

„Diese Frage können uns nur seine Gebeine auf Ithor beantworten", erwiderte Harrar. „Wir wissen aber, dass dieser Jeedai Shedao Shai versprochen hatte, ihm die Gebeine seines Großvaters Mongei Shai sowie seiner Cousins Neira und Dranae Shai von Bimmiel zu bringen."

Nom Anor seufzte innerlich über solcherlei Totenehrung vor einem Kriegseinsatz. Vor einer Woche hatte er dabei zugesehen, wie der Körper seiner toten Mutter dem Feuer überantwortet worden war. Sein Vater hatte traurig danebengestanden, während der erste Sohn seiner Mutter überhaupt nicht zur Totenfeier erschienen war. Aber wäre es vor einer Schlacht passiert, dann hätte Nom Anor niemals … das hätte Zeit bis später gehabt!

„Dann war die Abladung der Vormyr-Kapseln über Ithor also nicht Shedao Shais Befehl?", wagte sich Nom Anor weiter vor.

„Nein, das hatte sein Adjutant Deign Lian angeordnet."

Nom Anor stellte sich bildlich vor, wie die Vormyr-Kapseln auf Ithors grüne Dschungelwälder fielen. Wie sie aufplatzten und ihren Inhalt freigaben – eine schwarze Bakterienwolke, die sich strahlenförmig ausbreitete, sich durch Bäume, Sträucher und fliehende Tiere fraß – wie die winzigen Bakterien sich an jedes Stück Leben auf dem Planeten hefteten, sich vollfraßen, größer wurden und einen schwarzen Schleim produzierten, der nach und nach alles Leben auf Ithor vernichtete, bis nur noch ein schwarzer Teppich übrigblieb. Das würde vielleicht zwei Wochen dauern – allerhöchstens, aber nur wenn ...

„Darf ich fragen, wie sich der Absturz der Erbe der Qual auf den Planeten ausgewirkt hat?"

Die Falten auf Harrars fliehender Stirn wurden tiefer. „Der Absturz der Erbe der Qual hat die gesamte Atmosphäre Ithors verbrannt", gab er zu. „Dadurch wird sich der Prozess der Transformation des Planeten erheblich verlangsamen."

Nom Anor stellte sich vor, wie der Aufprall der Erbe der Qual eine gigantische Explosion und ein gewaltiges Lauffeuer nach sich zog. Der einstmals blühende Planet war zu einer trostlosen schwarzen Kugel geworden – ohne Sauerstoff wahrlich zum Tode verurteilt. Die Vormyr-Bakterien würden sich irgendwann mangels Nahrung gegenseitig fressen - freilich nur, solange der Sauerstoff reichte.

„Dann hoffen wir, dass die Ungläubigen wirklich nichts von dem Schatz wussten, den sie besaßen … und dass wirklich nichts mehr von diesen Bäumen übriggeblieben ist." Bei diesem Satz kam Nom Anor der Gedanke, dass in diesem Fall sein Volk den Ungläubigen noch unheimlicher erscheinen musste.

Harrar nahm einen Schluck der bernsteinfarbenen Flüssigkeit aus seinem Glas. „Gestern haben wir die Baffor-Bäume auf Ithor vernichtet. Aber jetzt müssen wir darangehen, auch die Superkrieger dieser Galaxis, die Jeedai, zu vernichten – und genau deshalb sind Sie ja hier."

Nom Anor musterte den Priester. „Ich habe alles bei mir und kann es kaum erwarten, meinen Teil beizutragen." Er trank einen Schluck aus seinem Glas. Der Saft war dickflüssig, beinahe wie Sirup, wärmte die Kehle und war von einer scharfen Süße, die jedoch um vieles lieblicher war als vom Pryash, den Nom Anor von zu Hause kannte. „Das ist ein sehr wohlschmeckendes Getränk. Wie heißt es und woher stammt es?"

Harrar nahm gleich noch einen Schluck. „Es heißt Membrosia und stammt von einer hiesigen Welt namens Yoggoy. Die dortige Insektenspezies ist absolut selbstgenügsam und deshalb für uns nicht weiter gefährlich oder auch nur von Interesse. Einem Erkundungstrupp ist jedoch dieser Trank aufgefallen, den die Killiks dort auf Yoggoy brauen. Sie sondern ihn durch Drüsen ab und vergären ihn später. Alles ist organisch." Der Priester strich stolz seine Seidenrobe glatt. „Also hat der Kommandant einige Exemplare dieser Spezies mitgenommen und seitdem produzieren sie für uns Membrosia so viel und so oft ich es will."

Nom Anor ließ sich das durch den Kopf gehen. Wenn der Kriegsmeister Harrar als Priester solch einen Exklusivtrunk überließ, dann deutete das darauf hin, dass Harrar Tsavong Lah sehr nahestand. Sicherlich viel mehr als Shedao Shai zu Lebzeiten.

„Würden Sie sich jetzt bitte verhüllen und sich an den Fuß der Treppe setzen?", bat Harrar seinen Gast. „Ich möchte, dass meine folgenden Gäste sich zunächst mir widmen und Sie, Nom Anor, Ihre Schlüsse daraus ziehen, bevor sie Sie sehen."

Rasch erhob sich Nom Anor und tat wie gewünscht. Nur wenige Augenblicke später hörte er entschlossene Schritte an sich vorbeigehen. Durch die Löcher, die ihm auch durch den Umhang und seine Kapuze das Sehen ermöglichten, erkannte er eine hochgewachsene junge Frau, deren langes, schimmerndes Kleid ihre schlanke Figur und ihre herbe Schönheit noch betonte. Das rabenschwarze Haar wurde zum Großteil von einem Turban verdeckt, und irisierende Insekten leuchteten an den Säumen ihrer Robe. Mit langen Schritten trat sie verwegen zum Fuß der Plattform, auf der Harrar und der Taktiker saßen, verschränkte die Arme derart unter ihren Brüsten, dass ihr Dekolleté noch betont wurde, und senkte Kopf und Schultern ehrerbietig vor dem etwa gleich großen Priester.

„Willkommen Elan", begrüßte sie der Gastgeber freundlich.

Elan hob den Kopf, der weniger schräg nach hinten ging wie der des Priesters. Unter ihren breiten Backenknochen verjüngten sich die Wangen bis zu einem gespaltenen Kinn. Die Iriden ihrer eisblauen Augen waren von lavendelfarbenen und kastanienbraunen Wirbeln durchzogen, und ihre Nase war so flach und breit, dass Nom Anor so gut wie kein Nasenrücken auffiel. „Wie kann ich Euch zu Diensten sein, Eminenz?"

„Im Augenblick nur dadurch, dass Sie sich zu uns gesellen." Einladend und ohne einen Hauch von Herablassung oder Anzüglichkeit tätschelte Harrar das Polster neben sich. „Sie sind gerade rechtzeitig zum Opfer gekommen."

Elan blickte über ihre Schulter nach hinten. Erst jetzt fiel Nom Anor das kleine Wesen in einem Federkleid auf, dessen Färbung im rosa-lilanen Farbbereich angesiedelt war. Das Vogelwesen wies zwei dünne Arme auf, die in jeweils einer graziösen, vierfingrigen, gelben Hand endeten. Geschmeidige Ohren und spiralförmige Fühler saßen an dem länglichen, im Verhältnis zum zierlichen Körper etwas zu großen Kopf, dessen hinterer Teil in einem feinen Federkamm auslief. Das leicht konkave Gesicht hatte rote, schlitzförmige Augen, einen breiten, gelben Mund und einen zarten Schnauzbart, eher einen Fühlerkamm. Auf großen Spreizfüßen unter den nach hinten gebogenen Läufen bewegte sich das Wesen mit flinken Sprüngen vorwärts, um mit der großen Yuuzhan Vong Schritt zu halten.

Harrar bemerkte Elans Zögern. „Ihre Intima ist uns ebenfalls herzlich willkommen."

Elan sah zu dem verhüllten Nom Anor, dann ergriff sie die rechte Hand des Vogelwesens. „Komm, Vergere." Sie stieg die Treppe hoch, setzte sich und wies auch Vergere einen Platz an, die sich schweigend neben ihr niederließ wie ein nistender Avian. „Warum haben Sie uns gerufen, Eminenz?"

Harrar winkte dem nächststehenden Diener zu. „Zunächst wollen wir uns die Opferung anschauen."

Der Diener verneigte sich und rief zwei kunstvoll getarnten Villips einen Befehl zu, woraufhin diese sofort ein optisches Feld erzeugten. Mitten in der Luft öffnete sich ein virtuelles Fenster, das den gesamten vorderen Bereich des Raumes ausfüllte, so dass die Anwesenden das Gefühl bekamen, in den Weltraum hinauszuschauen. Auf diesem virtuellen Feld nun raste ein heruntergekommener Gallofree-Transporter direkt auf die Sonne Obroa-skais zu.

„In dieser technischen Abscheulichkeit befinden sich Droiden und insgesamt zweitausend lebende Gefangene, die vorher schallgereinigt und beräuchert wurden, auf dass dieses Opfer das Wohlgefallen der Götter erringen möge", erklärte Harrar.

Das schotenförmige Schiff schoss auf den Stern zu und seine Außenhülle begann zu glühen.

„Zur Lobpreisung des Schöpfers Yun-Yuuzhan und in demütiger Dankbarkeit für deine Taten zu unserem Wohl, nimm diese Lebewesen, die der Existenz unwürdig sind, von uns als Opfer an. Mögen wir weiterhin Unterstützung für die Aufgabe finden, die Du uns gestellt hast, um Licht in dieses dunkle Reich zu bringen und es von Unwissenheit und Bösem zu befreien. Wir öffnen uns dir …"

Noch eine Weile zoomte die verborgene Kamera hinterher, um einzufangen, wie die rotglühende Außenhülle heller wurde, wie sich das Material ausdehnte – Beulen und Blasen warf.

„Mögest Du Nahrung in unseren Opfergaben finden", murmelten die Anwesenden.

„Wir erheben unsere Herzen", rezitierte Harrar.

„Damit Du uns gnädig bist", spann der Chor der Anwesenden fort.

Das Schiff mit den zum Tode Verurteilten wurde kleiner, und nun wurde es auch der es beobachtenden organischen Kamera zu heiß. Es schrumpfte und wurde zur lodernden Fackel, schließlich zu einem flammenden Strich, bis es im Licht des Sterns von Obroa-skai verschwand.

„Wir ergeben uns Dir aus freien Stücken", intonierte der Priester.

Der letzte gemeinschaftlich gesprochene Satz hallte durch den Raum. „Denn durch Dich erobern wir."

Das visuelle Feld der Übertragung flackerte und verschwand, und Harrars Diener kehrten zu ihren Pflichten zurück.

„Ich werde die Bilder auf mögliche Vorzeichen hin analysieren lassen", versprach der Taktiker. „Und ich werde den Kommandanten Tla davon in Kenntnis setzen."

Harrar nickte und der spindeldürre Mann erhob sich von den Polstern. Harrar jedoch blieb sitzen. Elan sah zu, wie das Polster mit dem Priester im Schneidersitz darauf aufstieg und in die Mitte des Raumes schwebte, um dort zu verharren.

„Bisher war dieser Feldzug mit leichten Siegen gesegnet", begann Harrar. „Welten zerbröckeln und ganze Populationen fallen uns in die Hände. Aber obwohl ich keinen Zweifel daran hege, dass wir eines Tages auch die hier vorherrschende Spezies Mensch beherrschen werden, fürchte ich, auf große Schwierigkeiten zu stoßen, wenn wir versuchen, ihr Denken zu verändern. Dazu wird mehr als nur militärische Überlegenheit notwendig sein."

Er sah von seiner Vogelperspektive aus Elan an. „Unser Haupthindernis ist eine Gruppe, die sich selbst Jedi nennt. Betrachten Sie diese als eine Art moralischer Polizeitruppe – von geringer Anzahl und dennoch sehr einflussreich."

„Elan blickte kurz zu Vergere und drückte erneut ihre Hand. „Was für Götter verehren diese Jedi?", fragte sie.

„Keinerlei nennenswerte", tat Harrar die Frage ab. „Stattdessen ziehen sie ihre spirituelle Kraft aus einer alles durchdringenden Energie, die sie die Macht nennen."

In Elans eisblauen Augen glomm etwas auf. „Und haben Sie eine Strategie, wie wir diese Macht untergraben oder zunichte machen können?"

„Im Augenblick noch nicht. Trotzdem gibt es vielleicht etwas, das wir gegen die Jedi unternehmen können."

Harrar deutete auf die verhüllte Gestalt am Fuß der Treppe und erst jetzt bemerkte Elan, dass sie diese Gestalt während ihres bisherigen Gesprächs bislang so gut wie überhaupt nicht beachtet hatte, wo doch des Priesters Aura alles im Raum in Beschlag genommen hatte. Sie fragte sich, ob das ein Fehler gewesen war, doch da bedeutete Harrar der Gestalt, sich zu offenbaren. Der braune Umhang glitt von einem für Yuuzhan Vong-Verhältnisse nicht sonderlich großen Mann, der schlank war und ansonsten recht durchschnittlich aussah.

„Darf ich Ihnen einen unserer Agenten, Exekutor Nom Anor, vorstellen?", kam Harrar zu seinem eigentlichen Anliegen. „Abgesehen davon, dass Nom Anor uns dabei geholfen hat, im Äußeren Rand Fuß zu fassen, hat er Agenten in den einheimischen Populationen rekrutiert, die viele Sabotageakte begangen haben und auch weiterhin subversiv tätig sind. Nun hat er sich für einige Zeit von seiner normalen Arbeit zurückgezogen, um ein Projekt zu beaufsichtigen, das er und ich zusammen entwickelt haben."

Während Nom Anor auf Harrars Wink hin die Treppe heraufkam, konnte Elan weitere Einzelheiten seines Gesichts erkennen. Der Mann mochte in den Mittvierzigern sein, etwa doppelt so alt wie sie. Und nein, er war gewiss kein Durchschnitt. Sein Gesicht wies wesentlich mehr absichtlich herbeigeführte Knochenbrüche auf als die normale Anzahl von Ehrenzeichen von langjährigen Dienern der Götter. Sein rechtes Auge war von einem hellen Azurblau und musterte sie aufmerksam, aber sein linkes … da gähnte lediglich eine schwarze, leere Höhle. Entweder hatte der Mann das Auge verloren oder es gar freiwillig hergegeben. Elans geschulter Blick erkannte sofort, dass diese Augenhöhle bereits umgestaltet war, wohl um ein Plaeryn Bol aufzunehmen – nein, so etwas hatte gewiss nicht jeder.

Ihr fiel noch auf, dass seine Stirn nicht gleich hinter den Brauen nach hinten floh, sondern etwas kürzer und etwas vorgewölbter als bei durchschnittlichen Yuuzhan Vong war.

Elan wandte sich Vergere zu und flüsterte: „In eine Ooglith-Maske gekleidet würde er glatt als Mensch durchgehen."

„Vorsicht, Herrin!", wisperte Vergere zurück. „Dieser da ist überaus ehrgeizig."

Nom Anor verneigte sich vor dem Priester, aber Elan fand, dass er sich ruhig ein Stück tiefer hätte beugen können.

„Bevor die Invasion begann, veranstaltete ich einen Test, um zu begreifen, mit wem wir es eigentlich zu tun haben", begann der Exekutor. „Also habe ich auf verschiedenen Welten eine Reihe Krankheiten auslösender Sporen meiner eigenen Produktion ausgesetzt. Eine Klasse dieser Sporen – eine Coomb-Variante – war erfolgreich. Sie verursachte bei einigen hundert Individuen Krankheit und anschließenden Tod, außer bei einem menschlichen, weiblichen Jedi-Ritter. Und die Seuche hat die anderen Jedi nicht angesteckt."

Er ließ eine kurze Pause und Elan fühlte, wie er sie musterte, um zu ergründen, wie sie seine Worte aufnahm. Sie hielt seinem Blick stand und er sprach weiter.

„Allen Berichten zufolge ist diese Menschenfrau noch immer schwer krank, doch konnte sie bis heute überleben, indem sie, wie ich annehme, sich der Macht bedient. Ihr Widerstand ist jedoch für uns eigentlich ein Segen, denn ich fühle, dass wir sie benutzen können, um an die anderen Jedi heranzukommen."

„Um sie zu infiltrieren, meinen Sie?", fragte Elan.

„Sie auszulöschen", antwortete Harrar von seinem schwebenden Polster herab. „Oder zumindest so viele wie möglich."

Nom Anor nickte. „Durch diesen Akt werden unzählige Populationen demoralisiert werden. Wären uns sogar die Jedi unterlegen, welche Hoffnung dürften die anderen noch hegen?", sagte der Einäugige im Plauderton. „Für das Vertrauen in die Jedi und ihre Macht würde das einen vernichtenden Schlag bedeuten. Viele Welten würden ohne Kampf kapitulieren. Dann könnten wir dem Höchsten Overlord Shimrra Meldung erstatten, dass wir unsere Mission schneller als geplant ausgeführt haben und ihn bei uns erwarten."

Damit du schnell dein Plaeryn Bol bekommst … oder es wiederbekommst. Elan schaute von Nom Anor hoch zu Harrar auf seinem Kissen und dann wieder zurück. „Und welche Rolle soll ich dabei spielen?"

Der Priester ließ sein Kissen sinken, bis er direkt vor ihr schwebte. „Eine, für die eine Priesterin der Täuschersekte so gut geeignet ist wie niemand sonst."

Nom Anor überlief ein Schauder. Elan - eine Priesterin der Täuschersekte! Er hatte viel von dieser kleinen, feinen Geheimdiensttruppe gehört, aber noch nie mit einer von ihnen zusammengearbeitet. Er hoffte, dass Elan dem Ruf entsprach, den die Täuschersekte innerhalb seines Volkes genoss. Für seinen Plan würde es alles brauchen, was man an Täuschung aufbieten konnte.

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Eine Weile später standen der Priester Harrar, Nom Anor, der Taktiker, Elan und ihre Begleiterin Vergere auf einer Kommandoplattform, um der Demonstration beizuwohnen, die den Ablauf und Ausgang ihrer Mission skizzieren sollte. Zugegen waren auch zwanzig Ungläubige – zu Opfernde, unter ihnen ein Gotal, ein H'kig-Priester, wie Nom Anor erkannte. Er erinnerte sich an die energiefühligen Gotals, die früher so oft in Chalmuns Raumhafencantina eingekehrt waren – die droidenfreie Atmosphäre schätzend, die er ihnen dort bereitet hatte. Jetzt stand der gehörnte Mann in einer schlichten Leinentracht auf einem Sperrfeld, welches von zwei kleinen, blutroten Dovin Basalen erzeugt und aufrechterhalten wurde. Nom Anor wusste, dass es aus diesem Feld kein Entrinnen gab; das Flimmern an den Rändern signalisierte die Grenze, bis zu der die Gefangenen gehen konnten, bevor die Macht der Dovin Basale sie wieder zurücktreiben würde.

Elan wollte gerade zu ihrer kleinen Begleiterin schauen, als sich die Türmembran öffnete und einen jugendlichen Yuuzhan Vong-Krieger einließ. Der in eine weinrote Rüstung gekleidete Krieger verbeugte sich vor dem erhabenen Publikum und trat auf das Feld zu.

„Ein Attentäter", flüsterte Elan überrascht Vergere zu.

„Noch ein Lehrling", korrigierte Harrar, „von dem es heißt, aus ihm könne nicht viel werden, obwohl die Aufgabe, die er nun ausführen wird, ihn in den Augen vieler erhöht."

Die nichtmaterielle Oberfläche des Sperrfelds kräuselte sich, als der Krieger die nur in eine Richtung durchlässige Abschirmung durchmaß. Die Wachen in der Nähe hoben die Amphistäbe, da sie verzweifelte Übergriffe von Seiten der Gefangenen erwarteten, doch weder Angst noch Neugier brachten auch nur einen der Eingesperrten dazu, sich zu regen. Elan war von ihrer Stoik beeindruckt. Ob diese Leute das Opfer wirklich so willig akzeptieren würden, wie sie jetzt schienen?

Den Krieger interessierte eher Harrars Verhalten, denn er wandte dem Priester seinen Kopf zu.

„Passen Sie genau auf", ermahnte Harrar Elan.

Eine winzige Geste seiner dreifingrigen Hand ließ das Schauspiel beginnen. Zischend atmete der Jugendliche langsam, aber kraftvoll aus und schritt dabei im Kreis. Augenblicklich wichen die Gefangenen vor ihm zurück, zunächst überrascht, dann in Erschrecken, schließlich in nackter Todesfurcht, sich die Kehlen haltend, als wäre plötzlich alle Atemluft fortgesaugt wurden. Je nach Spezies der Todgeweihten nahmen einige Gesichter grünliche Färbung an, andere wurden schwarz wie von Feuer versengt. Ihre Glieder begannen zu zucken, und dann fielen sie im Pulk nieder – manchen fiel gar das Fell büschelweise aus. Die Opfer schnappten nach Luft, ihre Münder schrien ihr Entsetzen heraus. Blut sickerte durch geplatzte Kapillaren, rann über fahl werdendes Fleisch und benetzte den vom Publikum abgeschirmten Boden.

Die Opfer lagen auf dem Feld und regten sich nicht mehr. Nur der Attentäter stand aufrecht, doch war seine Haltung sehr steif, was Elan darauf zurückführte, dass er nicht einatmen durfte, was soeben zum Tod der Gefangenen geführt hatte. Er verneigte sich kokett, doch etwas hölzern vor Harrar, dann wandte sich dem Bereich zu, durch den er gekommen war – allein, die Dovin Basale hielten ihn in dem Feld des Todes gefangen wie die Sterbenden hinter ihm. Für einen Moment stand er starr da, die schwarzen Augen erst überrascht, dann erkennend aufgerissen, dann ballte er die Fäuste, schlug sie gegen die gegenüberliegende Schulter und verneigte sich. Als er wieder aus seiner Verneigung hochkam, waren seine Augen blutunterlaufen. Nur einen Wimpernschlag später strömte Blut aus Nase und ebenjenen in Todesangst aufgerissenen Augen. Die Qualen verzerrten sein noch narbenloses Gesicht, aber er schrie nicht. Er zitterte heftig, dann fiel er wie ein Stock nach hinten weg von der Sperre und blieb so reglos liegen wie seine Opfer.

Sofort begann das Sperrfeld von hunderten Exemplaren einer spontan entstanden zu sein scheinenden Lebensform zu wimmeln. Die kleinen, schwarzen Tierchen waren nicht größer als Phosflöhe, huschten über die am Boden liegenden Leichen, sammelten sich an den Rändern des Feldes und suchten eifrig wie der Krieger, von dem sie kamen, nach einem Ausweg.

Harrar gab einem seiner Akolythen einen Wink. „Fang ein Exemplar ein und bring es mir – aber rasch!"

Mit einem Handschuh geschützt, langte der Akolyth durch die unsichtbare Barriere und zerrte eines der Krabbeltiere heraus, hielt es zwischen Daumen und Zeigefinger und eilte zurück zur Kommandoplattform. Elan sah, wie das emsige Umherschwirren der mutmaßlichen Insekten auf dem Sperrfeld erstarb, dann wandte sie sich Harrar zu, der ihr das verängstigte Tier mit den drei Fingern seiner rechten Hand hinhielt, damit sie es betrachten konnte. Das Geschöpf schillerte ein wenig und war flach wie eine Scheibe, aus der drei mehrgliedrige Beinpaare ragten.

„Bo'tous", erklärte Harrar. „Sowohl Überträger als auch Nebenprodukte des Toxins. Waren im Atem des Attentäters enthalten. In sauerstoffreicher Umgebung wachsen sie schnell, leben jedoch extrem kurz."

„Ihre Waffe gegen die Jedi", mutmaßte Elan.

„Ein geübter Wirt kann bis zu viermal Bo'tous ausatmen. In einer hermetisch abgeschlossenen Umgebung gibt es keinerlei Schutz, selbst nicht für den Wirt. Begreifen Sie?"

„Ich begreife, dass der Wirt das Risiko eingeht, mit den Opfern zu sterben."

„Die toxische Wirkung einer Exhalation dauert nur kurz", fügte Nom Anor in beruhigend klingender Stimmlage hinzu. „Die Wirtin darf sich daher nicht weit von ihrem Ziel entfernt befinden."

„Wirtin", wiederholte Elan mit hochgezogener Oberlippe.

Harrar blickte ihr in die Augen. „Wir würden es gern so einrichten, dass Sie von den Streitmächten der Neuen Republik gefangen genommen werden. Kommandant Tla hat sich einverstanden erklärt, wenn auch nicht begeistert, den Ungläubigen zu diesem Zweck sogar einen Sieg zu schenken. Nachdem Sie in Gefangenschaft geraten sind, werden Sie um politisches Asyl bitten."

Elan zog skeptisch die feinen Brauen zusammen. „Warum sollten die Ungläubigen es mir gewähren?"

Nom Anor lächelte zuversichtlich und sein blaues Auge sprühte geradezu Funken. „Weil wir sie davon überzeugen werden, dass Sie es wert sind."

Harrar nickte zustimmend. „Weil Sie die Neue Republik mit Informationen versorgen werden – mit Sachen, die unsere Feinde gerne hören wollen. Sie werden ein paar strategische Informationen weitergeben, die sich als wahr erweisen werden. Und Sie werden über Differenzen innerhalb unserer Führung berichten – von Streitigkeiten, aufgrund derer Sie geflohen sind."

Der Taktiker erhob seine knochige Hand. „Weiß Kommandant Tla über diese Sache Bescheid?"

Harrar tat den Einwand mit einer graziösen Geste seiner verstümmelten Hand ab. „Über das Meiste."

„Dann muss ich Protest einlegen. Das Unternehmen würde uns einen zu hohen Preis kosten."

Harrar breitete die Arme aus. „Ich übernehme die Verantwortung. Und wir sollten darüber nicht in Streit geraten, Taktiker Raff."

Doch Raff gab nicht so leicht auf. „Hat uns Exekutor Nom Anor nicht gerade eben darüber informiert, dass einer seiner Giftanschläge gegen Jeedai fehlgeschlagen ist? Was lässt uns glauben, es würde dieses Mal klappen? Nicht, dass ich die Eignung der jungen Priesterin anzweifeln würde, wohlgemerkt."

Zweifel zupften an Harrars scharfgeschnittenen Zügen. „Was schlagen Sie also vor?"

„Die Infiltrantin sollte mit zusätzlichen Waffen ausgerüstet werden, falls Bo'tous versagen sollte", schlug Raff vor. „Was immer Exekutor Nom Anor in seinem Arsenal hat."

Alle schauten Nom Anor an, aber der machte mit der rechten Hand eine abschätzige Geste. „Überflüssig, aber leicht zu verwirklichen. Es gibt Amphistäbe, die zu solchen Zwecken modifiziert und ohne Probleme in den Körper implantiert werden können."

Harrars Miene hellte sich wieder auf. „Fahren Sie fort, Exekutor."

Nom Anors blaues Auge schaute Elan fest an. „Unglücklicherweise kenne ich kein Mittel, das Ihren Erfolg beim Geheimdienst der Neuen Republik garantieren kann. Das hängt ganz allein von Ihnen ab. Aber keine Sorge, ich werde Ihnen Informationen über jene Coomb-Sporen geben, nach denen die Jedi derzeit so sehr suchen. Das dürfte selbst bei Luke Skywalker verfangen, der schließlich der Ehemann des noch lebenden Opfers ist. Sie müssen darauf bestehen, dieses Wissen nur mit den Jedi zu teilen, am besten mit Skywalker selbst. Aber seien Sie gewarnt: Die Jedi besitzen eine Art göttlicher Fähigkeit. Jegliche Täuschung werden sie schnell erkennen – selbst bei jemandem, der von Kindheit an darauf gedrillt wurde, zu täuschen und zu betrügen. Deshalb ist auch ein rasch wirkendes Gift notwendig, das von einem schnell denkenden Überbringer verabreicht wird."

Harrar reichte das Tierchen Elan. „Rasch, Elan. Nehmen Sie es in die Hand und schießen Sie die Faust darum."

Sie starrte den Priester an. „Wenn ich das tue, habe ich mich dann einverstanden erklärt?"

Harrar hielt ihrem Blick stand. „Ich werde Ihnen nicht befehlen, diese Aufgabe zu übernehmen, Elan. Die Entscheidung liegt ganz bei ihnen."

Elan schaute nach unten zu ihrer Gefährtin. „Wozu würdest du mir raten?"

Vergeres schräge Augen drückten Traurigkeit aus. „Ich würde Ihnen abraten, Herrin. Allerdings warten Sie schon lange auf eine solche Chance. Darauf, dass man Ihnen eine Mission überträgt, die Ihrer Fähigkeiten würdig ist. Leider kenne ich keinen direkteren Weg nach oben."

Elan wusste nicht, was sie davon halten sollte, wie der Priester Vergere musterte.

„Nehmen Sie sie mit, wenn Sie wollen, Elan", ermunterte der Priester seine Wunschkandidatin. „Vielleicht wird sie sogar hilfreich sein."

„Würdest du mich begleiten?"

Vergere nickte. „Habe ich das jemals nicht getan?"

Elans Blick blieb noch einen Moment an Vergere hängen, dann wandte sie sich Harrar zu und nahm den Bo'tous-Käfer aus seiner Hand. Sie schloss ihre langen, bleichen Finger darum und drückte zu. Als sie die Hand wieder öffnete, hatte sie das Ding absorbiert.

„Sehr gut!", hörte sie Nom Anor sagen. „Es wird in Ihre Lungen wandern und dort heranreifen. Sie werden schon merken, wann das Gift die maximale Wirksamkeit erreicht hat. Dann haben Sie vier Atemzüge gegen so viele Jedi, wie Sie in einem geschlossenen Raum versammeln können."

Sie schaute zu Harrar. „Und anschließend, Eminenz?"

Harrar nahm ihre Hand, in der der Käfer verschwunden war. „Sie meinen, was dann aus Ihnen wird?" Er warf Nom Anor einen schnellen, rückversichernden Blick zu, bevor er ihr sagte: „Nom Anor und ich werden alles in unserer Macht Stehende tun, um ständig Ihren Aufenthaltsort zu beobachten, und dennoch kann ich Ihnen nur Erlösung, aber keine Rettung versprechen. Sollten Sie Erfolg haben, könnten Sie leicht mit den Jedi sterben oder später hingerichtet werden."

Elan grinste schwach. „Diese Entscheidung liegt also bei mir."

Harrar tätschelte ihre tätowierte Hand. „In der nächsten Welt dürfen Sie Ihre Belohnung erwarten, Elan. Ich beneide Sie darum, dass Sie kurz davor stehen, dorthin zu gehen."

Sie senkte den Blick und Nom Anor überlegte, ob sie das tat, um ihre Zweifel am letzten Satz des Priesters zu verbergen. Doch als sie ihren Kopf wieder hob, gewahrte Nom Anor in ihren Augen nichts als den Eifer der Entschlossenheit. „Wenn Sie gestatten, würde ich mich mit Vergere gerne etwas zurückziehen."

Harrar winkte einen Akolythen zu sich. „Bringen Sie Elan und Ihre Gefährtin zum vorbereiteten Quartier."

Der junge Mann verneigte sich und Elan und ihre lilane Begleitung gingen mit ihm.

Ein Vierfüßler, so groß wie das Vogelwesen namens Vergere, krabbelte auf das Sperrfeld und vertilgte die Überreste der Trägertiere mithilfe seines Rüssels, den er wie einen Staubsauger benutzte. Nun mussten nur noch die Leichen beseitigt werden, welche die Bo'touskäfer zurückgelassen hatten. Nom Anor und Harrar betrachteten die Aufräumarbeit in distanzierter Ruhe.

„Von der erfolgreichen Durchführung des Plans hängt eine Menge ab", sagte Harrar düster zu Nom Anor.

Nom Anor sah dabei zu, wie die beiden roten, herzförmigen Dovin Basale fortgebracht wurden, um sich von der Feldgenerierung zu erholen. „Das ist mir bewusst, Eminenz Harrar. Durch Präfekt Da'Garas Versagen bei Helska IV hat mein Ansehen erheblich gelitten, das gebe ich zu."

Harrar klopfte ihm auf die Schulter. „Und auch deshalb habe ich volles Vertrauen in Sie, Exekutor."

Nom Anor neigte dankbar den Kopf. „Glauben Sie, Elan wird sich entschließen, mit den Jedi zu sterben, oder hat sie irgendeine Chance, dass die Neue Republik ihr Leben schont?"

Der Priester schaute wieder zu dem Feld, wo jetzt die Leiche des Gotal, des H'kig-Priesters, von einem Krieger grob an den Armen gepackt und vom Feld geschleift wurde. „Ich vermute, sie wird den Tod mit den Jedi wählen."

„Und Sie sind deswegen besorgt?"

Harrar wandte sich dem Exekutor zu. „Sie sollten trotzdem zusehen, dass wir Elan heil wieder zu ihrem Vater zurückbringen, Nom Anor."

„Ihrem Vater?"

„Elans Vater ist niemand geringerer als der Priester Jakan bei Shimrras Hofe. Auch wenn er das Opfer sicherlich ehren wird, so ist Elan doch seine jüngste Tochter und sein liebstes Kind. Also setzen Sie sich bitte mit Kommandant Tla ins Benehmen, dass Elan sofort und unverzüglich unsere Hilfe bekommt, sobald sie sie braucht."

Nom Anor neigte das Haupt zur Seite. „Ich werde mein Bestes tun, Eminenz."

„Ich hoffe für Sie, dass Ihr Bestes ausreichend ist, Nom Anor", sagte Harrar leise. „Denn ich weiß aus sicherer Quelle, dass die letzte Dame, die Ihnen anvertraut war, ein recht grausiges Schicksal ereilte."

Nom Anor zuckte zusammen. „Darf ich fragen, woher Ihr davon wisst, Eminenz?"

„Von demselben, der Sie zu mir geschickt hat."

„Dann stehen Eminenz unserem Kriegsmeister vermutlich recht nahe."

Harrar lächelte überlegen. „Tsavong Lah ist mein Freund von Kindesbeinen an. Wir haben praktisch keine Geheimnisse voreinander und ich werde auch dafür Sorge tragen, dass niemand anderes dem Kriegsmeister vorenthält, was jener wissen muss. Also legen Sie sich ins Zeug, Nom Anor." Harrars Lächeln wurde etwas freundlicher. „Auf dass sich in Ihrer linken Augenhöhle schon bald wieder ein Plaeryn Bol niederlassen kann."


Note der Autorin: Dieses Kapitel enthält viele Begebenheiten und Zitate aus den Romanen „Das Verderben" von Michael Stackpole sowie „Der Untergang" von James Luceno, Bd. 3 und 4. Der Buchreihe „Das Erbe der Jediritter" von 2000.